Zum Profil der Graduate School
Vor dem Hintergrund
tiefgreifender gesellschaftlicher und wissenschaftspolitischer
Veränderungen ist am Beginn des 21. Jahrhunderts eine Neubestimmung des
disziplinären Selbstverständnisses der Literaturwissenschaft
erforderlich. Bildung und Wissenschaft werden daran gemessen, auf
welche Weise sie zu einem besseren Verständnis der sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Probleme einer von Globalisierung,
Migration, Technisierung und Internationalisierung bestimmten Welt
beitragen. Daher müssen sich auch die traditionell für den Bereich des
Künstlerisch-Ästhetischen zuständigen Wissenschaften fragen lassen,
welches ihr gesellschaftlicher Auftrag in der Gegenwart ist und welche
Rolle sie in der künftigen Wissenschaftslandschaft spielen werden.
Nachdem
in den politisierten 1960er Jahren verstärkt die gesellschaftliche
'Relevanz' von Literatur und Literaturwissenschaft eingefordert wurde,
kam es in der Folgezeit zu einer diversifizierten Theorie- und
Methodendebatte, die gesellschaftliche Bezugnahmen eher in den
Hintergrund treten ließ. Namentlich im Zuge des medial und des cultural
turn hat jedoch die Literaturwissenschaft ihren Gegenstandsbereich
maßgeblich erweitert. Indem Texte jeglicher Art, Filme, Bilder und
kulturelle Phänomene wie Geschlechterrollen, Mode, Sport u.a. in den
Fokus der Literaturwissenschaft gerieten, hat der spezifisch
literaturwissenschaftliche Blick Einsichten von disziplinübergreifender
Bedeutung vermittelt. Allerdings setzte sich die Literaturwissenschaft
auch dem Vorwurf aus, im allgemeinen kulturwissenschaftlichen Feld
unkenntlich zu werden. Die Graduiertenschule
fördert auf der Grundlage der produktiven disziplinären Entwicklungen
der zurückliegenden Jahrzehnte und im Blick auf die genannten aktuellen
politischen Problemstellungen die kritische Auseinandersetzung mit der
politisch-gesellschaftlichen Dimension literaturwissenschaftlicher
Forschung.
Der neue gesellschaftliche Ort der
Literaturwissenschaft kann indessen nur in enger Rückkopplung an die
Erforschung der sich historisch wandelnden sozialen Dimensionen der
Literatur diskutiert werden. Practices of Literature bedeutet dabei
zweierlei: zum einen Verfahrensweisen des Literarischen, die mit der
sprachlichen Medialität der Literatur und ihrem spezifischen
Konstruktionscharakter verbunden sind, zum anderen aber auch konkrete
gesellschaftliche Praxisformen des Literarischen (Literatur als
Interventionsmedium, als kulturelles Medium der Modellierung von
Geschlecht, soziales Dialogforum, politische Gegenöffentlichkeit u.a.).
Für eine kritische Reflexion der Wirklichkeit, die nicht länger von
einem Gegensatz von Fakt und Fiktion, vielmehr von der Sprachlichkeit
des Realen ausgeht, erhält die Literatur in der Gegenwart zweifellos
neue Brisanz: Aufgrund der ihr eigenen Fiktionalisierungs- und
Virtualisierungskapazität ist sie in der Lage, einerseits
soziokulturelle Konstruktions- und Inszenierungsprozesse transparent zu
machen, andererseits aber auch selbst Wirklichkeitsmodelle zu erzeugen.
Die
in der Graduiertenschule Promovierenden sollen befähigt werden, sich
wissenschaftstheoretisch fundiert mit ihrem Fach auseinanderzusetzen.
Dazu gehört nicht zuletzt auch interdisziplinäre Dialogfähigkeit.
Gleichzeitig werden sie angehalten, sich bereits während ihrer
Doktorarbeit systematisch Gedanken über gegenwärtige und künftige
gesellschaftliche Anwendungsfelder literaturwissenschaftlichen Wissens
zu machen. Ein besonderes Anliegen des Ausbildungsprogramms ist es
daher, mit der Öffentlichkeit in einen Dialog über die
gesellschaftliche Bedeutung von Literatur und Literaturwissenschaft zu
treten und die Ergebnisse literaturwissenschaftlicher Forschung
öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren.

