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      Nr. 21/2000
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Paranoia im Paradies

In den Megastädten der Südhalbkugel flüchten sich die Reichen in luxuriöse Wohnburgen. Die Zitadellen verheißen Sicherheit, reine Luft und viel Grün für die Kinder. Aber sie stiften keinen Seelenfrieden. Mit den Mauern wächst die Angst  Von Bartholomäus Grill

Willkommen! Treten Sie ein! "Werden Sie Teil einer Gemeinschaft von Menschen, die wie Sie das Landleben in einer sicheren, natürlichen Umwelt vorziehen, die mit dem Ruf des Kiebitzes einschlummern und mit dem leisen Gemurmel des Jukskei-Flusses aufwachen wollen."

Dieses Paradies, angepriesen auf Hochglanz-broschüren, heißt Dainfern. Es liegt im Nordosten Johannesburgs, 25 Kilometer entfernt vom grauen, unwirtlichen Zentrum der Metropole Südafrikas: 300 Hektar groß, von 60 Wächtern und 56 Kameras rund um die Uhr observiert, umfriedet von einem 7,5 Kilometer langen Ring aus Stahlpalisaden und Mauern, auf deren Kronen acht Stromleitungen knistern.

Der Schutzwall trennt Afrika und Europa. Diesseits der Mauer dürrer Busch, grasende Höckerrinder. Jenseits eine sanfte Talmulde, Silberweiden, Eichen, Blumenrabatten. Sardische Villen, Landhäuser im Tudorstil, Fachwerk, Pastelltöne. Sherwood, Hampstead, Highgate, die Viertel haben englische Namen. Die Straßen und Trottoirs picobello. Ein Städtchen, adrett, wohlgeordnet und sauber.

Ein Elektroauto surrt herbei. Zwei Wachleute in preußischblauen Uniformen. Wen suchen Sie? Mister Corrigan? Ihren Besucherpass, bitte!

"Sicherheit ist das allerwichtigste Kriterium für Käufer", betont Alan Corrigan, der Generalmanager von Dainfern. "Danach kommt Bewegungsfreiheit, dann die gesunde Umwelt und die Ruhe."

In Dainfern wohnen Stadtflüchtlinge. Sie wurden von der Angst vor Kriminalität an die Peripherie getrieben, vom Lärm und von den Abgasen, von den sinkenden Standards der öffentlichen Dienste und von der allgemeinen Verwahrlosung.

"Ich will nie wieder diese Todesangst haben", sagt Wayne Bancroft. Nachdem seine Familie Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls geworden war, ist sie hierher gezogen. Der Unternehmer sitzt beim Fünf-Uhr-Tee im neokolonialen Country Club in der Mitte des Golfplatzes. Alte Ladys putten am Green neben der Terrasse, Spaziergänger schlendern hinunter in die Flussaue.

"Ist das nicht wie im Disneyland?", schwärmt Bancroft. "Hier fühlen wir uns sicher. Stellen Sie sich vor, unsere Kinder können sogar im Dunkeln mit dem Fahrrad ihre Freunde besuchen. Nachts müssen wir nicht mal die Haustür zusperren." Infrastruktur, soziales Klima, Lebensqualität - "alles erstklassig". Und exklusiv: Die Aufnahmegebühr für das College beträgt 43000 Rand, knapp 14000 Mark.

"Es ist wie eine Therapie hier", sagt der Familienvater. "Unsere Angst geht langsam weg." Bancroft ist nicht sein richtiger Name. Den will er nicht in der Zeitung lesen. "Es wird genug Schlechtes über uns geredet. Ghetto der Millionäre und so."

Johannesburg

Dainfern ist eine Zitadelle. Sie schützt ihre Bewohner vor den Zumutungen und Bedrohungen der Dritten Welt. "Zitadellen waren Festungen, von denen aus Städte, Zentren des Handels, der Kultur und der Macht, nach außen gegen die Angriffe von Feinden verteidigt und nach innen vor dem Aufstand ihrer eigenen Bewohner gesichert wurden", schreibt Otto Karl Werckmeister. Der Kunsthistoriker prägte 1985 den Begriff Zitadellengesellschaft, in der "wachsende Minderheiten vom optimalen Lebensstandard ausgeschlossen, unterbezahlt, arbeitslos, verelendet, deklassiert, politisch fest- und abgeschrieben" bleiben. Werckmeister lehrte damals mittelalterliche Kunstgeschichte in Evanston, Illinois, und fand nebenan, in Chicago, reichlich Anschauungsmaterial für seine historischen Studien.

Fünfzehn Jahre später warnt der Entwicklungsreport der Vereinten Nationen, die Welt werde ein "gefährlich ungleicher Ort" (siehe Kasten auf Seite 20). Ein im Zuge der Globalisierung enthemmter Kapitalismus schließt immer mehr erwerbsfähige Menschen vom Wirtschaftsleben aus. Die Marginalisierten sind unterdessen zu einem Milliardenheer angewachsen, vor dem sich die Minderheit der wohlhabenden Bürger in hermetisch gesicherte Wohnfestungen zurückzieht. Allein in den USA leben bereits acht Millionen Menschen in solchen Enklaven. Vor allem aber in den Megastädten der Südhalbkugel, wo der Graben zwischen Arm und Reich am tiefsten ist, entstehen immer mehr Zitadellen. Doch je höher die Privilegierten die Mauern bauen, desto größer werden ihre Ängste: vor den Massen der Arbeitslosen. Vor dem Neid der Habenichtse. Vor dem Verbrechen. Vor der Rache der Armut.

In Südafrika sind seit dem Ende der Rassentrennung 1994 zwar einige Schwarze in die Mittel- und Oberschicht aufgestiegen, doch das Gefälle zwischen Arm und Reich, zwischen Schwarz und Weiß ist noch größer geworden. Anstelle der politischen steht nun die ökonomische Apartheid, zu deren Folgen eine rasant wachsende Kriminalität zählt. Die höchste Mordrate, die meisten Vergewaltigungen, ein Spitzenplatz bei Raubüberfällen - Johannesburg gehört zu den kriminellsten Städten der Welt. Die meisten Opfer sind arm und schwarz und leben in den Townships. Doch das ändert nichts am überwältigenden Gefühl der Bedrohung der Wohlhabenden. Wer nicht in eine Zitadelle wie Dainfern ziehen kann, riegelt eben den eigenen Wohnblock ab. Allein im östlichen Verwaltungsbezirk von Johannesburg blockierten Bewohner in 200 Vierteln sämtliche Zufahrten durch Schranken und Stahlzäune - ein gesetzwidriger Akt, den die Stadt nachträglich legalisierte. Innerhalb der Sperrzonen gehen Bürgerpatrouillen auf Streife, um ihre Nachbarschaft vor dem zu schützen, was man am Kap "Afrikanisierung" nennt.

"Dainfern ist irgendwie unreal, künstlich", sagt Wayne Bancroft. "Wir spüren das immer, wenn wir hinausfahren." Hinaus in die Welt jenseits der Mauern, wo dicke schwarze Frauen Bündel auf dem Kopf balancieren und an den Straßenkreuzungen zwielichtige Gestalten herumlungern. Da muss man durch, um in die nächste Sicherheitszone zu gelangen, in die fünf Kilometer entfernte Shopping-Mall.

"Gleich hinter Dainfern liegt eine location, so eine Schwarzensiedlung, Sie wissen schon. Dort wachsen die Kriminellen nach. Die kreisen um unseren Honigtopf, wie meine Frau immer sagt." Als vor gut zwei Jahren der erste Raubüberfall in Dainfern vermeldet wurde, war die Illusion von der sicheren Festung dahin. Durch die Zitadelle ging ein kollektiver Schock. "Eigentlich brauchen wir hier ein mobiles Einsatzkommando", sagt Bancroft und fügt lachend hinzu: "Und vielleicht noch Selbstschussanlagen und Minengürtel." Es ist ein gezwungenes, makabres Lachen. Denn er weiß natürlich, dass die beste Wehrtechnik nichts gegen den inneren Feind ausrichten kann, gegen die unzufriedene Maid oder den undankbaren Gärtner. "Die stecken oft mit den Gangstern unter einer Decke. Im Grunde ist jede schwarze Arbeitskraft ein Risikofaktor."

Die totale Abschottung funktioniert nicht. Die Angst kehrt immer wieder. Von außen in einem anderen Gewand.

Manila

Anschrift? Telefonnummer? Autokennzeichen? Zu wem wollen Sie? Haben Sie einen Termin? Forbes Park ist eine Kopie von Dainfern: Kasernenzufahrt, Wachposten, brüsker Tonfall. Kein unangemeldeter Besuch! Hier residiert der Geldadel von Manila. Und ausländische Spitzenverdiener, die sich Monatsmieten von 200000 Peso, rund 10000 Mark, leisten können. Dafür leben sie so abgeriegelt wie weiland die spanischen Kolonialherren auf der Festung im Stadtzentrum: intramuros. Innerhalb der Mauern.

Doch die schützen nicht vor internen Konflikten. In Forbes Park demonstrierten vor ein paar Wochen 400 Bewohner, um die Bäume an der Durchgangsstraße vor der Axt zu retten. Darunter so mancher Unternehmer, der durch den Kahlschlag der philippinischen Regenwäldern reich geworden ist. Aber in Forbes Park kämpft man dagegen, dass die eigenen Straßen so aussehen wie die Betonschneisen in der 13-Millionen-Metropole Manila.

Man will überhaupt nicht erinnert werden an das urbane Monster. An den apokalyptischen Verkehr und die verseuchten Gewässer. An die tuberkulösen Säuglinge und ihre ausgezehrten Mütter. An die Gangster, die regelmäßig Schulkinder und Geschäftsleute entführen. An die Legionen von Müllsammlern, die draußen in Payata auf kokelnden Abfallbergen dahinvegetieren. Villages, Dörfer, nennen die Reichen ihre Wohnburgen - als lebten sie in einer Antistadt, einer heilen Gegenwelt.

Die müssen sie verlassen, wenn sie jeden Morgen in ihre Büros fahren. Im Großraum Manila bewegt sich ein Auto so zügig wie ein Ochsenkarren - mit zwölf Stundenkilometern. Die Hauptarterie Epifanio de los Santos ist verstopft. Motorengedröhn, Geschrei, unzählige Baustellen, Arbeiter mit Atemschutzmasken. In den Fahrzeugen wird gegessen, telefoniert, gefaxt, an Laptops gearbeitet: das mobile Büro, festgefahren im Stau. "Viele nehmen auch Pisstüten mit", erzählt der Fahrer.

Metro Manila: täglich vier Millionen Pendler - und kein Massentransportsystem, das den Namen verdiente. Ein abstoßender Moloch, zu schnell, zu unkontrolliert gewachsen, übervölkert. Aber ein unwiderstehlicher Magnet, der Jahr für Jahr 300 000 Landflüchtlinge anzieht. Sie landen in der Regel in squatter areas, den Slums in Payata oder Bagong Silang oder in irgendeiner anderen der wilden Siedlungen.

Wer viel Glück und beste Empfehlungen hat, schafft den Sprung in die Zitadellen von Dasmarinas, Corinthian oder Forbes Park - als Wächter, Putzfrau oder Kindermädchen. "Sie müssen sich vorkommen wie im Paradies", glaubt Henk Stevens, ein Soziologe aus Holland. Auch er hat darum gebeten, seinen wahren Namen nicht zu nennen. "Sonst bekäme man von den linken Freunden in Europa nur zu hören, wir würden uns sozial absondern."

Henk Stevens bewohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern eines der kleineren Häuser in der Zitadelle von Ayala Alabang: knapp 300 Quadratmeter Wohnfläche, sieben Bäder, viel Licht und Luft. Ringsum alter Baumbestand, stille, breite Straßen, durch die man am Abend den passionierten Radfahrer Stevens sausen sieht. "Das Verkehrschaos, die Drecksluft, der Ellenbogen-Alltag - für uns als Europäer war von vornherein klar, dass wir in ein Village ziehen", sagt er. Es gibt Momente, da fragt er sich, warum die Armen noch nicht zum Sturm auf die Wohlstandsfestung geblasen haben.

Die Stevens sind Mieter, nicht Eigentümer, was in der Zitadelle einen gewaltigen Unterschied ausmacht: Nur die Grundbesitzer dürfen in Ayala Alabang den Vorstand wählen, der alle öffentlichen Belange regelt - zum Beispiel die Sicherheitsvorkehrungen. Die Stevens dürfen nicht mitbestimmen, aber sie müssen zahlen: Jedes Jahr 16000 Peso für das Wehrkonzept, das der Vorstand beschließt. Ayala Alabang ist eine vordemokratische Mikrogesellschaft - und Stevens weiß das. Eine Alternative sieht er nicht. "Man hat Kinder und will halbwegs sicher und stressfrei leben. Wir fühlen uns hier wohl."

São Paulo

Vielleicht beruhigt das Gefühl, dass es in anderen Städten scheinbar immer chaotischer und schmutziger zugeht als in der eigenen. "Ja, ja, Manila... das ist schlimmer als unser São Paulo. Viel schlimmer." Martha Suplicy ist gerade von einer Konferenz auf den Philippinen heimgekommen und stürzt sich sofort in die Arbeit. In São Paulo herrscht Wahlkampf, und die Sozialdemokratin möchte Bürgermeisterin werden. Zehn Stunden später, nach einer hektischen Serie von Ansprachen und Empfängen, räumt sie ein, dass ihr São Paulo dem Kollaps nahe ist. Zwanzig Millionen Einwohner, Verkehrsinfarkt, Umweltzerstörung, Kriminalität, wachsende Armut.

Durch 140000 Straßen winden sich endlose Blechlawinen, bis zu fünf Millionen Autos täglich. "Die Stadt entwickelte sich mit solcher Geschwindigkeit, dass es unmöglich ist, sich einen Stadtplan zu besorgen: Jede Woche müsste eine neue Ausgabe erscheinen." Diese Worte notierte der Ethnologe Claude Levi-Strauss anno 1935. Der Stadtplan von São Paulo im Jahr 2000 umfasst 1216 Seiten.

Man muss sich die Stadt wie ein Betonmeer mit Inseln vorstellen. "Die Reichen springen von ihrer Wohninsel zum Golfspielen auf die Sportinsel. Ihre Kinder werden auf Schulinseln chauffiert", erklärt Michael Bamberg. "Nach Dienstschluss geht man von der Arbeitsinsel auf die Einkaufsinsel." Bamberg, einer der erfolgreichsten Immobilienmakler Brasiliens, handelt mit Büroinseln.

Wer es sich leisten kann, bewegt sich in gepanzerten Fahrzeugen durch diese Inselwelt. "Mit 32-Millimeter-Glas, Kalaschnikow-fest", betont der Verkäufer der Firma GS-Security, die pro Monat 14 bis 18 Autos aufrüstet, für 30000 Dollar das Stück. Die Superreichen fliegen nur noch über das urbane Archipel. Sampa, wie die Paulistas ihre Stadt nennen, hat die höchste Hubschrauberdichte auf der Südhalbkugel. In den Stoßzeiten, wenn Schwärme von Helikoptern durch die Betonschluchten knattern, denkt man an den futuristischen Film Blade Runner.

"Die Stadt ist einfach explodiert", sagt Bamberg. "Entscheidend für ihre Zukunft ist, ob die Zuwanderung gedrosselt werden kann." Alle drei Jahre werden es nahezu eine Million Einwohner mehr, überwiegend nordestinos aus dem kargen, rückständigen Nordosten des Landes. "Die Wirtschaftsliberalen von Argentinien bis Mexiko haben behauptet, ihre Programme würden die Armut vermindern und Jobs schaffen. Die vergangenen zehn Jahre bewiesen das Gegenteil. Die Kluft zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen wächst schneller denn je."

Das steht nicht etwa in einer linken Gewerkschaftsbroschüre, sondern im Latin Trade, dem Fachblatt für Immobilienmakler. Es liegt in Bambergs Vorzimmer.

Anders als in Johannesburg und Manila bietet São Paulo nicht immer Platz für eine räumliche Trennung zwischen Armen und Reichen. Viele Zitadellen grenzen hier direkt an die Slums. Wann immer die Mieter im Edificio Roof Nr. 3975, einem Wohnkomplex im Viertel Morumbi, auf ihre begrünten Balkone treten, schauen sie auf Blechverschläge, Holzhütten, Wohnwaben aus Pappe, auf verschlammte Wege und vermüllte Rinnsale. Manchmal trägt der Wind den Gestank von Fäkalien und Fäulnis herauf, und nachts hören sie gelegentlich Schüsse bellen.

Einen Steinwurf von Nr. 3975 entfernt stürzt die Rua Alonso de Oliviera Santos, ein zerklüfteter, ungeteerter Pfad, hinab in die Favela. Von hier unten gleicht der Wohnturm Nr.3975 einem Bergfried, wuchtig und uneinnehmbar.

Rio Verde, grüner Fluss, heißt eine Straßenschänke in diesem Armenviertel. Das Rinnsal neben der Bar ist tatsächlich grün - algengrün, gallengrün. Zwischen den windschiefen Stelzenhütten auf den Uferkanten blitzen gläserne Fassaden: der Büroturm der BNC-Bank, daneben das protzige World Trade Centre.

"Eine Schweiz, von drei Biafras umgeben", so hat der Erzbischof von São Paulo seine Stadt beschrieben. Die Männer, die im Rio Verde Cachaca trinken, den Schnaps aus Zuckerrohr, nehmen die scharfen Kontraste nicht mehr wahr. Es ist, als würden sich die topografischen Extreme der Stadt im Bewusstsein ihrer Bewohner als soziale Hierarchie abbilden, als unabänderliches Herr-Knecht-Verhältnis.

Ein junger Mann arbeitet sich im Rollstuhl durch die lehmige Gasse. "Der wurde von der Polizei zum Krüppel geschossen", meint Marcos Aurelio, der in der Favela wohnt und als Hauswart in einer Schönheitsklinik arbeitet. "Es hätte aber ebenso eine Gang sein können. Nachts ist man hier immer in Gefahr, in eine Kugel zu laufen."

In São Paulo wurden allein im vergangenen Jahr 5900 Menschen umgebracht. Die meisten Mordopfer lassen in den Favelas ihr Leben, in den exakt abgesteckten Revieren der Banden.

Crime não tem idade. "Das Verbrechen hat kein Alter - senkt die volle Strafmündigkeit auf 14 Jahre." Die Unterschriftenliste, die an der Sicherheitsschleuse ausliegt, wird vermutlich bald voll sein.

"Wir hatten in 25 Jahren nur einen einzigen Mord", sagt Protógenes Guimaraes, Präsident der Sektion Alphaville 2. 38000 Einwohner, verteilt auf 19 Sektionen, Universität, zwei Dutzend Banken, Privatklinik, eine Hundertschaft Zahnärzte, 470 Sicherheitsleute, 74 Streifenwagen, 12 Motorräder. Dies ist Alphaville, die Zitadelle jener Kaste der Reichen und Superreichen, zu der sich rund 1,5 Prozent der Brasilianer rechnen dürfen.

Hier draußen, 25 Kilometer vom Zentrum São Paulos entfernt, sind sie sicher vor den Massen, dem Gestank, den Schüssen. Guimaraes zeigt stolz die Videoanlage, die die Bilder jedes Besuchers, Handwerkers oder Dienstboten automatisch speichert. "Aber 100-prozentige Sicherheit gibt es auch in Fort Knox nicht."

Dieses Restrisiko ist das Spezialgebiet der Psychotherapeutin Araceli Martins. Der Fachausdruck heißt pânico virtual, virtuelle Panik. Wer darunter leidet, sagt Martins, "fürchtet sich vor allem und jedem. Vor den bettelnden Kindern an der Ampel, dem unbekannten Spaziergänger, der eigenen Zugehfrau. Sie werden von der akuten Angst befallen, getötet, bedroht - oder verrückt zu werden."

Häufig kommen Männer aus der Mittelschicht in ihre Praxis, die Angst haben, krank oder arbeitslos zu werden und sozial abzustürzen. "In den condominiums wird die Furcht noch größer, weil sich die Menschen immer weiter von der Realität entfernen." Albträume von einstürzenden Mauern und großen dunklen Männern, die über den Zaun springen, gehören zum Krankheitsbild.

Reale Bedrohungen und Paranoia vermischen sich in den Zitadellen zur allgegenwärtigen Angst vor dem anonymen Eindringling. Er ist eine psychologische Grundfigur der Zitadellengesellschaft. Die Künstlerin Lisa Brice hat sie visualisiert: die bügelnde Hausfrau, dahinter, mit gezücktem Messer, der vermummte Angreifer. Die Arbeiten von Lisa Brice sind in São Paulo oder Manila bislang nicht zu sehen. Ihre Ausstellung läuft derzeit in der Johannesburg Arts Gallery, aber niemand schaut sie an. Der Besuch des Museums ist zu gefährlich geworden. Es liegt wie ein verwaistes Eiland im verwahrlosten Joubert Park. Die Wahrscheinlichkeit, hier überfallen zu werden, ist so hoch wie nirgendwo sonst in der Stadt.

Lagos

"Achtung, Sir!", schreit der Fahrer und reißt das Steuer herum. Das Taxi saust zentimeterscharf an einem liegen gebliebenen Fahrzeug vorbei, das im Abgasnebel kaum zu erkennen war. "Ich will, dass Sie Lagos überleben." Im nächsten Moment ein dumpfes Krachen. Ein nachfolgender Wagen ist in das Pannenauto gerast. Kurz darauf herrscht Stillstand auf der Third Mainland Bridge. Stau auf acht Autobahnspuren, brüllende Hitze, 15 Meter darunter eine stinkende Lagune, acht Kilometer vor uns die Hochhaus-Silhouette von Lagos, der Hauptstadt Nigerias.

Die Gegenwelt heißt Victoria Islands. Hier surren Klimaanlagen, hier wird der Müll entfernt und das Verbrechen bekämpft. Es gibt richtige Hospitäler, Delikatessenläden, Fitness-Studios und Galerien, Boutiquen und Restaurants. Hier kann man sich den Moloch Lagos vom Leibe halten, die größte, schmutzigste, gefährlichste Großstadt Afrikas.

Die "Victorianer" schicken nur ihre Boten, Diener und Chauffeure, hinaus ins Chaos, denn sie selbst würden in diesem Labyrinth von Hausruinen und Hütten die Orientierung verlieren. Der Stadtplan ist unbrauchbar, die Straßenschilder wurden irgendwann in nützlichere Gerätschaften verwandelt, in Kehrschaufeln oder Dachplatten.

Das Leben in solchen Städten sei "arm, ekelhaft, pervertiert und kurz", schreibt Robert Kaplan. Den europäischen Geschäftsleuten und Diplomaten - Touristen trifft man so gut wie nie - muss Lagos erscheinen wie dem amerikanischen Autor, der in den Metropolen Westafrikas den Untergang der Menschheit heraufdämmern sieht. Man fürchtet dieses wilde, lärmende Gewese, die "ameisenhaften" Massen, die lungernde, arbeitslose, kraftstrotzende Jugend, die verrotzten Straßenkinder, die räudigen Hunde, die Myriaden von Bakterien und Viren, die fauligen Tümpel, in denen sich die Larven der Malariamücken mästen. Nicht zu reden von der Kriminalität und den Gewaltexzessen. Vorigen November, nach ethnischen Zusammenstößen zwischen Yoruba und Haussa in Lagos, lagen 50 verstümmelte, verkohlte Leichen in den Straßen des Viertels Ketu.

Diese Unbilden versuchen jeden Tag in die heile Welt auf Victoria Island einzudringen. Vor den Malls lagern Bettler und Krüppel. In den Bars verkaufen HIV-positive Mädchen ihre Körper. An verstopften Straßenkreuzungen werden die Autofahrer von fliegenden Händlern und Taschendieben umschwirrt. Und jeden Tag ziehen Hunderte von Bittstellern an den Eleke Crescent, der an die Pforten des Wohlstandsparadieses führt, zu den Botschaften der gelobten Länder Amerika, England, Italien, Dänemark, Deutschland.

In der sichelförmigen Einbahnstraße herrscht striktes Halteverbot; Zuwiderhandelnde werden sofort von Militärpatrouillen verscheucht. Hohe Mauern, Natodraht, silbernes Stahltor, Kameraaugen, vor der ersten Schleuse eine Warteschlange, die sich durch eine Art Viehgatter windet: die deutsche Mission, wie ein Raumschiff in Lagos gelandet, bewacht von sechs BGS-Männern.

Stahldrehtür, elektronischer Taststab. Ein Diplomat zeigt auf die Decke des Konferenzraums. "Hier, sehen Sie, Einschüsse. Eine wilde Ballerei, neulich auf dem Ahmadu Bello Way, der hinten vorbeiführt."

Wie die Menschen in der Megastadt Lagos überleben, sprengt ohnehin die europäische Vorstellungskraft, und vor ihrer Zahl muss jede Statistik kapitulieren. Neun Millionen? Elf? Oder vielleicht schon dreizehn? Niemand weiß es.

"Das Individum existiert nicht mehr", erklärt ein Handelsattaché, der auf Ikoyi, der zweiten Wohlstandsinsel, lebt. In seinem Garten liegt eine lange Stange. Sie wird gebraucht, wenn es vor seiner Dependance direkt an der Lagune wieder einmal unerträglich stinkt. Der Hausdiener muss die Tierkadaver, die sich an der Uferkante verheddert haben, ins offene Wasser hinausschieben. Oder die Überreste von Menschen. "Acht Wasserleichen in dreieinhalb Jahren. Die erste habe ich noch gemeldet. Aber die Polizei interessiert das nicht." Die Toten sind nirgendwo registriert. Keiner vermisst sie.

Johannesburg

Leichen sind auf dem Jukskei in Dainfern noch nicht vorbeigetrieben. Aber Möbel, Dachplatten, Töpfe. Sie stammen aus den Blechhütten von Alexandra, der Schwarzensiedlung zehn Kilometer stadteinwärts. Nach drei Wochen Dauerregen ist das Flüsschen zu einem reißenden Strom angeschwollen. Seine Fracht erinnert die Bewohner an das andere, das bitterarme Südafrika, das gerade von einer Flut heimgesucht wird.

Die Bürger von Sandton, der Schwestergemeinde von Alexandra, weigern sich beharrlich, höhere Steuern und Abgaben zu zahlen, mit denen die Townships saniert werden sollen. Denn dort fehlt es nach vierzig Jahren Apartheid an allem, was zu einer menschenwürdigen Infrastruktur gehört: Stromnetz, Wasseranschlüsse, Kanalisation, Ambulanzen. Die Begründung, warum die Mehrzahl der Privilegierten nicht teilen will, kann man im Anzeigenblatt Sandton Chronicle studieren: Korruption in der Stadtverwaltung. Gehälter der Ratsherren explodieren. Raffgierige Politiker, Bestechlichkeit, Schlamperei, verrottende Infrastruktur. Zwischen den Zeilen die Frage: Warum eigentlich noch Steuern zahlen?

In der Kap-Provinz wird bereits die nächste Stufe der Zitadellengesellschaft geplant: ein voll integriertes Stadtfort mit Malls, Klini-ken, Krematorium, Polizeitruppe und Leichtindustrie. Niemand mehr soll die Wehrsiedlung - Heritage Park soll sie einmal heißen - verlassen müssen. Darin werde "eine Gemeinde ohne Sorgen leben", verspricht der Manager des Projekts. "Verstehen Sie mich nicht falsch. Dies ist nicht Stalag 15." Das Vorbild sei Mont-Saint-Michel - die mittelalterliche Klosterzitadelle in der Bretagne.


© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 21
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