DER SPIEGEL 1/2007 - 30. Dezember 2006
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LUFTFAHRT
Das fliegende Anwaltszimmer

Von Gerald Traufetter

Ölscheichs, Internet-Milliardäre und Oligarchen kaufen sich gern eigene Luxusjets. Die Lufthansa-Werft in Hamburg rüstet viele der Riesenflugzeuge aus. Nach dem Jumbojet soll nun der Airbus A380 über den Wolken als Maß der Dinge gelten. Drei Kaufinteressenten gibt es schon.

Von Zeit zu Zeit fährt Willie Gary noch an der ärmlichen Hütte in Pahokee, Florida, vorbei. Dort wuchs er auf, mit zehn Geschwistern. Seine Eltern arbeiteten in den Zuckerrohrfeldern. Sein Blick auf diese Zeiten, so behauptet er, sei "vollkommen ungetrübt".

Nach dem Ausflug zurück in seine harte Jugend steuert Gary seinen Bentley zum Flughafen. Beeilen muss er sich nicht. Denn den Flieger, in den der muskulöse Schwarze mit dem dünnen Oberlippenbart einsteigt, kann er gar nicht verpassen. Er gehört ihm selbst.
Statt nach Schweiß, Rauch und dem Bohneneintopf vom Vortag riecht es an Bord der Boeing 737 nach edlem Leder. Eine dezente Note Holzpolitur mischt sich mit dem Duft frischer Blumen. Bescheidenheit hat der Multimillionär und Staranwalt nicht nötig. Warum auch? Seine Dollar hat er schließlich selbst verdient.

Elf Millionen davon hat er in die Inneneinrichtung seiner "Wings of Justice II" gesteckt, "einschließlich eines Waschbeckens aus 18-karätigem Gold", wie er auf seiner Web-Seite schreibt. 1,2 Millionen Dollar hat das Soundsystem gekostet.

Von den Flügeln der Gerechtigkeit getragen, schlummert Gary im Bett, schlemmt am Esstisch oder feilscht an seinem Konferenztisch um den nächsten außergerichtlichen Vergleich. Seinen Klienten, oft einfachen Leuten, die er in Schadensersatzprozessen gegen Großkonzerne vertritt, erklärt er auch, wofür der ganze Luxus gut ist: "So können wir an einem Tag Leute in Atlanta, Chicago und Carolina treffen und sind pünktlich zum Abendessen daheim."

Dabei verliert Garys fliegendes Anwaltszimmer zusehends an Exklusivität. Immer mehr große Businessjets, gechartert oder selbst gekauft, rollen auf den Runways der Welt. Von Abidjan bis Zürich sind es schon mehr als 300 Stück.

Gemeint sind nicht jene ordinären Cessnas, wie Hobbypiloten sie zum Sonntagsausflug nehmen. Auch nicht kleine Düsenflugzeuge wie von Gulfstream, in deren schmalen Rumpf sich gewöhnliche Manager hineinquetschen.

Die Rede ist von den ganz großen Maschinen von Airbus und Boeing, die gewöhnlich im Linienflugbetrieb pendeln; die sich aber die Superreichen zu fliegenden Palästen umrüsten lassen.

Viele der 7000 Beschäftigten der Lufthansa Technik in Hamburg verdanken ihren Job diesem Premiumsegment der internationalen Luftfahrt. Ein Hangar im hinteren Teil des Hamburger Flughafens ist mittlerweile das ganze Jahr für den Umbau der Riesenflugzeuge ausgebucht. "Der Hof wird langsam eng", klagt Walter Heerdt, Verkaufsvorstand bei Lufthansa Technik, voller Freude.

Ein "kleiner, feiner Markt" sei das, auf dem dennoch extrem hohe Summen umgesetzt werden. Gerade ist in Hamburg ein Jumbojet ausgeliefert worden. 150 Millionen Euro kostet so ein Fluggerät nackt, ohne Innenausstattung. Rund 50 Millionen Euro werden noch einmal in den Ausbau gesteckt - je nach "Level of Elegance", wie es im branchenüblichen Englisch heißt: dem Grad der Eleganz.

"Über Preise reden wir nicht gern", sagt Heerdt. Das Geschäft beruhe auf Diskretion. Die Namen seiner Kunden wolle er deshalb nicht nennen. Trotzdem erfährt es in der Branche jeder, wenn wieder eine Maschine geordert wird. "Die Stückzahlen sind einfach zu gering, als dass da etwas verborgen bliebe", sagt Heerdt.
Der größte Teil der Edelflieger geht in die arabischen Ölstaaten. Scheichs fliegen bevorzugt Jumbojets oder aber die nächstkleineren Klassen, die Boeing 767 oder 777, in deren Frachtraum viel Platz für die Boxen ihrer Rennpferde ist. Auch IT-Milliardäre wie Larry Page und Sergey Brin, die Gründer von Google, bevorzugen die eigenen vier fliegenden Wände. Afrikanische Potentaten legen bei der Ausstattung Wert auf viel Gold und auf Raubkatzenfelle.

Die russischen Oligarchen wiederum lieben den Boeing Business Jet, eine 737 mit vergrößertem Tank, mit der sie von London bis ins hinterste Sibirien gelangen. Auch Roman Abramowitsch, Eigentümer des englischen Fußballclubs FC Chelsea, hat sich so eine Maschine einst gekauft. Mittlerweile besitzt er eine Boeing 767.

Daneben gibt es eine bunte Schar aus Selfmade-Millionären, hauptberuflichen Erben oder Schauspielern wie John Travolta. Der hat in Florida eine gut zwei Kilometer lange Startbahn neben seiner Villa. Vergangenen Monat erst startete er in seiner Boeing 707 in Richtung Rom: zur Hochzeit der Darstellerkollegen Tom Cruise und Katie Holmes.

Das fliegende Pekuniat ist sich einig in der tiefen Abscheu vor der Linienfliegerei. Sie erzwingt eine Intimität mit wildfremden Menschen. Sie verpflichtet, gemeinsam auf engstem Raum zu übernachten und teilzuhaben am Stoffwechselgeschehen der Mitreisenden.

All das muss nicht sein - auch für jene nicht, die den hohen Preis für Anschaffung und Unterhalt scheuen. Denn mittlerweile gibt es die Edelvögel auch zu chartern. Pionier ist in dieser Größenkategorie die Genfer Charterfirma PrivatAir. Schon Ende der achtziger Jahre hat sich das Unternehmen eine Boeing 757 angeschafft. Nun nimmt es eine noch größere Maschine, eine Boeing 767, in Empfang.

Die Weltwirtschaft sei unstet, sagt Greg Thomas, Chef von PrivatAir, und malt mit dem Finger eine Welle in die Luft. "Bei den großen Jets hingegen geht es stetig bergauf", erklärt der Brite und zeichnet die gerade Linie eines startenden Flugzeugs nach. Auf der "Spitze der Wertpyramide" gebe es einen zuverlässig wachsenden Markt für solche großen Mietflugzeuge, bei denen die Flugstunde gut 30 000 Euro kosten kann. Wie exquisit, das verdeutlicht Thomas an der Musikbranche.

Eine Umfrage habe ergeben, dass nur vier Popbands in der Lage sind, ein Fluggerät wie die Boeing 767 zu mieten. Die Rolling Stones sind darunter und Madonna - beide PrivatAir-Kunden. Die Heavy-Metal-Band Iron Maiden fällt aus dem Rahmen. Sie könnte sich so einen fliegenden Tourbus eigentlich nicht erlauben. Doch Sänger Bruce Dickinson ist selbst Pilot. "Nächste Woche treffe ich ihn in Amsterdam", sagt Thomas. "Er will die Maschine auf der nächsten Tour fliegen."

Das Kabinenpersonal, allesamt aparte, stets aufmerksame und lächelnde junge Frauen, kann sich in den Flugpausen darüber streiten, ob George Clooney oder Brad Pitt süßer ist. Victor Grove beaufsichtigt ihre Ausbildung. Er legt Wert darauf, dass der Service für ihre VVIPs, jene sehr, sehr wichtigen Personen, "nicht nur okay, sondern exzellent" ist. Manchmal geht aber doch etwas schief, und dann reicht in dieser Aviatik-Liga kein dahingemurmeltes 'tschuldigung. Grove greift dann noch an Bord zum Satellitentelefon, so wie neulich, als eine britische Industriellenfamilie in der Boeing zu Gast war.

Er habe kurzerhand den besten Blumenhändler Londons angerufen und ein Bouquet für 200 Pfund geordert. "Als die Familie nach dem verkorksten Flug zur Haustür hereinkam, fand sie den Strauß vor", sagt Grove: "Sie ist uns treu geblieben und für insgesamt 250.000 Pfund wieder mit uns geflogen."

Geld, so bestätigt man in der Branche allerorten, sei ausreichend vorhanden. Die Nachfrage der Scheichs wächst so rasch, dass für diesen Januar in Dubai die erste große Business-Jet-Messe für diese Region angesetzt ist. Extreme Vermögenskonzentrationen seien aber auch in Indien und China zu erwarten, prophezeit Lufthansa-Mann Heerdt.

Auf diesen Boom reagiert Airbus in Zusammenarbeit mit der Lufthansa Technik. Sie haben den A318 Elite auf den Markt gebracht, der eine Luxusausstattung gewissermaßen von der Stange erhält. Wie beim Autohändler kann jeder sich da aus einer Sonderausstattungsliste sein Traumflugzeug zusammenstellen, Stückpreis etwa 45 Millionen Dollar. Das erste Exemplar traf Mitte Dezember von Airbus kommend in der Lufthansa-Werft ein. Bestimmt ist es für die Schweizer Charterfirma Comlux.

Die Regel in Hamburg ist jedoch Einzelanfertigung, das meiste davon in den eigenen Lufthansa-Hallen. Aage Dünhaupt ist Unternehmenssprecher bei Lufthansa Technik und läuft mit potentiellen Kunden und deren Agenten durch die mehrere hundert Meter langen Gänge.

An den Wänden hängen etwas ausgeblichene Bilder mit dem Interieur der Prachtmaschinen. "Das darf eigentlich kein Außenstehender sehen", sagt der Mittdreißiger, und es ist nicht ganz klar, ob er das aus Diskretion vor seinen Kunden, in diesem Fall einem Scheich, sagt oder ob er damit das ästhetische Empfinden des Besuchers schützen will.

Das verschnörkelte Mobiliar im Innern der Königsmaschine ist mit grauem Marmor verkleidet - ein sonst wenig gebräuchlicher Werkstoff im Flugzeugbau. Im Teppich eingewebt sind rote Rosen. "Die Geschmäcker sind eben sehr verschieden", sagt Dünhaupt diplomatisch.

In jedem Fall muss die Verarbeitung "hundertprozentig präzise" sein. Wer sollte das besser wissen als Kathrin Impelmann, gelernte Tischlermeisterin. Sie baut mit ihren Kollegen die Möbel. Wegen des Gewichts sind die Wände aus Harzkomposit. Wenn der Kunde zu viel Elektronik einbaue und das Flugzeug zu schwer zu werden drohe, dann müsse auch schon mal Kohlefaser her. "Die ist noch leichter", sagt die 34-Jährige.

Später verschwindet das Plastik dann hinter einem edlen Furnier. "Nichts soll an das schnöde Kunststoffgrau der Verkehrsflieger erinnern", sagt die Frau mit dem blonden, zum Zopf gebundenen Haar. Wenn es Vogelaugenahorn sein soll, fliegt sie auch schon mal direkt nach Kanada und sucht dort die Bäume aus. Noch beliebter sei derzeit aber Amboina-Maser-Furnier. Das stammt aus den Stammknoten eines bis zu 35 Meter hohen Baums aus Südostasien. 900 Dollar pro Quadratmeter koste es, und 10 000 Quadratmeter brauche sie für einen Jumbojet, sagt Impelmann.

Bei der Abnahme ihrer letzten Möbelstücke allerdings kam es beinahe zum Eklat. "Der Gesandte des Scheichs fuhr erschrocken zusammen und deutete auf angebliche ,Teufelsfratzen' in der Maserung des Furniers", berichtet Impelmann. "Wir mussten alles neu machen."

Die kulturellen und religiösen Gefühle zu achten ist in ihrem Job oberstes Gebot. Dazu zählt auch, Gebetsräume mit GPS auszustatten, damit der Betende sich auch wirklich nach Mekka verneigt.

Gelegentlich muss sie an einem Operationssaal mitzimmern, in dem ein siecher Herrscher notfalls auch am offenen Herzen operiert werden kann. Ein anderer wünscht einen Kronleuchter, von dem das Luftfahrtbundesamt bei der Kontrolle überzeugt ist, dass er auch bei Beschleunigungen von 9G nicht von der Decke rauscht. Sie habe aufgehört, sich über die Marotten der Kundschaft zu wundern, sagt Impelmann.

Einer, dem sie jene handwerklichen Herausforderungen verdankt, ist Andrew Winch. Der Londoner Designer baut Luxusyachten für die Häfen Monacos und Miamis. Ein naheliegender Synergieeffekt stelle sich dabei ein: "Wenn die Leute mit meiner Arbeit zufrieden sind, beauftragen sie mich auch für ihren Flieger."

Vom Boeing 787 Dreamliner etwa hat Winch eine Luxusversion mit Alcantara, edlen Gehölzen und cremefarbenem Tuch erdacht. Dieser Flugzeugtyp sei ideal für alle, die aus ihrem 737 Privatjet langsam herauswachsen. "Die 787 hat mehr Platz und ist dennoch im Unterhalt sparsam", sagt Winch.

Doch die "wohl wertvollste aller Immobilien" sei für ihn der neue Airbus A380. Denn wer dieses Flugzeug fliegt, kann von niemandem mehr mit einem noch größeren Fluggerät getoppt werden. Deshalb hat sich Winch gemeinsam mit der Lufthansa Technik darangesetzt, eine Studie für den weißen VVIP-Riesen zu entwerfen. "600 Quadratmeter Wohnfläche", sagt Lufthansa-Vorstand Heerdt und schnalzt mit der Zunge. "Da lässt sich was ganz anderes herauszaubern." Vor allem eine Besonderheit des A380 haben sie im Blick: das durchgehende Oberdeck. Endlich lässt sich da die so wichtige physische Hierarchie herstellen, wie es sie zuletzt in den Zeiten der großen Passagierdampfer gegeben hat: Die "Senior-VIPs" haben ihre Kabine oben, die "Junior-VIPs" einschließlich ihrer Entourage von Nannys, Visagisten, Köchen und Fahrern nehmen unten im Rumpf Platz.

Drei Kaufinteressenten haben mit Designer Winch und der Lufthansa Technik bereits über den A380 gesprochen. Wer wolle es ihnen verübeln, meint Winch. Schließlich biete dieses Flugzeug genau das, was sie sich am innigsten wünschen. "Alle wollen vom Bett aus die beiden Flügelspitzen sehen können."