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1.
Strukturen des Reichtums
1.1.
Superreichtum und Geldmachtapparat
Nun kann man sich einerseits vorstellen, dass in einem zunächst einzig durch Geldreichtum definierten Netzwerk von Personen und Gruppen vielfältigste gegensätzliche Interessen, Konflikte und Widersprüche aufbrechen können. Andererseits haben die derzeit beobachtbaren Akkumulationsprozesse – eine seltsame Mischung aus klassischer Kapitalverwertung und ‚Akkumulation durch Enteignung’ [4] - auch soziale und kulturelle Integrationseffekte. Eine neue Oberschicht mit eigenen Macht- und Herrschaftsperspektiven entsteht. Und in unserem Fall – angesichts der vielfältigen transatlantischen Vernetzungen der europäischen Geldelite – dürfte das vereinheitlichende Vorbild die US-amerikanische Plutokratie sein. Über diese Schicht des amerikanischen Superreichtums schrieb Ferdinand Lundberg einst:
„Der Superreichtum weist bestimmte Charakteristika
auf: Zunächst einmal verfügt er über eine oder mehrere Großbanken.
Ferner übt er einen absoluten oder zumindest doch beherrschenden Einfluß
auf einen, zwei, drei oder mehr große Industriekonzerne aus. Ferner
kontrolliert die jeweilige Familie eine oder auch mehrere von ihr
errichtete Stiftungen. Zu ihren Vermögenswerten gehören einerseits
handfeste Aktienpakete, die eine Kontrolle über riesige industrielle
Bereiche sichern. Zum anderen aber sollen sie gesellschaftspolitischen
Einfluß auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens ermöglichen und
eine Vielzahl ideeller Ziele fördern. Diese steinreichen Familien
haben außerdem eine oder mehrere Universitäten oder Technische Hochschulen
gegründet – zumindest unterstützen sie solche Institute in großem
Ausmaß. Darüber hinaus treten sie als politische Geldgeber auf – meistens
zum Nutzen der Republikanischen Partei, die so etwas wie das Spiegelbild
der Reichen im Lande ist. Diese Familien haben große Vermögenswerte
im Ausland angelegt, so daß sie an der Außen- und der Verteidigungspolitik
der Regierung, aber auch an ihrem allgemeinen politischen Kurs, besonders
stark interessiert sind. Zugleich üben sie direkten Einfluß auf die
Massenmedien aus, da ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften,
Rundfunk- und Fernsehstationen riesige Beiträge für die Werbung zahlen.“
[5]
Was aber heißt nun eigentlich ‚gehören’? So lange wir nur die Frage stellen müssen, wem eine bestimmte Immobilie, ein Handwerksbetrieb, ein Gemälde usw. gehören, erlaubt das bürgerliche Eigentumsrecht ziemlich präzise Antworten. Fragen wir aber, wem ein Konzern, eine Bank, die Deutsche Bahn AG, der Hamburger Hafen usw. gehören, so wird die Feststellung der Eigentumsverhältnisse schon schwieriger, manches liegt im Verborgenen, scheint unentwirrbar. Schließlich stößt man auf private Anteilseigner und damit erstens auf die Konzentration von riesigen, aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien, und zweitens auf die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates, der Kommunen) und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser, Natur usw.) in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums. Wem aber nun eine Stadt, ein Land oder gar Europa gehören – eine solche Frage ist seit dem Feudalismus nicht mehr gestellt worden.
Könnte es sich vielleicht gar nicht um die Frage des Gehörens, sondern um die des Usurpierens handeln? In Europa sind in den fünfzehn Jahren nach Abschluss des Maastrichter EU-Vertrags die nationalstaatlichen, eigentumsrechtlichen und verteilungspolitischen Strukturen zutiefst verändert und zum Unterbau neuer Herrschafts- und Verfügungsstrukturen gemacht worden, für die demokratische Entscheidungsprozesse zum Teil nur noch Garnierung sind. Unter dem Schleier der neoliberalen Deregulierungsideologie erleben wir einen Zusammenbruch der Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt. [6] Und auch die in den bisherigen, ‚alten’ Systemen erworbenen Positionsvorteile, Klassenprivilegien usw. werden zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld, bis hin zu systemischer Korruption, eingesetzt. Das ist ein neuartiges Regime.
Es hat allerdings alte Wurzeln, die beispielsweise etwas mit den historischen Phänomenen der ursprünglichen Akkumulation und mit der Rolle des (absolutistischen) Staates zu tun haben: "Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation. Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne daß es dazu nötig hätte, sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühe und Gefahr auszusetzen." [7] Dieses Schuldenmachen ist ja keineswegs ein schicksalhaftes Verhängnis, sondern gehört zu den Kernprojekten des Neoliberalismus und ermöglicht heute ja erst die Anhäufung jener gewaltigen Privatvermögen, die den Geldmachtapparat tragen. Nach Michel Chossudovsky ist so ein Teufelskreis in Gang gekommen:
„Die Empfänger staatlicher Geschenke sind nun zugleich
die Gläubiger des Staates. Die öffentlichen Schulden, mit denen die
Finanzministerien das Big Business gepäppelt haben, werden von Banken
und Finanzinstitutionen erworben, die sich weiterhin staatlicher Subventionen
erfreuen. Eine absurde Situation: Der Staat finanziert seine eigene
Verschuldung, indem seine Geschenke in den Kauf von Staatsanleihen
zurückfließen. Der Staat ist so in die Zange geraten zwischen mächtigen
Wirtschaftslobbys auf der einen Seite, die dafür sorgen, dass die
staatlichen Geschenke nicht versiegen, und privaten Finanzhäusern
als Gläubigern auf der anderen Seite ... Außerdem sind in den meisten
OECD-Ländern die Zentralbank-Statuten geändert worden, um die Forderungen
der Finanzeliten zu erfüllen. Jetzt sind sie in aller Regel nominell
unabhängig und dem staatlichen Einfluss entzogen – praktisch also
zunehmend auf die Gnade privater Gläubiger angewiesen. Die Zentralbank
kann dem Staat unter ihren neuen Statuten keinen Kredit mehr einräumen.
Artikel 104 des Maastrichter Vertrags z.B. bestimmt, dass die Kreditgewährung
im Ermessen der Zentralbank liegt, die Zentralbank also nicht gezwungen
werden kann, solche Kredite zu gewähren ... In der Praxis operiert
die Zentralbank, die nun weder der Regierung noch der Legislative
Rechenschaft schuldig ist, als autonome Bürokratie unter dem Einfluss
privater Finanz- und Bankinteressen ... Das bedeutet, dass von Geldpolitik
als einem Mittel staatlicher Intervention keine Rede mehr sein kann.
Geldpolitik ist weitgehend eines Sache der Privatbanken, und Geldschöpfung
– zu der ganz wesentlich die Verfügungsgewalt über reale Ressourcen
gehört – findet innerhalb eines inneren Kreises des internationalen
Bankensystems statt und dient allein der Anhäufung privaten Reichtums.
Mächtige Finanzakteure haben nicht nur die Fähigkeit, Geld zu schöpfen
und ohne Behinderung frei zu bewegen, sondern können auch die Zinssätze
manipulieren und den Niedergang großer Währungen beschleunigen ...
Das bedeutet in der Praxis, dass die Zentralbanken nicht mehr in der
Lage sind, die Geldschöpfung im Allgemeininteresse der Gesellschaft
zu regulieren, um etwa Produktionsanreize zu schaffen oder die Beschäftigung
zu fördern.“
[8]
Das Grundproblem
besteht also in der Frage, über welchen Kapitalismus wir heute eigentlich
noch reden. Bekanntlich hat das führende US-amerikanische Kapitalismusmodell
seit den Siebzigern zwei Veränderungen erfahren. Erstens wurde der
mit dem New Deal eingeführte, staatlich regulierte stakeholder-Kapitalismus
durch ein neues Modell konzerngesteuerter Zielsetzungen und
Verantwortungen ersetzt. In diesem Modell ging es zweitens nicht mehr
um das Wohlergehen der Beschäftigten und die Wohlfahrt der Kommunen,
sondern darum, für die shareholder kurzfristig den Wert der
Aktien und die Dividendenauszahlungen zu steigern. „Die
praktischen Folgen sind ein stetiger Druck, die Löhne und sonstigen
Ansprüche der Beschäftigten zu kürzen (was in manchen Fällen zum Diebstahl
der Pensionen und zu anderen Verbrechen führte) sowie politische Propaganda
und Lobbyismus zugunsten der Senkung von Unternehmenssteuern, mit
denen staatliche und öffentliche Aufgaben finanziert werden könnten.“
[9]
Dieses System geht inzwischen als Franchise um die
Welt. Und es erzeugt in den verschiedenen Regionen und eben auch im
EU-Raum spezifische Varianten der sozialen, kulturellen und politischen
Konsolidierung des Prozesses der Akkumulation durch Enteignung. Was
übrigens das gleiche bedeutet wie Akkumulation durch Privatisierung.
Und hier wird gerade auch die Sphäre der Kultur zu einem zentralen Schauplatz, auf welchem die Medienkonzerne alle Inhalte, die gefilmt, gesendet oder ins Internet platziert werden, durch kommerzielle Funktionalisierung „in eine überwältigende Kontrolle menschlicher Kommunikation umwandeln, die beispiellos in der Geschichte ist." [10] Mit riesigem Progagandaufwand wird beispielsweise in dieser Kommerz-Kultur das ideologische Projekt einer Ownership Society vorangetrieben: „So wie wir Konservativen unsere Werte von Generation zu Generation weiterreichen, so möchte ich auch den Reichtum zwischen den Generationen weiterfließen sehen. Wir wollen nicht, dass jede Generation von vorne anfangen muss, abgeschnitten von der Vergangenheit und ungewiss ob der Zukunft.“ [11] Und das Cato Institute setzt noch eins drauf: „Individuen gewinnen Verfügungsmacht, wenn sie sich von den Almosen des Staates unabhängig machen und stattdessen ihr eigenes Leben und Schicksal kontrollieren. In der ownership society kontrollieren Patienten ihre eigene Gesundheitsversorgung, Eltern die Ausbildung ihrer Kinder, Arbeiter ihre Rücklagen für den Lebensabend.“ [12] Es ist die perfekte Nebelwand, hinter der sich die Interessen einer kleinen, superreichen Oberschicht zu einem Geldmachtapparat formieren können.
„Dies ist keine Zeit für Verlierer“, schreibt The Economist in einer Erläuterung der Wealth Condensation-Theorie [13] , derzufolge sich neu geschaffener Reichtum gesetzmäßig überproportional bei bereits reichen Individuen und Gruppen ansammelt:
„Der Markt bezahlt die Leute in bestimmten Jobs nicht
gemessen an ihrer absoluten Leistung, sondern nach ihrer Leistung
in Relation zu anderen konkurrierenden Kollegen. Das Einkommen eines
Fensterputzers berechnet sich nach der Zahl der Fenster, die er putzt,
aber ein Investment Banker wird nach seiner Stellung in einem Ranking-System
belohnt. Ein fleißiger Fensterputzer wird nur wenig mehr als ein fauler
verdienen. Aber auf dem Anleihen-Markt kann ein kleiner Leistungs-
bzw. Rankingunterschied alles bedeuten. Die Belohnungen an der Spitze
einer Ranking-Pyramide sind also überproportional hoch und weiter
unten überproportional niedrig. Leute in diesen Berufen nehmen oft
alle möglichen Entbehrungen in Kauf, nur um einen ‚top job’ mit dem
dazugehörigen Jackpot zu bekommen ... Folglich glauben manche Ökonomen,
dass die Liberalisierung der Märkte in den meisten Berufen zu wachsender
Ungleichheit und schließlich zu einer ‚winner-takes-all society’ führen
wird.“
[14]
[4]
David Harvey’s Begriff der ‚accumulation
by dispossession’ (Akkumulation durch Enteignung) umschreibt den
heutigen Kern von ‚Privatisierung’, D. Harvey, The New Imperialism,
Oxford University Press 2003 [5] F. Lundberg, Die Reichen und die Superreichen. Macht und Allmacht des Geldes, Hamburg 1969, S. 116 [6] Vgl. Jürgen Roth, Der Deutschland-Clan, Frankfurt/M. 2006; Thomas Leif, Beraten und verkauft, München 2006; Albrecht Müller, Machtwahn, München 2006; Jean Ziegler, Das Imperium der Schande, München 2005 [7] Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 787 [8] M. Chossudovsky, Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, Frankfurt/M. 2002, S. 306ff [9] William Pfaff, ‘Capitalism under fire’, International Herald Tribune, March 30, 2006; in Medien wie der New York Times nimmt derartige Kritik zu, z.B. von Autoren wie Paul Krugman, Bob Herbert, Anatol Lieven usw.
[10]
J. Rifkin, ‘The New Capitalism is
About Turning Culture into Commerce’, International Herald Tribune,
January 17, 2000 [11] John Major, ehem. brit. Premier, 1991 in einer Rede, http://en.wikipedia.org/wiki/Ownership_society
[12]
Homepage des Cato Institute: ‘Ownership
Society Philosophy’, http://www.cato.org/special/ownership_society/
[13]
Diese Theorie ist bezeichnenderweise
nicht von Ökonomen, sondern von ökonomisch interessierten Mathematikern
und Physikern entwickelt worden: J.-P.Bouchaud/M Mezard, ‘Wealth
condensation in a simple model of economy’, in: Physica
A 282, 2000; Zdzislaw Burda et al, 2002 ‘Wealth condensation in
Pareto macroeconomies’, in: Physical Review E, vol
65, 2002
[14]
Stichwort ‘winner takes all markets’,
Economics A-Z, http://www.economist.com/research/Economics/
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