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2.5.
Die Geldelite: Konstituierung eines neuen Souveräns
Zunächst einmal: Auch bei den Superreichen spielt Ranking eine Rolle. Diesem Bedürfnis fühlt sich beispielsweise das Forbes Magazine mit seinen letztlich völlig unzuverlässigen Listen verpflichtet. 1996 wollte Ted Turner, seinerzeit noch Miteigentümer von CNN und Times Warner, den Vereinten Nationen 1 Milliarde Dollar in Gestalt einer Stiftung zukommen lassen. Aus diesem Anlass wunderte er sich darüber [115] , dass die Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt den Genannten mehr bedeute als den Tennis-Spitzenspielern ihre Computer-Weltrangliste. Dieser Listenplatz-Ehrgeiz mindere doch nur die Bereitschaft, Stiftungen zu gründen oder auf andere Weise zum Gemeinwohl beizutragen. Turner schlug deshalb eine neuartige Rangliste vor, eine Rangliste der freigiebigsten Philanthropen. Gäbe es eine solche Liste, fügte Turner damals hinzu, wäre vielleicht auch Bill Gates schon spendierfreudiger. Heute wissen wir, dass dieser Turnersche Appell zumindest bei Bill Gates gewirkt hat. [116]
Die Zahl der europäischen Ultra-HNWIs (nach der Merrill Lynch-Einteilung) mit einem frei verfügbaren Vermögen von mehr als 30 Mill. Euro wird für 2005 mit etwa 17 000 Personen angegeben. Wie diese Personen zusammenwirken, ist weitgehend unerforscht. Die sozialempirische Annäherung an die Geldelite ist schwierig. Die seriöse oder Mainstream-Forschung – abhängig, wie sie von ‚Drittmitteln’ ist – lässt die Finger davon, so dass es vor allem Journalisten, kleine Teams von ‚Verschwörungsforschern’ [117] oder besessene Einzelne sind, die Licht in diese Schicht zu bringen versuchen. Besonders einfallsreich und intensiv haben sich Rechercheure der britischen Wochenzeitung Sunday Times bei der Erforschung der Reichen ihres Landes ins Zeug gelegt. Dabei sind eine Fülle von Ranglisten entstanden: The 20 fastest growing fortunes, The Sunday Times Giving Index, Top 30 political donors / Top 20 political lenders, The richest women, Millionaires in film and TV, Music millionaires, Football millionaires, Online millionaires, Goldman Sachs millionaires usw. – Aus ihren Recherchen haben sie einige Lehren und ‚rules of engagement’ gezogen, die selbst schon Licht auf ihren Gegenstand werfen. Ausschnitte:
Und hier ist die Sunday Times-Liste der hundert reichsten Europäer: Europe’s Richest (2006) 1 Karl & Theo Albrecht * Germany Supermarkets £18.4bn 2 Ingvar Kamprad Sweden Retail (Ikea) £16bn 3 Lakshmi Mittal UK
Steel £14.9bn 4 Bernard Arnault France
Luxury goods £12.3bn 5 Johanna Quandt *
Germany Cars (BMW) £11.9bn 6 Roman Abramovich
UK Oil, Investments £10.8bn 7 Liliane Bettencourt
France Cosmetics £9.1bn 8 Amancio Ortega Spain
Fashion £8.5bn 9 The Herz family Germany
Coffee £7.4bn 10= The Brenninkmeyer
family Holland Retail £7.1bn 11= Stefan Persson
Sweden Retail £7bn 12= The Mulliez family
France Retail £6.9bn 13= The Oeri/Hoffmann family
Switzerland Pharmaceuticals £6.8bn 14= Adolf Merckle Germany
Pharmaceuticals £6.6bn 14= Duke of Westminster
UK Property £6.6bn 16= Vagit Alekperov
Russia Oil £6.3bn 16= Silvio Berlusconi Italy
Media £6.3bn 18= Vladimir Lisin
Russia Steel £6.1bn 19= Michael Otto *
Germany Mail order £5.9bn 20= Luciano Benetton * Italy
Fashion £5.8bn 21= Michele Ferrero * Italy
Chocolates £5.7bn 21= Leonardo Del Vecchio
Italy Eyewear £5.7bn 21= Viktor Vekselberg Russia Oil, metals £5.7bn 24= Mikhail Fridman
Russia Oil, banking £5.5bn 25= Spiro Latsis *
Greece Shipping £5.2bn 26= Serge Dassault
* France Aerospace £4.9bn 26= Philip & Tina
Green UK Retail (BHS Arcadia) £4.9bn 26= Birgit Rausing
* Switzerland/UK Industry £4.9bn 26= Hans Rausing *
UK Packaging £4.9bn 30= Hilary Weston *
Canada/RoI Food £4.8bn 31= Leonard Blavatnik
Russia/UK Finance £4.7bn 32= Fentener Van Vlissingen
fam. NL Energy, retail £4.6bn 32= Rudolf Oetker *
Germany Food, shipping £4.6bn 34= Oleg Deripaska
Russia Industry £4.5bn 35= Hansjorg Wyss *
SUI Medical technology £4.4bn 36= Alexei Mordashov
Russia Industry £4.3bn 36= Alain & Gerard
Wertheimer F Fashion (Chanel) £4.3bn 36= Reinhold Würth
Germany Industry £4.3bn 39= Vladimir Yevtushenkov
Russia Telecoms £4.2bn 40= Ernesto Bertarelli
Switzerland Biotechnology £4.1bn 40= Suleiman Kerimov Russia
Finance £4.1bn 40= Andreas & Thomas
Strungmann Germany Pharmaceuticals £4.1bn 43= Francois Pinault
France Luxury goods £4bn 43= August von Finck
Germany Investments £4bn 45= Mikhail Prokhorov
Russia Metals £3.9bn 45= Maria-Elizabeth
& Georg Schaeffler Germany Ball bearings £3.9bn 47= Rafael del Pino * Spain
Construction £3.7bn 47= Walter Haefner Switzerland Software £3.7bn 47= The Landolt family
SUI Pharmaceuticals £3.7bn 47= Maersk McKinney
Moller Denmark Shipping £3.7bn 47= Hasso Plattner
Germany Software £3.7bn 47= Vladimir Potanin
Russia Metals £3.7bn 54= Curt Englehorn*
Germany Pharmaceuticals £3.5bn 54= Friedrich Flick
Germany Investments £3.5bn 54= German Khan Russia
Oil, gas £3.5bn 57= David & Simon
Reuben UK Property £3.3bn 58= Prince Hans-Adam Liechtenstein Investments & art
£3.1bn 58= Sir Richard Branson
UK Transport (Virgin) £3.1bn 60= Nikolai Tsvetkov
Russia Oil, banking £3bn 61= John Fredriksen
UK Shipping £2.9bn 61= Karl-Heinz Kipp
Germany Real Estate £2.9bn 63= Alexander Abramov
Russia Steel, mining £2.8bn 63= Erivan Haub* Germany
Retailing £2.8bn 63= Alicia & Esther
Koplowitz Spain Construction £2.8bn 66= Alexei Kuzmichov
Russia Oil, banking £2.7bn 66= Sabanci Family
Turkey Banking £2.7bn 68= Charlene &
Michel de Carvalho UK Inheritance, brewing & banking £2.6bn 68= Iskander Makhmudov
Russia Mining, metals £2.6bn 70= Reinhard Mohn*
Germany Media £2.5bn 70= Thomas Schmidheiny
Switzerland Cement £2.5bn 72= Giorgio Armani
Italy Fashion (Armani) £2.4bn 72= Vladimir Bogdanov
Russia Oil, gas £2.4bn 72= Jean-Claude Decaux* France
Media £2.4bn 72= Antonia Johnson
SWE Food, energy, telecoms £2.4bn 72= Klaus-Michael Kuhne
Germany Shipping £2.4bn 72= Peugeot family
France Cars (Peugeot) £2.4bn 78= Bernie & Slavica
Ecclestone UK Motor Racing £2.3bn 78= Leonid Fedun Russia
Oil/Gas £2.3bn 78= Madeleine Schickedanz
Germany Retailing £2.3bn 81= Mahdi al-Tajir*
UK Oil, Investments & Water £2.2bn 81= Heniz Baus Switzerland Retailing £2.2bn 81= Gianluigi Aponte
Switzerland Shipping £2.2bn 81= Athina Onassis
Switzerland Shipping £2.2bn 85= Earl Cadogan* UK
Property £2.1bn 85= Boris Ivanishvili Russia
Mining £2.1bn 85= Joseph Lewis UK
Finance £2.1bn 88= Nadhmi Auchi UK
Finance £2bn 88= Russell DeLeon&Ruth
Parasol UK Internet gambling £2bn 88= Simon Halabi UK
Property £2bn 88= Gerard Louis-Dreyfus*
France Commodities £2bn 88= Sean Quinn* Ireland
Quarries, hotels & insurance £2bn 88= Victor Rashnikov
Russia Iron, Steel £2bn 88= Poju Zabludowicz
UK Property & hotels £2bn 95= Otto Beisheim Germany
Retailing £1.9bn 95= Richard Desmond
UK Media £1.9bn 95= Eddie & Malcolm
Healey UK Property £1.9bn 95= Rainer & Michael
Schmidt-Ruthenbeck Germany Retailing £1.9bn 95= Klaus Tschira Germany Software £1.9bn 100= Sir David &
Sir Frederick Barclay UK Media, retailing & property £1.8bn 100= Martin Bouygues* France
Construction, media £1.8bn * denotes family wealth
Sources: The Sunday Times Rich List 2006, Forbes World Billionaires March
2006, Finans February 2006, Bilan December 2005, Challenges July 2005,
Quote 500 May 2005; http://business.timesonline.co.uk/section/0,,20589,00.html
Auch das deutsche Magazin Cicero und etliche andere Zeitschriften [119] beginnen sich an die Gruppe der Superreichen heranzuwagen, vorsichtig, voller vernebelnder Einschätzungen, aber doch wohl in dem Bewusstsein, dass die Öffentlichkeit in zunehmendem Maße an einer Reichendiskussion interessiert ist. Das wachsende Volumen an Hintergrundinformationen macht das genaue Lesen von Tabellen wie der folgenden immer spannender:
Vor allem interessiert die Frage, wie diese enormen, auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse nicht nur ‚ökonomisch’, sondern eben auch ‚sozial’ (nicht unbedingt im Sinne von wohltätig), kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll) und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch) reinvestiert werden. Die ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Einflussnahmen auf Geldmachtbasis und durch weitgehend informelle Netzwerke verlangen nach weiterer Forschung.
Wie effektiv der plutokratische Geldmachtapparat in den USA bereits funktioniert, lässt sich mit folgendem Beispiel illustrieren, über das die New York Times in einem empörten Leitartikel berichtete:
„Gewählte Amtsträger sollten annehmen, dass ihre Wähler
sie nach ihrem Abstimmungsverhalten im Kongress beurteilen, nicht
nach dem Geschacher hinter den Kulissen, aus dem Gesetze hierzulande
tatsächlich hervorgehen. Aber im US-Kongress sind die Dinge derart
aus dem Ruder gelaufen und empörend, dass man genauer hinschauen muss.
- Zentrum des jüngsten Skandals war eine gemeinsame Konferenz von
Vertretern des Kongresses und des Senats, in der die Schlussfassung
eines kontroversen Rentenreformgesetzes verabschiedet werden sollte.
Doch kurz vor der Sommerpause gab es dann doch keine Endfassung, und
das ganze Vorhaben war gescheitert. - Das lag erstens daran, dass
Bill Frist, der Mehrheitssprecher im Senat, eine drastische Senkung
der Erbschaftssteuer mit dem Rentengesetz verknüpfen wollte. Die Erbschaftssteuer
(estate tax) war eine fixe Idee der führenden Köpfe der republikanischen
Partei – vor allem derjenigen, die sich als künftige Präsidentschaftskandidaten
sehen. - ‘Natürlich’ hat der Schutz der Renten der amerikanischen
Werktätigen nichts mit Steuerkürzungen für ultrareiche amerikanische
Familien zun tun. Aber wen kümmert das schon in einem Wahljahr. -
Als dann seine (auch republikanischen) Senatsunterhändler die Idee
einer Erbschaftssteuersenkung ablehnten, suchte Frist nach einer Möglichkeit,
diese Idee doch noch auf die Tagesordnung zu bringen. Mit einem Manöver,
das seine eigenen Leute austrickste, erwirkte er zusammen mit dem
Vorsitzenden des Kommitees für Steuerangelegenheiten des Kongresses,
dass die Kürzung der Erbschaftssteuern mit der Verlängerung einiger
populärer und sinnvoller Steuererleichterungen, etwa bei der Industrieforschung,
verknüpft wurde. - Zur gleichen Zeit, ermutigt durch Frists Boykott
der Verhandlungen im Senat, entschied der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus,
John Boehner, die ganze Rentendiskussion überhaupt zu stoppen, und
ermunterte alle Republikaner, das gleiche zu tun ... Die bloße Idee,
enorme Steuersenkungen für Amerikas reichste Erben überhaupt mit einer
bescheidenen Lohnerhöhung für die geringst-verdienenden Arbeiter zu
verbinden, war für diese Volksvertreter ‘natürlich’ eine Obzönität
...“
[120]
Also: Die von der Sunday Times erarbeitete Liste der Reichsten Europas und ähnliche Rankings vermitteln in ihrer Buntheit und Komplexität eine Vorstellung von den Aufgaben, die einer empirischen Erforschung der Geldelite harren. Um diese heterogene Gruppe (von den alten superreichen Familien bis zu den Mafia-Milliardären), die gleichwohl in vieler Hinsicht untereinander und mit den Milieus der Verwertung, Verteilung und Informatisierung und auch global vernetzt ist, genauer zu erfassen, können die Mittel und Möglichkeiten des Power Structure Research herangezogen werden. Dazu muss man, mit Karl Marx, jene "geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und aller Augen zugängliche Sphäre verlassen“ und den Geldbesitzern in verborgene Stätten folgen, „an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business." [121]
[115]
‚Ted Turner Says the Super Rich Need
a New List’, Philanthropy News Digest, Vol. 2, Issue 38, September
18, 1996
[116] Nach zögerlichen Anfängen beginnt die Melinda & Bill Gates Foundation 1999 in großem Stil mit ihrer Arbeit in den Bereichen Weltgesundheit und Bildung, http://www.gatesfoundation.org/default.htm; s. Abschnitt 3.5. [117] Vgl. z.B. die Datenbank Namebase, www.namebase.org; das Projekt They Rule, www.theyrule.net; das Projekt Université Tangente, http://utangente.free.fr/index2.html (s.u.); der Künstler Mark Lombardi, http://www.albany.edu/museum/wwwmuseum/work/lombardi/; in Deutschland z.B. Bornpower, http://www.bornpower.de/index.htm
[118]
The Sunday Times Rich List, http://business.timesonline.co.uk/section/0,,29049,00.html; Rules
of Engagement, http://business.timesonline.co.uk/article/0,,20589-2132606,00.html [119] in jüngster Zeit etwa Stern und relativ regelmäßig Die Zeit und Der Spiegel sowie FAZ und SZ; vgl. z.B. auch Ulrich Viehöver, Die EinflussReichen, Henkel, Otto und Co – Wer in Deutschland Geld und Macht hat, Frankfurt/M. 2006 usw. usw.
[120]
‘U.S. lawmaking
undermined’, 1, 2006 [121] Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW Bd. 23, S.189
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