2.2. Wissenseliten: ‚Informieren’, Verwalten, Wohlfühlen

 

Auch in den Wissenseliten haben wir eine breite Basis, die Dogan für Frankreich so beschreibt: „1) Mehrere tausend ‚Intellektuelle’ (Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, Professoren), die in ihren jeweiligen Kreisen gut bekannt sind, aber nicht berühmt genug, um es an die Höfe des inneren Zirkels geschafft zu haben. 2) Mehrere tausend in ihrer Profession sehr erfolgreiche Personen (Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte, Musiker, Designer, Forschungsreisende, Sportler), die großes Prestige genießen, aber ebenfalls nicht an den Höfen des inneren Zirkels angelangt sind. 3) Mehrere tausend führende Personen aus dem Gewerkschaftsbereich, die aber nicht so einflussreich sind, dass sie am Rande des inneren Zirkels mitmischen können. 4) Mehrere tausend Journalisten und Eigentümer von Massenmedien (Druck und elektronisch), welche zwar in gewisser Weise das Verhalten aller anderen Eliten ‚überwachen’, manchmal dabei sogar entscheidende Rollen spielen können, von denen aber nur eine ganz kleine Minorität etwas mit dem innersten Zirkel zu tun hat.“ [75]

 

Die eigentliche Elite innerhalb der Wissens- und Funktionseliten, die durch ihre Funktionalität für den Geldmachtapparat in den Ranking-Listen ganz oben steht (z.B. ‚der zweitbeste Urologe’, der ‚einflussreichste Intellektuelle’), hebt sich von der breiten Basis durch ihr Vermögen und Einkommen ab. Das geht bis zu den Domestiken, wenn dem schlechtbezahlten Butler der mit 300 000 Dollar Jahresgehalt bezahlte Kapitän der privaten Luxusmotoryacht oder der hochdotierte ständige Begleiter und Vertraute gegenüberstehen. Über diese individuelle Ebene hinaus lassen sich für die verschiedenen Sparten – Wissenschaft, Medien, Kultur, Verwaltung usw. - ‘Direktorate’ [76] oder Kartelle der ‚winner’ mit zum Teil exorbitanten Einkommens- und Vermögensvorteilen identifizieren.

 

Dabei muss auf eine europäische Besonderheit hingewiesen werden. Sowohl Dogan als auch in gewisser Weise Pierre Bourdieu [77] heben hervor, dass die europäischen wissenschaftlichen und kulturellen Eliten - als eine bislang wenig strukturierte oder gar organisierte Gruppe – gleichwohl jene Funktionen der Beratung und Strategiebildung übernommen hatten, die in den USA längst auf Think Tanks übergegangen sind. Insofern ist, wer in den USA ‚dazugehört’, einem oder mehreren Think Tanks verbunden und wird über diese Verbindungen in das Ranking-System einsortiert. Ähnliche Tendenzen gibt es aber inzwischen auch in Europa. Auch hiesige intellektuelle Netzwerker [78] plädieren für eine ‚querverbindliche’ Elitenkommunikation im Stile eines ‚Washington Szenarios’ der Think Tanks, Foundations, Policy Discussion Groups usw. [79]

 

Fangen wir also gleich bei den ‚Spitzenprofessoren’ an. Bei der Vorstellung seines Buchs ‚Machtwahn’ nannte Albrecht Müller, ein namhafter Kritiker der ‚deutschen Eliten’, Ross und Reiter: „Sie finden in meinem Buch Belege und Dokumente dafür, wie sich zum Beispiel die Professoren Raffelhüschen und Rürup, Miegel und Sinn in den Netzwerken der privaten Interessen bewegen. Sie werden in unseren Talkshows ‚Wissenschaftler’ genannt, ihre öffentlichen Äußerungen und ihr Ratschlag in den vielen Kommissionen sind jedoch über weite Strecken nur zu verstehen und einzuordnen, wenn man begriffen hat, dass sie die Interessen der Versicherungswirtschaft vertreten und dafür auch entgolten werden.“ [80]

 

Ein Beispiel aus der Endzeit der D-Mark beleuchtet die beachtlichen Einkünfte politischer Beamter, wie es etwa die Präsidenten der neun deutschen Landeszentralbanken (LZB) sind. Auch nach dem durch die europäische Zentralbank bewirkten Kompetenzverlust der LZBs in Sachen Geldpolitik und ihrem dadurch möglichen freiwilligen Ausscheiden liefen ihre Gehälter bis zum Ende der vertraglichen Amtszeit in voller Höhe weiter. So gehörten die Professoren Helmut Hesse (LZB Bremen, Niedersachen, Sachsen-Anhalt) und Olaf Siewert (LZB Sachsen, Thüringen) noch eine ganze Zeit lang „mit 400 000 Mark Jahresgehalt zu den bestbezahlten VWL-Professoren der Republik.“ [81]

 

Eine andere Belohnung hoher Ranking-Plätze im akademischen Bereich sind die zum Teil enormen professoralen Einkünfte aus Nebentätigkeit, die fast immer in geldmachtrelevanten Gutachten und Beratungen oder in geldelitenrelevanter Gesundheitsbetreuung bestehen. Manche Professoren verwenden ihr Hochschullehrergehalt  allein dazu, die Steuern für ihre zusätzlichen Einnahmen durch Gutachten oder Ähnliches zu begleichen. [82] Und bei den führenden Kulturschaffenden oder den Medieneliten sieht es kaum anders aus, während sich die große Masse der ebenfalls Hochqualifizierten, gemessen an den Möglichkeiten des Geldmachtapparats, doch sehr bescheiden muss. Die Zeitschrift Cicero hat eine Gehaltsliste unserer im Verborgenen blühenden geistigen Elite angefertigt:

 

Wieviel Gehalt für Lehrer, Dichter und Denker?

Beruf

Bruttomonatsgehalt

Schulleiter eines Gymnasiums

4750

Universitätsprofessor (Grundgehalt W3)

4723

Museumsdirektor an kl. städt. Haus

4423

Kulturredakteur im Rundfunk

4400

Verlagslektor

3700

Juniorprofessor (Grundgehalt W1)

3405

Lehrer am Gymnasium

ab 2880

Zeitungsredakteur

ab 2800

Orchestermusiker

ab 2400

Dramaturg

2045

freier Lektor

1830

Theaterschauspieler

ab 1550

freier Literaturübersetzer

1400

Volontär am Museum

1200

Illustrator

ab 1011

Theaterautor

ab 883

Quelle: Cicero 7/2006

 

Auch  in der Beamtenelite gibt es diese großen Differenzen des Winner Takes All-Systems. Selbst die Karrieren der französischen enarques, der Produkte jener elitistischen greenhouses of technocracy (Dogan), spalten sich dramatisch auf: nur 10 Prozent erreichen tatsächlich Teilhabe an der (staatlichen) Macht, werden rulers. Die übrigen 90 Prozent bleiben relativ machtlose Bürokraten und Technokraten mit ‚Ausbesserungsfunktionen’, sie werden trimmers. [83] Dieses Muster privilegierter Spitzen- und unterprivilegierter Fußvolkbeamten findet sich auch in der Brüsseler Bürokratie. Zunächst einmal gibt es hier eine beachtliche – und durch zahlreiche Sondervergünstigungen noch vergrößerte – Schere zwischen gleichrangigen (höheren) Beamten in nationalen vs. europäischen Diensten:

 

Vergleich der Netto-Gehälter (Euro) im höheren Öffentlichen Dienst in Europa

Deutschland

Frankreich

Großbritannien

Italien

Europa

Beamte

Angestellte

Beamte

Beamte

Beamte

Beamte

B3/A16
45 418

BAT-I
32 433

Sous Directeur
50 478

Grade 5
55 071

Ex. Primo Dir
24 923

A3
76 435

A15
39 476

BAT-Ia
28 758

Adm. civil hors cl.
50 478

Grade 6/7
45 883

Livello IX
17 019

A4/A5
62 297

A14/A13
33 966

BAT-Ib/IIa
25 507

Adm. civil 1ère cl.
46 795

Grade 8
33 606

 

A6/A7
48 371

Quelle: Comparative Study of the Remuneration of Officials of the European Institutions, Juni 2000

 

Zum anderen bestehen innerhalb der Ränge des Brüsseler Beamtenapparats einschließlich der politischen Beamten, der Direktoren und Kommissare, noch einmal massive Winner Takes All-Differenzen. So beziehen die 60 Generaldirektoren, die an der Spitze der Beamtenhierarchie der EU stehen, monatliche Grundgehälter, die zwischen 13 000 und 16 000 Euro liegen und mit Zulagen über 20 000 Euro erreichen können. Damit kommen sie an das Gehalt der Bundeskanzlerin heran bzw. übertreffen es. Zudem sind die Unterschiede zwischen den höchsten und niedrigsten Besoldungsgruppen erheblich größer als beispielsweise in der Bundesrepublik. [84]

 

Ein anderes Segment der Wissenselite, die Zunft der Berater für alle Management- und Investmentfragen, ist ähnlich strukturiert. [85] Die Zeitschrift Cicero hat einen Vergleich von guten Jobs in der ‚Forschung’ (Produktionskapitalismus) und in der ‚Wirtschaft’ (Finanzkapitalismus) angestellt:

 

Berufsjahre

Forschungsjobs

Jahresgeh.

Wirtschaftsjobs

Jahresgeh.

3-6

Naturwissenschaft

52 000

Unternehmensberater

69 000

3-6

Medizin

58 000

Investmentbanker

92 000

3-6

Technik

55 800

Fondsmanager

74 590

Quelle Cicero 7/2006, www.personalmarkt.de

 

„Der Wechsel aus der Forschung in anspruchsvolle Positionen der freien Wirtschaft macht sich auf dem Gehaltszettel oft mit einem Plus von mehreren tausend Euro pro Monat bemerkbar.“ [86] Ein ‚Wechsel’ wird empfohlen ... Doch selbstverständlich handelt es sich bei diesem Cicero-Beispiel nur um Bewegungen auf mittlerer Höhe der Pyramide. Die Elite der Unternehmens- und Investmentberater schwebt in ganz anderen Regionen. So schütten Goldmann Sachs, Deutsche Bank & Co im Jahre 2006 rund 7,5 Milliarden Pfund an Sonderprämien für ihre Londoner Investmentbanker aus. Einige von ihnen verdienen damit noch sehr viel mehr als Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank. [87] Dieser wiederum wies Kritik an solchen Millionengehältern im Investment-Banking energisch zurück. Ein Top-Manager habe Verantwortung für Tausende Menschen und Milliarden von Euro. Er müsse deshalb nach internationalen Maßstäben vergütet werden, "sonst wird er sehr schnell von der Konkurrenz abgeworben". [88] Und dieses Argument sticht in der Tat: Wer es im Ranking-System des inneren Heiligtums des Geldmachtapparats zu etwas gebracht hat, ist unersetzbar, so lange die Kassen weltweit klingeln. Das ist genauso wie bei Tom Cruise oder Nicole Kidman in der Kinowelt.

 

Interessant ist auch die Funktion der Wohlfühleliten oder celebrities [89] aus der Massenkultur- und Sportszene. Ihre Rolle bei der Durchsetzung der usurpatorischen Absichten des Neoliberalismus und überhaupt von Macht- und Geldmachtgelüsten wird oft unterschätzt. Dabei sind ihre Funktionen vielfältig. Sie helfen durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit oder auch in der Werbung, dass alles und jedes – Nationalstolz, bestimmte Markennamen oder sonstige Namen, bestimmte Glücksvorstellungen usw. – idealisiert und damit als Leitmotiv ins gesellschaftliche Bewusstsein gehoben werden können. Vor allem aber sind sie der lebende Beweis dafür, dass man ganz oben ankommen kann, ohne auch nur über die geringste wirkliche Macht zu verfügen. Damit sind sie die Gruppe, welche die allgemeine Aufmerksamkeit am effektivsten von den tatsächlichen Machtverhältnissen ablenkt. Und für diese verborgene Machtfunktion werden die wenigen Glücklichen, die es von den Rändern der Gesellschaft nach oben schaffen, fürstlich entlohnt. Dass Fußballspieler wie Ballack oder Zidane mit Jahresgehältern von mehreren Millionen Euro rechnen können, ist bekannt. Und kurioserweise regt sich, anders als bei den hohen Managergehältern, kaum jemand darüber auf. Auch dafür hat Josef Ackermann eine Erklärung: "Fußballer sind populärer als Banker ... Wenn Sie einen Freistoß auf 18 Metern direkt verwandeln oder einen Fallrückzieher versenken, wenn Sie als Skifahrer die Abfahrt runterrasen, werden sie allseits bewundert." Bei Managern hingegen sei die Leistung nicht unmittelbar sichtbar und damit nicht unmittelbar nachvollziehbar [90] - was aber auch daran liegen kann, dass Manager nicht in der Öffentlichkeit bzw. nicht unter demokratischer Kontrolle agieren müssen.

 

Die Vermittlung von ohnmächtigen Glücksgefühlen durch die Entertainment-Industrie wird übrigens noch reicher honoriert. Der britischen Zeitschrift Sunday Times zufolge gehören zu den reichsten Entertainern der Insel die Popgruppe U2 mit 469 Mill.£ und ‚Lord of Dance’ Michael Flatley mit 375 Mill.£ Vermögen. U2 hatten im Jahre 2005 auch die höchsten Einkünfte (146 Mill.£), es folgten die Rolling Stones (87 Mill.£) und Sir Paul McCartney (48 Mill.£). Die Reichsten in der Sparte Film und Fernsehen waren Joanne Rowling (520 Mill.£), Simon Fuller (300 Mill.£), Madonna & Guy Ritchie (248 Mill£) und Catherine Zeta-Jones & Michael Douglas (175 Mill.£). [91]

 

Diese Beispiele für Stars aus der Rock- und Popszene - mit ihrer kaum zu überschätzenden Integrationsfunktion - zeigen zwar, dass man mit Gitarre und Gesang und sogar mit dem Schreiben von Jugendromanen die Stufe der UHNWIs erreichen kann. Zugleich aber ist klar, dass diese Individuen (anders vielleicht als ihre Finanzberater) kaum Verbindungen zum Geldmachtapparat haben, sondern gerade deshalb belohnt werden, weil sie am äußersten Rand dieses Netzwerks die emotionalen Fäden spinnen, die jede Macht- und Herrschaftsstruktur braucht, wenn sie nicht allein auf Gewalt bauen will.

 



[75] Dogan, a.a.O., p. 23

[76] C. Wright Mills, The Power Elite, New York 1956 (Neuaufl. 2000), p.231ff

[77] mit seinen Hoffnungen auf einen ‚Aufstand’ der europäischen Intellektuellen

[78] als die sich z.B. die Soziologen Heinz Bude und Hermann Schwengel geoutet haben, vgl. Alexander Kissler, ‚Bloß nicht sein wie Anke. Die Soziologen suchen und finden den Sinn der Ungleichheit’, SZ, 9.10.2004

[79] Vgl. R.Hitzler, St.Hornbostel, C.Mohr (Hg.), Elitenmacht, Wiesbaden 2004

[80] Albrecht Müller, Einführung zur Buchvorstellung Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet, 11.4.2006, http://www.nachdenkseiten.de/

[81] Der Spiegel, 15.3.1999, S. 91

[82] D.Kainz, K.Taschwer, ‚Wieviel Wissenschaftler verdienen’, heureka, Wissenschaftsbeilage der Wochenzeitung Falter, 23.3.05

[83] Dogan, a.a.O., p. 50

[84] Hans Herbert von Arnim, Das Europa Komplott, Wie EU-Funktionäre unsere Demokratie verscherbeln, München 2006, S. 181ff

[85] vgl. dazu vor allem Thomas Leif, a.a.O.

[86] Nils aus dem Moore, ‘Kampf um die Köpfe’, Cicero, 7/2006, S. 93

[87] Karl von Klitzing, ‚Füllhorn über London’, manager magazin, 31. Januar 2006, http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,398207,00.html

[88] ‚Ackermann fordert höhere Politikergehälter’, Spiegel Online, 19. Januar 2006, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,396021,00.html

[89] Vgl. C. Wright Mills, a.a.O., p. 231ff

[90] ‚Ackermann fordert ...’, a.a.O.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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