Die sowjetische Architektur im Raum Moskau

in den 1920er Jahren

Einleitung

Moskau auf einen Blick
Moskau hat mehr als 10,4 Millionen Einwohner. Zentrum der Stadt ist der Rote Platz mit der Basiliuskathedrale und dem Kreml.
Die Moskwa fließt in Schleifen durch die Stadt und an der Südseite des Kreml's entlang.
Die touristisch interessanten Stadtteile liegen zumeist nördlich und westlich des Roten Platzes. Vom Roten Platz aus führen breite Straßen zum Gartenring und zu den Außenbezirken. Das gigantische kreisförmige Stadtgebiet wird vom Autobahnring umgrenzt.
Doch so sah Moskau nicht immer aus, wie ein Blick auf die Geschichte zeigt:

Die Geschichte Rußlands im Überblick

Vom 6. bis 11. Jahrhundert ist Moskau eine unbewohnte Sumpflandschaft.
1147 wird die Stadt Moskau von Jurij Dolgoruki gegründet und erstmals in der Geschichte als Fürstensitz urkundlich erwähnt.
Zwischen 1237 und 1240 fallen die Mongolen ein. Kiew und auch Moskau - damals fast noch ein Dorf – werden niedergebrannt. Das Machtzentrum der Mongolen ist Sarai, beim heutigen Wolgograd. Das "tatarische Joch" isoliert Rußland für die folgenden Jahrhunderte vom Westen. Renaissance und Reformation sowie der frühe Kapitalismus dringen nicht nach Rußland vor. Um Moskau aber kümmern sich die Mongolen kaum. Im Schutz der Sümpfe und Wälder entwickelt sich das Dorf zur Stadt.
1462 werden unter Großfürst Ivan III. die russischen Fürstentümer vereint. Das Moskauer Reich entwickelt sich zur stärksten Macht in Osteuropa. Ivan III. zahlt auch keinen Tribut mehr an die Goldene Horde der Tartaren.
Iwans Nachfolger Donskoi besiegt erstmals die Tartaren. Zwei Jahre später folgt die Rache der Mongolen. Moskau wird niedergebrannt.
1547 nimmt Ivan IV - besser bekannt als Ivan der Schreckliche - das Zepter in die Hand und den Titel Zar (Kaiser) an. Dieser Titel bedeutet soviel wie "der von Gott gewollte Nachfolger der oströmischen und byzantinischen Kaiser". In jener Zeit wurde Moskau auch das dritte Rom genannt (Konstantinopel war das zweite Rom).
In der Zeit danach wird Moskau zur Hauptstadt eines immer größeren Rußlands.
Iwan, der "Schreckliche", dehnt sein Reich bis nach Sibirien aus (1582) und setzt sich gegen die Bojaren, den russischen Adel durch. Er nennt sich erstmals Zar - von lateinisch "Cäsar", in der Tradition des byzantinischen, oströmischen Reiches, das inzwischen von den Türken erobert wurde.
Zum Zeichen dafür, daß von den Tataren keine Gefahr mehr droht, läßt er die Basiliuskathedrale außerhalb der schützenden Kreml-Mauern auf dem Roten Platz bauen – als Symbol seines Sieges über den Khan von Kasan im Jahr 1556.
1571 setzten die Krimtataren Moskau in Brand. 1586 wird der Boulevard-Ring gebaut, 1593 folgt der Bau des Garten-Rings. 1613 beginnt die Zarendynastie der Romanows. Michail Fjodorowitsch wird Zar.
1653 leitet Patriarch Nikon die Kirchenreformen ein - dies führt zur Spaltung der russisch-orthodoxen Kirche.
Von 1667-1671 gibt es einen Bauernaufstand unter der Führung des Donkosaken Stepan Rasin. 1671 wird Rasin auf dem Roten Platz hingerichtet.
1689 gelangt Peter der Große auf den Thron und forciert den Anschluß an den Westen. Händler, Baumeister und Künstler aus dem Westen kommen nach Moskau. Doch Peter der Große läßt 1712 St. Petersburg als neue Hauptstadt ausbauen. Eine Hafenstadt mit Schiffswerft an der Ostsee soll das Land enger an den Westen anbinden. Nur in St. Petersburg dürfen Gebäude aus Stein errichtet werden. Moskau bleibt bis zur Zeit Napoleons und noch danach eine Stadt aus Holzhäusern. Doch ist Moskau die "heimliche Hauptstadt", die sich auch Napoleon als Ziel seines Feldzugs aussucht.
Peter der Große regiert bis 1725. Nach ihm übernimmt Katharina I. für zwei Jahre die Regentschaft, ihre Nachfolgerin wird Katharina II., die den Beinamen „die Große“ trägt. Katharina II. ist eine deutsche Prinzessin, die deutsche Bauern an der Wolga ansiedelt.
1737 wird Moskau abermals durch ein großes Feuer zerstört.
1755 wird in Moskau die erste Universität Rußlands gegründet, die heutige Lomonossov-Universität. Katharina die Große regiert bis 1796.

1812 – 1916
Napoleon macht nicht St. Petersburg zum Ziel seines Feldzugs, sondern Moskau. Er will nach seinen Worten nicht den Kopf Rußlands, sondern seine Seele. Napoleons Grande Armee dringt im Winter 1812 in Moskau ein. Bald schon brennt die Stadt und das Feuer zerstört 70 Prozent der Gebäude.
Nach dem Sieg über Napoleon wird Rußland zur europäischen Großmacht, bleibt aber ein feudal und autokratisch regiertes Land. Es gibt kaum Reformen.
1823 wird in Moskau das Bolschoi-Theater eröffnet, 1851 folgt die Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnlinie Rußlands, die von Moskau bis St. Petersburg führt.
1855 kommt Alexander II. an die Macht und hebt 1861 die Leibeigenschaft formal auf. Doch Hunger und Verarmung der Bauern, die ohne eigenes Land bleiben, nehmen weiter zu. Mit der in Rußland erst am Ende des 19. Jahrhunderts beginnenden Industrialisierung wandern die landlosen Bauern in die Städte ab, wo sie unter katastrophalen Bedingungen leben und arbeiten.
1894 besteigt Nikolaus II. nach dem Tode Alexanders III. den russischen Thron. Er wurde letzter Zar Rußlands aus der Romanow-Dynastie.
1899 hat Moskau seine erste Straßenbahnlinie und ist eine Großstadt mit einer Million Einwohner.
Der 22. Januar 1905 wird zum Blutsonntag. Eine friedliche Demonstration von Arbeitern wird in St. Petersburg zusammengeschossen. Daraufhin gab es allgemeine Unruhen. Arbeiterräte entstehen in vielen Städten.

Im Ersten Weltkrieg kämpft Rußland auf der Seite der Alliierten Frankreich und Großbritannien gegen Deutschland, Österreich und Italien. Millionen von Gefangenen und Toten, verlorene Schlachten mit enormen Gebietsverlusten, Hunger im ganzen Land führen zum offenen Widerstand gegen die Zarenherrschaft, zur "Februarrevolution" von 1917. Im Februar 1917 wird der Zar zur Abdankung gezwungen und schließlich dankt Zar Nikolaus II. am 2. bzw. 15. März 1917 ab. In St. Petersburg übernimmt eine bürgerliche Regierung unter Kerenski die Macht, die aber den Krieg nicht beenden will. Noch im selben Jahr stürmen die Bolschewiken unter Führung Lenins das Winterpalais in St. Petersburg. Die Oktoberrevolution beginnt. Die im Winterpalais residierende bürgerliche Regierung Kerenskis wird entmachtet, die Zarenfamilie gefangengenommen und später ermordet.
Die Bolschewisten übernehmen unter Lenins Führung die Macht. Lenin beendet den Krieg mit Deutschland/Österreich und macht Moskau zur neuen Hauptstadt. Am 11. März 1918 zieht die sowjetische Regierung von St. Petersburg nach Moskau.
Es folgt ein mehrjähriger Bürgerkrieg zwischen "Roten" und bürgerlichen "Weißen", die von Deutschland, Großbritannien und Frankreich unterstützt werden. Die von Trotzki geführte Rote Armee siegt.
Ein Besucher 1921 über Moskau: "Diese wundervolle Stadt ist zerfetzt, zerknittert und tödlich gelähmt". Doch in den 20er Jahren führt die NEP, die Neue Ökonomische Politik, die Privateigentum zuläßt, zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Moskau wird zum Zentrum der kulturellen Avantgarde Europas. Majakowski, El Lissitzky oder Le Corbusier arbeiten in Moskau.
1922 wird die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet, mit Moskau als Hauptstadt.
Nach dem frühen Tod Lenins im Jahr 1924 gelangt Iossif W. Stalin an die Macht. Stalin errichtet für Lenin ein Mausoleum am Roten Platz.
Die liberale Phase der 20er Jahre geht zu Ende. Statt NEP regiert in Moskau der Gosplan, das staatliche Plankomittee. Am Dserschinski-Platz richtet Stalin die Zentrale des Geheimdienstes ein, die Lubjanka. Moskau wächst rapide. 1928 beginnt man mit der Zwangskollektivierung. 1932 beginnt man mit dem Metrobau, 1935 schwenkt man um auf das Prinzip der Städtebaulichen Neuplanung.
1937 wird der Moskau-Wolga-Kanal eröffnet. Im Jahr 1939 zählt Moskau 4,5 Millionen Einwohner, 1926 waren es noch zwei Millionen.
Die Stadt wird autoritär umgestaltet – im Zuckerbäckerstil schafft Stalin Hochhäuser, die Moskau zur modernen Metropole machen sollen. Straßen werden verbreitert und neu angelegt. Die Kremltürme erhalten Rote Sterne aus elektrisch beleuchtetem Rubinglas aus Sibirien.
1941 überfällt die deutsche Wehrmacht Rußland und steht vor den Toren der Stadt Moskau, nachdem Hitler den Nichtangriffspakt gebrochen hat. Die Belagerung war erfolglos. Der Winter hat die Wehrmacht zum Rückzug gezwungen. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht beginnt für Rußland der "Große Vaterländische Krieg"
Im Januar/Februar 1943 beginnt der Rückzug der deutschen Truppen unter dem Schlagwort „verbrannte Erde“. AM 9. Mai 1945 wird im sowjetischen Hauptquartier in Berlin die Kapitulationsurkunde unterzeichnet.
Aus dem Zweiten Weltkrieg geht die Sowjetunion als Weltmacht hervor. Doch im Innern herrschen Stagnation und Terror. Stalin hatte Millionen Russen umbringen lassen oder in die Lager des Gulags verschleppen lassen, ist aber ähnlich wie Hitler zu Lebzeiten ein populärer Diktator. Bei seinem Tod 1953 ziehen Zehntausende Moskauer an seinem Sarg im Moskauer Haus der Gewerkschaften vorüber. Nach Stalins Tod übernehmen Chruschtschow, Malenkow und Berrija die Kollektivregierung. Nikita Chruschtschow, Erster Sekretär des ZK der KPDSU, verurteilt in einer Geheimrede auf dem XX. Parteikongreß den Personenkult Stalins. Die Entstalinisierung beginnt.
Chruschtschows Name bleibt mit dem Bau der Berliner Mauer, dem ersten Satelliten "Sputnik" und der Kubakrise verbunden. Chruschtschow bleibt nur einige Jahre an der Macht, wohl auch deshalb, weil er die wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht lösen konnte.
Das gelingt auch Breschnew nicht, unter dessen 18-jähriger Regentschaft (1964-1982) Mißwirtschaft und Verschwendung von Ressourcen weiter zunehmen. In Moskau herrscht trotz sozialistischer Massenarchitektur Wohnungsnot.
Nach dem Tode Breschnews und einer kurzen Zwischen-Regierung Andropows und danach Tschernenkos wird 1985 Gorbatschow zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt. 1987 beginnen die Reformen unter Gorbatschow. Die Worte Perestroijka-Umgestaltung und Glasnost gehen um die Welt. Glasnost und Perestroijka sind der Anfang vom Ende des Sowjetkommunismus. 1989 fällt der eiserne Vorhang. 1990 wird das Mehrparteiensystem eingeführt und Gorbatschow erhält den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen. Am Ende des Auflösungsprozesses ist Moskau nicht mehr die Hauptstadt der Sowjetunion sondern nunmehr Rußlands.
Am 19. August 1991 kommt es in Rußland zum Putsch. Gorbatschow, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der Krim befindet, wird arrestiert. Boris Jelzin's Stunde war gekommen. Er ließ Panzer vor dem Weißen Haus auffahren und rief zum Generalstreik auf. Die Putschisten gaben am 21. August auf. Jelzin, gestärkt durch die Machtprobe mit den Putschisten, forderte Gorbatschow zum Rücktritt auf.
Am 25. August 1991 tritt Gorbatschow als KPdSU-Generalsekretär zurück
Am 8. Dezember 1991 bilden Rußland, Ukraine und Weißrußland in Brest den "slawischen Dreierbund", einen Vorläufer der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Am 17. Dezember 1991 beschließen Jelzin und Gorbatschow die Auflösung der UdSSR zum 31. Dezember 1991

Sightseeing in Moskau
Wer auf dem Roten Platz stand und in der Abendsonne die bunten Zwiebeltürme der Basiliuskathedrale leuchten sah, dem bleibt Moskau allein schon wegen dieses Anblicks für immer im Gedächtnis. Der Kreml auf der Ostseite des Roten Platzes war Sitz der Zaren, bis Peter der Große im 17. Jahrhundert Petersburg zur Hauptstadt machte. 850 Jahre reicht die Geschichte Moskaus zurück. Der Stadt sieht man das aber nicht an. Noch im vorigen Jahrhundert bestand Moskau fast nur aus Holzhäusern. In der Innenstadt stehen heute barocke Kirchen und Klöster im Kontrast zur sozialistischen Einheitsarchitektur und Hochhäusern im stalinistischen Zuckerbäckerstil.
Der Rote Platz ist der Mittelpunkt Moskaus. Die bunten Zwiebeltürme der Basiliuskathedrale am südlichen Ende des mehrere hundert Meter langen Platzes sind das Wahrzeichen Moskaus, wenn nicht ganz Rußlands.
An der Südseite des Roten Platzes entlang verläuft die Kreml-Mauer. Davor befindet sich das Lenin-Mausoleum. Millionen von Sowjetbürgern pilgerten früher zu dem aus dunkelrotem Granit gebauten Allerheiligsten des Sowjetkommunismus.
Eine Ikone Rußlands ist auch das Kaufhaus GUM auf der Ostseite des Roten Platzes. Das um die Jahrhundertwende im Jugendstil errichtete Gebäude beherbergt unter seinen Glaspassagen mehr als 2 Kilometer Ladenfront. Einst die Konsum-Vitrine des Sowjet-Sozialismus, wurde es in den 90er Jahren zur ersten russischen Shopping-Mall.
Der Arbat westlich des Kremls war zu Zeiten von Glasnost und Perestroika die erste Fußgängerzone der Sowjetunion. Straßenmusiker fanden hier ihr Publikum, Künstler zeichneten Portraits, Punks tranken Bier. Alle genossen sie hier die neue Toleranz. Ein bißchen von diesem Flair ist heute noch zu spüren, obwohl die McDonaldisierung bereits fortgeschritten ist. Auch die Gebäude und Gassen des gleichnamigen Stadtteils sind sehenswert. Um die Jahrhundertwende bauten hier Adlige und betuchte Persönlichkeiten pompöse Stadtvillen.
Nordöstlich des Roten Platzes führt die Treskaya-Straße zum Pushkin-Platz - heute der Ort, an dem sich die Moskauer am liebsten verabreden. Hier hatte sich eine Art Speaker's Corner entwickelt, wo Politik diskutiert wird und schon so manche Demonstration stattfand.
Erholung finden die Moskauer im legendären Gorki Park am Ufer der Moskva, südlich des Kreml. Auf mehr als 120 Hektar Grünfläche gibt es Cafés und Biergärten. Ein Riesenrad bietet Ausblick auf die Stadt. Skateboards und Ghettoblaster sind im Einsatz. Im Winter werden die Wege geflutet und der Park wird zur Eisbahn. Berühmt ist der allwinterliche Wettbewerb der Eisfiguren-Schnitzer. Geöffnet von 9 bis 22 Uhr.

Unterirdische Paläste für die proletarischen Massen - unter diesem Motto weihte Stalin 1935 die erste Strecke der Moskauer Metro ein. Sogar während des Zweiten Weltkriegs wurde an diesem Prestige-Projekt weitergebaut. Heute umfaßt das Streckennetz 240 km und 150 Stationen. Täglich benutzen mehr als 8 Millionen Menschen die Metro. Nicht nur wegen des Anblicks vorwärtsdrängelnder Menschenmassen, vor allem wegen der pompösen Ausstattung ist die Metro einen Besuch wert.
In der Prawda hieß es 1935: "Bahnsteig ist hier ein zu bescheidenes Wort. Es sind Bahnhöfe, verkleidet mit Marmor, Granit, Kupfer und bunten Kacheln ... Höhe, Sauberkeit, der Glanz der zartgrauen, rosa-farbenen, rotgeäderten Säulen, gleichmäßiges Licht aus formstrengen Kronleuchtern, polierte Wände." Aus heutiger Sicht  haben viele Stationen etwas Kurioses.
Stalin ließt sich übrigens eine private Linie vom Kreml zu seiner Datscha bauen, weil ihm die Autofahrt zu gefährlich schien.

Doch in Moskau war man sich nicht immer einig über die Baustile, die man anwenden sollte oder über die Art der Gebäude, die errichtet werden sollten. Über die Diskussionen, die in den zwanziger Jahren, also unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Sozialisten, durchgeführt wurden, geben wir im folgenden einen kurzen Überblick.

Städtebauliche Aktivitäten

Die Gartenstadt
Im ersten Viertel des neuen Jahrhunderts war die Theorie der Gartenstadt in Fachkreisen und auch in der breiten Öffentlichkeit die populärste, welche auch die städtebauliche Praxis stark beeinflußte. Zunächst wurde diese Art von Baustil beim Errichten von Stadtrand- und Datschensiedlungen angewendet. Als jedoch kurz nach der Revolution die Umsiedlung von Arbeitern aus Hütten, Kellern und behelfsmäßigen Baracken durchgeführt wurde, entspannte sich zwar zunächst der Wohnungsmarkt, jedoch wurde der Wohnraum für nicht-arbeitende und begüterte Schichten der Bevölkerung eingegrenzt und die Mieten erhöht. Dies führte dazu, dass sie sich in die Randgebiete der Städte zurückzogen und sich eigene Häuser zu beschaffen suchten. Schon in den ersten Jahren der Neuen Ökonomischen Politik begann in den Außenbezirken vieler Städte der massenhafte Bau von Eigentumswohnhäusern mit Garten, die ironisch mit dem Titel "Gemüsegartenstädtchen" bedacht wurden. Doch die Architekten planten diese Häuser nicht nur für die ehemals Herrschenden, sie wollten, daß auch das Proletariat von den Verbesserungen der Lebensumstände profitierte.
Jedoch verbanden sich mit dem Konzept der Gartenstadt nicht nur Hoffnungen für die Schaffung von Siedlungen, die allen hygienischen Anforderungen entsprachen, sondern auch zur Lösung sozialer Probleme durch städtebauliche Maßnahmen beitragen sollten. Die sozialen Probleme dieser Zeit waren hauptsächlich Wohnungsmangel, wirtschaftliche Probleme und die Überbelegung von Wohnungen. So war es damals nicht unüblich, dass drei Familien in einer Drei-Zimmer-Wohnung lebten. Diesem Problem sollte das Konzept der Gartenstädte wie gesagt Abhilfe leisten, denn das Konzept fand drei Arten der Begründung für seine Befürwortung: architektonisch-planerische, hygienische und soziale.

Die architektonisch-planerische Befürwortung lag in der Wichtigkeit einer erweiterten Begrünung der Stadt, der Zweckmäßigkeit kleiner Siedlungen sowie der Wirtschaftlichkeit der Wohnbebauung. Die Erweiterung der Begrünung der Stadt sollte der besseren Erholung und Reproduktion der Arbeiter dienen, die in Mehrfamilienhäusern in "Betonstädten" nicht so leicht möglich gewesen wäre. Mehrfamilienhäuser könnten dem Arbeiter trotz bestem Komfort nicht jene psychische und physische Isolierung verschaffen, die er zur Regenerierung der physischen Kräfte und der Nervenkraft braucht. Zu diesem Aspekt kam noch die Möglichkeit, den Widerspruch zwischen Stadt und Land zu beseitigen, indem Fabrikarbeiter nun an der Landwirtschaft beteiligt werden konnten. Es war ihnen nun möglich, neben der Fabrikarbeit durch Eigenproduktion ihren Lebensunterhalt zu verbessern, denn im eigenen Garten wuchs zum Verzehr so manches Gemüse und im eigenen kleinen Stall wurde so manches Tier gemästet.
Zusätzlich brachte das Konzept noch die Möglichkeit mit sich, die Stadt umzugestalten, indem neue Arbeitersiedlungen weitestgehend in die natürliche Umgebung eingepaßt wurden - und sich das Stadtbild trotzdem wandelte.

Die Hygiene wurde dadurch verbessert, dass in den Gartenstadt-Häusern die sanitären Anlagen auf dem neuesten Stand der  Technik waren.
Der soziale Aspekt war vielschichtiger: Zum einen betrachteten viele die Konzeption der Gartenstadt als soziales Programm für die sozialistische Besiedlung der Zukunft. In ihr sah man einen konkreten Plan zur Beseitigung der vom Kapitalismus geerbten Großstädte und zur Überwindung des Widerspruchs zwischen Stadt und Land. "Siedlungen am Rande oder in den Vororten Moskaus mit kleinen Einzelhäusern, die von Gärten, Gemüsegarten und von Grünflächen für Spiel und Sport umgeben sind und die guten und billigen Straßenbahnanschluß haben, werden den Arbeitern das geben, was sie vor allem brauchen: eine geräumige und gesunde Wohnung, die zu einem Ort für die Erholung und zur Sammlung neuer Kräfte für die gesellschaftliche Tätigkeit und für die Arbeit wird." (aus: Avantgarde 1900-1923: Russische Architektur; Seite 100)
Die Struktur der Gartenstadt war in ihrem Siedlungsgebiet nicht festgelegt, so daß ein derartiges monostrukturelles System sofort mit den komplizierten und widersprüchlichen Prozessen der tatsächlichen Urbanisierung zusammenstieß.
Am meisten kritisiert wurden in der städtebaulichen Diskussion die Hauptthesen der Konzeption der Gartenstadt, wie die Verneinung der Zukunft der Großstädte, die Bewertung der Kleinstadt als wichtigstem Siedlungstyp und die Orientierung auf den Landhaustyp mit wenigen Geschossen sowie kleiner individueller Landwirtschaft. Dazu kamen noch die tatsächlich Ausbildung industrieller Ballungsgebiete, die Unwirtschaftlichkeit der Gartenstadt und die Unmöglichkeit, in die Städte in großem Maß Landhausbebauung einzuführen. Zudem hielten die Gegner dem Gartenstadt-Prinzip vor, den Ideen des Kommunismus zu widersprechen. "Der Gedanke des Baus von Einfamilienhäusern [...] kann aufgrund seiner reaktionären Wurzel und deutlich ausgedrückte kleinbürgerlichen Ideologie Schaden anrichten und den Prozeß der sozialistischen Entwicklung des Landes bremsen." (aus: Avantgarde 1990-1923: Russische Architektur; Seite 101). Überraschend war auch, dass die stärkste Kritik von den Arbeitern selbst kam, für die diese Häuser ursprünglich gedacht waren:  Viele Arbeiter, die den Kollektivismus des Proletariats als Gegensatz zum Eigentumsindividualismus verstanden, beurteilten den Bau von Einfamilienhäusern in Arbeitersiedlungen entschieden ablehnend.

Bildung von Arbeitersiedlungen
Als das Bevölkerungswachstum der einzelnen Städte Rußlands jedoch so rapide zunahm, daß man mit dem Bau von Gartensiedlungen nicht mehr mithalten konnte, war man gezwungen, andere Lösungsmöglichkeiten zu finden. So versuchte man es  mit zweigeschossigen Wohnhäusern, die neben den altbekannten Arbeiterkasernen am Anfang des 20. Jahrhunderts mit soziokulturellen Einrichtungen Aufsehen erregten.. Die Wohnungen wurden zu günstigen Bedingungen vermietet. Die Fabrikanten stellten auf eigene Kosten Folgeeinrichtungen wie Kinderkrippen, Schulen, Krankenhäuser und Volkshäuser mit Theatersälen zur Verfügung. Auf diese Art und Weise wurden die Arbeiter - oft über Generationen - mit ihrer Familie an die Firma gebunden und das Konzept gewährleistete die Reproduktion der wertvollen Arbeitskraft. So wurde gleichzeitig der Lebensprozeß von der Geburt über die Ausbildung, Verpflegung und Heilbehandlung bis zur Arbeitsstelle unter Kontrolle gestellt. Neuartig war in dieser Art von Wohnsiedlung jedoch, daß eine Verbindung von Arbeitersiedlung mit Gemeinschaftseinrichtungen vorhanden war, die dem gesamten Komplex einen neuen sozialen Sinn gab.
Zu einem Meilenstein in der Geschichte der russischen Architektur wurde 1924 der Bau der ersten Arbeitersiedlung mit 200 Wohnhäusern in Ivanovo-Voznesensk. Speziell für dieses Bauvorhaben wurde in einem Sägewerk an der Wolga die Massenproduktion von Bauteilen organisiert. Man baute Schablonen und einige Musterhäuser. Die geplante Siedlung war für insgesamt 8000 Einwohner berechnet und hatte eine Gesamtfläche von 86 Hektar.

Grundlage des Bebauungsplans war die Idee der Gartenstadt. Die Hauptstraßen führten auf kürzestem Wege zur Industriezone, die komplette Siedlung war durch einen Park in zwei Teile unterteilt.  Verkehrs- und Fußwege waren voneinander getrennt, wobei den Fußgängern jedoch immer Vorrang gegeben wurde. Große Flächen waren neben den Häusern für einen Park, kollektive Gärten sowie Grünflächen, Kinderspielplätze und ein Stadion ausgewiesen.


Die Häuser bestanden aus einem Skelett von Holzfachwerk, das auf einem Betonfundament verankert war. Die Wände bestanden aus zwei Schichten von zolldicken Brettern. Dazwischen lag eine Schicht von nicht-brennbarem Torf. Außen und innen waren die Wände verputzt, das Holzskelett wurde mit dunkler Farbe gestrichen. Insgesamt gab es vier Haustypen in dieser Siedlung, die nur ihre Zweigeschossigkeit gemeinsam hatten. Ansonsten nahm die Größe der Häuser vom Stadtkern zur Peripherie ab: Die im Zentrum liegenden Häuser hatten acht bis zehn Wohnungen, dann kamen solche mit vier und schließlich die mit zwei Wohnungen. In diesen Zweifamilienhäusern hatten die Wohnungen im Erdgeschoss Küche, Nebenräume und Wohnzimmer, im Obergeschoß die Schlafräume. Die Bauweise der Häuser mit sechs, acht und zehn Wohnungen unterschied sich etwas von der oben genannten Bauweise: Das Erdgeschoss war aus Stein oder Ziegel, das Obergeschoß in der Holzblockbauweise errichtet. Die meisten Häuser hatten Mansarden. Alle Siedlungen wurden aus Mitteln der Arbeiter-Wohnbaugenossenschaft finanziert.

Das Kollektiv-Haus
1931 wurde das erste Kollektiv-Haus, ein Wohnkombinat aus 400 Wohnungen, am Eingang zur Arbeitersiedlung "Ivanovo-Voznesensk" gebaut. Durch die Stirnseite seiner vier parallelen Blöcke entstand eine eindrucksvolle Perspektive. An der Stirnseite haben die Wohnblöcke sechs Etagen. Den oberen Abschluß bildet eine Dachterrasse, die mit dünnen Stahlbetondächern und transparenten Metallgeländern ausgestattet ist. Vier der Etagen weisen große Balkone auf, deren glatte Betonbrüstungen zur Straße hin auskragen. Die Läden im Erdgeschoß werden durch ein durchlaufendes Schaufensterband betont. Außer den 400 Wohnungen mit zwei oder auch drei Zimmern hat das Kollektiv-Haus einen entwickelten Gemeinschaftsteil. Dieser besteht aus einem Kindergarten mit 200 Plätzen, einem Kinderspeisesaal mit 300 Plätzen, einer mechanischen Wäscherei und Läden, einem Versammlungssaal mit Bibliothek und Lesesaal sowie Verwaltungsräumen der Genossenschaft. Die Pläne dieses Projektes wurden nicht ganz in die Tat umgesetzt, da materielle Schwierigkeiten dieses verhinderten.

Fazit
Der von der Avantgarde befürwortete Bruch mit der Tradition war von kurzer Dauer, und der Versuch der Umwandlung der Gesellschaft mit Hilfe der Architektur war gescheitert. Von der Mitte der 30er Jahre an wird die populistische Orientierung am historischen Erbe unübersehbar, am Eindrucksvollsten an den Bauten der 40er und 50er Jahre.
Unserer Meinung nach sind alle Formen der Bebauung auf lange Sicht gesehen gescheitert, da man heute im Gebiet der ehemaligen UdSSR hauptsächlich Plattenbauten findet.
Plattenbausiedlung im weißrussischen Brest.

In diesen Plattenbauten sind zwar viele Wohneinheiten vorhanden, dennoch sind es in sich abgeschlossene Einheiten. Kollektive Einrichtungen innerhalb des Wohnblocks wie Theater, gemeinsame Speiseräume oder Gemeinschaftsküchen gibt es nicht mehr.
Ebenso ist der Plan, für jeden Einwohner einen Platz zum Wohnen zu finden, der durch das Gesetz über die "Sozialisation des Landes" angestrebt worden war, gescheitert, denn in jedem Winter sterben alleine in Moskau zahlreiche obdachlose Menschen.