2. Akteure der Geldmacht

 

2.1. Profiteure des Geldmachtapparats

 

Der Mythos der Meritokratie, also der Leistungsgesellschaft, verblasst, schreibt Claus Leggewie. „Superreichtum wird zu einer Gefahr für die Demokratie.“ [57] Schon zu Clintons Zeiten konstatierte William Pfaff für die USA: „Der wichtigste Wandel unserer Zeit ist die Aufwertung der Rolle des Geldes bei der Bestimmung der Frage, wie Amerika regiert wird. Diese Rolle war niemals gering, aber sie gewann eine neue Dimension, als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Geld, welches für die Wahl von Kandidaten und für die Förderung von privaten und kommerziellen Interessen in Washington ausgegeben wird, eine Form der verfassungsmäßig geschützten Meinungsäußerung darstellt. Dadurch wurde eine repräsentative Republik umgewandelt in eine Plutokratie“. [58] Das gegenwärtige Anwachsen des privaten Reichtums, schreibt der amerikanische Autor Kevin Phillips [59] , sei nur mit dem Goldenen Zeitalter der Jahrhundertwende und den Zwanzigern zu vergleichen. In jeder dieser Perioden hätten die großen Vermögen die demokratischen Werte und Institutionen unterminiert und schließlich die Wirtschaft ruiniert. All dies gilt auch für Europa.

 

Seit den 90er Jahren hat das Ausmaß privaten Reichtums auch hier schwindelerregende Dimensionen angenommen. Waren 1982 die 100 reichsten Europäer im Durchschnitt noch jeweils 230 Millionen Dollar wert, so betrug ihr durchschnittliches Vermögen im Jahre 2005 das 10fache, nämlich 2,6 Milliarden Dollar. [60]

 

Wir leben, wie Giovanni Arrighi konstatiert (s.o.), in einer USA-dominierten Phase globaler finanzieller Expansion, in der „sich eine ausgedehnte Menge von Geldkapital (g’) aus seiner Warenform“ befreit und Akkumulation sich vornehmlich „in Gestalt von Geldgeschäften‚ financial deals (wie in Marxens verkürzter Formel gg’)“ vollzieht. [61] Diese Phase finanzieller Expansion wird durch eine Verwissenschaftlichung bzw. Informatisierung von Macht- und Herrschaftstechniken abgestützt, wie man sie bislang nicht kannte. [62] Extrem billige Rechnerkapazitäten und darauf basierende statistische Techniken erlauben die Verarbeitung großer Mengen ökonomischer und sozialer Daten und damit eine Durchleuchtung der Gesellschaft durch wirtschaftliche Interessen [63] , welche der alten Rede von der Herrschaft der Technokraten neuen Inhalt gibt. Denn es ist inzwischen klar geworden, dass die technisch bedingte Zentralisierung von Macht und die ‚extreme Verkürzung von Zeithorizonten im Unternehmensmanagement’ (Richard Sennett) zwar zu einem Anwachsen von Zahl und Bedeutung der Experten, nicht aber, wie Daniel Bell [64] einst meinte, zu ihrer Herrschaft geführt hat. Im Gegenteil: sie sind zu einer neuen Dienstklasse der Geldelite geworden.

 

Die Geldelite wiederum verkörpert im gegenwärtigen Zyklus finanzieller Expansion nichts so sehr wie die Befreiung großer Geldmengen aus der Warenform und deren Umwandlung in die Machtform. Nicht nur also wird Macht monetarisiert, sondern durch die Geldelite werden umgekehrt Geldwerte auch vermachtet. Das ist im Grunde ein uralter Prozess auf der Grundlage der Tatsache, dass man mit Geld nicht nur mehr Geld, sondern ‚alles’ machen kann. Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine ‚völlig losgelöste und zu allem fähige’ soziale Schicht, welcher die Wissens- und Informationsgesellschaft alle Mittel in die Hände legt, um sich als eine neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren. Ihre Machtbasis ist der Geldmachtapparat. Um diese neue gesellschaftliche Mitte lassen sich dann in einem Ringmodell weitere Gruppen und Schichten anordnen, welche der Geldmacht zuarbeiten bzw. von ihr abhängen.

 

Der Geldelite am nächsten operieren sicherlich die Konzern- und Finanzeliten, die Chief Executive Officers der verschiedenen Wirtschaftsbereiche. Diese Gruppen fungieren als Spezialisten der Kapitalverwertung bzw. der Absicherung und Expansion von Akkumulationsmöglichkeiten. Manche von ihnen – aber erstaunlicherweise gar nicht so viele – steigen selbst in die eigentliche Geldelite auf. Von ihren Vermögensverhältnissen her gehören sie auf jeden Fall zu den HNWIs oder auch UHNWIs. Ihr Dienstklassenstatus drückt sich im wesentlichen darin aus, dass sie, im Gegensatz zur Geldelite, entlassen werden oder ‚stürzen’ können. Je nach Loyalität gegenüber ihren jeweiligen Herren (den großen Investoren und Anteilseignern) kooperieren oder konkurrieren sie untereinander, haben also zunächst einmal nicht unbedingt ein einheitliches strategisches Bewusstsein (wie man es traditionellerweise etwa der ‚Kapitalistenklasse’ zuschrieb). Was sie verbindet, ist die Maxime der Gewinnsteigerung.

 

Den nächsten Funktionsring bilden die Spezialisten der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die politischen Eliten. Alle Parlamente, alle Regierungen haben aus der Sicht des Geldmachtapparats die Funktion der Verteilung des Reichtums von ‚unten’ nach ‚oben’. Folglich wirkt er durch Lobbyismus und Korruption in dieses Feld der politischen Eliten hinein, das dadurch hochgradig differenziert und konfliktualisiert wird. Auch viele Politiker und vor allem Ex-Politiker können sich unter die HNWIs rechnen, Aufstiege in die Geldelite aber sind nahezu ausgeschlossen (Ausnahmen wie der Bush-Clan bestätigen die Regel).

 

Den Außenring schließlich bilden die bereits erwähnten, für die Entstehung und Expansion des Geldmachtapparats unentbehrlichen Technokraten und Experten aller Art (analytisch, symbolisch, affektiv), kurz: die Wissenseliten. Entsprechend ihrem Ranking, das sich nach der Nützlichkeit für die ökonomischen, sozialen und kulturellen Interessen des Geldmachtapparats bemisst, können auch sie in die Ränge der HNWIs aufrücken, kaum aber höher (Ausnahmen wie die dot.com-Milliardäre bestätigen die Regel).

 

Der französische Soziologe Mattei Dogan, der mit einem ähnlichen Ringmodell arbeitet [65] , hat bezüglich der französischen Elitenkonfiguration die Frage gestellt, ob und wie man diese Gruppen zahlenmäßig fixieren könne. So kann die Zahl der Angehörigen etwa der Wissenseliten, je nach Zählperspektive, sowohl in Bezug auf EU-Europa oder auf ein einzelnes Land, jeweils in die Millionen gehen, die Zahl für die politischen Eliten in die Hunderttausende, die Zahl für die Konzerneliten in die Zehntausende und die Zahl für die Geldelite in die Tausende. Interessant und entscheidend aber ist, dass in einem Winner Takes All-System das Ranking die entscheidende Rolle spielt und man deshalb zunächst einmal, um diese Gruppen in den Blick zu bekommen, mit den ‚obersten Hundert’ aus allen Bereichen ganz gut bedient ist. Hier werden die Profiteure des Geldmachtapparats – obgleich statistisch quantités négligables – sichtbar und greifbar.

 

Für die gegenwärtige europäische Elitenkonfiguration und das Netzwerk der Geldmacht sind einige weitere Fragen von Belang: Wie steht es um die Vererbung von Machtpositionen? Welche Rolle spielt die Bürokratie? Gibt es tatsächlich einen Eisernen Vorhang zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten? Welche Rolle spielt das Ranking im Geldmachtapparat? [66]

 

Hinsichtlich der Vererbungsfrage kommen alle Untersuchungen [67] zu dem Schluss, dass zwischen Geldmachtpositionen (Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager, Politiker, Technokraten, Kultureliten) andererseits scharf unterschieden werden muss. Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung ihrer Positionen, letztere nicht. Innerhalb der Geldelite spielt dabei sowohl in den USA als auch in Europa „das Phänomen der Verschwägerung eine große Rolle, während eine Verschwägerung zwischen der ökonomischen und der politischen Elite kaum vorkommt.“ [68] Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums. [69]

 

In mehreren europäischen Ländern hat eine bürokratische Elite die Elitenkonfiguration beeinflusst. In Deutschland war sie maßgeblich am Entstehen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems beteiligt [70] , in Frankreich bildet sie in Gestalt der Enarques das Rückgrat der Republik. Dogan spricht sogar von einer ‚Republik der Mandarine’ [71] , da die durch Elite-Verwaltungsakademien wie die École nationale d'administration (ENA) geschleusten Enarques sich als eine absolute Elite in Macht- und Herrschaftsdingen verstehen. Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass ein solches Selbstverständnis auch in den Brüsseler Beamtenapparat transportiert werden könnte.

 

Entscheidend für ein Verständnis der europäischen Machtelitenkonfiguration aber ist die praktisch unüberbrückbare Mauer zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten. Weder Spitzenmanager noch Spitzenbürokraten noch Spitzenpolitiker haben wirklich eine Chance, in diese Kreise integriert zu werden. Denn die Geldelite lebt auf einem anderen Planeten. „Unter den 100 reichsten Personen Frankreichs gab es 1987 keinen der Großkapitalisten, den eine politische Karriere in Versuchung geführt hätte und nur ganz wenige hatten familiale Bindungen zu Politikern. Unter den wichtigen Politikern der 90er Jahre gibt es einige, die relativ wohlhabend sind, aber keiner gehört zu den 500 reichsten Personen in Frankreich. Und unter den 500 reichsten Unternehmern, die meist auch die reichsten Familien repräsentieren, gibt es nicht mehr als eine Handvoll Absolventen der Ecole Polytechnique. Aus dieser erbarmungslosen Statistik ergibt sich ein tektonischer Bruch, der die kapitalistische Elite von den anderen Elite-Kategorien trennt.“ [72] Das bedeutet aber nicht, dass die ‚kapitalistische Elite’, wie Dogan sie noch nennt, nicht ‚herrscht’. Vielmehr: der Geldadel verwaltet nicht, er treibt keine Politik und er produziert keine Kultur, aber er lässt verwalten, verteilen, erfinden und denken.

 

Bleibt noch die Frage nach der Rolle des Ranking innerhalb der verschiedenen Dienstklassen. Zunächst einmal: der Rang innerhalb der Elitenringe drückt sich aus in den jeweiligen Vermögens- und Einkommensverhältnissen. Bemessen aber wird der Rang nach den jeweiligen Funktionen für den Geldmachtapparat. Das Denken in kurzen Fristen der Gewinnmaximierung ist kein neues Phänomen in der Konzernwelt, aber es ist unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung ein entscheidendes Systemmerkmal geworden. “Ein kompetitiver Markt erzeugt hinsichtlich der payoffs riesige Unterschiede zwischen ‘Gewinnern’ und ‘Verlierern’, ein Winner Takes All-System entsteht. Wenn so hohe Einsätze vom nächsten Schritt abhängen, werden Unternehmen und Individuen sich schlichtweg auf den Sieg in der nächsten Runde konzentrieren, also kurzfristig denken, was immer an langfristigen Folgen für das Unternehmen dabei herauskommt.“ [73] Genau dieser Mechanismus aber bewirkt, dass diejenigen Individuen oder Gruppen, die erst einmal in die oberen Ränge gelangt sind, immer höhere payoffs realisieren, während die übrigen unverhältnismäßig stark zurückfallen. So entstehen in allen Bereichen der Gesellschaft die berühmten Ranking-Listen – und sie werden vom Geldmachtapparat sehr genau wahrgenommen, denn sie deuten auf jeden Fall auf das beste ‚Dienstpersonal’ in Akkumulationsdingen, aus dem sich dann auch die jeweiligen Spitzengruppen in unserem Ringmodell rekrutieren. Das Bild ist einfach:

 

“Man nehme die Filmindustrie als Beispiel. Zu jedem Zeitpunkt wird es nur ganz wenige Schauspieler geben, die Millionen von Dollars für den Auftritt in einem Film verlangen können. Nur wenige haben einen weltweit bekannten Namen. Schon diejenigen auf dem zweiten Rang verdienen erheblich weniger, und der Rest dieses Berufsstandes findet sich beim Kellnern oder in billigen Werbespots wieder. Die Spannweite der Einkommen ist extrem, die Verteilung gleicht einer außerordentlichen Pyramide mit einer ganz kleinen Spitze und einer ganz breiten Basis.“ [74]

 



[57] Claus Leggewie, Frankfurter Rundschau, 3.6.2003, S. 11

[58] William Pfaff, International Herald Tribune, December 6, 1999

[59] Kevin Phillips, Die amerikanische Geldaristokratie, Frankfurt/M., New York 2003

[60] Eigene Schätzung aufgrund der Angaben in den Abschnitten 1.2. und 2.5.

[61] vgl. G.Arrighi, a.a.O., p. 4

[62] nur davon eigentlich handelt Hardt/Negris Buch Empire, a.a.O.

[63] Diane Coyle, ‘Big ideas – Our economies are no longer autistic’, New Statesman, July 26, 2004

[64] Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973

[65] Mattei Dogan, a.a.O., vergleichbare Modellvorstellungen innerhalb des Power Structure Research sind uns sonst nicht bekannt

[66] Dogan, a.a.O., p. 20

[67] Vgl. hier nur Wolfgang Zapf, Wandlungen der deutschen Elite, München 1966

[68] Dogan, a.a.O., p. 28

[69] Gegen diese Praxis sprach sich jüngst der zweitreichste Mann der USA, Warren Buffet, aus (s.u.)

[70] Dies ist eine der Hauptthesen von Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944 (Erstausg. 1944), Frankfurt 1984

[71] Das Wort ‚Mandarin’ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet ‚Staatsrat’ oder genauer: Berater des Staates. So wurden im kaiserlichen China die höheren Staatsbediensteten genannt. „Frankreich ist das einzige Land, in dem ein ähnliches Selektionssystem für die höheren Beamten der staatlichen Verwaltung besteht.“  Dogan, a.a.O., p. 77; vgl. auch Noam Chomsky, American Power and the New Mandarins, New York 1969

[72] Dogan, a.a.O. p. 62f

[73] Eduard Garcia, ‘Corporate Short-Term Thinking and the Winner Takes All Market’, http://www.westga.edu/~bquest/2004/thinking.htm

[74] Diane Coyle, ‘‚Winner takes all’ markets’, Prospect Magazine 33, August 1998, p. 25