WWU Mnster

Westfälische Wilhelms-Universität
Münster

Archäologisches Museum
der Universität

Abgußsammlung antiker Skulpturen



Porträtkopf des Vespasianus (69-79 n. Chr.)

Inv. A 22

Vespasianus (69-79 n. Chr.) Titus Flavius Vespasianus wurde am 17. November 9 in Falacrinae bei Reate im Sabinerland als Sohn des Steuereintreibers Flavius Sabinus und seiner Frau Vespasia Polla geboren. Er schlug die militärische Laufbahn ein und war u.a. in Thrakien, Kreta, Kyrene und Germanien stationiert. Seit ca. 39 war er mit Flavia Domitilla verheiratet, die ihm 39 und 51 die Söhne Titus und Domitianus (s. Führungsblatt Inv. A 315) gebar. Ab 41 Legionslegat in Obergermanien, ging er mit seiner Truppe nach Britannien, wo er sich vielfach auszeichnete. Im Jahre 51 war er consul suffectus, d.h. nachgerückter Konsul, zusammen mit dem Kaiser Claudius (s. Führungsblatt Inv. A 55). Als er später die Statthalterschaft der Provinz Africa Proconsularis erhielt, wurde ausdrücklich hervorgehoben, daß er sich in seiner Amtszeit dort nicht, wie es damals üblich war, bereichert hatte. Im Jahre 66 begleitete er den Kaiser Nero (s. Führungsblatt Inv. A 307) auf seiner berühmt-berüchtigten Griechenlandreise, erregte durch sein Desinteresse an den kaiserlichen Musikvorträgen allerdings dessen Zorn. Trotzdem erhielt er von Nero Ende 66 den Oberbefehl im gerade ausgebrochenen Jüdischen Krieg. Vom folgenden Jahr an bekämpfte er erfolgreich die Aufständischen und erreichte im Jahr 68 Jerusalem. Als nach der Ermordung Neros im Juni des Jahres unklar war, wer dessen Nachfolger werden wird - es sollte in diesem einen Jahr insgesamt vier römische Kaiser geben - wartete Vespasianus die unsichere politische Lage zunächst ab. Anfang Juli wurde er von seinen Soldaten in Caesaraea zum Kaiser ausgerufen und begab sich nach Alexandria. Während eine starke Heeresgruppe nach Rom zog, um dort für ihn die Macht zu gewinnen, überließ er seinem Sohn Titus die Belagerung Jerusalems und blieb selbst in Ägypten, wo er die Getreidezufuhr nach Rom kontrollieren konnte. Nach dem Einzug seiner Truppen in Rom wurde Vespasianus am 22. Dezember 69 vom Senat als Kaiser anerkannt. Über Rhodos und Kreta begab er sich in die Hauptstadt, wo er im Oktober 70 schließlich eintraf.

Als Kaiser bemühte er sich besonders, die Wunden des Bürgerkrieges zu heilen und die in Unordnung geratene Staatskasse zu sanieren. Sein Erfindungsreichtum in Steuerfragen wurde in antiken Quellen gerne auf seine Herkunft zurückgeführt. Berühmt war sein Spruch pecunia non olet ("Geld stinkt nicht"), als er Einwände gegen die Besteuerung des in den öffentichen Latrinen anfallenden Urins, welcher zur Ledergerbung verwendet wurde, zurückwies. Neben diesem oft in Sprichworten karikierten Geiz war Vespasianus für seine Bauernschläue und seinen Witz bekannt. Ein wesentlicher Zug seiner Politik war, daß er sich in bewußten Gegensatz zu seinem prunksüchtigen Vorgänger Nero stellte. So wurde der Privatsee des Nero inmitten des legendären Goldenen Hauses (domus aurea) zugeschüttet und an seiner Stelle das flavische Amphitheater, das Kolosseum errichtet. Auch die Privatbäder des Nero ließ er der Öffentlichkeit zugänglich machen und erbaute das Friedensforum (forum pacis) als einen der zentralen Plätze Roms.

Von besonderer Pracht war der Triumphzug, welcher anläßlich der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 gefeiert wurde und auch auf den Reliefs des sog. Titusbogens, der erst von Domitianus fertiggestellt wurde, dargestellt ist; erst im Jahre 73 fiel mit Masada die letzte Festung der aufständischen Juden in römische Hand. Die Provinzen wurden z.T. neugeordnet und die ausgemusterten Veteranen in Kolonien angesiedelt. Senat und Ritterschaft unterzog er einer genauen Untersuchung (recensio), die all jene aus diesen Gremien ausschloß, welche sich in der Vergangenheit als unwürdig erwiesen hatten. Um die Hauptstadt gegen regelmäßige Überschwemmungen besser zu schützen, ließ Vespasianus den Lauf des Tiber regulieren. Gegen Aufstände in Germanien und Britannien kämpften seine Truppen erfolgreich. Am 24. Juni 79 starb Vespasianus im Alter von fast 70 Jahren und wurde von seinem Sohn und Nachfolger Titus unter die römischen Götter erhoben.

Der Kopenhagener Kopf ist, wie der abgerundete Halsabschluß zeigt, zum Einsetzen in eine heute verlorene Statue gearbeitet. Die Oberfläche ist nur wenig bestoßen. Die Nase fehlt und ist modern ergänzt; unter dem rechten Auge und auf der Stirn sieht man einen Riß im Stein. Auf der Halsrückseite sind Teile abgebrochen. Aufgrund der deutlichen angespannten Halsmuskeln ist zu erkennen, daß der Kopf ursprünglich zu seiner Rechten gewendet war.

Wir sehen hier das faltenreiche und zerfurchte Gesicht eines alten Mannes, ganz seinem wirklichen Lebensalter entsprechend, mit fast kahlem Kopf; nur an den Seiten ist in flachen sichelförmigen Locken der Haarbewuchs wiedergegeben. Das übrige Haupthaar erscheint nur als eine flache, gepickte Haarkappe. Der Grund für diese offensichtliche Vernachläßigung ist in einem weiteren Ausstattungsdetail begründet: Am Kopf finden sich heute noch zwei Löcher, in die früher Bronzestifte eingesetzt waren, welche einen metallenen Kopfschmuck, z.B. einen Lorbeerkranz, trugen. Dieser verdeckte ursprünglich weite Teile der Schädelkalotte, so daß der Bildhauer sich die Ausarbeitung dort sparte. Nur dort, wo der Blick des Betrachters auf weitere Haarpartien fiel, sind einzelne Strähnen im Detail angegeben. Besonders lebendig sind der verkniffene, zahnlose Mund, die zerknitterten Wangen und die zerfurchte Stirn gestaltet. Auch auf die Gestaltung der kontrahierten Augenbrauen wurde sehr viel Wert gelegt, wie die zahlreichen Faltenzüge und Hautwölbungen zeigen. Dieser Gesamteindruck wird durch den kräftigen Stiernacken, das breite Kinn und die bullige Kopfform noch gesteigert.

Diese markanten Alterskennzeichen sind allerdings nicht nur als ein Indiz für eine besonders wirklichkeitsgetreue Darstellung des Vespasianus zu sehen. Gerade die vielen Falten, die zusammengezogene Stirn und Augenbrauen sind zugleich auch chiffrehafte Bildelemente, welche die Altersweisheit und väterliche Strenge des Kaisers versinnbildlichen, und die Vorzüge einer langen Lebenserfahrung mit einer realistischen Porträtauffassung verbinden.

Zum Aussehen des Vespasianus schreibt Sueton (Vesp. 20) in seiner Lebensgeschichte: »Vespasianus besaß eine mittelgroße Figur, feste, kräftige Glieder und hatte im Gesicht einen Zug, als wenn er sich beständig anstrenge.«

Unser Kopf aus Kopenhagen ist ein charakteristischer Vertreter des sogenannten Haupttypus, der auch von den Bildnismünzen des Vespasianus bekannt ist. Daneben existiert noch eine zweite, weniger zahlreiche Bildnisfassung in der Rundplastik, für die es allerdings keine eindeutigen numismatischen Belege gibt. Der Letztere zeigt Vespasianus mit deutlich jüngeren, gestrafften Gesichtszügen und schmalerem Kopf. Der Gegensatz zu den Bildnissen des Haupttypus ist hier offensichtlich; entweder entstanden diese Porträts nach dem Vorbild einer Ehrenstatue, die Vespasianus in jüngeren Jahren für seine militärischen und verwaltungstechnischen Erfolge vor 69 aufgestellt wurde, oder man wollte auch eine verjüngte und beschönigte Version des Haupttypus herstellen, da die schonungslose Alterskennzeichnung der meisten Vespasianusbildnisse nicht unbedingt dem Bedürfnis und Schönheitsempfinden vieler Bürger entsprach und oft als unzeitgemäß empfunden wurde.

Beide Porträttypen haben aber gleichzeitig nebeneinander bestanden, eine zeitliche Unterteilung ist hier nicht möglich. Auch unterscheiden sich die einzelnen Köpfe des Haupttypus in Einzelheiten der Haarwiedergabe und Details der Physiognomie, gemeinsam ist ihnen aber die schon fast karikaturhafte Betonung der Alterskennzeichen.

Der Haupttypus und mit ihm der Kopenhagener Kopf stehen somit in direktem Gegensatz zum Stil der Porträts, welche der Vorgänger des Vespasianus, Nero (reg. 54-68, s. Führungsblatt Inv. A 307) von sich hat herstellen lassen. In bewußter Abkehr von dessen artifiziellen, mit aufwendigen Frisuren ausgestalteten und an den pathetischen Darstellungsweisen hellenistischer Herrscher orientierten Bildnissen, greift Vespasianus für seine Porträts auf ältere, republikanische Traditionen zurück. Er erscheint damit als ein konservativer Hüter altehrwürdiger römischer Ideale wie der severitas et gravitas ("Strenge und ernsthaftiger Würde") und verleiht auf diesem Wege seiner dem barocken und selbstsüchtigen Verhalten Neros abgewandten Regierungsphilosophie bildlichen Ausdruck. Daß er damit nicht unbedingt den Geschmack aller seiner Zeitgenossen traf, zeigen auch die wenigen, verjüngten Bildnisse des Nebentypus.

(Karsten Dahmen)        



Lit.: M. Wegner, Die Flavier, Herrscherbild II 1 (1966) 9 ff.; M. Bergmann - P. Zanker, JdI 96, 1981, 332 ff.; K. Fittschen - P. Zanker, Katalog der römischen Porträts in den Capitolinischen Museen und den anderen kommunalen Sammlungen der Stadt Rom. I. Kaiser- und Prinzenbildnisse² (1994) 33 ff. Nr. 27. 37; F. Johansen, Catalogue Roman Portraits Ny Carlsberg Glyptotek II (1995) 28 f. Nr. 3 mit Abb. - Abgußkatalog Inv. A 22 mit weiterer Lit.


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