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Leichte Sprache als gesellschaftliche Herausforderung

Öffentlicher Gastvortrag an der Universität Münster am 16. Januar / Linguistischer Nachwuchskongress [linkon] mit Kurzvorträgen Studierender
Plakat [linkon]
Plakat des dritten [linkon]-Nachwuchskongresses
© [linkon]

Prof. Dr. Christiane Maaß, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Hildesheim, hält am Dienstag, 16.Januar 2018 an der Universität Münster (WWU) einen Gastvortrag zum Thema Leichte Sprache. Christiane Maaß ist führend auf diesem Gebiet und stellt als externe Expertin im Rahmen des Studierendenkongresses [linkon] das Konzept der Leichten Sprache und die damit verbundenen Debatten vor.  Der Vortrag mit dem Titel "Leichte Sprache als gesellschaftliche Herausforderung" beginnt um 16 Uhr im Festsaal der WWU Münster (Schlossplatz 5). Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenlos. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Fachliche und juristisch-administrative Texte können bereits für durchschnittliche Leserinnen und Leser eine Herausforderung darstellen, für kommunikationseingeschränkte Personen bilden sie eine teilweise unüberwindbare Hürde. Das Konzept der Leichten Sprache sorgt seit einigen Jahren im öffentlichen Diskurs für Aufsehen. Während es einerseits in einer inklusiven Gesellschaft unabdingbar ist, Barrieren abzubauen und kommunikationseingeschränkten Personen die Teilnahme am öffentlichen Leben zu ermöglichen, fühlen sich andere durch Leichte Sprache provoziert und vertreten die Meinung, sie reduziere Informationen und sei ungenau. Neben diesen Problemfeldern wird Christiane Maaß in ihrem Vortrag ebenfalls auf die Herausforderung des Übersetzens fachlicher Texte in Leichte Sprache sowie auf Desiderate der Forschung eingehen.

Linguistischer Nachwuchskongress [linkon]

Der Gastvortrag findet im Rahmen des Dritten Nachwuchskongresses [linkon], der von Studierenden des Masterstudiengangs Angewandte Sprachwissenschaft organisiert und durchgeführt wird, statt. Ziel der Tagung ist es, den Austausch und die fachliche Diskussion zwischen verschiedenen Studiengängen sowie Studierenden und Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern zu fördern. Vor dem Beitrag der Keynote-Sprecherin Christiane Maaß präsentieren die Studierenden in Kurzvorträgen und daran anschließenden Diskussionsrunden ihre aktuellen Studienprojekte. Von Raumkonzepten über regionale Variation, Wortbildung, Mehrsprachigkeit und Spracherwerb bis hin zu Sprache in den sozialen Medien wird ein breites thematisches Spektrum abgedeckt. [linkon] findet ab 10 Uhr im Festsaal der WWU Münster statt. Am Mittwoch, 17.01.2018 schließt sich von 10 bis 13 Uhr eine Postersession zu den Themen Medien-, Historio- sowie Politolinguistik an. Zu der Veranstaltung, die ebenfalls im Festsaal stattfindet, sind Besucherinnen und Besucher abermals herzlich eingeladen.

Website des dritten Linguistischen Nachwuchskongresses [linkon]

Programm

  • Interview mit Prof. Dr. Christiane Maaß im Rahmen der linkon 2018: Forschungsgebiet "Leichte Sprache"

    Spätestens seit den Bundestagswahlen 2017 sind sehr viele Menschen in Deutschland mit Leichter Sprache in Kontakt gekommen. Die SPD verschickte beispielsweise im Zuge des Wahlkampfs im Sommer ihr in Leichter Sprache verfasstes Programm an Privathaushalte. Bei vielen Wählern und Wählerinnen löste das Empörung aus. Auch in der Presse schlug sich diese kritische Einstellung gegenüber dem eigentlich dem Barriereabbau verschriebenen Konzept der Leichten Sprache nieder. "Doch das hehre Ziel, Nachrichten verständlich zu machen, hat auch immer mit dem Verdacht zu kämpfen, diese zu infantilisieren und Leser für dumm zu verkaufen", schrieb Adrian Lobe von der FAZ.

    Auch im Rahmen der Inklusionsdebatte spielt Leichte Sprache eine tragende Rolle und sorgt im öffentlichen Diskurs seit Jahren für Aufsehen. Prof. Dr. Christiane Maaß, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Hildesheim, ist führend auf dem Forschungsgebiet Leichte Sprache. Im Rahmen des linguistischen Nachwuchskongresses linkon am 16. Januar in Münster referiert sie zum Thema "Leichte Sprache als gesellschaftliche Herausforderung". Im Austausch mit ihr möchten die Studierenden der Angewandten Sprachwissenschaft an der WWU Münster einige grundlegende Fragen zu ihrem Forschungsgebiet beantworten.

    Frau Maaß, was ist Leichte Sprache und wieso benötigt man sie?

    Leichte Sprache ist eine verständlichkeitsoptimierte Variante des Deutschen. Texte in Leichter Sprache machen für Personen mit einer Kommunikationseinschränkung Inhalte zugänglich und ermöglichen ihnen auf diese Weise, am öffentlichen Leben teilzuhaben und ihre Angelegenheiten selbständig zu regeln.

    Wie sind Sie zur Leichten Sprache gekommen?

    Ich bin geschäftsführende Direktorin des Instituts für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation. Wir sind von je her mit Übersetzungsprozessen beschäftigt und bilden Fachübersetzer und Medienübersetzer aus. Dabei haben wir festgestellt, dass sich die Berufsfelder verändert haben: Viele unserer Absolventen und Absolventinnen sind im "intralingualen" Bereich tätig, bleiben also innerhalb einer Sprache. Intralinguale Übersetzung ist deshalb seit 2011 Teil unserer Studiengänge und zum Bereich Barrierefreie Kommunikation gehört auch das Übersetzen in Leichte Sprache. Hier haben meine Mitarbeiterinnen und ich die Forschung entscheidend vorangetrieben. Aufbauend darauf konnte im Januar 2014 die Forschungsstelle Leichte Sprache gegründet werden; 2016 erschien der Duden Leichte Sprache, dessen Autorin ich zusammen mit meiner Kollegin Prof. Ursula Bredel bin.

    Warum kann man beim Übersetzen in Leichte Sprache überhaupt von Übersetzen sprechen?

    Der "herkömmliche" oder auch alltagssprachliche Übersetzungsbegriff ist meist auf das Übersetzen zwischen Sprachen begrenzt. Allerdings ist dies nur ein Teil der tatsächlichen Tätigkeiten von ÜbersetzerInnen. Leichte Sprache kommt dann zum Einsatz, wenn der Ausgangstext für die Adressatenschaft unverständlich ist. Die Parallele zum Übersetzen aus der Fremdsprache ist hier deutlich; die übersetzerischen Handlungen sind ebenfalls sehr ähnlich wie beim Übersetzen zwischen Sprachen.

    Wo sehen Sie Probleme, wenn man Schreiben vom Amt in Leichte Sprache übersetzt?

    Schreiben vom Amt sind häufig in der Fachsprache des Rechts verfasst. Sie stellen auch Personen ohne Kommunikationseinschränkung, die keine Juristen oder Juristinnen sind, häufig vor Probleme. Auch die Übersetzenden müssen die Ausgangstexte erst einmal verstehen. Sie müssen dann mit dem Zieltext Verstehen bei den Lesern und Leserinnen ermöglichen. Hier liegt eine große Chance der Leichten Sprache, nicht nur für Personen mit Kommunikationseinschränkungen.

    Warum fühlen sich so viele Leute von Texten in Leichter Sprache provoziert?

    Leichte Sprache zu benötigen stigmatisiert die Adressatenschaft: Sie sind nicht in der Lage, den Text, der als "normal" gesetzt ist, zu verstehen. Ein Stigma führt zu Abwehr: "Sollen die doch erstmal Deutsch lernen"; "sollen die uns doch nicht unsere Bildungssprache zerstören"; "die Texte sind unansehnlich, ich möchte nicht hinschauen" etc. Besonders stark fühlen sich Leute dann provoziert, wenn sie Leichte Sprache als Bedrohung ansehen; wenn sie also annehmen, dass Leichte-Sprache-Texte die Ausgangstexte ersetzen sollen.

    Es ist wichtig sicherzustellen, dass sich das Stigma für die Nutzer und Nutzerinnen der Leichte-Sprache-Texte nicht noch vergrößert. In meinem Vortrag werde ich u.a. darstellen, wie Leichte Sprache zum Stigma wird und wie Stigma-Management betrieben werden kann. Gleich vorab: Der Abwehrreflex ist verständlich, aber man kann etwas dagegen tun. Das sind wir den Menschen schuldig, die ein Recht auf Leichte Sprache haben und diese Texte auch tatsächlich brauchen. Von mehr Verständlichkeit profitiert ein viel größerer Kreis von Personen.

    Prof. Dr. Christiane Maaß