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Westfälische
Wilhelms-Universität |
Porträtkopf des Claudius (41-54 n. Chr.)
Inv. A 55
Tiberius Claudius Nero Germanicus wurde am 1. August 10 v. Chr. als Sohn des Drusus Maior und der Antonia Minor in Lugdunum, dem heutigen Lyon, geboren. Er war ein Neffe des Kaisers Tiberius und Enkel der Augustus-Gattin Livia. Als Kind war er ständig krank und seine Geh- und Sprechstörungen boten noch zu Zeiten seiner Herrschaft Anlaß für häufig vorgetragenen Spott, der nur allzuoft mit dem unbegründeten Vorwurf der Dummheit einherging. Augustus selbst legte in Briefen an Livia die Regeln zur Ausgrenzung des Knaben fest. Nach dem Tod des Augustus im Jahre 14 wurde er zwar in ein Priesterkollegium zum Gedenken des Augustus aufgenommen, durfte auch die äußeren Abzeichen eines Konsuls tragen, im übrigen aber verweigerte ihm Kaiser Tiberius bis zu seinem Tod 37 die obligatorische Ämterlaufbahn. Von seinem Neffen Caligula in den Senatorenstand berufen, wurde er 41 mit Hilfe der kaiserlichen Leibwache, den Prätorianer, dessen Nachfolger als Kaiser gegen den anfänglichen Widerstand des Senats, der die Republik wiederherstellen wollte. Offiziell folgte seine Politik der des Augustus. Im Jahr 42 wurde ihm der Titel eines pater patriae ("Vater des Vaterlandes") verliehen. Zahlreiche Neuerungen in der Innenpolitik, die der staatlichen Effizienz zugute kommen sollten, und die Eroberung mehrerer Anrainerländer des Reiches machten seine Herrschaft erfolgreich. 43 besetzte er Britannien und sicherte dauerhaft die Donaugrenze. Im Jahre 49 vermählte er sich in vierter Ehe mit seiner Nichte Agrippina Minor, die ihn 54 ermorden ließ, um ihrem Sohn aus früherer Ehe, Domitius Ahenobarbus (dem späteren Nero), die Thronfolge zu sichern; denn Claudius hatte den jungen Domitius nach seiner Heirat adoptiert. Claudius war auch ein bedeutender Schriftsteller und Historiograph, dessen Werk aber nur in Fragmenten überliefert ist.
Die meisten Bildnisstatuen des Claudius sind wegen seiner offensichtlichen Benachteiligung in der Familie erst zu seiner Regierungszeit entstanden. Einzelne sind jedoch auch schon seit spätaugusteischer Zeit nachgewiesen.
Der breite Schädel des Kopfes in Braunschweig endet in einem markanten Kinn. Die kräftige Nase, deren Spitze ergänzt wurde, teilt ein großflächiges Gesicht mit deutlichen Stirn- und Wangenfalten, die das Alter des Dargestellten realistisch einschätzen lassen. Charakteristisch ist die Stirnwulst über der Nasenwurzel. Die Wangen sind lebhaft modelliert und kontrastieren in ihrer bewegten Oberfläche mit der präzise und kleinteilig ausgeführten Frisur. Die Hauptsträhne des Stirnhaares bildet über dem Ansatz der linken Braue eine Gabel. Die Locken werden dann zu beiden Seiten gestrichen und biegen in Eckzangenmotiven an den Schläfen um. Diese Frisur begegnet uns auch bei Bildnissen des Caligula und besonders im Porträttypus Kopenhagen 623 des Tiberius (s. Führungsblatt Inv. A 270); eine Feststellung, über deren Bedeutung viel in der Forschung diskutiert wurde.
Unser Kopf findet eine enge Parallele in einem Bildnis in Kopenhagen, dessen Struktur von einer noch größeren Plastizität erfüllt ist. Besonders in der Glyptik (Steinschneidekunst), die vornehmlich privaten Charakter hatte, lassen sich beinahe alle Claudiusporträts mit dieser als Haupttypus bezeichneten Fassung identifizieren, die bis zum Ende seiner Herrschaft 54 benutzt wurde.
Zu Beginn der Herrschaft im Jahre 41 ließ Claudius sich noch in der Tradition seiner Vorgänger jünger darstellen als er wirklich war. Doch schon ein Jahr nach Regierungsantritt, wohl aus Anlaß der Annahme des Pater Patriae-Titels im Jahr 42, sah man sich offensichtlich gezwungen, den jugendlichen Bildnistypus durch eine Porträtkonzeption zu ersetzen, die dem Alter und der damit verbundenen Würde und dem Selbstverständnis des neuen Herrschers besser entgegenkam. Dazu gehört unser Kopf in Braunschweig, der zum sog. Haupttypus zählt.
Unter Claudius, dessen Porträttypen und deren Datierung erst in den letzten Jahren dank numismatischer Forschungen einigermaßen verläßlich, aber immer noch lückenhaft bestimmt werden konnten, gewinnt eine breite Grundströmung der Porträtkunst hin zu wirklichkeitsnahen Bildnissen an Auftrieb, wie sie in Ansätzen seit den Tagen des späten Tiberius zu beobachten war und nun, durch die kaiserlichen Vorgaben bedingt, im Haupttypus des Claudiusporträts, dem unser Gipsabguß angehört, offensichtlich wird.
Zum Ende seiner Regierung hin muß ein dritter Typus kreiert worden sein, der sich aber nicht auf Münzen nachweisen läßt. Es gibt auch nur wenige Bildnisse, die eine auffallend vereinfachte Frisur mit einem Mittelscheitel zeigen. Der Anlaß zur Schaffung dieses Porträtstyps dürfte eher mit der Konzeption des Nero-Prinzenbildnisses nach dessen Adoption im Jahre 50 als mit der vierten Heirat im Jahr zuvor in Verbindung gebracht werden.
Antike Porträts wurden als Propagandawerkzeuge eingesetzt, so auch bei Claudius. Weil er nicht zur iulischen Familie des Prinzipatsbegründers Augustus gehörte und nur eher zufällig an die Macht kam, war er stets darauf bedacht, seine Zugehörigkeit zu dieser Dynastie zu bezeugen. Er vertrat den claudischen Zweig der großen Familie. Dennoch sagten seine Bildnisse durch die Übernahme des von Augustus eingeführten Stirnfrisurenschemas dem antiken Betrachter, daß er ein rechtmäßiger Nachfolger des Augustus sei.
(Andreas Post)
Lit.: K. Fittschen, Katalog der antiken Skulpturen in Schloß Erbach (1977) 55 Nr. 17 Replik 2; H. R. Goette, Kunst der Antike, Bilderhefte des Herzog-Anton-Ulrich- Museums Braunschweig 7, 1985, 15 f. Nr. 21 Abb. 20. 21; ders., AA 1986, 711 ff. hier 724 ff. Nr. 9 Abb. 11 (mit weiterer Lit.); D. Salzmann, AA 1976, 252 ff. hier 263 mit Anm. 63; K. Fittschen - P. Zanker, Katalog der römischen Porträts in den Capitolinischen Museen und den anderen kommunalen Sammlungen der Stadt Rom. I. Kaiser- und Prinzenbildnisse² (1994) 16 f. Nr. 15 f.; H. M. von Kaenel, Münzprägung und Münzbildnis des Claudius, AMuGS 9 (1986); D. Boschung, BJb 187, 1987, 193 ff.; A.-K. Massner, AntK 34, 1991, 116 ff. hier 121 f. Taf. 18, 2; D. Boschung, JRA 6, 1993, 70 f.; A.-K. Massner in: V. M. Strocka (Hrsg.), Die Regierungszeit des Kaisers Claudius. Umbruch oder Episode? Symposium 16.-18. Februar 1991 (1994) 159 ff. hier 128 Anm. 706 Nr. 2. - Abgußkatalog Inv. A 55 mit weiterer Lit.
Hans-Joachim Peter