Die Slums der indischen Megastädte

Mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung, rund 230 Millionen Menschen leben heute in den quirligen und aus allen Nähten platzenden Metropolen des Subkontinents.

Wie in anderen Ländern auch, haben sich die Millionenstädte Indiens zum Zentrum modernster Technologie und Hoffnung auf zukünftigen Fortschritt entwickelt. Indien wird in zunehmenden Maße nach dem Status und den Lebensbedingungen seiner Megastädte beurteilt, da hier der Mittelpunkt der kommerziellen und industriellen Macht des Landes liegt, die Kraft seiner Transport- Verteilungs- und Kommunikationssysteme. Hochmoderne Entwicklungen in allen Bereichen menschlichen Lebens finden neben der Erhaltung alter Traditionen statt, das Alte und Neue existieren Seite an Seite, Ruinen und Erinnerungen an vergangene Reiche sind in das gesellschaftliche Leben des heutigen Indien integriert.

 

Von denen, die auf der Straße wohnen

 

"...Kalkutta sei von Natur aus eine Stadt ohne Zukunft, sie brauche auch keine Zukunft- Stellen sie sich vor, Kalkutta eine reiche, gepflegte, saubere Stadt, was für eine Fehlkonzeption -, sie könne stolz auf ihre Armut sein. In Delhi, da habe er das Gefühl, in drei Tagen alles gesehen zu haben, in Bombay- da sind doch alle nur wild nach Geld!- schon nach zwei Tagen. Aber Kalkutta? Das sei keine Stadt, von der er behaupte, er würde sie je in seinem Laben begreifen lernen..."

(W. Hieber "Alltag in Indien" 1986)

 

Wie die meisten der Metropolen dieser Welt, so haben auch die indischen ihre Slums, sind überbevölkert, machen sich neben den Wolkenkratzern der Konzernriesen Armut und Elend breit. Die Elendsviertel der indischen Megastädte, blicken auf eine lange Entwicklungsgeschichte zurück und die hygienischen und sozialen Bedingungen der heutigen indischen Slums, vor allem die der Stadt Kalkutta gelten als die furchtbarsten weltweit.

Obwohl es sich bei Indien um eine sehr großes und in vielen Teilen recht ungleichartiges Land handelt, dessen Heterogenität eine Generalisierung oft schwer machen, können die Bedingungen und Zustände der indischen Slums in einigen allgemeinen Beschreibungen charakterisiert werden.

Die Straßen, Gassen und offenen Kanalisationssysteme der typischen Slums sind verdreckt, Krankheiten, chronische Leiden und Kindersterblichkeit bis heute gleichbleibend hoch. Ebenso unverändert ist das wenige Wissen der Slumbewohner um Gesundheit, Gesundheitspflege, Ernährung und Kinderpflege.

 

Wohnbedingungen

Die indischen Slums werden in den seltensten Fällen von Straßen durchlaufen, wesentlich häufiger sind engste Gäßchen und dunkle Durchgänge zu finden. Da diese ungepflastert sind, werden sie vor allem während der Monsunregenzeit unpassierbar. Die Häuser sind zumeist eine bis zwei geschossig und sehr nah aneinander gebaut.

Die Bewohner der Slums und ebenso der Rest der Bevölkerung bezeichnen die Armutsviertel der verschiedenen Gegenden und Städte mit spezifischen Namen, die auf den Haustyp, die Art der Konstruktion und die benutzen Materialien verweisen sollen.

Katras: kleine Ein- Raum- Wohnhäuser, die zumeist in Reihen gebaut wurden. Viele der Katras in Delhi sind Teile alter Behausungen der Muslime, die ursprünglich Schutz vor Plünderungen bieten sollten und außerdem die Frauen vor den Blicken von Männern , die nicht zur Familien gehörten, abschirmen sollten.

Chawls: Die Gebäude der Slums in Bombay werden als Chawls bezeichnet. In diesen leben oftmals mehr als 3 Familien in einem Raum, der selbst am Mittag nicht von Sonne durchflutet wird und immer dunkel ist. Auf Grund des Platzmangels müssen die Bewohner der Chawls abwechselnd schlafen.

Bustees: sind kleine Hütten, die aus Schlammstücken zusammengebaut wurden. Seitenwände und Dächer sind mit Sackleinwänden, Holz- oder Metallspänen bedeckt.

Neben den Bewohnern der Slums gehören, vor allem in Kalkutta die sogenannten pavement dwellers (Gehsteigbewohner) zum Stadtbild. Hunderttausende leben auf der Straße, ganze Familien, deren Mitglieder auf den Gehsteigen geboren und großgezogen werden, dort schlafen , essen und sterben. Am Tag werden ihre mageren Besitztümer von benachbart lebenden Menschen verwahrt am Abend jedoch füllen sich die Gehsteige mit hunderten von Kochstellen und schlafenden Menschen, die, wie Mumien eingerollt in schmutzige Decken neben den Häusern der Stadt ihre Schlafstätte finden.

 

Mangelnde Hygiene in den indischen Slums

Kritische Stimmen bezeichnen die indischen Slums bis heute als die schmutzigsten weltweit. Die Kanalisation liegt offen und das Wasser steht in den Abflüssen, die zum teil verstopft sind. Von den wenigen, zur Verfügung stehenden Containern werden nur wenige genutzt und Abfälle füllen die Straßen, ebenso menschliche Fäkalien.

Feuchtigkeit, Unsauberkeit und überfüllte Häuser haben schwere gesundheitliche Probleme für die Slumbewohner zur Folge. Vor allem die Kinder leiden an Typhus, Cholera oder Ruhr.

Es sind einige wesentliche Faktoren zu nennen, welche für die schlechten Bedingungen der indischen Slums verantwortlich zu machen sind:

Da sich die Slumbewohner wenig kooperativ zeigen, wenn es um die Verbesserung der hygienischen Bedingungen ihrer Wohnviertel geht, sind die Möglichkeiten der kommunalen Regierungen hier sehr begrenzt. Ein Großteil der Familien verwendet mehr Sorge auf die Säuberung der eigenen Kochutensilien, als auf den Erhalt der ihnen zur Verfügung gestellten Latrinen und Wasserstellen.

Die Überbevölkerung der Slumregion wird durch Fußgänger, Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit zusätzlich verschlimmert. Ein Großteil der Menschen verbringt den Tag auf den Straßen und trägt damit ebenfalls zur Verschmutzung der Städte bei.

Auch Religion und Riten spielen eine wesentliche Rolle wenn es um das Problem mangelnder Hygiene innerhalb der indischen Slums geht. Rinder irren herrenlos durch die Straßen der Stadt und vor allem in den Slumregionen werden effiziente Maßnahmen gegen diesen Zustand von der Einstellung und dem Verhalten der Bewohner verhindert. Die Hindus sehen in der Kuh ein heiliges Tier, deren Fütterung nicht nur eine menschliche, sondern vielmehr noch eine religiöse Pflicht der Gläubigen ist. So ist es üblich die Reste von Obst und Gemüse in den engen, stickigen Gäßchen der Slums abzulegen.

Über Jahrhunderte hat die Hindu- Religion die Wichtigkeit von Sauberkeit und Reinheit propagiert, wenn auch nicht konsequent und für alle Bereiche gültig. Eine fromme Hindu- Frau wird einerseits streng darauf achten, daß ihre Angehörigen den Schmutz der Straße nicht in ihre Küche tragen, andererseits ist sie unzugänglich für die gesundheitlichen Probleme, die das Trinken von verunreinigtem Wasser oder die Fliegenschwärme an ihrer Kochstelle mit sich bringen. Ebenso fühlt sich ein gläubiger Hindu erst dann für seine religiösen Handlungen bereit, nachdem er sich zuvor grünlich gereinigt hat, dennoch zeigt er sich in den seltensten Fällen von Schmutz und Gestank im Inneren und auch außerhalb des Tempels beeindruckt.

Mit den Metropolen dieser Welt, speziell deren Armutsviertel assoziiert man vor allem Jugendkriminalität, Prostitution, Gewalt, Drogenmißbrauch, Armut, Bettelei... All` diese Probleme treten sicher auch in den Slums des indischen Subkontinents in Erscheinung. Es besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied zur westlichen Welt, der vor allem in der Tatsache zu suchen ist, daß in den indischen Armutsvierteln, sowohl die Familie, als auch einzelne Kasten als eine Art soziales Kontrollorgan fungieren und solches Verhalten in vielen Fällen verhindern. Es erscheint jedoch fraglich, ob dieser positive Effekt angesichts fortschreitender Urbanisierung und Industrialisierung weiterhin anhält.