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Die
Frage, wem die EU gehört, kann und muss auf verschiedenen Ebenen beantwortet
werden. Zunächst einmal, und das entspricht dem gegenwärtigen Stand
des Eindringens in diese Problematik, geht es um die Frage der Vermögenskonzentrationen,
seit der europäische Integrationsprozess so richtig in Gang gekommen
ist.
[1]
Die Reichen sind immer reicher geworden und dafür
gibt es eine Fülle von empirischen und statistischen Indizes, auch wenn
sie bislang in keiner Weise zureichend systematisch erschlossen und
analysiert worden sind und auch wenn hinsichtlich der Frage, was Eigentum
– und sogar Geld - unter den heutigen Bedingungen ist, Klärung aussteht.
[2]
Zweitens
geht es um das klassentheoretische Problem, also um die Frage, ob sich
in Europa eine (neue) herrschende Klasse auf der Grundlage dieser Akkumulationsprozesse
herausbildet. Hier finden sich die unterschiedlichsten Erklärungsansätze
und noch bei weitem kein Konsensus unter den kapitalismuskritischen
Beobachtern – und vornehmlich in diesem Milieu wollen wir uns im Folgenden
bewegen. Drittens
schließlich geht es um eine epochen- oder formationsspezifische Bestimmung
dieses historisch einmaligen Akkumulationsprozesses. Wir werden versuchsweise
(3.6.) von einer kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung
Europas sprechen, in deren Kern sich eine ‚transkapitalistische’
Konzentration von Geldmacht durch Privatisierung (wealth condensation)
vollzieht. Im
Zentrum unseres Interesses steht, wie gesagt, die zweite Ebene, die
klassentheoretische Frage, also die Frage nach dem ‚Wer’ bzw. nach dem
‚Wer wen’. Nach unserer Auffassung ist die Postulierung einer europäischen
‚herrschenden Klasse’ verfrüht bzw. auch nach anderthalb Jahrhunderten
marxistischer und nicht-marxistischer Klassenanalyse noch den Gefahren
der Vereinfachung und Mythologisierung ausgesetzt. Wir werden versuchen,
die Akteure und Profiteure der kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung
Europas als ein komplexes Netzwerk teils kooperierender, teils konkurrierender
Eliten darzustellen und dabei typisierende und analytische Momente miteinander
verbinden.
[3]
Um dieses Netzwerk sozusagen vorurteilsfrei zu erkunden,
verwenden wir einen neuen Begriff: Geldmachtapparat. In
diesem ‚Geldmachtapparat’ genannten Netzwerk beginnen sich verschiedene,
per se höchst interessante Gruppen heimisch zu machen: teils in Gestalt
eines über Generationen vererbten Reichtums, teils in Gestalt alten
oder neuen europäischen Adels, teils in Gestalt eines mithilfe technischer,
finanzpolitischer oder marketingmäßiger Innovationen zusammengerafften
Neureichtums, teils in Gestalt eines durch korrupte Privatisierungspraktiken
erzeugten Oligarchentums, teils in Gestalt von Mafia-Milliardären.
[1]
Vgl J. Huffschmid, Wem gehört Europa? Bd. I/II, Heilbronn 1994; ‚Who will own Europe?’ Workshop der EU
Kommission ECFIN (2003), http://ec.europa.eu/economy_finance/events/2003/events_workshop_0203_en.htm
[2]
vgl. z.B. J. Rifkin, Das Verschwinden des Eigentums,
Frankfurt/M. 2000
[3]
Vgl. Mattei Dogan, ‘Is there a Ruling
Class in France?’ Comparative Sociology, Vol.2, Issue 1, 2003
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Studie
im Auftrag der Europaabgeordneten Sahra Wagenknecht, Mitglied in der PDS-Delegation
in der Konföderalen Fraktion der PDF-Version
des Textes
Bemerkungen,
Hinweise usw. können an den Autor geschickt werden: |
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| 3.
Aspekte europäischer Herrschaft 3.1. Power Structure Research 3.2. Agenturen des Geldmachtapparats 3.3. Der Brüsseler Hofstaat 3.4. Gesichter und Spielplätze des neuen Souveräns 3.5. Stiftungskultur 3.6. Kapitalismusbasierte High-Tech-Refeudalisierung? |
1.
Strukturen des Reichtums 1.1.
Superreichtum und Geldmachtapparat Nun kann man sich einerseits vorstellen, dass in einem zunächst einzig durch Geldreichtum definierten Netzwerk von Personen und Gruppen vielfältigste gegensätzliche Interessen, Konflikte und Widersprüche aufbrechen können. Andererseits haben die derzeit beobachtbaren Akkumulationsprozesse – eine seltsame Mischung aus klassischer Kapitalverwertung und ‚Akkumulation durch Enteignung’ [4] - auch soziale und kulturelle Integrationseffekte. Eine neue Oberschicht mit eigenen Macht- und Herrschaftsperspektiven entsteht. Und in unserem Fall – angesichts der vielfältigen transatlantischen Vernetzungen der europäischen Geldelite – dürfte das vereinheitlichende Vorbild die US-amerikanische Plutokratie sein. Über diese Schicht des amerikanischen Superreichtums schrieb Ferdinand Lundberg einst:
Was aber heißt nun eigentlich ‚gehören’? So lange wir nur die Frage stellen müssen, wem eine bestimmte Immobilie, ein Handwerksbetrieb, ein Gemälde usw. gehören, erlaubt das bürgerliche Eigentumsrecht ziemlich präzise Antworten. Fragen wir aber, wem ein Konzern, eine Bank, die Deutsche Bahn AG, der Hamburger Hafen usw. gehören, so wird die Feststellung der Eigentumsverhältnisse schon schwieriger, manches liegt im Verborgenen, scheint unentwirrbar. Schließlich stößt man auf private Anteilseigner und damit erstens auf die Konzentration von riesigen, aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien, und zweitens auf die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates, der Kommunen) und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser, Natur usw.) in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums. Wem aber nun eine Stadt, ein Land oder gar Europa gehören – eine solche Frage ist seit dem Feudalismus nicht mehr gestellt worden.
[4]
David Harvey’s Begriff der ‚accumulation
by dispossession’ (Akkumulation durch Enteignung) umschreibt den heutigen
Kern von ‚Privatisierung’, D. Harvey, The New Imperialism,
Oxford University Press 2003
[5]
F. Lundberg, Die Reichen und die Superreichen.
Macht und Allmacht des Geldes, Hamburg 1969, S. 116
[6]
Vgl. Jürgen Roth, Der Deutschland-Clan, Frankfurt/M.
2006; Thomas Leif, Beraten und verkauft, München 2006; Albrecht
Müller, Machtwahn, München 2006; Jean Ziegler, Das Imperium
der Schande, München 2005
[7]
Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S.
787
[8]
M. Chossudovsky, Global brutal.
Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg,
Frankfurt/M. 2002, S. 306ff
[9]
William Pfaff, ‘Capitalism under fire’, International
Herald Tribune, March 30, 2006; in Medien wie der New York Times nimmt
derartige Kritik zu, z.B. von Autoren wie Paul Krugman, Bob Herbert,
Anatol Lieven usw.
[10]
J. Rifkin, ‘The New Capitalism is
About Turning Culture into Commerce’, International Herald Tribune,
January 17, 2000
[11]
John Major, ehem. brit. Premier,
1991 in einer Rede, http://en.wikipedia.org/wiki/Ownership_society
[12]
Homepage des Cato Institute: ‘Ownership
Society Philosophy’, http://www.cato.org/special/ownership_society/
[13]
Diese Theorie ist bezeichnenderweise
nicht von Ökonomen, sondern von ökonomisch interessierten Mathematikern
und Physikern entwickelt worden: J.-P.Bouchaud/M Mezard, ‘Wealth condensation
in a simple model of economy’, in: Physica A 282, 2000;
Zdzislaw Burda et al, 2002 ‘Wealth condensation in Pareto macroeconomies’,
in: Physical Review E, vol 65, 2002
[14]
Stichwort ‘winner takes all markets’,
Economics A-Z, http://www.economist.com/research/Economics/
|
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Es
gibt zwei deutsche Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung
[16]
, einen German Wealth Report 2000 der Investmentfirma
Merrill Lynch, aber keine vergleichbaren englischen, französischen,
italienischen usw. Berichte und auch keinen European Wealth Report,
der öffentlich zugänglich wäre, obschon große Investmentbanken und Wealth
Management Firmen über eine Fülle interner Daten verfügen. Dem globalen
Charakter der Reichtumsentwicklung entsprechen die World Wealth Reports
von Merrill Lynch.
[17]
Laut
Merrill Lynch World Wealth Report 2006 stieg das Vermögen der
sogenannten High Net Worth Individuals (HNWIs) - mit einem Netto-Geldvermögen
(ohne Erstwohnsitz und Konsumvermögen) von mindestens 1 Mill.$ - im
Jahre 2005 auf 33,3 Bill.$ an, ein 8,5 prozentiger Zuwachs gegenüber
2004. Oder anders gesagt, die Zahl der HNWIs wuchs gegenüber 2004 um 6,5 Prozent auf 8,7 Millionen
Personen weltweit. Und die Zahl der Ultra-HNWIs, die über mehr
als 30 Mill.$ verfügen, wuchs 2005 auf 85 400 Personen weltweit. Trotz
einer gewissen Verlangsamung stellten dabei die USA noch immer die meisten
HNWIs mit dem weltweit größten Anteil an akkumuliertem Reichtum. Für
die Reichtumsakkumulation am interessantesten erwiesen sich die asiatisch-pazifische
Region, ebenso Lateinamerika und der Mittlere Osten. In Südkorea stieg
die Anzahl der HNWIs um 21 Prozent, in Indien um 19 Prozent, in Russland
um 17 Prozent und in Südafrika um 15 Prozent. Dabei lässt sich, so Merrill
Lynch, beobachten, dass eine zunehmende Zahl von HNWIs die Strategien
der Ultra-HNWIs kopiert und ihre Portefeuilles auf internationale
Investitionen umorientiert, um am Aufschwung jener neuen Märkte, insbesondere
in Asien, teilzuhaben und der Unsicherheit des Dollars entgegenzuwirken.
Auch die HNWIs würden also ‚aggressiver’ und skeptischer gegen Investitionen
in Nordamerika, auch wenn dies die für Investitionen populärste Region
bleibe. Obgleich die asiatisch-pazifische Region Europa im Jahre 2005
an Dynamik übertraf, blieb Europas Anteil an den globalen Nettovermögenswerten
konstant bei 22 Prozent. Die gute Performanz der ‚reifen’ europäischen
Kapitalmärkte und die Dynamik der neuen europäischen Märkte veranlasste
die regionalen HNWIs, 48 Prozent ihrer Invesitionen in Europa zu tätigen
– verglichen mit 40 Prozent im Jahre 2004. Gleichwohl wird erwartet,
dass auch die Europäer künftig weniger in den USA und in Europa selbst
investieren werden, zugunsten der asiatisch-pazifischen und lateinamerikanischen
Märkte.
[18]
Die Bedeutung dieser Vermögens- und Einkommenskonzentrationen auch für die EU erschließt sich allerdings erst, wenn man die Frage, was Reichtum überhaupt ist, ein wenig erweitert.
„Im
Jahr 2003 konzentrierte das obere Zehntel aller deutschen Haushalte
46,8 Prozent des gesamten Nettovermögens auf sich. Auf das untere
Zehntel entfiel ein Anteil von minus 0,6 Prozent. Das ‚Vermögen’ dieses
Teils der Bevölkerung bestand und besteht aus Schulden. Dass zu dem
oberen Zehntel im Jahr 2003 43 deutsche Nettovermögensmilliardäre
gehören, die zu den Reichsten der Erde zählen, wird in den Armuts-
und Reichtumsberichten der Bundesregierung allerdings nicht erwähnt.“
[25]
Konzentriert
man sich – im Sinne unserer Ultra-HNWIs - auf das obere Zehntel
der ‚Haushalte’, so differieren hier die Vermögen zwischen 500 000 €
und weit über 15 Milliarden €, was dreißigtausendmal mehr ist. Für unsere
Fragestellung geht es dann also eher um das oberste Zehntel des obersten
Zehntels – und die „reichsten 150 000 westdeutschen Haushalte, d.s.
0,5 %, [verfügen] über rund ein Sechstel des gesamten Geldvermögens.
Dies ist nicht nur Ausdruck eines enormen Reichtums. Die hier wiedergegebenen
Daten belegen auch, daß sich in Deutschland ein dramatischer Polarisierungsprozeß
vollzieht, der sich seit den 80er Jahren sichtbar beschleunigt hat“.
[26]
Die
Frage, auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen
sind, wird uns in den folgenden Abschnitten noch weiter beschäftigen
– wobei der zusammenfassende Antwortversuch immer wieder lauten wird:
hier ist ein Geldmachtapparat entstanden, welcher unternehmerische Eigentumsoperationen,
die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere
den Finanzmärkten), die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten
und vermachteten, netzwerkartigen Zusammenhang bringt. In ihm wird vor
allem auch das klassische Betriebsvermögen, in Gestalt von kleinen und
großen Unternehmen, immer ‚flexibler’ gehandhabt, hin und her geschoben,
kurzfristig veräußert, zusammengelegt, ‚filetiert’ usw., so dass es
in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen
(und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind,
welche die großen Revenuen erbringen. Neben
Geldvermögen und verflüssigtem Betriebsvermögen wächst heute für die
Schicht der Superreichen die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im
Luxussegment. Luxuskonsum dient der Sicherung des sozio-kulturellen
Status und ist damit eine herrschaftsnützliche Form der Kapitalvernichtung.
Der hier fällige Begriff der conspicuous consumption wurde zuerst
Ende des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Ökonomen und Soziologen
Thorstein Veblen
[27]
eingeführt, um die Macht- und Herrschaftsfunktion
eines aufwändigen, durchaus auch ‚müßigen’ Lebensstils zu erfassen.
Indem die Geldelite materielle und immaterielle Güter, Dienstleistungen
usw. des Luxusmarktes konsumiert, demonstriert sie nicht nur ihre abgehobene
Stellung, sondern fixiert auch alle übrigen Schichten auf ganz bestimmte
Vorstellungen von ‚Glück’, welche alternative Möglichkeiten der Selbstverwirklichung
politisch wirksam überblenden. In
diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden
ein zentraler Raum für conspicuous consumption, vom Feudalismus
bis heute. Gerade auch für Europa lässt sich die Agglomeration von Luxusimmobilien
in bestimmten Stadtteilen, in bestimmten Landstrichen (Küsten, Inseln,
Kleinstaaten wie Monaco usw.) gut und über historisch lange Strecken
illustrieren.
[28]
Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen
Konsums – von Kutschen zu Rolls Royces, Privatjets usw. Megamotoryachten
beispielsweise erleben gerade in Europa einen nie gekannten Bauboom,
ihre Größe steigt rapide, Anschaffungskosten, Verbrauch und Liegegebühren
gehen ins Astronomische, ebenso aber auch der Prestigeeffekt und die
Möglichkeit der Erzeugung von Netzwerk- und Abhängigkeitseffekten an
Bord.
[29]
Im übrigen spielt gerade auch der Kunstmarkt eine
besondere – und besonders subtile - Rolle im Bereich des demonstrativen
Konsums.
[30]
Auch
kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus, vor allem Bildungsprivilegien
und -titel, wird zunehmend monetarisiert. Eliteuniversitäten bleiben
den Kindern der Reichen vorbehalten – und den sorgfältig ausgelesenen
Best and Brightest aus den übrigen Schichten, welche eines der
dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen
einnehmen dürfen. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden.
Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität
mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 19 000 Dollar.
Und in Großbritannien äußern Politiker die Sorge, „dass das Schuldengespenst
die jungen Leute veranlassen könnte, höhere Bildung als ein Luxusgut
zu betrachten und aufzugeben – mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit
ihres Landes.“
[31]
Letztlich aber drückt sich für die Geldelite
die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals nicht in individuellen
Bildungskarrieren usw. aus. Denn wirklich großer Reichtum schafft sich
Netzwerke der Kultur und Bildung, welche bereits wieder an die höfische
Gesellschaft erinnern. Kulturelles Kapital erscheint hier in Gestalt
von Entouragen gebildeter, kultivierter, wissenschaftlich spezialisierter
Berater, Hofschranzen usw. Formelle und informelle Bildungsgüter werden
letztlich erst vermögenswirksam, wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats
insgesamt führen, zu einer ‚Vermögenskultur’, die sich in Stiftungen,
Think Tanks u. dgl. institutionalisiert hat. Ähnliches
gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. Zweifellos spielt
der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle
Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle,
ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals. „Für die Besetzung
von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist nicht, wie von
ihren Repräsentanten immer wieder betont wird, die Leistung ausschlaggebend,
sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten ... Es handelt
sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten, die für ‚Eingeweihte’
den entscheidenden Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und
denen, die nur dazugehören wollen, markiert.“
[32]
Andererseits aber muss ‚Sozialkompetenz’ nicht unbedingt
direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. Wer sich ‚Sozialtrainer’,
Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann, verfügt über viel
soziales Kapital, selbst wenn er ein stotternder Autist ist.
[15]
Paul Krugman, The New York Times, January
21, 2003
[16]
Bundesmin. f. Arbeit u. Soziales, http://www.bmas.bund.de/BMAS/Navigation/Soziale-Sicherung/berichte
[17]
Capgemini Consulting, http://www.us.capgemini.com/worldwealthreport06/;
im übrigen bieten viele Wealth Management Firmen und Privatbanken
auf geschützten Websites gegen teures Geld Dossiers an
[18]
Capgemini Consulting, Press Release,
June 20, 2006, http://www.us.capgemini.com/worldwealthreport06/wwr_pressrelease.asp?ID=565
[19]
Georges Gagnebin, Joseph J. Grano,
Jr., ‘European Wealth Management’, UBS Private Banking, February
2001, http://www.ubs.com/1/ShowMedia/investors/presentations/2000?contentId=63297&name=q400_b.pdf
[20]
H. Timmons, ‘Goldman enters private
banking for the very rich’, IHT, August 2, 2006
[21]
Vgl. Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/1858,
MEW 42, S. 322
[22]
Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, MEW 23,
S. 145
[23]
Ulrich Busch, ‚Der Reichtum wächst, aber nicht für
alle’, Utopie kreativ, April 2003, S. 320
[24]
Dieter Klein, Milliardäre – Kassenleere. Rätselhafter
Verbleib des anschwellenden Reichtums, Berlin 2006
[25]
ebenda, S. 49
[26]
Busch, a.a.O., S. 325
[27]
Thorstein Veblen, The Theory of
the Leisure Class, 1899 (dt. Theorie der feinen Leute,
Frankfurt 1997)
[28]
Dale Fuchs, ‘Is the beach party over
for the ‚Florida of Europe?’, IHT, July 22-23, 2006
[29]
Florian Harms, ‚Yacht Spotting: Auf der Spur der
weißen Riesen’, Spiegel Online, 13. Juni 2006, http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,420942,00.html
[30]
Wenn, wie jüngst geschehen, ein unscheinbarer, bislang
in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein
Russe) auf einer Sotheby-Auktion en passant Picassos ‚Dora Maar mit
Katze’ für 95,2 Mill. Dollar, einen Monet für 5 Mill. und noch schnell
einen Chagall für 2,5 Mill. Dollar ersteigert und wenn derartiges immer
häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht, so steckt dahinter
eine ‚Vermögenskultur’ im Umfeld des Geldmachtapparats, die noch kaum
erforscht ist, vgl. Carol Vogel, ‚Enthusiastic bidder at rear walks
away with the big prize’, IHT, May 5, 2006
[31]
‘Higher education: Priced out of
reach?’, IHT, 30, 2006, vgl.
Washington Public Interest Research Group (PIRG), http://studentdebtalert.org
[32]
Michael Hartmann, ‚Macht muß gelernt sein. Die Rekrutierung
der deutschen Wirtschaftselite ist keine Frage der Leistung’, Junge
Welt, 19.9.03
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Um
Reichtum zu erzeugen und zu erhalten, müssen die verschiedenen Vermögens-
bzw. Kapitalformen in Bewegung gesetzt werden. Diese Bewegungen im Geldmachtapparat
basieren auf folgenden Mechanismen: a) Privatisierung als jene
Eigentumsoperation, welche letztlich zur Etablierung eines neuen, allein
auf die Geldeliten gemünzten Souveränitätstyps
[33]
; führt, b) Verwertungsoperationen der Wertschöpfung
(Kapital) und Aneignung durch Enteignung (accumulation by dispossession);
c) Verteilungsoperationen aller geschaffenen und geraubten Werte
von ‚unten’ nach ‚oben’; d) Informatisierungsoperationen der
kommunikativen Ermöglichung und Glättung aller Privatisierungs-, Verwertungs-
und Verteilungsprozesse. Privatisierung
ist eine Form der Stabilisierung von Reichtumsstrukturen, die einerseits
an uralte, tradierte Formen der Organisierung von Habgier anknüpft,
die aber andererseits in der Gegenwart – in einer Wissens- und Informationsgesellschaft
- diesen historischen Fundus an Bereicherungserfahrungen mit allen kommunikativen
und medialen Mitteln ausschöpft. Je mehr privatisiert wird, desto weniger
Privatleute, das heißt, Leute, die über sich selbst verfügen, gibt es.
Die wenigen Privatleute, die übrig bleiben, werden, indem sie immer
reicher werden, immer ‚privater’. Und allmählich glauben sie, gerade
in ihren philanthropischen Bemühungen, dass ihnen die ganze Welt gehört.
Nicht zuletzt deshalb haben sie auch damit begonnen, das staatliche
Gewaltmonopol zu unterlaufen und die innere und äußere Sicherheit zu
privatisieren.
[34]
Das Arsenal der Privatisierungsoperationen ist
umfangreich: Selbstrepräsentation, Selbstabgrenzung, wechselseitige
Gewährung von Privilegien, rücksichtslose Besetzung von Führungspositionen
in allen gesellschaftlichen Bereichen, Ausbau des Stiftungswesens, Philanthropie,
Schaffung von Sicherheitszonen. Das
Ganze beruht auf den klassischen kapitalistischen Verwertungsoperationen,
auch wenn deren Grundformel sich dynamisiert: „Kaufen
Sie für Geld (=G) eine Ware (=W), veräußern Sie letztere wieder und
erhalten dafür mehr Geld als vorher (=G’), dann hat sich das ursprünglich
eingesetzte Geld als Kapital erwiesen. Allerdings gehört auch noch eine
Veränderung der Ware selbst hinzu: sei es, daß sie zu einer anderen
Ware umgeformt, sei es, daß sie von einem Ort zum anderen transportiert
wird. Sie ist hinterher nicht dieselbe: aus W ist W’ geworden, unsere
Formel lautet jetzt: G-W-W’-G’.“
[35]
Für
Giovanni Arrighi befinden wir uns in einer historischen Phase des Kapitalismus,
die er – nach einem ‘genuesischen’ Zyklus vom 15. bis zum frühen 17.
Jahrhundert, einem ‚holländischen’ Zyklus vom späten 16. bis zum späten
18. Jahrhundert und einem ‚britischen’ Zyklus von der Mitte des 18.
Jahrhunderts bis zum frühen 20. Jahrhundert - als den ‚US-amerikanischen’
Zyklus finanzieller Expansion definiert, der bis heute andauert: „Marxens
allgemeine Kapitalformel (gwg’) kann so reinterpretiert werden, dass
nicht nur die Logik individueller kapitalistischer Investitionen erfasst
wird, sondern auch das sich wiederholende Muster weltkapitalistischer
Entwicklung. Der zentrale Aspekt dieses Musters ist die Abwechslung
von Epochen materieller Expansion (gw) mit Phasen finanzieller Expansion
(wg’). In den Phasen materieller Expansion setzt Geldkapital (g) wachsende
Mengen von Waren (w) in Bewegung, einschließlich verwarenförmigter Arbeitskraft
und Naturressourcen. In den Phasen finanzieller Expansion befreit sich
eine ausgedehnte Menge von Geldkapital (g’) aus seiner Warenform. Akkumulation
vollzieht sich nunmehr in Gestalt von Geldgeschäften‚ financial deals
(wie in Marxens verkürzter Formel gg’). Zusammen konstituieren diese
beiden Epochen oder Phasen des allgemeinen Musters weltkapitalistischer
Entwicklung das, was ich einen ‚systemischen Zyklus der Akkumulation’
(gwg’) genannt habe.“
[36]
Nicht
nur rein finanzkapitalistische, sondern auch andere – und immer einfallsreichere
– Verwertungspraktiken komplizieren die Lage. Die Bewirtschaftung von
Immobilien und die Verwertung von Grund und Boden folgen, wie etwa beim
Cross Border Leasing
[37]
, verschlungenen neuen Pfaden. Global nomadisierende
Finanzinvestoren, mit einem Zeithorizont von wenigen Jahren, schwimmen
im Geld und kaufen auf Teufel hinaus nicht an der Börse notierte Firmen
oder saftige Aktienpakete, wo immer sie sich anbieten. Zudem haben Arbeitsplatzabbau
und Produktionsverlagerungen zu ‚sozialen Wertschöpfungsverfahren’ geführt,
die zum Teil mehr mit Sklaverei als mit dem Kapitalismus der ‚freien’
Lohnarbeit zu tun haben – auch wenn sich gerade für Europa eine bemerkenswerte
Regionalverbundenheit ergibt.
[38]
Verteilungsoperationen
verlaufen im parlamentarischen und staatlichen Raum, sind also Verteilungspolitik
im weitesten Sinne. Je mehr aber eben auch Politik privatisiert wird,
desto deutlicher entsteht hier ein Feld, auf dem die Widersprüche zwischen
‚öffentlichem’ und ‚privatem’ Eigentum im Sinne des Geldmachtapparats
ausgetragen werden. Ein dichtes Beeinflussungsgeflecht zwischen Wirtschaft
und Politik ist entstanden, vom Lobbyismus bis zur Korruption. Die Gestaltung
des rechtlichen Rahmens für Verteilungsoperationen mündet in der Steuergesetzgebung.
[39]
Deren EU-Dimension wäre hier bezüglich unserer Fragestellung
detailliert zu untersuchen. Dazu müsste aber die ‚Akteurszentriertheit’
unseres Ansatzes verlassen werden. Was aber den Akteuren, also der Geldelite,
als Traumziel eines ‚Steuerparadieses’ vorschwebt, das hat die luxemburgische
Niederlassung der Dresdner Bank am Beispiel von Luxemburg umschrieben:
Reichstes Land der OECD (Pro-Kopf-Einkommen) Niedrigster
Mehrwertsteuersatz in Europa Keine
Vermögenssteuer Keine
Erbschaft- und Schenkungsteuer in direkter Linie 10%ige
Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge Spitzensteuersatz
38,95 % Steuerfreiheit
bei Mehrwerten unwesentlicher Beteiligungen (> 10%) nach 6 Monaten 20%
Quellensteuer auf luxemburgische Dividenden (Steuerkredit) Internationales
Flair, Sitz diverser "Global Player" (z.B. Arcelor, RTL-Group,
AOL) Zentrale
Lage in Europa Internationale
Flugverbindungen zu allen wichtigen europäischen Metropolen Hoher
Sicherheitsstandard, moderne medizinische Einrichtungen Internationale
Schulen und Universitätsstandort Haute
Cuisine, exquisite französische Küche und Sterneköche
[40]
Im
Hintergrund der nationalen und europäischen legislativen Verteilungspolitik
funktionieren dabei auf eine geradezu beängstigende Art und Weise
der Lobbyismus und der Subventionismus – ganz abgesehen
von der systemimmanenten Korruption: Die
Zahl der Flüsterer und heimlichen Strippenzieher in Brüssel wird auf
mehr als 15 000 geschätzt. Sie ist damit ähnlich hoch wie die der EU-Kommissionsbeamten
vor Ort. In Brüssel gibt es Lobbys für alles und jeden. Mit besonders
großen Mannschaften sind die traditionellen Wirtschafts- und natürlich
auch Landwirtschaftsverbände repräsentiert. Daneben sind auf den Klingelschildern
rund um den Square Ambiorix oder den Schuman-Kreisel aber auch jede
Menge andere Gemeinschaften, etwa Vertreter der Konfessionen, zu finden
- ebenso Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, Friends of Earth
oder Oxfam.“
[41]
Ob in der Stahlindustrie oder in der Landwirtschaft,
Subventionen dienen der Ruhigstellung des kleinen und der beschleunigten
Verwertung der großen Kapitals. Europas Agrarpolitik hält nicht, was
sie verspricht: die Milliardenhilfen aus Brüssel kommen vor allem Gutsherren,
Fleischfabriken und Lebensmittel-Multis zugute.“
[42]
- „Immer
wieder gerät die Brüsseler Subventionspolitik in die Kritik. Ein Beispiel
kommt aus Süditalien, aus der Provinz Kalabrien. Die dort herrschende
Mafia verdient nicht nur gut am Drogenhandel, an Schutzgelderpressung
und Korruption - sie profitiert überdies indirekt von den Milliarden
€ Subventionshilfen, die Brüssel alljährlich an die unterentwickelte
Region überweist.“
[43]
Die
neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die Grundlagen
des Geldmachtapparats zutiefst verändert. Neuartige Informatisierungsoperationen
(unter Einschluß umfassender Überwachungspraktiken
[44]
) haben die Überbauten in eine Basis
verwandelt. „Das Empire nimmt Gestalt an, wenn Sprache und Kommunikation
oder genauer: wenn immaterielle Arbeit und Kooperation zur vorherrschenden
Produktivkraft werden ... Der Überbau wird nun zur Arbeit, und
das Universum, in dem wir leben, ist ein Universum sprachlicher Produktionsnetzwerke.“
[45]
Die Wertschöpfungsprozesse im Umfeld des Geldmachtapparats
werden durch das Ausmaß der Informatisierung bestimmt, und zwar nicht
nur auf der Ebene der industriellen Produktion (Automation) und der
Finanztransaktionen, sondern immer stärker auf den Ebenen der analytischen
und symbolischen Legitimierung und der „Produktion und Handhabung von
Affekten“ sowie der „Arbeit am körperlichen Befinden“.
[46]
Virtuelle Wellness wird eine nicht zu unterschätzende
Machtbasis. Für
Richard Sennet sind aber eher die analytischen Aspekte der neuen Kommunikations-
und Informationstechnologien sowie die Möglichkeiten der mathematischen
Modellierung von Prozessen von Belang: „Ich
erinnere mich an den Besuch bei einem Freund, der eine große Investmentfirma
in New York leitet. Er zeigte mir auf einem großen Computerschirm unzählige
Zahlenkolonnen und erklärte: ‚Wir verwalten Milliarden von Dollar und
wissen ganz genau, wo jeder einzelne Cent im Augenblick steckt. Wir
verlassen uns nicht mehr auf irgendwelche Berichte, wir können es jetzt
mit eigenen Augen sehen, und zwar in Echtzeit.’“
[47]
Alle
Vorgänge innerhalb des gesamten Geldmachtapparats und selbstverständlich
auch innerhalb eines einzelnen Unternehmens zu jedem beliebigen Zeitpunkt
minutiös überwachen zu können: das jedenfalls ist eine neue Qualität
ökonomischer Macht (und Herrschaft). Und auf dieser Grundlage sind auch
die lockeren Seiten der Überbauten ernst zu nehmen. Geldmacht, die nicht
nur Geld verwerten, sondern ihre Verwertungspraktiken insgesamt historisch
verankern will, wird immer auch eine soziokulturelle Sphäre zu schaffen
versuchen, in welcher die ‚Kultur der Vermögenden’ dominiert. Dort wird
die Rolle der Geldeliten teils verklärt, teils verschleiert. Sie erscheinen
auf harmlosen (und prinzipiell inkorrekten) Ranking-Listen der Reichen
(z.B. Forbes Magazin) oder sie werden auf Galas u. dgl. als eine
dahintaumelnde, angesäuselte Schicht präsentiert.
[48]
Doch ihre Netzwerke, ihre informellen Machtinstrumente,
die ‚Tiefe’ ihrer sozialen Kohärenz werden tunlichst verschwiegen. Auch
das ist - wie das ganze diesbezügliche Newspeak über Builders
and Titans
[49]
- eine ganz kühle kommerzielle Informatisierungsoperation. [33] Zur Souveränitätsproblematik vgl. M.Hardt/A.Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M. 2002
[34]
Volker Eick, ‘Policing for Profit.
Der kleine Krieg vor der Haustür’, in: D.Azzelini/B.Kanzleiter,
Das Unternehmen Krieg. Paramilitärs, Warlords und Privatarmeen als
Akteure der Neuen Kriegsordnung, Berlin/Hamburg/Göttingen 2003,
S. 201-215
[35]
Georg Fülberth, ‚Fragen zum Kapitalismus’, Utopie
kreativ, Juli/August 2006, S. 721
[36]
Giovanni Arrighi, ‘Hegemony Unravelling - 2’, New
Left Review 33, May/June 2005, p. 4; vgl. Paul Windolf (Hrsg.),
Finanzmarkt-Kapitalismus, Wiesbaden 2005
[37]
Werner Rügemer, Cross Border Leasing.
Ein Lehrstück zur globalen Enteignung der Städte,
Münster 2005
[38]
Fast 70 Prozent der Betriebe, die zwischen 2001 und
2003 Produktionen ins Ausland verlagert haben, gingen in EU-Beitrittsländer
oder nach Westeuropa. Vgl. S. Kinkel, G.Lay, Produktionsverlagerungen
unter der Lupe, Fraunhofer Institut, Mitteilungen aus der Produktionsinnovationserhebung
Nr. 34, Oktober 2004
[39]
Vgl. z.B. Dieter Eißel, Reichtum und Steuerpolitik,
Powerpoint-Präsentation, http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/r-m/RosaLux-eissel-rm.htm
[40]
Dresdner Bank Luxembourg, Wohnsitzland Luxemburg,
http://www.dresdner-bank.lu/myWeb/content/www/home/dbl/ihreVorteile/wohnsitzLuxemburg/wohnsitzLuxemburg,lang=DE.html
[42]
‚Landwirtschaft: Geld für die Großen’, Der Spiegel,
3.6.2006, S. 28
[43]
Deutschlandradio, ‚Subventionen für die Mafia’ 17.3.2006,
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/480459/
[44]
Vgl. Surveillance studies, Universität Hamburg, http://www.surveillance-studies.org/blog/category/special/
[45]
Hardt/Negri, Empire, a.a.O., S. 391
[46]
ebenda, S. 305
[47]
Richard Sennett, ‚Das Diktat der Politmanager’, Freitag
32, 12.8.2005, S. 3
[48]
Eine Diplomarbeit von Martin Burg (Institut für Soziologie,
Münster) hat sich mit der ganzen Banalität der Thematisierung der Reichen
in Der Spiegel, Die Zeit, Focus und manager
magazin beschäftigt
[49]
Vgl. die Serie über ‚Builders and Titans’ von Time,
http://www.time.com/time/time100/builder/
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Die
Frage ‚Wem gehört die EU?’ kann in Zeiten der Globalisierung keineswegs
auf die europäischen Geldeliten und ihre Helfereliten beschränkt werden.
Im Gegenteil, so wie in Venedig kaum noch ein Palast Venezianer zu Besitzern
hat, so dürften auch Europas Sahnestücke bald Eignern aus der ganzen
Welt gehören. „Das große Geld mit Übernahmen und Fusionen wird in Großbritannien
und Amerika gemacht. Bald aber treten andere Staaten an ihre Stelle,
sagen Experten. China beispielsweise habe sich schon ein Land für künftige
Übernahmen ausgeguckt. Es ist die Bundesrepublik.“
[50]
Im
Februar 2003 veranstaltete das EU-Directorate General for Economic
and Financial Affairs (ECFIN) einen Workshop unter dem Titel Who
will own Europe? The
Internationalisation of Asset Ownership in the EU Today and in the Future. Es ging um das, was unter
dem Stichwort der Heuschrecken-Plage in die politische Diskussion eingedrungen
ist. Der Workshop war sicherlich auch eine Facette im allgemeinen Abwehrkampf
der europäischen Geldelite gegen andere, oft sehr viel flexibler operierende,
freischwebende globale Geldeliten. Die Themen waren weit gespannt, spiegelten
aber auf den ersten Blick nicht unbedingt die Brisanz der Problematik
wider:
Restrictions on foreign ownership:
European Community and international framework Deutlich
war zunächst, dass es innerhalb der EU bereits ein umfangreiches Instrumentarium
von Restriktionen für den Erwerb von Eigentum (assets) durch
nichteuropäische Investoren gibt.
[52]
Ein Überblick über die Entwicklung nichteuropäischen
Eigentums in Europa zeigte, dass Osteuropa immer mehr zum bevorzugten
‚Einkaufsgebiet’ wird und dass es dabei zu einer Bevorzugung bestimmter
Sektoren, insbesondere des Finanzsektors, kommt.
[53]
Die Autoren interessierten sich vor allem für die
Frage, inwieweit nicht-europäisches Eigentum die Qualität der Unternehmensstrukturen
in Europa gefährdet bzw. fördert. „Überraschenderweise scheinen sich
außereuropäisches Eigentum und gute Governance gegenseitig zu bedingen.
Grund ist wahrscheinlich, dass solche Firmen oft Teil eines multinationalen
Konzerns werden und folglich gute Governance-Praktiken aus dem Ursprungsland
[meist wohl USA oder UK] importieren. So haben Firmen in außereuropäischem
Besitz oft einen Wettbewerbsvorteil gegenüber heimischen Firmen mit
schwachem Investorenschutz.“ Andererseits „sollten Reformen des Unternehmensrechts
es Fremdmanagern und Mehrheitsaktionären schwerer machen, Minderheitsaktionäre
und andere stakeholder zu enteignen.“
[54]
Hier
zeigen sich also auch Untertöne eines europäischen Protektionismus,
wie sie schon Jörg Huffschmid als kennzeichnend für die europäische
Ownership Society konstatierte.
[55]
Gerade
aber der Finanzsektor dürfte sich Regulierungen und Supervisionen weitgehend
entziehen. Osteuropa erweist sich hier als Einfallstor für den von den
USA zweifellos gewünschten globalen Deregulierungsdschungel, der Extraprofite
und die Vernichtung von Konkurrenzkapital auf allen möglichen und auch
krummen Wegen erlaubt. Ein
Indiz für die Anfälligkeit der europäischen Geldelite für solche transnationalen
Machtgelüste war beispielsweise die Bespitzelung der Society for
Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) durch die
US-Regierung im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus. Die in Belgien
angesiedelte Kooperative des internationalen Finanzkapitals bewegt täglich
in 11 Millionen Transaktionen 6 Billionen Dollar zwischen 7800 Banken,
Börsen, Investmentfirmen und anderen Finanzinstitutionen weltweit. SWIFT
ist damit die Dienstleistungszentrale des globalen Finanzmarkts. Und
nun wurde durch die Amerikaner demonstriert, dass auch der Reichtum
Europas nicht mehr Europas Reichen gehört. Denn niemand wird so naiv
sein zu glauben, dass im ‚Krieg’ gegen den Terrorismus nicht auch andere
Interessen des amerikanischen Finanzkapitals gegenüber dem islamischen,
arabischen, asiatischen und eben auch dem europäischen Finanzkapital
verfolgt würden. Solche High-Tech-Spionageaktionen haben die Eigenschaft,
immer sehr viel mehr ‚Verwertbares’ zu liefern als ursprünglich erfragt
wurde. Insofern deutet der amerikanische Spionageangriff auf SWIFT an,
dass die Dienstleistungszentralen globaler Geldmachtapparate auch ‚Kriegsschauplätze’
sind, in denen das Personal – Geldeliten, Managereliten, politische
Eliten und Wissenseliten – durchaus disponiert ist, einander bis aufs
Messer zu bekämpfen. Also auch als das Abbild eines Kriegsschauplatzes kann man das hübsche Diagramm betrachten, welches die New York Times anlässlich des SWIFT-Skandals erstellte [56] :
[50] Rita Syre, ‚Wird Deutschland weggespült?’, manager-magazin, 12.5.2006
[52]
J.P.Raes, ‘Restrictions on Foreign
Ownership’, http://ec.europa.eu/economy_finance/events/2003/workshop/raes.pdf
[53]
H.Huizinga/C.Denis; ‘Are Foreign Ownership and Good
Institutions Substitutes?’, http://ec.europa.eu/economy_finance/events/2003/workshop/huizinga_denis.pdf,
Fig.2, p. 33
[54]
ebenda, p. 16
[55]
J. Huffschmid, Wem gehört Europa?, a.a.O.
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2.
Akteure der Geldmacht 2.1.
Profiteure des Geldmachtapparats Der
Mythos der Meritokratie, also der Leistungsgesellschaft, verblasst,
schreibt Claus Leggewie. „Superreichtum wird zu einer Gefahr für die
Demokratie.“
[57]
Schon zu Clintons Zeiten konstatierte William Pfaff
für die USA: „Der wichtigste Wandel unserer Zeit ist die Aufwertung
der Rolle des Geldes bei der Bestimmung der Frage, wie Amerika regiert
wird. Diese Rolle war niemals gering, aber sie gewann eine neue Dimension,
als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Geld, welches für die Wahl
von Kandidaten und für die Förderung von privaten und kommerziellen
Interessen in Washington ausgegeben wird, eine Form der verfassungsmäßig
geschützten Meinungsäußerung darstellt. Dadurch wurde eine repräsentative
Republik umgewandelt in eine Plutokratie“.
[58]
Das gegenwärtige Anwachsen des privaten Reichtums,
schreibt der amerikanische Autor Kevin Phillips
[59]
, sei nur mit dem Goldenen Zeitalter der Jahrhundertwende
und den Zwanzigern zu vergleichen. In jeder dieser Perioden hätten die
großen Vermögen die demokratischen Werte und Institutionen unterminiert
und schließlich die Wirtschaft ruiniert. All dies gilt auch für Europa. Seit
den 90er Jahren hat das Ausmaß privaten Reichtums auch hier schwindelerregende
Dimensionen angenommen. Waren 1982 die 100 reichsten Europäer im Durchschnitt
noch jeweils 230 Millionen Dollar wert, so betrug ihr durchschnittliches
Vermögen im Jahre 2005 das 10fache, nämlich 2,6 Milliarden Dollar.
[60]
Wir
leben, wie Giovanni Arrighi konstatiert (s.o.), in einer USA-dominierten
Phase globaler finanzieller Expansion, in der „sich eine ausgedehnte Menge von Geldkapital (g’)
aus seiner Warenform“ befreit und Akkumulation sich vornehmlich „in
Gestalt von Geldgeschäften‚ financial deals (wie in Marxens verkürzter
Formel gg’)“ vollzieht.
[61]
Diese Phase finanzieller Expansion wird durch eine
Verwissenschaftlichung bzw. Informatisierung von Macht- und Herrschaftstechniken
abgestützt, wie man sie bislang nicht kannte.
[62]
Extrem billige Rechnerkapazitäten und darauf basierende
statistische Techniken erlauben die Verarbeitung großer Mengen ökonomischer
und sozialer Daten und damit eine Durchleuchtung der Gesellschaft durch
wirtschaftliche Interessen
[63]
, welche der alten Rede von der Herrschaft
der Technokraten neuen Inhalt gibt. Denn es ist inzwischen klar geworden,
dass die technisch bedingte Zentralisierung von Macht und die ‚extreme
Verkürzung von Zeithorizonten im Unternehmensmanagement’ (Richard Sennett)
zwar zu einem Anwachsen von Zahl und Bedeutung der Experten, nicht aber,
wie Daniel Bell
[64]
einst meinte, zu ihrer Herrschaft geführt hat. Im
Gegenteil: sie sind zu einer neuen Dienstklasse der Geldelite geworden. Die
Geldelite wiederum verkörpert im gegenwärtigen Zyklus finanzieller Expansion
nichts so sehr wie die Befreiung großer Geldmengen aus der Warenform
und deren Umwandlung in die Machtform. Nicht nur also wird Macht
monetarisiert, sondern durch die Geldelite werden umgekehrt Geldwerte
auch vermachtet. Das ist im Grunde ein uralter Prozess auf der Grundlage
der Tatsache, dass man mit Geld nicht nur mehr Geld, sondern ‚alles’
machen kann. Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine ‚völlig losgelöste
und zu allem fähige’ soziale Schicht, welcher die Wissens- und Informationsgesellschaft
alle Mittel in die Hände legt, um sich als eine neue gesellschaftliche
Mitte zu etablieren. Ihre Machtbasis ist der Geldmachtapparat. Um diese
neue gesellschaftliche Mitte lassen sich dann in einem Ringmodell weitere
Gruppen und Schichten anordnen, welche der Geldmacht zuarbeiten bzw.
von ihr abhängen. Der
Geldelite am nächsten operieren sicherlich die Konzern- und Finanzeliten,
die Chief Executive Officers der verschiedenen Wirtschaftsbereiche.
Diese Gruppen fungieren als Spezialisten der Kapitalverwertung bzw.
der Absicherung und Expansion von Akkumulationsmöglichkeiten. Manche
von ihnen – aber erstaunlicherweise gar nicht so viele – steigen selbst
in die eigentliche Geldelite auf. Von ihren Vermögensverhältnissen her
gehören sie auf jeden Fall zu den HNWIs oder auch UHNWIs. Ihr Dienstklassenstatus
drückt sich im wesentlichen darin aus, dass sie, im Gegensatz zur Geldelite,
entlassen werden oder ‚stürzen’ können. Je nach Loyalität gegenüber
ihren jeweiligen Herren (den großen Investoren und Anteilseignern) kooperieren
oder konkurrieren sie untereinander, haben also zunächst einmal nicht
unbedingt ein einheitliches strategisches Bewusstsein (wie man es traditionellerweise
etwa der ‚Kapitalistenklasse’ zuschrieb). Was sie verbindet, ist die
Maxime der Gewinnsteigerung. Den
nächsten Funktionsring bilden die Spezialisten der Verteilung des gesellschaftlichen
Reichtums, die politischen Eliten. Alle Parlamente, alle Regierungen
haben aus der Sicht des Geldmachtapparats die Funktion der Verteilung
des Reichtums von ‚unten’ nach ‚oben’. Folglich wirkt er durch Lobbyismus
und Korruption in dieses Feld der politischen Eliten hinein, das dadurch
hochgradig differenziert und konfliktualisiert wird. Auch viele Politiker
und vor allem Ex-Politiker können sich unter die HNWIs rechnen, Aufstiege
in die Geldelite aber sind nahezu ausgeschlossen (Ausnahmen wie der
Bush-Clan bestätigen die Regel). Den Außenring schließlich bilden die bereits erwähnten, für die Entstehung und Expansion des Geldmachtapparats unentbehrlichen Technokraten und Experten aller Art (analytisch, symbolisch, affektiv), kurz: die Wissenseliten. Entsprechend ihrem Ranking, das sich nach der Nützlichkeit für die ökonomischen, sozialen und kulturellen Interessen des Geldmachtapparats bemisst, können auch sie in die Ränge der HNWIs aufrücken, kaum aber höher (Ausnahmen wie die dot.com-Milliardäre bestätigen die Regel).
Für
die gegenwärtige europäische Elitenkonfiguration und das Netzwerk der
Geldmacht sind einige weitere Fragen von Belang: Wie steht es um die
Vererbung von Machtpositionen? Welche Rolle spielt die Bürokratie? Gibt
es tatsächlich einen Eisernen Vorhang zwischen der Geldelite und den
übrigen Eliten? Welche Rolle spielt das Ranking im Geldmachtapparat?
[66]
Hinsichtlich
der Vererbungsfrage kommen alle Untersuchungen
[67]
zu dem Schluss, dass zwischen Geldmachtpositionen
(Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager,
Politiker, Technokraten, Kultureliten) andererseits scharf unterschieden
werden muss. Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung
ihrer Positionen, letztere nicht. Innerhalb der Geldelite spielt dabei
sowohl in den USA als auch in Europa „das Phänomen der Verschwägerung
eine große Rolle, während eine Verschwägerung zwischen der ökonomischen
und der politischen Elite kaum vorkommt.“
[68]
Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung
nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums.
[69]
In
mehreren europäischen Ländern hat eine bürokratische Elite die
Elitenkonfiguration beeinflusst. In Deutschland war sie maßgeblich am
Entstehen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems beteiligt
[70]
, in Frankreich bildet sie in Gestalt der Enarques
das Rückgrat der Republik. Dogan spricht sogar von einer ‚Republik der
Mandarine’
[71]
, da die durch Elite-Verwaltungsakademien wie die
École nationale d'administration (ENA) geschleusten Enarques
sich als eine absolute Elite in Macht- und Herrschaftsdingen verstehen.
Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass ein solches Selbstverständnis
auch in den Brüsseler Beamtenapparat transportiert werden könnte. Entscheidend
für ein Verständnis der europäischen Machtelitenkonfiguration aber ist
die praktisch unüberbrückbare Mauer zwischen der Geldelite und den übrigen
Eliten. Weder Spitzenmanager noch Spitzenbürokraten noch Spitzenpolitiker
haben wirklich eine Chance, in diese Kreise integriert zu werden. Denn
die Geldelite lebt auf einem anderen Planeten. „Unter den 100 reichsten
Personen Frankreichs gab es 1987 keinen der Großkapitalisten, den eine
politische Karriere in Versuchung geführt hätte und nur ganz wenige
hatten familiale Bindungen zu Politikern. Unter den wichtigen Politikern
der 90er Jahre gibt es einige, die relativ wohlhabend sind, aber keiner
gehört zu den 500 reichsten Personen in Frankreich. Und unter den 500
reichsten Unternehmern, die meist auch die reichsten Familien repräsentieren,
gibt es nicht mehr als eine Handvoll Absolventen der Ecole Polytechnique.
Aus dieser erbarmungslosen Statistik ergibt sich ein tektonischer Bruch,
der die kapitalistische Elite von den anderen Elite-Kategorien trennt.“
[72]
Das bedeutet aber nicht, dass die ‚kapitalistische
Elite’, wie Dogan sie noch nennt, nicht ‚herrscht’. Vielmehr: der Geldadel
verwaltet nicht, er treibt keine Politik und er produziert keine Kultur,
aber er lässt verwalten, verteilen, erfinden und denken. Bleibt
noch die Frage nach der Rolle des Ranking innerhalb der verschiedenen
Dienstklassen. Zunächst einmal: der Rang innerhalb der Elitenringe drückt
sich aus in den jeweiligen Vermögens- und Einkommensverhältnissen. Bemessen
aber wird der Rang nach den jeweiligen Funktionen für den Geldmachtapparat.
Das Denken in kurzen Fristen der Gewinnmaximierung ist kein neues Phänomen
in der Konzernwelt, aber es ist unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung
ein entscheidendes Systemmerkmal geworden. “Ein kompetitiver Markt erzeugt
hinsichtlich der payoffs riesige Unterschiede zwischen ‘Gewinnern’
und ‘Verlierern’, ein Winner Takes All-System entsteht. Wenn
so hohe Einsätze vom nächsten Schritt abhängen, werden Unternehmen und
Individuen sich schlichtweg auf den Sieg in der nächsten Runde konzentrieren,
also kurzfristig denken, was immer an langfristigen Folgen für das Unternehmen
dabei herauskommt.“
[73]
Genau dieser Mechanismus aber bewirkt, dass
diejenigen Individuen oder Gruppen, die erst einmal in die oberen Ränge
gelangt sind, immer höhere payoffs realisieren, während die übrigen
unverhältnismäßig stark zurückfallen. So entstehen in allen Bereichen
der Gesellschaft die berühmten Ranking-Listen – und sie werden vom Geldmachtapparat
sehr genau wahrgenommen, denn sie deuten auf jeden Fall auf das beste
‚Dienstpersonal’ in Akkumulationsdingen, aus dem sich dann auch die
jeweiligen Spitzengruppen in unserem Ringmodell rekrutieren. Das Bild
ist einfach: “Man
nehme die Filmindustrie als Beispiel. Zu jedem Zeitpunkt wird es nur
ganz wenige Schauspieler geben, die Millionen von Dollars für den Auftritt
in einem Film verlangen können. Nur wenige haben einen weltweit bekannten
Namen. Schon diejenigen auf dem zweiten Rang verdienen erheblich weniger,
und der Rest dieses Berufsstandes findet sich beim Kellnern oder in
billigen Werbespots wieder. Die Spannweite der Einkommen ist extrem,
die Verteilung gleicht einer außerordentlichen Pyramide mit einer ganz
kleinen Spitze und einer ganz breiten Basis.“
[74]
[57] Claus Leggewie, Frankfurter Rundschau, 3.6.2003, S. 11
[58]
William Pfaff, International Herald
Tribune, December 6, 1999
[59]
Kevin Phillips, Die amerikanische Geldaristokratie,
Frankfurt/M., New York 2003
[60]
Eigene Schätzung aufgrund der Angaben in den Abschnitten
1.2. und 2.5.
[61]
vgl. G.Arrighi, a.a.O., p. 4
[62]
nur davon eigentlich handelt Hardt/Negris Buch Empire,
a.a.O.
[63]
Diane Coyle, ‘Big ideas – Our economies
are no longer autistic’, New Statesman, July 26, 2004
[64]
Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial
Society, New York 1973
[65]
Mattei Dogan, a.a.O., vergleichbare Modellvorstellungen
innerhalb des Power Structure Research sind uns sonst nicht bekannt
[66]
Dogan, a.a.O., p. 20
[67]
Vgl. hier nur Wolfgang Zapf, Wandlungen der deutschen
Elite, München 1966
[68]
Dogan, a.a.O., p. 28
[69]
Gegen diese Praxis sprach sich jüngst der zweitreichste
Mann der USA, Warren Buffet, aus (s.u.)
[70]
Dies ist eine der Hauptthesen von Franz Neumann,
Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944
(Erstausg. 1944), Frankfurt 1984
[71]
Das Wort ‚Mandarin’ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet
‚Staatsrat’ oder genauer: Berater des Staates. So wurden im kaiserlichen
China die höheren Staatsbediensteten genannt. „Frankreich ist das einzige
Land, in dem ein ähnliches Selektionssystem für die höheren Beamten
der staatlichen Verwaltung besteht.“ Dogan, a.a.O., p. 77; vgl. auch Noam
Chomsky, American Power and the New Mandarins, New York 1969
[72]
Dogan, a.a.O. p. 62f
[73]
Eduard Garcia, ‘Corporate Short-Term
Thinking and the Winner Takes All Market’, http://www.westga.edu/~bquest/2004/thinking.htm
[74]
Diane Coyle, ‘‚Winner takes all’ markets’,
Prospect Magazine 33, August 1998, p. 25
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Auch
in den Wissenseliten haben wir eine breite Basis, die Dogan für Frankreich
so beschreibt: „1) Mehrere tausend ‚Intellektuelle’ (Wissenschaftler,
Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, Professoren), die in ihren jeweiligen
Kreisen gut bekannt sind, aber nicht berühmt genug, um es an die Höfe
des inneren Zirkels geschafft zu haben. 2) Mehrere tausend in ihrer
Profession sehr erfolgreiche Personen (Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte,
Musiker, Designer, Forschungsreisende, Sportler), die großes Prestige
genießen, aber ebenfalls nicht an den Höfen des inneren Zirkels angelangt
sind. 3) Mehrere tausend führende Personen aus dem Gewerkschaftsbereich,
die aber nicht so einflussreich sind, dass sie am Rande des inneren
Zirkels mitmischen können. 4) Mehrere tausend Journalisten und Eigentümer
von Massenmedien (Druck und elektronisch), welche zwar in gewisser Weise
das Verhalten aller anderen Eliten ‚überwachen’, manchmal dabei sogar
entscheidende Rollen spielen können, von denen aber nur eine ganz kleine
Minorität etwas mit dem innersten Zirkel zu tun hat.“
[75]
Die
eigentliche Elite innerhalb der Wissens- und Funktionseliten, die durch
ihre Funktionalität für den Geldmachtapparat in den Ranking-Listen ganz
oben steht (z.B. ‚der zweitbeste Urologe’, der ‚einflussreichste Intellektuelle’),
hebt sich von der breiten Basis durch ihr Vermögen und Einkommen ab.
Das geht bis zu den Domestiken, wenn dem schlechtbezahlten Butler der
mit 300 000 Dollar Jahresgehalt bezahlte Kapitän der privaten Luxusmotoryacht
oder der hochdotierte ständige Begleiter und Vertraute gegenüberstehen.
Über diese individuelle Ebene hinaus lassen sich für die verschiedenen
Sparten – Wissenschaft, Medien, Kultur, Verwaltung usw. - ‘Direktorate’
[76]
oder Kartelle der ‚winner’ mit zum Teil exorbitanten
Einkommens- und Vermögensvorteilen identifizieren. Dabei
muss auf eine europäische Besonderheit hingewiesen werden. Sowohl Dogan
als auch in gewisser Weise Pierre Bourdieu
[77]
heben hervor, dass die europäischen wissenschaftlichen
und kulturellen Eliten - als eine bislang wenig strukturierte oder gar
organisierte Gruppe – gleichwohl jene Funktionen der Beratung und Strategiebildung
übernommen hatten, die in den USA längst auf Think Tanks übergegangen
sind. Insofern ist, wer in den USA ‚dazugehört’, einem oder mehreren
Think Tanks verbunden und wird über diese Verbindungen in das
Ranking-System einsortiert. Ähnliche Tendenzen gibt es aber inzwischen
auch in Europa. Auch hiesige intellektuelle Netzwerker
[78]
plädieren für eine ‚querverbindliche’ Elitenkommunikation
im Stile eines ‚Washington Szenarios’ der Think Tanks, Foundations,
Policy Discussion Groups usw.
[79]
Fangen
wir also gleich bei den ‚Spitzenprofessoren’ an. Bei der Vorstellung
seines Buchs ‚Machtwahn’ nannte Albrecht Müller, ein namhafter Kritiker
der ‚deutschen Eliten’, Ross und Reiter: „Sie finden in meinem Buch
Belege und Dokumente dafür, wie sich zum Beispiel die Professoren Raffelhüschen
und Rürup, Miegel und Sinn in den Netzwerken der privaten Interessen
bewegen. Sie werden in unseren Talkshows ‚Wissenschaftler’ genannt,
ihre öffentlichen Äußerungen und ihr Ratschlag in den vielen Kommissionen
sind jedoch über weite Strecken nur zu verstehen und einzuordnen, wenn
man begriffen hat, dass sie die Interessen der Versicherungswirtschaft
vertreten und dafür auch entgolten werden.“
[80]
Ein
Beispiel aus der Endzeit der D-Mark beleuchtet die beachtlichen Einkünfte
politischer Beamter, wie es etwa die Präsidenten der neun deutschen
Landeszentralbanken (LZB) sind. Auch nach dem durch die europäische
Zentralbank bewirkten Kompetenzverlust der LZBs in Sachen Geldpolitik
und ihrem dadurch möglichen freiwilligen Ausscheiden liefen ihre Gehälter
bis zum Ende der vertraglichen Amtszeit in voller Höhe weiter. So gehörten
die Professoren Helmut Hesse (LZB Bremen, Niedersachen, Sachsen-Anhalt)
und Olaf Siewert (LZB Sachsen, Thüringen) noch eine ganze Zeit lang
„mit 400 000 Mark Jahresgehalt zu den bestbezahlten VWL-Professoren
der Republik.“
[81]
Eine
andere Belohnung hoher Ranking-Plätze im akademischen Bereich sind die
zum Teil enormen professoralen Einkünfte aus Nebentätigkeit, die fast
immer in geldmachtrelevanten Gutachten und Beratungen oder in geldelitenrelevanter
Gesundheitsbetreuung bestehen. Manche Professoren verwenden ihr Hochschullehrergehalt allein dazu, die Steuern für ihre zusätzlichen
Einnahmen durch Gutachten oder Ähnliches zu begleichen.
[82]
Und bei den führenden Kulturschaffenden oder den
Medieneliten sieht es kaum anders aus, während sich die große Masse
der ebenfalls Hochqualifizierten, gemessen an den Möglichkeiten des
Geldmachtapparats, doch sehr bescheiden muss. Die Zeitschrift Cicero
hat eine Gehaltsliste unserer im Verborgenen blühenden geistigen Elite
angefertigt:
Auch in der Beamtenelite gibt es diese großen Differenzen des Winner
Takes All-Systems. Selbst die Karrieren der französischen enarques,
der Produkte jener elitistischen greenhouses of technocracy (Dogan),
spalten sich dramatisch auf: nur 10 Prozent erreichen tatsächlich Teilhabe
an der (staatlichen) Macht, werden rulers. Die übrigen 90 Prozent
bleiben relativ machtlose Bürokraten und Technokraten mit ‚Ausbesserungsfunktionen’,
sie werden trimmers.
[83]
Dieses Muster privilegierter Spitzen- und unterprivilegierter
Fußvolkbeamten findet sich auch in der Brüsseler Bürokratie. Zunächst
einmal gibt es hier eine beachtliche – und durch zahlreiche Sondervergünstigungen
noch vergrößerte – Schere zwischen gleichrangigen (höheren) Beamten
in nationalen vs. europäischen Diensten:
Zum
anderen bestehen innerhalb der Ränge des Brüsseler Beamtenapparats einschließlich
der politischen Beamten, der Direktoren und Kommissare, noch einmal
massive Winner Takes All-Differenzen. So beziehen die 60 Generaldirektoren,
die an der Spitze der Beamtenhierarchie der EU stehen, monatliche Grundgehälter,
die zwischen 13 000 und 16 000 Euro liegen und mit Zulagen über 20 000
Euro erreichen können. Damit kommen sie an das Gehalt der Bundeskanzlerin
heran bzw. übertreffen es. Zudem sind die Unterschiede zwischen den
höchsten und niedrigsten Besoldungsgruppen erheblich größer als beispielsweise
in der Bundesrepublik.
[84]
Ein anderes Segment der Wissenselite, die Zunft der Berater für alle Management- und Investmentfragen, ist ähnlich strukturiert. [85] Die Zeitschrift Cicero hat einen Vergleich von guten Jobs in der ‚Forschung’ (Produktionskapitalismus) und in der ‚Wirtschaft’ (Finanzkapitalismus) angestellt:
„Der
Wechsel aus der Forschung in anspruchsvolle Positionen der freien Wirtschaft
macht sich auf dem Gehaltszettel oft mit einem Plus von mehreren tausend
Euro pro Monat bemerkbar.“
[86]
Ein ‚Wechsel’ wird empfohlen ... Doch selbstverständlich
handelt es sich bei diesem Cicero-Beispiel nur um Bewegungen
auf mittlerer Höhe der Pyramide. Die Elite der Unternehmens- und Investmentberater
schwebt in ganz anderen Regionen. So schütten Goldmann Sachs, Deutsche
Bank & Co im Jahre 2006 rund 7,5 Milliarden Pfund an Sonderprämien
für ihre Londoner Investmentbanker aus. Einige von ihnen verdienen damit
noch sehr viel mehr als Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank.
[87]
Dieser wiederum wies Kritik an solchen Millionengehältern
im Investment-Banking energisch zurück. Ein Top-Manager habe Verantwortung
für Tausende Menschen und Milliarden von Euro. Er müsse deshalb nach
internationalen Maßstäben vergütet werden, "sonst wird er sehr
schnell von der Konkurrenz abgeworben".
[88]
Und dieses Argument sticht in der Tat: Wer es im
Ranking-System des inneren Heiligtums des Geldmachtapparats zu etwas
gebracht hat, ist unersetzbar, so lange die Kassen weltweit klingeln.
Das ist genauso wie bei Tom Cruise oder Nicole Kidman in der Kinowelt. Interessant
ist auch die Funktion der Wohlfühleliten oder celebrities
[89]
aus der Massenkultur- und Sportszene. Ihre Rolle bei
der Durchsetzung der usurpatorischen Absichten des Neoliberalismus und
überhaupt von Macht- und Geldmachtgelüsten wird oft unterschätzt. Dabei
sind ihre Funktionen vielfältig. Sie helfen durch ihr Auftreten in der
Öffentlichkeit oder auch in der Werbung, dass alles und jedes – Nationalstolz,
bestimmte Markennamen oder sonstige Namen, bestimmte Glücksvorstellungen
usw. – idealisiert und damit als Leitmotiv ins gesellschaftliche Bewusstsein
gehoben werden können. Vor allem aber sind sie der lebende Beweis dafür,
dass man ganz oben ankommen kann, ohne auch nur über die geringste wirkliche
Macht zu verfügen. Damit sind sie die Gruppe, welche die allgemeine
Aufmerksamkeit am effektivsten von den tatsächlichen Machtverhältnissen
ablenkt. Und für diese verborgene Machtfunktion werden die wenigen Glücklichen,
die es von den Rändern der Gesellschaft nach oben schaffen, fürstlich
entlohnt. Dass Fußballspieler wie Ballack oder Zidane mit Jahresgehältern
von mehreren Millionen Euro rechnen können, ist bekannt. Und kurioserweise
regt sich, anders als bei den hohen Managergehältern, kaum jemand darüber
auf. Auch dafür hat Josef Ackermann eine Erklärung: "Fußballer
sind populärer als Banker ... Wenn Sie einen Freistoß auf 18 Metern
direkt verwandeln oder einen Fallrückzieher versenken, wenn Sie als
Skifahrer die Abfahrt runterrasen, werden sie allseits bewundert."
Bei Managern hingegen sei die Leistung nicht unmittelbar sichtbar und
damit nicht unmittelbar nachvollziehbar
[90]
- was aber auch daran liegen kann, dass Manager nicht
in der Öffentlichkeit bzw. nicht unter demokratischer Kontrolle agieren
müssen. Die
Vermittlung von ohnmächtigen Glücksgefühlen durch die Entertainment-Industrie
wird übrigens noch reicher honoriert. Der britischen Zeitschrift Sunday
Times zufolge gehören zu den reichsten Entertainern der Insel die
Popgruppe U2 mit 469 Mill.£ und ‚Lord of Dance’ Michael Flatley mit
375 Mill.£ Vermögen. U2 hatten im Jahre 2005 auch die höchsten Einkünfte
(146 Mill.£), es folgten die Rolling Stones (87 Mill.£) und Sir Paul
McCartney (48 Mill.£). Die Reichsten in der Sparte Film und Fernsehen
waren Joanne Rowling (520 Mill.£), Simon Fuller (300 Mill.£), Madonna
& Guy Ritchie (248 Mill£) und Catherine Zeta-Jones & Michael
Douglas (175 Mill.£).
[91]
Diese
Beispiele für Stars aus der Rock- und Popszene - mit ihrer kaum zu überschätzenden
Integrationsfunktion - zeigen zwar, dass man mit Gitarre und Gesang
und sogar mit dem Schreiben von Jugendromanen die Stufe der UHNWIs erreichen
kann. Zugleich aber ist klar, dass diese Individuen (anders vielleicht
als ihre Finanzberater) kaum Verbindungen zum Geldmachtapparat haben,
sondern gerade deshalb belohnt werden, weil sie am äußersten Rand dieses
Netzwerks die emotionalen Fäden spinnen, die jede Macht- und Herrschaftsstruktur
braucht, wenn sie nicht allein auf Gewalt bauen will.
[75]
Dogan, a.a.O., p. 23
[76]
C. Wright Mills, The Power Elite,
New York 1956 (Neuaufl. 2000), p.231ff
[77]
mit seinen Hoffnungen auf einen ‚Aufstand’ der europäischen
Intellektuellen
[78]
als die sich z.B. die Soziologen Heinz Bude und Hermann
Schwengel geoutet haben, vgl. Alexander Kissler, ‚Bloß
nicht sein wie Anke. Die
Soziologen suchen und finden den Sinn der Ungleichheit’, SZ,
9.10.2004
[79]
Vgl. R.Hitzler, St.Hornbostel, C.Mohr (Hg.), Elitenmacht,
Wiesbaden 2004
[80]
Albrecht Müller, Einführung zur Buchvorstellung Machtwahn.
Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet, 11.4.2006,
http://www.nachdenkseiten.de/
[81]
Der Spiegel, 15.3.1999, S. 91
[82]
D.Kainz, K.Taschwer, ‚Wieviel Wissenschaftler verdienen’,
heureka, Wissenschaftsbeilage der Wochenzeitung Falter,
23.3.05
[83]
Dogan, a.a.O., p. 50
[84]
Hans Herbert von Arnim, Das Europa Komplott, Wie
EU-Funktionäre unsere Demokratie verscherbeln, München 2006, S.
181ff
[85]
vgl. dazu vor allem Thomas Leif, a.a.O.
[86]
Nils aus dem Moore, ‘Kampf um die Köpfe’, Cicero,
7/2006, S. 93
[87]
Karl von Klitzing, ‚Füllhorn über London’, manager
magazin, 31. Januar 2006, http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,398207,00.html
[88]
‚Ackermann fordert höhere Politikergehälter’, Spiegel
Online, 19. Januar 2006, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,396021,00.html
[89]
Vgl. C. Wright Mills, a.a.O., p. 231ff
[90]
‚Ackermann fordert ...’, a.a.O.
[91]
The Sunday Times Rich List, http://business.timesonline.co.uk/section/0,,29049,00.html
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Zigtausende
Europäerinnen und Europäer sind in Parteien, in Parlamenten und Exekutiven
auf allen Ebenen als Profis oder als Amateure daran beteiligt, den gesellschaftlichen
Reichtum ‚gerecht’ oder im Interesse bestimmter Klientele zu verteilen.
Unter ihnen gibt es Zehntausende, deren Namen in den Medien erwähnt
werden und die in ihren politischen Organisationen wohlbekannt sind,
die aber nicht die Spitze der politischen Pyramide erreicht haben. Schon
um sie, aber vor allem um die ‚hochrangigen’ Politikerinnen und Politiker
ranken sich weitere Gruppen, die mit Verteilungsfragen zu tun haben:
Lobbyisten, Verbandsfunktionäre, Rechtsanwälte,
politische Beamte, Medienleute usw. Im
Zentrum dieser Netzwerke finden wir Strukturen, die man als Partei-Oligarchien
oder ‚politische Direktorate’ bezeichnet hat.
[92]
Inzwischen lässt sich möglicherweise sogar von einem
globalen Zentrum dieser Art, einem Unified Global Command
[93]
sprechen. Strukturell bestehen diese ‚Direktorate’
aus kleinen Gruppen von Personen, welche letztlich die exekutiven Entscheidungen
treffen. In Wahlkämpfen geht es immer um die Besetzung dieser Schlüsselpositionen,
die auch in und zwischen den Eliten, bis in die Geldelite hinein, heiß
umkämpft sind. Hat
sich ein solches Direktorat dann erst einmal stabilisiert, bildet es
eine zentrale - wenngleich nicht unbedingt die wichtigste - Stütze des
Geldmachtapparats. Albrecht Müller beschreibt eine solche Konfiguration
für Deutschland: „Was
für Leute sind das an der Spitze? Horst Köhler, Angela Merkel und Josef
Ackermann von der Deutschen Bank, Martin Kannegiesser von den Metall-
und Elektroarbeitgebern und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, Jürgen
Thumann und Michael Rogowski, der amtierende und der frühere Präsident
des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Stefan Aust und Gabor
Steingart vom Spiegel, Friede Springer und Mathias Döpfner von
Springer, Jürgen Kluge von McKinsey und Roland Berger, Bert Rürup, Hans-Werner
Sinn, Klaus Zimmermann, Bernd Raffelhüschen und nahezu der ganze Rest
der Wirtschaftsprofessoren, Arnulf Baring und Lord Dahrendorf, Paul
Nolte, Meinhard Miegel, Warnfried Dettling und Werner Weidenfeld, Liz
und Reinhard Mohn, die Bertelsmann Stiftung samt deren Centrum für angewandte
Politikforschung (CAP) und dem Bertelsmann-Centrum für Hochschulforschung
(CHE), die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit ihren Kuratoriumsvorsitzenden
Hans Tietmeyer und ihren ‚Botschaftern’ und über ein Dutzend Nachahmer-Initiativen,
Franz Müntefering, Edmund Stoiber, Matthias Platzeck, Friedrich Merz,
Guido Westerwelle und die jungen Netzwerker aller Parteien – und so
weiter ... Sie und noch viele, viele andere, die hier nicht genannt
werden, sind die Köpfe und Institutionen, die als Treibende und Getriebene
den neoliberalen Strom ausmachen. Sie bilden die Elite, von der hier
die Rede ist.“
[94]
Es
gibt inzwischen zumindest in Westeuropa einen Markt für Bücher wie die
von Albrecht Müller, Jürgen Roth, Thomas Leif usw.
[95]
, auch wenn die analytische Durchdringung dieser Netzwerke
erst am Anfang steht. Investigativer Journalismus deckt für die Bundesrepublik
die Rolle der ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft’ und der Bertelsmann-Stiftung
auf.
[96]
Ideelle Korruption in der Wissenschaft, im öffentlich-rechtlichen
Rundfunk, in den Parteien wird zum Thema. Und immer deutlicher erscheinen
hinter den kleinlichen politischen ‚Streitereien ums Geld’ die großen
Verteilungsfragen und werden grundsätzlicher diskutiert. Privatisierung
ist nicht mehr das Zauberwort der Transformationsprozesse im Osten und
des ‚Freiheits’-Diskurses überall. Public-private partnerships
werden als das erkannt, was sie sind: Operationen des Geldmachtapparats
zur Verschiebung der Werte in die Hände der HNWIs und vor allem der
UHNWIs. Die Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme, vor allem der
gesetzlichen Rente, erweist sich als ein gewaltiges Umverteilungsgeschäft,
das z.B. in der Bundesrepublik der Versicherungswirtschaft einen jährlichen
Umsatzgewinn von 15 Mrd. Euro bringen wird.
[97]
Nur die politischen Eliten erkennen das alles nicht.
Warum? Vielleicht
gibt es eine sozialpsychologische Erklärung. Einmal in eines der wichtigeren
europäischen Parlamente gewählt, ob auf nationaler Ebene oder in Brüssel/Straßburg,
wird auch das schlichteste Parlamentsmitglied auf sehr sinnfällige Weise
in die Lebenswelt des Geldmachtapparats einbezogen. Auf einmal verfügt
es, zumindest ansatzweise, über luxuriöse Fahr- und Flugzeugparks, persönliches
und allgemeines Hilfspersonal, Zugang zu ‚exklusiven’ formellen und
informellen Veranstaltungen aller Art. Lobbyisten öffnen soziale und
kulturelle Räume und damit sonst der Geldelite vorbehaltene Perspektiven.
Eines der prominentesten Beispiele bot vor einiger Zeit Kommissionspräsident
José Manuel Barroso, als er eine Einladung zu einer Schiffsreise durch
einen Industriellen mit massiven wirtschaftlichen Interessen an bestimmten
EU-Maßnahmen ohne jedes Verständnis für die Problematik rechtfertigte,
mit Details zu der Reise viel zu spät herausrückte und trotzig betonte,
er werde derartige Einladungen auch in Zukunft annehmen.
[98]
Wichtiger
aber ist die Frage, wie die politische Elite mit der Tatsache umgeht,
dass durch ihre Aktivitäten die Reichen zwar immer reicher werden, sie
selbst aber pekuniär vergleichsweise bescheiden davon profitiert. Nach
einer Aufstellung des Spiegel
[99]
gab es im Jahre 2002 in Deutschland 4000 Personen
mit einem liquiden Vermögen von über 30 Mio. Euro, 15 600 mit einem
Vermögen zwischen 3 Mio. und 30 Mio., weitere rund 165 000 Millionäre
sowie rund 460 000 Personen mit einem liquiden Vermögen zwischen 300
Tsd. und 750 Tsd. Euro. In Westeuropa waren Reiche (ab 300 Tsd. Euro
Vermögen) wie folgt verteilt: Skandinavien 114 000, Spanien 247 000,
Italien 412 000, Großbritannien 571 000, Frankreich 586 000. Demgegenüber
erscheinen Politikereinkommen in der EU
[100]
nicht gerade beeindruckend:
Andererseits liegen diese Einkommen weit über den Durchschnittseinkommen
der jeweiligen Länder. In der Bundesrepublik bezieht die Regierungschefin
ein monatliches Gehalt von 15 830 Euro, ein Bundesminister erhält 12
860 Euro, ein MdB oder MdEP 7 000 Euro. ‚Landesfürsten’ und Landtagsabgeordnete
sind z.T. ähnlich ausgestattet. Doch auch über Nebenverdienste kommt
die politische Elite bestenfalls in die unteren Einkommensränge des
Geldmachtapparats. Gleichwohl ist die öffentliche Diskussion hierüber
heftig, und zu Recht. Denn mit ihrem sie letztlich legitimierenden Auftrag,
für Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen, kann die politische
Elite gar nicht allein der neoliberalen Maschine dienen. Dennoch
klagen derzeit neun MdBs gegen die Transparenzvorschriften, die der Bundestag im Juni 2005 beschlossen
hat. Ein von Bundestagspräsident Lammert bestelltes Gutachten greift die neue Vorschrift des Abgeordnetengesetzes
an, nach der die Mandatsausübung ‚im Mittelpunkt der Tätigkeit eines
Mitglieds des Bundestages’ stehen muss. Das Gutachten argumentiert,
diese Vorschrift sei nicht etwa ‚quantitativ’, sondern ‚qualitativ’
zu verstehen. Nicht ‚zeitliche Beanspruchung’ oder ‚Höhe der Einkünfte’
könnten den ‚Mittelpunkt der Tätigkeit’ definieren, sondern einzig eine
Gewissensprüfung, die der einzelne Abgeordnete an sich vorzunehmen habe.
[101]
In dieser Situation kommt es nicht von ungefähr,
dass Josef Ackermann höhere Politikergehälter fordert. „So würden mehr
Menschen aus der Wirtschaft in die Politik kommen und könnten dort ihre
Kompetenz einbringen.
[102]
Der Domestikenstatus der politischen Elite innerhalb
des Geldmachtapparats bleibt brüchig. Vollständige
Willfährigkeit könnte in der Tat nur erreicht werden, wenn sich auch
in den politischen Strukturen - wie im Schau- und Sportgeschäft - das
Ranking und die Winner Takes All-Mentalität voll entfalten könnten
– wie das in den USA, etwa im Millionärskabinett von George Bush oder
im von Millionären wimmelnden US-Senat, der Fall ist. Forbes
Magazine hatte das längst begriffen, als es vor den Kongresswahlen 2002
eine Liste der zehn reichsten Politiker der USA veröffentlichte: Michael
R. Bloomberg (4,8 Mrd.$), Winthrop Rockefeller (1,2 Mrd.$), B. Thomas
Golisano (1,1 Mrd.$), John Kerry (550 Mill.$) usw. Der Kommentar lautete:
“Viel
zu lange ist Politik eine Spielwiese der Juristenklasse gewesen. Tatsächlich
wärmen mehr Rechtsanwälte als Angehörige irgendeines anderen Berufs
die Sessel der drei Zweige der Bundesregierung. Seit kurzem aber beginnen
Wirtschaftsführer – die schließlich für die dynamischsten und wichtigsten
Verbesserungen in unserer Gesellschaft verantwortlich sind – die Party
der Politiker aufzumischen. Vor zwei Jahren wählte Amerika George W.
Bush, den ersten Präsidenten mit dem Abschluss eines ‚Master’s of Business
Administration’. Vor einem Jahr wählte die größte Stadt des Landes einen
self made-Milliardär zum Bürgermeister und machte damit Michael
R. Bloomberg zum eindrucksvollsten Neuankömmling auf der politischen
Bühne New Yorks. Um diesen wachsenden Erfolg von Kapitalisten auf dem
Feld der Politik zu zelebieren, haben wir eine Rangliste der zehn reichsten
Politiker Amerikas aufgestellt. Dabei haben wir uns nur auf diejenigen
Personen konzentriert, die im Augenblick ein politisches Amt innehaben
oder sich bei den kommenden Kongresswahlen um ein Amt bewerben. Und
wer weiß? Vielleicht werden wir in nicht allzu ferner Zukunft einen
Milliardär als Präsidenten haben. In zwei Ländern ist das schon passiert:
In Italien hat Premierminister Silvio Berlusconi im letzten Mai einen
Erdrutschsieg errungen und im Libanon ist Rafik Al-Hariri schon in der
zweiten Legislaturperiode Premierminister.“
[103]
Ganz
offensichtlich sind die Dinge zunächst einmal anders gekommen, als man
dachte. Im Prinzip aber haben die Wirtschaftseliten schon immer geglaubt,
sich brauchten die politische Sphäre gar nicht, ‚Direktherrschaft’ sei
möglich. So auch jetzt:
"This is a time that urgently calls
for global corporate statesmanship."
[104]
[92] Alles fing an mit Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens (1911), Stuttgart 1989
[93]
Hardt/Negri, a.a.O., Abschnitt 3.6
[94]
Albrecht Müller, a.a.O., S. 170f
[95]
J.Roth, a.a.O.; Th.Leif, a.a.O; Zeitungen wie The
Economist, Le Monde etc.; Filme wie Claude Chabrols ‚Geheime
Staatsaffären’ etc.
[96]
z.B. F.Böckelmann, H. Fischler, Bertelsmann. Hinter
der Fassade des Medienimperiums, Frankfurt/M. 2004
[97]
Müller, a.a.O., S. S.291f
[98]
Hans Herbert von Arnim, Das Europa Komplott. Wie
EU-Funktionäre unsere Demokratie verscherbeln, München/Wien 2006,
S.196
[99]
‚Exklusiver Club’, Der Spiegel, 23/2004
[100]
aus H.H.von Arnim, 9.053 Euro Gehalt für Europaabgeordnete?,
Berlin 2004, S. 63
[101]
‚Bundestagspräsident weicht Nebenjob-Regeln wieder
auf’, Spiegel Online, 29. Juli 2006, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,429162,00.html
[102]
‚Ackermann fordert höhere Politikergehälter’, Spiegel
Online, a.a.O.
[103]
Davide Dukcevich,
‚America’s Richest Politicians’, Forbes Magazine, October 29,
2002
[104]
David
de Pury, Jean-Pierre Lehmann, ‚Speak up for Globalization’, IHT,
June 14, 2000; vgl. auch Markus Verbeet, ‚Der private Staat: Der Griff
der Konzerne nach der Staatsmacht’, Spiegel Online, 21. August
2006, http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,432615,00.html
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Die
Chief Executive Officers aus Industrie und Finanz sind traditionellerweise
mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt
und wissen ihrerseits viele Multimillionäre unter sich. Vielfach verflochten
mit der Geldelite, können sie mit ihr tendenziell auch auf einen Konfrontationskurs
geraten (s.u.). Als Spitzenmanager großer Unternehmen, Versicherungen,
Investmentfonds usw. bilden die CEOs zusammen mit den Superreichen aber
noch immer den magischen Zirkel der Corporate World. Dabei kann
mit einem gewissen Recht zwischen nationalen und transnationalen
Unternehmen mit z.T. ganz gegensätzlichen ‘corporate cultures’ unterschieden
werden. Für manche Beobachter gehören auch die Chief Executive Officers
der Militärorganisationen
[105]
zum CEO-Komplex. Allenfalls die Konzern- und
Finanzeliten können als eine Gruppe begriffen werden, die heute noch
als klassische ‚Kapitalistenklasse’ handelt und in welcher Kapitalfraktionen
und ökonomische Interessengegensätze das Handeln bestimmen. Auch
hier gibt es, wie gesagt, Spitzenränge und eine breitere Basis, in Frankreich
beispielsweise, so Dogan, „mehrere tausend Manager aus der Konzernwelt,
die für die größten zehntausend Unternehmen und die dortigen Arbeitsplätze
verantwortlich sind, die aber nicht zu den Spitzen-CEOs in der Nähe
des innersten Rings gehören.“ Außerdem schmiegen sich „mehrere tausend
Repräsentanten der traditionellen Eliten (hochrangige Generäle, Bischöfe),
alter und neuer Adel, Berühmtheiten und Prominente“ an die Geldelite
an, ohne ihr anzugehören.
[106]
Für
unsere Zwecke allerdings ist es wichtig, sich auf die obersten hundert
oder zweihundert Personen auf den Rangskalen der Spitzenmanager zu konzentrieren,
die den Monetarisierungsprozess und damit die Entwicklung des Geldmachtapparats
nicht nur tragen, sondern durch ihre exorbitanten Belohnungen auch symbolisieren.
Hier tun sich in letzter Zeit interessante Dinge: „Jahrzehnte
lang haben sich die Europäer bei der Belohnung der Bosse viel mehr zurückgehalten
als die Amerikaner. Doch jetzt geben die europäischen Manager ihre Zurückhaltung
auf, verlangen eine Bezahlung nach amerikanischem Vorbild – und bekommen
sie oft auch. Aber während riesige Zahltage im amerikanischen Konzernleben
etwas Normales sind, scheint dies in Europa von den Investoren weniger
akzeptiert zu werden und in manchen Ländern regt sich Widerstand. -
Doch die Zeichen, dass die transatlantische Zahlungskluft schrumpft,
mehren sich. Letztes Jahr wurden Jan Bennink, dem CEO von Numico, einem
niederländischen Hersteller von Säuglingsnahrung, 13.4 Mill. USD zugestanden.
John Browne von BP bekam 18.5 Mill. USD und Antoine Zacharias, früherer
Vorstandsvorsitzender des französischen Baukonzerns Vinci, erhielt 22
Mill. USD plus eine einmalige Abfindungssumme in unbekannter Höhe. –
‚In Frankreich ist Habgier jetzt legal,’ sagte Pierre-Henri LeRoy, Chef
der französischen Beratungsfirma Proxinvest. Kenner der Situation sagen,
die Veränderungen seien enorm. ‚Zum ersten Mal in 30 Jahren sehe ich,
wie diese Kluft sich schließt, und zwar ziemlich schnell,’ meinte John
Viney, Gründer von Zygos Partnership, einer Londoner Headhunter-Firma.
‚Wobei man bei weltweiten Vergleichen nur ein Land als Maßstab hat,
die Vereinigten Staaten.’ - Im Jahre 2005 betrug das durchschnittliche
Gehaltspaket für die CEOs der 350 größten Unternehmen in den USA 6.8
Mill. USD, einschließlich langfristiger Anreize wie Aktienoptionen.
Das lag um 58 Prozent über den durchschnittlich 4,3 Mill. $ für die
Spitzenmanager der 100 größten Unternehmen des Financial Times-Stock
Exchange Index in Großbritannien. Doch noch im Jahre 1998 war die Kluft
weitaus größer; nämlich im Mittel 4.6 Mill. USD (USA) zu 1.1 Mill. USD
(UK). - In den Niederlanden stieg das durchschnittliche Gehalt für die
CEOs von 75 untersuchten Unternehmen im Jahre 2004 um 17,8 Prozent an
und betrug 1,47 Mill.USD - In Frankreich stieg das durchschnittliche
Gehalt der CEOs in Unternehmen, die im CAC-40 Aktien Index gelistet
werden, im Jahre 2004 auf 3 Mill.USD, von ca. 780 000 USD im Jahre 1998.
In Deutschland stieg nach einer Studie der Zeitung ‚Die Welt’ im Jahre
2005 das durchschnittliche Gehalt von Aufsichtsratsmitgliedern der 30
‚blue-chip’-Unternehmen im DAX Index um 11 Prozent. - Das galt etwa
für den Fall des CEO des französischen Hotel-Unternehmens Accor, der
sich seinen Abgang mit einem Abfindungspaket von über 15 Mill.USD versüßen
ließ, oder auch die Affäre um Klaus Esser und Josef Ackermann in Deutschland
... - Dabei ist es in Europa, wegen der kleineren Investoren-Basis,
einfacher, Aktionäre zu mobilisieren und unter den verschiedenen Investorengruppen
Konsens über das Vorgehen in solchen Fällen zu erreichen. Aber selbst
die höchstbezahlten CEOs in Großbritanien können sich nicht mit ihren
amerikanischen Kollegen messen ... So erhielt, im Unterschied zu den
18,5 Mill.USD für John Browne von der britischen BP, David O'Reilly,
der CEO von Chevron, einem Unternehmen, das nur rund 60 Prozent des
Marktwertes von BP hat, ein Zahlungspaket von 37 Mill.USD (Gehalt, Boni,
Aktienoptionen usw.) – ‚In den USA gibt es keinen Schamfaktor,’ sagt
Stephen Davis, Präsident von Davis Global Advisors. ‚In Europa herrscht
noch mehr Besorgnis wegen der sozialen Folgen.’“
[107]
Die europäische Ranking-Maschine ist angelaufen und muss die börsenrelevanten kurzfristigen Geschäftserfolge am Geldrang der Manager demonstrieren. Andererseits ist das System noch in feudal-bürgerliche Wertvorstellungen [108] eingebunden. Doch auch in den Medien beginnt man eifrig zu rechnen:
Alle
möglichen Leute prophezeien inzwischen den ‚Kollaps des Kapitalismus
wie wir ihn kannten’.
[111]
Konkret, vor einem geopolitischen Hintergrund, entfalten
sich Momente einer solchen Auflösung zur Zeit in einem sich anbahnenden
Konflikt zwischen den Konzerneliten und ihren ‚Herren’, den superreichen
Investoren dieser Welt. Youssef M. Ibrahim, ein Sprecher und Berater
reicher Investoren und shareholder aus dem arabischen Raum, geht
in diesem Sinne mit den westlichen Konzerneliten (den ‚Hausmeiern’ seiner
reichen Araber, wenn man so will) ins Gericht. Diese Manager würden
sich hunderte von Millionen Dollar in die Taschen stecken, während der
Wert ihrer Konzerne durch Unehrlichkeit und Inkompetenz in den Keller
sinke: „Diese
Lenker gigantischer Konzerne sind Mitglieder eines winzigen Clubs, welcher
die gewöhnlichen Investoren am ausgestreckten Arm verhungern lässt ...
Schlimmer noch, die großen Banken und Investmentfirmen helfen jenen
Bossen dabei, die Spuren zu verwischen. Sie fliegen Privatjets, bezahlt
von den shareholders, sie genehmigen sich Privatlogen bei großen Sportereignissen
und Shows. Sie sind Freunde, die zusammen tafeln, während sie von Aufsichtsratssitzung
zu Aufsichtsratssitzung ziehen. Ein fauler Gestank breitet sich aus
in den Führungsetagen der größten Konzerne. Und am Horizont zeichnet
sich eine gewaltige Revolte der shareholder ab. Die Praktiken der Konzerneliten
bedrohen die globale Ökonomie. Es ist an der Zeit für die Reichen, die,
wie beispielsweise die Araber, hunderte von Milliarden ihres Vermögens
in diese großen Konzerne investiert haben, ihren Bankiers ein paar harte
Fragen zu stellen: Wo ist mein Geld und was macht ihr damit?“
[112]
Man
kann sich vorstellen, was hier zwischen den Geldeliten und ihrer Dienstklasse
der Geldverwerter noch los sein wird. Das Zusammenbrechen innerkapitalistischer
ökonomischer Regulationssysteme führt nicht nur zur Raubumverteilung
von unten nach oben, sondern auch zu einem titanischen Hauen und Stechen
zwischen den reichen und superreichen Privatleuten dieser Welt, das
längst den Kampf um den Mittleren Osten, den ‚Kulturkampf’ mit der islamischen
Welt sowie die ‚policy conflicts’ zwischen ‘Europa’ und ‘Amerika’ prägt.
Die gesamte Machtmaschinerie des Kampfes gegen den Terrorismus ist nicht
zuletzt angeworfen worden, um mit den konkurrierenden Kapitalen, den
Geldmächten des arabischen und asiatischen Raumes, fertig zu werden
[113]
– und vielleicht sogar, wenn man die Bush-Administration
beobachtet, Elemente einer privaten, neo-feudalen Form von ‚Geldherrschaft’
zu etablieren: informelle Netzwerke purer Geldmacht in einer chaotisierten
Welt, in der sich die Agenten früherer Herrschaft - Präsidenten, Armeen,
Länder, Klassen und Schichten (bzw. deren Eliten) - einfach kaufen lassen.
[114]
[105] In seiner Power Elite-Definition beschreibt C. Wright Mills die Vernetzung der politischen, militärischen und öknomischen Eliten und betont, dass deren Weltsicht eine ‘militärische Definition der Wirklichkeit’ einschließt.
[106]
Dogan, a.a.O., p. 24
[108]
‚Über Geld redet man nicht’ – vgl. Volker R. Berghahn,
Stefan Unger, Dieter Ziegler (Hg.), Die deutsche Wirtschaftselite
im 20. Jahrhundert, Essen 2003
[109]
Angaben (1) aus: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/vorstandsgehaelter/0,2828,361832-3,00.html;
Angaben (2) aus: http://www.tiscali.de/geld/geld_center_Zetsch.77043426.html
[110]
Geld „ist ein Rätsel, das
die ökonomische Theorie bis heute nicht hat lösen können.“, E.Altvater,
‚Der Dämon und sein Zaubertrick: Geld’, Freitag, 20.2.2004, Beilage
S. I
[111]
Vgl. Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus
wie wir ihn kennen, Münster 2005
[112]
Youssef M. Ibrahim, ‘The Collapse
of Capitalism as we know it’, IHT, March 9, 2004
[114]
dazu gehört die partielle Kooperation von US-amerikanischen
und saudi-arabischen Finanzkreisen, vgl. http://www.mediakritik.de/amem/carlyle.htm;
C.Unger, House of Bush, House of Saud, Scribner 2004
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Zunächst
einmal: Auch bei den Superreichen spielt Ranking eine Rolle.
Diesem Bedürfnis fühlt sich beispielsweise das Forbes Magazine
mit seinen letztlich völlig unzuverlässigen Listen verpflichtet. 1996
wollte Ted Turner, seinerzeit noch Miteigentümer von CNN und Times Warner,
den Vereinten Nationen 1 Milliarde Dollar in Gestalt einer Stiftung
zukommen lassen. Aus diesem Anlass wunderte er sich darüber
[115]
, dass die Forbes-Liste der Reichsten dieser
Welt den Genannten mehr bedeute als den Tennis-Spitzenspielern ihre
Computer-Weltrangliste. Dieser Listenplatz-Ehrgeiz mindere doch nur
die Bereitschaft, Stiftungen zu gründen oder auf andere Weise zum Gemeinwohl
beizutragen. Turner schlug deshalb eine neuartige Rangliste vor, eine
Rangliste der freigiebigsten Philanthropen. Gäbe es eine solche Liste,
fügte Turner damals hinzu, wäre vielleicht auch Bill Gates schon spendierfreudiger.
Heute wissen wir, dass dieser Turnersche Appell zumindest bei Bill Gates
gewirkt hat.
[116]
Die
Zahl der europäischen Ultra-HNWIs (nach der Merrill Lynch-Einteilung)
mit einem frei verfügbaren Vermögen von mehr als 30 Mill. Euro wird
für 2005 mit etwa 17 000 Personen angegeben. Wie diese Personen zusammenwirken,
ist weitgehend unerforscht. Die sozialempirische Annäherung an die Geldelite
ist schwierig. Die seriöse oder Mainstream-Forschung – abhängig, wie
sie von ‚Drittmitteln’ ist – lässt die Finger davon, so dass es vor
allem Journalisten, kleine Teams von ‚Verschwörungsforschern’
[117]
oder besessene Einzelne sind, die Licht in diese
Schicht zu bringen versuchen. Besonders einfallsreich und intensiv haben
sich Rechercheure der britischen Wochenzeitung Sunday Times bei
der Erforschung der Reichen ihres Landes ins Zeug gelegt. Dabei sind
eine Fülle von Ranglisten entstanden: The 20 fastest growing fortunes,
The Sunday Times Giving Index, Top 30 political donors / Top 20 political
lenders, The richest women, Millionaires in film and TV, Music millionaires,
Football millionaires, Online millionaires, Goldman Sachs millionaires usw. – Aus ihren Recherchen haben
sie einige Lehren und ‚rules of engagement’ gezogen, die selbst schon
Licht auf ihren Gegenstand werfen. Ausschnitte:
Und
hier ist die Sunday Times-Liste der hundert reichsten Europäer:
Auch
das deutsche Magazin Cicero und etliche andere Zeitschriften
[119]
beginnen sich an die Gruppe der Superreichen heranzuwagen,
vorsichtig, voller vernebelnder Einschätzungen, aber doch wohl in dem
Bewusstsein, dass die Öffentlichkeit in zunehmendem Maße an einer Reichendiskussion
interessiert ist. Das wachsende Volumen an Hintergrundinformationen
macht das genaue Lesen von Tabellen wie der folgenden immer spannender:
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