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Heinz Nissel

Megastadt Bombay - Global City Mumbai?
Urbanisierungstendenzen in Indien und die Spitzenposition Bombays im städtischen System

Quelle: HSK 12: Mega-Cities. Die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1997 (Historische Sozialkunde 12). Herausgegeben von Karl Husa, Erich Pilz, Irene Stacher. S. 95 - 112.

Die Urbanisierung in Indien hat sich verlangsamt, die Bedeutung der Megastädte jedoch nimmt weiter zu. Zwar wies der jüngste Census eine städtische Bevölkerung von 217 Mio. Menschen aus, doch waren dies immer noch kaum mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung (25,7 Prozentpunkte von 845 Mio.) Dieser Beitrag beschäftigt sich zwar mit der größten Bevölkerungs- und Wirtschaftsagglomeration Indiens, doch sei daran erinnert, daß zwischen 1981 und 1991 der Gesamtzuwachs der ländlichen Bevölkerung jenen der städtischen immer noch um nahezu das Doppelte übertraf (103 gegenüber 58 Mio.), die landesweiten Migrationsmuster immer noch ein Überwiegen der Wanderungsvorgänge zwischen ländlichen Räumen und nicht solche der Land-Stadt-Abfolge signalisieren, die große Mehrheit der Inder also weiterhin im dörflichen Leben verankert bleibt. Es existiert gleichzeitig ein niedriger Urbanisierungsgrad bei einem der größten Potentiale urbaner Bevölkerung weltweit. Die nur allmählich greifende Verstädterung muß vor dem Hintergrund einer noch immer stark im ländlich-agrarischen Bereich verwurzelten indischen Gesellschaft und einer sich ebenfalls - verglichen etwa mit "asiatischen Tigern" wie Korea oder Malaysia - nur langsam zu einer sekundär- und tertiärwirtschaftlich bestimmten Ökonomie verändernden Wirtschaftsstruktur gesehen werden. l99l arbeiteten immer noch 66,8 Prozent der Berufstätigen in der Landwirtschaft, wobei sie 31 Prozent des Bruttoinlandprodukts erwirtschafteten, die Relation im Industriesektor belief sich auf l2,7 bzw. 29,3 Prozent, für den Tertiärsektor 20,5 zu 39,7 Prozent (World Bank 1995: XIV). Die Hintergründe dieser spät einsetzenden und langsamen Urbanisierung sind vielfältig. Sie reichen von Deformationen des städtischen Systems in der britischen Kolonialzeit über weiterhin unzureichende infrastrukturelle Erschließung weiter Landesteile bis zu einem in der hinduistischen Mentalität nach wie vor stark verbreiteten traditionellen antigroßstädtischen Ressentiment. Unverändert wächst das Gesamtvolumen der ruralen Bevölkerung ebenfalls an, und eine "Landflucht" großen Ausmaßes hat noch gar nicht begonnen.
Verfolgt man die Trends der indischen Urbanisierung im 20. Jahrhundert nach den Städtegrößenklassen des Census, so zeigt sich, daß seit l90l kontinuierlich die Großstädte auf Kosten der Mittel- und Kleinstädte an Bedeutung gewinnen. Je größer die Stadt, desto größer ist ihre Anziehungskraft; nach der Erlangung der Unabhängigkeit (1947) wird der Prozeß der Vergroßstädterung immer mehr durch einen der Metropolisierung abgelöst. l991 leben bereits zwei Drittel aller urbanen Einwohner in Großstädten, davon jeder zweite in einer der 23 Millionenstädte Indiens. Vier dieser Millionenstädte werden als Megacities ausgewiesen, zunächst nur nach dem einfachen Kriterium einer Bevölkerung über 5 Mio. Erstmals überholte dabei im letzten Jahrzehnt Bombay den "ewigen Rivalen" Calcutta und setzte sich damit an die führende Position der indischen Städtehierarchie. Während Calcutta seine Einwohnerzahl "nur" mehr von 9,19 auf 10,92 Mio. steigerte, erhöhte sich jene Bombays von 8,24 auf 12,57 Mio und jene von Delhi von 5,73 auf 8,37 Mio.
Dieser phänomenale Anstieg der Bevölkerung der Megacity Bombay resultiert aber nur zum geringeren Teil aus der natürlichen Bevölkerungszunahme und der Zuwanderung. In den Grenzen von 1981 (als "Bombay Municipal Corporation") blieb die Metropole mit 9,91 Mio. noch knapp unter der 10 Millionen-Marke. Jedoch lag damit auch der Zugewinn im letzten Jahrzehnt innerhalb der alten Stadtgrenzen bei 1,7 Mio. Menschen, also der Gesamtbevölkerung von Wien entsprechend. Der größere Anteil am Bevölkerungsgewinn kommt aus der Eingemeindung der Großstädte Kalyan (1,014 Mio.), Thane (796.000), Ulhasnagar (369.000), New Bombay (307.000) und Mira Bhayandar (175.000). statistisch ist dies nur ein Nachholeffekt gegenüber den drei anderen Megacities Calcutta, Delhi und Madras, die schon bei früheren Zählungen als urbane Agglomerationen erfaßt wurden. Die Gesamtbevölkerung der Bombay Metropolitan Region dürfte Ende l996 bei rund l5 Mio. Bewohnern gelegen sein.

Das Ausmaß der "Functional Primacy" von Bombay

Zwar stellt die Einwohnergröße zunächst das erste Kriterium einer Zuordnung zur Gruppe der Megacities der Welt dar, doch erwächst die eigentliche Bedeutung erst aus der funktionalen Vielfalt und Dominanz über ein weites Hinterland. Die 38 Millionen Menschen in den vier Megacities verkörpern zweifellos auch die kaufkräftigsten Schichten des indischen Binnenmarktes (vor allem als Konsumenten) und lösen entsprechende Investitionsanreize aus, aber sie machen dabei nicht mehr als 4,5 Prozent der indischen Bevölkerung aus. Nicht ohne Grund bezeichneten schon die Kolonialherren Indien als Subkontinent, und vor diesem Hintergrund gilt es auch die Zahlen zu interpretieren, hat doch die gesamte Staatengemeinschaft der EU nicht einmal halb so viele Einwohner wie Indien. Damit wird deutlich, in welch hypertrophem Ausmaß die Megacities die Wirtschaft steuern. Klammert man hier einmal Madras als die bei weitem schwächste Metropole dieser Gruppe aus - zu groß ist die wirtschaftliche Potenz des aufstrebenden Bangalore und zu rasant die Bevölkerungszunahme von Hyderabad - dann werden um das Jahr 2000 diese drei Metropolen ein Megacity-Dreieck in Südindien bilden, wobei eher wechselseitige Rivalität als gemeinsames Auftreten gegenüber anderen Wirtschaftsregionen vorherrschen dürfte: auf Bombay, Calcutta und Delhi mit 1991 nur 3,9% der Gesamtbevölkerung Indiens entfallen 12,7% der Universitätsstudenten, 15,5% der Krankenhausbetten, l8,3% des Produktionswertes der Industrie (nach Bronger 1993 : 109). Besonders groß ist die funktionale Dominanz im Verkehrssektor und in der Telekommunikation: 90% des internationalen Flugverkehrs werden über die vier Megacities abgefertigt, 40% der PKWs sind dort registriert und die Häfen von Bombay, Madras und Calcutta (in dieser Reihenfolge) wickeln nahezu die Hälfte aller Importe wie Exporte ab. Über ein Drittel aller Telephonanschlüsse sind hier angemeldet, wobei nur ein kleiner Bruchteil der Telephonbesitzer (3%) den Löwenanteil des Umsatzes (80%) trägt. Das kürzlich zwischen den acht wichtigsten indischen Metropolen installierte Hochleistungsnetz "I-Net" (zusätzlich zu den Megacities für Ahmedabad, Pune, Bangalore und Hyderabad) zeigt, daß gerade hinsichtlich neuer Technologien die Metropolen besonders profitieren, da oft nur sie ausschließlich - jedoch auf jeden Fall zuerst - in die staatliche wie private Investitionspolitik eingebunden werden, während für die große Mehrzahl der übrigen Regionen die Kapitaldecke nicht ausreicht oder eine Investition im Sinne eines raschen Profits nicht lohnend erscheint. Ähnliche Strategien liefen bereits in den Jahrzehnten zuvor ab, sei es die Intensivierung des inländischen Flugverkehrs mit Großraumflugzeugen oder die Elektrifizierung von Bahnstrecken und die Einrichtung von Luxus- bzw. Expreßzugsverbindungen: jede Innovation erfaßte zunächst die Verbesserung der Kommunikation zwischen "den" vier Metropolen, wobei die mit Abstand größte Bedeutung der Relation Bombay-Delhi, also der Verbindung zwischen der "Wirtschaftshauptstadt" und der politischen Hauptstadt, unterstrichen wird.
Diese Bevorzugung bei der Investitionstätigkeit hat auch ihre guten Gründe, erbringen doch die vier größten Städte des Landes über die Hälfte der gesamtindischen Einkommensteuer.
Wichtig erscheint es auch, die funktionale Primacy der Megacities nicht nur im nationalen Kontext, sondern überdies im regionalen wie bundesstaatlichen Zusammenhang zu sehen, entsprechen doch die großen Bundesstaaten Indiens in Einwohnerzahl und Fläche den wichtigsten Staaten Europas. So ist Bombay die Landeshauptstadt von Maharashtra, einem Bundesstaat von der Ausdehnung Italiens und der Einwohnerzahl Deutschlands nach der (Wieder-)Vereinigung mit über 80 Mio. Bewohnern. Demographisch interpretiert, erhöhte sich innerhalb Maharashtras die Primatstellung Bombays im 20. Jahrhundert stetig, z.B. lebten 1901 nur 4 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates hier, 1991 jedoch bereits 18.4 Prozent. Auch hinsichtlich der Industrialisierung blieb die Dominanz Bombays lange erdrückend, erst in jüngster Zeit (vgl. Harris 1995) zeichnen sich Dekonzentrationsprozesse des sekundären Sektors ab, vor allem deshalb, weil die traditionellen Industriestandorte in der Metropole selbst inzwischen zu kostbar, d.h. beim Boom der Boden- und Immobilienspekulation zu teuer geworden sind. Der Hafen beherrscht als unbestrittenes Einzugsgebiet ca. eine halbe Mio. kmý, und zwar Maharashtra mit Ausnahme des äußersten Ostens und Südens, die Westhälfte von Madhya Pradesh, Teile von Gujarat, Uttar wie Andhra Pradesh und sogar Karnataka. Obwohl Bombay traditionell der wichtigste Importhafen Indiens ist, "versickert" der Großteil der Güter in der Agglomeration selbst, da von hier aus wiederum der Großhandel mit Massengütern auf dem Landweg - vor allem Erdöl und Erdölprodukte, Baumwolle, Eisen und Stahl - gesteuert wird. Einerseits weist Maharashtra im Lebens- und Leistungsniveau nach den agrobusiness-orientierten Bundesstaaten Punjab und Haryana die höchsten Werte in Indien auf (World Bank 1995:41): Pro-Kopf-Einkommen (in US$, 1991): Indien: 330, Maharashtra 446, Punjab 544, Bihar 161. Andererseits zeigt eine Reihe von Studien die extreme regionale Polarisierung in Maharashtra auf (z.B. Prabhu/ Parker 1992), obwohl gerade in diesem Bundesstaat eine lange und auch teilweise erfolgreiche Industrieansiedlungspolitik und ab 1976 ein Ausbau von zunächst sieben, später sogar 18 "Industrial Growth Poles" durch CIDCO (City and Industrial Development Corporation) erfolgte. Doch nur wenige Zentren (Nasik, Aurangabad und Kolhapur) prosperierten schließlich, während traditionelle Industriestandorte (Textil) wie Nagpur und Sholapur stagnierten. Einzig und allein die zweimillionen-Metropole Pune setzt sich zur Zeit ökonomisch selbst gegenüber der Agglomeration Bombay durch, vor allem in den Bereichen High-Tech, Softwareentwicklung und militärische Technologie. Pune verbindet die Vorzüge Bangalores (klimatisch angenehm, günstige Bodenpreise, breites Reservoir von gut ausgebildeten Hochschulabgängern) mit der räumlichen Nähe zur Agglomeration Bombay (190 km), ohne deren Nachteile (Kosten, Umweltverschmutzung etc.) tragen zu müssen.
Trennt man (statistisch) Bombay und Pune vom "Rest" des Landes ab, fallen die Indikatoren der sozioökonomischen Entwicklung und die Urbanisierungsquote unter den indischen Bundesdurchschnitt; ohne die Metropolen mutiert Maharashtra zum armen und unterentwickelten Bundesstaat. Besonders betroffen sind dabei die peripheren und infrastrukturell benachteiligten Landesteile Marathwada und Vidarbha sowie die Konkanküste. Doch sogar innerhalb der Agglomeration Bombay überleben immer noch Wochenmärkte in sozialräumlichen Nischen: in schlecht erschlossenen Teilräumen mit armer Bevölkerung. Auch dies ein Element der ökonomischen Dualstruktur im unmittelbaren Hinterland der Primate City. sind Metropolen und insbesondere Megacities nun die Zentren des Fortschritts, wenigstens im ökonomischen Bereich, von denen Ausbreitungseffekte ausgehen, die zu einer allmählichen Angleichung der agrarisch und kleinstädtisch bestimmten Räume führen, oder sind sie Träger einer einseitigen, parasitären Inanspruchnahme aller Ressourcen, einer in der Kolonialzeit induzierten und später nicht korrigierten, einseitigen Entwicklung? Die Diskussion zwischen Modernisierungs- und Dependenztheoretikern hat Generationen von Raum- und Sozialwissenschaftlern beschäftigt, doch sehen wir heute stärker, wie oft Neuerungen und Abhängigkeiten gleichzeitig und wechselseitig steuernd wirken - etwa bei Formen der Migration, Geldtransfers, Übertragung von Lebensstilen oder neuen Formen des Agrobusiness (Zuckerrohranbau und -vermarktung). Die Mehrheit der Raumwissenschaftler bezweifelt die Möglichkeit eines "polarization reversal".Stellvertretend Banerjee Guha: "With emphasis on export-led industrial policy, free market economy and economy of scale the situation of primacy and concentration is likely to strengthen. The spread effects are invariably bound within metropolitan regions of old centres or in newer metropolises reaffirming the metropolitanisation bias of development programmes. In the process, the gap between cities and countryside increases... . With increase in macro and micro disparity areas the Indian space faces danger of a deepening of socio-economic gaps." (Zit n. Banerjee-Guha 1996b:l80)

Die Kehrtwende der indischen Wirtschaftspolitik

Mit dem zuletzt zitierten Statement wird deutlich, daß eine direkte Beziehung zwischen der seit l991 greifenden neuen indischen Wirtschaftspolitik (New Economic Policy - NEP) und der weiter verstärkten Dominanz der Megastädte hergestellt werden kann.
Die Kernpunkte der Wirtschaftsreform können folgendermaßen bestimmt werden (nach Joshi/Little 1996; für die Industriepolitik Mani 1995):
Durch 40 Jahre, zwischen 1951 und 1991, zeichnete sich die indische Wirtschaft durch ein hohes Maß an staatlicher Steuerung aus; die - zumindest in den ersten Phasen mächtige - Planungskommission strukturierte Fünfjahrespläne, die nach dem Wunsch Pandit Nehrus an sowjetischen Vorbildern orientiert waren, und auch Indira Gandhi wurde nicht müde, "the way towards a socialist pattern of society" zu verfolgen. Zu den wichtigsten Elementen dieser Wirtschaftspolitik zählten strikte Importregulationen, ein industrielles Lizenzsystem, Devisenzuteilungen bzw. -beschränkungen u.a.m. Obwohl die indische Wirtschaft schon in den achtziger Jahren im Durchschnitt Wachstumsraten um die 5 Prozent erzielte, wuchs doch unter den Experten zunehmend die Sorge, daß Indien im Vergleich mit anderen asiatischen Nationen (Südkorea, Malaysia, Thailand, Taiwan) sein Entwicklungspotential zu langsam und vor allem zu schlecht ausschöpfte. Die rapide ansteigenden Kosten für Rohöl im Gefolge des Golfkriegs brachten eine bereits länger schwelende ökonomische Krise vollends zum Ausbruch: 1991 erreichte die Inflationsrate 17 Prozent, die Devisenreserven sanken auf 1.2 Milliarden $ (das entsprach einer Importreserve von nur noch zwei Wochen!), die Staatsverschuldung erreichte 10 Milliarden $, das Budgetdefizit stieg auf die Rekordhöhe von 8,4 % des Bruttonationalprodukts. Damit sank die Kreditwürdigkeit des Landes so sehr, daß auf dem freien Kapitalmarkt kein "frisches Geld" mehr aufzutreiben war. Im Juni 1991 entschloß sich die neue Regierung unter Narasimha Rao, in einem radikalen Schritt die indische Wirtschaft zu liberalisieren. seither findet - mit für Indien erstaunlichem Tempo und raschen Erfolgen - ein Strukturwandel statt, wobei das alte System der Importsubstitution durch das "freie Spiel der Kräfte" ersetzt wird. Diese Wirtschaftsliberalisierung zielt vor allem auf die Währungs- und auf die Handelspolitik. Das früher so gefürchtete Lizenzierungssystem wurde weitgehend vereinfacht, teilweise sogar abgeschafft, vermutlich der schwerste Schlag gegen die indische Bürokratie seit der Unabhängigkeit 1947. Die sogenannten FDIs (Foreign Direct Investments) dürfen jetzt bereits in 34 Industriebranchen eine Kapitalmehrheit von 51 Prozent besitzen; das vollständige, l00prozentige Eigentum ist zwar noch genehmigungspflichtig, wurde aber bisher mehr als l00 ausländischen Firmen gestattet.
Es gibt eine Reihe von Gründen, die den indischen Markt für ausländische Investoren attraktiv machen : die nach China größte Bevölkerungszahl, wobei vielleicht ein Fünftel bis ein Viertel der heute ca. 950 Mio. Menschen als konsumfähige Mittelschichten einzuschätzen sind. Dieses Konsumentenpotential ist quantitativ bereits größer als jenes der USA und übertrifft die wichtigsten europäischen Staaten bei weitem! Indien ist darüber hinaus zwar keineswegs frei von politisch-religiösen Spannungen und Konflikten, doch verglichen mit seinen unmittelbaren Nachbarstaaten kann man von einem günstigen Investitionsklima vor dem Hintergrund einer vergleichsweise stabilen parlamentarischen Demokratie sprechen ("größte Demokratie der Welt"). Es ist aber nicht nur die Marktnähe, die die multinationalen Unternehmen suchen und überwiegend über Kooperationen ("joint ventures") finden, sondern auch das niedrige Lohnniveau, das Indien für die Einbeziehung in die Netzwerke der globalisierten Weltwirtschaft immer interessanter werden läßt. Vor etwa zehn Jahren begannen große US-Konzerne indische Experten über den Großen Teich zu holen und zu Niedriglöhnen anzustellen. "Headhunter" durchforsteten die indischen Spitzenuniversitäten und führten ein "brain shopping" durch. Als sich vor etwa drei, vier Jahren der Widerstand amerikanischer Software-Spezialisten gegen die Billigkonkurrenz verschärfte, verlegten viele Firmen Teile ihrer Produktion nach Indien. Die Regierung in New Delhi richtete die gesamte Infrastruktur in zehn Sonderzonen nahezu kostenlos ein. Kommentar von Mani (1995:49): "Even high-technology areas where foreign investments have been approved it is at terms and conditions which are rather unfavourable to the country". Trotzdem - die Software-Industrie des Subkontinents beschäftigt derzeit bereits 120.000 Absolventen indischer Universitäten (Martin/Schumann 1996: 142 f): "Sie brachten ihren Unternehmen im Jahr 1995 umgerechnet über 1,2 Milliarden Dollar Umsatz ein, zu zwei Dritteln aus dem Export ihrer Dienstleistungen"'. Gleichzeitig trocknen die "silicon valleys.' in USA, Westeuropa und Japan nachhaltig aus. Da die Lohnkosten indischer Spezialisten bei gleicher Produktivität nur etwa 10 bis 20 Prozent der altindustrialisierten Länder ausmachen, erfolgt auch in immer stärkerem Umfang die Auslagerung von arbeitsintensiven Dienstleistungen, beispielsweise die Buchhaltung großer europäischer Fluglinien, wie BA, Lufthansa oder Swissair. Auch die Austrian Airlines haben sich diesem Trend vor etwa zwei Jahren angeschlossen und lassen ihre Abrechnungen von einem Consultingbüro in Bombay durchführen, obwohl die AUA nicht einmal einen Liniendienst nach Indien eingerichtet haben. Noch einmal Martin und Schumann: "Inder entwickelten auch das Logistik-Konzept für die Containerkais in Bremerhafen oder Steuerprogramme für die Hamburger Interscope, die unternehmenseigene Telekomnetze organisiert. Das Motiv für die Expansion nach Indien ist stets das gleiche: Die dortigen Mitarbeiter sind an englischsprachigen Universitäten hervorragend ausgebildet und kosten dennoch nur einen Bruchteil ihrer Kollegen im Norden. H.K.. Sprecher der Swissair, formulierte die Faustformel der elektronischen Indienfahrer - Für den Preis eines Schweizers können wir drei Inder einstellen." (1996: 143)
Während Unternehmer und Arbeitnehmer in Österreich und in Deutschland wie gebannt, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, die bescheidenen Lohnniveaus in osteuropäischen Nachbarländern beobachten, und die Vernichtung von Arbeitsplätzen in vielen Branchen droht oder bereits greift, macht sich kaum jemand bewußt, welches Arbeitspotential die Volksrepublik China und Indien in der internationalen Arbeitsteilung bereits heute in die Waagschale werfen.
Es ist klar. daß derartige Bedingungen Multinationals anziehen. Ausländische Kapitalgeber investierten bisher vor allem in den Nahrungsmittelsektor, in die Transport- und Kommunikationstechnologie, in die Elektronik, in die Erdölverarbeitung, in die Pharmaindustrie und in den Bau von Fahrzeugen und Maschinen. Die Gallionsfigur dieses Booms bleibt aber die Software-Entwicklung mit ihrem räumlichen Schwerpunkt in der "Electronic City" bei Bangalore.
Die neue ökonomische Politik Indiens ist deshalb an dieser stelle skizziert worden, weil sie direkte Auswirkungen auf die nationale und weltweite Vernetzung der indischen Megastädte hat und weil diese selbst zu den räumlichen Knotenpunkten der Umsetzung der neuen indischen Wirtschaftspolitik (NEP) und der Aktivitäten der "global player" werden: In allen genannten Wachstumsbranchen nimmt Bombay in Indien eine Spitzenposition ein. War der Großraum "Bombay Metropolitan Area" schon in der "alten'. Indischen Ökonomie (vor 1991) Wirtschaftsstandort Nummer eins, so hat sich durch die Wirtschaftsliberalisierung das ökonomische Gewicht des herausragenden Wirtschaftsstandortes Bombay nur noch weiter verstärkt.

Bombay als wichtigster Knotenpunkt nationaler und internationaler Wirtschaftsbeziehungen Indiens

Schon seit dem Beginn der indisch-deutschen Handelsbeziehungen lag in der Region Bombay der räumliche Schwerpunkt der Gemeinschaftsunternehmen beider Länder, und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Als Beispiel für eine frühe Kooperation sei die Zusammenarbeit von Mercedes und TATA, Indiens führendem Industriekonzern, genannt. Die DIHK (Deutsch-Indische Handelskammer) in Bombay beobachtet seit der ökonomischen Wende die Direktinvestitionen in joint ventures und kommt l996 zu folgendem Schluß (Geissbauer/Siemsen 1996:5 l f): die Region Bombay lukrierte seit l99l 42 % der deutsch-indischen Direktinvestitionen, die Region Bangalore 27 %, die Hauptstadtregion New Delhi 24 %, die Region Calcutta nur 7 %. Calcutta genoß lange einen denkbar schlechten Ruf als Hochburg kommunistischer Landesregierungen, einer gut organisierten, selbstbewußten sowie streikbereiten Arbeiterschaft, einer im Vergleich zu anderen indischen Metropolen größeren Armut weiter Bevölkerungsgruppen und einer daraus folgenden geringeren Kaufkraft. Die Verteilung dieser Investitionen spiegelt durchaus die räumliche Konzentration der Wachstumsbranchen in überwiegend drei Standorten wider: zunächst in Bombay, dann in Bangalore, und im letzten Jahrzehnt im Raum New Delhi, wo am stärksten aufgeholt wurde. Aus der einst recht verschlafenen Beamtenhochburg wird mehr und mehr eine multifunktionale Megastadt, die gerade in den High-Tech-Branchen stark expandiert, vermutlich ein Resultat der "Fühlungsvorteile", die die Nähe so vieler administrativ-politischer Schaltstellen bringt; die führende Rolle Bombays ist jedoch nach wie vor ungebrochen.
Die Konzentration der Investitionen auf diese drei Regionen erscheint erst möglich, seit eine lange durchgehaltene Standortpolitik der Zentralregierung weitgehend gelockert, nahezu aufgegeben wurde. Die ursprüngliche Idee bestand darin, durch administrative Maßnahmen das Wachstum der 23 indischen Millionenstädte zu unterbinden, um eine regional ausgewogenere Entwicklung zu erzwingen. Aus diesem Grund wurde etwa auch der Ausbau des neuen Containerhafens von Bombay, Nava-sheva, um mehr als ein Jahrzehnt verzögert. Ursprünglich verbot die Lizenzierungspolitik die Ansiedlung von Industrien in einem Radius von 25 km um die Metropolen, doch gilt dies nicht mehr für exportorientierte Branchen, vor allem Elektronikfirmen. Die Preise für Land und Immobilien sind seit der Liberalisierung ohnehin drastisch angestiegen, so daß die raumintensiven Industriebranchen ohnehin nur noch für ihr Management Prestigestandorte in den CBDs der Metropolen halten, mit der Produktion jedoch an den Rand der Agglomerationen gehen (vgl. dazu Harris 1995). Die Industriebetriebe bleiben an der Peripherie der Metropolen, weil sie nur hier ihre gut ausgebildeten Arbeitskräfte rekrutieren können, hier ihren Markt sowie eine oft nicht ausreichende, aber für indische Verhältnisse doch relativ gute Infrastruktur vorfinden. Die schon oben angedeuteten Dezentralisierungsanstrengungen der Landesregierungen, auch derjenigen Maharashtras, fruchten deshalb nur wenig, weil die infrastrukturellen Voraussetzungen in den rückständigen Gebieten einfach (noch) nicht gegeben sind: ständige "power cuts", Hauptstraßen, die nur aus Schlaglöchern bestehen, ein total überalterter Wagenpark der indischen Staatsbahnen etc. halten potentielle Investoren von der "Neulandgewinnung" ab. Die Zentralregierung hat diese Schwachstelle erkannt und will den Ausbau der Infrastruktur vorantreiben, doch bleibt fraglich, ob die dafür notwendigen Mittel jemals aufgebracht werden können (vielleicht unter Anzapfung des privaten Kapitalmarktes?). An der Primacy der Megastädte - und in weiterer Zukunft der nächstgrößeren Metropolen Bangalore, Ahmedabad, Hyderabad und Pune - dürfte sich so rasch nichts ändern.
Die räumliche Konzentration der innovativen Branchen in den Agglomerationen von Bombay, Bangalore und New Delhi wird von sich stetig verschärfenden Einkommensdisparitäten innerhalb dieser Regionen begleitet. Während mindestens 40 % der Haushalte Bombays unter der offiziellen Armutsgrenzeleben müssen, sind die Einkommen in den Spitzenpositionen mit der Liberalisierung um jährlich 20 Prozent und mehr gestiegen, die Reallöhne im letzten Jahr insgesamt um nur 5 % (Geissbauer/Siemsen l996:72 f). Hochqualifizierte Spezialisten in der EDV, im Engineering, im Maschinenbau, in der Buchhaltung und in den Finanzdiensten werden von zahlreichen Firmen umworben - nicht nur in Bombay oder Indien - sondern, als weiterer Effekt der Globalisierung. auch aus den USA, Australien oder asiatischen Staaten. Durch zusätzliche Leistungen und Anreize, z.B. durch Bereitstellung von Wohnungen, Übernahme der Schulkosten der Kinder etc" versuchen Firmen "obhopping" und "braindrain" zu bremsen. Joint venture-Unternehmen und Multinationals Zahlen deutlich höhere Gehälter (15-20 Prozent) als nationale Firmen. Manager und andere Führungskräfte verdienen im schnitt 30-60.000 RS/Monat (entspricht 1.000-2.000 US$), Ingenieure, Facharbeiter, Abteilungsleiter ca. 7-15.000 RS. Alle diese Berufsgruppen zusammengenommen stellen noch nicht einmal ein Zehntel der "workforce". Fabriksarbeiter in den Branchen Chemie, Maschinenbau oder EDV erreichen zur Zeit Einkommen von 4-8.000 RS, in Krisenbranchen wie der Textilindustrie oft nur die Hälfte davon. Diese wachsende Polarität des Einkommens-Profils splittet nicht nur den Arbeits-, sondern auch den Wohnungsmarkt immer stärker auf, worauf später noch eingegangen wird.
Während sich der Aufstieg Bombays zunächst über den Ausbau des Hafens und der Industrie vollzog, zeichnet sich schon seit 1970 ein relativer Bedeutungsverlust dieser beiden "Säulen" der Ökonomie der Megacity ab, einerseits durch den Ausbau anderer Standorte, andererseits durch eine zunehmende Umschichtung der Wirtschaftsstruktur von einer industriell geprägten Metropole zu einer Dominanz von Dienstleistungen es tertiären und quartären Sektors hin. Untrennbar bleibt die "Erfolgsstory" der Stadt mit der Entstehung der Textilindustrie verbunden. Um 1965 zählte die Textilbranche etwa noch die Hälfte der Beschäftigten in der Industrie. Doch scheint diese Branche unaufhaltsam ihrer Selbstzerstörung entgegen zusteuern. von damals über 250.000 Arbeitern sind (Ende 1996) gerade noch 40.000 übriggeblieben (Indian Architect & Builder 1997). Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig: veralteter Maschinenpark, Mißmanagement, Umstrukturierung von Baumwolle zu Kunstfasern, vor allem aber ein in der indischen Industriegeschichte einzigartiger Arbeitskampf (1982/83), der erst nach 18 Monaten ein bitteres Ende fand und der die Schließung vieler Fabriken zur Folge hatte (Van Wersch 1996).
Ursprünglich entwickelte sich aus der Herstellung von Garnen und Tuchen zunächst der Textilmaschinenbau, in weiterer Folge die Eisen- und Stahlindustrie, aus der Herstellung von Farben für Stoffe die Chemische Industrie. Diese ist heute mit einem sechstel aller Arbeitsplätze in der Industrie zur wichtigsten Branche geworden. Daneben zählen Petrochemie, Pharmaindustrie, Fahrzeugbau und Elektroindustrie zu den größten Arbeitgebern. Allein die Pharmaindustrie - unter starker Beteiligung multinationaler Konzerne - produziert zwei Drittel der Pharmaprodukte in Indien. Durch Ölfunde im offshore-Bereich gingen weitere Entwicklungsimpulse in nachgelagerte Industrien (Raffinerien).
Trotzdem sind - vor allem als Folge der Krise in der Textilindustrie - die Arbeitsplätze im sekundären Sektor in der Metropole von 600.000 auf 450.000 reduziert worden (197l-l99l).Viele Industriebetriebe haben jedoch ihre Produktion nur in die Vororte und in die Metropolitan Area verlagert, da sie dem steigenden Druck des Immobilienmarktes und der Bodenrenten nicht standhalten konnten. Thane, Kalyan, Ulhasnagar vervielfachten die Zahl ihrer Arbeitsplätze, die Industriearbeiterschaft ist dabei zu größeren Teilen mitgewandert.
sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor findet nicht nur eine räumliche Umschichtung statt, auch der Anteil des informellen Sektors wächst beständig. Die zunehmende Auslagerung von Tätigkeiten an Subunternehmer und Heimarbeit, die von völlig rechtlosen "informellen Mitarbeitern" erbracht wird (Kinderarbeit!), zeigen die immer stärker greifende Auflösung traditioneller Fabrikarbeit und damit auch einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft. Diese Prozesse greifen verstärkt in den Betrieben der international verflochtenen Firmen, wie Banerjee-Guha (1996a) durch eine Reihe von Beispielen im Raum Bombay-Thane belegen kann.
Die Rolle Bombays in Indien und in der Welt wird immer stärker durch den Tertiärensektor geprägt, vor allem durch Finanzdienstleistungen. Über 40 in - und ausländische Banken haben ihren Hauptsitz in der Wirtschaftshauptstadt, darunter die Reserve Bank of India, die Notenpresse (The Mint) und eine Reihe arabischer Banken. Handelshäuser, Versicherungsgesellschaften, Finanzierungsagenturen dominieren das "inner core" der CBD-Fort Area. Die Börse - Bombay stock Exchange - hat sich aus bescheidenen Anfängen nicht nur zur größten Institution ihrer Art in Indien entwickelt, sie nimmt auch in Asien bereits den vierten Platz ein, bei einer Marktkapitalisierung von 70 Milliarden Dollar (1993) gegenüber nur 7,5 Milliarden (l980). Die erst l984 installierte Diamantenbörse hat sich zu einer weltweit bedeutenden Einrichtung entwickelt. Verschiedene Wirtschaftsexperten glauben sogar, daß die unsichere Zukunft Hongkongs mittelfristig dem Finanzmarkt Bombays neue Impulse verleihen wird. schwer einzuschätzen, jedoch durchaus wichtig, scheint auch die Investitionstätigkeit der Auslandsinder (NRIs, Non-Resident-Indians) zu sein. zwischen l99l und 1993 sollen alleine 350 Millionen US$ von NRIs in Indien investiert worden sein. Die Geldgeber sitzen vor allem in den USA und den Golfstaaten. Naturgemäß ist über die Finanztransaktionen, die Herkunft der Gelder, die Firmenverflechtungen usf. nur sehr schwer an Informationen heranzukommen. NRIs konnten - in der Frühphase - ihre in ausländischen Devisen bei indischen Banken deponierten Mittel jederzeit vollständig in das Ausland rückordern. Bei Firmenneugründungen in Indien genießen NRIs besondere Rechte. Dies wirft auch zunehmend die Frage auf, ob nicht Auslandsinder verstärkt von ausländischem Kapital als "Mittelsmänner" zur Eroberung indischer Märkte eingesetzt werden. Ähnlich wie bei den Auslandschinesen existieren auch hinsichtlich der NRIs starke familiäre oder clanartige Netzwerke, nicht selten in der globalen Achse Bombay-London-New York. An dieser stelle kann auch nur darüber spekuliert werden, ob nicht der Löwenanteil dieser Investitionen in die Metropole Bombay geflossen ist. Jedenfalls dürfte die völlige Überhitzung des Immobilienmarktes in Bombay gerade auf die Nachfrage bei "Bestlagen" (sowohl Büros als auch Wohnraum) durch die wirtschaftliche Öffnung Indiens für ausländische Firmen (und deren Repräsentanten) und Non-Resident-Indians zurückzuführen sein. Auf nationaler Ebene beherrscht die Agglomeration nach wie vor den Groß- und Zwischenhandel nahezu aller wichtigen Bereiche, vom Getreide- und Baumwollhandel über den Textilvertrieb bis zum Luxusbedarf (Gold- und Silberwaren, Saris). Allerdings erfolgte eine Umschichtung aus der Bazarzone der Altstadtbereiche in Großmärkte nach New Bombay, eine Entwicklung, die heute weitgehend abgeschlossen ist.

Die Entwicklung Bombays in Raum und Zeit

Im November 1995 verfügte die Landesregierung von Maharashtra die Umbenennung Bombays in Mumbai, benannt nach Mumbadevi, der Schutzpatronin der Koli-Fischer, der ursprünglichen Einwohner dieser Region. Die Stadtverwaltung, dominiert von einer Allianz zweier rechtsgerichteter Parteien - shiv sena und BJP - , die Medien sowie die Marathi sprechenden haben diese Änderung positiv aufgenommen und rasch umgesetzt. Andere Sprachgruppen der Megacity stehen dieser Änderung reserviert gegenüber oder weigern sich strikt, sie anzuerkennen. Im Februar l997 erklärte die Zentralregierung in New Delhi die Umbenennung im nationalen Behördenverkehr und international für aufgehoben. Dieser Konflikt Bund-Land dürfte damit noch keineswegs abgeschlossen sein. Im Hintergrund steht die seit ihrer Gründung l966 agitierende populistisch-nationalistische Partei shiv sena, die u.a. die koloniale Entstehung und Bedeutung Bombays nicht verwinden kann.
Jedoch, Bombay ist und bleibt ein Paradebeispiel der kolonialzeitlich geformten Metropole. Von 130 Jahren portugiesischer Fremdherrschaft blieb kaum mehr als der Name "Bombaim" - "gute Bucht" als windgeschützter Ankerplatz der Segler. 1661 erhielten die Briten kampflos den aus sieben Inseln bestehenden Archipel. Bereits 1687 verlegte die East India Company ihren Hauptstützpunkt von surat in Gujarat nach Bombay. Die Anlage des Forts im Südosten der Inselgruppe, aus strategischen Gründen möglichst landfern, fixierte damit für spätere Jahrhunderte die Lage der Altstadt sowie auch des Central Business Districts. Im 18. Jahrhundert wurden die Inseln mit Dämmen verbunden, die Zentral gelegene Lagune allmählich trockengelegt, agrarisch genutzt, ab 1803 darauf die "New Town" oder "Native Town" errichtet, aus der später die "Bazar-Zone" resultierte: die Trennung in britische Bevölkerung (Fort) und einheimische Bevölkerung (New Town) setzte sich später in der ökonomischen Dualstruktur CBD- Bazarzone fort. Mitte des l9. Jahrhunderts erfolgte im Kern der Insel Bombay die Anlage von Textilfabriken und zugehöriger Arbeiterquartiere.
Doch verlief der Aufstieg Bombays zur "urbs prima in Indis" und zur Weltstadt keineswegs geradlinig. Die "City of Gold", "The city which by God' s assistance is intended to be built" (Tindall 1982:Kap. 3) benötigte an die l00 Jahre, umjene Kaufleute und Unternehmer verschiedener sprachen und Religionen anzuziehen, die Bombay von Anfang an zur kosmopolitischen Stadt machten: Hindu und Jain, Banias, Bohras und Khojas - islamische Händler, Parsen und Gujarati. Noch immer ist Gujarati die Handelssprache der Metropole. Auf eine merkantilistische Phase folgte jene des Industriekapitalismus, bei der die Briten den Subkontinent in Etappen militärisch eroberten, politisch kontrollierten und ökonomisch ausbeuteten. Die großen Häfen waren die Brückenköpfe, dann die Hauptstützpunkte der Kolonialmacht. Am Beginn des l9. Jahrhunderts finanzierten die indischen (!) Kaufleute von Bombay militärische "Strafexpeditionen" in das von den Marathen noch immer beherrschte Hinterland, in ihren Augen, Campagnen zur Ausweitung des Binnenhandels". Keine 50 Jahre danach war Bombay bereits das Zentrum des westlichen Indien. Mit dem Opiumhandel nach China wurden Bankiers und Kaufleute zuerst reich, später bauten sie die Textilindustrie auf. Claude Markovits (1996) führt den Niedergang Calcuttas auf die stetige Spannung zwischen den im Handel dominierenden Schotten und Einheimischen zurück, den Aufstieg Bombays hingegen auf die guten Beziehungen vor allem zwischen Engländern und Parsen. Entscheidende Ansätze der Entwicklung kamen nicht aus dem Subkontinent, sondern vom "Mutterland": der "cotton boom" im amerikanischen Bürgerkrieg (186l-l865), aus dessen Riesengewinnen die bis heute die City dominierende skyline der imperialen Repräsentationsbauten finanziert wurde. die Eröffnung des Suez-Kanals (l 869) etc. l872 stand Bombay mit 644.000 Einwohnern hinter London bereits an zweiter stelle im British Empire.
In den Elendsquartieren der Fabrikarbeiter ("chawls", die um 1900 drei Viertel der Wohnfläche der Stadt ausmachten) hingegen zeigten sich die Schattenseiten der imperialen Macht: unbeschreibliche Wohnverhältnisse, Massenunterkünfte, Belegung der Betten im Achtstunden-Rhythmus, mehrfacher Ausbruch von Pest und Choleraepidemien. zur gleichen Zeit begann der Auszug von Oberschichtfamilien aus den innerstädtischen Quartieren in die neuen Wohnzonen der Eliten auf der Westseite der Insel Bombay, Malabar und Cumballa Hills.
In der Zwischenkriegszeit verstärkte sich bereits die Kommerzialisierung der Fort-Area und die Wohnfunktion verlor an Bedeutung. Der "Bombay Improvement Trust" errichtete bis zu seiner Liquidierung 1933 eine Reihe mustergültiger Siedlungen im Nordosten der Insel (Dadar, Matunga), die von der Gartenstadtidee geprägt waren. Mittelschichten wanderten allmählich nach Norden in die suburbs ab, ebenso wie die Eliten entlang der Westküste nach Bandra, Andheri und Juhu. Einrichtungen der Marine, Docks, Kais und Lagerhallen des Bombay Port Trust vereinnahmten den Großteil der Ostküste der Stadt Bombay.
so wie die Bahnstationen der Western Railway zu Kristallisationspunkten der Stadterweiterung im westlichen Korridor wurden (überwiegend Wohnzonen der Mittelschichten), so dienten die Stationen der Central Railway dem Vordringen der Industriebetriebe und angeschlossener Wohnquartiere der Arbeiter an der Ostküste. Diese traditionelle Zweiteilung der beiden wichtigen Siedlungsachsen hat sich bis heute erhalten. In unmittelbarer Anlehnung an die City wurde in den dreißiger Jahren die erste große "Backbay Reclamation" durchgeführt. In den Wohnblocks am Marine Drive leben wohl erstmals in Bombay Familien verschiedener Religionen, sprachen und Kasten unter einem Dach. Mit dem l942 sanktionierten "Rent Restriction Act" erfolgte die Einfrierung der Mieten im Althausbestand aufVorkriegsniveau, wobei durch Jahrzehnte die Bausubstanz immer stärker verfiel, da keine Rücklagen für Reparaturen gebildet werden können, Hausbesitzer unterteilen bestehenden Wohnraum immer weiter. In den sechziger Jahren erreicht die Bevölkerungsdichte in Teilen der Bazarzone trotz multifunktionaler Nutzung (Geschäfte, Hinterhofindustrie, Wohnen) in drei- oder vierstöckigen Bauten kaum noch vorstellbare 2.000 Menschen pro ha, Werte, die bloß von den "Wohnsilos" in Hongkong übertroffen werden. 196l lebten auf einer Fläche, die etwa dem 1. Bezirk in Wien entspricht (Innerestadt), noch an die 650.000Menschen.
In den sechziger Jahren begann die Kommerzialisierung außerhalb der "westlichen" City Fort Area auch im Bereich der Bazarzone die dort Wohnenden immer mehr zu verdrängen. Dieser Prozeß dauert seither unvermindert an. Die Sektionen Fort Nord und Market haben zwischen l97l und l99l über die Hälfte ihrer Wohnbevölkerung eingebüßt, die Sektionen Fort Süd, Mandvi, Umerkhadi, KharaTalao, Bhuleshwar, Dhobitalao und Chaupaty über ein Drittel ihrer Einwohner, alle übrigen Bezirke im südlichen Bombay zwischen 20 und 30 Prozentpunkte (außer Colaba) (Nissel l997). Die Tertiärisierung der alten Stadtbezirke zeigt sich in einer Verdreifachung der Dienstleistungsbetriebe in diesem Zeitraum, während die Wohnbevölkerung nur noch 6 Prozent von Greater Bombay umfaßt (1971 noch an die 20 Prozent). Der Druck auf die Bodenpreise ist so groß, daß 1991 auf Bombay Island (68kmý) die Bevölkerung von 3.2 Mill. Einwohnern (198l) auf 3,lMill. bereits leicht abnimmt.
Dafür expandiert die Bevölkerung in den "vororten" umso stärker. Lebten 196l noch 2/3 der Bewohner, auf der Insel", so war 1971 das Verhältnis zwischen der Insel und den Vororten ausgeglichen, 1981 hatte es sich bereits umgekehrt (2/3 in den suburbs, l99l3/4). Insgesamt wuchs die Bevölkerung Greater Bombays im letzten Jahrzehnt "nur noch" um 20 Prozent, weil sich auch in den suburbs bereits eine Sättigung abzeichnet. Die Konzentration der Arbeitsplätze im Süden und der Schlafplätze im Norden führt zu gewaltigen Pendlerbewegungen. Tag für Tag befördern die S-Bahnen über 4 Mill. Passagiere, die sädt. Busgesellschaft BEST 4,5Mill (BMRDA 1995:392f). Die Western Railway operiert bis Virar (60km), die Central Railway bis Kasara (Nordosten120km) und Karjat (Südosten 100km). Die Züge verkehren zu Spitzenzeiten alle 2-3 Minuten, in jedem Zug drängen sich bis zu 4.000 Passagiere. Im Mai l993 wurden an einem normalen Werktag zwischen 9.00 und 11.00 Uhr in Churchgate 118.000 Ankommende gezählt (Western R.), in Victoria Terminus 126.000 (Central R.). Jeder Arbeitstag kostet die Pendler bis zu 5 stunden Wegzeit.
Der "overspill" geht längst über die suburbs hinaus in die Satellitenstädte der Bombay Metropolitan Region. deren Einwohnerzahlen sich im letzten Jahrzehnt vervielfacht haben: Kalyan + 654%, Mira Bhayandar + 584%. Die Bombay Metropolitan Region umfaßt 3.965 km2, 19 Städte mit 13,4 Mill. Ew. und 943 Dörfer mit 1,1Mill. Ew (1991). Eine Extrapolation gegenwärtiger Trends ergibt für 2001 18,5 Mill. Ew. und für 2011 22,4 Millionen! (BMRDA 1995:88).
Die Censusbehörden haben bis Ende 1996 noch keine Migrationsdaten vorgelegt, doch sammelte eine Forschungsgruppe (ORG 1990) in der Bombay Metropolitan Region anhand von rund 12.000 Haushalten im Rahmen einer Haushaltserhebung verschiedene Daten. Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei 5,1 Personen (60% 4-6 Personen, 20 % Einzelhaushalte). Die Muttersprache in nahezu der Hälfte der Haushalte war Marathi, gefolgt von Gujarati (15%), Hindi (9%) und Urdu (6%). Neben den südlichen Stadtbezirken der Insel Bombay weisen die westlichen Vororte die größte Mengung von unterschiedlichen Sprachgruppen auf. 46 Prozent der Haushalte im sample waren Migranten, von denen etwa 20 Prozent innerhalb der letzten 10 Jahre zugezogen sind. 2/3 der Zuwanderer stammen aus ländlichen Bezirken, 1/3 aus urbanen. 57 Prozent kommen von außerhalb Maharashtras.

Verstärkte Polarisierung und Segmentierung der städtischen Gesellschaft

Das "World Resources Institute" veröffentlichte l996 eine Serie von Indikatoren zur Beschreibung indischer Städte (Datenbasis 1993). Für Greater Bombay ergeben sich folgende Werte: das jährliche Bevölkerungswachstum liegt bei 2,04 Prozent, die Haushaltseinkommen (in Quintilen, US$) verteilen sich: unterste 20 Prozent 374 $, zweite 620 $, mittlere 939 $, vierte 1.553 $ und oberste 2.497 $; nur knapp jeder zweite Haushalt hat direkten Zugang zu Fließwasser und Abwasserbeseitigung. 68 Prozent der Berufstätigen arbeiten im informellen Sektor. Eine Person hat im Durchschnitt nur 3,49 m2 Wohnraum zur Verfügung; die Kindersterblichkeit liegt bei 23 Promille; in den Klassen der Primärschulen sitzen im schnitt 48 Kinder, in jenen der Sekundarschulen 3l; pro 398 Einwohner steht ein Krankenhausbett zur Verfügung; 18 Prozent der Haushalte haben Telephon, auf 1.000 Personen entfallen 51 Pkw.
Diese Daten geben zwar Hinweise zur Lebenswelt der Metropole Bombay und ermöglichen Vergleiche mit anderen Megacities der Dritten Welt, verschleiern jedoch gleichzeitig die ständig wachsende soziale Polarisierung und räumliche Segmentierung der städtischen Gesellschaft.
Das "innovative Milieu" (Castells/Hall l994), welches Metropolen auszeichnet - gleichzeitig die wichtigste Erklärung dafür, warum die Entwicklung in Peripherieräumen nur langsam, wenn überhaupt, greift -, lokalisiert die Aktivitäten der "global player" nicht im gesamten Stadtraum, sondern selektiv. Konkret heißt dies, daß Investitionen in Land und Bauten ihrerseits zu Symbolen wirtschaftlicher Macht werden.
In Bombay äußerten sich Ansprüche und Lebensstile der Eliten meist in den Oberschichtquartieren von Malabar und Cumballa Hills. Die alten Villen in großzügigen Parks fielen weitgehend der Spitzhacke zum opfer und an ihre stelle traten Appartementhochhäuser. Eigene Stromaggregate, Wassertanks und Wachpersonal ermöglichten schon seit den sechziger Jahren eine weitgehende Abkoppelung von der Lebenswelt der großen Mehrheit der Bevölkerung und die Verfolgung eigener Lifestylekonzepte. In letzter Zeit zeichnet sich ein Trend zu "Wohnparks" und "Business Parks" ab. Der Tempel als Mitte des Universums und der indischen Stadt wird durch das Clubhaus abgelöst, Swimming-Pools, Tennis- und Golfplätze zählen zum standardrepertoire der Einrichtungen. Jüngstes Beispiel dafür ist seawoods Estate in Nerul, einem der Siedlungskerne von New Bombay, wo in der ersten Bauphase 1.500 Appartements vor der Fertigstellung stehen. Der Großinvestor "sahara Enterprises" kündigt den Bau einer exklusiven Wohnstadt für 3.000 Menschen am Rand der Westghats an. zur leichteren Distanzüberwindung sind nach New Yorker Muster Hubschrauberlandeplätze vorgesehen.

In den siebziger Jahren wurde die Landgewinnung im "Back Bay Reclamation Project" erneut aufgenommen. Als völlig obsolet erwies sich die ursprüngliche Planung gemischter Funktionen, großer Grünanlagen und Schaffung von Wohnraum für Mittelschichten. Als Ergebnis kristallisierten sich eine Erweiterung des CBD "Nariman Point" sowie der teuersten Wohnlage "Cuff Parade" heraus. Auf architektonische Qualität, Design und Ästhetik wurde kein Wert gelegt, der Floor space Index (FSI) und damit Bauhöhe, Verdichtung mehrfach geändert. Nichts ist in Bombay kostbarer als Land, rund 70 Prozent des Bodens der Insel Bombay sind dem Meer abgerungen. Die dem einzelnen Bewohner zur Verfügung stehende Freifläche dürfte wohl in keiner anderen Weltstadt geringer sein: London hält bei 4,84 acres pro Einwohner, New York bei 5,33, Bombay hingegen bei 0,03 (Pradhan 1997:56). Die Preisentwicklung in Nariman Point und Cuff Parade verlief seit 1990 atemberaubend - Mitte 1995 wurden für den Quadratmeter bis zu 10.000 $ bezahlt, die Monatsmiete einer Wohnung liegt bei 60- l 00 $ pro Quadratmeter, d.h. die Preise sind vergleichbar mit Manhattan oder Tokyo. 1996 ist allerdings eine Preisdämpfung eingetreten, weil sich das Spekulationskapital dem Zentrum der Insel zugewendet hat - Parel, einem Bezirk, in dem große Areale stillgelegter Textilmühlen geradezu nach einer neuen Inwertsetzung rufen. Auf dem Gelände der Phenix-Mills wurde das erste luxuriöse Hochhaus inmitten von Fabrikarealen und Slums errichtet. Inzwischen soll ein hochrangiges Architektenteam den neuen "Goldrausch" in gelenkte Bahnen überleiten (Indian Architect & Builder 1/1997). Für die Fabrikeigner erwies es sich als profitabler, ihre Werke zu schließen, die Arbeiter "freizusetzen" und auf die Umwandlung in Bauland zu warten, als in ihre Betriebe zu investieren.
In krassem Gegensatz dazu steht die Verelendung der Massen. In über 1.000 Slums leben heute 5,5 Mill. Menschen, d.h. mehr als die Hälfte der Stadtbewohner. l966 waren es erst 10 Prozent, 1977 30 Prozent. Pure Armut verhindert für viele Jobsuchende das tägliche Pendeln, d.h. der Wohnort muß in Gehdistanz zum Arbeitsplatz liegen (vgl. Korff 1996: 122). Neuere Untersuchungen zeigen. daß von den 436 km2 Greater Bombays nur knapp 15 km2 von Slums "genutzt" werden, die Bewohnerdichte liegt damit bei 367.000 pro kmý! Das gewinnbringende Vorhalten von Brachflächen durch einflußreiche Gruppen verhindert sozialen Wohnungsbau selbst dann, wenn Mittel dafür bereitgestellt werden könnten. Die Schattenseiten der Metropole treten in den Slums besonders deutlich zutage: Unterernährung, Hunger, mangelnde Entsorgung und Wasserversorgung treiben die Säuglingssterblichkeit hoch, Tuberkulose, Lepra sind nicht besiegt, die Malaria ist wieder auf dem Vormarsch, soziale Auswirkungen - Kriminalität, Prostitution, Alkoholismus - breiten sich ebenfalls unter solchen Rahmenbedingungen aus. Die unterste stufe der Verelendung stellen "Pavement dweller" dar (Schätzung: 500-700.000 Menschen), die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. In solchen Milieus rekrutiert die shiv sena überwiegend ihre Kader aus jungen, desorientierten Arbeitslosen. Die Geschichte der Abfolge Slumbeseitigung - Slumverbesserung ist auch in Bombay eine "unendliche". zum Teil überlagernde, widersprüchliche Maßnahmen von Stadtverwaltung, Landesregierung, Bundesregierung, NGOS, Weltbank und selbsthilfeorganisationen können hier nicht dargestellt werden (dazu Panwalkar 1996). Low Cost Housing, squatter Upgrading, sites and services kommen zur Anwendung. Schwerpunkte liegen in der Bereitstellung von Infrastruktureinrichtungen, Kreditvergaben zur Wohnraumverbesserung und vor allem in der Legalisierung von Bodenrechten.

Zwei Entwicklungen der jüngsten Zeit seien nur angedeutet: l993 lancierte die Bundsregierung ein "Mega City Programme" vor allem zur Verbesserung der Infrastruktur, doch fehlt bisher weitgehend ein "Investment in Slum Improvement" (Chakravorty l996). Die shiv sena hingegen hat l995 ein Programm ausgearbeitet, welches "housing schemes" für 4 Millionen Menschen vorsieht. Diese sollen über den Verkauf von Flächenanteilen an Mittelschichten und kommerzielle Nutzen finanziert werden. Experten sehen in diesem Plan nur eine propagandistische Seifenblase (Singh/Das 1995). Der Traum von der "Golden City", einem friedlichen und prosperierenden Miteinander oder wenigstens Nebeneinander, ist seit den "Riots" vom Dezember l992 und Jänner l993 ausgeträumt. Als Nachwirkung der Zerstörung der Babri-Moschee von Ayodhya kam es in Bombay zu Pogromen, in denen vor allem von der Shiv Sena organisierte Banden unter stillschweigender Duldung der Polizei Jagd auf Muslime machten (Engineer 1995, Lele 1996). Der Blutzoll war hoch (unterschiedliche Schätzungen von 1 .000 bis 3.000 Toten), ganze Stadtviertel wurden niedergebrannt und über 200.000 Moslems flohen aus der Stadt. Die "Söhne der Erde" wollten endlich ihr Hindutva-Konzept verwirklichen und die Metropole "reinigen". Bombay ist seither verändert. Noch tiefer sitzt das Mißtrauen zwischen den vielfältigen Religions- und Sprachgruppen als zuvor, die soziokulturelle Segmentierung wird zementiert. Ist dieser Ausbruch von Haß und Gewalt Ausdruck der Ohnmacht der "Havenots", die lokale Reaktion auf die Veränderung der Megacity unter globalen Einflüssen?

New Bombay - Navi Mumbai. Traum und Realität

Jede Phase von Bombays spektakulärem Wachstum hat neue Probleme aufgeworfen und neue Konzepte zur Problemlösung hervorgebracht, die das jeweilige Gewicht politischer, sozialer und wirtschaftlicher Kräfte widerspiegeln.
New Bombay (seit Nov. l995 Navi Mumbai) ist das größte und ambitionierteste "New Town" Projekt Indiens und vermutlich weltweit. Auf der Festlandseite der Thane-Creek entsteht eine Stadt, die in der Planung auf 2 Millionen Einwohner angelegt ist. In der Nachkriegszeit erfolgte mehrfach eine Erweiterung der Außengrenzen der Greater Bombay Municipal Corporation, aber immer nur als Anpassung an eine bereits stattgefundene Siedlungs- und Industrieentwicklung. l958 empfahl das "Barve Committee" die Entwicklung von Satellitenstädten am "Trans-Thane-Creek-Mainland". Der Development Plan von Greater Bombay (1964) ignorierte jedoch diese Anregung völlig, er vermochte hingegen B arrieren zur weiteren Stadt- und Wirtschaftsentwicklung zu errichten. Drei damalsjunge, heute berühmte Architekten - Charles Correa, shirish Patel und Pravina Mehta - bildeten MARG (Modern Architecture Research Group) und konzipierten erstmals die Idee einer Twin City of Bombay, einer "Gegenmetropole" auf dem Festland. l968 akzeptierte die Stadtverwaltung diesen Vorschlag - und entwickelte gleichzeitig Nariman Point.
1970 schuf die Landesregierung CIDCO (City and Industrial Development Corporation). Diese Organisation zeichnete für Planung und Durchführung des genannten Projekts New Bombay verantwortlich. Der ursprüngliche Plan sah recht schematisch 20 urbane Knoten, wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, entlang einer Hauptachse (Bahnen und Straßen) mit je 100.000 Einwohnern vor. In den ersten 20 Jahren der Tätigkeit, 1973 - 1993, wurden jedoch nur sieben "urbannodes" in Angriff genommen. Hauptziele des Plans waren: Verringerung des Bevölkerungsdrucks in Bombay, bessere Lebensqualität, Ausgleich sozialer Disparitäten, Rehabilitation der vorhandenen Bevölkerung (in 95 Dörfern). Im ersten Jahrzehnt trat CIDCO als Planer, Bauherr, Zivilbehörde und "Developer" auf. Grundkonzept der Kapitalbildung lag im Parzellenverkauf an Interessenten und der darauf eintretenden Wertsteigerung. In dieser Zeit blieb die Attraktivität dieser New Town für Bombays Bürger und Investoren gering. Dies änderte sich erst Mitte der achtziger Jahre nach Fertigstellung der ersten Brücke schlagartig -besonders der an der Brücke gelegene Knoten Vashi entwickelte sich rasch. Der eigentliche CBD von New Bombay - Belapur - erhält erst in den neunziger Jahren Wachstumsschübe.
Seit 1991 übernehmen die Kräfte des Marktes mehr und mehr die Entwicklung. Die 30 Prozent Low Income structures bleiben auf dem Papier. CIDCO zieht sich immer mehr als Anbieter von Dienstleistungen zurück. Die Knoten von New Bombay werden durch die immer bessere Anbindung zu Satellitenstädten Bombays. Investoren und
Bankherren dominieren heute das Geschehen: 1991 kostete der Quadratmeter Wohnfläche im schnitt 916 Rs" 1995 bereits 15.474 Rs. Im Knoten Airoli wurde ursprünglich 20.000 "sites and services" Haushalte angesiedelt, aber nach 6 Jahren leben nur noch 20 Prozent der ursprünglichen Bewohner dort, die meisten haben ihre Parzelle verkauft (Banerjee-Guha 1996c). Als Wiedergutmachung sollen jetzt 12,5 Prozent des Landes zu Billigstpreisen an die ursprünglichen Dorfbewohner zurückgegeben werden. Derzeit leben, laut Mitteilung der CIDC0, in New Bombay an die 800.000 Menschen und es existieren an die 250.000 Arbeitsplätze. Die Stadt hat noch kein eigenes Profil entwickelt, sondern spiegelt den "Wirtschaftsgrad" der alten Metropole wider.
Die Habitat-Konferenz II in Istanbul im Juni 1996 machte klar, daß sich in den Städten, und vor allem in den Megastädten, entscheidet, ob es gelingt, eine sozial verträgliche und ökologische Entwicklung der Menschheit zu erreichen. Die Zukunft der Stadt als Motor der Entwicklung oder als Ort der Ballung menschlichen Elends und der Umweltzerstörung?
Die Megastadt Bombay steht pars pro toto für die ermutigen den wie beängstigenden Aspekte unserer gemeinsamen Zukunft.

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Quelle: HSK 12: Mega-Cities. Die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1997 (Historische Sozialkunde 12). Herausgegeben von Karl Husa, Erich Pilz, Irene Stacher. S. 95 - 112.
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