WWU Mnster

Westfälische Wilhelms-Universität
Münster

Archäologisches Museum
der Universität

Abgußsammlung antiker Skulpturen



Porträtkopf des Marcus Aurelius (161-180 n. Chr.)

Inv. A 34

 Marcus Aurelius (161-180 n. Chr.) Wie seine Vorgänger gehörte Marcus Aelius Aurelius Verus (geb. 26. April 121) zu den sog. Adoptivkaisern. Die römischen Herrscher seit Nerva (reg. 96-98) nahmen zumeist Verwandte an Sohnes statt an, um die Thronfolge zu sichern.

So adoptierte Antoninus Pius im Jahr 138 die Brüder Lucius Verus und Marcus Annius Verus - wie Marcus Aurelius damals noch hieß - auf Wunsch des Kaisers Hadrianus. Schon zwei Jahre später war Marcus Aurelius zum ersten Mal Konsul und es wurden Münzen mit seinem Bildnis geprägt. Nach dem Tod des Antoninus Pius im Jahre 161 erhob Marcus Aurelius den Lucius Verus zum Mitherrscher. Die beiden Regenten verteidigten die östliche Reichsgrenze erfolgreich zunächst gegen die Parther (162-166); im Donaugebiet kam es zum Krieg gegen die Stämme der Markomannen und Quaden (167-180; vgl. ein Relief der Säule des Marcus Aurelius Inv. A 65). 169 starb Lucius Verus während der Rückkehr von der Front, so daß Marcus Aurelius nun Alleinherrscher über das Reich war. Weitere Aufstände zwangen ihn, abermals die Hauptstadt zu verlassen und in Syrien militärisch einzugreifen. Über Kleinasien und Griechenland kehrte er anschließend zurück nach Rom. Seine Gattin Faustina die Jüngere, Tochter des Antoninus Pius, mit der der Kaiser mindestens 13 Kinder hatte, starb auf der Reise. Im Jahr 176 feierte Marcus Aurelius mit seinem Sohn Commodus (geb. 31. August 161; s. Führungsblatt Inv. A 316) den Triumph anläßlich des Sieges über die Germanen und Sarmaten. Dieser wurde bald darauf zum Mitherrscher ernannt. Schließlich starb Marcus Aurelius 180 während eines weiteren Feldzuges gegen die Markomannen in Vindobona, dem heutigen Wien.

Der Kopf in Potsdam ist auf eine antike, aber nicht zugehörige Panzerbüste gesetzt worden, die hier nicht mit abgegossen wurde.

Der Kaiser ist etwa 40-jährig dargestellt. Die Haarmasse ist jeweils in dicken, sich ringelnden Strähnen zusammengefaßt. Das Haupthaar reicht bis zu den Schläfen, wo der Kinnbart aus Korkenzieherlocken ansetzt, so daß das Gesicht wie eingerahmt erscheint. Ein wichtiges Detail für bestimmte Bildnisse des Marcus Aurelius sind die drei Locken, die in die Stirn herabreichen (zwei wellenförmige Strähnen umgeben eine senkrechte); andere Porträtköpfe zeigen diese Eigenart noch wesentlich deutlicher. Zur ursprünglichen Form des Schnurrbartes und der Nase läßt sich anhand dieses Kopfes wenig sagen, weil diese Teile ergänzt sind. Die großen Augäpfel werden unnatürlich tief vom Oberlid bedeckt. Iris und Pupille sind durch Ritzung bzw. Bohrung angegeben, der Blick ist leicht nach links oben gewandt. Die runden Brauenbögen wiederholen den Kontur der Augen, sie wirken in ihrer linearen Gestaltung graphisch. Die Modellierung des Gesichtes ist sehr flach gehalten. Das Bildnis wirkt ohne deutliche Gemütsregung trotz der individuellen Merkmale distanziert. Der vom Betrachter abgewandte Blick verstärkt diesen Eindruck. Alterszüge werden nur verhalten vorgetragen. Im Vergleich mit seinen Jugendbildnissen (Abb. 1) sind die Wangen nicht mehr fleischig gestaltet, sondern wirken erschlafft.

Marcus Aurelius hat mehrere Porträtfassungen von sich in Auftrag gegeben. Man unterscheidet 4 Typen, die dem jeweiligen Alter angeglichen seine gesamte Lebensspanne vom Jüngling bis zum alten Mann umfassen. Alle Porträtfassungen sind auf Münzen belegt, welche als Grundlage zur sicheren Benennung und Datierung der rundplastischen Bildnisse dienen. Der 1. Typus (Abb. 1), der möglicherweise aus dem Anlaß seiner Adoption oder wegen des Regierungsantritts des Antoninus Pius im Jahre 138 geschaffen wurde, zeigt den etwa 16-Jährigen. Schon dieses Bild gibt die weiterhin für Marcus Aurelius typische Physiognomie wieder wie ein ovales Gesicht, fülliges Haar, hochgewölbte Brauen, vorquellende Augen unter tiefhängenden Lidern und volle Lippen.

 Marcus Aurelius, 1.Bildnistyp  Marcus Aurelius, 2.Bildnistyp

Wohl in der Zeit um 144 wurde der 2. Bildnistypus (Abb. 2) geschaffen, wie die Münzen überliefern. Es ist allerdings kein historisches Ereignis bekannt, welches den Anlaß dazu gegeben haben könnte. Die Hochzeit mit Faustina der Jüngeren im Jahr 145 dürfte dafür nicht in Frage kommen. Entsprechend seines zunehmenden Lebensalters ist Marcus Aurelius nun bei unveränderter Frisur mit leichtem Kinn- und Oberlippenbart dargestellt.

Der Kopf in Potsdam zeigt den Herrscher im 3. Typus. Die Entstehungszeit dürfte wohl in das Jahr 161 fallen, als sein Adoptivvater Antoninus Pius starb. Marcus Aurelius wurde Kaiser und regierte anfangs zusammen mit Lucius Verus. Er trägt inzwischen einen Kinnbart, der Schnurrbart ist länger geworden. Das einprägsame Motiv der drei Locken, die in die Stirn herabreichen, kommt nur im 3. Typus vor. Die folgende Bildnisfassung zeigt nämlich neben einem längeren Bart und weiteren Alterskennzeichen demonstrativ aus der Stirn nach oben gekämmte Strähnen. Wahrscheinlich war die Alleinherrschaft ab 169 der Anlaß für die Schöpfung des 4. Bildnistyps. (s. Führungsblatt Inv. A 273).

Das Porträt in Potsdam zeigt typische Merkmale der antoninischen Porträtplastik: Tiefe Bohrlöcher verstärken die Wirkung von Licht und Schatten (vgl. das Privatportät Inv. A 306). Man bevorzugt das Spiel von Hell und Dunkel und den Kontrast zwischen glatter Hautoberfläche und vollem Haar. Das Bildnis wird allgemein um das Jahr 165 datiert. Da der 3. Bildnistypus acht Jahre lang das offizielle Porträt war, können so genaue Datierungsvorschläge nur aus stilistischem Vergleich gewonnen werden.

Die Gesamterscheinung ist die eines ernsten und gesetzten Herrschers. Er zeigt sich nicht dem Betrachter zugewandt, eher scheint er besonnen über sein Amt nachzudenken. Nicht nur sein Porträt, sondern Marcus Aurelius selbst soll diese Tugenden gezeigt haben, wie eine spätantike Quelle berichtet: »Er hielt in jeder Hinsicht das rechte Maß, wenn es galt, das Volk vom Bösen abzuschrecken, zum Guten anzuhalten, reichlich zu belohnen und Gnade vor Recht ergehen zu lassen; so machte er die Schlechten gut, die Guten noch besser; auch trug er mit Gelassenheit die bei etlichen beliebten Sticheleien.« (Historia Augusta, vit. Marci 12).

(Sandra Morhoff)        



Lit.: M. Wegner, Die Herrscherbildnisse in antoninischer Zeit, Herrscherbild II 4 (1939) 33 ff. 166 ff.; K. Fittschen - P. Zanker, Katalog der römischen Porträts in den Capitolinischen Museen und den anderen kommunalen Sammlungen der Stadt Rom. I. Kaiser- und Prinzenbildnisse² (1994) 67 ff. Taf. 70 ff. - Zu diesem Kopf: M. Wegner, Boreas 2, 1979, 161; K. Stemmer (Hrsg.), Kaiser Marc Aurel und seine Zeit. Kat. Berlin (1988) 16. 25. 74. - Abgußkatalog Inv. A 34 mit weiterer Lit.


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Datum: 1998-08-13 ---- 1998-09-07