Mike Davis - die Biographie eines akademischen "Querkopfes"








Wie Mike Davis die Welt sieht....

"Historian Mike Davis is (pick one): 1) a big fat liar; 2) a brilliant Marxist under attack by capitalist stooges; or 3) a guy who doesn't mind juicing the facts to sell his dark view of L.A."
(Zit. Denise Hamilton, "The Gospel According to Mike", New Times L.A., 21.01.1999)

    Dies ist eine der Meinungen zu Mike Davis, der seit Erscheinen seines Buches City of Quartz 1990 für die einen als Stern, für die anderen eher als Sternchen am nationalen wie internationalen "Stadtsoziologie-Himmel" gilt. Ob positiv oder negativ, die Reaktionen auf die Davis'schen Ideen sind in der Regel deutlich, und in der Öffentlichkeit L.A.‘s bzw. unter den Intellektuellen der Stadt gibt es dies betreffend eher schwarz und weiß als grau. Der Erfolgsautor, der mit seinen kritisch-apokalyptischen Büchern über die Geschichte und Entwicklung der Stadt Los Angeles so widersprüchliche Gefühle hervorruft, zeichnet sich durch einen ähnlich widersprüchlichen Werdegang aus.

    1946 wurde Mike Davis in Fontana, einem Vorort von Los Angeles, geboren. Die Stadt war nicht gerade das Paradies, aber es gab relativ viele Jobs, und die Gewerkschaften waren stark. Die Situation verschlechterte sich jedoch in den nachfolgenden Jahren, so daß Familie Davis schließlich nach Bostonia zog, ein Dorf östlich von San Diego (El Cajon). Hier wurde der Autor quasi für Katastrophen sensibilisiert. Einige der Bewohner wähnten sich nämlich dank beständiger Gerüchte in der Gefahr einer chinesischen Invasion. So traf man sich am Wochenende auf dem Marinestützpunkt, um anti-kommunistischen Reden zu lauschen und Soldaten bei der Übung mit Flammenwerfern zuzuschauen. Davis erzählt, daß er eine Zeit lang die Tage gezählt habe, bis er zum Töten irgendwo nach Asien gehen sollte. Er war quasi ein "Kalter-Krieg-Fanatiker".

    Als  er sechzehn Jahre alt war, wurde sein Vater Dwight Davis, der als Fleischer gearbeitet hatte, aufgrund eines Herzanfalls arbeitsunfähig.  Mike mußte kurzerhand seinen Platz einnehmen und wäre wohl auch in der Fleischfabrik geblieben, wenn es nicht den schwarzen Zivilrechtler Jim Stone gegeben hätte. Stone war der Ehemann von Mike’s Kusine Carol. 1962 begleitete Mike ihn zu einer Demonstration und machte so eine äußerst einschneidende Erfahrung unter erschütternden Bedingungen (die Demonstranten wurden mit Benzin übergossen und mit entzündeten Feuerzeugen bedroht). Unter Stone’s Führung wurde Davis zum politischen Aktivisten. Er arbeitete in San Diego im Büro des ‚Congress of Racial Equality‘ (CORE), beendete die High School und bekam ein Stipendium für das Reed College in Oregon.
    Der Aufenthalt in Oregon war jedoch auf wenige Wochen beschränkt. Davis, der sich unter den Zöglingen von Ärzten und Anwälten seines Arbeiterkind-Status schmerzlich bewußt wurde, provozierte, indem er im Wohnheimzimmer seiner Freundin wohnte und wurde bald aufgrund dessen hinausgeworfen. 1964 wurde er Mitglied der ‚Students for a Democratic Society‘ (SDS), organisierte Sit-ins und Protestaktionen, trat der Kommunistischen Partei bei und leitet zwei Jahre lang deren Buchladen in L.A., bis er 1969 von der regionalen Parteivorsitzenden Dorothy Healey gefeuert wurde, weil er den russischen Kulturattaché aus dem Laden gejagt hatte (Davis verachtete die Sowjets und war ihnen gegenüber sehr mißtrauisch eingestellt). In den folgenden vier Jahren arbeitete er als LKW-Fahrer, wodurch er eine erstaunliche Ortskenntnis sowohl des Stadtgebiets als auch der Westküste erlangte. Es stellte sich jedoch als schwierig heraus, unter den Trucker-Kollegen Gleichgesinnte zu finden. Davis erinnert sich: "At night we’d go out to topless bars, and I’d blurt out, ‚I’m a communist,‘ and they’d say, ‚Dick’s a Jehova’s Whitness. Let’s have another drink.‘"
    Schließlich entschied sich Davis, seine akademische Ausbildung wiederaufzunehmen, und schrieb sich an der Universtity of California Los Angeles (UCLA) für Geschichte und Wirtschaft ein. Doch schon nach drei Jahren packte ihn die Rastlosigkeit. Er ging nach Schottland, um 'Irische Geschichte‘ zu studieren, verbrachte seine Zeit abwechselnd in London, Edinburgh und Belfast und setzte sich für die nordirische Unabhängigkeit ein. Viel wichtiger aber für seine intellektuelle Karriere war das Zusammentreffen mit einer Gruppe europäischer Marxisten, die sich um die New Left Review (NLR) versammelte. Dort lernte er auch den Herausgeber der NLR kennen, Perry Anderson, der ihm, nachdem er an der UCLA den ‚Bachelor‘ abgeschlossen hatte, eine Vollzeitstelle bei der NLR verschaffte. Von 1980 bis 1986 arbeitete Davis in den Londoner Büros. In diese Zeit verschlang er Unmengen von Literatur, gründete die ‚Haymarket Series‘ des Verso Verlages (welcher auch die NLR veröffentlichte), die sich auf radikale Studien über die nordamerikanische Politik und Kultur spezialisierte, und begann, Teile seines ersten Buches zu veröffentlichen. Prisoners of the American Dream (Verso 1986) war eine bittere Analyse der amerikanischen Arbeiterklasse vom frühen neunzehnten Jahrhundert bis zur Reagan-Periode, die ihm nicht nur verdientermaßen den Ruf eines Kritikers des ‚Reaganismus‘ einbrachte, sondern auch den eines Autors mit Hang zu ausufernden, aufwieglerischen Metaphern und apokalyptischen Zukunftsvisionen. So lobreich dieses Werk auch zumeist in der Fachpresse rezensiert worden war, so scharf wurde es vor allem deshalb kritisiert, weil in ihm ein in sich abgeschlossenes und äußert trübes Universum präsentiert wurde, das gegen jede Art der Reform immun zu sein schien.
Alles in allem jedoch war Davis für die NLR so etwas wie der "Vorzeige-Arbeiterklasse-Amerikaner".

    Einer der ersten, die Davis 'kritischen Krallen' zu spüren bekamen, war Frederic Jameson. In seinem klassischen Artikel "The Cultural Logic of Late Capitalism" (erschienen 1984 in der NLR) hatte er das Hotel Bonaventure in L.A. als das archetypische Konstrukt der Postmoderne beschrieben. Davis Antwort (ebenfalls erschienen in der NLR) lautete: "To speak of it's 'popular' character is to miss the point of its systematic segregation from the great Hispanic-Asian city outside." Er sah das Hotel als 'Gehege' für die gehobene Mittelklasse, geschützt durch erstaunlich komplexe Sicherheitssysteme. Davis Konfrontationskurs wirkte sich auch auf seinen Arbeitsplatz aus. Später sagt er, daß er sich im Prinzip nie als Teil dieser Clique von Eton-Studenten rund um das NLR-Journal gefühlt habe. Die akademische Sphäre war dem Autor immer unsympathisch gewesen und sollte es trotz regelmäßiger Gastspiele am Southern California Institute of Architecture (SCI-Arc) oder anderen Hochschulen auch bleiben.

    1987 kehrt Mike Davis nach Los Angeles zurück, um an der UCLA seinen Doktor (PhD) zu machen. Seine Arbeit wird jedoch nicht anerkannt und er beginnt erneut, als Trucker zu arbeiten. Um sein Einkommen zu verbessern, unterrichtet er gelegentlich an örtlichen Colleges. In dieser Zeit beginnt er auch, City of Quartz (Verso 1990) zu schreiben. Die Idee zu dem Buch hatte er schon lange in sich getragen. Er beschreibt sie als einen Tagtraum, in dem Walter Benjamin, Fernand Braudel und Friedrich Engels zusammen in einer Bar in L.A. sitzen. Sie beschließen, ein Buch über L.A. zu schreiben und teilen es in drei Projekte auf. Benjamin würde sich mit den komplexen Teilen über Macht und Erinnerung befassen, Braudel würde die natürliche Geschichte und die großen, welthistorischen Kräfte untersuchen, die die Stadt ermöglicht haben, und Engels würde über L.A.'s Arbeiterklassen berichten. City of Quartz sollte der erste Band dieser imaginären Trilogie werden. Der Titel des Buches stammt aus einem Gedicht, das ein alter SDS-Kollege von Davis, Todd Gitlin, geschrieben hatte. In diesem Gedicht hatte Gitlin das Quartz mit einer politischen Auseinandersetzung verglichen, hart und schneidend. Davis fand diesen Vergleich für L.A. passender, weil er etwas beinhaltet, das aussieht wie ein Diamant und doch billig ist; durchscheinend, ohne das man etwas darin sehen könnte
   

  Seit den frühen Achtzigern schon hatte sich in Los Angeles eine Schule radikaler L.A. Geographie entwickelt, deren Radikalität allerdings beständig an Schärfe verlor, da sich ihre Anhänger in ihren Darstellungen in geradezu kryptischer Prosa verloren. Davis' offene Diskussion der 'räumlichen Rassentrennung' (spatial apartheid), des verschwindenden öffentlichen Raumes, der immer weiter aufreißenden Kluften zwischen Klassen und Rassen, seine schon fast abgebrühte Berichterstattung in City of Quartz sprach dagegen viel mehr die Gefühle, Vermutungen und Ängste seiner Leserschaft an. Was allerdings dazu führte, daß das Buch auch von solchen Lesern verschlungen wurde, denen Davis' politische Visionen völlig gleichgültig waren. Es wurde in all seiner Radikalität und Schärfe nicht nur zum Bestseller, sondern quasi in die offizielle Mythologie der Metropole integriert (Marshall Berman hatte seine Besprechung in The Nation mit einer Warnung vor einem entsprechenden Effekt geschlossen.). Mit vielen seiner Versuche,  den aufblühenden Kultstatus im Keim zu ersticken, z.B. durch notorisches Nichterscheinen zu Presseterminen o.ä., bewirkte Davis genau das Gegenteil. Bedenkt man seinen heutigen Bekanntheitsgrad in der ganzen Welt, mag  in jedem Fall eine bescheidene Bemerkung diesbezüglich wie :"Ich bin wirklich nicht so interessant." etwas fad aus dem Munde eines Mannes klingen, der doch so aufmerksam an seinem literarischen Image feilt.

    Wie dem sei, Davis verschwand  nie von der Bildfläche, vielmehr zog er sich etwas aus dem öffentlichen Zirkel der Intellektuellen zurück, um verstärkt Kontakte in anderen Bereichen aufzubauen. Am meisten kontrovers erscheint, daß er trotz seiner in City of Quartz vertretenen, sehr schroffen Sichtweise der Gang-Problematik (Kämpfe zwischen den 'Crips' und den 'Bloods') in L.A. in den frühen Neunzigern regelrecht zu einem Mentor junger Gangmitglieder mutierte. Ausgelöst wurde diese Wandlung durch seinen Kontakt und seine spätere Freundschaft mit Dewayne Holmes, einem Anführer der Crips, der 1991 nicht zuletzt durch Davis' Aktivität als Berater einen Waffenstillstand zwischen den Gangs vereinbaren konnte. Seitdem hat keine Sache Mike Davis mehr berührt und beschäftigt als der Friedensprozeß, obwohl es doch etwas seltsam erscheint, wenn er die Weisheit und die besonderen Qualitäten der Gangmitglieder rühmt. Als im April 1992 dann die Aufstände in L.A. ausbrachen, die Davis in seinem Buch vorausgesagt hatte, schien er trotz allem der richtige Mann zu sein, um die Situation zu erklären. Er unterzeichnete auch einen Vertrag für ein Buch über über die Kämpfe, entschied sich letztendlich jedoch, es nicht zu schreiben. Seiner Meinung nach war er als weißer Intellektueller und Outsider einfach nicht in der Position, über die komplexen Vorgänge in der Szene zu berichten. Noch schlimmer aber war für ihn seine mentale Nähe zu dem Thema durch seine Freundschaften mit Betroffenen. Er sah sich nicht in der Lage, sich damit 24 Stunden täglich auseinander zu setzen.

    Auch nachdem sich sowohl die soziale als auch wirtschaftliche Lage in Los Angeles in den folgenden Jahren verbesserte, selbst für Davis, der sich durch den Erfolg seiner Bücher und zahlreiche hochdotierte Preise letztendlich selbst einen Teil des 'Californischen Traumes' erfüllen konnte, gab er seine pessimistische Sicht der Dinge nie auf. Es sei eine Frage der Zeit, bis es zu einer neuen, vielleicht sogar schlimmeren Explosion der Armut komme. Die rekordverdächtig niedrige Wahlbeteiligung und hohe Jugendarbeitslosigkeit, sowie die Tatsache, daß die Gefängnisse quasi 'im Autopilot' funktionieren, seinen Anzeichen dafür. Bei seinem Interesse für politische Umstürze scheint es nicht weiter verwunderlich, daß Davis in seinem Buch Ecology of Fear nach deren Äquivalenten in der Natur sucht. In diesem Werk hat er sich dem Neo-Katastrophismus zugewandt, inspiriert durch die Überschwemmungen, Brände und Erdbeben von 1992 bis 1994. Der Neo-Katastrophismus als solcher hat ihn besonders deshalb interessiert, weil er eine Art Niedergang von Systemtheorien und damit eine Wende hin zu den einzigartigen Ereignissen, zu radikaler Kontingenz und Chaos repräsentiert.


 Auf jeden Fall hat Mike Davis, der Vater zweier Kinder ist und mit seiner fünften Frau Alessandra Moctezuma (eine mexikanische Künstlerin) in einem Eigenheim in Pasadena residiert, nicht vor, dem Untergang L.A.'s als Zeuge beizuwohnen, sollte es denn tatsächlich innerhalb der nächsten fünfzig Jahre in Grund und Boden gestampft werden. Er macht keinen Hehl daraus, daß er nach Butte, Montana, ziehen möchte, um sich dort zur Ruhe zu setzten. Für ihn hat Butte sehr viel mit seiner Heimatstadt Fontana gemein, nur daß Butte mit seiner sozialistischen Vergangenheit dem friedvollen Zerfall überlassen wurde. Ob man diesen Wunsch Mike Davis' nun als Nostalgie für die robust-rustikale Arbeiterklassen-Vergangenheit betrachtet oder als Ausdruck einer Erwartungshaltung neuer Erschütterungen, für ihn ist wohl beides schon immer Hand in Hand gegangen.
 
 

Wie die Welt Mike Davis sieht....

    Der recht illustre Lebenslauf Mike Davis', hier  nur grob skizziert, wurde nach einem Artikel von Adam Shatz geschildert, der im September 1997 bei Lingua Franca erschienen ist (s. http://www.linguafranca.com/9709/shatz.html). Im Verlauf meiner Internetrecherche sind mir alle aufgeführten Fakten über Mike Davis' bisheriges Leben wiederbegegnet, interessanterweise allerdings werden sie ganz nach Gusto und politischer Gesinnung interpretiert und formuliert. Wie schon in der Einleitung angesprochen, teilt sich die Leserschaft tendenziell in Mike-Davis-Verfechter und Mike-Davis-Verächter. Die Konservativen, die optimistischen Intellektuellen und Vertreter der Wirtschaft ( die sogenannten 'L.A. booster') greifen Davis an, die Marxisten, Linken und viele Liberale verteidigen ihn (ähnlich pessimistisch veranlagte Intellektuelle oder sonstige Personen der Öffentlichkeit werden 'L.A. basher' genannt). Diejenigen, die zwischen den Lagern stehen, stoßen sich oft an Davis' Arbeitsweise, erkennen aber seine Leistung an, da er durch seine Redefinition der Metropole viele wichtige Themen zurück ins Gespräch gebracht hat. Die verschiedenen Stimmungen schlagen sich deutlich in den Beiträgen der örtlichen Zeitungen nieder. Wann immer ein Buch des Lokalmatadors veröffentlicht wird, scheint in den Kolumnen der Medien eine wahre Schlammschlacht auszubrechen, die weniger mit Rezension als mit Selbstinszenierung zu tun hat.  Trotzdem läßt sich die Diskussion um Davis wohl folgendermaßen typisieren: der Federkrieg um den so unakademischen Akademiker, der bis heute keinen Titel trägt, ist ein Krieg en detail.

    Die Geister scheiden sich zumeist schon an der Tatsache, daß Davis in Fontana geboren wurde und nicht, wie auf dem Schutzumschlag von Ecology of Fear vermerkt, in Los Angeles. Auf dieser Basis wird dem Autor schon der Status eines wahren Ortskenners aberkannt und seine Glaubwürdigkeit aufs Stärkste angezweifelt (es sei eine Idee des Verlegers gewesen, so Davis). Wie dem auch sei, die Glaubwürdigkeit und Authenzität des Autors ist für die meisten Kritiker erstes Angriffsziel. Selbsternannte Stadtkenner und Hobby-Historiker wie z.B. ein Mann namens Brady Westwater machen sich auf und nehmen Wort für Wort, Seite für Seite die in Ecology of Fear dargestellten Zusammenhänge und Daten auseinander, um dann triumphierend einen Essay per E-mail um die Welt schicken zu können, der Mike Davis als Lügner, Nichtskönner und sowieso Ahnungslosen entlarven soll (s. z.B. http://www.coagula.com/mike_davis.html oder bei http://www.netttime.org mit dem Suchwort 'Westwater' oder auch anzufordern bei Brady Westwater per E-Mail über WWmalibu@aol.com). Es stellt sich hier die Frage, was wohl erschreckender ist:
Die Tatsache, daß es eine Unzahl von Ungereimtheiten in Davis' Recherche gibt, daß Zahlen zu Gunsten der Ausdruckskraft "verschönert"worden sind usw., oder daß Westwater's "Bericht" ohne wasserdichte Prüfung zur argumentativen Grundlage von Beiträgen verschiedener Journalisten herangezogen wurde. Als Beispiel ist hier Jill Stewart zu nennen, eine Journalistin der New Times L.A., die ihren Artikel "Peddling Fear" vom 19. November 1998 fast ausschließlich auf Westwater aufbaute. Gleiches gilt für David Friedman, der am selben Strang wie Stewart zog und am 12. März 1999 in den Downtown News einen Artikel nachlieferte. Friedman, ein Geschäftsmann und Volkswirt, zählt genauso zu den 'L.A. boosters' wie Joel Kotkin, der einer der ersten Kritiker Davis war. Er gilt als nationale und internationale Koriphäe auf dem Gebiet der (globalen) Wirtschaft, Politik und der sozialen Entwicklungen, lehrt an der Pepperdine University und liefert als Mit-Herausgeber regelmäßig Beiträge für die L.A. Times oder auch das L.A. Business Journal. Nach Kotkin ist Davis der "poster boy" einer New Yorker Linken, die Los Angeles haßt" (vgl. den Artikel von Shatz). Was ihn am meisten ärgert ist die Tatsache, daß Davis' düstere Zukunftsvisionen für viele zu einer Art 'Neuem Evangelium' geworden sind. In dem Artikel von Denise Hamilton ("The Gospel According To Mike", New Times L.A., 21. Januar 1999, vgl. mein Einstiegszitat) wird er zitiert:

"It’s not that every fact is fabricated, he’s clearly too smart to do that," Kotkin says. "It’s that this guy is accepted without any question, not as Mike Davis the radical writer but Mike Davis the social historian. You’ve got people in classrooms around America sitting around thinking that Bunker Hill is a fortress and have no idea that property values in Hancock Park came back."
    Und er fügt hinzu, daß diejenigen, die nur Davis' Statistiken in Frage stellen, übersehen, daß Mike Davis intellektuell gesehen einfach unehrlich ist. Hamilton sieht neben Unehrlichkeit besonders Davis' ideologischen Hintergrund als Quelle der Ungereimtheiten und Mißverständnisse. Statistiken sind nun mal dazu da, zu jedwedem Nutzen interpretiert und verbogen zu werden. Da Davis ein überzeugter, von der britischen Linken geprägter Marxist ist, filtert er alles durch dieses politische Prisma. Er würde wahrscheinlich das berühmte Glas Wasser nicht nur als halbleer betrachten, sondern noch dazu als mit Krebserregern verseucht, die erzeugt wurden von einem internationalem Unternehmen, das Kinderarbeit ausbeutet. Demnach wäre er, drastisch ausgedrückt, intellektuell gesehen nicht unehrlich, sondern versaut.

    Ein weiterer Kritikpunkt, der immer wieder deutlich wird, ist der, daß Davis teilweise völlig veraltete Daten als Basis benutzt hat und jede positive Weiterentwicklung seit Beginn seiner Arbeit unberücksichtigt gelassen hat, um seine finstere Weltsicht verkaufen zu können. In City of Quartz schreibt er über z.B. Pomona, einen Vorort L.A.'s, und stellt ihn quasi als trostloses Ödland dar. Ed Tessier, seit vielen Jahren mit der Sanierung und Belebung der Innenstadt Pomonas beschäftigt, war geschockt, als er Davis' Ausführungen las. Für ihn hörte es sich an, als sei Davis seit den 70ern nicht mehr in Pomona gewesen, als der beschriebene noch mit dem tatsächlichen Zustand übereinstimmte. Kurzerhand rief er Mike Davis an und lud ihn zu einer Ortsbesichtigung ein. Zu diesem Treffen kam es nie. Als einige Jahre später Ecology of Fear erschien, wiederum mit Ausführungen zu Pomona, hoffte Tessier, Davis hätte die Lage richtig gestellt, wurde aber voll enttäuscht. Hamilton bemerkt nach einer eigenen Ortsbesichtigung, daß die Innenstadt Pomonas trotz der vielen tatsächlich vorhandenen Probleme mit Gangs, Gewalt und Arbeitslosigkeit auf dem besten Wege dazu ist, zu der Sorte öffentlichen Raumes zu werden, den die Stadtsoziologin Jane Jacobsen in ihrem Buch The Death and Life of Great American Cities so lobt.

    Obwohl Mike Davis mit beiden Büchern Werke geschaffen hat, die Nachforschungen und Untersuchungen in unglaublichem Umfang enthalten, obwohl viele seiner Themen wie der institutionalisierte Rassismus, Armut, ungehemmter 'Fortschritt' und die Zerstörung der Natur absolut valide sind, obwohl er quasi ganze wissenschaftliche Disziplinen verschlungen hat, finden sich in seinen Büchern viele (zuviele) Beispiele für Übertreibungen, Verfälschungen und bewußtes Auslassen oder Manipulieren von Informationen, die gegen die eigene Argumentation gehen. So zählt Davis z.B. zweitausend "gated communities" und ebensoviele Straßengangs in L.A. Von der Stadt- und Kreisplanungsbehörde erfuhr Hamilton, daß überhaupt keine Akten über "gated communities" angelegt wurden. Auch die LAPD dementiert: nach ihren Angaben gibt es vierhundert Gangs in Los Angeles. Darauf angesprochen sagt Davis, er habe für die Anzahl der Gangs auch Orange County zu Grunde gelegt, und die Zahl der "gated communitites" sei eine durchdachte Schätzung für ganz Süd-Californien.

    Auch Marc B. Haefele, der regelmäßig für die L.A. Weekly schreibt, sieht die Qualitäten von City of Quartz, moniert aber entschieden den Wust an Zeitungsausschnitten,- artikeln, akademischen Exzerpten und Studien usw., der dem Text zu Grunde liegt und auf den in ebensolchen Unmengen von Fußnoten verwiesen wird.

"City of Quartz, infused with the joy of its own despair, deserves to be recalled for its central, dazzling metaphor of a city of prisons and boundaries shaped by the segregators of affluence. But it is also a book whose chapters barricade themselves against events behind hundreds of footnotes.
Intensely researched, it's so ill-reported you wonder if Davis has a telephone phobia. Drawn as it is from academic studies and an amazing hoard of newspaper and magazine stories, much of City of Quartz could be written in 22nd-century Tomsk. Davis's packratted clippings are the book's great weakness. They belong to a vast democracy of plausibility, without any visible process of assessment, in which an article in a weekly throwaway newspaper stands equal to a PhD thesis.
His chronology suffers. Waving his wads of yellowed paper, Davis maintains LA's past, present, and future are synonymous. Thus, he gets to attribute to "white racism" -- his favorite whipping boy -- social patterns and developments even in communities that have become largely non-white." (Zit. Artikel im Boston Review, http://www-polisci.mit.edu/bostonreview/BR19.3/haefele.html)
    Mike Davis wird aber nicht nur aufgrund der genannten inhaltlichen, formalen und ideologischen Mängel seiner Bücher kritisiert. Seine für intellektuelle Kreise schillernde Persöhnlichkeit eines autodidaktischen "blue-collar" Wissenschaftlers und sein Kultstatus in den entsprechenden Kreisen auf der ganzen Welt bieten reichlich Angriffsfläche. Er wird z.B. das 'Herzchen' der Eliten und Intellektuellen in Los Angeles genannt. Die lieben ihn, weil er ihnen das Gefühl gibt, am Abgrund des Verderbens und in ständiger Gefahr zu leben, was dieses Leben viel interessanter und romantischer macht. Oder es wird ihm vorgeworfen, er verkaufe sich als Aushängeschild der New Yorker Intellektuellen, die Los Angeles sowieso als verabscheuungs- und des Untergangs würdig empfinden. Er gilt als eigensinnig, unzuverlässig, läßt ständig Termine platzen, verweigert Rückrufe, nimmt Einladungen nicht wahr...kurz: er läßt nichts an sich herankommen, was ihn wohlmöglich eines Besseren belehren könnte.

    Da ich eingangs von einer Schlammschlacht der Medien gesprochen habe und bekanntlicherweise für eine solche mindestens zwei Parteien benötigt werden, soll nicht vergessen werden, auch ein paar Gegenspieler von Kotkin, Friedman, Stewart zu nennen, also Davis-Verfechter. Stewarts direkter Gegner ist z.B. Marc Cooper, seineszeichens ebenfalls Journalist der New Times L.A. Er antwortete am 24. Dezember 1998 mit einer weiteren Kolumne "Attack of the Lilliputians" auf ihren Artikel "Peddling Fear" und stand ihr dabei in Heftigkeit nicht nach.  Empfehlenswert ist dazu die Lektüre der Lesebriefe vom 17. Dezember 1998 und 14. Januar 1999, wo sich unter anderen auch Mike Davis selbst zu den Vorwürfen zu Wort meldet. Unerwähnt soll auch Lewis MacAdams nicht bleiben, der direkt im Anschluß der 'Stewart-Attacke' am 26. November 1998 eine Cover-Story zugunsten des umstrittenen Autors in der L.A. Weekly veröffentlichte. MacAdams, langjähriger Freund von Mike Davis, schrieb mit "Jeremiah Among the Palms" zwar einen äüßerst wohlwollenden, detaillierten biographischen Artikel, enthüllte damit aber gleichzeitig eine Tatsache, die der Debatte um Davis ordentlich einheizte: Davis hatte 1989 ein komplettes Interview mit MacAdams fingiert, weil es so dem Thema dienlicher war, und MacAdams hatte es veröffentlicht...

    Davis jedenfalls befindet sich seit dem in einer eher defensiven Lage und fürchtet um den Verlust seiner 'Botschaft'. Er sieht als Hauptgrund für die Angriffe auf sein Werk und seine Person eine politisch und intellektuell motvierte Eifersucht:

"I have fought for many years to gain recognition as a historian. Unless you have a Ph.D. and tenure in some people’s eyes, you don’t have the driver’s license to write this."
Jeder mache sich sein eigenes Bild.
   

Mike Davis - Stadtplanerische Entwicklung von L.A. :
 

Mike Davis beschreibt in seine Büchern City of quartz und The ecology of fear wie Interessengruppen die  Stadtentwicklung beeinflussen. Zwei besonders starke Gruppen stellen nach Mike Davis  die Eigenheimbesitzer und der Geschäftsleute dar.

Die Eigenheimbesitzer haben die Schaffung von  in Rasse, Klasse und vor allem Marktwert der Häuser homogenen "Communities" zum Ziel. Davis beschreibt die vergeblichen Versuche der Stadtregierung heterogenere Stadtteile mit Eigenheimen, sozialem Wohnungsbau und Einzelhandel zu schaffen. Viele dieser Projekte wurden durch private Zusammenschlüsse von Eigenheimbesitzern, die eine Wertminderung ihrer Grundstücke und Häuser befürchteten, gerichtlich gestoppt. Davis kritisiert diese "not in my yard" - Einstellung, da sie entwicklungshemmend und destruktiv sich auf die Stadtplanung. Für ihn ist die sogennnate "slow groth" - Bewegung der Eigenheimbesitzer der Beweiß, daß in L.A. die Politik, die dem eigentlich im Interesse des Allgemeinwohls entscheiden sollte, durch wirtschaftlich starke Interessengruppen beeinflußt, wenn nicht sogar gesteuert wird.
 

Die  Idee des Handels und der Industrie, ein Zentrum mit Büros, Geschäften und Wohnenanlagen zu schaffen, manifestiert sich in der "inner-city" und  deren  Ausläufer nach "downtown". Hochhäuser, Einkaufszentren und überwachte Wohnanlagen, die weitgehend kameraüberwacht und  durch neuangelegten Polizeirevieren  geschützt sind,  sind die archittektonisch Folgen.
 

Wohnanlage Park La Brea


Die sogenannte "Abschaffung des öffentlichen Raumes", die Davis beschreibt, äußert sich nicht nur in der Überwachungs- und
Sicherungsmaßnahmen in der "innercity", sondern auch in der Form der Exklusion und Diskriminierung von Minderheiten. Er kritisiert vor allem die Politik in Bezug auf die Obdachlosen. Er wirft der Stadtverwaltung die Obdachlosen aus bestimmten Gebieten verbannen zu wollen. Nicht zuletzt  äußert dieses Politik sich  auch  im allgemeinen Sprachgebrauch. Während  man früher sie als"homeless"  bezeichnete,  werden sie heute mit dem Begriff "street-persons" betitelt. Dieses impliziert, daß ihnen nicht etwa eine Wohnung fehlt, sondern, daß sie einfach auf die Straße gehören.
 
 



"Pennersichere" Busbanken in Downtown

                                                                                     



Plakat der Organisation der Einzelhänderler in Südkalifornien


Diese sind nur zwei Beobachtungen  von vielen , die Davis veranlassen ein Zukunftsszenario der Fragmentierung und Expansion von L.A auszumahlen. Die Befriedung des subjektive Sicherheitsbedürfnisses bewirkt eine Solidarisierung der einkommenschwächeren Bürgern in "Neighborhood Wachtes". Die einkommenstärkeren Bürger hingegen nehmen private Wachdienste in Anspruch. Im Krieg gegen Drogen und Jugendbanden werden  Gebiete (Parks, Wohngebiete und im Umkreis von Schulen) durch die Polizei abgeriegelt.
 Dieser  Zeitgeist der Angst spiegelt sich auch in der Architektur der  Gebäuden wieder. Als Beispiel nennt Davis die öffentliche Bibliothek in Hollywood.
 
 



  Die öffentliche Bibliothek in Hollywood spiegelt in ihrer Architektur die Festungsmentaltität  in L.A wieder..
 
 



   Abschreckung durch private Sicherheitsdienste
 
 
   



 "Drug  free "- Zone



Auch wenn Mike Davis einen eher qualitativen Zugang zur Stadtsoziologie wählt, kann man seine Beobachtungen auch durch quantitative Erhebungen untermauern. Die Fragmentierung der Stadt nach Einkommen und Ethnie ist deutlich erkennbar.

Demographische Karten von L.A.
Straßenkarte von L.A.
 http://www.lapdonline.org/

Anhand seiner Beobachtungen entwickelt Davis eine konzentrisches Modell von L.A. in Anlehnung an das Modell der Chicagoer Schule.
Mike Davis: "...I offer an extrapolative map of a future Los Angeles that is already half-born...My remapping takes Burgess back to the  future. It preserves such 'ecological' determinants as income, land value, class, and race but adds adecisive new factor: fear."