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H.
J. Krysmanski
Die
Transformation der Massenmedien durch die Welt der vernetzten
Computer - und was Wissenschaft damit zu tun hat

Wenn
heute von den 'neuen Medien' geredet wird, ist nichts anderes
gemeint, als daß alle Medien neu geworden sind durch
die Welt der vernetzten Computer. Denn Medien als kulturtechnisches
Unterfutter des gesellschaftlichen Zusammenhangs treten immer
und überall als Medienmix, als mediale Systeme
auf. Insofern sind beispielsweise die Printmedien durch die digitale
Technologie beinahe eher umgewälzt worden als die Massenmedien
Telefon, Radio und Fernsehen, die allerdings im Augenblick auf
dramatische Weise in die Mixmaschine der Informations- und Kommunikationstechnologien
hineingezogen werden.
Dabei
ist die digitale Umgestaltung dieser Massenmedien auf den ersten
Blick nicht einmal sonderlich weit vorangeschritten. Die maßgeblichen
Medienmacher reden zwar viel über Cyberspace und versuchen
einschlägige Macht- und Monopolpolitik zu treiben; sie sind
aber in ihrem tatsächlichen Produktionsverhalten noch weit
hinter den Möglichkeiten zurück. Auch die öffentliche
Wissenschaft, fixiert auf die amerikanischen Verhältnisse,
hat sich im Kampf um Finanzierungstöpfe dem Hype angeschlossen,
arbeitet und produziert aber in einer eigenen Teilwelt der vernetzten
Computer und Supercomputer, ohne in die öffentlichen Netze
der Netze um der Verbreitung wahren Wissens willen nachhaltig
hineinzuwirken.
Zwei
der wichtigsten Akteure einer freien, demokratischen und zuverlässig
informierten Öffentlichkeit - professionelle Medienmacher
und etablierte Wissenschaftler - haben sich also auf die neue
Situation der Medien noch nicht richtig eingelassen, obgleich
ihrer beider Welten durch die Welt der vernetzten Computer längst
vollkommen unterhöhlt sind. Ich will diese Situation im folgenden
vor allem aus der Sicht der Soziologie beleuchten, von der ja
einst allen Ernstes behauptet wurde, sie sei die Schlüsselwissenschaft
der 20. Jahrhunderts. Das medien- bzw. kulturtechnische Analphabetentum
dieser Wissenschaft ist typisch für die meisten sozialwissenschaftlichen
Disziplinen einschließlich der Erziehungswissenschaft. Selbst
ein so bedeutender Politikwissenschaftler wie Benjamin Barber
verstieg sich jüngst zu der Behauptung, "that there is
no convergence yet between computers, television and telephones,
and [that] some argue it will never come." (Barber 1998, 2)
Eines
allerdings gilt inzwischen für fast alle wissenschaftlichen
Praxen: zumindest am institutionellen Arbeitsplatz hat die Netzkultur
sie erfaßt (oder zumindest berührt); und selbstverständlich
wird überall mithilfe von Computern wissenschaftlich
produziert und publiziert. Es ist also an der Zeit, bezüglich
des Computermediums den entscheidenden Weg von der Technikexpertise
zur Kulturkompetenz zu gehen, was letztlich heißt, die Frage
nach dem Verhältnis von wissenschaftlicher und massenmedialer
Öffentlichkeit, nach den Entfaltungsbedingungen einer spätkapitalistischen
- oder sollte man sagen: postmodernen - Weltkultur zu stellen.
Welchen ‘Ansatz’ aber wählt man, um diesen Weg für die
Sozialwissenschaften zu erhellen?
Die
Systemtheorie bietet sich an, denn sie propagiert, vor allem in
Gestalt Luhmanns, in ihren Zettelträumen seit längerem
ein Bild von Gesellschaft, das sich in der virtuellen Kommunikation
der Netze nunmehr zu realisieren scheint. Viele medienwissenschaftliche
Autoren operieren selbst mit der Systemtheorie; doch ist sie,
wie ich noch ausführen werde, eher part of the problem.
Interessant sind auch Versuche, die Welt der vernetzten Computer
als Subkultur- und Randgruppenphänomen zu betrachten; doch
damit bleibt, um es vorwegzunehmen, außer Acht, daß
wir es mit einer industriellen Revolution zu tun haben,
daß Informationstechnologie zuallererst die Produktions-
und Konsumtionssphäre umgewälzt hat, bevor sie als globale
Kulturtechnologie auf uns zurückfiel. Natürlich wäre
es reizvoll, den historisch-materialistischen Ansatz einer erweiterten
Produktivkrafttheorie hervorzuholen - im Kontext einer umfassenden
ökonomischen und kulturellen Theorie des Spätkapitalismus
ist er auch vielversprechend. Doch denke ich, daß die Anschließbarkeit
an den derzeitigen intellektuellen Diskurs am besten erhalten
bleibt, wenn im folgenden bestimmte Fragestellungen der Wissenssoziologie
aufgenommen werden - und insbesondere deren zentrale Frage: was
ist Wahrheit?
Die
Wissenssoziologie, das ist nämlich fast vergessen, hat schon
sehr früh, vor allem etwa durch Karl Mannheims 'Ideologie
und Utopie', auf die Relativierung des Wissens durch die modernen
Massenmedien und die darin beschlossene geistige Gewaltausübung
reagiert. Sie hat Kontexte und Strategien erarbeitet, um auch
unter solchen Bedingungen, welche durch die digitalen Technologien
noch komplizierter geworden sind, die Frage nach 'wahrem' oder
zumindest 'orientierendem' Wissen sinnvoll stellen zu können
- eine Frage, die zwar auch Luhmann umtrieb, die er aber
bewußt suboptimal, in verbissener Abwehr des Historischen
Materialismus, beantwortet hat. Mit Hilfe der Wissenssoziologie
hingegen ist es möglich, die Zone der Virtualität des
Gesellschaftlichen (die früher 'Ideologie und Utopie' hieß)
als eine aus den sozio-ökonomischen Prozessen emergierende
Sphäre zu begreifen, die einer, wie etwa Fredric Jameson
sagt, spätkapitalistischen Logik folgt, welche begreifbar
und schließlich und endlich auch bewußten Handlungen
zugänglich ist.
Bevor
ich mich mit den Vorstellungen und Begriffen von Virtualität,
von Virtualisierung des Sozialen usw. auseinandersetze, möchte
ich deshalb auf eine zentrale Einsicht von Fredric Jameson verweisen.
Die subjekttheoretischen Implikationen des Aufkommens der immensen
Kommunikations- und Computernetze, mit denen das globale System
des gegenwärtigen multinationalen Kapitalismus inzwischen
seine Kontexte steuert, münden, so Jameson, in dem Problem,
daß das heutige Individuum über keine Wahrnehmungs-
und Erkenntnisapparate verfügt, um diese neuen Hyper-Räume
aufnehmen zu können. Dies ist eine historisch nicht unbekannte
Situation, denn Wissens- bzw. Informationsexplosionen hat es immer
wieder gegeben und sie mußten immer wieder in jahrhundertelanger
‘Nacharbeit’ eingeholt werden.
Typisch
für die gegenwärtige Erkenntnissituation ist die Krise
des geometrischen, euklidischen Raumverständnisses und der
bisherigen Raumerfahrung durch das Subjekt, eine Krise, wie sie
sich insbesondere im postmodernen urbanen Raum und natürlich
im Umgang mit den Netzen manifestiert. Die Hauptthese von Jameson
lautet, "daß es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit,
daß es mit diesem Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit
des Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren,
seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung zu strukturieren
und kognitiv seine Position in einer vermeßbaren äußeren
Welt durch Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen." (zit. in
Bühl 1997, 355f.) Der Hyperraum stellt für Jameson eine
unvermeidliche historische und sozio-ökonomische Realität
dar. Der Cyberspace sei "die dritte große neuartige und
weltweite Expansion des Kapitalismus."
‘Gesichertes’
Wissen ist unter diesen neuen Bedingungen nur erreichbar, wenn
die Geistes- und Sozialwissenschaften sich auf ein Zeitalter der
kultur- oder bewußtseinstechnologisch induzierten Abenteuer
und Entdeckungen einlassen. Für diese Bereitschaft und Aktivität
hat Jameson das Programm eines Cognitive Mapping vorgeschlagen:
ein Programm der Kartierung, eine Jahrhundertanstrengung der Topologisierung
und letztlich der ‘zivilisierenden Besiedlung’ jenes Hyperraums,
der ja, trotz seiner Unübersichtlichkeit, ein Produkt der
Geschichte, eine vom Menschen erzeugte Totalität ist. Cognitive
Mapping ist also auch ein wissenssoziologisches Konzept, welches
die evidente Relativierung des Wissens im Hyperraum nicht sich
selbst überläßt, sondern dialektisch als gesellschaftliche
Katastrophe und Fortschritt zugleich denkt. (Bühl 1997, 356)
Einige
typische Zugänge zur virtuellen Welt der vernetzten Computer
Das
globale System der vernetzten Computer, mit ungeheurer ökonomischer
(und militärischer) Macht in die Welt gesetzt, taucht also
nicht wie ein technologischer Schicksalsschlag in unserer Wirklichkeit
auf, sondern als Entwicklungsstufe der dominanten Wirtschaftsweise
bzw. Gesellschaftsformation. Und zu begreifen ist die Computerwelt
nur, wenn klar ist, daß im sozio-ökonomischen Prozeß
der Weg von der Technologie (von den Werkzeugen, den ‘Produktivkräften’)
zur Kultur (zur wissenschaftlichen und ästhetischen Erkenntnis,
zur Mündigkeit im Sinne von literacy) - und zurück
- immer ein Weg ist, der über ‘Medien’ verläuft, in
sich historisch herausbildenden ‘Medienlandschaften’, durch gesellschaftlich
objektivierte Vermittlungsstrukturen zwischen Subjekt und Objekt.
Was
also ist Virtualität? Für die meisten von uns gleicht
sie dem Atlantischen Ozean, wie er den Mannschaften der Santa
Maria, der Pinta und Nina nach drei Wochen auf
See erschienen sein muß: als endlose, unheimliche Ursuppe
zwischen Himmel und Hölle, in welcher unsere braven kleinen
Existenzen sich aufzulösen drohen. Wir können uns an
nichts anderes klammern als an die drei Karavellen (und deren
Potential, einst zu Titanics, Atom-U-Booten, Supertankern
und Kreuzfahrtschiffen zu werden) und an die kruden Karten in
Kolumbus’ Kajüte.
Die
Computer aber sind Karavellen, die sich ihren virtuellen Okeanos
selbst erzeugen. Sie sind keine, wie irrtümlicherweise geglaubt
wird, Maschinen wie alle vorhergehenden, sondern Elemente eines
neuen symbolischen Systems, einer universellen, abstrakten Maschinerie,
die mit Bedeutungen, representations und Zeichen handelt
und ihre welterschließenden Metaphern und Allegorien nicht,
wie Druckmaschine oder Cinemascope-Kamera, lediglich herstellt
(das natürlich auch), sondern selbst von Grund auf aus Zeichen
besteht. (Johnson 1997, 15) Da dieses symbolische System allerdings
seine eigene Technik mitbringt, enthält es langfristig neue
Möglichkeiten der Gestaltung von Gesellschaft durch Wissen
und Wissenschaft.
Der
einzige derzeit praktikable Zugang zu den Ereignissen in
diesem computergenerierten Hyperraum oder Cyberspace (aus
dem heraus längst die meisten ökonomischen und kulturellen
Prozesse geformt und gesteuert werden) sind die ‘Benutzeroberflächen’,
die Interfaces, die uns auf Millionen Monitoren entgegenleuchten.
Warum sollten wir sie nicht Santa Maria, Pinta und
Nina nennen? Unsere Fähigkeit, in den virtuellen Welten
zu navigieren, hängt zunächst davon ab, wie wir optimale,
sogar ‘investigative’ Interfaces entwerfen und organisieren.
Wie einst die Romane von Charles Dickens uns durch die Welt der
ersten industriellen Revolution steuerten, schreibt Steven Johnson,
so ist im Zeitalter der virtuellen Welten die ‘Benutzeroberfläche’
das Medium des Cognitive Mapping. Um zu wissen, was der
Hyperraum uns bringt, müssen die Sozialwissenschaften auch
Aspekte ihrer Theorien als interfaces gestalten - und je
besser das in den nächsten Jahrzehnten gelingt, um so genauer
werden wir erfahren, was an Gesellschaft virtuell geworden ist.
Dies
ist der Schlüssel, mit dem die gegenwärtig operierenden
Sozialwissenschaften sich erst einmal in ein Verhältnis
zu den gegenwärtig operierenden Massenmedien setzen können,
ein Schlüssel, der sich - anders als die absurde Beobachter-Scholastik
Luhmanns und seiner Schüler - auf das kulturtechnische Niveau
des Symbolsystems der Computer einläßt, also Software
nicht nur als Protokollschicht, sondern als eine neue kulturelle
Praxis begreift, um auf dieser Basis gerade nicht von außen
oder oben (aus dem 'Krähennest') die Entwicklung zu beobachten
oder zu bespiegeln, sondern sich als Teil von ihr zu bewegen:
learning by doing eben.
Die
Suchbewegungen und Selbstexperimente bezüglich der Welt der
vernetzten Computer und ihrer massenmedialen Implikationen sind
glücklicherweise vielfältig und zum Teil auch spannend
genug, um dem megalomanen Anspruch bestimmter Theoriekonzepte
erst gar nicht verfallen zu müssen. Ich stelle im folgenden
einige Zugänge zur virtuellen Welt der vernetzten Computer
vor, aus denen sukzessive und in der Summe eine Vorstellung von
der Entwicklung des Zusammenhangs von Wissenschaft, Massenmedien
und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter entstehen wird.
Die Autoren und Publikationen sind nach dem Zufallsprinzip arrangiert;
sie alle aber umkreisen das entscheidende Phänomen 'Virtualität',
dessen wir habhaft werden wollen - und so sind sie insofern typisch.
a)
Typus 'Intellektuelle Cyberpunks'
Also:
die Auseinandersetzung mit der Welt der vernetzten Computer geht
nicht ohne Selbstversuche ab. Zu den wildesten Theoretikern des
Cyberspace gehören Arthur Kroker und Michael A. Weinstein,
in der Montrealer Szene großgeworden, genau wie der Regisseur
David Cronenberg (‘Videodrome’ usw.). In ihrem Buch mit
dem englischen Titel 'Data Trash. The Theory of the Virtual
Class' sind Artikel aus der ersten Hälfte der 90er Jahre
zusammengestellt. Und aus dem Montrealer Cyberpunk-Milieu
stammt auch ihre appetitlichste These, die vom ‘menschlichen Fleisch,
das in der Virtualität verdunstet’. Die beiden entwickeln
dann aber, in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem amerikanischen
Nachbarn, eine von typisch kanadischem Abscheu geprägte ‘Kritik
der politischen Ökonomie virtueller Realität’, in der
durchaus eine umfassende Theorie des Spätkapitalismus steckt
- auch wenn deren Form, wie so oft bei Linksradikalen,
zur Ohnmacht verdammt. Das Buch handelt von den Erzeugern des
'Datenmülls': der 'virtuellen Klasse'. Sie sei die Verkörperung
einer "aufsteigenden Politik des liberalen Faschismus und des
Retrofaschismus" (Kroker / Weinstein 1997, 11). Die Autoren sprechen
von "Möchtegern-Astronauten, die niemals eine Chance bekommen
haben, den Mond zu betreten" (ebenda, 16), von "geschwätzigen
Hype-Propheten des Information-Highways - von Präsident Bill
Clinton (USA) bis Präsident Bill Gates (Microsoft)" (ebenda,
21) und schließlich vom ‘kreativen Zerstörungswerk’
(Schumpeter) des ‘Pan-Kapitalismus’, für den noch verschiedene
andere Bezeichnungen ins Spiel kommen. "Es ist eine der herausragendsten
Ironien, daß es eine primitive Form von Kapitalismus, ein
Retro-Kapitalismus ist, der Virtualität umsetzt. Der visionäre
Cyberkapitalist ist ein hybrides Monster aus Sozialdarwinismus
und techno-populistischem Individualismus." (ebenda, 29) Zwar
würden die neuen Manager-Eliten ihren ‘Willen zur Virtualität’
als eine ‘sanfte Ideologie’ verkaufen, doch entfalteten sie damit
eine Ökonomie, die es in sich hat. "Der Kapitalismus ist
[zum ersten Mal in der Geschichte] auf sich selbst angewiesen
und sieht sich allein mit seinem mörderischen Double konfrontiert:
dem Faschismus. Hier ist Kapitalismus nicht mehr ein Modell der
Produktion und Konsumtion, sondern etwas ganz anderes: Nintendo-Kapitalismus...Im
Zeitalter des Pan-Kapitalismus erhebt sich der Faschismus überall
wieder. Er ist jedoch kein Faschismus mehr in seiner ursprünglichen
europäischen Form [, sondern ein] Bündel von politischen
Symptomen wie etwa die verhaßte eigene Existenz, der Wille
zum Willen, der Wille zur Virtualität und der (todbringende)
Wunschtraum der Ersetzung. Virtueller Faschismus ist eine soziale
Bewegung im Sinne von Talcott Parsons" (ebenda, 91f.) usw. usf.
Kroker und Weinstein sind letztlich Literaten, haben eine literarische
Form entwickelt, sogar Rockmusik komponiert, um die kulturelle
Anti-Stimmung unserer Techno-Epoche einzufangen, in welcher, wie
sie sagen, unsere Körper sich weigern müssen, "als von
der virtuellen Klasse weggeworfenes Fleisch übrigzubleiben".
Und so hoffen sie auf die Subkultur der Computer-Kids, die sich
anschicken, ihre Körper auf eigensinnige Weise für die
Hyper-Text Virtualität einzurichten. Dieser alternative,
subversive "Hyper-Text-Körper ist somit der Vorbote einer
neuen Welt der multimedialen Politik, der fraktalen Ökonomie,
von Anfangspersönlichkeiten und Beziehungen, die (auf kybernetischem
Wege) durch Schnittstellen entstehen. Warum sollte die virtuelle
Klasse [die] digitale Realität monopolisieren?" (ebenda,
33)
Für
unser Verständnis der Massenmedien bedeutet dies, daß
zweifellos auch in ihnen das Verhältnis von Kapital und Arbeit,
von Wertabstraktion und konkreter Körperlichkeit wirksam
ist, daß aber in einer Ökonomie, deren Leitindustrie
die Kulturindustrie geworden ist, unter Verwertungsgesichtspunkten
die auf die Spitze getriebene Abstraktion, die Virtualität,
in eine besonders zerstörerische Beziehung zur 'Arbeitskraft'
und sogar zu den Konsumenten tritt - während sich in dieser
virtuellen Produktionsöffentlichkeit zugleich, unter Emanzipationsgesichtspunkten,
vielfältige Subkulturen mit kulturtechnischen Kompetenzen
herausbilden, die 'subversiv', als Hacker, als Cyberpunks
usw. die hochgradig empfindliche Kultursphäre wieder vom
Kopf auf die Füße stellen können - und dieses
auch, in einem ongoing process, längst hier und da
tun.
b)
Typus 'Seriöse Informatiker'
Peter
Fleissner und eine Gruppe von Mitarbeitern sammeln in ihrem Buch
'Der Mensch lebt nicht vom Bit allein...Information in Technik
und Gesellschaft' Expertenwissen und Informationen über den
Informationsbegriff, über geschichtliche Entwicklungslinien,
Informationsverarbeitung in technischen und 'menschlichen' Systemen
und über gesellschaftliche Aspekte von Informationsstrukturen,
darunter Kapitel zur Technikgeschichte, zur Ökonomie, zum
‘Computer Integrated Manufacturing’, zu den Themen 'Wissenschaft
und Forschung' und ‘Vernetzung’ sowie zur Strategie der Informatik
in der Informationsgesellschaft. Also: viel Interessantes und
vor allem Konkretes zu der trivialen Beobachtung, daß "der
Computer unser Leben verändert und buchstäblich allgegenwärtig
geworden" ist. (Fleissner et al 1997, XI) Zugleich macht man auch
mit diesem Buch die - typische - Erfahrung, daß auf dem
Buchmarkt erhältliche Informationen über Informatik
fast ein Widerspruch in sich sind, weil die Halbwertzeit dieses
Wissens sich kaum in die langwierigen Publikationsprozeduren des
Printmediums fügt und weil praktisch alle Informationen zuvor
schon in den hochreflexiven elektronischen Wissenschaftsnetzen
abrufbar sind - so man zu suchen versteht. Neben den technikgeschichtlichen
Kapiteln ist es vor allem ein Abschnitt über ‘Informationsverarbeitung
in menschlichen Systemen’, der die meisten Anregungen zum Problem
der Virtualität bietet. Schon der Titel allerdings ist vertrackt,
weil es ja eigentlich um die Frage geht, inwieweit menschliches
Denken zum Modell für ‘maschinelle informationsverarbeitende
Systeme’ werden kann bzw. schon geworden ist. Die Schulen der
‘Kognitionswissenschaft’, die dann zuvörderst zu Rate gezogen
werden, hatten sich aber ihrerseits schon, salopp gesprochen,
auf die Computermetapher des Gehirns geeinigt. (ebenda, 115) Menschliches
Denken wird dort also schon technologisch verkürzt begriffen.
So bereitet denn all dieses ‘computational modelling of psychological
theories’ (ebenda, 119) umgekehrt jene verarmte, kulturferne
Architektonik des virtuellen Computerraums vor, auf die wiederum
unsere Kultureliten nur verächtliche Blicke werfen, bevor
sie zurück in die Welt der Bücher flüchten. Zwei
einander bedingende Auswege aus dieser verengten Sichtweise auf
menschliche Informationsverarbeitung mittels Computertechnologie
werden angesprochen: Sprachtheorien wie die von Whorf, welche
die Sprache (auch der Computer) nicht nur als Informationsträger
betrachten, sondern als Möglichkeit, die Wirklichkeit symbolisch
zu sehen (ebenda, 120); und die wissenssoziologische Grundeinsicht,
daß Technologien immer Medien sind: Produkt der menschlichen
Kreativität (und dieser dadurch prinzipiell unterlegen) und
zugleich einzige Möglichkeit, uns zu ‘objektivieren’, uns
auszudrücken. Deshalb sind wir gezwungen, neue Technologien
und schon gar neue Kommunikationstechnologien immer wieder, ‘mit
aller Macht’, gesellschaftlich und kulturell einzuholen. In einem
emanzipativen Kontext gilt es geradezu, Technik durch Kultur zu
kolonialisieren. Hierzu bieten insbesondere die eingestreuten
Hinweise auf Bolter, ‘Writing Space’, und Febvre / Martin,
‘The Coming of the Book’, wichtige Anknüpfungspunkte.
Ein negatives Modell für die gesellschaftliche Kolonialisierung
der Technik stellt die Computer Integrated Warfare dar.
Nicht zuletzt politisch lobenswert (und überhaupt nicht selbstverständlich)
ist es, daß Fleissner et al diesem Thema der faktischen
Verdampfung von Fleisch durch Virtualität ein ganzes Kapitel
widmen.
Die
Massenmedien, das wird in einer solchen Faktensammlung über
die Welt der vernetzten Computer überdeutlich, werden in
dreifacher Weise durch diese technologische Entwicklung transformiert:
zum einen, sozusagen 'rein technisch', verdrängen digitale
Techniken (weil einfacher, schneller, billiger, flexibler usw.)
mit wachsender Geschwindigkeit ihre analogen Vorgänger. Da
sie aber deren 'kulturtechnische' Eigenschaften simulieren
können, hat das in bestimmten Bereichen der Massenmedien,
ob das die 'Neue Zürcher Zeitung', 'arte' oder 'Hollywoodfilme'
sind, bezüglich der Erzählformen und Inhalte zunächst
keine besonders auffälligen Folgen. Zweitens läßt
sich also sogar sagen, daß mithilfe der neuen Techniken
gegen deren kulturelles Transformationspotential angegangen
werden kann (was aber letztlich nur aufschiebende Wirkung hat,
denn diese Produkte werden im virtuellen Milieu immer 'bemühter'
wirken). Drittens schließlich geht es um den Haupttrend;
hier bleibt für die Medientheorie der Golfkrieg von 1991
- Desinformation als System - das Schlüsseldatum: wir werden
uns an die Möglichkeit der völligen Virtualisierung
der massenmedialen Inhalte und Informationen 'gewöhnen' müssen.
Es wird nichts anderes übrig bleiben, als aus dieser
Lage heraus zu erforschen, woher 'das Rettende naht'.
c)
Typus 'Schriftgelehrter''
Eine
erstaunliche Eigenschaft der Welt der vernetzten Computer ist
sicherlich ihre Fähigkeit, zur Bibliothek aller Bibliotheken,
zum Speichermedium des gesamten verschrifteten Wissens werden
zu können. Auf diesen Aspekt hat sich Hartmut Winkler mit
seinem Buch 'Docuverse. Zur Medientheorie der Computer' versteift.
Allerdings serviert er, nicht zufällig, diese Seite der virtuellen
Welt ganz und gar aus deutscher Sicht, aus verquälten Tagungsdiskussionen
mit der ‘Kasseler Schule’ um Kittler, Bolz und Tholen einerseits
und mit dem Ars Electronica Kreis um Weibel und Rötzer
andererseits, aus dem Unbehagen über das Jahr 1989 mit seinem
"teigigen Kanzler und der potentiellen Verewigung/Globalisierung
der Bürgerherrlichkeit" (Winkler 1997, 358) und aus den Erfahrungen
eines ‘IBM-PC-Programmierers alter Prägung’, der es, nach
der (längst überholten) Unterscheidung Umberto Ecos,
mit den bildlosen, abstrakten, protestantischen PCs hält
und nicht mit den bebilderten Schirmen für die katholische
Apple-Gemeinde. (ebenda, 365) Jedenfalls vertritt Winkler die
These, daß die vernetzten Rechner eine globale Infrastruktur,
ein "Universum der maschinenlesbaren Dokumente, Programme und
Projekte" darstellen, das zwar "technisch, gesellschaftlich und
institutionell eigenen Regeln und eigenen medialen Gesetzmäßigkeiten
folgt", aber im wesentlichen eine Welt der Schrift, der Schriften
bleibt, "in keiner Weise sinnlich und in keiner Weise visuell"
- eben ein ‘Docuverse’. (ebenda, 9f.) Diese erstaunliche Verengung
des Blicks führt zu vielen schönen, intelligenten Einzelbeobachtungen.
Doch wenn die Welt der vernetzten Computer tatsächlich nur
für die technische Ermöglichung des Traums von der Bibliothek
aller Bibliotheken gehalten wird, kann die Frage, warum es zu
dieser technologischen Revolution überhaupt gekommen ist,
nicht beantwortet werden. Und in der Tat, Winkler ist verblüfft
darüber, daß "eine so grundsätzliche Innovation,
ein so grundsätzlicher Umbau der Medienlandschaft überhaupt
stattfindet". Er fragt tatsächlich, in aller Unschuld, was
diesen Umbau erzwingt und warum "Millionen von Privatleuten Geld,
Freizeit und Lebensenergie aufwenden, um Zutritt zu dem neuen
Universum zu erhalten". Und statt das Offensichtliche zu antworten,
zwingt er sich zu einer Perspektive und einem methodischen Ansatz
auf der Basis der These, "daß es eigentlich um Wünsche
und nicht um harte Fakten geht". Kurz gesagt, um Microsoft zu
verstehen, müsse man "den Blick umlenken auf die Faszination,
aus der die Entwicklung ihre Kraft bezieht." (ebenda, 12) Andererseits
weiß Winkler durchaus, daß man mit solchen Thesen
zwar im kulturdeutschen Raum bestehen kann, nicht aber in der
großen weiten Welt. So findet sich im Anhang des Buches
folgendes Geständnis: "Auf einer Tagung habe ich den schüchternen
Versuch gemacht, zumindest den Zusammenhang zu benennen, der zwischen
der globalen Arbeitsteilung und dem Kommunikationsbedarf und damit
der Entwicklung der Medien besteht. Dafür aber bin ich entsetzlich
geprügelt worden, weil man der Meinung war, solch marxistische
Restbestände seien inakzeptabel, wo man doch inzwischen wisse,
daß nicht die Ökonomie der Motor aller Dinge sei."
(ebenda, 367) Es gehört sicherlich zu den Gesetzmäßigkeiten
der 'pan-kapitalistischen Ökonomie', daß sie am besten
funktioniert, wenn ihre historischen und allgemeinen Bedingungen
gar nicht thematisiert oder, noch besser, mythisch überhöht
werden. Insofern endet auch diese deutsche Version der Virtualität
als "Strategie im Reich der Wünsche" (ebenda, 331) - ohne
daß allerdings die praktischen Implikationen der Virtualisierung
des Schriftverkehrs ganz vergessen würden.
Bei
den Machern der Massenmedien ist diese Sicht auf die Welt der
vernetzten Computer weit verbreitet. Kaum ein arriviertes Printmedium,
daß nicht damit begonnen hätte, seine Archive und Jahrgänge
zu digitalisieren und auf den Netzen partiell verfügbar zu
machen; kaum ein Redakteur, der nicht im Zuge von Recherchen zahllose
Dokumente vom Netz herunterladen würde. Das 'Docuverse' dehnt
sich also in der Tat ungeheuer aus. Dennoch ist das nur die halbe
Wahrheit, weil selbstverständlich die Welt der Texte nunmehr
auch einem ganz neuen, der digitalen Netztechnik entspringenden
Gesetz unterliegt: dem Gesetz der nomadisierenden, der 'sinnlosen'
Sinnverknüpfungen. Hier werden nicht-intendierte Folgen des
Schriftverkehrs aktiviert, welchen weder die Auswerter in den
Nachrichtendiensten noch die traditionellen literati gewachsen
sind. Außerdem können Übersetzungen und Sprachanalysen
in Windeseile hergestellt werden; die lingua franca des
Englischen breitet sich aus, unter deren alles überwucherndem
Netz sich zugleich ein neuer Typus von Sprachenvielfalt (durch
Übersetzungssoftware an den globalen Prozeß gebunden)
auf lokaler Ebene etabliert usw. Vor allem aber wird die Welt
des verschrifteten Wissens immer stärker in scheinbar lediglich
visuelle, in Wirklichkeit aber strukturelle und prozessuale Muster
eingebunden, welche - z.B. als 'Interface Culture' (s.u.)
- die Entfaltung von gesellschaftlichem Sinn künftig viel
stärker bestimmen werden als die verschrifteten Inhalte unserer
kulturellen Tradition.
d)
Typus 'Feuilletonisten'
Die
mediale Selbstreflexion der gegenwärtig produktiven Intellektuellen-Generationen
läuft auf Hochtouren. Bezugspunkt der Essays des suhrkamp-Bändchens
‘Mediengenerationen’, herausgegeben von Jochen Hörisch, ist
die Sozialisationstheorie vom formativen (und ‘formatierenden’)
Einfluß der medientechnologischen Entwicklung auf diejenigen
Gruppen, die derzeit in den Feuilletons das Sagen haben bzw. um
die ‘Macht’ kämpfen’: die 68er (‘noch rüstig’) und die
89er (‘Bocksgesänge’). Weitgehend autobiographisch wird das
Hinübergleiten des intellektuellen Diskurses aus der Moderne
in die Postmoderne beschrieben, von der kämpferischen Suche
nach Wahrheit (unterstützt vom ‘Wahrheitsfernsehen’ der 60er,
das Stefan Aust mit Spiegel TV einst weiterführen wollte)
zur Absage an die Möglichkeit von Wahrheit (unterstützt
von ‘Reality TV’). Der von keiner Kenntnis der Produktionswirklichkeit
des ‘Medienkomplexes’ getrübte Luhmannsche Topos von der
Mediatisierung der Gesellschaft hält das Bändchen wohl
zusammen: "In der operativ aktuellen Gegenwart [können] die
Welt, wie sie ist, und die Welt, wie sie beobachtet wird, nicht
unterschieden werden." (zit. in Hörisch 1997, 54) Von solchem
Schwebepunkt aus läßt sich die 68er-Bewegung zunächst
einmal trefflich charakterisieren: Uwe C. Steiner spricht von
einer TV-Bewegung, deren Selbstverständnis, endlich die "Autorität
von Eltern, Politikern, Ordinarien und Institutionen" zu demontieren,
eigentlich auf der gesellschaftlichen Wirkung einer neuen Medientechnologie
beruhte. "Via Bildschirm ist auf der Bühne des Sozialen die
Grenze zwischen repräsentativem Vordergrund und privatem
Hintergrund systematisch verwischt worden. Die Informationshierachien
haben sich umgekehrt: die Führungsfiguren von heute müssen
der totalen Überwachung durch die Medien gewärtig sein,
während sie im vorelektronischen Zeitalter den Zugang zu
ihrer Person noch systematisch abschirmen konnten." (ebenda, 30f.)
Hinzu kam wohl auch, daß für diese Generation mit dem
Fernsehen erstmals ‘die weltweite Vernetzung und das entsprechende
Verbreitungstempo’ hergestellt und damit eine neue Raumwahrnehmung,
ein neues Verhältnis von Nähe und Ferne, vorbereitet
wurden. Das alles ist schön und plausibel, illustriert den
Zusammenhang zwischen Technologieentwicklung und kultureller Sozialisation,
führt dann aber auch, sobald die 89er das Sagen über
sich bekommen, mitten in den affirmativen Hype der Gegenwart.
Was hatte Winkler (1997, 365) noch, ganz unakademisch, über
Norbert Bolz gesagt, der unter den Feuilletonisten dieses Bändchens
ganz besonders die Stimme erhebt? "Bolz hat irgendwann kalt berechnet,
daß diese Republik einen Medienfuzzi braucht, der ihr in
genügend gebildeten Worten sagt, was sie hören will,
und es hat funktioniert." Dessen Abrechnung mit der Kritischen
Theorie der Frankfurter Schule wird den Bossen der Deutschen Bank
denn auch wie Honig über die Konten laufen. Die Fernsehredaktionen
selbst seien, sagt Bolz mit Schelsky, "das ideale Biotop
des ‘kritischen Bewußtseins’" geworden: "Gerade die pathetischsten
Kritiker der Massenmedien sind ihre skrupellosesten Nutzer." (Bolz,
in Hörisch 1997, 78f.) Die nicht unsympathischen Macher,
welche einem hierzu einfallen, dürften den Machtanspruch
dieser nächsten Generation - die inhaltlich nichts zu bieten
hat als die Hinkelsteine Niklas Luhmann, Arnold Gehlen und Odo
Marquard - zu Recht nicht gerne hören. Doch führt Bolz
den Befreiungsschlag gegenüber modernistischen Mahnern der
politischen Korrektheit, gegenüber ‘Entrüstungspessimisten‘
(Nietzsche) usw. nicht ungeschickt, hat auch ein Gespür für
den theoretischen Fortschritt im Postmodernismus, bis er selbst
in einen "neuen Pathos des planetarischen Bewußtseins" hineinstolpert:
"One World, Internet, Netzwerk, Ökologie, Neue Ethik, Untergang
des Kommunismus, Globalisierung, Multikulturalität" (ebenda,
78). ‘Pan-Kapitalismus’ nannten bekanntlich Kroker und Weinstein
das. Wie sie erkennt Bolz einen Gegensatz von ‘Fleisch’ und ‘Virtualität’,
doch macht er ihm keine Angst. "Wenn ich recht sehe," schreibt
er, "verfolgen die neuen Mediengenerationen eine Doppelstrategie:
Naturalisierung und Virtualisierung der Wirklichkeit." (ebenda,
87) Im ökologischen Diskurs, argumentiert - ‘retro-faschistischen’
Geistes? - er weiter, "nimmt die Natur genau die Stelle ein, die
im revolutionären Diskurs noch das Proletariat innehatte:
unterdrückt, beleidigt, ausgebeutet". So locker läßt
sich Fleisch verdunsten. Um dann, komplementär dazu, "die
‘Rettung’ der wirklichen Wirklichkeit überhaupt auch nur
denken zu können", müsse man sie, so Bolz, nur noch
"zu einer Wirklichkeitsmöglichkeit unter anderen depotenzieren
- gleichsam zur Real-Life-Option im Menü der virtuellen Realitäten."
(ebenda, 88) Mit anderen Worten, diese Mediengeneration
wird alles mit sich machen lassen.
Diese
Mediengeneration gibt aber in den Massenmedien auch den Ton an,
wenn es um deren reflexive Selbstbestätigung geht. Besonders
komisch mutete das an, als 1996 mit dem Erscheinen der definitiven
Ausgabe von Luhmanns 'Die Realität der Massenmedien' sich
alle möglichen Redaktionen bemüßigt fühlten,
diese hochtheoretische Monomanie zu paraphrasieren und so zu tun,
als hätten Luhmanns ramblings etwas mit der eigenen
Praxis zu tun, allen voran 'Der Spiegel'. Doch der Kaiser hat
keine neuen Kleider. Die Funktion dieses Hype-Mix aber
ist klar: die neuen Kulturtechniken, die neuen Kommunikationsformen,
die neuen Erfahrungen im Hyperraum müssen so interpretiert
werden, daß sich insbesondere bezüglich der Machtverhältnisse
in der Produktionsöffentlichkeit nichts ändert, daß
nicht etwa Netzkompetenz in Kulturkompetenz und schließlich
in Entscheidungskompetenz hinübergleitet, daß nicht
etwa eine Zirkulation und Ablösung der massenmedialen Herrschaftseliten
in Gang kommt. Und in dieser Hinsicht, bei der Vermittlung einer
Weltsicht, in der alles Neue beim Alten bleibt, war Luhmann wirklich
der Meister.
e)
Typus 'Hilflose Empiriker'
Die
‘wirkliche Realität’ der Virtualität mit der empirischen
Ausrüstung der Kommunikations- bzw. Publizistikwissenschaft
fassen zu wollen, ist dagegen das erklärte Ziel von Publikationen
wie den von Irene Neverla (‘Das Netz-Medium’) respektive Lutz
M. Hagen (‘Online-Medien als Quellen politischer Information’)
herausgegebenen Sammelbänden. Die erkenntnistheoretische
Problematik aber bleibt uns erhalten, denn gerade die erfreuliche
Nüchternheit und Seriosität dieser Publikationen hängt
davon ab, daß die meisten Autoren an einer wohlausgestalteten,
professionellen Beobachterposition außerhalb ihres
Gegenstandes, des Netz-Mediums, festhalten - und damit neben ‘Hype’
auch weitgehend ‘Beteiligung an der Entwicklung’ vermeiden. Siegfried
Weischenberg beispielsweise (‘Pull, Push und Medien-Pfusch’) verteidigt
einerseits, völlig zu recht, journalistische Kompetenz und
einen sozialwissenschaftlichen Begriff von Medien "primär
als institutionalisierte soziale Kommunikations- und Handlungskontexte
- mit Zulieferbetrieben, Produktionsapparaten und differenzierten
Berufsrollen" (in Neverla 1998, 52) gegen die voreilige Erhebung
des World Wide Web zum Medium in diesem Sinne. Andererseits scheint
er - entlang Kubiceks fragwürdiger Unterscheidung von Medien
erster Ordnung (‘ohne Hintergrund und Organisation’, wie Telefon
und Telefax) und zweiter Ordnung (im Sinne von Massenmedien) -
das Internet ("trotz Net-Browsern und erheblicher Vergrößerung
des Zugriffs aufs Netz") für wenig mehr als ein ‘Telefon-Netz’
zu halten. Wer aber tagtäglich mit dem Internet/WWW auch
wissenschaftlich zu arbeiten begonnen hat, müßte wissen,
daß hinter dem Browser-Thema nicht nur das Börsengerangel
zwischen Microsoft und Netscape steht (in Neverla 1998, 56), sondern
- wie hinsichtlich ‘channels’, zwischengeschalteten Providern
usw. auch - die Tatsache der massenmedialen Organisation von Zugängen
zu Information und Wissen. Und wo hat es jemals im Telefonnetz
eine derart komplexe und funktionale Vermittlungsstruktur gegeben
wie die Welt der websites, homepages und aller übrigen
Formen von interfaces? So geht es eher um die Frage, wie
diese neue Technologie sich in unsere alltägliche Kreativität
und Kommunikation ‘hineinarbeitet’, eine Frage, die beispielsweise
der Herausgeber des Online-Magazins Feed, Steven Johnson,
mit der detaillierten Beschreibung einer emergierenden Interface
Culture beantwortet hat (s.u.). Das WWW, so gesehen, hat inzwischen
diese Stufe einer ‘Kultur’ auch insofern erreicht, als es nur
noch wächst und wachsen kann, indem es sich auf die übrigen
Massenmedien bezieht und diesen seinerseits Beziehungen
zu sich aufzwingt. Die empirischen Untersuchungen der Nürnberger
Forschungsgruppe um Lutz M. Hagen bestätigen ansatzweise
die Dynamik dieses neuen Elements im massenmedialen Stratum, auch
wenn sie nur eine (nun schon über 2 Jahre alte) ‘Momentaufnahme’
bieten. Der Nutzertyp des ‘introvertierten Technikfans’ wird nach
diesen Befunden immer mehr vom Typus des ‘kommunikativen Innovatoren’,
des ‘Meinungsführers’, ergänzt und verdrängt. Die
(nachwachsenden) Intellektuellen laufen also dem neuen Medium
zu. Im Vordergrund steht, sieht man von der zunehmenden Kommerzialisierung
ab, zwar noch immer die interpersonelle Kommunikation, doch Differenzierung
und Spezialisierung schreiten voran. So war es beispielsweise
schon 1996 selbstverständlich, daß die "aktuellen politischen
Redaktionen in den herkömmlichen Massenmedien unterschiedlicher
Art" sich der Online-Medien in beachtlichem Umfang zu Recherchezwecken
bedienten (in Hagen 1998, 15) - wobei das Konzept der ‘Recherche’
selbst, über die üblichen journalistischen und wissenschaftlichen
Routinen hinaus, angesichts der netztypischen ‘nomadisierenden
Sinnverknüpfungen’ in Bewegung gerät. Auch die Nürnberger
Untersuchungen aber, die ja nach Online-Quellen politischer
Informationen fragten, gingen kaum gesondert auf die im Netz bereits
komplex verknüpften Bestände wissenschaftlichen Wissens
ein. Im politikwissenschaftlichen Überblicksartikel von Theodor
Zipfel (‘Online-Medien und politische Kommunikation im demokratischen
System’) wird mit keinem Wort die Frage angesprochen, inwieweit
Politikwissenschaft selbst auf dem Netz vermittelt ist. (in Hagen
1998, 20ff.) Bei befragten Redakteuren rangierte die Informationsquelle
Hochschulen/Forschungseinrichtungen an vorletzter Stelle. (Winfried
Schulz / Daniela Leidner, in Hagen 1998, 182) Dabei ist die steigende
Repräsentation des wissenschaftlichen Universums, ob in disziplinärer
oder in individueller Gestalt, insgesamt das bemerkenswerteste
Phänomen des Internet. Zwar stehen diesem Angebot, dem breitesten
und qualifiziertesten auf dem Netz, offenbar noch keine Massen
kompetenter Nutzer gegenüber (noch nicht einmal in den jeweiligen
Disziplinen); und die dominanten kommerziellen Diffundeure von
Online-Medien haben (trotz aller Lippenbekenntnisse) an der massenhaften,
kostenfreien Erschließung des wissenschaftlichen Wissens
überhaupt kein Interesse. Doch wäre es gerade deswegen
nicht uninteressant, wenn empirische Netz-Forschungen - was natürlich
mit ‘Eingreifen’ in diesen Medienprozess verbunden wäre -
die Präsenz, Strukturierung und Zugänglichkeit wissenschaftlichen
Wissens auf den Netzen mit vorantreiben würden. Dies könnte
allein schon dadurch geschehen, daß der Forschungsprozess
selbst sich, wo der Gegenstand es nahelegt, wenigstens partiell
auf dem Netz abspielte und auch seinen aktuellen Progreß
elektronisch veröffentlichte - was wiederum mit beträchtlichen
(auch technischen) Innovationen verbunden sein müßte.
Aber: warum sollte sich Virtualität durch Virtualität
nicht noch besser erforschen und erklären lassen?
Empirische
Forschungen über Massenmedien (insbesondere Wirkungsforschung)
sind natürlich ein etablierter und in vieler Hinsicht auch
einflußreicher Forschungszweig. Mit dem Prozeß der
Virtualisierung von gesellschaftlichen Prozessen allerdings, also
mit einem Vorgang, in welchem kulturtechnische Methoden selbst
eine Wirklichkeit erzeugen, die nicht nur 'imaginär' ist,
sondern Teil der ökonomischen Realität, sind diese Methoden
nunmehr auch einzig und allein in der Lage, diese Wirklichkeit
adäquat zu untersuchen. Diese eigenartige neue 'Empirie'
hat sich ungeheuer beschleunigt und verändert auch die 'alte':
Teilnehmerzahlen ('Zugriffe'), Verhaltensmuster, Einstellungen,
Kontakte und Interaktionen lassen sich im Augenblick ihres Vollzugs
'statistisch' festhalten und, mit entsprechender Software, genauso
schnell auswerten und interpretieren. Ja, man kann sagen, daß
eine bestimmte Art 'empirischer' Forschung (oder Selbsterforschung)
unabdingbarer Teil des virtuellen Realitätsprozesses geworden
ist. Und auch hier gilt - außer vielleicht in der unter
diesem Aspekt durchaus realistischen direkten Abhängigkeit
von Einschaltquoten -, daß die Tiefe der Transformation
der Massenmedien durch Virtualisierung noch gar nicht begriffen
ist, die sich auch in der Ablösung der 'alten' Empirie durch
eine vernetzte 'real time'-Empirie ausdrücken wird.
f)
Typus 'Die 486er Generation'
Virtualität
braucht Bandbreiten und Datenraten. Der erstaunlichste Befund
ist, daß in kaum einer der bis jetzt erwähnten Publikationen
die einfachste materielle Voraussetzung für ‘Virtualisierung’
thematisiert wird: das Vorhandensein ausreichender Datenübertragungskapazitäten.
Dabei wäre, aus europäischer Sicht und im Vergleich
zu den USA, von einer schon skandalösen Verhinderung des
Massenmediums Internet durch die europäischen und insbesondere
deutschen Netzbetreiber zu berichten. Fleissner et al (1998, 256ff)
breiten zwar einige Fakten zur physischen Basis der Netze und
auch zur Gefahr ihrer ‘Vergebührung’ aus; Kleinsteuber (in
Neverla 1998, 74f) macht auf den etatistisch-zentralistisch-monopolistischen
Charakter der europäischen Telekommunikationspolitik aufmerksam.
Doch die reale Kostenstruktur, die großen Leistungsunterschiede
zwischen öffentlich geförderten Netzen (etwa dem 'Deutschen
Forschungsnetz') und privaten Netzen (z.B. Banken, Lotto), das
Desinteresse der Kabelbetreiber an einer billigen, interaktiven
Netz-Infrastruktur usw. werden nirgendwo systematisch behandelt
– obgleich das die beste Gelegenheit wäre, aus dem ‘Reich
der Wünsche’ (Winkler) mit einer handfesten Strategie auf
dem Boden der Virtualität zu landen.
Um
es als kulturelle Selbstverständlichkeit zu begreifen, daß
Virtualität zu einem wichtigen ökonomischen Verwertungsraum
geworden ist, daß sich sogar bestimmte Aspekte der Eigentumsfrage
dorthin verlagern, muß man mit der Chipentwicklung der letzten
fünfzehn Jahre, mit den entsprechenden Spielen, Filmen, Romanen
und insbesondere Computerzeitschriften großgeworden sein
- und selber aktiv Angebote auf das Netz gelegt haben. Eigentlich
sind die 68er und 89er Generationen für unsere Fragestellung
deshalb bereits uninteressant geworden. Auf die 486er Generation
ist zu achten - und auf die Pentium-Kohorten, die gerade studieren!
Die 486er wissen aus eigener Erfahrung, daß heute jede
ambitiöse Berufs- und Lebensperspektive an diese neuen Entwicklungen
gebunden ist. Das Buch ‘Die virtuelle Gesellschaft’ von Achim
Bühl ist schon aus solchen biographischen Gründen ein
Silberstreif am Problemhorizont. Bei ihm wird beispielsweise die
Bandbreiten- und Regulierungsfrage - unter der beruhigend traditionellen
Überschrift ‘Macht und Herrschaft in globalen Netzen’ - adäquat
gestellt, auch wenn mechanistische Vorstellungen darüber
mitschwingen, daß sich, wie einst im Überbau, die realgesellschaftlichen
Macht- und Herrschaftsverhältnisse auch im virtuellen Raum
lediglich spiegeln. (Bühl 1997, 209ff.) Wenn dem so wäre,
machte unter emanzipatorischen Gesichtspunkten die Beschäftigung
mit den Netzen keinen Sinn: die abgestandenen Strategien der Moderne
wären alles, was der Gesellschaftskritik bliebe. Erfreulicherweise
bleibt Bühl aber ambivalent und entfaltet beeindruckende
Vorüberlegungen zu einer Theorie der virtuellen Gesellschaft:
beeindruckend, weil sie sich mit unbekümmerter Souveränität
der vielen herumschwirrenden Vernetzungs-Metaphern (Datenautobahn,
globales Dorf, virtuelle Gemeinschaft usw.) und ‘Gesellschaftsbegriffe
im Zeitalter der Globalisierung’ (Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft,
Multioptionsgesellschaft usw.) annehmen und den Mut haben, ein
soziologisches Modell der virtuellen Gesellschaft auf den Schriften
von Stanislaw Lem (insbesondere dessen Summa technologiae)
aufzubauen. Ich finde, daß mit der ‘Phantomatik’ bzw. Phantomologie
Lems so etwas wie das Behaimsche Astrolabium für die
Navigation im Hyperraum vorliegt; und die Schaubilder und Tabellen
von Bühl sind ein (auch für die Lehre) nützliches,
wenngleich ‘krudes’, Kartenwerk. Hinzu kommt eine konzise Darstellung
der technologischen Entwicklung - vom ‘soziologischen Modell’
des modernen Rechners über Multimedia, Vernetzung, Techniken
der Virtual Reality, Neuroinformatik und künstliche
Intelligenz. Und man sollte sich merken, "daß der Rechner
historisch betrachtet zwar eng mit der Moderne verbunden ist,
er aber Potenzen in sich birgt, welche die klassischen Strukturen
der Industriegesellschaft transzendieren." (ebenda, 128) Die letzten
rund 200 Seiten des Buches tauchen ein in Beispiele für realisierte
Anwendungen der ‘virtuellen Gesellschaft’. Was dem Soziologen
hier am meisten auffallen müßte, ist das Ausmaß
der nicht durch kanonische Kategorien und Theoriebestände
(des Faches) abgedeckten Erscheinungsfülle: Militär
und Raumfahrt; Architektur, Maschinenbau, Medizin; Forschung,
Ausbildung und Lehre; Unterhaltungs- und Freizeittechnologien;
Verkehrswesen; Psychotherapie und Verwaltung; Kunst; virtuelle
Unternehmen und Betriebsorganisation; Konsumtion, Distribution,
Finanzwesen; Nationalstaat und Demokratie usw. Natürlich
entgleitet dem Autoren hier oft die theoretische Kontrolle über
das - meist aus dem Expertenstratum (aber auch aus bunteren Ecken)
der Massenmedien herangezogene - Material. Immerhin gibt es hier,
unter der Prämisse, daß eine qualitativ neue Gesellschaftsformation
heraufzieht, welche sich "von den Wesensmerkmalen der modernen
Industriegesellschaft deutlich abgrenzen läßt", viel
Stoff für einen lebendigen soziologischen Diskurs jenseits
der Jahrtausendwende. Das Konzept der ‘virtuellen Gesellschaft’
ist sicherlich noch nicht genügend durchdacht. Die Vorstellung,
daß sich "in allen Bereichen der Gesellschaft ‘Parallelwelten’
herausbilden", daß eine Dialektik von ‘Realwelt’ und ‘Spiegelwelt’,
von ‘Realraum’ und ‘virtuellem Raum’ zu "qualitativ neuen Mechanismen
der Vergesellschaftung in allen gesellschaftlichen Subsystemen"
führt (ebenda, 360), wird erst durch den Rückgriff auf
fundamentale theoretische Problemkonstellationen fruchtbar werden.
Vor allem die ‘Schnittstellen’, die interfaces zwischen
diesen Parallelwelten werden dann wohl interessant - und umkämpft.
Überdies ruft die qualitative Veränderung des historischen
Prozesses, welche sich möglicherweise durch die Verknüpfung
von Utopie und Elektronik ergibt, viele seltsame ideologische
Vögel auf den Plan, z.B. auch das Bundesministerium für
Bildung, Wissenschaft und Technologie: "Der Computer verstärkt
nicht allein mechanische und intellektuelle Kräfte des Menschen,
nun scheinen auch Einbildungskraft, Phantasie und Gefühle
technisch verstärkbar und veränderbar zu sein." (zit.
in Bühl 1997, 360)
In
den Massenmedien hat diese 'Dialektik von Realwelt und Spiegelwelt'
zu neuen Erzählweisen geführt, für die immer wieder
die Ästhetiken von CNN und von MTV angeführt werden.
Auf allgemeinerer Ebene handelt es sich um eine narrative Methode,
in welcher - ob am Rande, ob im Zentrum - immer Elemente von Science
Fiction, von Zukunftsspekulation, auch von Andeutungen von Konspiration
mitschwingen; sozusagen halbwissenschaftliche Gedankenexperimente,
welche, zusammen mit digitalen Tricks, schnellen Schnitten usw.,
für eine ganz eigenartige, den Alltag der Medienkonsumenten
permanent transformierende Aufgeregtheit und Dauerspannung sorgen.
Und diese Erzählweise selbst präformiert die anstehende
Konvergenz und Integration von Fernsehen, Internet und anderen
Daten-, Informations- und Zerstreuungsträgern. In der 'virtuellen
Gesellschaft' wird zunächst überall auf diese Weise
erzählt werden; doch es geht auch auf vielfältige Weise
anders, wie man von Steven Johnson (im nächsten Abschnitt)
lernen kann. Was also außerordentlich interessant ist: auch
unter diesen Bedingungen bleibt die Kunst des Erzählens zentral,
sie wird, durch die technologische Revolution hindurch, zu einer
Zukunftsaufgabe, welche, beispielsweise, auch die Wissenschaften
erfüllen müssen, wenn sie öffentlich bleiben wollen.
g)
Typus 'Culture-Freak'
Abschließend
sei noch auf Steven Johnsons wichtiges Buch mit dem Titel 'Interface
Culture. How New Technology Transforms the Way We Create and Communicate'
hingewiesen. "We should", schreibt G. Fischer,
"strive for ‘interfaceless systems’ in which nothing stands between
users and their tasks (and in which system objects become ‘ready-at-hand’
in a Heideggerian sense). Human-computer interaction should be
concerned with tasks, with shared understandings, with explanations,
justifications, and argumentation about actions, and not just
with interfaces." (Fischer 1993) Das wird nicht gehen: die
Entscheidung gegen Substanzdenken und für den Relations-
und Vermittlungscharakter von Wissen und Information setzt sich
in der Computerwelt unwiderstehlich fort. Oder praktisch formuliert:
nicht nur Wahlkämpfe kommen nicht ohne Verpackungskünstler
aus, nicht nur fortgeschrittene TV-Channels wie CNN oder MTV bieten
inzwischen (schein)interaktive Zugangsflächen; auch die Erschließung
des gesamten, wie auch immer gespeicherten Wissens- und Informationsuniversums
ist eine Frage der ‘Benutzerführung’. Und die Flexibilität
und Effektivität von elektronischen interfaces hat
längst alle anderen Präsentations-, Selektions- und
Suchmethoden (auch wenn sie, wie im Bibliothekswesen, eine jahrhundertelange
Entwicklungszeit hatten) weit hinter sich gelassen bzw. in sich
aufgehoben. Mit Fug und Recht kann man deshalb vom heutigen Stand
der Medienentwicklung rückwärtsblickend mit Johnson
sagen, daß die gesamte mediale Kultur in gewissem Sinne
eine Interface Culture war und ist. Johnson, um die 30
Jahre alt, ist mit der PC-Entwicklung und deren Software aufgewachsen.
Diese Computer-Kids konnten zwei Wege gehen: den des Technik-Freaks,
dem Software Teil des technischen Systems bleibt und der sie,
großgeworden, als Protokollschicht auffaßt und damit
den Hardware- oder Netzprotokollen in ihrer Funktion des Auf-/Abbaus
von Kommunikation gleichsetzt; oder den des Culture-Freaks,
der, technisch genauso versiert, als Erwachsener Softwareentwicklung
als Kulturphänomen erfährt, wie Johnson Semiotik und
Englische Literatur studiert und sich schließlich anschickt,
"this strange new medium of interface design" in einen
größeren historischen Zusammenhang zu stellen.
Jenseits jeglicher ‘Kommunikationseffizienz’ beginnen dann die
graphischen Benutzeroberflächen als ein Medium zu erscheinen,
"as complex and vital as the novel or the cathedral or the
cinema". Nicht nur für Johnson - "We will come to
think of interface design as a kind of art form - perhaps the
art form of the next century." (1997, 213) - repräsentieren
die komplexen Fensterarrangements der Benutzeroberflächen
den endgültigen Abschied von der Zentralperspektive der Moderne
und damit die Möglichkeit der kulturellen Bearbeitung der
Erfahrung nicht-euklidischer Räume. Die Erfahrungen räumlicher
Tiefe und ‘Verschachteltheit’, die beispielsweise das klassische
Computerspiel Myst vermittelte, stehen dann auf gleicher
Stufe wie die psychologischen Tiefen von Marcel Prousts ‘Suche
nach der verlorenen Zeit’. Oder: es ist zu beobachten, daß
interfaces, die ursprünglich nur der individuellen
Benutzerführung dienten, inzwischen virtuelle soziale Welten
aufbauen, nicht nur downtowns und ‘Marktplätze’, sondern
VRML worldscapes und komplexe, mehrdimensionale topologische
Räume. Oder: nachdem der Trend im interface design
zunächst auf Standardisierung ging (Apple, Windows),
ist durch die Softwareentwicklung längst eine fast unbegrenzte
Vielfalt möglich geworden; die simplistischen Simulationen
(etwa eines Arbeitsplatzes oder Büros) werden durch "more
limber, loose fitting metaphors" (ebenda, 232) abgelöst.
Zugleich zeigt sich, daß allein interfaces die Bewältigung
der fragmentierten Welterfahrung erlauben, wie sie uns per Modem
oder Kathoden-Röhre entgegenkommt: "the interface serves
largely as a corrective to the forces unleashed by the
information age." (ebenda, 236f.) Insofern beginnt die Interface
Culture, wie alle Kultur zuvor, eine verwirrende, vielfältige,
‘unendliche’ Wirklichkeit zu repräsentieren und zu interpretieren
- und nimmt, je weiter ‘Virtualisierung’ voranschreitet, allmählich
die Mitte der Bühne ein. "The interface came into the
world under the cloak of efficiency and is now emerging - chrysalis-style
- as a genuine art form." (ebenda, 242) Das Spannende an dieser
Sichtweise ist natürlich noch etwas ganz anderes, was unseren
Computer-Kids, so ganz und gar inmitten dieser Entwicklung
aufgewachsen und von ihr mitgerissen, noch gar nicht auffällt:
wenn eine solche technische Entwicklung, auf die sich heute alle
ökonomische Macht konzentriert, nicht nur die sozialen und
politischen Verhältnisse zu prägen beginnt, sondern
sich schon auf die geheimsten Produktionsstätten epochalen
Selbstverständnisses, auf die Kunst, zubewegt und damit die
Utopie ästhetischer Welterkenntnis, alle Widersprüche
für den Augenblick aufzuheben, für sich beansprucht,
dann ist es höchste Zeit, an die Widersprüche zu erinnern,
welche hier ästhetisch ruhiggestellt werden könnten.
Dann wird es, beispielsweise, sinnvoll, sich mit den wirklichen
Dimensionen einer heraufziehenden Geopolitical Aesthetic
(Jameson) zu beschäftigen.
Was
heißt, um die letzte Bemerkung aufzugreifen, das Konzept
einer geopolitischen Ästhetik für die Massenmedien?
Ganz ohne Zweifel ist die von Johnson beschriebene Interface
Culture die Trägerin und Vermittlerin des Globalisierungsprozesses,
sofern damit die globale Vernetzung von Informations- und Kommunikationsprozessen
gemeint ist. Es kann nicht oder nur zum Teil um die Standardisierung
bzw. Kompatibilität von Softwareprotokollen gehen, viel wichtiger
ist die in symbolische Strukturen und Muster eingebundene - und
damit selbstverständlich auch 'vorinterpretierte' - inhaltliche
Organisation der Kommunikation, sozusagen über alle lokalen
Sprachen und Kulturen hinweg, aber zugleich auf sie bezogen und
durch sie gespeist. Interfaces in diesem Sinne sind etwas
Interessantes und Schönes, dem sich künftige Kulturproduzenten
sicherlich widmen werden. Da der Globalisierungsprozeß aber
zugleich ein geopolitischer Prozeß ist, das heißt,
ein Kampf um Einfluß und Hegemonie seitens der unterschiedlichsten
globalen Akteure, werden auch Interfaces, wie bislang alle
anderen kulturellen Manifestationen, in Zukunft auf ihren ideologischen
und utopischen Gehalt geprüft werden müssen. Dies aber
erfordert skills, wie sie im Augenblick eher auf der Seite
der Culture-Freaks und Cyberpunks anzutreffen sind
- was für erhebliche Unruhe sorgen dürfte...
Wie
wahres Wissen in die Massenmedien kommt
Was
also ist Wahrheit unter den Bedingungen der Virtualisierung? Das
System der vernetzten Computer ist ein Symbolsystem der nomadisierenden
Sinngebungen, es könnte virtuell alles mit allem verknüpfen
- wenn man es ließe. Es dient, mittels 'Interface Culture',
längst der Kontextsteuerung des kapitalistischen Weltsystems;
ihm strömen alle relevanten Daten zu - und werden verschlüsselt.
Es enthält tendenziell die Möglichkeit der Symbolisierung
und des Cognitive Mapping weltgesellschaftlicher Zusammenhänge
in ‘Echtzeit’: die erfüllte Utopie der Enzyklopädisten.
"Today it is the instant speed of electronic information that,
for the first time, permits easy recognition of the patterns and
the formal contours of change and development. The entire world,
past and present, now reveals itself to us like a growing plant
in an enormously accelerated movie. Electric speed is synonymous
with light and with the understanding of causes." (Marshall
McLuhan, zit. in Johnson 1997, 4) Für die Wissens- und Wissenschaftssoziologie
war das alles wie ein Zukunftsschock. Weder die Vertreter des
Theorems der Informationsgesellschaft noch führende Theoretiker
der Wissensgesellschaft, schreibt Bühl, haben rechtzeitig
jenen fundamentalen Paradigmenwechsel in der Computertechnologie
zur Kenntnis genommen, "der die elektronische Rechenmaschine in
eine Allzweckmaschine zur Produktion von Spiegelwelten verwandelt
hat." (Bühl 1997, 67)
Dies
ist also das Problem und die Aufgabe: die Informationsgesellschaft
ist über uns gekommen aufgrund tiefgreifender technologischer
Innovationen. Diese haben die in der traditionellen Struktur des
ideologischen und utopischen Überbaus enthaltenen Tendenzen
zum Relativismus, zur Gleichsetzung von Information und Desinformation,
zur Unkenntlichmachung des wahren Wissens, schließlich zur
Konstruktion und Fabrikation vollkommen künstlicher Welten
zur Realität gemacht. Dieser Prozeß, wenn er als Evolution,
als Differenzierungsprozeß - und nicht etwa als radikaler
Bruch -, zur Kenntnis genommen wird, kann durchaus zu einer scheinbar
abschließenden Feststellung wie der folgenden von Luhmann
führen: "Der Name ‘virtual reality’ begünstigt den Irrtum,
daß es trotzdem noch eine wirkliche Realität gebe,
die mit der natürlichen Ausrüstung des Menschen zu fassen
sei, während es schon längst darum geht, diese natürliche
Ausrüstung als nur einen Fall unter vielen möglichen
zu erweisen." (zit. in Paetau 1998, 119)
An
diesem 'letzten Wort' und der Frage seiner Richtigkeit (oder Wahrheit)
hängen mächtige Interessen. Denn es impliziert, daß
- beispielsweise - die Massenmedien und die Wissenschaften ihre
bisherige Praxis nicht grundlegend zu überdenken haben, daß
sich zwar mit dem Prozeß der Virtualisierung des ideologischen
und utopischen Überbaus Gewaltiges ändert, daß
aber zugleich die alten Ideologen und Utopisten sich gewissermaßen
nur einen grenzenlosen Zynismus zulegen müssen (der real
als Unterwerfung unter die ökonomische Logik des Spätkapitalismus
erscheint), um unter Beibehaltung der bisherigen Machtverhältnisse
weitermachen zu können wie bisher. Dieses 'weiter so' wird
aber jenem fundamentalen Paradigmenwechsel nicht gerecht. Die
elektronische Rechenmaschine ist das Endprodukt des Industrialismus;
die 'Allzweckmaschine zur Produktion von Spiegelwelten' (Bühl)
dagegen ist das Anfangsprodukt des Postindustrialismus. Dieser
jedoch ist, bei aller Destruktion, auch der Beginn der Möglichkeit
des Cognitive Mapping der historisch-gesellschaftlichen
Totalität in einem - technisch induzierten - ganz neuartigen
Sinne: erinnern wir uns nur der erstaunlichen Aussage von McLuhan,
daß es heute möglich werde, die Muster und formalen
Konturen von Entwicklung und Wandel in 'Lichtgeschwindigkeit'
abzubilden - also in einer durch die physikalische 'Echtzeit'
von Computeroperationen ermöglichten Beschleunigung und Rhythmisierung
unserer Erkenntnisprozesse, die 'endlich' der Reichweite unserer
'welthistorischen' und 'kosmologischen' Begriffe entspricht.
Überall
wird von der ‘Virtualisierung des Sozialen', von der 'Informationsgesellschaft
zwischen Fragmentierung und Globalisierung’ geredet. In den bundesrepublikanischen
Sozialwissenschaften selbst aber ist, wie gesagt, die Kenntnis
der Medienpraxis, in welcher sich Virtualisierungsprozesse abspielen,
und die alltägliche Einbindung in die Praxis der neuen Informationstechnologien
und sogar das Einlassen auf Fragmentierungserscheinungen oder
gar das Mitspielen im 'geopolitischen ästhetischen Spiel'
vollkommen unterentwickelt. Erkenntnistheoretisch ist die Sache
aber auch deshalb kompliziert, weil beispielsweise Soziologen
die ‘wirkliche Realität’ immer nur als etwas Soziales, das
durch Soziales erklärbar war, begreifen konnten und deshalb
im Begriff der Virtualität einerseits diese ihre eingefahrene
Praxis erkennen, andererseits aber nicht das ganz fundamental
Neue an diesem 'Hyperraum' wahrhaben wollen. Zwar hat die 'Erklärung
des Sozialen durch das Soziale' die soziologische Disziplin auf
die eine oder andere Weise durchaus vorangebracht. Doch das schloß
nicht aus, daß außerhalb dieses Denkzirkels die einen
als archimedischen Punkt die 'Philosophische Anthropologie’, die
anderen, wie auch Luhmann, die Biologie und wieder andere den
Historischen Materialismus brauchten - und die Parsonsianer wenigstens
das Konzept der ‘Emergenz’.
Vielleicht
ist das Konzept der Emergenz in diesem Zusammenhang sogar das
entscheidende. Denn die 'virtuelle Wirklichkeit', welche für
die Wissenssoziologie noch aus 'Ideologie und Utopie' bestand,
hat sich heute durch die Symbolmaschinerie der vernetzten Computer
in einem Autonomisierungsprozeß zum Hyperraum verselbständigt
und wirkt so, als informationstechnologisch amplifizierte Ideologie
und Utopie, um ein Vielfaches verstärkt in die Gesellschaft,
die Weltgesellschaft, zurück. Wenn heute, beispielsweise,
Eigentum in Gestalt von Aktienbesitz als virtuelles Eigentum emergiert
und in dieser Eigenständigkeit auf eine Art und Weise, wie
es nie zuvor möglich war, auf die ökonomischen Prozesse
zurückwirkt und sie bis zur Unkenntlichkeit verändert,
wenn also in gewisser Weise Eigentum selbst virtualisierte Ideologie
und Utopie geworden ist, dann verschlägt das, auch wenn diese
Erkenntnisse dämmern (vgl. Jameson 1997), gerade den Sozialwissenschaften
die Sprache.
Mit
den alten Mitteln des autoritativen Buches können sie dieses
nicht mehr erzählen, über die neuen Mittel des Erzählens,
des Erzählens auf und mit den Netzen etwa, verfügen
sie nicht. Den sich verändernden Erzählweisen der Massenmedien
stehen sie hilflos gegenüber. Das gilt auch für die
Luhmannianer, die sich den tatsächlichen, 'materiellen' Prozessen
der Medienproduktion aus offensichtlich 'systematischen' Gründen
verschließen. Dort aber, in den Massenmedien, wird im Augenblick
gerade die Geschichte mit dem Eigentum erzählt - die Geschichte
von der Virtualisierung des Eigentums auf den Aktienmärkten,
die Fabel vom Anteilseigentum für alle, das Märchen
von der Daseinsmitte 'Aktienmarkt'. Umgekehrt haben die Massenmedien
ein Gespür dafür entwickelt, daß im Prozeß
der Virtualisierung von Gesellschaft das Älteste und Unterste
nach Vorne und Oben gespült wird, daß die Wissenschaften
'dran' wären, diese Vorgänge zu erläutern und zu
erklären. Die Massenmedien reagieren mit Strömen pseudowissenschaftlichen
Unsinns. Die Ankoppelung an die stockenden Erkenntnisprozesse
in den Wissenschaften selbst gelingt also kaum. Fenster in die
wissenschaftliche Welt der vernetzten Computer und Supercomputer
werden nicht geöffnet - vor allem weil man nicht weiß,
wie.
Vor
diesem Hintergrund habe ich ein von der Europäischen Kommission
gefördertes Forschungprojekt mit dem Titel 'European Popular
Science Information Project' durchgeführt, an dem u.
a. Spiegel TV, das Deutsche Forschungsnetz, das British Film
Institute und der WDR beteiligt waren. Die voraufgehenden
Überlegungen sind in diesem Kontext entstanden. Die Projektergebnisse
laufen derzeit auf zwei Handlungsstrategien hinaus: die eine zielt
auf die - auf der Basis der neuen Kulturtechniken möglichen
- Formen des Erzählens von, sagen wir einmal, 'wahren wissenschaftlichen
Geschichten'; ganz konkret in Gestalt der Entwicklung netzfähiger
elektronischer 'storyboards'. Die andere Handlungsstrategie
zielt auf die Möglichkeit, Schnittstellen, oder genauer:
komplexe Interfaces, herzustellen, und zwar zwischen den
auf den Netzen vielfältig und zum Teil schon fast vollständig
gespiegelten Wissenschaften einerseits und den Massenmedien (insbesondere
TV) andererseits - Fenster, wenn man so will. Zusammengefaßt
werden könnten diese Strategien unter einem dritten Aspekt,
den ich zunächst nur mit dem Begriff 'webbing the broadcasts'
charakterisieren will. Dazu kurze Erläuterungen:
a)
Storyboards: auch wenn, wie gesagt, die Wissenschaften
sich mit ihren Institutionen, Personen, Diskursen und Ergebnissen
zumindest in der angelsächsischen Welt immer vollständiger
auf den Netzen vorstellen, bleibt die Form der Selbstdarstellung
dem 'Docuverse' (Winkler) verhaftet, sind die ästhetischen
und narrativen Mittel kaum weiter entwickelt als in traditionellen
Bildungs- und Lehrmaterialien usw. Die Möglichkeiten
des Erzählens 'mit dem Web' (der intelligente Einsatz
von Hypertext, links, Visualisierungen usw., ganz zu
schweigen vom Einsatz der avanciertesten Software) werden
auch von 'Netzfanatikern' kaum ausgenutzt. Wir haben für
verschiedene Themen 'storyboards' entwickelt, welche
in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen TV-Wissenschaftsredaktionen,
in der pre-production und als ergänzendes Web-Informationsangebot
zu mehreren TV-Sendungen verwendet wurden. Hier, auf einem
Feld, das wir 'the digital art of designing storyboards'
nennen, wäre eine breite Qualifizierungsanstrengung zumindest
bei den Wissenschaftlern sinnvoll, die an der öffentlichen
Rolle und Wirksamkeit von Wissenschaft interessiert sind.
b)
Interfaces: über die kulturtechnische Bedeutung
von interface design ist weiter oben bereits das Nötige
gesagt worden (Abschnitt 'Culture-Freaks'). Im konkreten
Fall des Forschungsprojekts bestand unser Problem darin, visuell
interessante wissenschaftliche Selbstdarstellungen auf dem
World Wide Web, die es in beschränkter Zahl und in zum
Teil beeindruckender Qualität gibt, im Massenmedium Fernsehen
(hier: bei Spiegel TV-Sendungen und Wissenschaftssendungen
des WDR) in professioneller Form wiederzugeben. Zu diesem
Zweck - 'broadcasting the web' - mußten Fenster,
Portale, 'Benutzeroberflächen' entwickelt werden, durch
welche die beiden Medien Internet und TV (von denen alle Welt
sagt, daß sie konvergieren) nun einmal ganz praktisch
verknüpft werden konnten. In mehrere Sendungen sind solche
'Fenster' als 3D-Animationen eingebaut worden, doch überzeugend
gelungen sind diese Versuche bis jetzt nicht. Wir konzentrieren
uns derzeit im Sinne von 'Grundlagenforschung' auf eine Kulturgeschichte
der Windows-Metapher und den Entwurf von Interfaces
für bestimmte Wissensgebiete und Theoriezusammenhänge,
um anhand konkreter Beispiele das, was 'wissenschaftliches
interface design' sein könnte, demonstrieren zu
können.
c)
Webbing the Broadcasts: im Hintergrund des Projekts
scheint die Tatsache auf, daß mit der Welt der vernetzten
Computer eigentlich auch eine konkrete Neubestimmung des Systems
der Massenmedien ansteht. Während wir uns im Projekt
um Wege bemühten, das Netz fernsehgerecht zu präsentieren,
läuft ja schon der viel fundamentalere Prozeß der
Vernetzung und Verknüpfung aller Massenmedien über
die digitalen Computernetze, wo sie, im übrigen, zugleich
virtuell - allerdings mit harten Abschottungen und vielen
'privaten' und 'geheimen' Regionen - mit den Produktions-intranets,
den Banken-intranets, den militärischen intranets
usw. verbunden sind, und zwar auf eine Weise, daß eine
Auflösung dieser Verbindungen einer Auflösung des
spätkapitalistischen Gesamtsystems, das sich längst
aus jener Virtualität heraus steuert, gleichkäme.
Also: webbing the broadcasts ist ein anderer Ausdruck
für den massenmedialen Effekt der Welt der vernetzten
Computer. Webbing the broadcasts bereitet aber auch
den Boden für das Eintreffen von Marshall McLuhans Prophezeihung
von der wachsenden Möglichkeit des 'Verstehens der Ursachen'.
Was
ist nun mit dem wahren Wissen in den Massenmedien? Dazu muß
man sich noch einmal mit einer ganz bestimmten Seite des Systems
der vernetzten Computer beschäftigen: der Art und Weise,
wie in ihm Informationen verarbeitet und bewegt werden. Ein Merkmal
ist zweifellos seine Indifferenz gegenüber bestimmten Inhalten.
Indem 'Ideologien' und 'Utopien' auf den Netzen bewegt werden,
verlieren sie ihren spezifischen Sinn, ihre wahren und falschen
Konnotationen, und behalten nur, und zwar in immens verstärkter,
eben vernetzter, Form ihre Virtualität: d.h. ihre
Sinngehalte sind nicht mehr eindeutig fixierbar, sie nomadisieren.
In diesem Sinne kann man in der Tat davon sprechen, daß
ein postideologisches und postutopisches Zeitalter angebrochen
ist, aber eben zugleich auch ein Zeitalter der 'virtuellen Spiegelwelten',
in denen die gesellschaftliche und bewußtseinsmäßige
Kraft von Ideologien und Utopien mehr als aufgehoben ist. Zweitens
nämlich, und das ist ganz entscheidend, werden in der Welt
der vernetzten Computer heute und tendenziell immer schneller
und umfassender alle Daten aus der Wirklichkeit ohne Rücksicht
auf Interessenlagen prozessiert. Zwar versucht in Gegenbewegungen
die Verschlüsselungs- und Regulierungstechnologie die Datenströme
unter Kontrolle zu halten, doch die kryptologische Front ist völlig
offen. Allein schon die heute auf den Netzen fließenden
Informationen bringen - etwa auf den Aktienmärkten - viele
Interessen- und Machtstrukturen ins Wanken. Hinzu kommt ein weiteres:
mit der Welt der vernetzten Computer setzt sich eine Realzeit
des Datenaustauschs durch, die den Strukturen der Zeitorganisation
der dominanten Wirtschaftsweise und ihren Interessenkonstellationen
das Wasser abgräbt (vgl. Krysmanski 1998). Der Kapitalismus
in jedweder Form kann, beispielsweise, nur auf der Basis vertraglich
und spekulativ restringierter Zeit funktionieren. Nur so kann
seine Grundoperation des Beleihens und Kreditierens sich vollziehen
(Heinsohn / Steiger 1996). Wenn die vernetzte Computerwelt dagegen
dieses Zeitregime unterläuft, indem sie alle ökonomischen
Daten, so wie sie anfallen, für alle Akteure unmittelbar,
in real time, zugänglich macht, so daß z.B.
aus Fristen und Terminvorteilen (und dem damit verbundenen Herrschaftswissen)
keine - kulturell verbrämten - Profitoperationen mehr organisiert
werden können, so beginnt nicht nur eine andere Epoche des
Wirtschaftens, sondern insgesamt ein anderer informierender und
orientierender Umgang mit den Daten, welche der historisch-gesellschaftliche
Prozeß insgesamt uns zuströmen läßt.
Die
Massenmedien, so scheint es, sind gegen diesen Zustrom
'wahren Wissens' wie keine andere Institution geeicht. Sie vertreten
das Zeitregime und die Kultur des Kapitals, keine Frage. Alle
Widerstände und Vorkehrungen gegen die Verbreitung 'wahren
Wisssens' scheinen bereitzustehen. Ökonomisch werden die
abstrusesten Regelungen und Grenzziehungen durchgesetzt, um claims
abzustecken und Eigentumsansprüche durchzusetzen. Kulturell
sind es gerade die Interfaces, die konsumwirksam optimierten
und zunehmend auch kostenpflichtigen 'Benutzerführungen',
welche sich zu virtuellen Konsumtempeln auftürmen und nicht
etwa zu Pfaden der Erkenntnis werden. Andererseits aber treten
die Massenmedien nicht mehr 'einzeln', im Zugriff klar zu bestimmender
Interessen auf, sondern in Gestalt verflochtener Systeme mit inzwischen,
global betrachtet, Millionen und Abermillionen Medienarbeitern,
also als ein komplexes, sowohl real als auch virtuell vernetztes
Gebilde.
Vor
diesem Hintergrund deutet vieles darauf hin, daß die Welt
der vernetzten Computer auch so strukturiert ist, daß Wissen
über den Zustand der Welt in ihr virtuell zu sich selbst
zu kommen versucht. Der Vernetzungseffekt, der Relativierungseffekt
(bei gleichzeitiger Steigerung des Bedürfnisses nach Cognitive
Mapping), der Echtzeit-Effekt tun ihre Wirkung. Und diese
Wirkungen sind dem wissenschaftlichen Wissen, das ich hier als
'wahres Wissen' bezeichnet habe, näher und kongenialer als
dem - sagen wir einmal - Konsum- und Profitwissen. So ist es denkbar,
daß Utopien des 'ganz Anderen', Utopien der 'Alternative',
gerade nicht durch den Ausstieg aus den neuen Kulturtechnologien,
sondern durch die volle und intelligente Aneignung dieses derzeit
höchsten Niveaus der Produktivkraftentwicklung verfolgt werden
können - wobei im Begriff der Produktivkräfte die Implikation
wirksam ist, daß alles dies im Interesse der Hauptproduktivkraft,
des realen Menschen, geschehen kann.
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