2.4. Wirtschaftseliten: private Kapitalverwertung mit allen Mitteln

 

Die Chief Executive Officers aus Industrie und Finanz sind traditionellerweise mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und wissen ihrerseits viele Multimillionäre unter sich. Vielfach verflochten mit der Geldelite, können sie mit ihr tendenziell auch auf einen Konfrontationskurs geraten (s.u.). Als Spitzenmanager großer Unternehmen, Versicherungen, Investmentfonds usw. bilden die CEOs zusammen mit den Superreichen aber noch immer den magischen Zirkel der Corporate World. Dabei kann  mit einem gewissen Recht zwischen nationalen und transnationalen Unternehmen mit z.T. ganz gegensätzlichen ‘corporate cultures’ unterschieden werden. Für manche Beobachter gehören auch die Chief Executive Officers der Militärorganisationen [105] zum CEO-Komplex. Allenfalls die Konzern- und Finanzeliten können als eine Gruppe begriffen werden, die heute noch als klassische ‚Kapitalistenklasse’ handelt und in welcher Kapitalfraktionen und ökonomische Interessengegensätze das Handeln bestimmen. 

 

Auch hier gibt es, wie gesagt, Spitzenränge und eine breitere Basis, in Frankreich beispielsweise, so Dogan, „mehrere tausend Manager aus der Konzernwelt, die für die größten zehntausend Unternehmen und die dortigen Arbeitsplätze verantwortlich sind, die aber nicht zu den Spitzen-CEOs in der Nähe des innersten Rings gehören.“ Außerdem schmiegen sich „mehrere tausend Repräsentanten der traditionellen Eliten (hochrangige Generäle, Bischöfe), alter und neuer Adel, Berühmtheiten und Prominente“ an die Geldelite an, ohne ihr anzugehören. [106]

 

Für unsere Zwecke allerdings ist es wichtig, sich auf die obersten hundert oder zweihundert Personen auf den Rangskalen der Spitzenmanager zu konzentrieren, die den Monetarisierungsprozess und damit die Entwicklung des Geldmachtapparats nicht nur tragen, sondern durch ihre exorbitanten Belohnungen auch symbolisieren. Hier tun sich in letzter Zeit interessante Dinge:

 

„Jahrzehnte lang haben sich die Europäer bei der Belohnung der Bosse viel mehr zurückgehalten als die Amerikaner. Doch jetzt geben die europäischen Manager ihre Zurückhaltung auf, verlangen eine Bezahlung nach amerikanischem Vorbild – und bekommen sie oft auch. Aber während riesige Zahltage im amerikanischen Konzernleben etwas Normales sind, scheint dies in Europa von den Investoren weniger akzeptiert zu werden und in manchen Ländern regt sich Widerstand. - Doch die Zeichen, dass die transatlantische Zahlungskluft schrumpft, mehren sich. Letztes Jahr wurden Jan Bennink, dem CEO von Numico, einem niederländischen Hersteller von Säuglingsnahrung, 13.4 Mill. $ zugestanden. John Browne von BP bekam 18.5 Mill. $ und Antoine Zacharias, früherer Vorstandsvorsitzender des französischen Baukonzerns Vinci, erhielt 22 Mill. $ plus eine einmalige Abfindungssumme in unbekannter Höhe. – ‚In Frankreich ist Habgier jetzt legal,’ sagte Pierre-Henri LeRoy, Chef der französischen Beratungsfirma Proxinvest. Kenner der Situation sagen, die Veränderungen seien enorm. ‚Zum ersten Mal in 30 Jahren sehe ich, wie diese Kluft sich schließt, und zwar ziemlich schnell,’ meinte John Viney, Gründer von Zygos Partnership, einer Londoner Headhunter-Firma. ‚Wobei man bei weltweiten Vergleichen nur ein Land als Maßstab hat, die Vereinigten Staaten.’ - Im Jahre 2005 betrug das durchschnittliche Gehaltspaket für die CEOs der 350 größten Unternehmen in den USA 6.8 Mill. $, einschließlich langfristiger Anreize wie Aktienoptionen. Das lag um 58 Prozent über den durchschnittlich 4,3 Mill. $ für die Spitzenmanager der 100 größten Unternehmen des Financial Times-Stock Exchange Index in Großbritannien. Doch noch im Jahre 1998 war die Kluft weitaus größer; nämlich im Mittel 4.6 Mill. $ (USA) zu 1.1 Mill. $ (UK). - In den Niederlanden stieg das durchschnittliche Gehalt für die CEOs von 75 untersuchten Unternehmen im Jahre 2004 um 17,8 Prozent an und betrug 1,47 Mill.$ - In Frankreich stieg das durchschnittliche Gehalt der CEOs in Unternehmen, die im CAC-40 Aktien Index gelistet werden, im Jahre 2004 auf 3 Mill.$, von ca. 780 000 $ im Jahre 1998. In Deutschland stieg nach einer Studie der Zeitung ‚Die Welt’ im Jahre 2005 das durchschnittliche Gehalt von Aufsichtsratsmitgliedern der 30 ‚blue-chip’-Unternehmen im DAX Index um 11 Prozent. - Das galt etwa für den Fall des CEO des französischen Hotel-Unternehmens Accor, der sich seinen Abgang mit einem Abfindungspaket von über 15 Mill.$ versüßen ließ, oder auch die Affäre um Klaus Esser und Josef Ackermann in Deutschland ... - Dabei ist es in Europa, wegen der kleineren Investoren-Basis, einfacher, Aktionäre zu mobilisieren und unter den verschiedenen Investorengruppen Konsens über das Vorgehen in solchen Fällen zu erreichen. Aber selbst die höchstbezahlten CEOs in Großbritanien können sich nicht mit ihren amerikanischen Kollegen messen ... So erhielt, im Unterschied zu den 18,5 Mill.$ für John Browne von der britischen BP, David O'Reilly, der CEO von Chevron, einem Unternehmen, das nur rund 60 Prozent des Marktwertes von BP hat, ein Zahlungspaket von 37 Mill.$ (Gehalt, Boni, Aktienoptionen usw.) – ‚In den USA gibt es keinen Schamfaktor,’ sagt Stephen Davis, Präsident von Davis Global Advisors. ‚In Europa herrscht noch mehr Besorgnis wegen der sozialen Folgen.’“ [107]

 

Die europäische Ranking-Maschine ist angelaufen und muss die börsenrelevanten kurzfristigen Geschäftserfolge am Geldrang der Manager demonstrieren. Andererseits ist das System noch in feudal-bürgerliche Wertvorstellungen [108] eingebunden. Doch auch in den Medien beginnt man eifrig zu rechnen:


 

Millionen für die deutschen Bosse

Vorstandsvor-sitzender

Unternehmen

Vergütung gesamt 2005
(Mio Euro)

Fixe Vergütung

(Mio Euro)

Variable Ver-gütung
(Mio Euro)

Vergütung gesamt 2004
(Mio Euro)

Veränderung gegenüber 2004
(Prozent)

Josef Ackermann

Deutsche Bank

11,90

1,15

10,75

10,10

+17,8

Henning Kagermann

SAP

6,08

0,62

5,46

3,06

+98,7

Jürgen Schremp*

Daimler-Chrysler

5,91

 

 

 

 

Wulf Bernotat

E.ON

5,72

1,15

4,57

3,12

+83,3

Nikolaus von Bomhard*

Münchener Rück

4,44

 

 

 

 

Herbert Hainer

Adidas-Salomon

4,17

1,15

3,02

1,84

+126,6

Wolfgang Reitzle*

Linde

3,87

 

 

 

 

Harry Roels

RWE

3,78

1,40

2,38

4,82

-21,6

Jürgen Hambrecht*

BASF

3,70

 

 

 

 

Ulrich Lehner*

Henkel

3,54

 

 

 

 

Hubertus Erlen

Schering

3,52

0,72

2,80

2,39

+47,3

Helmut Panke*

BMW

3,49

 

 

 

 

Michael Frenzel

TUI

3,46

1,10

2,36

2,51

+37,8

Klaus Kleinfeld*

Siemens

3,27

0,95

2,32

2,80

+16,8

Klaus-Peter Müller

Commerzbank

3,04

0,76

2,28

1,02

+198,0

Hans-Joachim Körber

Metro

2,98

1,00

1,98

3,06

-2,6

Georg Funke

Hypo Real Estate

2,88

0,75

2,13

 

 

Bernd Pieschetsrieder

Volkswagen

2,84

0,84

2,00

2,63

+8,0

Klaus Zumwinkel

Deutsche Post

2,70

1,36

1,34

2,29

+17,9

Werner Wenning

Bayer

2,67

0,75

1,92

2,36

+13,1

Kai-Uwe Ricke

Deutsche Telekom

2,59

1,25

1,34

2,56

+1,2

Ekkehard Schulz

Thyssen-Krupp

2,56

0,79

1,77

2,19

+16,9

Michael Diekmann

Allianz

2,39

0,90

1,49

2,56

-6,6

Ben Lipps*

FMC

2,32

 

 

 

 

Hakan Samuelsson**

MAN

2,27

0,73

1,54

1,35

+68,1

Manfred Wennemer

Continental

2,15

0,74

1,41

1,75

+22,9

Werner Seifert

Deutsche Börse

2,15

0,32

1,83

1,45

+48,3

Nikolaus Schweikart

Altana

2,04

0,48

1,56

1,86

+9,7

Wolgang Ziebart

Infineon

1,73

1,60

0,13

2,69

-32,4

Wolfgang Mayrhuer

Lufthansa

1,34

0,65

0,69

1,25

+7,2

* Schätzung, Unternehmen verweigern Offenlegung, **2004-Gehalt des Vorgängers   Quelle: Cicero 7/2006.

Zusätzlich: Jahresgehälter europäischer Manager [109]

Peter Wuffli

UBS

18,53 (1)

 

 

 

 

Wendelin Wiedeking

Porsche

15 (geschätzt) (2)

 

 

 

 

Oswald J. Grübel

Credit Suisse

14,17 (1)

 

 

 

 

Daniel Vasella

Novartis

13,46 (1)

 

 

 

 

Franz B. Humer

Roche

8,58 (1)

 

 

 

 

Gerhard Bruckermann

Depfa Bank

7,38 (1)

 

 

 

 

Paul S. Walsh

Diageo

6,96 (1)

 

 

 

 

Fred Goodwin

RBOS

6,46 (1)

 

 

 

 

Dieter Zetsche

Daimler-Chrysler

6,5 (2)

 

 

 

 

 

Die bürgerlichen Wertvorstellungen und mehr noch die Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt - das war unsere Eingangsthese - brechen zusammen. Und dieses in den Ranking-Listen geführte Personal, das sich nur auf den Sieg in der nächsten Runde zu konzentrieren vermag, kann und will das nicht aufhalten. Die rücksichtslose Akkumulation von riesigen Geldmengen, deren ‚Befreiung’ aus der Warenform (Arrighi) und Umwandlung in die Machtform, die Aneignung durch Enteignung (die den Privatisierungsprozess treibt), das Entstehen einer Winner Takes All-Society – das alles läuft auf ein Regime hinaus, in dem nicht ‚das Geld’ [110] , wohl aber eine Geldelite regieren kann, die sich der Möglichkeiten zu bedienen weiß, welche die Informations- und Kommunikationstechnologien bieten. 

 

Alle möglichen Leute prophezeien inzwischen den ‚Kollaps des Kapitalismus wie wir ihn kannten’. [111] Konkret, vor einem geopolitischen Hintergrund, entfalten sich Momente einer solchen Auflösung zur Zeit in einem sich anbahnenden Konflikt zwischen den Konzerneliten und ihren ‚Herren’, den superreichen Investoren dieser Welt. Youssef M. Ibrahim, ein Sprecher und Berater reicher Investoren und shareholder aus dem arabischen Raum, geht in diesem Sinne mit den westlichen Konzerneliten (den ‚Hausmeiern’ seiner reichen Araber, wenn man so will) ins Gericht. Diese Manager würden sich hunderte von Millionen Dollar in die Taschen stecken, während der Wert ihrer Konzerne durch Unehrlichkeit und Inkompetenz in den Keller sinke:

 

„Diese Lenker gigantischer Konzerne sind Mitglieder eines winzigen Clubs, welcher die gewöhnlichen Investoren am ausgestreckten Arm verhungern lässt ... Schlimmer noch, die großen Banken und Investmentfirmen helfen jenen Bossen dabei, die Spuren zu verwischen. Sie fliegen Privatjets, bezahlt von den shareholders, sie genehmigen sich Privatlogen bei großen Sportereignissen und Shows. Sie sind Freunde, die zusammen tafeln, während sie von Aufsichtsratssitzung zu Aufsichtsratssitzung ziehen. Ein fauler Gestank breitet sich aus in den Führungsetagen der größten Konzerne. Und am Horizont zeichnet sich eine gewaltige Revolte der shareholder ab. Die Praktiken der Konzerneliten bedrohen die globale Ökonomie. Es ist an der Zeit für die Reichen, die, wie beispielsweise die Araber, hunderte von Milliarden ihres Vermögens in diese großen Konzerne investiert haben, ihren Bankiers ein paar harte Fragen zu stellen: Wo ist mein Geld und was macht ihr damit?“ [112]  

 

Man kann sich vorstellen, was hier zwischen den Geldeliten und ihrer Dienstklasse der Geldverwerter noch los sein wird. Das Zusammenbrechen innerkapitalistischer ökonomischer Regulationssysteme führt nicht nur zur Raubumverteilung von unten nach oben, sondern auch zu einem titanischen Hauen und Stechen zwischen den reichen und superreichen Privatleuten dieser Welt, das längst den Kampf um den Mittleren Osten, den ‚Kulturkampf’ mit der islamischen Welt sowie die ‚policy conflicts’ zwischen ‘Europa’ und ‘Amerika’ prägt. Die gesamte Machtmaschinerie des Kampfes gegen den Terrorismus ist nicht zuletzt angeworfen worden, um mit den konkurrierenden Kapitalen, den Geldmächten des arabischen und asiatischen Raumes, fertig zu werden [113] – und vielleicht sogar, wenn man die Bush-Administration beobachtet, Elemente einer privaten, neo-feudalen Form von ‚Geldherrschaft’ zu etablieren: informelle Netzwerke purer Geldmacht in einer chaotisierten Welt, in der sich die Agenten früherer Herrschaft - Präsidenten, Armeen, Länder, Klassen und Schichten (bzw. deren Eliten) - einfach kaufen lassen. [114]  

 



 

[105] In seiner Power Elite-Definition beschreibt C. Wright Mills die Vernetzung der politischen, militärischen und öknomischen Eliten und betont, dass deren Weltsicht eine ‘militärische Definition der Wirklichkeit’ einschließt.

[106] Dogan, a.a.O., p. 24

[107] , ‘Fertile new fields for executive ambition’ June 16, 2006

[108] ‚Über Geld redet man nicht’ – vgl. Volker R. Berghahn, Stefan Unger, Dieter Ziegler (Hg.), Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert, Essen 2003

[110] Geld „ist ein Rätsel, das die ökonomische Theorie bis heute nicht hat lösen können.“, E.Altvater, ‚Der Dämon und sein Zaubertrick: Geld’, Freitag, 20.2.2004, Beilage S. I

[111] Vgl. Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen, Münster 2005

[112] Youssef M. Ibrahim, ‘The Collapse of Capitalism as we know it’, IHT, March 9, 2004

[113] Loretta Napoleoni, Modern Jihad. Tracing the Dollars Behind the Terror Networks, London 2003

[114] dazu gehört die partielle Kooperation von US-amerikanischen und saudi-arabischen Finanzkreisen, vgl. http://www.mediakritik.de/amem/carlyle.htm; C.Unger, House of Bush, House of Saud, Scribner 2004