3.6. Kapitalismusbasierte High-Tech-Refeudalisierung?

 

Rein äußerlich betrachtet ist, wie gesagt, das Besondere am Habitus der europäischen Geldelite und ihres Geldmachtapparats die Renaissance feudaler Muster. Keine andere Region kann in solchem Maße auf derartige patterns zwecks Organisierung elitärer Macht rekurrieren. Diese Muster sind selbstverständlich heute vielfach gebrochen und Teil der virtuellen oder Simulationskultur. Frühmittelalterliche Rollenmodelle und Metaphern beherrschen die Welt der Computerspiele, sie bestimmen aber auch schon seit den Fünzigern das Selbstbild von Jungmanagern und superreichen Familiendynastien. [145] Doch mag der Geldmachtapparat noch so sehr in feudalen Gewändern einherkommen, er wird letztlich durch die Möglichkeiten der digitalen Revolution getragen und beschleunigt. Aus diesem technischen Reservoir bezieht er auch seine Gewaltmittel, von der elektronischen Überwachung seiner Hilfseliten und Arbeitskräfte bis zur Hi-Tech-Hypertrophie des Militär-Industrie-Komplexes.

 

Die Reichen und Superreichen haben seit den Fünfzigern gelernt, wie sie in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines zeitweise robusten Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss bewahren und mehren konnten. Sie schufen sich neue Institutionen und Instrumente zur Befriedigung ihrer Habgier. Sie fanden Wege, ihre Träume und Zukunftsentwürfe wirksam zur Geltung zu bringen, zunächst im 'Kampf gegen den Kommunismus', dann, auf dem Wege zu einer neuen globalen Weltordnung, im ‚Kampf gegen den Terrorismus’. Und sie hieven Domestiken des globalen Geldmachtapparats wie Horst Köhler in höchste politische Ämter. Führt dieses Handlungsgefüge von Interessen, Einflussnahmen und künstlich erzeugten Ausnahmezuständen [146] zu einer Refeudalisierung oder gar Schlimmerem?

 

„In den letzten Jahrzehnten sind auf der Erde unglaubliche Reichtümer entstanden, der Welthandel hat sich in den letzten 12 Jahren mehr als verdreifacht, das Welt-Bruttosozialprodukt fast verdoppelt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Und gerade jetzt findet eine brutale, massive Refeudalisierung statt. Die neuen Kolonialherren, die multinationalen Konzerne - ich nenne sie Kosmokraten - eignen sich die Reichtümer der Welt an. Diese neue Feudalherrschaft ist 1000 Mal brutaler als die aristokratische zu Zeiten der Französischen Revolution ... Die Legitimationstheorie der Konzerne ist der Konsensus von Washington. Danach muss weltweit eine vollständige Liberalisierung stattfinden: Alle Güter, alles Kapital und die Dienstleistungsströme in jedem Lebensbereich müssen vollständig privatisiert werden. Nach diesem Konsensus gibt es keine öffentlichen Güter wie Wasser. Auch die Gene der Menschen, der Tiere und Pflanzen werden in Besitz genommen und patentiert. Alles wird dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen. Dabei setzen die Konzerne zwei Massenvernichtungswaffen ein, den Hunger und die Verschuldung. Das Resultat ist absolut fürchterlich ... Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet ... Diese kannibalische Weltordnung von heute ist das Ende sämtlicher Werte und Institutionen der Aufklärung, unter denen wir bisher gelebt haben, das Ende der Grundwerte, der Menschenrechte. Entweder wird die strukturelle Gewalt der Konzerne gebrochen. Oder die Demokratie, diese Zivilisation, wie sie heute in den 111 Artikeln der UNO-Charta oder im Deutschen Grundgesetz fixiert ist, ist vorbei und der Dschungel kommt. Es ist eine Existenzfrage.“ [147]

 

Richard Sennett hat vor kurzem in einer grundsätzlichen Kritik gesagt, der moderne Kapitalismus sei in seiner Grundtendenz antidemokratisch. Er führe zu einer weichen Spielart des Faschismus (soft fascism). In modern organisierten Unternehmen werde die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von Spitzenmanagern ausgeübt, das gleiche gelte für die politische Sphäre, wo die Entscheidungsmacht einigen wenigen Spitzenpolitikern vorbehalten sei. Diese Tendenz zur Zentralisierung von Macht und zur extremen Verkürzung der Zeithorizonte im Unternehmensmanagement sei die unmittelbare Folge der totalen Freisetzung riesiger Kräfte des Finanzkapitals nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Abkommens in den siebziger Jahren. Politische Macht sei abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die sehr genau weiß, wie man mit den neuen Strukturen umgeht und sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert. Sennett fährt fort: „Diese Netze geben Managern heute die Freiheit, Dinge zu tun, die innerhalb der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären. Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und wird unsichtbar.“ Wirkliche Macht hängt vom Platz ab, den man innerhalb eines weltweiten Netzwerkes einer immer kleiner werdenden Gruppe von Spitzenmanagern und Spitzenpolitikern einnimmt. Die Bürger, resümiert Sennett, „haben in der politischen Sphäre keinen Platz mehr. Nur eine äußerst schmale Schicht der Gesellschaft hat überhaupt noch Zugang zu ihr.“ [148]

 

Das Problematische aber ist, dass die politische Sphäre selbst immer bedeutungsloser wird. Bald könnte nicht die Frage des ‚Gehörens’, sondern die Tatsache der Usurpation in einer Winner Takes All-Gesellschaft im Vordergrund stehen.

 

 

Dedicated to the memory of Arthur J. Vidich



[145] J.R.R Tolkiens The Lord of the Rings erschien 1954 und war Kultlektüre der jungen Broker in den gotischen Wolkenkratzerburgen der Wall Street; John F. Kennedy wurde nicht umsonst mit Camelot aus der König Arthur Runde identifiziert usw.

[146] vgl. Giorgio Agamben, Ausnahmezustand, Frankfurt/M., 2004

[147] Aus einem Interview mit Jean Ziegler, Germanwatch-Zeitung 4/2005; vgl. J.Ziegler, Das Imperium der Schande, a.a.O.

[148] Richard Sennett, ‚Das Diktat der Politmanager’, Freitag, 32, 12.8.2005