EPS Vorstudie Telelearning

Bildung und Weiterbildung im Jahre 2010

 

Bildungsmarkt und 'bildungsgewerkschaftliche' Positionen

Betrachten wir, wie die 'National Education Association' (nea), das amerikanische Pendant zur GEW, sich die 'market driven future' des Bildungssystems, der Hochschulen, vorstellt. Hier sagen einige Bilder mehr als tausend Worte.

Im Jahre 2005 trifft sich in den USA eine Gruppe von College-Präsidenten und teilt das Land heimlich in Regionen auf. Innerhalb dieser Regionen werden franchises für das MacCollege-System vergeben. Dadurch wird die Verdoppelung von Lehrangeboten vermieden, einige spezifische Abschlüsse werden aus Effizienzgründen abgeschafft. Die letzte Effizienz wird durch ein neues Arbeitskonzept erreicht.

Nach dem Modell der Direktvermarktung und nach Techniken der business-Kommunikation entwickelt McCollege Inc. eine Bildungs-Kreditkarte, welche den Besitzer zu einer bestimmten Stundenzahl von Online-Bildungsangeboten berechtigt. In sogenannten mall-Zentren verkaufen salespeople spezifische Wissens-Pakete, die über das MacCollege-Computer-System abgerufen werden können, ausserdem Lehrmittel, wie den 'do-it-yourself-Schweineembryo-Sezier'-Kit.

An der Wired University ist der Übergang zum 'neuen' Bildungssystem von 2011 etwas gemässigter. Man ist seit langem stolz auf den persönlichen Kontakt zwischen Dozenten und Studenten. Man möchte an dem, was man unter qualitätsvoller Lehre versteht, festhalten. Wegen der finanziellen Engpässe ist man jedoch leider zu ein paar Kompromissen gezwungen. Also entschliesst man sich zu einer dramatischen Ausweitung des Fernstudiums. Im Unterschied zu MacCollege schwört man aber auf die exzellente Qualität der eigenen Bildungsprodukte und auf die unmittelbare Beteiligung und Anwesenheit des Lehrkörpers bei der Entwicklung der online-Lehrangebote. Wired University übernimmt das Star-System, das es an einigen öffentlichen Bildungseinrichtungen schon gibt und verfeinert es. Lehrende, die sich besonders wohl vor einer Kamera fühlen und besonders photogen sind, werden zu online-Stars, als die Vermittler des Wissens, das andere entwickelt haben. Auf die boshafte Bezeichnung 'Föngetrocknete' reagieren diese Wissensdarsteller damit, dass sie Agenten der Screen Actors Guild beschäftigen, um ihre Auftritte und Verträge auszuhandeln.

Outsource Tech: Diese Bildungsinstitution entschliesst sich, das Erlebnis unmittelbarer Lehre für seine Studenten aufrecht zu erhalten. Da Bildung aber so arbeitsintensiv ist, entscheiden sich die Leiter dieser Institution, ihre Kostenverwaltung und ihre Dienstleistungen nach dem Muster der fortschrittlichsten Business-Modelle durchzuführen. Entsprechend dem Trend, der den Einfluss der Konzerne in der höheren Bildung kontinuierlich gestärkt hat, lädt Outsourced Tech ein Team von Business-Visionären ein, um die vorhandene Bildungsorganisation radikal neu zu designen und so zu den kosteneffizientesten Lösungen zu gelangen.

Schon Ende des 20. Jahrhunderts wurden die Keime von Warehouse A&M gesät, z.B. in den staatlichen Massenuniversitäten des Mittleren Westens. Der Schritt von einem Campus mit 40,000 Studenten zu einem Campus mit 100,000 war nicht mehr gross. Der zunehmende Einsatz von Technologien und die abnehmende Zahl von Jobs für mittlere Angestellte, die von diesen Technologien verdrängt wurden, weckte die Befürchtung der Regierenden, dass Millionen junger Menschen arbeitslos werden könnten.

So kam es zu konzertierten Anstrengungen, die Adoleszenz der Studentenpopulation zu verlängern und so jene Störungen zu verhindern, die entstünden, strömten diese jungen Leute alle zugleich auf den Arbeitsmarkt...Also wurden Hörsäle gebaut, die 3000 Studenten zugleich fassten. Monitore in allen Winkeln dieser Hallen ermöglichten es den Studenten, den Professor und das von ihm präsentierte Material auch zu sehen. Prüfungen fanden nur noch in Gestalt von multiple-choice-Tests mit elektronischer Auswertung statt. Jeder persönliche Kontakt zwischen Dozenten und Studenten war rein zufälliger Art. Kurse für Erstsemester fanden hauptsächlich durch Lerncomputer statt. In den folgenden Semestern oblag die Lehre Hilfskräften und Assistenten. Erst in den Abschlußsemestern hatten die Studenten überhaupt eine Chance, ein Seminar bei einem leibhaftigen Mitglied des Lehrkörpers zu besuchen.

So weit die amerikanische National Education Association. Für die deutsche GEW haben wir vor kurzem folgende Positionen formuliert:

Bildung wird zu einem globalen Markt, daran ist kein Zweifel. Auf diesen Weltmarkt für Bildungsgüter drängen 'global players', zu denen z.B. auch der Bertelsmann Konzern und die Deutsche Telekom gehören. Triebkraft dieser Entwicklung sind angeblich die neuen Medien und insbesondere das Internet. Die zentrale Frage ist, ob sich nur private Anbieter und schliesslich Grosskonzerne auf dem Bildungsmarkt wirkungsvoll plazieren können. Viel Geld ist dort jedenfalls künftig zu verdienen. Politik und Bildungsbürokratie in Bund und Ländern beginnen allmählich aufzuwachen. Grosse Geldmittel werden in die Förderung 'virtueller Lernwelten' investiert.

Doch die neuen Technologien werden vor allem dazu benutzt, die Gesellschaft im Sinne des Neoliberalismus zu verändern. Es wird behauptet, dass der Einsatz von Computern und Internet eine Kommerzialisierung des Bildungsangebots einfach notwendig macht. Dagegen wendet z.B. der bekannte Kybernetik-Wissenschaftler Joseph Weizenbaum vom MIT ein, dass nicht Computer die Gesellschaft verändern dürfen, sondern dass Computer ein Anlass für das Nachdenken darüber sein sollten, wie wir unsere Gesellschaften mit ihrer Hilfe besser und friedlicher gestalten können.

Heute aber machen grosse Firmen verlockende Angebote zur Zusammenarbeit zwischen sogenannten 'content producers', insbesondere der Wissenschaft, auf der einen Seite und der Wirtschaft auf der anderen. Zugleich schleusen sie z.B. ihre Produkte in die Lehre und Forschung ein und werben die besten Studierenden ab. Tendenziell wird in einer solchen Form der 'public-private-partnerships' der öffentliche Bildungssektor immer stärker ausgehöhlt, ja ausgeblutet. Die Ausbildung der Eliten, der Führungskräfte, wird allmählich von Weiterbildungseinrichtungen der Konzerne ('Corporate Universities') übernommen.

In einer Zeit und auf einem Arbeitsmarkt, der heute lebenslanges Lernen und ständige Weiterbildung verlangt, müssen demgegenüber gerade die öffentlichen und gemeinnützigen Bildungseinrichtungen gestärkt und 'elektronisch' fit gemacht werden. Der Weiterbildungsmarkt darf nicht nur ein grosses Geschäft werden, sondern die Finanzierung und Qualitätskontrolle (Verbraucherschutz!) der Bildungsangebote muss durch staatliche und öffentliche Kontrolle gewährleistet werden. Auch müssen gemeinnützige und kooperative Formen der Bildung im elektronischen Medium offensiv entwickelt werden.

Ein besonderes Problem ist allerdings die geringe Bereitschaft der deutschen 'Wissensproduzenten', gerade auch in den Einrichtungen der öffentlichen und politischen Bildung, sich auf die Möglichkeiten der neuen Situation einzustellen und an der Entwicklung neuer Medien für Bildungsprozesse zu beteiligen. Hier liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich ganz weit hinten. Und nur, weil die deutschen Intellektuellen aller Couleur den neuen Medien oft noch so skeptisch gegenüberstehen, verstärkt sich auch die Gefahr, dass die privaten Konzerne in den Partnerschaften die Oberhand gewinnen.

Es muss also darum gehen, sich auch aus dem politischen und gewerkschaftlichen Raum heraus stärker für die neuen Medien zu interessieren und zu engagieren. So hat eine Expertengruppe aus Politik, Gewerkschaften und Wissenschaft unter der Federführung der GEW einen Bundesgesetzentwurf für die berufliche Weiterbildung erarbeitet. Damit soll das neoliberale Konzept der Weiterbildung - immer mehr private Finanzierung im Sinne angeblicher 'Eigenverantwortung', Abbau bewährter Institutionen unter dem Modebegriff der 'Selbstorganisation' usw. - zurückgedrängt werden. Des weiteren soll die 'gewerkschaftliche Medienkompetenz' ausgebaut werden.

Der Weiterbildungsbereich ist inzwischen der vom Finanzvolumen und den Teilnehmerzahlen her grösste Bereich. Deshalb ist hier einerseits eine stärkere öffentlich verantwortete Regulierung und Systematisierung vonnöten, die den einzelnen vor den blinden Kräften des Marktes schützt. Dies betrifft insbesondere die sozialverträgliche Finanzierung, die Qualitätssicherung, die Sicherung von Lernzeitansprüchen, Zugängen, Abschlüssen und bestehenden Kooperationen sowie die Weiterbildungsforschung. Anderseits müssen sich im politischen Raum neue 'Mitspieler' konstituieren, damit 'Weiterbildungsanbietern' wie Telekom, Bertelsmann usw. nicht das Feld überlassen wird.