Dominic Büker

Ästhetische Demontagen. Georg Büchner und das literarische Feld im Zeichen kulturpoetischer Schreibverfahren

Dominic Büker

Das Dissertationsprojekt setzt sich das Ziel, zwei in der Literaturwissenschaft als unvereinbar geltende Konzepte – »Kultur als Text« und »Kultur als (soziale) Praxis« – zu vereinen, um dem Verlust des Sozialen in den zeitgenössischen Literatur- und Kulturwissenschaften entschieden entgegenzutreten. Eine Synthese zwischen Pierre Bourdieus kultursoziologischem Entwurf des literarischen Feldes und Moritz Baßlers kulturpoetologischem Modell scheint mir nicht nur sinnvoll und lohnenswert, sondern vor allem literaturwissenschaftlich kompatibel zu sein: Die empirisch belegte Homologie zwischen dem Raum der Werke (Text) und dem Raum der Produzenten (Feld) erlaubt es, den Gegensatz zwischen einer externen und internen Literaturanalyse zu überwinden, ohne die Ebene des Textualität verlassen zu müssen. Das Soziale ins Zentrum der literarischen Produktion zu rücken und die Ästhetik eines Autors als sozialen Akt zu verstehen, bedeutet dabei vor allem, die von der Kulturpoetik fokussierten Diskurse (Paradigmen), die den Einzeltext und das Archiv als Summe aller Texte einer Kultur verbinden und ihn überhaupt erst in seiner kulturhistorischen Einzigartigkeit und Kontingenz lesbar machen, auf die sozialen Bedingungen ihrer Produktion zurückzuführen. Angesichts der sozialen Logik literarischen Produktion, die den Text als Produkt eines sozial geregelten Feldes ausweist, möchte die Dissertation der These nachgehen, dass kulturpoetische Textverfahren eines der wirksamsten Mittel darstellen, die Distinktion von konkurrierenden Akteuren und Positionierungen zu forcieren und an literarischem Profil zu gewinnen. In diesem Sinne gilt es, die mithilfe des Archivs rekonstruierten Diskurse (das reziproke Verhältnis von Paradigma, der Achse der Kultur, zum Syntagma, dem je fokussierten Einzeltext) innerhalb der Struktur und Logik des literarischen Feldes zu situieren und als spezifischen Einsatz in den feldinternen Auseinandersetzungen zu untersuchen. Da es sich dabei in der Regel um Diskurse handelt, die sich aus benachbarten Feldern herschreiben, sind nicht zuletzt die Beziehungen des literarischen Feldes zu den anderen Feldern der kultureller Produktion zu berücksichtigen. Besonders interessant erscheinen in diesem Zusammenhang Autoren, die sich zugleich in mehreren Feldern bewegen und in der Lage sind, einen Kapitaltransfer zu vollziehen, der sich in der Übernahme von Spezialdiskuren in das literarische Feld manifestiert.
Die Dissertation schließt sich dabei dem Diktum Bourdieus an, dass »die Theorie wie die Luft, die man atmet, überall und nirgends« sein sollte und die »entscheidenden theoretischen Fragen in eine minutiös durchgeführte empirische Studie einzubringen« sind (Bourdieu). In diesem Sinne möchte ich meinen Ansatz in der Praxis entwickeln und habe mich gleich aus mehreren Gründen entschieden, Georg Büchners Werk ins Zentrum meiner theoretischen Bemühungen zu stellen: Erstens existiert bislang noch keine Studie, die sich Büchners Werk im Sinne der Kulturpoetik bzw. Feldtheorie widmet. Zweitens widersetzt sich Büchner der Trennung von Literatur und Gesellschaft zu einer Zeit, als das literarische Feld im Zuge der Genieästhetik, des ›klassischen‹ Konzepts einer Kunstautonomie und der romantischen Poetik bereits seine (relative) Autonomie behauptet hatte. Die Untersuchung des literarischen Feldes am ›Ende der Kunstperiode‹ scheint mir vor diesem Hintergrund besonders interessant zu sein. Drittens stellt die Büchner-Forschung bereits einen großen Korpus von Texten zur Verfügung, die ihr bislang allerdings nur als Quellen zu seinem Werk dienten und im Rahmen einer kulturpoetischen Analyse neu zu überdenken sind. Viertens ist Büchners Werk relativ schmal und im Rahmen meiner Dissertation durchaus zu bewältigen: vor allem seine kurze Schaffensphase erleichtert die Rekonstruktion seiner Position im literarischen Feld zwischen 1834 und 1837.
Büchners Werk soll als distinkter Einsatz im Feld interpretiert werden, um die Bedeutung der spezifischen Logik des literarischen Feldes im Rahmen seiner Textproduktion offenzulegen. Dabei scheinen ihn sein Habitus als Mediziner und vor allem der Kapitaltransfer, der aus seiner Zugehörigkeit zum wissenschaftlich-medizinischen Feld resultiert, geradezu prädestiniert zu haben, eine Position im Feld einzunehmen, die ihn von konkurrierenden Positionen und ästhetischen Modellen seiner Zeitgenossen unterscheidet. Büchners Werk soll als Produkt eines historisch einzigartigen Feldes analysiert werden, d.h. als Resultat einer Auseinandersetzung mit dem »Raum der Möglichkeiten« (Bourdieu), der Büchner vor das Problem stellte, eine Ästhetik zu entwickeln, die ihren distinktiven Wert von ihrer negativen Beziehung zu den ästhetischen Verfahrensweisen des Klassizismus, der Romantik und des Vormärz erhält. Die beiden zentralen Fragen lauten: Welche symbolischen Strategien hat Büchner als Resultat seiner Auseinandersetzung mit dem literarischen Feld entwickelt? Wie lässt sich seine ästhetische Programmatik vor dem Hintergrund der Kämpfe um literarische Legitimität bestimmen? Da Büchners Werk den Gegensatz von Literatur und Gesellschaft unterläuft und seine literarische Strategie von feldexternen Faktoren (u.a. von der politischen Situation des ›Vormärz‹) geprägt ist, bietet sich eine Vorgehensweise an, die nicht nur das literarischen Feld und die (mentalen) Dispositionen Büchners, sondern zugleich die damit korrelierenden gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten berücksichtigt.
Gleichzeitig partizipiert Büchner wie kaum ein anderer Dichter seiner Zeit an den zeitgenössischen Diskursen, d.h. an der »Zirkulation sozialer Energie«, die sich im Archiv als »Netz von intertextuellen Äquivalenzen und als quantifizierende Topik intratextueller Kontiguitäten nieder[schlägt].« (Baßler) Ich möchte in diesem Zusammenhang zeigen, dass sich Büchner in spezifischer Weise des kulturellen Materials bedient, um sich den prägenden Diskursen seiner Zeit einzuschreiben. Dabei versuche ich (erstmals) nachzuweisen – und das zeichnet die Originalität meines Ansatzes aus –, dass die zahlreichen Diskurse (Paradigmen), die sich in seinem Werk manifestieren, an die Struktur des literarischen Feldes und an die möglichen Strategien gebunden sind, die Büchner ›objektiv‹ zur Verfügung standen, um eine ästhetische Programmatik zu entwerfen, die ihm eine Position im Feld sichert und die Legitimität seiner literarischen Konkurrenz unterwandert.
Die Dissertation gliedert sich demnach grob in drei Teile:
Teil 1: Genese und Struktur des literarischen Feldes in Deutschland
Teil 2: Georg Büchner und das literarische Feld der 1830er Jahre
Teil 3: Distinktion im Zeichen kulturpoetischer Textverfahren

Fach: Germanistik
BetreuerInnen: Prof. Dr. Moritz Baßler, Prof. Dr. Hans Lösener (Heidelberg)

Lebenslauf

04/2012 Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung
04/2012 Doktorand des Promotionskollegs Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft (Graduate School Practices of Literature)
2011 - 2012 Promotion bei Prof. Dr. Moritz Baßler
2005 - 2010 Studium der Germanistik, Philosophie und N. u. N. Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
2004/5 Pflege- und Betreuungsdienst im Altenheim Haus Maria Geseke
2004 Abitur
1985

geboren

Vorträge

01/2013 "Erzählen in Serie(n). Zur narrativen Komplexität und Archivierung populärer Erzählverfahren in How I Met Your Mother." 5. Jahrestagung der AG Populärkultur und Medien der Gesellschaft für Medienwissenschaft GfM in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin

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