3.5. Stiftungskultur

 

Fast die Hälfte der rund 14.000 deutschen Stiftungen ist in den vergangenen zehn Jahren entstanden, das sind bei Neustiftungen rund fünfzig Prozent des US-Niveaus. [140] Diese sogenannten Non-Profit-Organisationen haben in den USA und tendenziell auch in Europa große ökonomische Macht. In den USA haben sie seit 1970 viermal schneller expandiert als die US-Wirtschaft insgesamt. Es gibt dort schon über eine Million solcher Organisationen, sie verfügen über ein Vermögen von über 2000 Milliarden Dollar und beschäftigen mehr Menschen als die US-Bundesregierung und die Regierungen aller 50 Bundesstaaten zusammen. "The business of operating with tax exemption has become big business." [141]

 

Doch sollte man das Bemühen um eine Kultur der Philanthropie durchaus ernst nehmen. Es ist eine Fortsetzung der Geldmachtpolitik mit anderen Mitteln. Wo Politik im Argen liegt, wo politologische Hofschranzen das kontinuierliche Absinken der Wahlbeteiligung schon als demokratische Reife der Bürger begrüßen, beginnen die Geldmächtigen an Konzepten eines ‚kulturvollen’ Einsatzes ihrer Vermögen zu basteln. So hat beispielsweise eine der größten europäischen Privatbanken ein Projekt in Auftrag gegeben, das sich mit der ‚Kultivierung’ (im mehrfachen Sinne) jener Ultra-HNWIs beschäftigen soll. Ein einschlägiges ‚Institut für Vermögenskultur’ wurde ins Auge gefasst, dessen Initiator räsoniert:

 

„Erstens musste eine würdige Tonalität geschaffen werden, um sich diesen sehr zurückhaltenden Personen überhaupt nähern zu können; insofern handelt es sich in gewisser Weise bei diesem Begriff [der ‚Vermögenskultur’] um ein Trojanisches Pferd. Zweitens können unter der Kategorie des Vermögens alle Formen der Aneignung in sozialer, kultureller und finanzieller Hinsicht subsumiert werden. Und drittens sollte der Kulturbegriff von vornherein auf die persönliche Verantwortung jener extrem Vermögenden hinweisen, die sie für ihre Familien, folgende Generationen, die Gesellschaftsentwicklung insgesamt und sich selbst besitzen.“ [142]

 

Die Melinda & Bill Gates Foundation mit einem Vermögen von 30 Mrd.$ kümmert sich um Krankheitsbekämpfung in armen Ländern, Entwicklung von Impfstoffen und Bildungsinitiativen. Nun hat sich der zweitreichste Mann Amerikas, Warren Buffet, entschieden, den größten Teil seines Vermögens, 30 Mrd.$, ebenfalls in die Gates Stiftung einzubringen, um eine Wohltätigkeitsorganisation zu gründen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. Buffet wird in den Aufsichtsrat der Gates Stiftung gehen.

 

„Was solche Titanen wie Buffet, Gates, Rockefeller und Carnegie vereint, ist eine Überzeugung, die Carnegie 1899 in einem Essay, ‚Das Evangelium des Reichtums’, formulierte: die Superreichen sollten die ‚Treuhänder’ ihrer großen Vermögen sein und sie zum Wohle der Gesellschaft verwalten. Jetzt ist die Fackel der Titanen weitergereicht worden ... Das Engagement der Bill & Melinda Gates Foundation für die Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt wird Konfrontationen bringen mit Regierungen und Herrschern, die sich genauso wie zu Carnegies Zeiten nicht gerne sagen lassen, was sie tun sollen. Doch durch den Einsatz ihres enormen Stiftungsvermögens draußen in der Welt ist die Gates Stiftung längst zu einem wichtigen global player geworden ... Aber auch der kombinierte Reichtum von Gates und Buffet kann die Welt allein nicht verändern.” [143]

 

Die Dinge werden fragwürdig, wenn durch Philanthropie direkte Eingriffe in Politik, Kultur und sogar Religion erfolgen. Dies aber geschieht in wachsendem Umfang. Slavoj Zizek schreibt, dass smarte Milliardäre wie Bill Gates so tun, als gäbe es keinen Widerspruch zwischen kapitalistischer Ausbeutung und mildtätiger Menschenliebe. Zizek nennt George Soros und dot.com-Milliardäre wie die Chefs von Google, IBM, Intel, Ebay usw. ‚liberale Kommunisten’. Sie seien letztlich nichts als „Vermittler einer strukturellen Gewalt, die die Bedingungen für den Ausbruch subjektiver Gewalt schafft. Derselbe Soros, der Millionen verschenkt, um Bildungsprojekte zu fördern, hat mit seinen Finanzspekulationen das Leben Tausender ruiniert und dabei die Bedingungen für jene Intoleranz geschaffen, die er geißelt.“ [144]

 



[140] G.Hamann, U.J. Heuser, ‚Milliarden-Segen. Die Reichen stiften mehr als je zuvor ...’, Die Zeit, 13.7.2006

[141] John Hawks, For a Good Cause?, Secaucus, N.J., 1997

[142] Thomas Druyen, Direktor der Privatbank der Fürstenfamilie von und zu Liechtenstein (LTG-Bank), Mskr. des öffentlichen Habilitationsvortrags, Juni 2004, im Institut für Soziologie der Universität Münster

[143] H.D.S. Greenway, ‘Titans pass their torches’, 4, 2006

[144] Slavoj Zizek, ‚Der liberale Kommunist’, Cicero 7/2006, S. 108f