3.2. Agenturen des Geldmachtapparats

 

Think Tanks, Stiftungen, Business Councils, Elite-Universitäten und andere Elite-Institutionen, Clubs und Mikronetzwerke der Machteliten können unter den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet werden. [123] Ihre ideologieproduzierende Funktion bedarf erheblicher finanzieller Mittel aus dem Geldmachtapparat. Diese Agenturen sortieren, binden und belohnen die intellektuellen Hilfseliten. Außerdem sind sie der Ort, an dem sich die strategisch interessierten Angehörigen der Geldelite [124] direkt und diskret ihre Orientierungen besorgen können. Insofern handelt es sich hier um das Flussnetz des kulturellen und sozialen Kapitals.

 

Die Université Tangente [125] , eine kleine Gruppe von ‚Graswurzelforschern’ oder watchdogs, produziert und vertreibt hochkomplexe Grafiken und Karten über globale Herrschafts- und Machtverflechtungen und hat einen spezifischen Blick auf die europäischen Eliten-Netzwerke und ihr Personal entwickelt. Wir haben aus dem abgebildeten Schaubild die von UT für wichtig erachteten Agenturen herausgefiltert und zu einer Liste zusammengestellt. Es handelt sich um Areas of Free Trade (AFT), Clubs/Brotherhoods (CB) Stiftungen (St), Lobbygruppen (Lo), Mafia (Ma), Research Centers (RC) und Think Tanks (TT). Außerdem sind nach Auffassung von UT Banken, Konzerne, Hochschulen und Geheimdienste zu berücksichtigen.

 

 

Herrschaftsrelevante europäische Organisationen (Université Tangente)

Black Sea Economics Co-operation council, BSEC) – Area of Free Trade (AFT)

Zentraleuropäische Initiative (Central European Initiative, CEI) - AFT

Europäischer Wirtschaftsraum (European Economic Aera, EEA) - AFT

Ostseerat (Council of Baltic States, CBSS) - AFT

Opus Dei – Club/Brotherhood (CB)

Malteserorden (Order of Malta) - CB

Legionäre Christi (Legionaries of Christ) - CB

Nobelpreis - CB

Club Le Siècle - CB

Stefan Batory Foundation – Stiftung (St)

Samuel H. Kress Foundation - St

Open Russia Foundation - St

WWF - St

MEDEF (Mouvement des Entreprises de France) – Lobby (Lo)

Institut de l’enterprise - Lo

Association Française des Entreprises Privées (AFEP) - Lo

Conseil des Investisseurs Francaise en Afrique (CIAN) - Lo

Comité LOTIS “Liberalization of Trade in Services” - Lo

US-Russian Business Council - Lo

World Economic Forum, Davos - Lo

Trilaterale Commission - Lo

Transatlantic Business Dialogue (TABD) - Lo

Bilderberg Group - Lo

Table Ronde des Industriels Européens (ERT) - Lo

Union des confédérations de l’industrie et des employeurs d’Europe (UNICE) - Lo

Royal Commonwealth Society (RCS) - Lo

Solsnetskaya Organization – Mafia (Ma)

Max-Planck-Gesellschaft – Research Center (RC)

Commissariat à l'énergie atomique (CEA) - RC

Russian Academy of Sciences - RC

Institute Euro 92 – Think Tank (TT)

French-American Foundation (FAF) - TT

Mont Pelerin Society - TT

Adam Smith Institute - TT

Royal Institute of International Affairs (RIIA) - TT

International Institute of Strategic Studies (IISS) - TT

British American Project for the Successor Generation (BAP) - TT

 

Außerdem:

Zentralbanken

Große Industriefirmen und Konglomerate

Clearing Häuser

Investmentfirmen/Banken

Privatbanken

Rating Agencies

Hochschulen und Universitäten

Geheimdienste

 

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll weitere Recherchen anregen. Einige der Posten sind überraschend; und es gibt gravierende Lücken. Auch liegt über dieser Liste ein verschwörungstheoretischer Hauch, wenn Gruppierungen wie Opus Dei, der Malteserorden oder der Bilderberg-Club aufgeführt werden. Aber wer sich mit solchen Organisationen unbefangen befasst hat, weiß, dass sie auf die Angehörigen der Geldelite eine erstaunliche Anziehungskraft ausüben. Und in diesen und allen anderen Organisationen wird ja auch eine große Breite von Themen bearbeitet: Monetarismus, Goldstandard, Fiskal- und Steuerpolitik; Gesundheit, Rente, Privatisierung; liberale Tradition, freie Gesellschaft, Moralfragen, Religion, Unternehmerbild; Landwirtschaft, europäische Integration und EU, Migration, Entwicklungspolitik; Rule of Law, Recht und Wirtschaft, liberale Ordnung usw. [126] (Wir haben für alle Organisationen kurze Dossiers angefertigt, die auf der Homepage des Verfassers abgerufen werden können. [127] )

 

Für eine Erkundung der Zusammenhänge zwischen diesen Agenturen ist eine Netzwerkanalyse unerlässlich. Erstaunlicherweise bietet ausgerechnet die Research Unit der EU (JCR) ein interessantes tool an, den ‚European Media Monitor’ (EMM) [128] , mit dessen Hilfe in Realzeit sämliche relevanten Online-Medien (große europäische Zeitungen, TV Websites usw. in 11 Sprachen) automatisch ausgewertet und die dort genannten Personen, Institutionen, Konzerne usw. unter anderem in Netzwerkdiagrammen, wie im abgebildeten Beispiel, dargestellt werden können. Dieses – noch in der Probephase befindliche – Werkzeug hat durchaus Herrschaftsrelevanz und sollte genau beobachtet und ‚geschützt’ werden. Denn schon hat Niels Jorgen Thorgesen, Direktor der DG PRESS, hervorgehoben, welchen besonderen Wert der EMM-Explorer für die Arbeit der ganzen EU-Kommission hat. Der Zugang könnte also beschränkt werden.

 

Ein weiterer Aspekt: Nicht nur die Agenturen des Geldmachtapparats entwickeln eigene Politiken, sondern auch einzelne Konzerne. Die Allianz, Europas größter Versicherer, ist das erste bedeutende europäische Unternehmen, das sich in eine ‚Societas Europae’, eine Rechtsform ähnlich einer AG, umwandelt und damit zu einem genuin europäischen Konzern wird. Die Allianz nutzt diese Transformation vor allem, um sich von der deutschen Form der Mitbestimmung zu verabschieden und ihre Verwaltungsstrukturen mehr dem angelsächsischen Modell anzupassen. Michael Diekmann, der CEO, formuliert ausdrücklich, dass durch die Zurückdrängung des Einflusses der Mitarbeiter die Entscheidungsprozesse ‚stromlinienförmiger’ werden, die Manager freie Hand bekommen und sich das Ganze mehr der US-amerikanischen corporate culture anpasst. 2006, das Jahr, in welchem die Allianz einen Gewinn von 4,4 Mrd. Euro verkündete, gab Diekmann zugleich die Entlassung von 7500 deutschen Mitarbeitern und die Schließung der Hälfte der Servicezentren in Deutschland bekannt. Die Umwandlung in eine ‚Societas Europae’ war „eine blendende Gelegenheit, Bedürfnisse der Investoren an den Interessen der Mitarbeiter vorbei zu schmuggeln.“ [129]

 



 

[123] vgl. z.B. das Forschungsprogramm ‚Neoliberale Wahrheitspolitik: Neo- bzw. Rechtsliberale Intellektuellen- und Think-Tank- Netzwerke als Säulen einer hegemonialen Konstellation. Historisch-soziale Netzwerkanalyse’ (Dieter Plehwe; Bernhard Walpen; Jürgen Nordmann), http://www.rosalux.de/buena-vista/

[124] Ein führender Intellektueller des Council on Foreign Relations, Walter Russell Mead, nennt sie ‚Laien-Denker’

[126] einer Aufstellung von Dieter Plehwe entnommen, http://www.gesteuerte-demokratie.de/plehwe.pdf

[129] A European Allianz becomes less German’ 20, 2006