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Westfälische
Wilhelms-Universität |
Die Gemma Augustea (Anfang 1. Jh. n. Chr.)
Inv. A 158
Die sog. Gemma Augustea gehört mit dem Grand Camée de France zu den berühmtesten und größten antiken Kameen, die uns überliefert sind. Ihre Bezeichnung als Gemme ist für das heutige Verständnis jedoch irreführend: Bezeichnete man in der Antike jeden Edelstein als Gemme, so verwenden wir diesen Ausdruck heute nur noch für die vertieft gravierten Steine. Stücke mit erhabenem Bildfeld bezeichnen wir als Kameo. Die Gemma Augustea ist aus einem zweilagigen Sardonyx gearbeitet. Die dunklere Schicht bildet den Hintergrund, während aus der bläulich-weißen das Bild geschnitten ist. Die Darstellung besteht aus einem oberen und einem unteren Register. Am linken Rand ist ein Stück weggebrochen oder abgearbeitet.
Die Gemma Augustea befand sich vermutlich im persönlichen Besitz des römischen Kaiserhauses und ist durch Kunstraub (der Eroberung Konstantinopels durch ein Kreuzfahrerheer im Jahre 1204) nach Toulouse gekommen, wo sie 1246 erstmals im Inventar des Kirchenschatzes von Saint Sernin erwähnt wird. Seit 1619 ist sie in Wien bezeugt, wo sie mit einem schmalen Goldrand neu eingefaßt wurde.
Die Identifizierung der dargestellten Figuren ist in der Forschung heftig umstritten. Als wichtigstes Hilfsmittel zur Benennung der abgebildeten Personen galt die Entdeckung, daß drei Figuren (Nr. 1, 3, 5) im oberen Register mit einer Iris dargestellt sind. Bei ihnen, so wurde vermutet, müsse es sich um historische Persönlichkeiten handeln, während alle anderen als Götter oder allegorische Gestalten angesprochen werden können.
Unumstritten seit dem frühen 17. Jh. ist die Benennung der männlichen Figur (Nr. 5), die sich im oberen Bildfeld zusammen mit einer weiblichen Gestalt (Nr. 4) den Thron (bisellium) und als Fußbank Rüstungen und Waffen teilt. Bei ihr handelt es sich eindeutig um Augustus (reg. 27 v. Chr. - 14 n. Chr., s. Führungsblätter Inv. A 20, 252 und 344), der hier im Habitus des Jupiter erscheint. Sowohl Vergleiche mit Porträts des Kaisers, als auch seine herausragende Stellung in der Komposition sprechen für diese Deutung. Er hält in der Linken ein langes Szepter, in der Rechten den Krummstab (lituus), der ihn als Vorzeichendeuter (augur) kenntlich macht. Der Kaiser erscheint also als oberster Feldherr, unter dessen Auspizien die Kriege geführt und gewonnen werden. Zur Rechten des Prinzeps sitzt die Göttin Roma, deren Benennung anhand ihrer militärischen Attribute (Schwert, Lanze, Schild) sowie des attischen Helms gesichert ist. Zwischen beiden befindet sich eine Scheibe mit dem Stern (sidus Iulium), der nach der Ermordung Caesars, des vergöttlichten Adoptivvaters Augustus, sieben Tage lang am Himmel gestanden haben soll. Auch das Geburtsgestirn des Prinzeps, der Steinbock (capricornus) ist angegeben. Zu Füßen des Augustus befindet sich der Adler des Jupiter, der die Gottähnlichkeit des Kaisers noch unterstreicht. Zur Linken des Prinzeps erscheinen drei weitere Personen, die wohl als Gottheiten gedeutet werden dürfen. Die stehende weibliche Gestalt hinter dem Thron (Nr. 6) mit Schleier und Mauerkrone ist vermutlich Oecumene, die Personifikation des bewohnten Erdkreises. Mit ihrer rechten Hand hält sie dem Kaiser die Bürgerkrone (corona civica) über den Kopf, mit der dieser für die Rettung römischer Bürger ausgezeichnet wurde. Der bärtige Mann (Nr. 7), der die rechte Hand an die Thronlehne legt und dessen linke wohl ein Attribut gehalten hat, wird oft als Oceanus, der Herr der Meere, angesprochen. Die sitzende weibliche Gestalt (Nr. 8) mit Füllhorn und den beiden Knaben stellt wohl Tellus, das Frucht bringende Land dar, obgleich das herzförmige Amulett ikonographisch auch eine Deutung auf Italia zulassen würde.
Zentrale Gestalt der linken Hälfte ist die männliche bekränzte Figur (Nr. 1), die von einem Zweigespann steigt, welches von der Siegesgöttin Victoria (Nr. 2) gelenkt wird. Hier handelt es sich, wie ikonographische Vergleiche belegen, um den späteren Kaiser Tiberius (reg. 14-37, s. Führungsblätter Inv. A 229 und 270). Die Angabe des Szepters läßt darauf schließen, daß er hier bereits als Nachfolger des Kaisers herausgestellt ist. Sollte dies zutreffen, so hätte man einen wichtigen terminus post quem zur Datierung des Stückes gewonnen. Denn Tiberius wurde erst zum Thronfolger proklamiert, nachdem der letzte Enkel des Augustus, Gaius Caesar, der den Thron ursprünglich erben sollte, im Jahre 4 gestorben war. Tiberius wurde noch im selben Jahr vom Kaiser adoptiert, um die Nachfolge zu sichern. Gleichzeitig zwang man ihn, Germanicus, den Sohn seines Bruders Drusus Maior, zu adoptieren, obgleich Tiberius einen eigenen Sohn, Drusus Minor, hatte.
Aufgrund dieses historischen Kontextes ist die Deutung des Jünglings (Nr. 3) neben Tiberius, der Ansätze eines Bartes besitzt und mit einem Panzer bekleidet ist, auf Germanicus am wahrscheinlichsten. Eine Deutung dieser Figur als Gaius Caesar, wie sie vor allem die ältere Forschung vertritt, ist sowohl aus historischen, als auch aus ikonographischen Gründen abzulehnen.
Da keine Anzeichen darauf hindeuten, daß Augustus in dieser Darstellung bereits als Verstorbener unter die Götter des römischen Staates erhoben und die Gemma Augustea damit noch zu Lebzeiten des Kaisers entstanden ist, kann man eine Datierung in die Jahre 4-14 vertreten.
Das zentrale Motiv des unteren Registers ist die Errichtung eines Siegesmales (tropaeum), auf dessen oberem Ende Helm, Waffenrock und ein Schild mit der Darstellung eines Skorpions angebracht sind. Vier Personen, zwei in der Tracht höherer Offiziere (Nr. 9, 13) und zwei mit bloßem Schurz bekleidete Jünglinge (Nr. 12, 14), bemühen sich, den schweren Stamm aufzurichten. Auf dem Boden vor ihnen hockt ein Barbarenpaar. Von Kummer und Verzweiflung gezeichnet, hat die weibliche Gestalt (Nr. 10) ihr Gesicht in die Hände gestützt, während ihr Mann (Nr. 11) gefesselt neben ihr sitzt. In der rechten Bildhälfte wird ein weiteres Barbarenpaar (Nr. 17, 18) an den Haaren gezogen herbeigeführt.
Entgegen der älteren Meinung, das untere Bildfeld könnte auf die Siege des Tiberius in Germanien und Illyrien (im heutigen Balkanraum) hinweisen, ging man in der jüngeren Forschung dazu über, die dargestellten Personen als Gottheiten zu interpretieren. So deutete man die beiden in Panzer gekleideten Soldaten (Nr. 9, 13) als die Kriegsgötter Mars und Quirinus und die beiden mit bloßem Schurz bekleideten Jünglinge (Nr. 12, 14) als Castor und Pollux. Ausgehend von der auffälligen Kopfbedeckung des Kriegers (Nr. 16) in der rechten Bildhälfte, kam die Deutung auf Merkur auf. Entsprechend verstand man die weibliche, mit Speeren ausgestattete Kriegerin (Nr. 15) als Diana.
Obwohl sich eine gesicherte Identifizierung der dargestellten Personen schon als nahezu unmöglich erwies und damit auch eine entsprechende Interpretation des Ganzen kaum möglich scheint, gibt es doch eine Reihe von Deutungsvorschlägen.
Auf breitere Akzeptanz stieß dabei die These, es könnte sich bei der Darstellung im oberen Register um den feierlichen Einzug des Tiberius in Rom im Jahre 9 handeln. Denn nachdem dieser zwischen 6-9 die Dalmater und Pannonier niedergerungen hatte, kehrte er in die Hauptstadt zurück, um den Triumph zu feiern, den er sich so erworben hatte. Die Feier mußte allerdings verschoben werden, da er unverzüglich nach Germanien entsandt wurde, wo P. Quinctilius Varus im Teutoburger Wald im Herbst des Jahres 9 eine vernichtende Niederlage erlitten hatte. Tiberius feierte den pannonischen Triumph dann nach seiner Rückkehr im Jahr 12. Eine Deutung der Szene auf diesen Zeitpunkt, wie sie in der Vergangenheit vorgeschlagen wurde, scheitert an der Tatsache, daß Tiberius hier nicht als Triumphator dargestellt ist. Der Wagen, von dem er steigt, wird nicht von einem Viergespann (quadriga) gezogen; zudem fehlen die charakteristischen Insignien eines Triumphators wie das Adlerszepter oder der Lorbeerzweig. Berücksichtigt man, daß eine zufriedenstellende Interpretation des unteren Registers nicht gegeben ist, die Darstellung des oberen Registers allgemeine Aussagefähigkeit besitzt und durch die anwesenden Götter eher zeitlos wirkt, dann stellt sich die Frage, ob der Darstellung tatsächlich eine reale historische Situation zugrunde liegt. Das gemeinsame Auftreten des Augustus, Tiberius und Germanicus im oberen Register läßt die Vermutung zu, daß die Gemma Augustea eher auf eine allgemeine Aussage hinweist, die nicht an einen bestimmten Ort oder Zeitpunkt gebunden ist. Die Darstellung verweist wohl am ehesten auf die Zeit nach der Doppeladoption, die hier propagandistisch aufgewertet wird. Durch die Götter Oecumene, Oceanus und Tellus soll suggeriert werden, daß das Imperium Romanum auch nach dem Tod des Augustus ein Platz des Friedens und des Wohlstands bleiben wird.
(Jürgen Schäfer)
Lit.: H. Kähler, Alberti Rubeni Dissertatio de gemma Augustea (1968); W.-R. Megow, Kameen von Augustus bis Alexander Severus. AMuGS IX (1987) 155 ff. Nr. A 10 Taf 3-6; P. Scherrer, Saeculum Augustum, concordia fratrum. Gedanken zum Programm der Gemma Augustea, ÖJh 58, 1988, 115 ff. - Zeichnung nach Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin, Führungsblatt VIII 900 (M. Schmitz). - Abgußkatalog Inv. A 158, 234 und 259 mit weiterer Lit.
Hans-Joachim Peter