Wem gehört die EU?
Wem gehört
die EU?

H.J.Krysmanski

Wem gehört die EU?


Einleitung

1. Strukturen des Reichtums
1.1. Superreichtum und Geldmachtapparat
1.2. Empirisch-statistische Impressionen zur Reichtumsentwicklung
1.3. Wirkungsmechanismen der Reichtumskonzentration
1.4. Reichtumsstrukturen sind global

2. Akteure der Geldmacht
2.1. Profiteure des Geldmachtapparats
2.2. Wissenseliten: ‚Informieren’, Verwalten und Wohlfühlen
2.3. Politische Eliten: das Geschäft der 'gerechten' Verteilung
2.4. Wirtschaftseliten: private Kapitalverwertung mit allen Mitteln
2.5. Die Geldelite: Konstituierung eines neuen Souveräns

Einleitung

Die Frage, wem die EU gehört, kann und muss auf verschiedenen Ebenen beantwortet werden. Zunächst einmal, und das entspricht dem gegenwärtigen Stand des Eindringens in diese Problematik, geht es um die Frage der Vermögenskonzentrationen, seit der europäische Integrationsprozess so richtig in Gang gekommen ist. [1] Die Reichen sind immer reicher geworden und dafür gibt es eine Fülle von empirischen und statistischen Indizes, auch wenn sie bislang in keiner Weise zureichend systematisch erschlossen und analysiert worden sind und auch wenn hinsichtlich der Frage, was Eigentum – und sogar Geld - unter den heutigen Bedingungen ist, Klärung aussteht. [2]

Zweitens geht es um das klassentheoretische Problem, also um die Frage, ob sich in Europa eine (neue) herrschende Klasse auf der Grundlage dieser Akkumulationsprozesse herausbildet. Hier finden sich die unterschiedlichsten Erklärungsansätze und noch bei weitem kein Konsensus unter den kapitalismuskritischen Beobachtern – und vornehmlich in diesem Milieu wollen wir uns im Folgenden bewegen.

Drittens schließlich geht es um eine epochen- oder formationsspezifische Bestimmung dieses historisch einmaligen Akkumulationsprozesses. Wir werden versuchsweise (3.6.) von einer kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung Europas sprechen, in deren Kern sich eine ‚transkapitalistische’ Konzentration von Geldmacht durch Privatisierung (wealth condensation) vollzieht.

Im Zentrum unseres Interesses steht, wie gesagt, die zweite Ebene, die klassentheoretische Frage, also die Frage nach dem ‚Wer’ bzw. nach dem ‚Wer wen’. Nach unserer Auffassung ist die Postulierung einer europäischen ‚herrschenden Klasse’ verfrüht bzw. auch nach anderthalb Jahrhunderten marxistischer und nicht-marxistischer Klassenanalyse noch den Gefahren der Vereinfachung und Mythologisierung ausgesetzt. Wir werden versuchen, die Akteure und Profiteure der kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung Europas als ein komplexes Netzwerk teils kooperierender, teils konkurrierender Eliten darzustellen und dabei typisierende und analytische Momente miteinander verbinden. [3] Um dieses Netzwerk sozusagen vorurteilsfrei zu erkunden, verwenden wir einen neuen Begriff: Geldmachtapparat.

In diesem ‚Geldmachtapparat’ genannten Netzwerk beginnen sich verschiedene, per se höchst interessante Gruppen heimisch zu machen: teils in Gestalt eines über Generationen vererbten Reichtums, teils in Gestalt alten oder neuen europäischen Adels, teils in Gestalt eines mithilfe technischer, finanzpolitischer oder marketingmäßiger Innovationen zusammengerafften Neureichtums, teils in Gestalt eines durch korrupte Privatisierungspraktiken erzeugten Oligarchentums, teils in Gestalt von Mafia-Milliardären.


[1] Vgl J. Huffschmid, Wem gehört Europa? Bd. I/II, Heilbronn 1994; ‚Who will own Europe?’ Workshop der EU Kommission ECFIN (2003), http://ec.europa.eu/economy_finance/events/2003/events_workshop_0203_en.htm
[2] vgl. z.B. J. Rifkin, Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt/M. 2000
[3] Vgl. Mattei Dogan, ‘Is there a Ruling Class in France?’ Comparative Sociology, Vol.2, Issue 1, 2003

Studie im Auftrag der Europaabgeordneten Sahra Wagenknecht, Mitglied in der PDS-Delegation in der Konföderalen Fraktion der
Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) im Europäischen Parlament.
Berlin und Brüssel, 2006.

PDF-Version des Textes

Eine Version des Textes ist inzwischen erschienen in:
Sahra Wagenknecht (Hg.): Armut und Reichtum heute. edition ost, Berlin 2007, 287 Seiten, 14,90 Euro


 

 

 


 

Bemerkungen, Hinweise usw. können an den Autor geschickt werden:
krysman@uni-muenster.de

 
3. Aspekte europäischer Herrschaft
3.1. Power Structure Research
3.2. Agenturen des Geldmachtapparats
3.3. Der Brüsseler Hofstaat
3.4. Gesichter und Spielplätze des neuen Souveräns
3.5. Stiftungskultur
3.6. Kapitalismusbasierte High-Tech-Refeudalisierung?

1. Strukturen des Reichtums

1.1. Superreichtum und Geldmachtapparat

Nun kann man sich einerseits vorstellen, dass in einem zunächst einzig durch Geldreichtum definierten Netzwerk von Personen und Gruppen vielfältigste gegensätzliche Interessen, Konflikte und Widersprüche aufbrechen können. Andererseits haben die derzeit beobachtbaren Akkumulationsprozesse – eine seltsame Mischung aus klassischer Kapitalverwertung und ‚Akkumulation durch Enteignung’ [4] - auch soziale und kulturelle Integrationseffekte. Eine neue Oberschicht mit eigenen Macht- und Herrschaftsperspektiven entsteht. Und in unserem Fall – angesichts der vielfältigen transatlantischen Vernetzungen der europäischen Geldelite – dürfte das vereinheitlichende Vorbild die US-amerikanische Plutokratie sein. Über diese Schicht des amerikanischen Superreichtums schrieb Ferdinand Lundberg einst:

„Der Superreichtum weist bestimmte Charakteristika auf: Zunächst einmal verfügt er über eine oder mehrere Großbanken. Ferner übt er einen absoluten oder zumindest doch beherrschenden Einfluß auf einen, zwei, drei oder mehr große Industriekonzerne aus. Ferner kontrolliert die jeweilige Familie eine oder auch mehrere von ihr errichtete Stiftungen. Zu ihren Vermögenswerten gehören einerseits handfeste Aktienpakete, die eine Kontrolle über riesige industrielle Bereiche sichern. Zum anderen aber sollen sie gesellschaftspolitischen Einfluß auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens ermöglichen und eine Vielzahl ideeller Ziele fördern. Diese steinreichen Familien haben außerdem eine oder mehrere Universitäten oder Technische Hochschulen gegründet – zumindest unterstützen sie solche Institute in großem Ausmaß. Darüber hinaus treten sie als politische Geldgeber auf – meistens zum Nutzen der Republikanischen Partei, die so etwas wie das Spiegelbild der Reichen im Lande ist. Diese Familien haben große Vermögenswerte im Ausland angelegt, so daß sie an der Außen- und der Verteidigungspolitik der Regierung, aber auch an ihrem allgemeinen politischen Kurs, besonders stark interessiert sind. Zugleich üben sie direkten Einfluß auf die Massenmedien aus, da ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehstationen riesige Beiträge für die Werbung zahlen.“ [5]

Was aber heißt nun eigentlich ‚gehören’? So lange wir nur die Frage stellen müssen, wem eine bestimmte Immobilie, ein Handwerksbetrieb, ein Gemälde usw. gehören, erlaubt das bürgerliche  Eigentumsrecht ziemlich präzise Antworten. Fragen wir aber, wem ein Konzern, eine Bank, die Deutsche Bahn AG, der Hamburger Hafen usw. gehören, so wird die Feststellung der Eigentumsverhältnisse schon schwieriger, manches liegt im Verborgenen, scheint unentwirrbar. Schließlich stößt man auf private Anteilseigner und damit erstens auf die Konzentration von riesigen, aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien, und zweitens auf die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates, der Kommunen) und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser, Natur usw.) in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums. Wem aber nun eine Stadt, ein Land oder gar Europa gehören – eine solche Frage ist seit dem Feudalismus nicht mehr gestellt worden.

Könnte es sich vielleicht gar nicht um die Frage des Gehörens, sondern um die des Usurpierens handeln? In Europa sind in den fünfzehn Jahren nach Abschluss des Maastrichter EU-Vertrags die nationalstaatlichen, eigentumsrechtlichen und verteilungspolitischen Strukturen zutiefst verändert und zum Unterbau neuer Herrschafts- und Verfügungsstrukturen gemacht worden, für die demokratische Entscheidungsprozesse zum Teil nur noch Garnierung sind. Unter dem Schleier der neoliberalen Deregulierungsideologie erleben wir einen Zusammenbruch der Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt. [6] Und auch die in den bisherigen, ‚alten’ Systemen erworbenen Positionsvorteile, Klassenprivilegien usw. werden zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld, bis hin zu systemischer Korruption, eingesetzt. Das ist ein neuartiges Regime.

Es hat allerdings alte Wurzeln, die beispielsweise etwas mit den historischen Phänomenen der ursprünglichen Akkumulation und mit der Rolle des (absolutistischen) Staates zu tun haben: "Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation. Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne daß es dazu nötig hätte, sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühe und Gefahr auszusetzen." [7] Dieses Schuldenmachen ist ja keineswegs ein schicksalhaftes Verhängnis, sondern gehört zu den Kernprojekten des Neoliberalismus und ermöglicht heute ja erst die Anhäufung jener gewaltigen Privatvermögen, die den Geldmachtapparat tragen. Nach Michel Chossudovsky ist so ein Teufelskreis in Gang gekommen:

„Die Empfänger staatlicher Geschenke sind nun zugleich die Gläubiger des Staates. Die öffentlichen Schulden, mit denen die Finanzministerien das Big Business gepäppelt haben, werden von Banken und Finanzinstitutionen erworben, die sich weiterhin staatlicher Subventionen erfreuen. Eine absurde Situation: Der Staat finanziert seine eigene Verschuldung, indem seine Geschenke in den Kauf von Staatsanleihen zurückfließen. Der Staat ist so in die Zange geraten zwischen mächtigen Wirtschaftslobbys auf der einen Seite, die dafür sorgen, dass die staatlichen Geschenke nicht versiegen, und privaten Finanzhäusern als Gläubigern auf der anderen Seite ... Außerdem sind in den meisten OECD-Ländern die Zentralbank-Statuten geändert worden, um die Forderungen der Finanzeliten zu erfüllen. Jetzt sind sie in aller Regel nominell unabhängig und dem staatlichen Einfluss entzogen – praktisch also zunehmend auf die Gnade privater Gläubiger angewiesen. Die Zentralbank kann dem Staat unter ihren neuen Statuten keinen Kredit mehr einräumen. Artikel 104 des Maastrichter Vertrags z.B. bestimmt, dass die Kreditgewährung im Ermessen der Zentralbank liegt, die Zentralbank also nicht gezwungen werden kann, solche Kredite zu gewähren ... In der Praxis operiert die Zentralbank, die nun weder der Regierung noch der Legislative Rechenschaft schuldig ist, als autonome Bürokratie unter dem Einfluss privater Finanz- und Bankinteressen ... Das bedeutet, dass von Geldpolitik als einem Mittel staatlicher Intervention keine Rede mehr sein kann. Geldpolitik ist weitgehend eines Sache der Privatbanken, und Geldschöpfung – zu der ganz wesentlich die Verfügungsgewalt über reale Ressourcen gehört – findet innerhalb eines inneren Kreises des internationalen Bankensystems statt und dient allein der Anhäufung privaten Reichtums. Mächtige Finanzakteure haben nicht nur die Fähigkeit, Geld zu schöpfen und ohne Behinderung frei zu bewegen, sondern können auch die Zinssätze manipulieren und den Niedergang großer Währungen beschleunigen ... Das bedeutet in der Praxis, dass die Zentralbanken nicht mehr in der Lage sind, die Geldschöpfung im Allgemeininteresse der Gesellschaft zu regulieren, um etwa Produktionsanreize zu schaffen oder die Beschäftigung zu fördern.“ [8]

Das Grundproblem besteht also in der Frage, über welchen Kapitalismus wir heute eigentlich noch reden. Bekanntlich hat das führende US-amerikanische Kapitalismusmodell seit den Siebzigern zwei Veränderungen erfahren. Erstens wurde der mit dem New Deal eingeführte, staatlich regulierte stakeholder-Kapitalismus durch ein neues Modell konzerngesteuerter Zielsetzungen und Verantwortungen ersetzt. In diesem Modell ging es zweitens nicht mehr um das Wohlergehen der Beschäftigten und die Wohlfahrt der Kommunen, sondern darum, für die shareholder kurzfristig den Wert der Aktien und die Dividendenauszahlungen zu steigern. „Die praktischen Folgen sind ein stetiger Druck, die Löhne und sonstigen Ansprüche der Beschäftigten zu kürzen (was in manchen Fällen zum Diebstahl der Pensionen und zu anderen Verbrechen führte) sowie politische Propaganda und Lobbyismus zugunsten der Senkung von Unternehmenssteuern, mit denen staatliche und öffentliche Aufgaben finanziert werden könnten.“ [9] Dieses System geht inzwischen als Franchise um die Welt. Und es erzeugt in den verschiedenen Regionen und eben auch im EU-Raum spezifische Varianten der sozialen, kulturellen und politischen Konsolidierung des Prozesses der Akkumulation durch Enteignung. Was übrigens das gleiche bedeutet wie Akkumulation durch Privatisierung.

Und hier wird gerade auch die Sphäre der Kultur zu einem zentralen Schauplatz, auf welchem die Medienkonzerne alle Inhalte, die gefilmt, gesendet oder ins Internet platziert werden, durch kommerzielle Funktionalisierung „in eine überwältigende Kontrolle menschlicher Kommunikation umwandeln, die beispiellos in der Geschichte ist." [10] Mit riesigem Progagandaufwand wird beispielsweise in dieser Kommerz-Kultur das ideologische Projekt einer Ownership Society vorangetrieben: „So wie wir Konservativen unsere Werte von Generation zu Generation weiterreichen, so möchte ich auch den Reichtum zwischen den Generationen weiterfließen sehen. Wir wollen nicht, dass jede Generation von vorne anfangen muss, abgeschnitten von der Vergangenheit und ungewiss ob der Zukunft.“ [11] Und das Cato Institute setzt noch eins drauf: „Individuen gewinnen Verfügungsmacht, wenn sie sich von den Almosen des Staates unabhängig machen und stattdessen ihr eigenes Leben und Schicksal kontrollieren. In der ownership society kontrollieren Patienten ihre eigene Gesundheitsversorgung, Eltern die Ausbildung ihrer Kinder, Arbeiter ihre Rücklagen für den Lebensabend.“ [12] Es ist die perfekte Nebelwand, hinter der sich die Interessen einer kleinen, superreichen Oberschicht zu einem Geldmachtapparat formieren können.

„Dies ist keine Zeit für Verlierer“, schreibt The Economist in einer Erläuterung der Wealth Condensation-Theorie [13] , derzufolge sich neu geschaffener Reichtum gesetzmäßig überproportional bei bereits reichen Individuen und Gruppen ansammelt:

„Der Markt bezahlt die Leute in bestimmten Jobs nicht gemessen an ihrer absoluten Leistung, sondern nach ihrer Leistung in Relation zu anderen konkurrierenden Kollegen. Das Einkommen eines Fensterputzers berechnet sich nach der Zahl der Fenster, die er putzt, aber ein Investment Banker wird nach seiner Stellung in einem Ranking-System belohnt. Ein fleißiger Fensterputzer wird nur wenig mehr als ein fauler verdienen. Aber auf dem Anleihen-Markt kann ein kleiner Leistungs- bzw. Rankingunterschied alles bedeuten. Die Belohnungen an der Spitze einer Ranking-Pyramide sind also überproportional hoch und weiter unten überproportional niedrig. Leute in diesen Berufen nehmen oft alle möglichen Entbehrungen in Kauf, nur um einen ‚top job’ mit dem dazugehörigen Jackpot zu bekommen ... Folglich glauben manche Ökonomen, dass die Liberalisierung der Märkte in den meisten Berufen zu wachsender Ungleichheit und schließlich zu einer ‚winner-takes-all society’ führen wird.“ [14]


[4] David Harvey’s Begriff der ‚accumulation by dispossession’ (Akkumulation durch Enteignung) umschreibt den heutigen Kern von ‚Privatisierung’, D. Harvey, The New Imperialism, Oxford University Press 2003

[5] F. Lundberg, Die Reichen und die Superreichen. Macht und Allmacht des Geldes, Hamburg 1969, S. 116
[6] Vgl. Jürgen Roth, Der Deutschland-Clan, Frankfurt/M. 2006; Thomas Leif, Beraten und verkauft, München 2006; Albrecht Müller, Machtwahn, München 2006; Jean Ziegler, Das Imperium der Schande, München 2005
[7] Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 787
[8] M. Chossudovsky, Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, Frankfurt/M. 2002, S. 306ff
[9] William Pfaff, ‘Capitalism under fire’, International Herald Tribune, March 30, 2006; in Medien wie der New York Times nimmt derartige Kritik zu, z.B. von Autoren wie Paul Krugman, Bob Herbert, Anatol Lieven usw.
[10] J. Rifkin, ‘The New Capitalism is About Turning Culture into Commerce’, International Herald Tribune, January 17, 2000
[11] John Major, ehem. brit. Premier, 1991 in einer Rede, http://en.wikipedia.org/wiki/Ownership_society
[12] Homepage des Cato Institute: ‘Ownership Society Philosophy’, http://www.cato.org/special/ownership_society/
[13] Diese Theorie ist bezeichnenderweise nicht von Ökonomen, sondern von ökonomisch interessierten Mathematikern und Physikern entwickelt worden: J.-P.Bouchaud/M Mezard, ‘Wealth condensation in a simple model of economy’, in: Physica A 282, 2000; Zdzislaw Burda et al, 2002 ‘Wealth condensation in Pareto macroeconomies’, in: Physical Review E, vol 65, 2002
[14] Stichwort ‘winner takes all markets’, Economics A-Z, http://www.economist.com/research/Economics/

WEBLOG 'WEALTH REPORT' von Robert Frank, Wall Street Journal
Aus dem World Economic Forum:
Inequality and Globalization
 
 

1.2. Empirisch-statistische Impressionen zur Reichtumsentwicklung

Reichtumsstatistiken können lügen, wie die folgende, von Paul Krugman, dem linksliberalen amerikanischen Ökonomen und Leitartikler, überlieferte Anekdote zeigt: A liberal and a conservative were sitting in a bar. Then Bill Gates walked in. - "Hey, we're rich!" shouted the conservative. "The average person in this bar is now worth more than a billion!" - "That's silly," replied the liberal. "Bill Gates raises the average, but that doesn't make you or me any richer." - "Hah!" said the conservative, "I see you're still practicing the discredited politics of class warfare." [15]

Es gibt zwei deutsche Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung [16] , einen German Wealth Report 2000 der Investmentfirma Merrill Lynch, aber keine vergleichbaren englischen, französischen, italienischen usw. Berichte und auch keinen European Wealth Report, der öffentlich zugänglich wäre, obschon große Investmentbanken und Wealth Management Firmen über eine Fülle interner Daten verfügen. Dem globalen Charakter der Reichtumsentwicklung entsprechen die World Wealth Reports von Merrill Lynch. [17]

Laut Merrill Lynch World Wealth Report 2006 stieg das Vermögen der sogenannten High Net Worth Individuals (HNWIs) - mit einem Netto-Geldvermögen (ohne Erstwohnsitz und Konsumvermögen) von mindestens 1 Mill.$ - im Jahre 2005 auf 33,3 Bill.$ an, ein 8,5 prozentiger Zuwachs gegenüber 2004. Oder anders gesagt, die Zahl der HNWIs wuchs  gegenüber 2004 um 6,5 Prozent auf 8,7 Millionen Personen weltweit. Und die Zahl der Ultra-HNWIs, die über mehr als 30 Mill.$ verfügen, wuchs 2005 auf 85 400 Personen weltweit. Trotz einer gewissen Verlangsamung stellten dabei die USA noch immer die meisten HNWIs mit dem weltweit größten Anteil an akkumuliertem Reichtum. Für die Reichtumsakkumulation am interessantesten erwiesen sich die asiatisch-pazifische Region, ebenso Lateinamerika und der Mittlere Osten. In Südkorea stieg die Anzahl der HNWIs um 21 Prozent, in Indien um 19 Prozent, in Russland um 17 Prozent und in Südafrika um 15 Prozent. Dabei lässt sich, so Merrill Lynch, beobachten, dass eine zunehmende Zahl von HNWIs die Strategien der Ultra-HNWIs kopiert und ihre Portefeuilles auf internationale Investitionen umorientiert, um am Aufschwung jener neuen Märkte, insbesondere in Asien, teilzuhaben und der Unsicherheit des Dollars entgegenzuwirken. Auch die HNWIs würden also ‚aggressiver’ und skeptischer gegen Investitionen in Nordamerika, auch wenn dies die für Investitionen populärste Region bleibe. Obgleich die asiatisch-pazifische Region Europa im Jahre 2005 an Dynamik übertraf, blieb Europas Anteil an den globalen Nettovermögenswerten konstant bei 22 Prozent. Die gute Performanz der ‚reifen’ europäischen Kapitalmärkte und die Dynamik der neuen europäischen Märkte veranlasste die regionalen HNWIs, 48 Prozent ihrer Invesitionen in Europa zu tätigen – verglichen mit 40 Prozent im Jahre 2004. Gleichwohl wird erwartet, dass auch die Europäer künftig weniger in den USA und in Europa selbst investieren werden, zugunsten der asiatisch-pazifischen und lateinamerikanischen Märkte. [18]

Ein Überblick der größten Wealth Management Firma der Welt, UBS [19] , zur europäischen Reichtumskonzentration zeigt, wie die privaten ‚assets’ (frei verfügbares Geldvermögen) von knapp 19 Billionen im Jahre 2000 auf mehr als 33 Billionen € im Jahre 2005 zugenommen haben, wobei der Anteil der ‚Reichen’ um 8 Prozent gewachsen, der Anteil der ‚Wohlhabenden’ stabil geblieben und der ‚Massenmarkt’ um 6 Prozent zurückgefallen ist. Zugleich konzentriert sich der Reichtum auf fünf Länder, die 80 Prozent des europäischen Marktes repräsentieren.

Die folgenden Schaubilder aus dem World Wealth Report 2006 zeigen noch einmal, a) wie sich die Anzahl der HNWIs in ihren regionalen Anteilen verändert hat, b) wie sich das Finanzvermögen von HNWIs in den nächsten Jahren verteilen und verändern wird und c) welche Wirtschaftsaktivitäten, regional aufgeschlüsselt, den Akumulationsprozess treiben. Das alles ist hochinteressant für das Feld des Private Banking für die Superreichen – ein Feld übrigens, auf dem inzwischen dringend qualifiziertes Personal gesucht wird. [20]

 

Die Bedeutung dieser Vermögens- und Einkommenskonzentrationen auch für die EU erschließt sich allerdings erst, wenn man die Frage, was Reichtum überhaupt ist, ein wenig erweitert.

Für Karl Marx ist der bürgerliche Reichtum ‚eine ungeheure Warensammlung’ [21] , die nicht durch ihre Gebrauchseigenschaften, sondern allein durch ihr Wertdasein und ihre Verwertung bestimmt ist. Diese Bestimmung des Vermögens als Kapital findet schließlich im abstrakten Medium des Geldes seine fertige Gestalt. Geld verkörpert damit in unseren Gesellschaften die ‚stets schlagfähige, absolut gesellschaftliche Form des Reichtums’ [22] . Andererseits umfasst die Vermögensrechnung der privaten Haushalte eine durchaus kuriose Sammlung von Werten: „a) Grund- und Immobilienvermögen, sei es vermietet oder selbst genutzt; b) Betriebsvermögen, als unmittelbares Eigentum an Unternehmen; c) Gebrauchsvermögen (Hausrat, Fahrzeuge, Privatsammlungen etc.) und d) Geldvermögen (Bargeld, Guthaben, Geldanlagen, Rentenwerte, Aktien u.ä.). Ferner gehören hierzu: e) Humanvermögen, f) Sozialvermögen (Renten- und Versorgungsansprüche) und g) private Eigentumsrechte an natürlichen Ressourcen, Lizenzen, Patenten u.a.m.“ [23]

Alle diese Werte, in ihren jeweils hochkonzentrierten Formen, spielen beim Dingfestmachen der Hauptprofiteure der neoliberalen Umgestaltung Europas, der Schicht der Ultra-HNWIs, eine wichtige Rolle – und sind schwer zu ermitteln (vgl 2.5.). Diese großen Fische schwimmen im Meer der sie jeweils umgebenden Gesellschaften. Ihre tatsächlichen Einkommens- und Vermögensmilieus sind empirisch-statistisch kaum ausgeleuchtet. Ja, wegen ihrer vergleichsweise geringen Zahl fällt diese Gruppe meist unter den Tisch der nationalen Statistiken. [24] Immerhin stand das eine oder andere im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung:

„Im Jahr 2003 konzentrierte das obere Zehntel aller deutschen Haushalte 46,8 Prozent des gesamten Nettovermögens auf sich. Auf das untere Zehntel entfiel ein Anteil von minus 0,6 Prozent. Das ‚Vermögen’ dieses Teils der Bevölkerung bestand und besteht aus Schulden. Dass zu dem oberen Zehntel im Jahr 2003 43 deutsche Nettovermögensmilliardäre gehören, die zu den Reichsten der Erde zählen, wird in den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung allerdings nicht erwähnt.“ [25]

Konzentriert man sich – im Sinne unserer Ultra-HNWIs - auf das obere Zehntel der ‚Haushalte’, so differieren hier die Vermögen zwischen 500 000 € und weit über 15 Milliarden €, was dreißigtausendmal mehr ist. Für unsere Fragestellung geht es dann also eher um das oberste Zehntel des obersten Zehntels – und die „reichsten 150 000 westdeutschen Haushalte, d.s. 0,5 %, [verfügen] über rund ein Sechstel des gesamten Geldvermögens. Dies ist nicht nur Ausdruck eines enormen Reichtums. Die hier wiedergegebenen Daten belegen auch, daß sich in Deutschland ein dramatischer Polarisierungsprozeß vollzieht, der sich seit den 80er Jahren sichtbar beschleunigt hat“. [26]

Die Frage, auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen sind, wird uns in den folgenden Abschnitten noch weiter beschäftigen – wobei der zusammenfassende Antwortversuch immer wieder lauten wird: hier ist ein Geldmachtapparat entstanden, welcher unternehmerische Eigentumsoperationen, die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten), die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten, netzwerkartigen Zusammenhang bringt. In ihm wird vor allem auch das klassische Betriebsvermögen, in Gestalt von kleinen und großen Unternehmen, immer ‚flexibler’ gehandhabt, hin und her geschoben, kurzfristig veräußert, zusammengelegt, ‚filetiert’ usw., so dass es in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen (und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind, welche die großen Revenuen erbringen.

Neben Geldvermögen und verflüssigtem Betriebsvermögen wächst heute für die Schicht der Superreichen die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im Luxussegment. Luxuskonsum dient der Sicherung des sozio-kulturellen Status und ist damit eine herrschaftsnützliche Form der Kapitalvernichtung. Der hier fällige Begriff der conspicuous consumption wurde zuerst Ende des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Ökonomen und Soziologen Thorstein Veblen [27] eingeführt, um die Macht- und Herrschaftsfunktion eines aufwändigen, durchaus auch ‚müßigen’ Lebensstils zu erfassen. Indem die Geldelite materielle und immaterielle Güter, Dienstleistungen usw. des Luxusmarktes konsumiert, demonstriert sie nicht nur ihre abgehobene Stellung, sondern fixiert auch alle übrigen Schichten auf ganz bestimmte Vorstellungen von ‚Glück’, welche alternative Möglichkeiten der Selbstverwirklichung politisch wirksam überblenden.

In diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden ein zentraler Raum für conspicuous consumption, vom Feudalismus bis heute. Gerade auch für Europa lässt sich die Agglomeration von Luxusimmobilien in bestimmten Stadtteilen, in bestimmten Landstrichen (Küsten, Inseln, Kleinstaaten wie Monaco usw.) gut und über historisch lange Strecken illustrieren. [28] Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen Konsums – von Kutschen zu Rolls Royces, Privatjets usw. Megamotoryachten beispielsweise erleben gerade in Europa einen nie gekannten Bauboom, ihre Größe steigt rapide, Anschaffungskosten, Verbrauch und Liegegebühren gehen ins Astronomische, ebenso aber auch der Prestigeeffekt und die Möglichkeit der Erzeugung von Netzwerk- und Abhängigkeitseffekten an Bord. [29] Im übrigen spielt gerade auch der Kunstmarkt eine besondere – und besonders subtile - Rolle im Bereich des demonstrativen Konsums. [30]

Auch kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus, vor allem Bildungsprivilegien und -titel, wird zunehmend monetarisiert. Eliteuniversitäten bleiben den Kindern der Reichen vorbehalten – und den sorgfältig ausgelesenen Best and Brightest aus den übrigen Schichten, welche eines der dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen einnehmen dürfen. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden. Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 19 000 Dollar. Und in Großbritannien äußern Politiker die Sorge, „dass das Schuldengespenst die jungen Leute veranlassen könnte, höhere Bildung als ein Luxusgut zu betrachten und aufzugeben – mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes.“ [31] Letztlich aber drückt sich für die Geldelite die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals nicht in individuellen Bildungskarrieren usw. aus. Denn wirklich großer Reichtum schafft sich Netzwerke der Kultur und Bildung, welche bereits wieder an die höfische Gesellschaft erinnern. Kulturelles Kapital erscheint hier in Gestalt von Entouragen gebildeter, kultivierter, wissenschaftlich spezialisierter Berater, Hofschranzen usw. Formelle und informelle Bildungsgüter werden letztlich erst vermögenswirksam, wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats insgesamt führen, zu einer ‚Vermögenskultur’, die sich in Stiftungen, Think Tanks u. dgl. institutionalisiert hat.

Ähnliches gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. Zweifellos spielt der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle, ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals. „Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist nicht, wie von ihren Repräsentanten immer wieder betont wird, die Leistung ausschlaggebend, sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten ... Es handelt sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten, die für ‚Eingeweihte’ den entscheidenden Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen, die nur dazugehören wollen, markiert.“ [32] Andererseits aber muss ‚Sozialkompetenz’ nicht unbedingt direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. Wer sich ‚Sozialtrainer’, Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann, verfügt über viel soziales Kapital, selbst wenn er ein stotternder Autist ist.


[15] Paul Krugman, The New York Times, January 21, 2003

[17] Capgemini Consulting, http://www.us.capgemini.com/worldwealthreport06/; im übrigen bieten viele Wealth Management Firmen und Privatbanken auf geschützten Websites gegen teures Geld Dossiers an
[19] Georges Gagnebin, Joseph J. Grano, Jr., ‘European Wealth Management’, UBS Private Banking, February 2001, http://www.ubs.com/1/ShowMedia/investors/presentations/2000?contentId=63297&name=q400_b.pdf
[20] H. Timmons, ‘Goldman enters private banking for the very rich’, IHT, August 2, 2006
[21] Vgl. Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/1858, MEW 42, S. 322
[22] Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, MEW 23, S. 145
[23] Ulrich Busch, ‚Der Reichtum wächst, aber nicht für alle’, Utopie kreativ, April 2003, S. 320
[24] Dieter Klein, Milliardäre – Kassenleere. Rätselhafter Verbleib des anschwellenden Reichtums, Berlin 2006
[25] ebenda, S. 49
[26] Busch, a.a.O., S. 325
[27] Thorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class, 1899 (dt. Theorie der feinen Leute, Frankfurt 1997)
[28] Dale Fuchs, ‘Is the beach party over for the ‚Florida of Europe?’, IHT, July 22-23, 2006
[29] Florian Harms, ‚Yacht Spotting: Auf der Spur der weißen Riesen’, Spiegel Online, 13. Juni 2006, http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,420942,00.html
[30] Wenn, wie jüngst geschehen, ein unscheinbarer, bislang in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein Russe) auf einer Sotheby-Auktion en passant Picassos ‚Dora Maar mit Katze’ für 95,2 Mill. Dollar, einen Monet für 5 Mill. und noch schnell einen Chagall für 2,5 Mill. Dollar ersteigert und wenn derartiges immer häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht, so steckt dahinter eine ‚Vermögenskultur’ im Umfeld des Geldmachtapparats, die noch kaum erforscht ist, vgl. Carol Vogel, ‚Enthusiastic bidder at rear walks away with the big prize’, IHT, May 5, 2006
[31] ‘Higher education: Priced out of reach?’, IHT, 30, 2006, vgl. Washington Public Interest Research Group (PIRG), http://studentdebtalert.org
[32] Michael Hartmann, ‚Macht muß gelernt sein. Die Rekrutierung der deutschen Wirtschaftselite ist keine Frage der Leistung’, Junge Welt, 19.9.03

 

 

 

 

 

 

 

 

How rich are you? The global rich list
 
 

1.3. Wirkungsmechanismen der Reichtumskonzentration

Um Reichtum zu erzeugen und zu erhalten, müssen die verschiedenen Vermögens- bzw. Kapitalformen in Bewegung gesetzt werden. Diese Bewegungen im Geldmachtapparat basieren auf folgenden Mechanismen: a) Privatisierung als jene Eigentumsoperation, welche letztlich zur Etablierung eines neuen, allein auf die Geldeliten gemünzten Souveränitätstyps [33] ; führt, b) Verwertungsoperationen der Wertschöpfung (Kapital) und Aneignung durch Enteignung (accumulation by dispossession); c) Verteilungsoperationen aller geschaffenen und geraubten Werte von ‚unten’ nach ‚oben’; d) Informatisierungsoperationen der kommunikativen Ermöglichung und Glättung aller Privatisierungs-, Verwertungs- und Verteilungsprozesse.

Privatisierung ist eine Form der Stabilisierung von Reichtumsstrukturen, die einerseits an uralte, tradierte Formen der Organisierung von Habgier anknüpft, die aber andererseits in der Gegenwart – in einer Wissens- und Informationsgesellschaft - diesen historischen Fundus an Bereicherungserfahrungen mit allen kommunikativen und medialen Mitteln ausschöpft. Je mehr privatisiert wird, desto weniger Privatleute, das heißt, Leute, die über sich selbst verfügen, gibt es. Die wenigen Privatleute, die übrig bleiben, werden, indem sie immer reicher werden, immer ‚privater’. Und allmählich glauben sie, gerade in ihren philanthropischen Bemühungen, dass ihnen die ganze Welt gehört. Nicht zuletzt deshalb haben sie auch damit begonnen, das staatliche Gewaltmonopol zu unterlaufen und die innere und äußere Sicherheit zu privatisieren. [34]  Das Arsenal der Privatisierungsoperationen ist umfangreich: Selbstrepräsentation, Selbstabgrenzung, wechselseitige Gewährung von Privilegien, rücksichtslose Besetzung von Führungspositionen in allen gesellschaftlichen Bereichen, Ausbau des Stiftungswesens, Philanthropie, Schaffung von Sicherheitszonen.

Das Ganze beruht auf den klassischen kapitalistischen Verwertungsoperationen, auch wenn deren Grundformel sich dynamisiert:

„Kaufen Sie für Geld (=G) eine Ware (=W), veräußern Sie letztere wieder und erhalten dafür mehr Geld als vorher (=G’), dann hat sich das ursprünglich eingesetzte Geld als Kapital erwiesen. Allerdings gehört auch noch eine Veränderung der Ware selbst hinzu: sei es, daß sie zu einer anderen Ware umgeformt, sei es, daß sie von einem Ort zum anderen transportiert wird. Sie ist hinterher nicht dieselbe: aus W ist W’ geworden, unsere Formel lautet jetzt: G-W-W’-G’.“ [35]

Für Giovanni Arrighi befinden wir uns in einer historischen Phase des Kapitalismus, die er – nach einem ‘genuesischen’ Zyklus vom 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert, einem ‚holländischen’ Zyklus vom späten 16. bis zum späten 18. Jahrhundert und einem ‚britischen’ Zyklus von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum frühen 20. Jahrhundert - als den ‚US-amerikanischen’ Zyklus finanzieller Expansion definiert, der bis heute andauert:

„Marxens allgemeine Kapitalformel (gwg’) kann so reinterpretiert werden, dass nicht nur die Logik individueller kapitalistischer Investitionen erfasst wird, sondern auch das sich wiederholende Muster weltkapitalistischer Entwicklung. Der zentrale Aspekt dieses Musters ist die Abwechslung von Epochen materieller Expansion (gw) mit Phasen finanzieller Expansion (wg’). In den Phasen materieller Expansion setzt Geldkapital (g) wachsende Mengen von Waren (w) in Bewegung, einschließlich verwarenförmigter Arbeitskraft und Naturressourcen. In den Phasen finanzieller Expansion befreit sich eine ausgedehnte Menge von Geldkapital (g’) aus seiner Warenform. Akkumulation vollzieht sich nunmehr in Gestalt von Geldgeschäften‚ financial deals (wie in Marxens verkürzter Formel gg’). Zusammen konstituieren diese beiden Epochen oder Phasen des allgemeinen Musters weltkapitalistischer Entwicklung das, was ich einen ‚systemischen Zyklus der Akkumulation’ (gwg’) genannt habe.“ [36]


Eine Animation:
Wie funktioniert Geld?

Nicht nur rein finanzkapitalistische, sondern auch andere – und immer einfallsreichere – Verwertungspraktiken komplizieren die Lage. Die Bewirtschaftung von Immobilien und die Verwertung von Grund und Boden folgen, wie etwa beim Cross Border Leasing [37] , verschlungenen neuen Pfaden. Global nomadisierende Finanzinvestoren, mit einem Zeithorizont von wenigen Jahren, schwimmen im Geld und kaufen auf Teufel hinaus nicht an der Börse notierte Firmen oder saftige Aktienpakete, wo immer sie sich anbieten. Zudem haben Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerungen zu ‚sozialen Wertschöpfungsverfahren’ geführt, die zum Teil mehr mit Sklaverei als mit dem Kapitalismus der ‚freien’ Lohnarbeit zu tun haben – auch wenn sich gerade für Europa eine bemerkenswerte Regionalverbundenheit ergibt. [38]

Verteilungsoperationen verlaufen im parlamentarischen und staatlichen Raum, sind also Verteilungspolitik im weitesten Sinne. Je mehr aber eben auch Politik privatisiert wird, desto deutlicher entsteht hier ein Feld, auf dem die Widersprüche zwischen ‚öffentlichem’ und ‚privatem’ Eigentum im Sinne des Geldmachtapparats ausgetragen werden. Ein dichtes Beeinflussungsgeflecht zwischen Wirtschaft und Politik ist entstanden, vom Lobbyismus bis zur Korruption. Die Gestaltung des rechtlichen Rahmens für Verteilungsoperationen mündet in der Steuergesetzgebung. [39] Deren EU-Dimension wäre hier bezüglich unserer Fragestellung detailliert zu untersuchen. Dazu müsste aber die ‚Akteurszentriertheit’ unseres Ansatzes verlassen werden. Was aber den Akteuren, also der Geldelite, als Traumziel eines ‚Steuerparadieses’ vorschwebt, das hat die luxemburgische Niederlassung der Dresdner Bank am Beispiel von Luxemburg umschrieben:

Reichstes Land der OECD (Pro-Kopf-Einkommen)

Niedrigster Mehrwertsteuersatz in Europa

Keine Vermögenssteuer

Keine Erbschaft- und Schenkungsteuer in direkter Linie

10%ige Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge

Spitzensteuersatz 38,95 %

Steuerfreiheit bei Mehrwerten unwesentlicher Beteiligungen (> 10%) nach 6 Monaten

20% Quellensteuer auf luxemburgische Dividenden (Steuerkredit)

Internationales Flair, Sitz diverser "Global Player" (z.B. Arcelor, RTL-Group, AOL)

Zentrale Lage in Europa

Internationale Flugverbindungen zu allen wichtigen europäischen Metropolen

Hoher Sicherheitsstandard, moderne medizinische Einrichtungen

Internationale Schulen und Universitätsstandort

Haute Cuisine, exquisite französische Küche und Sterneköche [40]

Im Hintergrund der nationalen und europäischen legislativen Verteilungspolitik funktionieren dabei auf eine geradezu beängstigende Art und Weise der Lobbyismus und der Subventionismus – ganz abgesehen von der systemimmanenten Korruption:

Die Zahl der Flüsterer und heimlichen Strippenzieher in Brüssel wird auf mehr als 15 000 geschätzt. Sie ist damit ähnlich hoch wie die der EU-Kommissionsbeamten vor Ort. In Brüssel gibt es Lobbys für alles und jeden. Mit besonders großen Mannschaften sind die traditionellen Wirtschafts- und natürlich auch Landwirtschaftsverbände repräsentiert. Daneben sind auf den Klingelschildern rund um den Square Ambiorix oder den Schuman-Kreisel aber auch jede Menge andere Gemeinschaften, etwa Vertreter der Konfessionen, zu finden - ebenso Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, Friends of Earth oder Oxfam.“ [41] Ob in der Stahlindustrie oder in der Landwirtschaft, Subventionen dienen der Ruhigstellung des kleinen und der beschleunigten Verwertung der großen Kapitals. Europas Agrarpolitik hält nicht, was sie verspricht: die Milliardenhilfen aus Brüssel kommen vor allem Gutsherren, Fleischfabriken und Lebensmittel-Multis zugute.“ [42] - „Immer wieder gerät die Brüsseler Subventionspolitik in die Kritik. Ein Beispiel kommt aus Süditalien, aus der Provinz Kalabrien. Die dort herrschende Mafia verdient nicht nur gut am Drogenhandel, an Schutzgelderpressung und Korruption - sie profitiert überdies indirekt von den Milliarden € Subventionshilfen, die Brüssel alljährlich an die unterentwickelte Region überweist.“ [43]

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die Grundlagen des Geldmachtapparats zutiefst verändert. Neuartige Informatisierungsoperationen (unter Einschluß umfassender Überwachungspraktiken [44] ) haben die Überbauten in eine Basis verwandelt. „Das Empire nimmt Gestalt an, wenn Sprache und Kommunikation oder genauer: wenn immaterielle Arbeit und Kooperation zur vorherrschenden Produktivkraft werden ... Der Überbau wird nun zur Arbeit, und das Universum, in dem wir leben, ist ein Universum sprachlicher Produktionsnetzwerke.“ [45] Die Wertschöpfungsprozesse im Umfeld des Geldmachtapparats werden durch das Ausmaß der Informatisierung bestimmt, und zwar nicht nur auf der Ebene der industriellen Produktion (Automation) und der Finanztransaktionen, sondern immer stärker auf den Ebenen der analytischen und symbolischen Legitimierung und der „Produktion und Handhabung von Affekten“ sowie der „Arbeit am körperlichen Befinden“. [46] Virtuelle Wellness wird eine nicht zu unterschätzende Machtbasis.

Für Richard Sennet sind aber eher die analytischen Aspekte der neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sowie die Möglichkeiten der mathematischen Modellierung von Prozessen von Belang:

„Ich erinnere mich an den Besuch bei einem Freund, der eine große Investmentfirma in New York leitet. Er zeigte mir auf einem großen Computerschirm unzählige Zahlenkolonnen und erklärte: ‚Wir verwalten Milliarden von Dollar und wissen ganz genau, wo jeder einzelne Cent im Augenblick steckt. Wir verlassen uns nicht mehr auf irgendwelche Berichte, wir können es jetzt mit eigenen Augen sehen, und zwar in Echtzeit.’“ [47]

Alle Vorgänge innerhalb des gesamten Geldmachtapparats und selbstverständlich auch innerhalb eines einzelnen Unternehmens zu jedem beliebigen Zeitpunkt minutiös überwachen zu können: das jedenfalls ist eine neue Qualität ökonomischer Macht (und Herrschaft). Und auf dieser Grundlage sind auch die lockeren Seiten der Überbauten ernst zu nehmen. Geldmacht, die nicht nur Geld verwerten, sondern ihre Verwertungspraktiken insgesamt historisch verankern will, wird immer auch eine soziokulturelle Sphäre zu schaffen versuchen, in welcher die ‚Kultur der Vermögenden’ dominiert. Dort wird die Rolle der Geldeliten teils verklärt, teils verschleiert. Sie erscheinen auf harmlosen (und prinzipiell inkorrekten) Ranking-Listen der Reichen (z.B. Forbes Magazin) oder sie werden auf Galas u. dgl. als eine dahintaumelnde, angesäuselte Schicht präsentiert. [48] Doch ihre Netzwerke, ihre informellen Machtinstrumente, die ‚Tiefe’ ihrer sozialen Kohärenz werden tunlichst verschwiegen. Auch das ist - wie das ganze diesbezügliche Newspeak über Builders and Titans [49] - eine ganz kühle kommerzielle Informatisierungsoperation.


[33] Zur Souveränitätsproblematik vgl. M.Hardt/A.Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M. 2002

[34] Volker Eick, ‘Policing for Profit. Der kleine Krieg vor der Haustür’, in: D.Azzelini/B.Kanzleiter, Das Unternehmen Krieg. Paramilitärs, Warlords und Privatarmeen als Akteure der Neuen Kriegsordnung, Berlin/Hamburg/Göttingen 2003, S. 201-215
[35] Georg Fülberth, ‚Fragen zum Kapitalismus’, Utopie kreativ, Juli/August 2006, S. 721
[36] Giovanni Arrighi, ‘Hegemony Unravelling - 2’, New Left Review 33, May/June 2005, p. 4; vgl. Paul Windolf (Hrsg.), Finanzmarkt-Kapitalismus, Wiesbaden 2005
[37] Werner Rügemer, Cross Border Leasing. Ein Lehrstück zur globalen Enteignung der Städte, Münster 2005
[38] Fast 70 Prozent der Betriebe, die zwischen 2001 und 2003 Produktionen ins Ausland verlagert haben, gingen in EU-Beitrittsländer oder nach Westeuropa. Vgl. S. Kinkel, G.Lay, Produktionsverlagerungen unter der Lupe, Fraunhofer Institut, Mitteilungen aus der Produktionsinnovationserhebung Nr. 34, Oktober 2004
[39] Vgl. z.B. Dieter Eißel, Reichtum und Steuerpolitik, Powerpoint-Präsentation, http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/r-m/RosaLux-eissel-rm.htm
[41] Frankfurter Rundschau, 22.05.2006, S.2
[42] ‚Landwirtschaft: Geld für die Großen’, Der Spiegel, 3.6.2006, S. 28
[43] Deutschlandradio, ‚Subventionen für die Mafia’ 17.3.2006, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/480459/
[44] Vgl. Surveillance studies, Universität Hamburg, http://www.surveillance-studies.org/blog/category/special/
[45] Hardt/Negri, Empire, a.a.O., S. 391
[46] ebenda, S. 305
[47] Richard Sennett, ‚Das Diktat der Politmanager’, Freitag 32, 12.8.2005, S. 3
[48] Eine Diplomarbeit von Martin Burg (Institut für Soziologie, Münster) hat sich mit der ganzen Banalität der Thematisierung der Reichen in Der Spiegel, Die Zeit, Focus und manager magazin beschäftigt
[49] Vgl. die Serie über ‚Builders and Titans’ von Time, http://www.time.com/time/time100/builder/

Wie funktioniert Geld?
eine Animation von
Max von Bock
www.maxvonbock.de

Falschgeld - The Money of Power
Eine Textsammlung
Superdollars in Russland

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

1.4. Reichtumsstrukturen sind global

Die Frage ‚Wem gehört die EU?’ kann in Zeiten der Globalisierung keineswegs auf die europäischen Geldeliten und ihre Helfereliten beschränkt werden. Im Gegenteil, so wie in Venedig kaum noch ein Palast Venezianer zu Besitzern hat, so dürften auch Europas Sahnestücke bald Eignern aus der ganzen Welt gehören. „Das große Geld mit Übernahmen und Fusionen wird in Großbritannien und Amerika gemacht. Bald aber treten andere Staaten an ihre Stelle, sagen Experten. China beispielsweise habe sich schon ein Land für künftige Übernahmen ausgeguckt. Es ist die Bundesrepublik.“ [50]

Im Februar 2003 veranstaltete das EU-Directorate General for Economic and Financial Affairs (ECFIN) einen Workshop unter dem Titel Who will own Europe? The Internationalisation of Asset Ownership in the EU Today and in the Future. Es ging um das, was unter dem Stichwort der Heuschrecken-Plage in die politische Diskussion eingedrungen ist. Der Workshop war sicherlich auch eine Facette im allgemeinen Abwehrkampf der europäischen Geldelite gegen andere, oft sehr viel flexibler operierende, freischwebende globale Geldeliten. Die Themen waren weit gespannt, spiegelten aber auf den ersten Blick nicht unbedingt die Brisanz der Problematik wider:

      Restrictions on foreign ownership: European Community and international framework

Are foreign ownership and good institutions substitutes? The European evidence


Portfolio diversification in Europe


Foreign ownership and corporate income taxation: an empirical evaluation


Foreign direct investment and labour-market outcomes


Asymmetric shocks in a monetary union: updated evidence and policy implications for Europe


Foreign investment in the UK


Foreign ownership, the case of Finland


Foreign ownership, the case of Italy


Two attacks on the Swedish corporate model: from wage-earner funds to corporatist pension funds [51]

Deutlich war zunächst, dass es innerhalb der EU bereits ein umfangreiches Instrumentarium von Restriktionen für den Erwerb von Eigentum (assets) durch nichteuropäische Investoren gibt. [52] Ein Überblick über die Entwicklung nichteuropäischen Eigentums in Europa zeigte, dass Osteuropa immer mehr zum bevorzugten ‚Einkaufsgebiet’ wird und dass es dabei zu einer Bevorzugung bestimmter Sektoren, insbesondere des Finanzsektors, kommt. [53] Die Autoren interessierten sich vor allem für die Frage, inwieweit nicht-europäisches Eigentum die Qualität der Unternehmensstrukturen in Europa gefährdet bzw. fördert. „Überraschenderweise scheinen sich außereuropäisches Eigentum und gute Governance gegenseitig zu bedingen. Grund ist wahrscheinlich, dass solche Firmen oft Teil eines multinationalen Konzerns werden und folglich gute Governance-Praktiken aus dem Ursprungsland [meist wohl USA oder UK] importieren. So haben Firmen in außereuropäischem Besitz oft einen Wettbewerbsvorteil gegenüber heimischen Firmen mit schwachem Investorenschutz.“ Andererseits „sollten Reformen des Unternehmensrechts es Fremdmanagern und Mehrheitsaktionären schwerer machen, Minderheitsaktionäre und andere stakeholder zu enteignen.“ [54]

Hier zeigen sich also auch Untertöne eines europäischen Protektionismus, wie sie schon Jörg Huffschmid als kennzeichnend für die europäische Ownership Society konstatierte. [55] Gerade aber der Finanzsektor dürfte sich Regulierungen und Supervisionen weitgehend entziehen. Osteuropa erweist sich hier als Einfallstor für den von den USA zweifellos gewünschten globalen Deregulierungsdschungel, der Extraprofite und die Vernichtung von Konkurrenzkapital auf allen möglichen und auch krummen Wegen erlaubt.

Ein Indiz für die Anfälligkeit der europäischen Geldelite für solche transnationalen Machtgelüste war beispielsweise die Bespitzelung der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) durch die US-Regierung im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus. Die in Belgien angesiedelte Kooperative des internationalen Finanzkapitals bewegt täglich in 11 Millionen Transaktionen 6 Billionen Dollar zwischen 7800 Banken, Börsen, Investmentfirmen und anderen Finanzinstitutionen weltweit. SWIFT ist damit die Dienstleistungszentrale des globalen Finanzmarkts. Und nun wurde durch die Amerikaner demonstriert, dass auch der Reichtum Europas nicht mehr Europas Reichen gehört. Denn niemand wird so naiv sein zu glauben, dass im ‚Krieg’ gegen den Terrorismus nicht auch andere Interessen des amerikanischen Finanzkapitals gegenüber dem islamischen, arabischen, asiatischen und eben auch dem europäischen Finanzkapital verfolgt würden. Solche High-Tech-Spionageaktionen haben die Eigenschaft, immer sehr viel mehr ‚Verwertbares’ zu liefern als ursprünglich erfragt wurde. Insofern deutet der amerikanische Spionageangriff auf SWIFT an, dass die Dienstleistungszentralen globaler Geldmachtapparate auch ‚Kriegsschauplätze’ sind, in denen das Personal – Geldeliten, Managereliten, politische Eliten und Wissenseliten – durchaus disponiert ist, einander bis aufs Messer zu bekämpfen.

Also auch als das Abbild eines Kriegsschauplatzes kann man das hübsche Diagramm betrachten, welches die New York Times anlässlich des SWIFT-Skandals erstellte [56] :



[50] Rita Syre, ‚Wird Deutschland weggespült?’, manager-magazin, 12.5.2006

[51] ‚Who will own Europe?’ Workshop der EU Kommission ECFIN (2003), a.a.O.
[52] J.P.Raes, ‘Restrictions on Foreign Ownership’, http://ec.europa.eu/economy_finance/events/2003/workshop/raes.pdf
[53] H.Huizinga/C.Denis; ‘Are Foreign Ownership and Good Institutions Substitutes?’, http://ec.europa.eu/economy_finance/events/2003/workshop/huizinga_denis.pdf, Fig.2, p. 33
[54] ebenda, p. 16
[55] J. Huffschmid, Wem gehört Europa?, a.a.O.
[56] U.S. sifted bank data in secret’, 23, 2006
SWIFT
Ich teile Ihre Einschätzung der Bedeutung der SWIFT-Spionage. Nun gibt es ja neben SWIFT noch eine weitere europäische Clearingstelle, nämlich Clearstream (früher Cedel) in Luxemburg. (Sie wurde im Sommer verschiedentlich im Zusammenhang mit Schwarzgeldkonten französischer Politiker in den Medien erwähnt). Clearstream hat nach eigenen Angaben einen höheren Umsatz als SWIFT. Im Buch "Das Schweigen des Geldes. Die Clearstream-Affäre" von Ernest Backes und Denis Robert (dt. Ausgabe: Zürich: Pendo-Verlag, 2003) wird eindrücklich beschrieben, wie diese Clearingstelle funktioniert und zu kriminellen internationalen Finanztransaktionen genutzt
wird. Es scheint mir unplausibel, dass unsere "amerikanischen Freunde" nicht auch die Clearstream-Daten abgegriffen haben. Sofern meine Vermutung stimmt, verfügen die USA über die kompletten (!) Daten über legale und illegale internationale Finanztransaktionen von europäischen Banken und Konzernen (und damit über ein erhebliches Erpressungspotential).
E.Sch., Stuttgart
 
 

2. Akteure der Geldmacht

2.1. Profiteure des Geldmachtapparats

Der Mythos der Meritokratie, also der Leistungsgesellschaft, verblasst, schreibt Claus Leggewie. „Superreichtum wird zu einer Gefahr für die Demokratie.“ [57] Schon zu Clintons Zeiten konstatierte William Pfaff für die USA: „Der wichtigste Wandel unserer Zeit ist die Aufwertung der Rolle des Geldes bei der Bestimmung der Frage, wie Amerika regiert wird. Diese Rolle war niemals gering, aber sie gewann eine neue Dimension, als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Geld, welches für die Wahl von Kandidaten und für die Förderung von privaten und kommerziellen Interessen in Washington ausgegeben wird, eine Form der verfassungsmäßig geschützten Meinungsäußerung darstellt. Dadurch wurde eine repräsentative Republik umgewandelt in eine Plutokratie“. [58] Das gegenwärtige Anwachsen des privaten Reichtums, schreibt der amerikanische Autor Kevin Phillips [59] , sei nur mit dem Goldenen Zeitalter der Jahrhundertwende und den Zwanzigern zu vergleichen. In jeder dieser Perioden hätten die großen Vermögen die demokratischen Werte und Institutionen unterminiert und schließlich die Wirtschaft ruiniert. All dies gilt auch für Europa.

Seit den 90er Jahren hat das Ausmaß privaten Reichtums auch hier schwindelerregende Dimensionen angenommen. Waren 1982 die 100 reichsten Europäer im Durchschnitt noch jeweils 230 Millionen Dollar wert, so betrug ihr durchschnittliches Vermögen im Jahre 2005 das 10fache, nämlich 2,6 Milliarden Dollar. [60]

Wir leben, wie Giovanni Arrighi konstatiert (s.o.), in einer USA-dominierten Phase globaler finanzieller Expansion, in der „sich eine ausgedehnte Menge von Geldkapital (g’) aus seiner Warenform“ befreit und Akkumulation sich vornehmlich „in Gestalt von Geldgeschäften‚ financial deals (wie in Marxens verkürzter Formel gg’)“ vollzieht. [61] Diese Phase finanzieller Expansion wird durch eine Verwissenschaftlichung bzw. Informatisierung von Macht- und Herrschaftstechniken abgestützt, wie man sie bislang nicht kannte. [62] Extrem billige Rechnerkapazitäten und darauf basierende statistische Techniken erlauben die Verarbeitung großer Mengen ökonomischer und sozialer Daten und damit eine Durchleuchtung der Gesellschaft durch wirtschaftliche Interessen [63] , welche der alten Rede von der Herrschaft der Technokraten neuen Inhalt gibt. Denn es ist inzwischen klar geworden, dass die technisch bedingte Zentralisierung von Macht und die ‚extreme Verkürzung von Zeithorizonten im Unternehmensmanagement’ (Richard Sennett) zwar zu einem Anwachsen von Zahl und Bedeutung der Experten, nicht aber, wie Daniel Bell [64] einst meinte, zu ihrer Herrschaft geführt hat. Im Gegenteil: sie sind zu einer neuen Dienstklasse der Geldelite geworden.

Die Geldelite wiederum verkörpert im gegenwärtigen Zyklus finanzieller Expansion nichts so sehr wie die Befreiung großer Geldmengen aus der Warenform und deren Umwandlung in die Machtform. Nicht nur also wird Macht monetarisiert, sondern durch die Geldelite werden umgekehrt Geldwerte auch vermachtet. Das ist im Grunde ein uralter Prozess auf der Grundlage der Tatsache, dass man mit Geld nicht nur mehr Geld, sondern ‚alles’ machen kann. Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine ‚völlig losgelöste und zu allem fähige’ soziale Schicht, welcher die Wissens- und Informationsgesellschaft alle Mittel in die Hände legt, um sich als eine neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren. Ihre Machtbasis ist der Geldmachtapparat. Um diese neue gesellschaftliche Mitte lassen sich dann in einem Ringmodell weitere Gruppen und Schichten anordnen, welche der Geldmacht zuarbeiten bzw. von ihr abhängen.

Der Geldelite am nächsten operieren sicherlich die Konzern- und Finanzeliten, die Chief Executive Officers der verschiedenen Wirtschaftsbereiche. Diese Gruppen fungieren als Spezialisten der Kapitalverwertung bzw. der Absicherung und Expansion von Akkumulationsmöglichkeiten. Manche von ihnen – aber erstaunlicherweise gar nicht so viele – steigen selbst in die eigentliche Geldelite auf. Von ihren Vermögensverhältnissen her gehören sie auf jeden Fall zu den HNWIs oder auch UHNWIs. Ihr Dienstklassenstatus drückt sich im wesentlichen darin aus, dass sie, im Gegensatz zur Geldelite, entlassen werden oder ‚stürzen’ können. Je nach Loyalität gegenüber ihren jeweiligen Herren (den großen Investoren und Anteilseignern) kooperieren oder konkurrieren sie untereinander, haben also zunächst einmal nicht unbedingt ein einheitliches strategisches Bewusstsein (wie man es traditionellerweise etwa der ‚Kapitalistenklasse’ zuschrieb). Was sie verbindet, ist die Maxime der Gewinnsteigerung.

Den nächsten Funktionsring bilden die Spezialisten der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die politischen Eliten. Alle Parlamente, alle Regierungen haben aus der Sicht des Geldmachtapparats die Funktion der Verteilung des Reichtums von ‚unten’ nach ‚oben’. Folglich wirkt er durch Lobbyismus und Korruption in dieses Feld der politischen Eliten hinein, das dadurch hochgradig differenziert und konfliktualisiert wird. Auch viele Politiker und vor allem Ex-Politiker können sich unter die HNWIs rechnen, Aufstiege in die Geldelite aber sind nahezu ausgeschlossen (Ausnahmen wie der Bush-Clan bestätigen die Regel).

Den Außenring schließlich bilden die bereits erwähnten, für die Entstehung und Expansion des Geldmachtapparats unentbehrlichen Technokraten und Experten aller Art (analytisch, symbolisch, affektiv), kurz: die Wissenseliten. Entsprechend ihrem Ranking, das sich nach der Nützlichkeit für die ökonomischen, sozialen und kulturellen Interessen des Geldmachtapparats bemisst, können auch sie in die Ränge der HNWIs aufrücken, kaum aber höher (Ausnahmen wie die dot.com-Milliardäre bestätigen die Regel).

Der französische Soziologe Mattei Dogan, der mit einem ähnlichen Ringmodellarbeitet [65] , hat bezüglich der französischen Elitenkonfiguration die Frage gestellt, ob und wie man diese Gruppen zahlenmäßig fixieren könne. So kann die Zahl der Angehörigen etwa der Wissenseliten, je nach Zählperspektive, sowohl in Bezug auf EU-Europa oder auf ein einzelnes Land, jeweils in die Millionen gehen, die Zahl für die politischen Eliten in die Hunderttausende, die Zahl für die Konzerneliten in die Zehntausende und die Zahl für die Geldelite in die Tausende. Interessant und entscheidend aber ist, dass in einem Winner Takes All-System das Ranking die entscheidende Rolle spielt und man deshalb zunächst einmal, um diese Gruppen in den Blick zu bekommen, mit den ‚obersten Hundert’ aus allen Bereichen ganz gut bedient ist. Hier werden die Profiteure des Geldmachtapparats – obgleich statistisch quantités négligables – sichtbar und greifbar.

Für die gegenwärtige europäische Elitenkonfiguration und das Netzwerk der Geldmacht sind einige weitere Fragen von Belang: Wie steht es um die Vererbung von Machtpositionen? Welche Rolle spielt die Bürokratie? Gibt es tatsächlich einen Eisernen Vorhang zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten? Welche Rolle spielt das Ranking im Geldmachtapparat? [66]

Hinsichtlich der Vererbungsfrage kommen alle Untersuchungen [67] zu dem Schluss, dass zwischen Geldmachtpositionen (Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager, Politiker, Technokraten, Kultureliten) andererseits scharf unterschieden werden muss. Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung ihrer Positionen, letztere nicht. Innerhalb der Geldelite spielt dabei sowohl in den USA als auch in Europa „das Phänomen der Verschwägerung eine große Rolle, während eine Verschwägerung zwischen der ökonomischen und der politischen Elite kaum vorkommt.“ [68] Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums. [69]

In mehreren europäischen Ländern hat eine bürokratische Elite die Elitenkonfiguration beeinflusst. In Deutschland war sie maßgeblich am Entstehen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems beteiligt [70] , in Frankreich bildet sie in Gestalt der Enarques das Rückgrat der Republik. Dogan spricht sogar von einer ‚Republik der Mandarine’ [71] , da die durch Elite-Verwaltungsakademien wie die École nationale d'administration (ENA) geschleusten Enarques sich als eine absolute Elite in Macht- und Herrschaftsdingen verstehen. Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass ein solches Selbstverständnis auch in den Brüsseler Beamtenapparat transportiert werden könnte.

Entscheidend für ein Verständnis der europäischen Machtelitenkonfiguration aber ist die praktisch unüberbrückbare Mauer zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten. Weder Spitzenmanager noch Spitzenbürokraten noch Spitzenpolitiker haben wirklich eine Chance, in diese Kreise integriert zu werden. Denn die Geldelite lebt auf einem anderen Planeten. „Unter den 100 reichsten Personen Frankreichs gab es 1987 keinen der Großkapitalisten, den eine politische Karriere in Versuchung geführt hätte und nur ganz wenige hatten familiale Bindungen zu Politikern. Unter den wichtigen Politikern der 90er Jahre gibt es einige, die relativ wohlhabend sind, aber keiner gehört zu den 500 reichsten Personen in Frankreich. Und unter den 500 reichsten Unternehmern, die meist auch die reichsten Familien repräsentieren, gibt es nicht mehr als eine Handvoll Absolventen der Ecole Polytechnique. Aus dieser erbarmungslosen Statistik ergibt sich ein tektonischer Bruch, der die kapitalistische Elite von den anderen Elite-Kategorien trennt.“ [72] Das bedeutet aber nicht, dass die ‚kapitalistische Elite’, wie Dogan sie noch nennt, nicht ‚herrscht’. Vielmehr: der Geldadel verwaltet nicht, er treibt keine Politik und er produziert keine Kultur, aber er lässt verwalten, verteilen, erfinden und denken.

Bleibt noch die Frage nach der Rolle des Ranking innerhalb der verschiedenen Dienstklassen. Zunächst einmal: der Rang innerhalb der Elitenringe drückt sich aus in den jeweiligen Vermögens- und Einkommensverhältnissen. Bemessen aber wird der Rang nach den jeweiligen Funktionen für den Geldmachtapparat. Das Denken in kurzen Fristen der Gewinnmaximierung ist kein neues Phänomen in der Konzernwelt, aber es ist unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung ein entscheidendes Systemmerkmal geworden. “Ein kompetitiver Markt erzeugt hinsichtlich der payoffs riesige Unterschiede zwischen ‘Gewinnern’ und ‘Verlierern’, ein Winner Takes All-System entsteht. Wenn so hohe Einsätze vom nächsten Schritt abhängen, werden Unternehmen und Individuen sich schlichtweg auf den Sieg in der nächsten Runde konzentrieren, also kurzfristig denken, was immer an langfristigen Folgen für das Unternehmen dabei herauskommt.“ [73] Genau dieser Mechanismus aber bewirkt, dass diejenigen Individuen oder Gruppen, die erst einmal in die oberen Ränge gelangt sind, immer höhere payoffs realisieren, während die übrigen unverhältnismäßig stark zurückfallen. So entstehen in allen Bereichen der Gesellschaft die berühmten Ranking-Listen – und sie werden vom Geldmachtapparat sehr genau wahrgenommen, denn sie deuten auf jeden Fall auf das beste ‚Dienstpersonal’ in Akkumulationsdingen, aus dem sich dann auch die jeweiligen Spitzengruppen in unserem Ringmodell rekrutieren. Das Bild ist einfach:

“Man nehme die Filmindustrie als Beispiel. Zu jedem Zeitpunkt wird es nur ganz wenige Schauspieler geben, die Millionen von Dollars für den Auftritt in einem Film verlangen können. Nur wenige haben einen weltweit bekannten Namen. Schon diejenigen auf dem zweiten Rang verdienen erheblich weniger, und der Rest dieses Berufsstandes findet sich beim Kellnern oder in billigen Werbespots wieder. Die Spannweite der Einkommen ist extrem, die Verteilung gleicht einer außerordentlichen Pyramide mit einer ganz kleinen Spitze und einer ganz breiten Basis.“ [74]

 


[57] Claus Leggewie, Frankfurter Rundschau, 3.6.2003, S. 11

[58] William Pfaff, International Herald Tribune, December 6, 1999
[59] Kevin Phillips, Die amerikanische Geldaristokratie, Frankfurt/M., New York 2003
[60] Eigene Schätzung aufgrund der Angaben in den Abschnitten 1.2. und 2.5.
[61] vgl. G.Arrighi, a.a.O., p. 4
[62] nur davon eigentlich handelt Hardt/Negris Buch Empire, a.a.O.
[63] Diane Coyle, ‘Big ideas – Our economies are no longer autistic’, New Statesman, July 26, 2004
[64] Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973
[65] Mattei Dogan, a.a.O., vergleichbare Modellvorstellungen innerhalb des Power Structure Research sind uns sonst nicht bekannt
[66] Dogan, a.a.O., p. 20
[67] Vgl. hier nur Wolfgang Zapf, Wandlungen der deutschen Elite, München 1966
[68] Dogan, a.a.O., p. 28
[69] Gegen diese Praxis sprach sich jüngst der zweitreichste Mann der USA, Warren Buffet, aus (s.u.)
[70] Dies ist eine der Hauptthesen von Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944 (Erstausg. 1944), Frankfurt 1984
[71] Das Wort ‚Mandarin’ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet ‚Staatsrat’ oder genauer: Berater des Staates. So wurden im kaiserlichen China die höheren Staatsbediensteten genannt. „Frankreich ist das einzige Land, in dem ein ähnliches Selektionssystem für die höheren Beamten der staatlichen Verwaltung besteht.“  Dogan, a.a.O., p. 77; vgl. auch Noam Chomsky, American Power and the New Mandarins, New York 1969
[72] Dogan, a.a.O. p. 62f
[73] Eduard Garcia, ‘Corporate Short-Term Thinking and the Winner Takes All Market’, http://www.westga.edu/~bquest/2004/thinking.htm
[74] Diane Coyle, ‘‚Winner takes all’ markets’, Prospect Magazine 33, August 1998, p. 25
 
 

2.2. Wissenseliten: ‚Informieren’, Verwalten, Wohlfühlen

Auch in den Wissenseliten haben wir eine breite Basis, die Dogan für Frankreich so beschreibt: „1) Mehrere tausend ‚Intellektuelle’ (Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, Professoren), die in ihren jeweiligen Kreisen gut bekannt sind, aber nicht berühmt genug, um es an die Höfe des inneren Zirkels geschafft zu haben. 2) Mehrere tausend in ihrer Profession sehr erfolgreiche Personen (Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte, Musiker, Designer, Forschungsreisende, Sportler), die großes Prestige genießen, aber ebenfalls nicht an den Höfen des inneren Zirkels angelangt sind. 3) Mehrere tausend führende Personen aus dem Gewerkschaftsbereich, die aber nicht so einflussreich sind, dass sie am Rande des inneren Zirkels mitmischen können. 4) Mehrere tausend Journalisten und Eigentümer von Massenmedien (Druck und elektronisch), welche zwar in gewisser Weise das Verhalten aller anderen Eliten ‚überwachen’, manchmal dabei sogar entscheidende Rollen spielen können, von denen aber nur eine ganz kleine Minorität etwas mit dem innersten Zirkel zu tun hat.“ [75]

Die eigentliche Elite innerhalb der Wissens- und Funktionseliten, die durch ihre Funktionalität für den Geldmachtapparat in den Ranking-Listen ganz oben steht (z.B. ‚der zweitbeste Urologe’, der ‚einflussreichste Intellektuelle’), hebt sich von der breiten Basis durch ihr Vermögen und Einkommen ab. Das geht bis zu den Domestiken, wenn dem schlechtbezahlten Butler der mit 300 000 Dollar Jahresgehalt bezahlte Kapitän der privaten Luxusmotoryacht oder der hochdotierte ständige Begleiter und Vertraute gegenüberstehen. Über diese individuelle Ebene hinaus lassen sich für die verschiedenen Sparten – Wissenschaft, Medien, Kultur, Verwaltung usw. - ‘Direktorate’ [76] oder Kartelle der ‚winner’ mit zum Teil exorbitanten Einkommens- und Vermögensvorteilen identifizieren.

Dabei muss auf eine europäische Besonderheit hingewiesen werden. Sowohl Dogan als auch in gewisser Weise Pierre Bourdieu [77] heben hervor, dass die europäischen wissenschaftlichen und kulturellen Eliten - als eine bislang wenig strukturierte oder gar organisierte Gruppe – gleichwohl jene Funktionen der Beratung und Strategiebildung übernommen hatten, die in den USA längst auf Think Tanks übergegangen sind. Insofern ist, wer in den USA ‚dazugehört’, einem oder mehreren Think Tanks verbunden und wird über diese Verbindungen in das Ranking-System einsortiert. Ähnliche Tendenzen gibt es aber inzwischen auch in Europa. Auch hiesige intellektuelle Netzwerker [78] plädieren für eine ‚querverbindliche’ Elitenkommunikation im Stile eines ‚Washington Szenarios’ der Think Tanks, Foundations, Policy Discussion Groups usw. [79]

Fangen wir also gleich bei den ‚Spitzenprofessoren’ an. Bei der Vorstellung seines Buchs ‚Machtwahn’ nannte Albrecht Müller, ein namhafter Kritiker der ‚deutschen Eliten’, Ross und Reiter: „Sie finden in meinem Buch Belege und Dokumente dafür, wie sich zum Beispiel die Professoren Raffelhüschen und Rürup, Miegel und Sinn in den Netzwerken der privaten Interessen bewegen. Sie werden in unseren Talkshows ‚Wissenschaftler’ genannt, ihre öffentlichen Äußerungen und ihr Ratschlag in den vielen Kommissionen sind jedoch über weite Strecken nur zu verstehen und einzuordnen, wenn man begriffen hat, dass sie die Interessen der Versicherungswirtschaft vertreten und dafür auch entgolten werden.“ [80]

Ein Beispiel aus der Endzeit der D-Mark beleuchtet die beachtlichen Einkünfte politischer Beamter, wie es etwa die Präsidenten der neun deutschen Landeszentralbanken (LZB) sind. Auch nach dem durch die europäische Zentralbank bewirkten Kompetenzverlust der LZBs in Sachen Geldpolitik und ihrem dadurch möglichen freiwilligen Ausscheiden liefen ihre Gehälter bis zum Ende der vertraglichen Amtszeit in voller Höhe weiter. So gehörten die Professoren Helmut Hesse (LZB Bremen, Niedersachen, Sachsen-Anhalt) und Olaf Siewert (LZB Sachsen, Thüringen) noch eine ganze Zeit lang „mit 400 000 Mark Jahresgehalt zu den bestbezahlten VWL-Professoren der Republik.“ [81]

Eine andere Belohnung hoher Ranking-Plätze im akademischen Bereich sind die zum Teil enormen professoralen Einkünfte aus Nebentätigkeit, die fast immer in geldmachtrelevanten Gutachten und Beratungen oder in geldelitenrelevanter Gesundheitsbetreuung bestehen. Manche Professoren verwenden ihr Hochschullehrergehalt  allein dazu, die Steuern für ihre zusätzlichen Einnahmen durch Gutachten oder Ähnliches zu begleichen. [82] Und bei den führenden Kulturschaffenden oder den Medieneliten sieht es kaum anders aus, während sich die große Masse der ebenfalls Hochqualifizierten, gemessen an den Möglichkeiten des Geldmachtapparats, doch sehr bescheiden muss. Die Zeitschrift Cicero hat eine Gehaltsliste unserer im Verborgenen blühenden geistigen Elite angefertigt:

Wieviel Gehalt für Lehrer, Dichter und Denker?

Beruf

Bruttomonatsgehalt

Schulleiter eines Gymnasiums

4750

Universitätsprofessor (Grundgehalt W3)

4723

Museumsdirektor an kl. städt. Haus

4423

Kulturredakteur im Rundfunk

4400

Verlagslektor

3700

Juniorprofessor (Grundgehalt W1)

3405

Lehrer am Gymnasium

ab 2880

Zeitungsredakteur

ab 2800

Orchestermusiker

ab 2400

Dramaturg

2045

freier Lektor

1830

Theaterschauspieler

ab 1550

freier Literaturübersetzer

1400

Volontär am Museum

1200

Illustrator

ab 1011

Theaterautor

ab 883

Quelle: Cicero 7/2006


Auch  in der Beamtenelite gibt es diese großen Differenzen des Winner Takes All-Systems. Selbst die Karrieren der französischen enarques, der Produkte jener elitistischen greenhouses of technocracy (Dogan), spalten sich dramatisch auf: nur 10 Prozent erreichen tatsächlich Teilhabe an der (staatlichen) Macht, werden rulers. Die übrigen 90 Prozent bleiben relativ machtlose Bürokraten und Technokraten mit ‚Ausbesserungsfunktionen’, sie werden trimmers. [83] Dieses Muster privilegierter Spitzen- und unterprivilegierter Fußvolkbeamten findet sich auch in der Brüsseler Bürokratie. Zunächst einmal gibt es hier eine beachtliche – und durch zahlreiche Sondervergünstigungen noch vergrößerte – Schere zwischen gleichrangigen (höheren) Beamten in nationalen vs. europäischen Diensten:

Vergleich der Netto-Gehälter (Euro) im höheren Öffentlichen Dienst in Europa

Deutschland

Frankreich

Großbritannien

Italien

Europa

Beamte

Angestellte

Beamte

Beamte

Beamte

Beamte

B3/A16
45 418

BAT-I
32 433

Sous Directeur
50 478

Grade 5
55 071

Ex. Primo Dir
24 923

A3
76 435

A15
39 476

BAT-Ia
28 758

Adm. civil hors cl.
50 478

Grade 6/7
45 883

Livello IX
17 019

A4/A5
62 297

A14/A13
33 966

BAT-Ib/IIa
25 507

Adm. civil 1ère cl.
46 795

Grade 8
33 606

 

A6/A7
48 371

Quelle: Comparative Study of the Remuneration of Officials of the European Institutions, Juni 2000


Zum anderen bestehen innerhalb der Ränge des Brüsseler Beamtenapparats einschließlich der politischen Beamten, der Direktoren und Kommissare, noch einmal massive Winner Takes All-Differenzen. So beziehen die 60 Generaldirektoren, die an der Spitze der Beamtenhierarchie der EU stehen, monatliche Grundgehälter, die zwischen 13 000 und 16 000 Euro liegen und mit Zulagen über 20 000 Euro erreichen können. Damit kommen sie an das Gehalt der Bundeskanzlerin heran bzw. übertreffen es. Zudem sind die Unterschiede zwischen den höchsten und niedrigsten Besoldungsgruppen erheblich größer als beispielsweise in der Bundesrepublik. [84]

Ein anderes Segment der Wissenselite, die Zunft der Berater für alle Management- und Investmentfragen, ist ähnlich strukturiert. [85] Die Zeitschrift Cicero hat einen Vergleich von guten Jobs in der ‚Forschung’ (Produktionskapitalismus) und in der ‚Wirtschaft’ (Finanzkapitalismus) angestellt:

Berufsjahre

Forschungsjobs

Jahresgeh.

Wirtschaftsjobs

Jahresgeh.

3-6

Naturwissenschaft

52 000

Unternehmensberater

69 000

3-6

Medizin

58 000

Investmentbanker

92 000

3-6

Technik

55 800

Fondsmanager

74 590

Quelle Cicero 7/2006, www.personalmarkt.de


„Der Wechsel aus der Forschung in anspruchsvolle Positionen der freien Wirtschaft macht sich auf dem Gehaltszettel oft mit einem Plus von mehreren tausend Euro pro Monat bemerkbar.“ [86] Ein ‚Wechsel’ wird empfohlen ... Doch selbstverständlich handelt es sich bei diesem Cicero-Beispiel nur um Bewegungen auf mittlerer Höhe der Pyramide. Die Elite der Unternehmens- und Investmentberater schwebt in ganz anderen Regionen. So schütten Goldmann Sachs, Deutsche Bank & Co im Jahre 2006 rund 7,5 Milliarden Pfund an Sonderprämien für ihre Londoner Investmentbanker aus. Einige von ihnen verdienen damit noch sehr viel mehr als Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank. [87] Dieser wiederum wies Kritik an solchen Millionengehältern im Investment-Banking energisch zurück. Ein Top-Manager habe Verantwortung für Tausende Menschen und Milliarden von Euro. Er müsse deshalb nach internationalen Maßstäben vergütet werden, "sonst wird er sehr schnell von der Konkurrenz abgeworben". [88] Und dieses Argument sticht in der Tat: Wer es im Ranking-System des inneren Heiligtums des Geldmachtapparats zu etwas gebracht hat, ist unersetzbar, so lange die Kassen weltweit klingeln. Das ist genauso wie bei Tom Cruise oder Nicole Kidman in der Kinowelt.

Interessant ist auch die Funktion der Wohlfühleliten oder celebrities [89] aus der Massenkultur- und Sportszene. Ihre Rolle bei der Durchsetzung der usurpatorischen Absichten des Neoliberalismus und überhaupt von Macht- und Geldmachtgelüsten wird oft unterschätzt. Dabei sind ihre Funktionen vielfältig. Sie helfen durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit oder auch in der Werbung, dass alles und jedes – Nationalstolz, bestimmte Markennamen oder sonstige Namen, bestimmte Glücksvorstellungen usw. – idealisiert und damit als Leitmotiv ins gesellschaftliche Bewusstsein gehoben werden können. Vor allem aber sind sie der lebende Beweis dafür, dass man ganz oben ankommen kann, ohne auch nur über die geringste wirkliche Macht zu verfügen. Damit sind sie die Gruppe, welche die allgemeine Aufmerksamkeit am effektivsten von den tatsächlichen Machtverhältnissen ablenkt. Und für diese verborgene Machtfunktion werden die wenigen Glücklichen, die es von den Rändern der Gesellschaft nach oben schaffen, fürstlich entlohnt. Dass Fußballspieler wie Ballack oder Zidane mit Jahresgehältern von mehreren Millionen Euro rechnen können, ist bekannt. Und kurioserweise regt sich, anders als bei den hohen Managergehältern, kaum jemand darüber auf. Auch dafür hat Josef Ackermann eine Erklärung: "Fußballer sind populärer als Banker ... Wenn Sie einen Freistoß auf 18 Metern direkt verwandeln oder einen Fallrückzieher versenken, wenn Sie als Skifahrer die Abfahrt runterrasen, werden sie allseits bewundert." Bei Managern hingegen sei die Leistung nicht unmittelbar sichtbar und damit nicht unmittelbar nachvollziehbar [90] - was aber auch daran liegen kann, dass Manager nicht in der Öffentlichkeit bzw. nicht unter demokratischer Kontrolle agieren müssen.

Die Vermittlung von ohnmächtigen Glücksgefühlen durch die Entertainment-Industrie wird übrigens noch reicher honoriert. Der britischen Zeitschrift Sunday Times zufolge gehören zu den reichsten Entertainern der Insel die Popgruppe U2 mit 469 Mill.£ und ‚Lord of Dance’ Michael Flatley mit 375 Mill.£ Vermögen. U2 hatten im Jahre 2005 auch die höchsten Einkünfte (146 Mill.£), es folgten die Rolling Stones (87 Mill.£) und Sir Paul McCartney (48 Mill.£). Die Reichsten in der Sparte Film und Fernsehen waren Joanne Rowling (520 Mill.£), Simon Fuller (300 Mill.£), Madonna & Guy Ritchie (248 Mill£) und Catherine Zeta-Jones & Michael Douglas (175 Mill.£). [91]

Diese Beispiele für Stars aus der Rock- und Popszene - mit ihrer kaum zu überschätzenden Integrationsfunktion - zeigen zwar, dass man mit Gitarre und Gesang und sogar mit dem Schreiben von Jugendromanen die Stufe der UHNWIs erreichen kann. Zugleich aber ist klar, dass diese Individuen (anders vielleicht als ihre Finanzberater) kaum Verbindungen zum Geldmachtapparat haben, sondern gerade deshalb belohnt werden, weil sie am äußersten Rand dieses Netzwerks die emotionalen Fäden spinnen, die jede Macht- und Herrschaftsstruktur braucht, wenn sie nicht allein auf Gewalt bauen will.



[75] Dogan, a.a.O., p. 23

[76] C. Wright Mills, The Power Elite, New York 1956 (Neuaufl. 2000), p.231ff
[77] mit seinen Hoffnungen auf einen ‚Aufstand’ der europäischen Intellektuellen
[78] als die sich z.B. die Soziologen Heinz Bude und Hermann Schwengel geoutet haben, vgl. Alexander Kissler, ‚Bloß nicht sein wie Anke. Die Soziologen suchen und finden den Sinn der Ungleichheit’, SZ, 9.10.2004
[79] Vgl. R.Hitzler, St.Hornbostel, C.Mohr (Hg.), Elitenmacht, Wiesbaden 2004
[80] Albrecht Müller, Einführung zur Buchvorstellung Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet, 11.4.2006, http://www.nachdenkseiten.de/
[81] Der Spiegel, 15.3.1999, S. 91
[82] D.Kainz, K.Taschwer, ‚Wieviel Wissenschaftler verdienen’, heureka, Wissenschaftsbeilage der Wochenzeitung Falter, 23.3.05
[83] Dogan, a.a.O., p. 50
[84] Hans Herbert von Arnim, Das Europa Komplott, Wie EU-Funktionäre unsere Demokratie verscherbeln, München 2006, S. 181ff
[85] vgl. dazu vor allem Thomas Leif, a.a.O.
[86] Nils aus dem Moore, ‘Kampf um die Köpfe’, Cicero, 7/2006, S. 93
[87] Karl von Klitzing, ‚Füllhorn über London’, manager magazin, 31. Januar 2006, http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,398207,00.html
[88] ‚Ackermann fordert höhere Politikergehälter’, Spiegel Online, 19. Januar 2006, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,396021,00.html
[89] Vgl. C. Wright Mills, a.a.O., p. 231ff
[90] ‚Ackermann fordert ...’, a.a.O.

 

Goldman Sachs - Visions of Bonus

 

 
 

2.3. Politische Eliten: das Geschäft der ‚gerechten’ Verteilung

Zigtausende Europäerinnen und Europäer sind in Parteien, in Parlamenten und Exekutiven auf allen Ebenen als Profis oder als Amateure daran beteiligt, den gesellschaftlichen Reichtum ‚gerecht’ oder im Interesse bestimmter Klientele zu verteilen. Unter ihnen gibt es Zehntausende, deren Namen in den Medien erwähnt werden und die in ihren politischen Organisationen wohlbekannt sind, die aber nicht die Spitze der politischen Pyramide erreicht haben. Schon um sie, aber vor allem um die ‚hochrangigen’ Politikerinnen und Politiker ranken sich weitere Gruppen, die mit Verteilungsfragen zu tun haben: Lobbyisten, Verbandsfunktionäre, Rechtsanwälte, politische Beamte, Medienleute usw.

Im Zentrum dieser Netzwerke finden wir Strukturen, die man als Partei-Oligarchien oder ‚politische Direktorate’ bezeichnet hat. [92] Inzwischen lässt sich möglicherweise sogar von einem globalen Zentrum dieser Art, einem Unified Global Command [93] sprechen. Strukturell bestehen diese ‚Direktorate’ aus kleinen Gruppen von Personen, welche letztlich die exekutiven Entscheidungen treffen. In Wahlkämpfen geht es immer um die Besetzung dieser Schlüsselpositionen, die auch in und zwischen den Eliten, bis in die Geldelite hinein, heiß umkämpft sind.

Hat sich ein solches Direktorat dann erst einmal stabilisiert, bildet es eine zentrale - wenngleich nicht unbedingt die wichtigste - Stütze des Geldmachtapparats. Albrecht Müller beschreibt eine solche Konfiguration für Deutschland:

„Was für Leute sind das an der Spitze? Horst Köhler, Angela Merkel und Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Martin Kannegiesser von den Metall- und Elektroarbeitgebern und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, Jürgen Thumann und Michael Rogowski, der amtierende und der frühere Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Stefan Aust und Gabor Steingart vom Spiegel, Friede Springer und Mathias Döpfner von Springer, Jürgen Kluge von McKinsey und Roland Berger, Bert Rürup, Hans-Werner Sinn, Klaus Zimmermann, Bernd Raffelhüschen und nahezu der ganze Rest der Wirtschaftsprofessoren, Arnulf Baring und Lord Dahrendorf, Paul Nolte, Meinhard Miegel, Warnfried Dettling und Werner Weidenfeld, Liz und Reinhard Mohn, die Bertelsmann Stiftung samt deren Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) und dem Bertelsmann-Centrum für Hochschulforschung (CHE), die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit ihren Kuratoriumsvorsitzenden Hans Tietmeyer und ihren ‚Botschaftern’ und über ein Dutzend Nachahmer-Initiativen, Franz Müntefering, Edmund Stoiber, Matthias Platzeck, Friedrich Merz, Guido Westerwelle und die jungen Netzwerker aller Parteien – und so weiter ... Sie und noch viele, viele andere, die hier nicht genannt werden, sind die Köpfe und Institutionen, die als Treibende und Getriebene den neoliberalen Strom ausmachen. Sie bilden die Elite, von der hier die Rede ist.“ [94]

Es gibt inzwischen zumindest in Westeuropa einen Markt für Bücher wie die von Albrecht Müller, Jürgen Roth, Thomas Leif usw. [95] , auch wenn die analytische Durchdringung dieser Netzwerke erst am Anfang steht. Investigativer Journalismus deckt für die Bundesrepublik die Rolle der ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft’ und der Bertelsmann-Stiftung auf. [96] Ideelle Korruption in der Wissenschaft, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in den Parteien wird zum Thema. Und immer deutlicher erscheinen hinter den kleinlichen politischen ‚Streitereien ums Geld’ die großen Verteilungsfragen und werden grundsätzlicher diskutiert. Privatisierung ist nicht mehr das Zauberwort der Transformationsprozesse im Osten und des ‚Freiheits’-Diskurses überall. Public-private partnerships werden als das erkannt, was sie sind: Operationen des Geldmachtapparats zur Verschiebung der Werte in die Hände der HNWIs und vor allem der UHNWIs. Die Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme, vor allem der gesetzlichen Rente, erweist sich als ein gewaltiges Umverteilungsgeschäft, das z.B. in der Bundesrepublik der Versicherungswirtschaft einen jährlichen Umsatzgewinn von 15 Mrd. Euro bringen wird. [97] Nur die politischen Eliten erkennen das alles nicht. Warum?

Vielleicht gibt es eine sozialpsychologische Erklärung. Einmal in eines der wichtigeren europäischen Parlamente gewählt, ob auf nationaler Ebene oder in Brüssel/Straßburg, wird auch das schlichteste Parlamentsmitglied auf sehr sinnfällige Weise in die Lebenswelt des Geldmachtapparats einbezogen. Auf einmal verfügt es, zumindest ansatzweise, über luxuriöse Fahr- und Flugzeugparks, persönliches und allgemeines Hilfspersonal, Zugang zu ‚exklusiven’ formellen und informellen Veranstaltungen aller Art. Lobbyisten öffnen soziale und kulturelle Räume und damit sonst der Geldelite vorbehaltene Perspektiven. Eines der prominentesten Beispiele bot vor einiger Zeit Kommissionspräsident José Manuel Barroso, als er eine Einladung zu einer Schiffsreise durch einen Industriellen mit massiven wirtschaftlichen Interessen an bestimmten EU-Maßnahmen ohne jedes Verständnis für die Problematik rechtfertigte, mit Details zu der Reise viel zu spät herausrückte und trotzig betonte, er werde derartige Einladungen auch in Zukunft annehmen. [98]

Wichtiger aber ist die Frage, wie die politische Elite mit der Tatsache umgeht, dass durch ihre Aktivitäten die Reichen zwar immer reicher werden, sie selbst aber pekuniär vergleichsweise bescheiden davon profitiert. Nach einer Aufstellung des Spiegel [99] gab es im Jahre 2002 in Deutschland 4000 Personen mit einem liquiden Vermögen von über 30 Mio. Euro, 15 600 mit einem Vermögen zwischen 3 Mio. und 30 Mio., weitere rund 165 000 Millionäre sowie rund 460 000 Personen mit einem liquiden Vermögen zwischen 300 Tsd. und 750 Tsd. Euro. In Westeuropa waren Reiche (ab 300 Tsd. Euro Vermögen) wie folgt verteilt: Skandinavien 114 000, Spanien 247 000, Italien 412 000, Großbritannien 571 000, Frankreich 586 000. Demgegenüber erscheinen Politikereinkommen in der EU [100] nicht gerade beeindruckend:


 

Andererseits liegen diese Einkommen weit über den Durchschnittseinkommen der jeweiligen Länder. In der Bundesrepublik bezieht die Regierungschefin ein monatliches Gehalt von 15 830 Euro, ein Bundesminister erhält 12 860 Euro, ein MdB oder MdEP 7 000 Euro. ‚Landesfürsten’ und Landtagsabgeordnete sind z.T. ähnlich ausgestattet. Doch auch über Nebenverdienste kommt die politische Elite bestenfalls in die unteren Einkommensränge des Geldmachtapparats. Gleichwohl ist die öffentliche Diskussion hierüber heftig, und zu Recht. Denn mit ihrem sie letztlich legitimierenden Auftrag, für Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen, kann die politische Elite gar nicht allein der neoliberalen Maschine dienen.

Dennoch klagen derzeit neun MdBs gegen die Transparenzvorschriften, die der Bundestag im Juni 2005 beschlossen hat. Ein von Bundestagspräsident Lammert bestelltes Gutachten greift die neue Vorschrift des Abgeordnetengesetzes an, nach der die Mandatsausübung ‚im Mittelpunkt der Tätigkeit eines Mitglieds des Bundestages’ stehen muss. Das Gutachten argumentiert, diese Vorschrift sei nicht etwa ‚quantitativ’, sondern ‚qualitativ’ zu verstehen. Nicht ‚zeitliche Beanspruchung’ oder ‚Höhe der Einkünfte’ könnten den ‚Mittelpunkt der Tätigkeit’ definieren, sondern einzig eine Gewissensprüfung, die der einzelne Abgeordnete an sich vorzunehmen habe. [101] In dieser Situation kommt es nicht von ungefähr, dass Josef Ackermann höhere Politikergehälter fordert. „So würden mehr Menschen aus der Wirtschaft in die Politik kommen und könnten dort ihre Kompetenz einbringen. [102] Der Domestikenstatus der politischen Elite innerhalb des Geldmachtapparats bleibt brüchig.

Vollständige Willfährigkeit könnte in der Tat nur erreicht werden, wenn sich auch in den politischen Strukturen - wie im Schau- und Sportgeschäft - das Ranking und die Winner Takes All-Mentalität voll entfalten könnten – wie das in den USA, etwa im Millionärskabinett von George Bush oder im von Millionären wimmelnden US-Senat, der Fall ist. Forbes Magazine hatte das längst begriffen, als es vor den Kongresswahlen 2002 eine Liste der zehn reichsten Politiker der USA veröffentlichte: Michael R. Bloomberg (4,8 Mrd.$), Winthrop Rockefeller (1,2 Mrd.$), B. Thomas Golisano (1,1 Mrd.$), John Kerry (550 Mill.$) usw. Der Kommentar lautete:

“Viel zu lange ist Politik eine Spielwiese der Juristenklasse gewesen. Tatsächlich wärmen mehr Rechtsanwälte als Angehörige irgendeines anderen Berufs die Sessel der drei Zweige der Bundesregierung. Seit kurzem aber beginnen Wirtschaftsführer – die schließlich für die dynamischsten und wichtigsten Verbesserungen in unserer Gesellschaft verantwortlich sind – die Party der Politiker aufzumischen. Vor zwei Jahren wählte Amerika George W. Bush, den ersten Präsidenten mit dem Abschluss eines ‚Master’s of Business Administration’. Vor einem Jahr wählte die größte Stadt des Landes einen self made-Milliardär zum Bürgermeister und machte damit Michael R. Bloomberg zum eindrucksvollsten Neuankömmling auf der politischen Bühne New Yorks. Um diesen wachsenden Erfolg von Kapitalisten auf dem Feld der Politik zu zelebieren, haben wir eine Rangliste der zehn reichsten Politiker Amerikas aufgestellt. Dabei haben wir uns nur auf diejenigen Personen konzentriert, die im Augenblick ein politisches Amt innehaben oder sich bei den kommenden Kongresswahlen um ein Amt bewerben. Und wer weiß? Vielleicht werden wir in nicht allzu ferner Zukunft einen Milliardär als Präsidenten haben. In zwei Ländern ist das schon passiert: In Italien hat Premierminister Silvio Berlusconi im letzten Mai einen Erdrutschsieg errungen und im Libanon ist Rafik Al-Hariri schon in der zweiten Legislaturperiode Premierminister.“ [103]

Ganz offensichtlich sind die Dinge zunächst einmal anders gekommen, als man dachte. Im Prinzip aber haben die Wirtschaftseliten schon immer geglaubt, sich brauchten die politische Sphäre gar nicht, ‚Direktherrschaft’ sei möglich. So auch jetzt: "This is a time that urgently calls for global corporate statesmanship." [104]



[92] Alles fing an mit Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens (1911), Stuttgart 1989

[93] Hardt/Negri, a.a.O., Abschnitt 3.6
[94] Albrecht Müller, a.a.O., S. 170f
[95] J.Roth, a.a.O.; Th.Leif, a.a.O; Zeitungen wie The Economist, Le Monde etc.; Filme wie Claude Chabrols ‚Geheime Staatsaffären’ etc.
[96] z.B. F.Böckelmann, H. Fischler, Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums, Frankfurt/M. 2004
[97] Müller, a.a.O., S. S.291f
[98] Hans Herbert von Arnim, Das Europa Komplott. Wie EU-Funktionäre unsere Demokratie verscherbeln, München/Wien 2006, S.196
[99] ‚Exklusiver Club’, Der Spiegel, 23/2004
[100] aus H.H.von Arnim, 9.053 Euro Gehalt für Europaabgeordnete?, Berlin 2004, S. 63
[101] ‚Bundestagspräsident weicht Nebenjob-Regeln wieder auf’, Spiegel Online, 29. Juli 2006, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,429162,00.html
[102] ‚Ackermann fordert höhere Politikergehälter’, Spiegel Online, a.a.O.
[103] Davide Dukcevich, ‚America’s Richest Politicians’, Forbes Magazine, October 29, 2002
[104] David de Pury, Jean-Pierre Lehmann, ‚Speak up for Globalization’, IHT, June 14, 2000; vgl. auch Markus Verbeet, ‚Der private Staat: Der Griff der Konzerne nach der Staatsmacht’, Spiegel Online, 21. August 2006, http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,432615,00.html
 
 

2.4. Wirtschaftseliten: private Kapitalverwertung mit allen Mitteln

Die Chief Executive Officers aus Industrie und Finanz sind traditionellerweise mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und wissen ihrerseits viele Multimillionäre unter sich. Vielfach verflochten mit der Geldelite, können sie mit ihr tendenziell auch auf einen Konfrontationskurs geraten (s.u.). Als Spitzenmanager großer Unternehmen, Versicherungen, Investmentfonds usw. bilden die CEOs zusammen mit den Superreichen aber noch immer den magischen Zirkel der Corporate World. Dabei kann  mit einem gewissen Recht zwischen nationalen und transnationalen Unternehmen mit z.T. ganz gegensätzlichen ‘corporate cultures’ unterschieden werden. Für manche Beobachter gehören auch die Chief Executive Officers der Militärorganisationen [105] zum CEO-Komplex. Allenfalls die Konzern- und Finanzeliten können als eine Gruppe begriffen werden, die heute noch als klassische ‚Kapitalistenklasse’ handelt und in welcher Kapitalfraktionen und ökonomische Interessengegensätze das Handeln bestimmen. 

Auch hier gibt es, wie gesagt, Spitzenränge und eine breitere Basis, in Frankreich beispielsweise, so Dogan, „mehrere tausend Manager aus der Konzernwelt, die für die größten zehntausend Unternehmen und die dortigen Arbeitsplätze verantwortlich sind, die aber nicht zu den Spitzen-CEOs in der Nähe des innersten Rings gehören.“ Außerdem schmiegen sich „mehrere tausend Repräsentanten der traditionellen Eliten (hochrangige Generäle, Bischöfe), alter und neuer Adel, Berühmtheiten und Prominente“ an die Geldelite an, ohne ihr anzugehören. [106]

Für unsere Zwecke allerdings ist es wichtig, sich auf die obersten hundert oder zweihundert Personen auf den Rangskalen der Spitzenmanager zu konzentrieren, die den Monetarisierungsprozess und damit die Entwicklung des Geldmachtapparats nicht nur tragen, sondern durch ihre exorbitanten Belohnungen auch symbolisieren. Hier tun sich in letzter Zeit interessante Dinge:

„Jahrzehnte lang haben sich die Europäer bei der Belohnung der Bosse viel mehr zurückgehalten als die Amerikaner. Doch jetzt geben die europäischen Manager ihre Zurückhaltung auf, verlangen eine Bezahlung nach amerikanischem Vorbild – und bekommen sie oft auch. Aber während riesige Zahltage im amerikanischen Konzernleben etwas Normales sind, scheint dies in Europa von den Investoren weniger akzeptiert zu werden und in manchen Ländern regt sich Widerstand. - Doch die Zeichen, dass die transatlantische Zahlungskluft schrumpft, mehren sich. Letztes Jahr wurden Jan Bennink, dem CEO von Numico, einem niederländischen Hersteller von Säuglingsnahrung, 13.4 Mill. USD zugestanden. John Browne von BP bekam 18.5 Mill. USD und Antoine Zacharias, früherer Vorstandsvorsitzender des französischen Baukonzerns Vinci, erhielt 22 Mill. USD plus eine einmalige Abfindungssumme in unbekannter Höhe. – ‚In Frankreich ist Habgier jetzt legal,’ sagte Pierre-Henri LeRoy, Chef der französischen Beratungsfirma Proxinvest. Kenner der Situation sagen, die Veränderungen seien enorm. ‚Zum ersten Mal in 30 Jahren sehe ich, wie diese Kluft sich schließt, und zwar ziemlich schnell,’ meinte John Viney, Gründer von Zygos Partnership, einer Londoner Headhunter-Firma. ‚Wobei man bei weltweiten Vergleichen nur ein Land als Maßstab hat, die Vereinigten Staaten.’ - Im Jahre 2005 betrug das durchschnittliche Gehaltspaket für die CEOs der 350 größten Unternehmen in den USA 6.8 Mill. USD, einschließlich langfristiger Anreize wie Aktienoptionen. Das lag um 58 Prozent über den durchschnittlich 4,3 Mill. $ für die Spitzenmanager der 100 größten Unternehmen des Financial Times-Stock Exchange Index in Großbritannien. Doch noch im Jahre 1998 war die Kluft weitaus größer; nämlich im Mittel 4.6 Mill. USD (USA) zu 1.1 Mill. USD (UK). - In den Niederlanden stieg das durchschnittliche Gehalt für die CEOs von 75 untersuchten Unternehmen im Jahre 2004 um 17,8 Prozent an und betrug 1,47 Mill.USD - In Frankreich stieg das durchschnittliche Gehalt der CEOs in Unternehmen, die im CAC-40 Aktien Index gelistet werden, im Jahre 2004 auf 3 Mill.USD, von ca. 780 000 USD im Jahre 1998. In Deutschland stieg nach einer Studie der Zeitung ‚Die Welt’ im Jahre 2005 das durchschnittliche Gehalt von Aufsichtsratsmitgliedern der 30 ‚blue-chip’-Unternehmen im DAX Index um 11 Prozent. - Das galt etwa für den Fall des CEO des französischen Hotel-Unternehmens Accor, der sich seinen Abgang mit einem Abfindungspaket von über 15 Mill.USD versüßen ließ, oder auch die Affäre um Klaus Esser und Josef Ackermann in Deutschland ... - Dabei ist es in Europa, wegen der kleineren Investoren-Basis, einfacher, Aktionäre zu mobilisieren und unter den verschiedenen Investorengruppen Konsens über das Vorgehen in solchen Fällen zu erreichen. Aber selbst die höchstbezahlten CEOs in Großbritanien können sich nicht mit ihren amerikanischen Kollegen messen ... So erhielt, im Unterschied zu den 18,5 Mill.USD für John Browne von der britischen BP, David O'Reilly, der CEO von Chevron, einem Unternehmen, das nur rund 60 Prozent des Marktwertes von BP hat, ein Zahlungspaket von 37 Mill.USD (Gehalt, Boni, Aktienoptionen usw.) – ‚In den USA gibt es keinen Schamfaktor,’ sagt Stephen Davis, Präsident von Davis Global Advisors. ‚In Europa herrscht noch mehr Besorgnis wegen der sozialen Folgen.’“ [107]

Die europäische Ranking-Maschine ist angelaufen und muss die börsenrelevanten kurzfristigen Geschäftserfolge am Geldrang der Manager demonstrieren. Andererseits ist das System noch in feudal-bürgerliche Wertvorstellungen [108] eingebunden. Doch auch in den Medien beginnt man eifrig zu rechnen:


Millionen für die deutschen Bosse

Vorstandsvor-sitzender

Unternehmen

Vergütung gesamt 2005
(Mio Euro)

Fixe Vergütung
(Mio Euro)

Variable Vergütung
(Mio Euro)

Vergütung gesamt 2004
(Mio Euro)

Veränderung gegenüber 2004
(Prozent)

Josef Ackermann

Deutsche Bank

11,90

1,15

10,75

10,10

+17,8

Henning Kagermann

SAP

6,08

0,62

5,46

3,06

+98,7

Jürgen Schremp*

Daimler-Chrysler

5,91

 

 

 

 

Wulf Bernotat

E.ON

5,72

1,15

4,57

3,12

+83,3

Nikolaus von Bomhard*

Münchener Rück

4,44

 

 

 

 

Herbert Hainer

Adidas-Salomon

4,17

1,15

3,02

1,84

+126,6

Wolfgang Reitzle*

Linde

3,87

 

 

 

 

Harry Roels

RWE

3,78

1,40

2,38

4,82

-21,6

Jürgen Hambrecht*

BASF

3,70

 

 

 

 

Ulrich Lehner*

Henkel

3,54

 

 

 

 

Hubertus Erlen

Schering

3,52

0,72

2,80

2,39

+47,3

Helmut Panke*

BMW

3,49

 

 

 

 

Michael Frenzel

TUI

3,46

1,10

2,36

2,51

+37,8

Klaus Kleinfeld*

Siemens

3,27

0,95

2,32

2,80

+16,8

Klaus-Peter Müller

Commerzbank

3,04

0,76

2,28

1,02

+198,0

Hans-Joachim Körber

Metro

2,98

1,00

1,98

3,06

-2,6

Georg Funke

Hypo Real Estate

2,88

0,75

2,13

 

 

Bernd Pieschetsrieder

Volkswagen

2,84

0,84

2,00

2,63

+8,0

Klaus Zumwinkel

Deutsche Post

2,70

1,36

1,34

2,29

+17,9

Werner Wenning

Bayer

2,67

0,75

1,92

2,36

+13,1

Kai-Uwe Ricke

Deutsche Telekom

2,59

1,25

1,34

2,56

+1,2

Ekkehard Schulz

Thyssen-Krupp

2,56

0,79

1,77

2,19

+16,9

Michael Diekmann

Allianz

2,39

0,90

1,49

2,56

-6,6

Ben Lipps*

FMC

2,32

 

 

 

 

Hakan Samuelsson**

MAN

2,27

0,73

1,54

1,35

+68,1

Manfred Wennemer

Continental

2,15

0,74

1,41

1,75

+22,9

Werner Seifert

Deutsche Börse

2,15

0,32

1,83

1,45

+48,3

Nikolaus Schweikart

Altana

2,04

0,48

1,56

1,86

+9,7

Wolgang Ziebart

Infineon

1,73

1,60

0,13

2,69

-32,4

Wolfgang Mayrhuer

Lufthansa

1,34

0,65

0,69

1,25

+7,2

* Schätzung, Unternehmen verweigern Offenlegung, **2004-Gehalt des Vorgängers   Quelle: Cicero 7/2006.

Zusätzlich: Jahresgehälter europäischer Manager [109]

Peter Wuffli

UBS

18,53 (1)

 

 

 

 

Wendelin Wiedeking

Porsche

15 (geschätzt) (2)

 

 

 

 

Oswald J. Grübel

Credit Suisse

14,17 (1)

 

 

 

 

Daniel Vasella

Novartis

13,46 (1)

 

 

 

 

Franz B. Humer

Roche

8,58 (1)

 

 

 

 

Gerhard Bruckermann

Depfa Bank

7,38 (1)

 

 

 

 

Paul S. Walsh

Diageo

6,96 (1)

 

 

 

 

Fred Goodwin

RBOS

6,46 (1)

 

 

 

 

Dieter Zetsche

Daimler-Chrysler

6,5 (2)

 

 

 

 

Die bürgerlichen Wertvorstellungen und mehr noch die Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt - das war unsere Eingangsthese - brechen zusammen. Und dieses in den Ranking-Listen geführte Personal, das sich nur auf den Sieg in der nächsten Runde zu konzentrieren vermag, kann und will das nicht aufhalten. Die rücksichtslose Akkumulation von riesigen Geldmengen, deren ‚Befreiung’ aus der Warenform (Arrighi) und Umwandlung in die Machtform, die Aneignung durch Enteignung (die den Privatisierungsprozess treibt), das Entstehen einer Winner Takes All-Society – das alles läuft auf ein Regime hinaus, in dem nicht ‚das Geld’ [110] , wohl aber eine Geldelite regieren kann, die sich der Möglichkeiten zu bedienen weiß, welche die Informations- und Kommunikationstechnologien bieten. 

Alle möglichen Leute prophezeien inzwischen den ‚Kollaps des Kapitalismus wie wir ihn kannten’. [111] Konkret, vor einem geopolitischen Hintergrund, entfalten sich Momente einer solchen Auflösung zur Zeit in einem sich anbahnenden Konflikt zwischen den Konzerneliten und ihren ‚Herren’, den superreichen Investoren dieser Welt. Youssef M. Ibrahim, ein Sprecher und Berater reicher Investoren und shareholder aus dem arabischen Raum, geht in diesem Sinne mit den westlichen Konzerneliten (den ‚Hausmeiern’ seiner reichen Araber, wenn man so will) ins Gericht. Diese Manager würden sich hunderte von Millionen Dollar in die Taschen stecken, während der Wert ihrer Konzerne durch Unehrlichkeit und Inkompetenz in den Keller sinke:

„Diese Lenker gigantischer Konzerne sind Mitglieder eines winzigen Clubs, welcher die gewöhnlichen Investoren am ausgestreckten Arm verhungern lässt ... Schlimmer noch, die großen Banken und Investmentfirmen helfen jenen Bossen dabei, die Spuren zu verwischen. Sie fliegen Privatjets, bezahlt von den shareholders, sie genehmigen sich Privatlogen bei großen Sportereignissen und Shows. Sie sind Freunde, die zusammen tafeln, während sie von Aufsichtsratssitzung zu Aufsichtsratssitzung ziehen. Ein fauler Gestank breitet sich aus in den Führungsetagen der größten Konzerne. Und am Horizont zeichnet sich eine gewaltige Revolte der shareholder ab. Die Praktiken der Konzerneliten bedrohen die globale Ökonomie. Es ist an der Zeit für die Reichen, die, wie beispielsweise die Araber, hunderte von Milliarden ihres Vermögens in diese großen Konzerne investiert haben, ihren Bankiers ein paar harte Fragen zu stellen: Wo ist mein Geld und was macht ihr damit?“ [112]  

Man kann sich vorstellen, was hier zwischen den Geldeliten und ihrer Dienstklasse der Geldverwerter noch los sein wird. Das Zusammenbrechen innerkapitalistischer ökonomischer Regulationssysteme führt nicht nur zur Raubumverteilung von unten nach oben, sondern auch zu einem titanischen Hauen und Stechen zwischen den reichen und superreichen Privatleuten dieser Welt, das längst den Kampf um den Mittleren Osten, den ‚Kulturkampf’ mit der islamischen Welt sowie die ‚policy conflicts’ zwischen ‘Europa’ und ‘Amerika’ prägt. Die gesamte Machtmaschinerie des Kampfes gegen den Terrorismus ist nicht zuletzt angeworfen worden, um mit den konkurrierenden Kapitalen, den Geldmächten des arabischen und asiatischen Raumes, fertig zu werden [113] – und vielleicht sogar, wenn man die Bush-Administration beobachtet, Elemente einer privaten, neo-feudalen Form von ‚Geldherrschaft’ zu etablieren: informelle Netzwerke purer Geldmacht in einer chaotisierten Welt, in der sich die Agenten früherer Herrschaft - Präsidenten, Armeen, Länder, Klassen und Schichten (bzw. deren Eliten) - einfach kaufen lassen. [114]  


[105] In seiner Power Elite-Definition beschreibt C. Wright Mills die Vernetzung der politischen, militärischen und öknomischen Eliten und betont, dass deren Weltsicht eine ‘militärische Definition der Wirklichkeit’ einschließt.

[106] Dogan, a.a.O., p. 24
[107] , ‘Fertile new fields for executive ambition’ June 16, 2006
[108] ‚Über Geld redet man nicht’ – vgl. Volker R. Berghahn, Stefan Unger, Dieter Ziegler (Hg.), Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert, Essen 2003
[110] Geld „ist ein Rätsel, das die ökonomische Theorie bis heute nicht hat lösen können.“, E.Altvater, ‚Der Dämon und sein Zaubertrick: Geld’, Freitag, 20.2.2004, Beilage S. I
[111] Vgl. Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen, Münster 2005
[112] Youssef M. Ibrahim, ‘The Collapse of Capitalism as we know it’, IHT, March 9, 2004
[113] Loretta Napoleoni, Modern Jihad. Tracing the Dollars Behind the Terror Networks, London 2003
[114] dazu gehört die partielle Kooperation von US-amerikanischen und saudi-arabischen Finanzkreisen, vgl. http://www.mediakritik.de/amem/carlyle.htm; C.Unger, House of Bush, House of Saud, Scribner 2004
 
 

2.5. Die Geldelite: Konstituierung eines neuen Souveräns

Zunächst einmal: Auch bei den Superreichen spielt Ranking eine Rolle. Diesem Bedürfnis fühlt sich beispielsweise das Forbes Magazine mit seinen letztlich völlig unzuverlässigen Listen verpflichtet. 1996 wollte Ted Turner, seinerzeit noch Miteigentümer von CNN und Times Warner, den Vereinten Nationen 1 Milliarde Dollar in Gestalt einer Stiftung zukommen lassen. Aus diesem Anlass wunderte er sich darüber [115] , dass die Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt den Genannten mehr bedeute als den Tennis-Spitzenspielern ihre Computer-Weltrangliste. Dieser Listenplatz-Ehrgeiz mindere doch nur die Bereitschaft, Stiftungen zu gründen oder auf andere Weise zum Gemeinwohl beizutragen. Turner schlug deshalb eine neuartige Rangliste vor, eine Rangliste der freigiebigsten Philanthropen. Gäbe es eine solche Liste, fügte Turner damals hinzu, wäre vielleicht auch Bill Gates schon spendierfreudiger. Heute wissen wir, dass dieser Turnersche Appell zumindest bei Bill Gates gewirkt hat. [116]

Die Zahl der europäischen Ultra-HNWIs (nach der Merrill Lynch-Einteilung) mit einem frei verfügbaren Vermögen von mehr als 30 Mill. Euro wird für 2005 mit etwa 17 000 Personen angegeben. Wie diese Personen zusammenwirken, ist weitgehend unerforscht. Die sozialempirische Annäherung an die Geldelite ist schwierig. Die seriöse oder Mainstream-Forschung – abhängig, wie sie von ‚Drittmitteln’ ist – lässt die Finger davon, so dass es vor allem Journalisten, kleine Teams von ‚Verschwörungsforschern’ [117] oder besessene Einzelne sind, die Licht in diese Schicht zu bringen versuchen. Besonders einfallsreich und intensiv haben sich Rechercheure der britischen Wochenzeitung Sunday Times bei der Erforschung der Reichen ihres Landes ins Zeug gelegt. Dabei sind eine Fülle von Ranglisten entstanden: The 20 fastest growing fortunes, The Sunday Times Giving Index, Top 30 political donors / Top 20 political lenders, The richest women, Millionaires in film and TV, Music millionaires, Football millionaires, Online millionaires,  Goldman Sachs millionaires usw. – Aus ihren Recherchen haben sie einige Lehren und ‚rules of engagement’ gezogen, die selbst schon Licht auf ihren Gegenstand werfen. Ausschnitte:

Die tatsächliche Größe der Vermögen ist vermutlich viel größer als wir ermitteln konnten. – Identifizierbares Vermögen bestand in Grund und Boden, Immobilien, Rennpferden, Kunst und Aktieneigentum; an die Bankkonten kamen die Rechercheure naturgemäß nicht heran. – Manche Reiche machen sich unsichtbar. - Viele Individuen wurden reich durch den Verkauf ihrer Unternehmen; hier konnte der Wert ansatzweise mithilfe von Steuerexperten ermittelt werden. – Das gleiche galt bei der Erbschaftssteuer. – Nicht börsennotierte Privatunternehmen waren in ihrem Wert sehr schwer einzuschätzen. – Ähnliches galt für Stiftungen, die für Familienmitglieder eingerichtet wurden; gemeinnützige Stiftungen wurden nicht berücksichtigt. – Landbesitz wurde, je nach Lage (Country, City of London), nach dem Verkehrswert bewertet. – Bei der Einschätzung des Vermögens von Pop Stars half ein Experte. – Auch bei Kunstschätzen half ein (anonym bleibender) Experte. – Viele neue, nicht börsennotierte Privatunternehmen konnten durch aufwändige Computerrecherchen, die Analyse von Bilanzen usw. entdeckt werden. – Man stützte sich auf ein umfangreiches Netzwerk lokaler Korrespondenten, zum Beispiel Verkäufer von Luxusautos. – Die Leser sind aufgefordert, Informationen zu liefern. [118]

Und hier ist die Sunday Times-Liste der hundert reichsten Europäer:

Europe’s Richest (2006)
1= Karl & Theo Albrecht * Germany Supermarkets £18.4bn
2= Ingvar Kamprad Sweden Retail (Ikea) £16bn
3= Lakshmi Mittal UK Steel £14.9bn
4= Bernard Arnault France Luxury goods £12.3bn
5= Johanna Quandt * Germany Cars (BMW) £11.9bn
6= Roman Abramovich UK Oil, Investments £10.8bn
7= Liliane Bettencourt France Cosmetics £9.1bn
8= Amancio Ortega Spain Fashion £8.5bn
9= The Herz family Germany Coffee £7.4bn
10= The Brenninkmeyer family Holland Retail £7.1bn
11= Stefan Persson Sweden Retail £7bn
12= The Mulliez family France Retail £6.9bn
13= The Oeri/Hoffmann family Switzerland Pharmaceuticals £6.8bn
14= Adolf Merckle Germany Pharmaceuticals £6.6bn
14= Duke of Westminster UK Property £6.6bn
16= Vagit Alekperov Russia Oil £6.3bn
16= Silvio Berlusconi Italy Media £6.3bn
18= Vladimir Lisin Russia Steel £6.1bn
19= Michael Otto * Germany Mail order £5.9bn
20= Luciano Benetton * Italy Fashion £5.8bn
21= Michele Ferrero * Italy Chocolates £5.7bn
21= Leonardo Del Vecchio Italy Eyewear £5.7bn
21= Viktor Vekselberg Russia Oil, metals £5.7bn
24= Mikhail Fridman Russia Oil, banking £5.5bn
25= Spiro Latsis * Greece Shipping £5.2bn
26= Serge Dassault * France Aerospace £4.9bn
26= Philip & Tina Green UK Retail (BHS Arcadia) £4.9bn
26= Birgit Rausing * Switzerland/UK Industry £4.9bn
26= Hans Rausing * UK Packaging £4.9bn
30= Hilary Weston * Canada/RoI Food £4.8bn
31= Leonard Blavatnik Russia/UK Finance £4.7bn
32= Fentener Van Vlissingen fam. NL Energy, retail £4.6bn
32= Rudolf Oetker * Germany Food, shipping £4.6bn
34= Oleg Deripaska Russia Industry £4.5bn
35= Hansjorg Wyss * SUI Medical technology £4.4bn
36= Alexei Mordashov Russia Industry £4.3bn
36= Alain & Gerard Wertheimer F Fashion (Chanel) £4.3bn
36= Reinhold Würth Germany Industry £4.3bn
39= Vladimir Yevtushenkov Russia Telecoms £4.2bn
40= Ernesto Bertarelli Switzerland Biotechnology £4.1bn
40= Suleiman Kerimov Russia Finance £4.1bn
40= Andreas & Thomas Strungmann Germany Pharmaceuticals £4.1bn
43= Francois Pinault France Luxury goods £4bn
43= August von Finck Germany Investments £4bn
45= Mikhail Prokhorov Russia Metals £3.9bn
45= Maria-Elizabeth & Georg Schaeffler Germany Ball bearings £3.9bn
47= Rafael del Pino * Spain Construction £3.7bn
47= Walter Haefner Switzerland Software £3.7bn
47= The Landolt family SUI Pharmaceuticals £3.7bn
47= Maersk McKinney Moller Denmark Shipping £3.7bn
47= Hasso Plattner Germany Software £3.7bn
47= Vladimir Potanin Russia Metals £3.7bn
54= Curt Englehorn* Germany Pharmaceuticals £3.5bn
54= Friedrich Flick Germany Investments £3.5bn
54= German Khan Russia Oil, gas £3.5bn
57= David & Simon Reuben UK Property £3.3bn
58= Prince Hans-Adam Liechtenstein Investments & art £3.1bn
58= Sir Richard Branson UK Transport (Virgin) £3.1bn
60= Nikolai Tsvetkov Russia Oil, banking £3bn
61= John Fredriksen UK Shipping £2.9bn
61= Karl-Heinz Kipp Germany Real Estate £2.9bn
63= Alexander Abramov Russia Steel, mining £2.8bn
63= Erivan Haub* Germany Retailing £2.8bn
63= Alicia & Esther Koplowitz Spain Construction £2.8bn
66= Alexei Kuzmichov Russia Oil, banking £2.7bn
66= Sabanci Family Turkey Banking £2.7bn
68= Charlene & Michel de Carvalho UK Inheritance, brewing & banking £2.6bn
68= Iskander Makhmudov Russia Mining, metals £2.6bn
70= Reinhard Mohn* Germany Media £2.5bn
70= Thomas Schmidheiny Switzerland Cement £2.5bn
72= Giorgio Armani Italy Fashion (Armani) £2.4bn
72= Vladimir Bogdanov Russia Oil, gas £2.4bn
72= Jean-Claude Decaux* France Media £2.4bn
72= Antonia Johnson SWE Food, energy, telecoms £2.4bn
72= Klaus-Michael Kuhne Germany Shipping £2.4bn
72= Peugeot family France Cars (Peugeot) £2.4bn
78= Bernie & Slavica Ecclestone UK Motor Racing £2.3bn
78= Leonid Fedun Russia Oil/Gas £2.3bn
78= Madeleine Schickedanz Germany Retailing £2.3bn
81= Mahdi al-Tajir* UK Oil, Investments & Water £2.2bn
81= Heniz Baus Switzerland Retailing £2.2bn
81= Gianluigi Aponte Switzerland Shipping £2.2bn
81= Athina Onassis Switzerland Shipping £2.2bn
85= Earl Cadogan* UK Property £2.1bn
85= Boris Ivanishvili Russia Mining £2.1bn
85= Joseph Lewis UK Finance £2.1bn
88= Nadhmi Auchi UK Finance £2bn
88= Russell DeLeon&Ruth Parasol UK Internet gambling £2bn
88= Simon Halabi UK Property £2bn
88= Gerard Louis-Dreyfus* France Commodities £2bn
88= Sean Quinn* Ireland Quarries, hotels & insurance £2bn
88= Victor Rashnikov Russia Iron, Steel £2bn
88= Poju Zabludowicz UK Property & hotels £2bn
95= Otto Beisheim Germany Retailing £1.9bn
95= Richard Desmond UK Media £1.9bn
95= Eddie & Malcolm Healey UK Property £1.9bn
95= Rainer & Michael Schmidt-Ruthenbeck Germany Retailing £1.9bn
95= Klaus Tschira Germany Software £1.9bn
100= Sir David & Sir Frederick Barclay UK Media, retailing & property £1.8bn
100= Martin Bouygues* France Construction, media £1.8bn

* denotes family wealth

Sources: The Sunday Times Rich List 2006, Forbes World Billionaires March 2006, Finans February 2006, Bilan December 2005, Challenges July 2005, Quote 500 May 2005;
http://business.timesonline.co.uk/section/0,,20589,00.html

 

Auch das deutsche Magazin Cicero und etliche andere Zeitschriften [119] beginnen sich an die Gruppe der Superreichen heranzuwagen, vorsichtig, voller vernebelnder Einschätzungen, aber doch wohl in dem Bewusstsein, dass die Öffentlichkeit in zunehmendem Maße an einer Reichendiskussion interessiert ist. Das wachsende Volumen an Hintergrundinformationen macht das genaue Lesen von Tabellen wie der folgenden immer spannender:

Das verdienen Deutschlands Großaktionäre

Aktionär

Unternehmen

Branche

Dividende (2005 in Mio Euro)

Großfamilie Haniel

Celesio, Metro, Takkt, Anzag

Handel

141,3

Susanne Klatten

BMW, Altana

Auto, Pharma, Chemie

126,9

Familie Merckle

Heidelbergcement, Kässbohrer

Baustoffe, Fahrzeuge

111,8

Fam. Merck, Baumhauer u.a.

Merck

Pharma/Chemie

106,1

Teilfamilie Herz

Beiersdorfs

Kosmetik

72,1

Stefan Quandt

BMW

Auto

69,4

Familie Wacker

Wacker Chemie

Chemie

68,5

Johanna Quandt

BMW

Auto

66,7

Großfamilie Siemens

Siemens

Mischkonzern

66,1

Otto Beisheim

Metro

Handel

61,7

Familie Schmidt-Ruthenbeck

Metro

Handel

61,7

Familien Henkel u. Woeste

Henkel

Konsumgüter

58,2

Klaus-Michael Kühne

Kühne+Nagel

Logistik

46,9

Hasso Plattner

SAP

Software

23,0

Familie Mohn

Bertelsmann

Medien

38,6

Friede Springer

Springer

Verlag

30,1

Familie Fielmann

Fielmann

Augenoptik

24,6

Klaus Tschira

SAP

Software

23,0

Friedrich-Wilhelm Werner

Bijou Brigitte

Schmuckhandel

22,3

Familie Porsche*

Porsche

Auto

21,6

Familie Piëch*

Porsche

Auto

21,6

* Dividenden aus Stammaktien, Quelle: Cicero 7/2006


Vor allem interessiert die Frage, wie diese enormen, auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse nicht nur ‚ökonomisch’, sondern eben auch ‚sozial’ (nicht unbedingt im Sinne von wohltätig), kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll) und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch) reinvestiert werden. Die ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Einflussnahmen auf Geldmachtbasis und durch weitgehend informelle Netzwerke verlangen nach weiterer Forschung.

Wie effektiv der plutokratische Geldmachtapparat in den USA bereits funktioniert, lässt sich mit folgendem Beispiel illustrieren, über das die New York Times in einem empörten Leitartikel berichtete:

„Gewählte Amtsträger sollten annehmen, dass ihre Wähler sie nach ihrem Abstimmungsverhalten im Kongress beurteilen, nicht nach dem Geschacher hinter den Kulissen, aus dem Gesetze hierzulande tatsächlich hervorgehen. Aber im US-Kongress sind die Dinge derart aus dem Ruder gelaufen und empörend, dass man genauer hinschauen muss. - Zentrum des jüngsten Skandals war eine gemeinsame Konferenz von Vertretern des Kongresses und des Senats, in der die Schlussfassung eines kontroversen Rentenreformgesetzes verabschiedet werden sollte. Doch kurz vor der Sommerpause gab es dann doch keine Endfassung, und das ganze Vorhaben war gescheitert. - Das lag erstens daran, dass Bill Frist, der Mehrheitssprecher im Senat, eine drastische Senkung der Erbschaftssteuer mit dem Rentengesetz verknüpfen wollte. Die Erbschaftssteuer (estate tax) war eine fixe Idee der führenden Köpfe der republikanischen Partei – vor allem derjenigen, die sich als künftige Präsidentschaftskandidaten sehen. - ‘Natürlich’ hat der Schutz der Renten der amerikanischen Werktätigen nichts mit Steuerkürzungen für ultrareiche amerikanische Familien zun tun. Aber wen kümmert das schon in einem Wahljahr. - Als dann seine (auch republikanischen) Senatsunterhändler die Idee einer Erbschaftssteuersenkung ablehnten, suchte Frist nach einer Möglichkeit, diese Idee doch noch auf die Tagesordnung zu bringen. Mit einem Manöver, das seine eigenen Leute austrickste, erwirkte er zusammen mit dem Vorsitzenden des Kommitees für Steuerangelegenheiten des Kongresses, dass die Kürzung der Erbschaftssteuern mit der Verlängerung einiger populärer und sinnvoller Steuererleichterungen, etwa bei der Industrieforschung, verknüpft wurde. - Zur gleichen Zeit, ermutigt durch Frists Boykott der Verhandlungen im Senat, entschied der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, John Boehner, die ganze Rentendiskussion überhaupt zu stoppen, und ermunterte alle Republikaner, das gleiche zu tun ... Die bloße Idee, enorme Steuersenkungen für Amerikas reichste Erben überhaupt mit einer bescheidenen Lohnerhöhung für die geringst-verdienenden Arbeiter zu verbinden, war für diese Volksvertreter ‘natürlich’ eine Obzönität ...“ [120]

Also: Die von der Sunday Times erarbeitete Liste der Reichsten Europas und ähnliche Rankings vermitteln in ihrer Buntheit und Komplexität eine Vorstellung von den Aufgaben, die einer empirischen Erforschung der Geldelite harren. Um diese heterogene Gruppe (von den alten superreichen Familien bis zu den Mafia-Milliardären), die gleichwohl in vieler Hinsicht untereinander und mit den Milieus der Verwertung, Verteilung und Informatisierung und auch global vernetzt ist, genauer zu erfassen, können die Mittel und Möglichkeiten des Power Structure Research herangezogen werden. Dazu muss man, mit Karl Marx, jene "geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und aller Augen zugängliche Sphäre verlassen“ und den Geldbesitzern in verborgene Stätten folgen, „an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business." [121]


[115] ‚Ted Turner Says the Super Rich Need a New List’, Philanthropy News Digest, Vol. 2, Issue 38, September 18, 1996

[116] Nach zögerlichen Anfängen beginnt die Melinda & Bill Gates Foundation 1999 in großem Stil mit ihrer Arbeit in den Bereichen Weltgesundheit und Bildung, http://www.gatesfoundation.org/default.htm; s. Abschnitt 3.5.
[117] Vgl. z.B. die Datenbank Namebase, www.namebase.org; das Projekt They Rule, www.theyrule.net; das Projekt Université Tangente, http://utangente.free.fr/index2.html (s.u.); der Künstler Mark Lombardi, http://www.albany.edu/museum/wwwmuseum/work/lombardi/; in Deutschland z.B. Bornpower, http://www.bornpower.de/index.htm
[118] The Sunday Times Rich List, http://business.timesonline.co.uk/section/0,,29049,00.html; Rules of Engagement, http://business.timesonline.co.uk/article/0,,20589-2132606,00.html
[119] in jüngster Zeit etwa Stern und relativ regelmäßig Die Zeit und Der Spiegel sowie FAZ und SZ; vgl. z.B. auch Ulrich Viehöver, Die EinflussReichen, Henkel, Otto und Co – Wer in Deutschland Geld und Macht hat, Frankfurt/M. 2006 usw. usw.
[120] U.S. lawmaking undermined’, 1, 2006
[121] Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW Bd. 23, S.189
 
 

3. Aspekte europäischer Herrschaft

3.1. Power Structure Research

Power Structure Research (PSR) ist eine US-amerikanische, aber importierbare Forschungsrichtung. [122]

PSR beschäftigt sich mit der Tatsache der ungleichen Verteilung jener Ressourcen, die Macht verleihen (Reichtum, politische Ämter, Kontrolle der Massenmedien) und mit der Rolle formeller und informeller Netzwerke, durch die Macht konzentriert und institutionalisiert wird.

PSR basiert auf den Theorien von Karl Marx und Max Weber. Für Marx ist Reichtum die typische Quelle von Macht, für Weber ist Macht in bürokratischen Organisationen institutionalisiert und wird durch die soziale Abschottung hoher sozialer Statusgruppen (Oberschichten) verstärkt.

PSR geht empirisch vor und benutzt eine Kombination verschiedener Forschungsmethoden: Netzwerkanalysen, Interviews mit kenntnisreichen ‘Insidern’, Archiv-Recherchen und andere Formen der Dokumentenanalyse sowie Fallstudien des politischen Entscheidungsprozesses.

Untersuchungsgegenstände des PSR sind: Konzerne; Nonprofit-Organisationen (Stiftungen, Think Tanks, ‘policy discussion groups’); politische Parteien, Kandidaten, Wahlen; die Rolle der staatlichen Bürokratie; die soziale Oberschicht; kommunale Machtstrukturen; globale Machtstrukturen; die ‚Machtelite’.

Forschungen über Parteien, Wahlen und die Rolle des Staates beziehen sich auf: politische Spenden von Konzernen, Konzerneliten und anderen Mitgliedern der Oberschicht; Parteizugehörigkeit, Einigkeit und Divergenzen in der Oberschicht; soziale Herkunft und Verbindungen zur Konzernwelt bei ernannten (nicht gewählten) Staatsfunktionären; Einfluss politischer Initiativen aus der Konzernwelt (‘policy groups’) auf den Staat; Beratungsgremien als Mittel der Partizipation von Konzernen an staatlicher Politik.

Forschungen über die soziale Oberschicht betreffen: soziale Bindungen durch Heirat, Elite-Clubs, gemeinsame Freizeitaktivitäten; Sozialisationseffekte der Eliteschulen (‘private boarding schools’), soziale Kohäsion, Klassenidentität, Klassenbewusstsein; Unterschiede der sozialen und politischen Auffassungen zwischen den Oberschichten des ‘alten Geldes’ und den ‘Neureichen’; Rolle von informellen Strukturen, insbesondere von Elite-Clubs, bei der Entwicklung von politischem Konsens.

Forschungen über globale Machtstrukturen betreffen zum Beispiel: Formierung von ‘interlocking corporate directorates’ auf globaler Ebene; die mobilisierende Rolle von Konzernen bei der Unterstützung neoliberaler Politikkonzepte; Beteiligung von Konzernen in transnationalen Planungs- und Diskussionsgremien; Entstehung einer transnationalen kapitalistischen Klasse; globale Medienmacht.

PSR wird nicht nur von Sozialwissenschaftlern betrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen Parteien und Kandidaten, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und sogar Künstlern.


 
 
 

3.2. Agenturen des Geldmachtapparats

Think Tanks, Stiftungen, Business Councils, Elite-Universitäten und andere Elite-Institutionen, Clubs und Mikronetzwerke der Machteliten können unter den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet werden. [123] Ihre ideologieproduzierende Funktion bedarf erheblicher finanzieller Mittel aus dem Geldmachtapparat. Diese Agenturen sortieren, binden und belohnen die intellektuellen Hilfseliten. Außerdem sind sie der Ort, an dem sich die strategisch interessierten Angehörigen der Geldelite [124] direkt und diskret ihre Orientierungen besorgen können. Insofern handelt es sich hier um das Flussnetz des kulturellen und sozialen Kapitals.

Die Université Tangente [125] , eine kleine Gruppe von ‚Graswurzelforschern’ oder watchdogs, produziert und vertreibt hochkomplexe Grafiken und Karten über globale Herrschafts- und Machtverflechtungen und hat einen spezifischen Blick auf die europäischen Eliten-Netzwerke und ihr Personal entwickelt. Wir haben aus dem abgebildeten Schaubild die von UT für wichtig erachteten Agenturen herausgefiltert und zu einer Liste zusammengestellt. Es handelt sich um Areas of Free Trade (AFT), Clubs/Brotherhoods (CB) Stiftungen (St), Lobbygruppen (Lo), Mafia (Ma), Research Centers (RC) und Think Tanks (TT). Außerdem sind nach Auffassung von UT Banken, Konzerne, Hochschulen und Geheimdienste zu berücksichtigen.

Herrschaftsrelevante europäische Organisationen (Université Tangente)

Black Sea Economics Co-operation council, BSEC) – Area of Free Trade (AFT)
Zentraleuropäische Initiative (Central European Initiative, CEI) - AFT
Europäischer Wirtschaftsraum (European Economic Aera, EEA) - AFT
Ostseerat (Council of Baltic States, CBSS) - AFT
Opus Dei – Club/Brotherhood (CB)
Malteserorden (Order of Malta) - CB
Legionäre Christi (Legionaries of Christ) - CB
Nobelpreis - CB
Club Le Siècle - CB
Stefan Batory Foundation – Stiftung (St)
Samuel H. Kress Foundation - St
Open Russia Foundation - St
WWF - St
MEDEF (Mouvement des Entreprises de France) – Lobby (Lo)
Institut de l’enterprise - Lo
Association Française des Entreprises Privées (AFEP) - Lo
Conseil des Investisseurs Francaise en Afrique (CIAN) - Lo
Comité LOTIS “Liberalization of Trade in Services” - Lo
US-Russian Business Council - Lo
World Economic Forum, Davos - Lo
Trilaterale Commission - Lo
Transatlantic Business Dialogue (TABD) - Lo
Bilderberg Group - Lo
Table Ronde des Industriels Européens (ERT) - Lo

Union des confédérations de l’industrie et des employeurs d’Europe (UNICE) - Lo
Royal Commonwealth Society (RCS) - Lo
Solsnetskaya Organization – Mafia (Ma)
Max-Planck-Gesellschaft – Research Center (RC)
Commissariat à l'énergie atomique (CEA) - RC
Russian Academy of Sciences - RC
Institute Euro 92 – Think Tank (TT)
French-American Foundation (FAF) - TT
Mont Pelerin Society - TT
Adam Smith Institute - TT
Royal Institute of International Affairs (RIIA) - TT
International Institute of Strategic Studies (IISS) - TT
British American Project for the Successor Generation (BAP) - TT

Außerdem:

Zentralbanken
Große Industriefirmen und Konglomerate
Clearing Häuser
Investmentfirmen/Banken
Privatbanken
Rating Agencies
Hochschulen und Universitäten
Geheimdienste

Wir haben für alle diese Organisationen kurze Dossiers angefertigt, die abgerufen werden können unter:
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wemgehoertdieeu/ut-agenturen.htm

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll weitere Recherchen anregen. Einige der Posten sind überraschend; und es gibt gravierende Lücken. Auch liegt über dieser Liste ein verschwörungstheoretischer Hauch, wenn Gruppierungen wie Opus Dei, der Malteserorden oder der Bilderberg-Club aufgeführt werden. Aber wer sich mit solchen Organisationen unbefangen befasst hat, weiß, dass sie auf die Angehörigen der Geldelite eine erstaunliche Anziehungskraft ausüben. Und in diesen und allen anderen Organisationen wird ja auch eine große Breite von Themen bearbeitet: Monetarismus, Goldstandard, Fiskal- und Steuerpolitik; Gesundheit, Rente, Privatisierung; liberale Tradition, freie Gesellschaft, Moralfragen, Religion, Unternehmerbild; Landwirtschaft, europäische Integration und EU, Migration, Entwicklungspolitik; Rule of Law, Recht und Wirtschaft, liberale Ordnung usw. [126]

Für eine Erkundung der Zusammenhänge zwischen diesen Agenturen ist eine Netzwerkanalyse unerlässlich. Erstaunlicherweise bietet ausgerechnet die Research Unit der EU (JCR) ein interessantes tool an, den ‚European Media Monitor’ (EMM) [128] , mit dessen Hilfe in Realzeit sämliche relevanten Online-Medien (große europäische Zeitungen, TV Websites usw. in 11 Sprachen) automatisch ausgewertet und die dort genannten Personen, Institutionen, Konzerne usw. unter anderem in Netzwerkdiagrammen, wie im abgebildeten Beispiel, dargestellt werden können. Dieses – noch in der Probephase befindliche – Werkzeug hat durchaus Herrschaftsrelevanz und sollte genau beobachtet und ‚geschützt’ werden. Denn schon hat Niels Jorgen Thorgesen, Direktor der DG PRESS, hervorgehoben, welchen besonderen Wert der EMM-Explorer für die Arbeit der ganzen EU-Kommission hat. Der Zugang könnte also beschränkt werden.

Ein weiterer Aspekt: Nicht nur die Agenturen des Geldmachtapparats entwickeln eigene Politiken, sondern auch einzelne Konzerne. Die Allianz, Europas größter Versicherer, ist das erste bedeutende europäische Unternehmen, das sich in eine ‚Societas Europae’, eine Rechtsform ähnlich einer AG, umwandelt und damit zu einem genuin europäischen Konzern wird. Die Allianz nutzt diese Transformation vor allem, um sich von der deutschen Form der Mitbestimmung zu verabschieden und ihre Verwaltungsstrukturen mehr dem angelsächsischen Modell anzupassen. Michael Diekmann, der CEO, formuliert ausdrücklich, dass durch die Zurückdrängung des Einflusses der Mitarbeiter die Entscheidungsprozesse ‚stromlinienförmiger’ werden, die Manager freie Hand bekommen und sich das Ganze mehr der US-amerikanischen corporate culture anpasst. 2006, das Jahr, in welchem die Allianz einen Gewinn von 4,4 Mrd. Euro verkündete, gab Diekmann zugleich die Entlassung von 7500 deutschen Mitarbeitern und die Schließung der Hälfte der Servicezentren in Deutschland bekannt. Die Umwandlung in eine ‚Societas Europae’ war „eine blendende Gelegenheit, Bedürfnisse der Investoren an den Interessen der Mitarbeiter vorbei zu schmuggeln.“ [129]


[123] vgl. z.B. das Forschungsprogramm ‚Neoliberale Wahrheitspolitik: Neo- bzw. Rechtsliberale Intellektuellen- und Think-Tank- Netzwerke als Säulen einer hegemonialen Konstellation. Historisch-soziale Netzwerkanalyse’ (Dieter Plehwe; Bernhard Walpen; Jürgen Nordmann), http://www.rosalux.de/buena-vista/

[124] Ein führender Intellektueller des Council on Foreign Relations, Walter Russell Mead, nennt sie ‚Laien-Denker’
[126] einer Aufstellung von Dieter Plehwe entnommen, http://www.gesteuerte-demokratie.de/plehwe.pdf
[129] A European Allianz becomes less German’ 20, 2006
 
 
 

3.3. Der Brüsseler Hofstaat

In der Brüsseler Bürokratie mit ihrem Lobbyistenkranz und den zum Teil abstrusen Prachtbauten weht etwas vom Geist des Feudalabsolutismus, was ja angesichts derjenigen, die dieses Personal entsenden, nicht verwundert (vgl. 3.4.). Kleinere Länder wie Finnland, Irland, Dänemark, Griechenland, Schweden, Österreich, Niederlande sind in den oberen Rängen der Brüsseler Bürokratie zwar (gemessen an ihrer Bevölkerungszahl) überrepräsentiert [130] , aber bei den Spitzenpositionen (A1) dominieren Deutschland (10), Frankreich (9), Großbritannien (8), Italien (7) und Spanien (6). [131] Ob es nun einen Feudalstil des Brüsseler Milieus gibt oder nicht, strukturell jedenfalls erinnert dieses bürokratische Gebilde eher an die zentralstaatlichen Washingtoner Strukturen des New Deal, die ihrerseits jene Elitenkonstellation hervorgebracht haben, die C. Wright Mills später The Power Elite genannt hat. [132]

Vor diesem Hintergrund sind die Angriffe von Autoren wie Hans Herbert von Arnim auf das Brüsseler System, die dort entstandene Power Elite, zu verstehen:

„In Europa geben drei große Gruppen von Funktionären den Ton an; sie teilen die politische Macht und die Herrschaft unter sich auf: die politische Elite und die politische Klasse; die Bürokraten; die Manager von Großunternehmen und die Lobbyisten von Interessenverbänden.

Die Macht der politischen Elite: Europa ist von Regierungen für Regierungen geschaffen. Die nationalen Regierungen waren es, die die europäischen Verträge ausgehandelt und über Erweiterungen entschieden haben. Ihre Ratifizierung durch die Parlamente der Mitgliedstaaten war häufig reine Formsache. Die Europäische Zentralbank trifft die wichtigen geldpolitischen Entscheidungen. Die Kommission und die Zentralbank sind – wie der Europäische Gerichtshof – unabhängig und weisungsfrei gegen über allen Organen der Gemeinschaft, erst recht gegenüber dem Bürger selbst. In der starken Position der Kommissare, der Europäischen Zentralbank und der ihnen unterstellten europäischen Verwaltungen zeigt sich das enorme Gewicht der Europabürokratie. Der Einfluß von Verbänden und Großwirtschaft ist in Europa noch sehr viel größer als in den einzelnen Mitgliedstaaten. Er findet seinen Ausdruck in der gewaltigen Massierung von Lobbyeinrichtungen besonders in Brüssel, in den umfangreichen Regulierungen zugunsten der Wirtschaft und nicht zuletzt darin, daß der Europahaushalt im wesentlichen ein Subventionshaushalt ist. ... Die Funktionäre des Machtdreiecks aus Politik, Bürokratie und Wirtschaft sind eine Interessensymbiose auf Gegenseitigkeit eingegangen und verketten sich immer mehr zu einem eingebunkerten Machtkartell. [133]

Andererseits verkennt von Arnims Fixierung auf diesen Dreiklang einer Power Elite – Politik, Bürokratie, Manager - genau jenen in Brüssel gar nicht sichtbaren Personenkreis, dessen Lebensinhalt darin besteht, verteilen, verwalten und managen zu lassen, jenen Personenkreis also, in dessen Tresore und auf dessen Konten der Geldmachtapparat mit wachsender Beschleunigung die Gelder fließen lässt.


[130] Stat. Bulletin der EU-Kommision 2005, Grafik 02003, http://www.jjahnke.net/

[131] J.Czaputowicz, ‘Civil Service in European Union Institutions’, Polish Yearbook of Civil Service, 2003, p. 34
[132] They rule the big corporations. They run the machinery of the state and claim its prerogatives. They direct the military establishment. They occupy the strategic command posts of the social structure”, schreibt C. Wright Mills in der Einführung von The Power Elite, a.a.O., p. 11
[133] aus einem Vorabdruck von: Hans Herbert von Arnim, Das Europa-Komplott, a.a.O., Die Welt, 25.02.2006
 
 
 

3.4. Gesichter und Spielplätze des neuen Souveräns

Man kann die Geldelite und ihre Höflinge auch durch die Brille von Hofzeitschriften wie Gala, Patek Philippe Magazine, Credo [134] usw. betrachten. [135] Die folgende Liste der Université Tangente hat das anscheinend praktiziert. Dabei frappiert die enorme Durchsetzung des europäischen Geldadels mit Aristokraten und Königshäusern. Das führt u.a. zur Frage nach den Orten des sozialen Umgangs: wo trifft sich die Geldelite nicht nur mit ihren Juwellieren und Kunsthändlern, sondern auch mit ihren ureigenen Intellektuellen und Politikern? In Bayreuth oder Salzburg? Auf der Baseler Kunstmesse? Oder wie die Gattin von Hubert Burda meint: bei der Bambi-Verleihung?

Die Cote d’Azure samt Monaco bietet Räume ebenso wie – auf kleinere Gruppen beschränkt – die Megayacht-Szene. [136] Vor allem aber – das ist unsere Hypothese - verschafft der europäische Hochadel der Geldelite und ihren Entouragen sozial aufgeladene Tummelplätze, die ähnliche Funktionen erfüllen wie in den USA etwa die ‚Bohemian Grove’. [137] Solche Orte des Sichversammelns der Geldelite sind in den USA zahlreicher und besser organisiert als in Europa, und sie schließen auch Institutionen ein, welche die Elite gleichsam ‚bewohnt’ (Leonard Silk) – von der Harvard University über die New York Times bis zur Metropolitan Opera und deren sozial relevanten Aufsichtsräten, ganz zu schweigen von Einrichtungen wie den Century-, Link- oder Knickerbocker-Clubs. [138] Das Vorhandensein derartiger, seit langem bestehender und kontinuierlich gepflegter Versammlungsformen erklärt in manchem die globale Schlagkraft der amerikanischen Plutokratie.

„Solche Clubs haben für die Oberschicht die gleiche Funktion, die in Stammesgesellschaften dem Klan zukam. Mit ihrer restriktiven Mitgliederpolitik, ihren Initiationsriten, privaten Zeremonien und der großen Betonung von Tradition ähneln diese Clubs den Geheimbünden, die es in vielen Primitivgesellschaften gibt. Sie verschaffen ihren Mitgliedern das Gefühl einer exklusiven Brüderlichkeit. Dieses ‚bonding’ innerhalb der Oberschicht erfüllt wichtige, wenn auch informelle Herrschafts- und Machtfunktionen.“ [139]

Hier die - wiederum nur als Anregung zu verstehende, aus dem obigen Schaubild extrahierte - Liste der Université Tangente:

‚Einflussreiche Europäer’ (Université Tangente)
Agnelli Familie
Alain Mérieux
Alex Krauer (*1931)
Alfred Freiherr von Oppenheim (1934-2005)
Alvarez Familie
Andrew Willoughby Ninian Bertie (*1929)
Andrey Melnichenko (*1971)
Antoine Bernheim (*1924)
Antonio Garrigues Walker
Arnaud Lagardère (*1961)
Baron Albert Frère (*1926)
Baron Ernest-Antoine Seillière de Laborde (*1937)
Baron Georg Thyssen- Bornemisza (*1950)
Baroness Helena Kennedy (*1950)
Baroness Margaret Jay of Paddington (*1940)
Baroness Margaret Thatcher (*1925)
Baroness Sarah Hogg (*1946)
Benoit Potier
Bernadette Chirac (= Ms. Chirac) (*1933)
Bernard de Combret
Bertrand Collomb
Bonnier Familie
Brenninkmeyer Familie
Bülent Eczacıbaşı
Charles Hambro (1930-2002) (& Familie)
Claude Bébéar (*1935)
Daniel Bouton (*1950)
David C. Clementi
Didier Pineau-Valencienne
Ekkehard Schulz (*1941)
Emilio Botín (*1934)
Espírito Familie
Etienne Davignon (*1932)
Felipe Propper de Callejon
Ferdinand Piëch (*1937)
François Pinault (*1936)
Friedrich Karl Flick (*1927)
Georges Chodron de Courcel (*1950)
Gerhard Cromme (*1943)
Gordon Pell
Gran Duca di Toscana
Henri Marte
Hilmar Kopper (*1935)
Hubert Burda
Immaculata von Habsburg-Lothringen
Jacques de Larosière de Champfeu (*1929)
Jean Laurent (*1944)
Jean-Claude Trichet (*1942)
Jean-René Fourtou (*1939)
Jeroen van der Veer (*1947)
Jérome Monod (*1930)
Josef Ackermann (*1948)
José-Maria Gil-Robles Gil-Delgado (*1935)
Klaus Schwab (*1938)
Koc Familie
König Albert II von Belgien (*1934)
König Carl Gustav von Schweden (*1946)
König Juan Carlos I von Spanien (*1938)
Königin Beatrix der Niederlande (*1938)
Königin Elisabeth II  (*1926)
Königin Margrethe II von Dänemark (*1940)
Landolt Familie
Lev Chernoy (*1954)
Liliane Bettencourt (*1922)
Lord Carey of Clifton
Lord Leon Brittan (*1939)
Lord Marshall (*1933)
Lord Roll of Ipsden (1907-2005)
Lord Simon of Highbury (*1939)
Manfred Bischoff (*1942)
Marc Ladreit de Lacharrière
Marc Rich (*1934)
Mario Monti (*1943)
Martin Ebner (*1945)
Michail Fridman (*1964)
Michel Pébereau (*1942)
Michel Roussin (*1939)
Michelin Familie
Mikail B. Piotrovsky
Msgr. Renato Dardozzi (*1922)
Niall FitzGerald (*1945)
Nicholas Clive-Worms
Nicholas Montagu
Oscar Fanjul (*1949)
Otto Graf Lambsdorff
Otto von Habsburg (*1912)
Pascal Lamy (*1947)
Paul D. Skinner
Pehr Gyllenhammar (*1935)
Peter Sutherland (*1946)
Peugeot Familie
Philippe Camus (*1948)
Prince of Wales
Prinz Hans Adam von und zu Liechtenstein
Quandt Familie
Ralph Harris (Lord Harris of High Cross) (* 1924)
Raymond Lévy (*1927)
Reinhard Mohn (*1921)
René Barbier de la Serre (*1940)
Roman Abramowitsch (*1966)
Romano Prodi (*1939)
Ruud Lubbers (*1939)
Sabanci Familie
Schlumberger Familie
Seydoux Familie
Serge Tchuruk (*1939)
Sergei Mikhaylov*
Siemens Familie
Silvio Berlusconi (*1936)
Sir Andrew Large
Sir Christopher Hogg (*1936)
Sir Iain Vallance
Sir John Bond (*1940)
Sir Keith Whitson (*1943)
Sir Mark Moody-Stuart (*1940)
Sir Peter Middleton (*1934)
Tessen von Heydebreck (*1945)
Thierry Breton (*1955)
Thomas Schmidheiny (*1945) (& Familie)
Vincent Bolloré
Wallenberg Familie
William R. P. Dalton (*1935)
Für alle aufgeführten Personen liegen kurze Dossiers vor, die abgerufen werden können unter:
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wemgehoertdieeu/ut-einflussreiche.htm
)

[134] nicht öffentlich erhältliche Edelkundenzeitschrift der Fürstlich-Liechtensteinschen Privatbank LTG ...

[135] C. Wright Mills hat diese Methode sogar empfohlen, vgl. das Kapitel ‚On intellectual craftmanship’ in: C.W.Mills, The Sociological Imagination, New York 1959
[136] eine interessante Quelle für Informationen sind Zeitschriften wie Boote exclusiv, Meer&Yachten usw.
[137] Die ‚Bohemian Grove’ gilt vielen als der ungewöhnlichste Geheimclub des amerikanischen Ultrareichtums. Einmal im Jahr, Ende Juli, trifft sich das amerikanische Establishment für zweieinhalb Wochen in einer Art Camp, 75 Meilen nördlich von San Francisco. Die upper class trifft auf Topmanager, Berühmtheiten, Regierungsmitglieder. Vgl. die ausführliche Dokumentation auf William Domhoffs Website, http://sociology.ucsc.edu/whorulesamerica/power/bohemian_grove.html
[138] Ferdinand Lundberg, a.a.O., S. 209f; L.Silk, M.Silk, The American Establishment, New York 1981; William Domhoff, Who Rules America? Power and Politics in the Year 2000, Third Edition, Mountain View 1998 (1967)
[139] Th.R.Dye, Who’s Running America? Seventh Edition, Prentice Hall 2002, p. 230

Werner Rügemer: PrivatZensur oder: Die Ehre der Bank Oppenheim

10 (zehn) einstweilige Verfügungen haben die Bank Oppenheim und ihre Berliner Kanzlei Schertz Bergmann bisher gegen Verlag, Autor und Vorwortverfasser und eine online-Zeitung seit Erscheinen von „Der Bankier“ erwirkt. Bisher.
Das Buch erschien im Mai 2006. Schon im Januar, auf die Verlagsankündigung hin, hagelte es Unterlassungsforderungen. Dann wurde mir eine Strafanzeige angekündigt, weil ein ungenannter Informant in einer Veranstaltung etwas Ehrverletzendes über die Kanzlei gehört habe. Dann folgten Unterlassungsforderungen namens der Bank, wieder mit Berufung auf den ungenannten Informanten, der wie bei der Strafanzeige bei Gericht alles unter Eid bekräftigen würde. Dann wurde die trübe Quelle doch nicht angezapft.
Dr. Schertz, Chef der von Oppenheim beauftragten Berliner Kanzlei, bietet Unternehmen an, die Berichterstattung „bereits am Anfang im Keim zu ersticken oder im besten Falle noch im Recherchestadium zu verhindern.“ Buchhändler erhielten Abmahnungen und anschließend eine Rechnung dafür. Gegen einen Bericht über die Gerichtsverhandlung am 22.8.06 erwirkte die Kanzlei zwei Einstweilige Verfügungen. Sie will u.a. verbieten lassen, dass der Name ihres Anwalts überhaupt genannt wird. Wegen dessen angeblicher Beleidigung fordert sie 15.000 Euro Entschädigung. ...
Die Bank beschwört „Ehrverletzungen“, beweist aber, dass sie nur noch eine sehr spezielle Restehre hat. Finanzbeschaffung für Preußenkrieg und NS-Aufrüstung, Teilnahme an Arisierungen, illegale Parteispenden für Adenauers und Kohls CDU, Vermögensdepot für SPD-Verteidigungsminister Scharping, Förderung des Andenkens an das Familienmitglied Max von Oppenheim, den „Vater des deutschen Djhad“, der Islamisten zu Bombenattentaten gegen England aufrief: Diese und ähnliche Darstellungen konnte die Bank nicht beanstanden. Welche Ehre verteidigt eine Bank mit diesem (unvollständigen) Sündenregister?
Im Buch wird dargestellt, dass die Bank nach dem selbsterklärten Vorbild der US-Finanzinvestoren seit 2005 Unternehmen aufkauft, „restrukturiert“ und weiterverkauft. Zu den Methoden solcher Finanzinvestoren („Heuschrecken“) gehören bekanntlich Entlassungen, Lohnsenkungen u.ä. Die Bank behauptet, diese Darstellung würde ihre Ehre verletzen, da sie solche Maßnahmen bisher nicht durchgeführt habe. An anderer Stelle im Buch wird dagegen ein Sprecher der Bank zitiert: Er lobt, dass zur Aktienwertsteigerung der Vorstand von DaimlerChrysler notfalls 6.000 Arbeitsplätze verlagert und dass die Beschäftigten jährlich auf 4.000 Euro Einkommen verzichten sollen. Diese Stelle konnte von der Bank nicht beanstandet werden. Welche Ehre also wird hier beschworen?
Werner Rügemer: Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred von Oppenheim. Mit einem Vorwort von Prof. Hans See und einer Chronologie der juristischen Auseinandersetzung. 3. überarbeitet geschwärzte Auflage. Nomen Verlag, Frankfurt/Main 2006. 134 Seiten, 14 Euro. ISBN 978-3-939816-00-3
http://www.nomen-verlag.de/main.php?page=katalog

 

 

 

 

 

 

Die Zeit: Wo in Deutschland die meisten Millionäre wohnen
Die Starnberger Republik

 
 

3.5. Stiftungskultur

Fast die Hälfte der rund 14.000 deutschen Stiftungen ist in den vergangenen zehn Jahren entstanden, das sind bei Neustiftungen rund fünfzig Prozent des US-Niveaus. [140] Diese sogenannten Non-Profit-Organisationen haben in den USA und tendenziell auch in Europa große ökonomische Macht. In den USA haben sie seit 1970 viermal schneller expandiert als die US-Wirtschaft insgesamt. Es gibt dort schon über eine Million solcher Organisationen, sie verfügen über ein Vermögen von über 2000 Milliarden Dollar und beschäftigen mehr Menschen als die US-Bundesregierung und die Regierungen aller 50 Bundesstaaten zusammen. "The business of operating with tax exemption has become big business." [141]

Doch sollte man das Bemühen um eine Kultur der Philanthropie durchaus ernst nehmen. Es ist eine Fortsetzung der Geldmachtpolitik mit anderen Mitteln. Wo Politik im Argen liegt, wo politologische Hofschranzen das kontinuierliche Absinken der Wahlbeteiligung schon als demokratische Reife der Bürger begrüßen, beginnen die Geldmächtigen an Konzepten eines ‚kulturvollen’ Einsatzes ihrer Vermögen zu basteln. So hat beispielsweise eine der größten europäischen Privatbanken ein Projekt in Auftrag gegeben, das sich mit der ‚Kultivierung’ (im mehrfachen Sinne) jener Ultra-HNWIs beschäftigen soll. Ein einschlägiges ‚Institut für Vermögenskultur’ wurde ins Auge gefasst, dessen Initiator räsoniert:

„Erstens musste eine würdige Tonalität geschaffen werden, um sich diesen sehr zurückhaltenden Personen überhaupt nähern zu können; insofern handelt es sich in gewisser Weise bei diesem Begriff [der ‚Vermögenskultur’] um ein Trojanisches Pferd. Zweitens können unter der Kategorie des Vermögens alle Formen der Aneignung in sozialer, kultureller und finanzieller Hinsicht subsumiert werden. Und drittens sollte der Kulturbegriff von vornherein auf die persönliche Verantwortung jener extrem Vermögenden hinweisen, die sie für ihre Familien, folgende Generationen, die Gesellschaftsentwicklung insgesamt und sich selbst besitzen.“ [142]

Die Melinda & Bill Gates Foundation mit einem Vermögen von 30 Mrd.$ kümmert sich um Krankheitsbekämpfung in armen Ländern, Entwicklung von Impfstoffen und Bildungsinitiativen. Nun hat sich der zweitreichste Mann Amerikas, Warren Buffet, entschieden, den größten Teil seines Vermögens, 30 Mrd.$, ebenfalls in die Gates Stiftung einzubringen, um eine Wohltätigkeitsorganisation zu gründen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. Buffet wird in den Aufsichtsrat der Gates Stiftung gehen.

„Was solche Titanen wie Buffet, Gates, Rockefeller und Carnegie vereint, ist eine Überzeugung, die Carnegie 1899 in einem Essay, ‚Das Evangelium des Reichtums’, formulierte: die Superreichen sollten die ‚Treuhänder’ ihrer großen Vermögen sein und sie zum Wohle der Gesellschaft verwalten. Jetzt ist die Fackel der Titanen weitergereicht worden ... Das Engagement der Bill & Melinda Gates Foundation für die Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt wird Konfrontationen bringen mit Regierungen und Herrschern, die sich genauso wie zu Carnegies Zeiten nicht gerne sagen lassen, was sie tun sollen. Doch durch den Einsatz ihres enormen Stiftungsvermögens draußen in der Welt ist die Gates Stiftung längst zu einem wichtigen global player geworden ... Aber auch der kombinierte Reichtum von Gates und Buffet kann die Welt allein nicht verändern.” [143]

Die Dinge werden fragwürdig, wenn durch Philanthropie direkte Eingriffe in Politik, Kultur und sogar Religion erfolgen. Dies aber geschieht in wachsendem Umfang. Slavoj Zizek schreibt, dass smarte Milliardäre wie Bill Gates so tun, als gäbe es keinen Widerspruch zwischen kapitalistischer Ausbeutung und mildtätiger Menschenliebe. Zizek nennt George Soros und dot.com-Milliardäre wie die Chefs von Google, IBM, Intel, Ebay usw. ‚liberale Kommunisten’. Sie seien letztlich nichts als „Vermittler einer strukturellen Gewalt, die die Bedingungen für den Ausbruch subjektiver Gewalt schafft. Derselbe Soros, der Millionen verschenkt, um Bildungsprojekte zu fördern, hat mit seinen Finanzspekulationen das Leben Tausender ruiniert und dabei die Bedingungen für jene Intoleranz geschaffen, die er geißelt.“ [144]


[140] G.Hamann, U.J. Heuser, ‚Milliarden-Segen. Die Reichen stiften mehr als je zuvor ...’, Die Zeit, 13.7.2006

[141] John Hawks, For a Good Cause?, Secaucus, N.J., 1997
[142] Thomas Druyen, Direktor der Privatbank der Fürstenfamilie von und zu Liechtenstein (LTG-Bank), Mskr. des öffentlichen Habilitationsvortrags, Juni 2004, im Institut für Soziologie der Universität Münster
[143] H.D.S. Greenway, ‘Titans pass their torches’, 4, 2006
[144] Slavoj Zizek, ‚Der liberale Kommunist’, Cicero 7/2006, S. 108f

 

 

 
 

3.6. Kapitalismusbasierte High-Tech-Refeudalisierung?

Rein äußerlich betrachtet ist, wie gesagt, das Besondere am Habitus der europäischen Geldelite und ihres Geldmachtapparats die Renaissance feudaler Muster. Keine andere Region kann in solchem Maße auf derartige patterns zwecks Organisierung elitärer Macht rekurrieren. Diese Muster sind selbstverständlich heute vielfach gebrochen und Teil der virtuellen oder Simulationskultur. Frühmittelalterliche Rollenmodelle und Metaphern beherrschen die Welt der Computerspiele, sie bestimmen aber auch schon seit den Fünzigern das Selbstbild von Jungmanagern und superreichen Familiendynastien. [145] Doch mag der Geldmachtapparat noch so sehr in feudalen Gewändern einherkommen, er wird letztlich durch die Möglichkeiten der digitalen Revolution getragen und beschleunigt. Aus diesem technischen Reservoir bezieht er auch seine Gewaltmittel, von der elektronischen Überwachung seiner Hilfseliten und Arbeitskräfte bis zur Hi-Tech-Hypertrophie des Militär-Industrie-Komplexes.

Die Reichen und Superreichen haben seit den Fünfzigern gelernt, wie sie in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines zeitweise robusten Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss bewahren und mehren konnten. Sie schufen sich neue Institutionen und Instrumente zur Befriedigung ihrer Habgier. Sie fanden Wege, ihre Träume und Zukunftsentwürfe wirksam zur Geltung zu bringen, zunächst im 'Kampf gegen den Kommunismus', dann, auf dem Wege zu einer neuen globalen Weltordnung, im ‚Kampf gegen den Terrorismus’. Und sie hieven Domestiken des globalen Geldmachtapparats wie Horst Köhler in höchste politische Ämter. Führt dieses Handlungsgefüge von Interessen, Einflussnahmen und künstlich erzeugten Ausnahmezuständen [146] zu einer Refeudalisierung oder gar Schlimmerem?

„In den letzten Jahrzehnten sind auf der Erde unglaubliche Reichtümer entstanden, der Welthandel hat sich in den letzten 12 Jahren mehr als verdreifacht, das Welt-Bruttosozialprodukt fast verdoppelt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Und gerade jetzt findet eine brutale, massive Refeudalisierung statt. Die neuen Kolonialherren, die multinationalen Konzerne - ich nenne sie Kosmokraten - eignen sich die Reichtümer der Welt an. Diese neue Feudalherrschaft ist 1000 Mal brutaler als die aristokratische zu Zeiten der Französischen Revolution ... Die Legitimationstheorie der Konzerne ist der Konsensus von Washington. Danach muss weltweit eine vollständige Liberalisierung stattfinden: Alle Güter, alles Kapital und die Dienstleistungsströme in jedem Lebensbereich müssen vollständig privatisiert werden. Nach diesem Konsensus gibt es keine öffentlichen Güter wie Wasser. Auch die Gene der Menschen, der Tiere und Pflanzen werden in Besitz genommen und patentiert. Alles wird dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen. Dabei setzen die Konzerne zwei Massenvernichtungswaffen ein, den Hunger und die Verschuldung. Das Resultat ist absolut fürchterlich ... Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet ... Diese kannibalische Weltordnung von heute ist das Ende sämtlicher Werte und Institutionen der Aufklärung, unter denen wir bisher gelebt haben, das Ende der Grundwerte, der Menschenrechte. Entweder wird die strukturelle Gewalt der Konzerne gebrochen. Oder die Demokratie, diese Zivilisation, wie sie heute in den 111 Artikeln der UNO-Charta oder im Deutschen Grundgesetz fixiert ist, ist vorbei und der Dschungel kommt. Es ist eine Existenzfrage.“ [147]

Richard Sennett hat vor kurzem in einer grundsätzlichen Kritik gesagt, der moderne Kapitalismus sei in seiner Grundtendenz antidemokratisch. Er führe zu einer weichen Spielart des Faschismus (soft fascism). In modern organisierten Unternehmen werde die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von Spitzenmanagern ausgeübt, das gleiche gelte für die politische Sphäre, wo die Entscheidungsmacht einigen wenigen Spitzenpolitikern vorbehalten sei. Diese Tendenz zur Zentralisierung von Macht und zur extremen Verkürzung der Zeithorizonte im Unternehmensmanagement sei die unmittelbare Folge der totalen Freisetzung riesiger Kräfte des Finanzkapitals nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Abkommens in den siebziger Jahren. Politische Macht sei abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die sehr genau weiß, wie man mit den neuen Strukturen umgeht und sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert. Sennett fährt fort: „Diese Netze geben Managern heute die Freiheit, Dinge zu tun, die innerhalb der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären. Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und wird unsichtbar.“ Wirkliche Macht hängt vom Platz ab, den man innerhalb eines weltweiten Netzwerkes einer immer kleiner werdenden Gruppe von Spitzenmanagern und Spitzenpolitikern einnimmt. Die Bürger, resümiert Sennett, „haben in der politischen Sphäre keinen Platz mehr. Nur eine äußerst schmale Schicht der Gesellschaft hat überhaupt noch Zugang zu ihr.“ [148] Das Problematische aber ist, dass die politische Sphäre selbst immer bedeutungsloser wird - und dass die Welt der Spitzenmanager auch für diese selbst prekärer wird.

Die Geldeliten verselbständigen sich, beginnen im wahrsten Sinne des Wortes in dieser Winner Takes All-Gesellschaft auf eigene Faust zu operieren. Die Dinge entwickeln sich dramatisch. Klimawandel und Ressourcenprobleme deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Und für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die Geldeliten - souveräne, wohlgeschützte Eigner des Besten, was diese Welt zu bieten hat - gut gerüstet. Was für eine Illusion.

Dedicated to the memory of Arthur J. Vidich


[145] J.R.R Tolkiens The Lord of the Rings erschien 1954 und war Kultlektüre der jungen Broker in den gotischen Wolkenkratzerburgen der Wall Street; John F. Kennedy wurde nicht umsonst mit Camelot aus der König Arthur Runde identifiziert usw.

[146] vgl. Giorgio Agamben, Ausnahmezustand, Frankfurt/M., 2004
[147] Aus einem Interview mit Jean Ziegler, Germanwatch-Zeitung 4/2005; vgl. J.Ziegler, Das Imperium der Schande, a.a.O.

[148] Richard Sennett, ‚Das Diktat der Politmanager’, Freitag, 32, 12.8.2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Michael T. Klare:
Behold the rise of energy-based fascism
Part I
Part II

„Der bürgerliche Elitemensch wirft sich, wenn er den Ruf >Alle Menschen werden Brüder< zu buchstäblich verstanden sieht, am Ende dem Faschismus in die Arme; flüchtet, wie Ortega y Gasset es wirklich tat, zu Franco, wird, nur um seine Eliteexistenz zu retten und den Massen inneren Respekt, Distanzgefühl gegenüber dem höheren Menschen beizubringen, Unmensch. Dem Aufstand der Massen begegnet der Terror der Elite – und die Herrenmenschen haben dabei, wieviel Blut sie auch vergießen und wieviel Bestialitäten sie begehen, das beste Gewissen.“
(Ernst Niekisch, Zum Problem der Elite, in: Sinn und Form, 1949, Heft 1, S. 142)

H.J.Krysmanski    copyleft 2006