1.2. Empirisch-statistische Impressionen zur Reichtumsentwicklung

 

Reichtumsstatistiken können lügen, wie die folgende, von Paul Krugman, dem linksliberalen amerikanischen Ökonomen und Leitartikler, überlieferte Anekdote zeigt: A liberal and a conservative were sitting in a bar. Then Bill Gates walked in. - "Hey, we're rich!" shouted the conservative. "The average person in this bar is now worth more than a billion!" - "That's silly," replied the liberal. "Bill Gates raises the average, but that doesn't make you or me any richer." - "Hah!" said the conservative, "I see you're still practicing the discredited politics of class warfare." [15]

 

Es gibt zwei deutsche Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung [16] , einen German Wealth Report 2000 der Investmentfirma Merrill Lynch, aber keine vergleichbaren englischen, französischen, italienischen usw. Berichte und auch keinen European Wealth Report, der öffentlich zugänglich wäre, obschon große Investmentbanken und Wealth Management Firmen über eine Fülle interner Daten verfügen. Dem globalen Charakter der Reichtumsentwicklung entsprechen die World Wealth Reports von Merrill Lynch. [17]

 

Laut Merrill Lynch World Wealth Report 2006 stieg das Vermögen der sogenannten High Net Worth Individuals (HNWIs) - mit einem Netto-Geldvermögen (ohne Erstwohnsitz und Konsumvermögen) von mindestens 1 Mill.$ - im Jahre 2005 auf 33,3 Bill.$ an, ein 8,5 prozentiger Zuwachs gegenüber 2004. Oder anders gesagt, die Zahl der HNWIs wuchs  gegenüber 2004 um 6,5 Prozent auf 8,7 Millionen Personen weltweit. Und die Zahl der Ultra-HNWIs, die über mehr als 30 Mill.$ verfügen, wuchs 2005 auf 85 400 Personen weltweit. Trotz einer gewissen Verlangsamung stellten dabei die USA noch immer die meisten HNWIs mit dem weltweit größten Anteil an akkumuliertem Reichtum. Für die Reichtumsakkumulation am interessantesten erwiesen sich die asiatisch-pazifische Region, ebenso Lateinamerika und der Mittlere Osten. In Südkorea stieg die Anzahl der HNWIs um 21 Prozent, in Indien um 19 Prozent, in Russland um 17 Prozent und in Südafrika um 15 Prozent. Dabei lässt sich, so Merrill Lynch, beobachten, dass eine zunehmende Zahl von HNWIs die Strategien der Ultra-HNWIs kopiert und ihre Portefeuilles auf internationale Investitionen umorientiert, um am Aufschwung jener neuen Märkte, insbesondere in Asien, teilzuhaben und der Unsicherheit des Dollars entgegenzuwirken. Auch die HNWIs würden also ‚aggressiver’ und skeptischer gegen Investitionen in Nordamerika, auch wenn dies die für Investitionen populärste Region bleibe. Obgleich die asiatisch-pazifische Region Europa im Jahre 2005 an Dynamik übertraf, blieb Europas Anteil an den globalen Nettovermögenswerten konstant bei 22 Prozent. Die gute Performanz der ‚reifen’ europäischen Kapitalmärkte und die Dynamik der neuen europäischen Märkte veranlasste die regionalen HNWIs, 48 Prozent ihrer Invesitionen in Europa zu tätigen – verglichen mit 40 Prozent im Jahre 2004. Gleichwohl wird erwartet, dass auch die Europäer künftig weniger in den USA und in Europa selbst investieren werden, zugunsten der asiatisch-pazifischen und lateinamerikanischen Märkte. [18]

 

 

Ein Überblick der größten Wealth Management Firma der Welt, UBS [19] , zur europäischen Reichtumskonzentration zeigt, wie die privaten ‚assets’ (frei verfügbares Geldvermögen) von knapp 19 Billionen im Jahre 2000 auf mehr als 33 Billionen € im Jahre 2005 zugenommen haben, wobei der Anteil der ‚Reichen’ um 8 Prozent gewachsen, der Anteil der ‚Wohlhabenden’ stabil geblieben und der ‚Massenmarkt’ um 6 Prozent zurückgefallen ist. Zugleich konzentriert sich der Reichtum auf fünf Länder, die 80 Prozent des europäischen Marktes repräsentieren.

 

 

Die folgenden Schaubilder aus dem World Wealth Report 2006 zeigen noch einmal, a) wie sich die Anzahl der HNWIs in ihren regionalen Anteilen verändert hat, b) wie sich das Finanzvermögen von HNWIs in den nächsten Jahren verteilen und verändern wird und c) welche Wirtschaftsaktivitäten, regional aufgeschlüsselt, den Akumulationsprozess treiben. Das alles ist hochinteressant für das Feld des Private Banking für die Superreichen – ein Feld übrigens, auf dem inzwischen dringend qualifiziertes Personal gesucht wird. [20]

 

 

 

 

Die Bedeutung dieser Vermögens- und Einkommenskonzentrationen auch für die EU erschließt sich allerdings erst, wenn man die Frage, was Reichtum überhaupt ist, ein wenig erweitert.

 

Für Karl Marx ist der bürgerliche Reichtum ‚eine ungeheure Warensammlung’ [21] , die nicht durch ihre Gebrauchseigenschaften, sondern allein durch ihr Wertdasein und ihre Verwertung bestimmt ist. Diese Bestimmung des Vermögens als Kapital findet schließlich im abstrakten Medium des Geldes seine fertige Gestalt. Geld verkörpert damit in unseren Gesellschaften die ‚stets schlagfähige, absolut gesellschaftliche Form des Reichtums’ [22] . Andererseits umfasst die Vermögensrechnung der privaten Haushalte eine durchaus kuriose Sammlung von Werten: „a) Grund- und Immobilienvermögen, sei es vermietet oder selbst genutzt; b) Betriebsvermögen, als unmittelbares Eigentum an Unternehmen; c) Gebrauchsvermögen (Hausrat, Fahrzeuge, Privatsammlungen etc.) und d) Geldvermögen (Bargeld, Guthaben, Geldanlagen, Rentenwerte, Aktien u.ä.). Ferner gehören hierzu: e) Humanvermögen, f) Sozialvermögen (Renten- und Versorgungsansprüche) und g) private Eigentumsrechte an natürlichen Ressourcen, Lizenzen, Patenten u.a.m.“ [23]

 

Alle diese Werte, in ihren jeweils hochkonzentrierten Formen, spielen beim Dingfestmachen der Hauptprofiteure der neoliberalen Umgestaltung Europas, der Schicht der Ultra-HNWIs, eine wichtige Rolle – und sind schwer zu ermitteln (vgl 2.5.). Diese großen Fische schwimmen im Meer der sie jeweils umgebenden Gesellschaften. Ihre tatsächlichen Einkommens- und Vermögensmilieus sind empirisch-statistisch kaum ausgeleuchtet. Ja, wegen ihrer vergleichsweise geringen Zahl fällt diese Gruppe meist unter den Tisch der nationalen Statistiken. [24] Immerhin stand das eine oder andere im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung:

„Im Jahr 2003 konzentrierte das obere Zehntel aller deutschen Haushalte 46,8 Prozent des gesamten Nettovermögens auf sich. Auf das untere Zehntel entfiel ein Anteil von minus 0,6 Prozent. Das ‚Vermögen’ dieses Teils der Bevölkerung bestand und besteht aus Schulden. Dass zu dem oberen Zehntel im Jahr 2003 43 deutsche Nettovermögensmilliardäre gehören, die zu den Reichsten der Erde zählen, wird in den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung allerdings nicht erwähnt.“ [25]

 

Konzentriert man sich – im Sinne unserer Ultra-HNWIs - auf das obere Zehntel der ‚Haushalte’, so differieren hier die Vermögen zwischen 500 000 € und weit über 15 Milliarden €, was dreißigtausendmal mehr ist. Für unsere Fragestellung geht es dann also eher um das oberste Zehntel des obersten Zehntels – und die „reichsten 150 000 westdeutschen Haushalte, d.s. 0,5 %, [verfügen] über rund ein Sechstel des gesamten Geldvermögens. Dies ist nicht nur Ausdruck eines enormen Reichtums. Die hier wiedergegebenen Daten belegen auch, daß sich in Deutschland ein dramatischer Polarisierungsprozeß vollzieht, der sich seit den 80er Jahren sichtbar beschleunigt hat“. [26]

 

Die Frage, auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen sind, wird uns in den folgenden Abschnitten noch weiter beschäftigen – wobei der zusammenfassende Antwortversuch immer wieder lauten wird: hier ist ein Geldmachtapparat entstanden, welcher unternehmerische Eigentumsoperationen, die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten), die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten, netzwerkartigen Zusammenhang bringt. In ihm wird vor allem auch das klassische Betriebsvermögen, in Gestalt von kleinen und großen Unternehmen, immer ‚flexibler’ gehandhabt, hin und her geschoben, kurzfristig veräußert, zusammengelegt, ‚filetiert’ usw., so dass es in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen (und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind, welche die großen Revenuen erbringen.

 

Neben Geldvermögen und verflüssigtem Betriebsvermögen wächst heute für die Schicht der Superreichen die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im Luxussegment. Luxuskonsum dient der Sicherung des sozio-kulturellen Status und ist damit eine herrschaftsnützliche Form der Kapitalvernichtung. Der hier fällige Begriff der conspicuous consumption wurde zuerst Ende des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Ökonomen und Soziologen Thorstein Veblen [27] eingeführt, um die Macht- und Herrschaftsfunktion eines aufwändigen, durchaus auch ‚müßigen’ Lebensstils zu erfassen. Indem die Geldelite materielle und immaterielle Güter, Dienstleistungen usw. des Luxusmarktes konsumiert, demonstriert sie nicht nur ihre abgehobene Stellung, sondern fixiert auch alle übrigen Schichten auf ganz bestimmte Vorstellungen von ‚Glück’, welche alternative Möglichkeiten der Selbstverwirklichung politisch wirksam überblenden.

 

In diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden ein zentraler Raum für conspicuous consumption, vom Feudalismus bis heute. Gerade auch für Europa lässt sich die Agglomeration von Luxusimmobilien in bestimmten Stadtteilen, in bestimmten Landstrichen (Küsten, Inseln, Kleinstaaten wie Monaco usw.) gut und über historisch lange Strecken illustrieren. [28] Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen Konsums – von Kutschen zu Rolls Royces, Privatjets usw. Megamotoryachten beispielsweise erleben gerade in Europa einen nie gekannten Bauboom, ihre Größe steigt rapide, Anschaffungskosten, Verbrauch und Liegegebühren gehen ins Astronomische, ebenso aber auch der Prestigeeffekt und die Möglichkeit der Erzeugung von Netzwerk- und Abhängigkeitseffekten an Bord. [29] Im übrigen spielt gerade auch der Kunstmarkt eine besondere – und besonders subtile - Rolle im Bereich des demonstrativen Konsums. [30]

 

Auch kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus, vor allem Bildungsprivilegien und -titel, wird zunehmend monetarisiert. Eliteuniversitäten bleiben den Kindern der Reichen vorbehalten – und den sorgfältig ausgelesenen Best and Brightest aus den übrigen Schichten, welche eines der dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen einnehmen dürfen. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden. Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 19 000 Dollar. Und in Großbritannien äußern Politiker die Sorge, „dass das Schuldengespenst die jungen Leute veranlassen könnte, höhere Bildung als ein Luxusgut zu betrachten und aufzugeben – mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes.“ [31] Letztlich aber drückt sich für die Geldelite die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals nicht in individuellen Bildungskarrieren usw. aus. Denn wirklich großer Reichtum schafft sich Netzwerke der Kultur und Bildung, welche bereits wieder an die höfische Gesellschaft erinnern. Kulturelles Kapital erscheint hier in Gestalt von Entouragen gebildeter, kultivierter, wissenschaftlich spezialisierter Berater, Hofschranzen usw. Formelle und informelle Bildungsgüter werden letztlich erst vermögenswirksam, wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats insgesamt führen, zu einer ‚Vermögenskultur’, die sich in Stiftungen, Think Tanks u. dgl. institutionalisiert hat.

 

Ähnliches gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. Zweifellos spielt der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle, ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals. „Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist nicht, wie von ihren Repräsentanten immer wieder betont wird, die Leistung ausschlaggebend, sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten ... Es handelt sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten, die für ‚Eingeweihte’ den entscheidenden Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen, die nur dazugehören wollen, markiert.“ [32] Andererseits aber muss ‚Sozialkompetenz’ nicht unbedingt direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. Wer sich ‚Sozialtrainer’, Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann, verfügt über viel soziales Kapital, selbst wenn er ein stotternder Autist ist.

 

 

 

[15] Paul Krugman, The New York Times, January 21, 2003

[17] Capgemini Consulting, http://www.us.capgemini.com/worldwealthreport06/; im übrigen bieten viele Wealth Management Firmen und Privatbanken auf geschützten Websites gegen teures Geld Dossiers an

[19] Georges Gagnebin, Joseph J. Grano, Jr., ‘European Wealth Management’, UBS Private Banking, February 2001, http://www.ubs.com/1/ShowMedia/investors/presentations/2000?contentId=63297&name=q400_b.pdf

[20] H. Timmons, ‘Goldman enters private banking for the very rich’, IHT, August 2, 2006

[21] Vgl. Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/1858, MEW 42, S. 322

[22] Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, MEW 23, S. 145

[23] Ulrich Busch, ‚Der Reichtum wächst, aber nicht für alle’, Utopie kreativ, April 2003, S. 320

[24] Dieter Klein, Milliardäre – Kassenleere. Rätselhafter Verbleib des anschwellenden Reichtums, Berlin 2006

[25] ebenda, S. 49

[26] Busch, a.a.O., S. 325

[27] Thorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class, 1899 (dt. Theorie der feinen Leute, Frankfurt 1997)

[28] Dale Fuchs, ‘Is the beach party over for the ‚Florida of Europe?’, IHT, July 22-23, 2006

[29] Florian Harms, ‚Yacht Spotting: Auf der Spur der weißen Riesen’, Spiegel Online, 13. Juni 2006, http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,420942,00.html

[30] Wenn, wie jüngst geschehen, ein unscheinbarer, bislang in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein Russe) auf einer Sotheby-Auktion en passant Picassos ‚Dora Maar mit Katze’ für 95,2 Mill. Dollar, einen Monet für 5 Mill. und noch schnell einen Chagall für 2,5 Mill. Dollar ersteigert und wenn derartiges immer häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht, so steckt dahinter eine ‚Vermögenskultur’ im Umfeld des Geldmachtapparats, die noch kaum erforscht ist, vgl. Carol Vogel, ‚Enthusiastic bidder at rear walks away with the big prize’, IHT, May 5, 2006

[31] ‘Higher education: Priced out of reach?’, IHT, 30, 2006, vgl. Washington Public Interest Research Group (PIRG), http://studentdebtalert.org

[32] Michael Hartmann, ‚Macht muß gelernt sein. Die Rekrutierung der deutschen Wirtschaftselite ist keine Frage der Leistung’, Junge Welt, 19.9.03