WWU-Münster / Institut für Soziologie

Seminar: USA - eine postmoderne Gesellschaft?

Dozent: Prof. Dr. Krysmanski

Referat vom 15.06.1999

High-Tech, Pranaoia und Verschwörungstheorien

Eine Subkultur der postmodernen Gesellschaft

Verfasser: Daniel G. Bleyenberg (3. Fachsemester)

 

Inhaltsverzeichnis:

1. Die Welt im Verschwörungswahn

2. Verschwörungstheorien

2.1. Die große amerikanische Verschwörungstheorie

2.2. andere Theorien

2.3. Profil der Theoretiker

3. die postmoderne High-Tech-Welt

3.1. Otto Normalverbraucher und High-Tech

3.2. "Big brother is watching you!"

3.3. begründete Paranoia

4. Vermarktung des Phänomens als Unterhaltung

5. Verschwörungstheorien - kein Ende in Sicht

6. Quellennachweis

 

1. Die Welt im Verschwörungswahn

Seit der Mensch so etwas wie eine Zivilisation gebildet hat (einige Philosophen mögen mir da widersprechen), gibt es auch Verschwörungstheorien. Einige von ihnen sind vollkommen unbeachtet geblieben und schließlich in Vergessenheit geraten, während andere die Welt verändert haben, ganz unabhängig von der Frage, ob sie nun der Wahrheit entsprachen oder nicht.

Und gerade heute im Zeitalter der Informationstechnologie haben Verschwörungstheorien weit mehr Einfluß auf Land und Leute, als man meinen mag. Vor allem in den USA hat sich eine Subkultur entwickelt, die teilweise beängstigende Wesenszüge angenommen hat. Und das ist, anders als die Weltanschauung der Theoretiker, keine fiktive Einbildung.

Zunächst aber ein kleiner, historischer Rückblick:

Wie bereits gesagt, kursieren schon seit Anbeginn menschlicher Zeitrechnung Verschwörungstheorien. Im Mittelalter zum Beispiel vertrat jeder Kaiser, König oder sonstiger Herrscher die Ansicht, daß sein Nachbar etwas gegen ihn im Schilde führe. Da das in jener Zeit aber jeder dachte, stimmte es am Ende dann auch, und man hatte sich vorsichtshalber den Krieg erklärt.

Im Zuge des Christentums kamen noch andere Versionen von Verschwörungs-theorien hinzu: Die Hexen- und Judenverfolgung. Damals ging man davon aus -selbstverständlich von der Inquisition "wissenschaftlich" untermauert - daß es eine Verschwörung des Bösen gegen die Menschheit gäbe. Dummerweise aber läuft der Satan nicht mit einem Namensschild umher. Da man das Böse allerdings nur bekämpfen konnte, wenn man dessen Pläne und irdischen Verbündeten kannte, mußten oben genannte (ethnische) Gruppen als Sündenböcke für all das Schlechte in der Welt herhalten.

Teilweise wurden Verschwörungstheorien auch gezielt in die Welt gesetzt, um das Volk für die rein weltlichen Belange eines Herrscher zu begeistern. Als sich im 11. Jahrhundert die West- und Oströmische-Kirche zerstritt, und sich daraufhin das Byzantinische Reich vom Vatikan lossagte, wurde dieses daraufhin kurzerhand zum Reich des Bösen erklärt. Daß Rom dadurch einen empfindlichen Macht- und Geldverlust erlitten hatte, wurde den Menschen allerdings nicht mitgeteilt, die in den folgenden Kreuzzügen für das vermeintlich Gute kämpften. Und nach fast eintausend Jahren funktioniert diese Art der Gehirnwäsche immer noch, wie der Zweite Weltkrieg zeigte.

Auch der Templerorden wurde im 14. Jahrhundert unter dem Vorwand satanistischer Machenschaften zerschlagen. Daß der Ritterorden zu jener Zeit mehr Geld, Land und Einfluß besaß als so mancher Fürst, und den Herrschern allmählich zu einem Dorn im Auge wurde, war dabei offiziell nicht von Belang.

Nun fallen diese Formen der Verschwörungstherorien nicht mehr in die Kategorie, die man in jüngerer Zeit mit diesem Begriff bezeichnet. Heute sind es nicht mehr die Herrschenden, die sich mit Lügengeschichten das Volk gefügig machen, sondern das Volk selbst sieht sich nun als Opfer der Machthaber. Seltsamerweise steigt die Anzahl von Verschwörungstheorien und fiktiven Komplotten, je freier und demokratischer ein Land wird. Dabei wird vergessen, daß ein Staatssystem, bei dem die Macht in den Händen vieler liegt, eine tatsächliche Durchführung solcher Pläne immens erschwert.

Vielleicht haben gerade darum Verschwörungstheorien in den USA eine eigene Kulturform gebildet. Schon George Washington ging bei der Gründung des amerikanischen Parlaments davon aus, daß die Engländer planten, Gesetze einzubringen, die Amerika schaden würden.

Diese ur-amerikanische Paranoia hat sich bis heute nicht nur gehalten, sondern prächtig vermehrt. Als Weltpolizist und Großmacht fühlt sich das Land regelrecht umzingelt - nicht nur von Außen, auch von Innen.

 

2. Verschwörungstheorien

In diesem Referat sollen in erster Linie die jüngeren Verschwörungstheorien behandelt werden. Also jene Komplotte, vor denen man von den Theoretikern mit Hilfe sämtlicher Medien eindringlich gewarnt wird.

Das Entscheidende an einer Verschwörungstheorie ist, daß sie nicht widerlegt werden kann. Egal wieviel Mühe man sich gibt, einem Konstrukt, den es gar nicht gibt, kann mit Logik nicht beigekommen werden. Die Verfechter dieser angeblichen Komplotte hingegen können gleich mit einer ganzen Anzahl an Beweisen aufwarten, die eine Verschwörung aufdecken. Dies kann schon ein einziger schwarzer Hubschrauber ohne Aufschrift am Himmel sein. Und wie will man dem widersprechen?

Inzwischen gibt es für jedes Problem auf unserer Erde eine Verschwörungstheorie. Es ist also nicht so etwas abstraktes wie das Schicksal oder eine undefinierte böse Macht für all das Leid und die Ungerechtigkeit verantwortlich, sondern eine Gruppierung von Menschen, die sich bekämpfen läßt. Und eine derartige Sichtweise läßt sich doch sehr viel besser mit unserer modernen Weltanschauung vereinbaren.

 

2.1. Die große amerikanische Verschwörungstheorie

Als mit dem Ende des kalten Krieges das fast schon traditionelle Feindbild Sowjetunion wegfiel, rückte eine andere große Verschwörung gegen die USA in den Mittelpunkt - und zwar ging diese vom Inland aus. Angeblich versuche die Regierung (in einschlägiger Literatur auch "The System" genannt) Amerika und sein Volk in die Hände fremder Mächte zu spielen. Inzwischen hat diese Theorie fast mystischen Charakter erreicht. Und auch hier müssen wieder jüdische und andere Gesellschaftsgruppen herhalten, u.a. Schwarze und Araber. Der Phantasie der meist nationalistischen Theoretiker sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Daß man diese Leute aber keineswegs als harmlose Spinner abtun kann, wurde jedem Amerikaner schmerzlich vor Augen geführt, als am 19. April 1995 durch die gewaltige Explosion einer Autobombe das Alfred P. Murrrah Federal Bulding in Oklahoma fast voll ständig zerstört wurde - ein Regierungsgebäude im "Herzen" von Amerika - 167 Menschen starben. Anfangs wurde dieser Anschlag moslemischer Terroristen angelastet. Eine Selbstverständlichkeit, denn wer sollte sonst für so eine Tat verantwortlich sein. Als dann amerikanische Nationalisten verhaftet wurden, war es für die Bevölkerung ein Schock. Nicht religiöse Fanatiker, sondern die eigenen Landsleute haben scheinbar grundlos ein Hochhaus gesprengt. Doch für diese Leute gibt es einen Grund: Die Regierung ist amerika-feindlich und muß aufgehalten werden. Der Anschlag von Oklahoma war bislang das deutlichste Anzeichen für die Aktivitäten dieser sogenannten amerikanischen Milizen. Die Zahl deren Mitglieder schätzt man bisweilen auf über 40.000 Personen, die äußerst schwer bewaffnet sind und sich in Kleinstädten treffen und dort Kampftraining abhalten. So formiert sich mitten in Amerika eine schlagkräftige Armee - teilweise unterstützt von Lokalpolitikern und der örtlichen Polizei.

Der bekannteste Vertreter dieser monströsen Conspiracy ist Pat Buchanan, der predigend durchs Land zieht und 1992 und 1996 als Präsidentschaftskandidat angetreten ist. Seine Erfolge waren zwar mäßig, aber steigend. Immer mehr Amerikaner sind der Meinung, daß die Regierung sie ausbeutet. Daß in diesem Zusammenhang auch der Steuersatz von durchschnittlich 27,5% angeführt wird, mag jedem Europäer zwar als Witz erscheinen, aber bis zum nächsten Zeichen einer Miliz ist es nur eine Frage der Zeit. [1]

 

2.2. andere Theorien

Einen wahren Boom erlebten die Verschwörungstheorien durch das Internet. Jeder Mann (und natürlich auch jede Frau), der (die) sich irgendwie verfolgt fühlt oder irgendwo einen Komplott zu erkennen glaubt, hat nun auch die Möglichkeit, diese auch zu veröffentlichen - unzensiert. Gibt man in einer Suchmaschine den Begriff "Conspiracy" ein, so bekommt man über 320.000 Seiten angeboten. Die Zahl derjenigen, die sich seriös und objektiv mit diesem Thema befassen (vor allem aus soziologischer und psychologischer Sicht), ist dabei derart gering, daß der Spruch von der Nadel im Heuhaufen hier ganz neue Dimensionen erreicht.

Die im Internet verbreiteten Theorien sind teilweise klassisch, total unglaubwürdig, originell oder einfach kurios. So wurde eine geplante Freud-Ausstellung in den USA zu einem handfesten Skandal. Jene Psychologen, die keine Anhänger der freudschen Methode waren, sahen sich diskriminiert und wähnten in diesem Museumsprojekt den Versuch, Stimmung gegen sie machen. Die Ausstellung wurde abgesagt. [1]

Hier eine kleine Auswahl weiterer Theorien:

Die Illuminati

Der Ursprung dieser Verschwörung liegt in Deutschland (Ingolstadt). Dort gründete 1776 Adam Weishaupt, Professor für Kirchenrecht und Philosophie, den Geheimbund der "Erleuchteten". Mitglieder waren unter anderem Goethe und "Knigge". Die Illuminati waren zwar als philosophischer Gegensatz zu den Freimaurern geplant (ein weiterer Geheimbund, der im Sinne der Aufklärung gegen kirchliche Machtausübung und Monarchie stand), hatten sich zunächst jedoch kein klares Zeil gesetzt. Also übernahm man die Gesinnung der Freimaurer. Fortan sollte "dem Pfaffen und Schurkenregiment (...) ein Ende gemacht werden." [2]

Daß der Geheimbund gar nicht so geheim war, zeigte der Umstand, als er 1785 verboten wurde, und die Mitglieder dieses Verbot auch befolgten - anders als die Freimaurer. Doch 1896 taten sich die Illuminati erneut zusammen und bilden seit 1926 einen Weltbund.

Laut Verschwörungstheoretiker soll diese Gruppierung inzwischen die Weltwirtschaft durch Überwachung des Informationsflusses kontrollieren, unter anderem IBM - das Sinnbild eines amerikanisches Konzerns. Daß sich ihr Zeichen (ein Auge in einer Pyramide) auf dem Ein-Dollar-Schein befindet, ist ein vermeintlich weiterer Beweis ihrer Macht.

Auch Deutschland fiel in den 80ern dem Illuminati-Fieber zum Opfer, als ein Jugendlicher durch seine Recherchen dem BND auffiel, und dieser die Sache äußerst ernst nahm. (Es endete für den BND jedoch recht peinlich.)

Im Internet gibt es unter www.illuminati.de einen Mitgliedsantrag, in dem unter anderem die Quersumme der Nummer des Personalausweises, der I.Q. und der Beruf mit Angabe des bekleideten Postens abgefragt wird. Die Echtheit ist jedoch zu bezweifeln.

Area 51

Es gibt Außerirdische und sie sind auf der Erde. Und besser noch, sie arbeiten mit der amerikanischen Regierung zusammen, die das alles vor ihrer Bevölkerung geheimhält.

Als am 2. Juli 1947 in Roswell ein angebliches UFO abstürzte, trat dieses Ereignis eine wahre Kulturbewegung los - die UFO-Gläubigen. Seit dieser Zeit scheint das Thema UFO die Menschheit nicht mehr loszulassen. Daß die damalige Regierung sich so merkwürdig verhalten hat (indem es das UFO als Wetterballon ausgab, aber gleichzeitig eine Untersuchung für unerklärliche Phänomene namens "Project Blue Book" einleitete - die Sichtungen also ernst nahmen) gibt diesen Theorien zusätzliche Nahrung. Hinzu kommt, daß es Area 51 offiziell gar nicht gibt, in New Mexiko aber ein riesiges Gebiet von der Armee abgeriegelt wird. Angesichts der erstaunlichen High-Tech des amerikanischen Militärs verständlich - für UFO-Anhänger ist es jedoch der entscheidende Beweis ihrer Ansicht.

Kurz vorgestellt: [3]

Aids: Zur Kontrolle der Bevölkerung in der dritten Welt entwickelter Virus der Industriemächte.

Prinzessin Diana: 1. Vom MI6 (brit. Geheimdienst) ermordet, um die Einflußnahme von Arabern (Dodi Al Fajett) auf England zu verhindern. / 2. Vom MI6 ermordet, um Prinz Charles den Anspruch auf den Thron zu sichern, da er laut Kirche nun verwitwet ist. / 3. Von Außerirdischen getötet (Motiv unbekannt).

Mondlandung: Von der NASA in einem TV-Studio inszeniert, um der Sowjetunion den Sieg am Wettlauf zu nehmen, da Amerika den technischen Rückschritt niemals hätte aufholen können.

Hitler: Lebte seit seinem angeblichen Selbstmord zusammen mit seiner Frau in einer unterirdischen Stadt in der Antarktis und starb erst sehr viel später als 1945.

 

2.3. Profil der Theoretiker

Was sind das eigentlich für Menschen, die einen Großteil ihrer Freizeit oder ihres Lebens damit verbringen, hinter alles und jedem eine Verschwörung zu sehen? Spinner und Soziopathen? Oder aber die einzigen Menschen auf der Welt, die die geheimen und verwerflichen Machenschaften der Herrschenden aufgedeckt haben und uns ahnungslose Schafe nun davor warnen wollen?

Genauso unterschiedlich wie die Theorien sind auch die Menschen, die sie entwickeln. (Ich verzichte an dieser Stelle bewußt auf den Begriff erfinden.) Doch allen ist eines gemeinsam: Jeder von ihnen meint, er sei einer der Wenigen, die tatsächlich wissen, was um sie herum tagtäglich passiert. Wird ihnen widersprochen, ist das nur der Beweis, daß dieser jemand bereits in den Mühlen der Verschwörung verlorengegangen ist. Ein Grund mehr, um vorsichtig zu sein. Im Grunde genommen ist es der Theoretiker selbst, der sich laufend bestätigt. Alle anderen sind unwissend oder Teil der Verschwörung.

Im folgenden werden drei Typen von Theoretikern beschrieben, die sich durch meine Studien mehr oder weniger herauskristallisiert haben. Selbstverständlich ist dies keine eindeutige Charakterisierung, aber die teilweise erschreckenden Folgen von Verschwörungstheorien machen eine Trennung unumgänglich.

Der Fanatiker...

...sieht überall Feinde und muß inzwischen als extrem gefährlich eingestuft werden, wie durch den Oklahoma-Anschlag deutlich geworden ist. Die Anhänger der amerikanischen Milizen sind zumeist weiß, christlichen Glaubens, rechtsextrem und besitzen ein umfangreiches Arsenal an Waffen. Sie sehen sich als die einzig wahren Amerikaner und fordern einen sofortigen Stop der Einwanderungen. Als Begründung für den bewaffneten Kampf gegen "das System" - welches Kriminelle, Atheisten, Homosexuelle, Flaggenschänder und Pornographen schütze - wird die Verfassung zitiert. "That right is about man’s right to defend his wife, his family, his freedom and his country!" (Pat Buchanan) [1]

Der UFO-Gläubige...

...ist im Gegensatz zum Fanatiker in den meisten Fällen vollkommen harmlos (wie im übrigen die meisten der anderen Verschwörungstheoretiker). Es gibt aber auch Anhänger von sogenannten UFO-Sekten (z.B. Heaven’s Gate), die kollektiven Selbstmord begangen haben. Beim UFO-Gläubigen muß also ein besonderer Augenmerk auf den Aspekt des Glaubens geworfen werden. "I want to believe!" - dieses Motte verdeutlicht, daß der UFO-Glaube eine Art moderne Religion geworden ist. Anders als andere industrielle Staaten bekennt sich Amerika offiziell zum Christentum. "In God we trust" heißt es auf jeder Münze und jeder Dollar-Note. Dies mag erklären, warum der Zulauf zu Kirchen und Sekten in den USA trotz naturwissenschaftlicher Aufklärung und moderner Computer-Technologie ungebrochen ist. Aus dieser Sicht wird das UFO-Phänomen zu einer neuen Glaubensrichtung. Wurde früher ein unerklärliches Licht am Himmel als einen Zeichen der Götter gedeutet, ist es heute ein UFO. Es scheint, als würde der Mensch seinen Aberglauben dem Stand der Technik und dem seines Wissens anpassen.

Daß es UFO’s vermutlich eher nicht gibt, zeigt die Art und Weise, wie die Sichtungen gemeldet werden. Als nach dem Roswell-Absturz ein Artikel veröffentlicht wurde, glaubten am darauffolgenden Tag plötzlich eine Reihe weitere Personen, eben dieses UFO gesehen zu haben. Bei anderen Sichtungen war es ähnlich. Auch bei den Artikeln, denen gar keine Sichtung zugrunde lag - die nur eine von Psychologen gelegte Finte waren. Die Erklärung für diese Reaktionen gehen von Verlangen nach sozialer Anerkennung bis Schizophrenie. Bei jenen, die glauben von Außerirdischen entführt worden zu sein, werden unterdrückte Phantasien angeführt. Einige Statistiken fördern zu Tage, daß der typische (amerikanische) Entführte weiblichen Geschlechts und puritanischen Glaubens ist. Aus psychologischer Sicht ein interessanter Aspekt. [4]

Der Technik-Freak...

...ist erst in den letzten zwei Jahrzehnten aufgetreten, dürfte inzwischen aber wohl die Mehrheit unter den Theoretikern stellen, da das Internet für ihn wie geschaffen ist. Technisch begabt und mit den Funktionsweisen von Computern und anderer moderner High-Tech vertraut, weiß er, was technisch gesehen tatsächlich möglich ist. Und da jeder Fortschritt auch seine Schattenseite hat, geht er davon aus, daß diese Technologie für Überwachung und Kontrolle des Volkes mißbraucht wird. Bei seinen Theorien handelt es sich in der Regel nicht um große Verschwörungen wie bei den Milizen, sondern um den ultimativen Überwachungsstaat, der aber nicht unbedingt gegen seine Einwohner agiert. Oft sind seine Theorien auch nicht ganz ernst gemeint, sondern sind eher als Gedankenspielereien zu verstehen - ganz nach dem Motto: Es wäre machbar!

 

3. Die postmoderne High-Tech-Welt

3.1. Otto Normalverbraucher und High-Tech

Ein kleines Experiment:

1. Frage: Wie funktioniert ein Auto?

Antwort: Verbrennungsmotor - sich durch Entzündung ausdehnendes Gas treibt Zylinder an, deren Kraft auf die Achse übertragen wird. Richtig!

2. Frage: Wie funktioniert ein Computer?

Antwort: Prozessor. Gut! Und weiter?

In einer technisierten Welt, in der ¾ aller Besitzer von Videogeräten angeben, diesen nicht programmieren zu können, wird der Fortschritt allmählich zu einer abstrakten Sache. Die Technik wird zwar angewandt, aber kaum einer dieser Benutzer weiß, wie sie wirklich funktioniert.

Hinzu kommt der soziale Umbruch, der zur Zeit im Gange ist. Arbeitsplätze werden ins eigene Heim verlegt, und die Daten per Online verschickt. Die zwischen-menschliche Kommunikation wird per E-Mail abgewickelt. "Der Mensch wird immer schneller und hat doch immer weniger Zeit." (Verfasser leider nicht bekannt)

Laut Pessimisten wird unsere virtuelle Gesellschaft [5] in absehbarer Zeit zusammenbrechen. Schon jetzt gibt es erste Anzeichen: Streß-Patienten, Soziale Phobien, Aussteiger und Anti-Fortschritts-Sekten. Es scheint, als habe der normale Benutzer Angst vor der Technik, weil er sie nicht versteht, und der Techniker, gerade weil er sie versteht (siehe 2.3.: Der Technik-Freak).

In so einer Atmosphäre können Verschwörungstheorien, die ihren Ursprung in der High-Tech-Welt haben, natürlich schnell Wurzeln schlagen - auch bei jenen, die sich normalerweise nicht mit einer derartigen Thematik beschäftigen.

 

3.2. "Big Brother is watching you!"

Wer weiß, was technisch alles möglich ist, kann schnell einer modernen Paranoia verfallen. Es bedarf dann nur noch ein bißchen Phantasie, und der Überwachungsstaat ist perfekt. Kameras an jeder Ecke und in jedem Haus. Münzen als Detektoren, um die DNA zu scannen. Satelliten mit Infrarot-Sensoren sehen durch Wände. Und während man sein beschauliches Leben lebt, wird man heimlich für medizinische Experimente mißbraucht. [3]

Dieses maßlos übertriebene Szenario ist in Amerika (und auch in Deutschland) für so manchen Technik-Fan zum Hobby geworden. Mit Mini-Kameras und Abhörgeräten (in Katalogen und im Internet teilweise für unter 100 DM angeboten) werden die Nachbarn ausspioniert - nur so zum Spaß, wenn auch illegal. Computerdaten können abgefangen werden, ohne daß auch nur ein Kabel angeschlossen werden muß - per Strahlungssensor im Nachbarzimmer. Für Nachrichten-Magazine ein gefundenes Fressen. Denn es schockiert den Zuschauer, wenn er sich vorstellt, bei jedem Schritt beobachtet zu werden.

So begründet eine gewisse Paranoia auch sein mag, beizeiten nimmt sie jedoch komödiantische Züge an. Denn laut einiger Techniker und Psychologen ist das gefährlichste Stück Technik, das man gegenwärtig auf den Märkten der freien Welt bekommen kann: FURBY !!! Vollgepackt mit modernster Überwachungstechnik soll dieses kleine, sprechende, äußerst süße Stofftier im Auftrag von Japan die amerikanische Bevölkerung ausspionieren. Dies soll sogar soweit gehen, daß dieses pelzige Spielzeug in amerikanischen Regierungsgebäuden tabu ist (ich habe dafür im Internet jedoch keine Bestätigung gefunden.)

Tatsächlich aber handelt es sich bei "Furby" einfach nur um ein sehr cleveres Spielzeug, mit dem die moderne Technik Einzug in die Kinderzimmer hält. Und in diesem Fall auf recht unauffälliger Weise. Ausgestattet mit einem Computerchip und mehreren Licht-, Geräusch- und Bewegungssensoren entpuppt sich der kleine Kerl als intelligentes Spielzeug, in dem es im Verlauf des Spiels immer besser zu Reden lernt. Eben diese Lernfähigkeit schlägt den Verschwörungstheoretikern übel auf den Magen. Daß es sich jedoch nur um eine Art simulierte Intelligenz handelt, wollen sie nicht wahrhaben. In diesem Fall sind die Wörter von Anfang an auf dem Chip gespeichert und werden im Laufe der Zeit nach und nach freigegeben, so daß der Eindruck entsteht, "Furby" würde tatsächlich lernen.

Als vor einiger Zeit das Tamagochi auf dem Markt kam, ein Spielzeug, mit dem man sich beschäftigen muß und das "wächst", befürchteten eine Reihe von Pädagogen, die Kinder würden dadurch gesellschaftlich abstumpfen. Doch als man das kleine eiförmige Ding dann schließlich enttäuscht in Händen hielt, waren alle Befürchtungen und Ängste im Nu verflogen, und heute kennt es niemand mehr.

Nun ist "Furby" (ein Exemplar wurde mir übrigens freundlicherweise von Woolworth zu Verfügung gestellt) zwar ungleich komplexer aufgebaut und weit interessanter als ein Tamagochi, doch auch von diesem modernen Spielzeug geht keine Gefahr für die Psyche unserer Kinder aus. Außerdem ist in "Furby" ein Versteckspiel integriert (u.a.), welches man nicht alleine spielen kann. (Es ist zudem erstaunlich, wie sehr sich erwachsene Menschen durch so ein Spielzeug begeistern lassen, wie mir ein Selbstversuch in meinem Bekanntenkreis zeigte!)

 

3.3. Begründete Paranoia

Ein weiterer Grund dafür, daß Verschwörungstheorien in den USA einen derartigen Siegeszug feiern, mag sein, daß die Regierung sich in der Vergangen des öfteren äußerst verdächtig verhalten hat und "Unregelmäßigkeiten" in ihrer Staatsführung mehr oder weniger zugegeben haben. So wurde die Kommunisten-Hatz der 50er Jahre, bei der über 200 Personen lediglich auf Grund von Gerüchten über Jahre hinweg inhaftiert wurden, inzwischen offiziell "bedauert". Auch die Tatsache, daß die Akten des Kennedy-Attentats bis heute zurückgehalten werden, obwohl in den USA normalerweise sämtliche Prozeß-Daten für jedermann frei zugänglich sind, macht die Regierung in solchen Dingen nicht unbedingt integerer. Hinzu kommt, daß der Informationsfluß während des Golfkrieges offensichtlich zensiert und sogar manipuliert wurde. So war die Nachricht, daß Irakis Neugeborene aus ihren Brutkästen nähmen, eine reine Finte des US-Militärs, um die Stimmung in der Heimat gegen den Irak hoch zu halten. Auch die sogenannte "chirurgische Präzision" ließ teilweise sehr zu wünschen übrig. So wurde ein vermeintlicher Truppentransport im Osten Kuwaits mit einem herkömmlichen Bombenteppich nach Art des zweiten Weltkrieges eingeebnet. Daß es sich hierbei um kuwaitische Flüchtlinge handelte, wurde erst drei Jahre nach Beendigung von "Desert-Storm" bekannt, ebenso wie der Umstand, daß sich die amerikanischen Panzer im Kampfrausch teilweise gegenseitig vernichtet haben. [6]

In Sachen moderner Kommunikationstechnik macht sich Otto-Normalverbraucher die meisten Sorgen wohl darüber, daß seine EC-Karte plötzlich eine Geldquelle für jedermann wird, obwohl sämtliche Bankinstitute permanent die absolute Sicherheit ihrer Systeme anpreisen, die es nach Ansicht von Experten nie geben wird. Wie hier, so gilt für jedes andere Computersystem Scotty’s Mechanikerweisheit: "Wo viel Technik, kann man auch viel kaputt machen!" Und wenn sich im Cyberspace eine Monokultur entwickelt (Microsoft scheint früher oder später in allen Bereichen führend zu werden), wird dieses um so einfacher. So legte am 26.3.1999 der Virus "Melissa" für einige Tage den kompletten elektronischen Datenverkehr von Microsoft lahm. Das Besondere an "Melissa" war, daß er sich selbständig und ohne fremde Hilfe übers Internet in andere Rechner per E-Mail einschmuggeln konnte. Daß das WorldWideWeb nicht vollends zusammengebrochen ist, ist lediglich dem Umstand zu verdanken, daß noch längst nicht alle System mit Mircosoft-Programme laufen. Übrigens wurde "Melissas" Schöpfer, ein 20jähriger Student, ausfindig gemacht und angeklagt. Die Staatsanwaltschaft fordert 40 Jahre Haft - mehr als für Mord.

Die Theorie von einer großen Überwachung bekommt immer wieder neue Nahrung von den Unmengen an Kameras, die in sämtlichen Geschäften und an öffentlichen Plätzen aufgestellt werden - selbstverständlich zur Kriminalitätsbekämpfung. Bis zur Verschwörungstheorie ist es aber nur ein kleiner Schritt: Alle Kameras sind an ein Netz angeschlossen, dessen Leitung beim FBI endet.

Ein anderer Punkt, der den Durchschnittsmenschen weiter verunsichert ist die Datensicherheit, die zwar rechtlich gesehen gegeben ist (z.B. Artikel 2 des deutschen Grundgesetzes), aber selten (auch von der Staatsverwaltung) eingehalten wird. So wurde man an seinem 18. Geburtstag und bei Erlangen des Schulabschlusses unverständlicherweise von Angeboten diverser Versicherungsgesellschaften überschüttet, als hätte man ihnen Bescheid gegeben.

Auch der neue Pentium-III von Intel läßt den Datenschutz unbeachtet. So verfolgt er die Bewegungen seines Users im Internet. Die so gewonnen Daten über das Verhalten der Surfer wird dann an interessierte Firmen verkauft, die gezielt Werbung verschicken können. Offiziell wird diese Vorgehensweise aber nicht bestätigt, da der Prozessor lediglich seine Seriennummer überträgt. Die Kombination mit der passenden E-Mail-Adresse wäre allerdings ein Leichtes. (An dieser Stelle muß der Verfasser zugeben, ebenfalls Opfer einer Verschwörungstheorie geworden zu sein!)

 

4. Vermarktung des Phänomens als Unterhaltung

Verschwörungstheorien haben die Besonderheit, daß sie diejenigen Menschen, die nicht an sie glauben, sich aber wenigstens prima unterhalten. Ein Umstand, der der Unterhaltungsindustrie nicht entgangen ist. Spätestens seit Akte-X sind Verschwörungstheorien der Regierung in aller Munde, und die Fangemeinde ist geradezu gigantisch. Weltweit hat kaum eine andere Serie einen derart durchschlagenden Erfolg erlebt. Und wie bei StarTrek werden die beiden Schauspieler wohl ihr Leben lang dazu verdammt sein, Fox Mulder und Dana Scully zu geben. Durch den dokumentarischen Charakter von Akte-X schwebt der Konsument ständig zwischen Glaube und Skepsis und malt sich aus, was wäre wenn...

Psychologen sehen in diesem Erfolg jedoch die Gefahr, daß der Zulauf der UFO-Gläubigen überhand nehmen würde. Es gibt aber auch die Ansicht, daß eine Theorie durch übermäßige Veröffentlichung an Mythos und somit an Glaubwürdigkeit verliert - gerade wenn sie kommerziell vermarktet wird.

Inzwischen flimmern eine Reihe von Plagiaten über den Bildschirm - glücklicherweise mit mäßigem Erfolg, was zeigt, daß die Zuschauer längst nicht alles konsumieren, was ihnen vorgesetzt wird. Neben dem Fernsehen hat natürlich auch die Kino-Branche des öfteren auf diesen Themenbereich zurückgegriffen. Filme wie Sneakers, Fletcher’s Visionen, Staatsfeind Nummer 1 und Ausnahmezustand erreichten teilweise recht beachtliche Zuschauerzahlen. Zusätzlich überfluten Literatur und Magazine den Markt wie eine Flutwelle. Aber eines ist sicher, immer wenn man vom Höhepunkt einer Kulturform berichtet, ist diese schon wieder am abebben.

 

5. Verschwörungstheorien - kein Ende in Sicht

Verschwörungstheorien hat es immer gegeben und wird es immer geben. In Zukunft vielleicht mehr denn je. Doch eines ist verwunderlich: Während dieses Phänomen in den USA eine eigene Subkultur gebildet hat, reicht es in Europa lediglich für nette Geschichten. Obwohl es auch hier das eine oder andere Komplott gegeben haben soll, bleibt dieser Aspekt einer postmodernen High-Tech-Gesellschaft vollkommen unbeachtet. Sogar die Illuminati, die ihren Ursprung ja in Deutschland haben, hatten in letzter Zeit nur ein sehr kleines Gastspiel, von dem nur ein paar Jahre später kaum noch jemand etwas weiß.

Wo also liegen die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland? Vielleicht in der außergewöhnlich hohen Technisierung der Amerikaner, obwohl Deutschland sicher nicht unterentwickelt ist? Vielleicht in der fortschrittsorientierten Siedlermentalität? Vielleicht stimmt ja auch die Meinung der Europäer, wonach die Amerikaner generell verrückt sind?

Was auch immer in naher Zukunft geschieht, der Mensch verlangt nach Antworten. Und wenn er sie nicht kriegen kann, macht er sich einfach welche.

 

6. Quellennachweis

[1] Claus Leggewie: "Fed up with the feds" in: "Kursbuch 124 - Verschwörungstheorien", Rowohlt (Berlin), Ausgabe: Juni 1996

[2] Johann August Starck: "Das Komplott der Philosophen" in: "Kursbuch 124 - Verschwörungstheorien", Rowohlt (Berlin), Ausgabe: Juni 1996

[3] www.butterbrot.de/verschwoerungen/conspire.htm

[4] aus einer psychologischen Abhandlung aus dem Internet mit dem Titel "Akte-X,
Ufos und Verschwörungstheorien" (nach der ersten Sichtung leider nicht wiedergefunden)

[5] Achim Bühl: "Die virtuelle Gesellschaft", Opladen/Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 1997

[6] aus TV-Magazin "History" von Pro7 im Februar 1999

weitere Internet-Adressen:

www.denied.de

www.conspiracy.com

weitere Literatur:

Daniel Pipes: "Verschwörung - Faszination und Macht des Geheimen", Gerling Akademischer Verlag / 359 Seiten

(Besprechung unter: www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/2555/1.html )