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H.
J. Krysmanski
Weltsystem,
neue Medien und soziologische Imagination
Die
Suche nach der verlorenen Zukunft
Auch
nach dem angeblichen 'Ende der Geschichte' bleibt eine systemische Neugier.
Wir sind nicht nur gespannt auf das nächste Ereignis. Uns bewegt auch
innere Unruhe hinsichtlich des Schicksals des ganzen Systems, der ganzen
Produktionsweise oder ganz genau: hinsichtlich der Grenzen der Gesellschaftsformation.
Unsere individuelle Befindlichkeit sagt uns: diese Produktionsweise
wird nun ewig währen. Unsere Intelligenz sagt uns, daß dies die unwahrscheinlichste
aller Möglichkeiten ist. Dennoch fällt es uns heute leichter, den Zerfall
des Planeten und seiner Natur zu imaginieren als den Zusammenbruch des
Kapitalismus (Jameson 1994: xii).
Da
kann doch etwas nicht stimmen. Ist es die Schwäche unserer soziologischen
Imagination? Lähmt uns die postmoderne Ideologie? Oder ist postmodernes
Oberflächendenken die Symptomatik eines sehr viel tieferen Strukturwandels?
Die
heutigen Antinomien des Denkens ergänzen einander nicht und bringen
kein Licht auf das Ganze. Sie drücken Dilemmata aus, in denen das Ganze
sich verdunkelt. So viele der heute diskutierten Antinomien - wie die
von 'Standort' versus 'Sozialstaat' - deuten eher auf ein System verschlüsselter
genetischer Botschaften aus der Historie als auf Gestaltungsalternativen
der Zukunft. Was zum Beispiel bedeutet in der Epoche globaler Kommunikation
die vielbeschworene Antinomie von Raum und Zeit oder gar deren Aufhebung?
Einer
nie dagewesenen Wandlungsrate steht eine nie dagewesene Standardisierung
von allem und jedem gegenüber: daß dies der Zeitmodus einer bestimmten
Produktionsweise und nicht etwa der Modus der Zeit ist, kommt derzeit
keinem der soziologischen Zeitdeuter über die Lippen. Es ist auch in
der Tat kaum möglich, sich dieser Denkblockade zu entziehen. Das herrschende
temporale Paradoxon lautet: absoluter Wandel ist absolute Stasis (Jameson
1994: 21). Dies ist im übrigen Luhmanns Domäne.
So
beginnt die Suche nach der verlorenen Zukunft mit der Frage, wie es
denn möglich sei, ”daß die standardisierteste und uniformste soziale
Realität der Geschichte durch bloßes Fingerknipsen, durch geringste
Verschiebungen, als ein schillernder Ölfilm absoluter Vielfalt und unerhörtester
Formen menschlicher Freiheit wiedererstehen konnte.” (Jameson 1994:
32)
In
dieser Lage wecken die 'neuen Medien' die Sehnsucht nach der verlorenen
Totalität. Alle Medien der Schrift, der Zeichen, der Töne und Bilder
sind 'neu' geworden durch die Möglichkeit ihrer Integration in die 'universelle
Maschine' der vernetzten Computer.
Nur,
diese neuen Medien sind weder die Botschaft noch die Botschafter, im
Gegenteil. Die informationelle Technologie zeigt zwar ”eine enorme Sensibilität
für die nicht-natürliche, arbiträre Struktur der Zeichen und Symbole,
der Botschaften, Gedanken, Werte, kulturellen Ausdrucksformen, Emotionen
und Gefühle” - kurz, für alles Wesentliche einer menschlichen Kultur
oberhalb der einfachsten Bedürfnisse (Jameson 1994: 46). Doch eines
ist die informationelle Technologie auf keinen Fall: das Soziale oder
sein dauerhaftes Surrogat. Sie ist nur der Weg dorthin.
Die
gesellschaftliche Aneignung dieser Technologie wird - in langen historischen
Prozessen - jene Totalitäten sozialer Solidarität neu schaffen müssen,
die jetzt mit Hilfe der Informationstechnologien für immer demoliert
werden. Mit anderen Worten, die Fungibilisierung aller Räume und aller
Psychen durch die globalen Informations- und Kommunikationstechnologien
ist zunächst nicht die Herstellung eines Zusammenhangs, sondern dessen
Zerstörung. Selbstverständlich ist sie auch ein Beginn.
Soziologische
Imagination: der tätige Umgang
mit den Paradoxien der Gegenwart
Wenn
Niklas Luhmann schreibt, daß "Theoriekonstruktion immer 'Entfaltung'
eines Paradoxes" ist, so klingt das plausibel. Daß die dafür notwendigen
Operationen ein wenig mehr als den Einsatz logisch-mathematischer Wissensformen
verlangen, weiß Luhmann. Doch dieses Mehr beschreibt er so: "Solange
die Inspiration ausbleibt, besteht die Möglichkeit, ein altes Wort funktionsgenau,
aber keinesfalls subjektiv, wiederzuverwenden: Imagination." (Luhmann
1996a: 224)
Was
Imagination ohne subjektiven Anteil sein soll, ist mir ein Rätsel. Daß
Luhmanns Systemtheorie ein hermeneutischer Automat zur Erzeugung soziologischer
Einfälle sein will, ist mir klar. Daß die neuen Medien eine universelle
hermeneutische Maschine der soziologischen Imagination sind, ist ein
Gedanke, den ich noch ausführen werde.
Unter
dem schönen Titel 'Der Film des Soziologen' argumentiert Gerhard Schulze,
die geistigen Herausforderungen seien im Fall der Soziologie ”ungleich
größer als etwa in der Medizin oder Physik”. Die Soziologie als ein
”Projekt der Selbsterforschung von Kulturen” könne sich aus Wertfragen
nicht heraushalten und käme nur durch aufwendige Interpretationsleistungen
überhaupt an ihren Gegenstand heran. Vor allem aber könne sie ihre ”zeitlich
ausgedehnten, unscharfen und hochvariablen Phänomene” nicht in Momentaufnahmen
'photographieren', man müsse sie 'filmen'. Damit nicht genug, schreibt
Schulze, ”man muß viele Filme übereinander projizieren, um das ihnen
gemeinsame Muster zu entdecken." Vom Photographieren zum Filmen:
das ist auch ein Quantensprung in der Komplexität von Abbildungstätigkeit.
Was
also ist imaginative Forschungstätigkeit am Gegenstand Gesellschaft?
Noch einmal Schulze: ”Mit Fragebögen ist diese Sphäre nicht zu erreichen,
sondern nur mit umfassender, langfristiger Beobachtung des Alltagslebens.
Zeitungslesen, Fernsehen, Einkaufen, in Kneipen gehen und beliebige
Gespräche sind soziologische Forschungsverfahren." (Schulze 1996)
Doch
nehme ich das Stichwort 'Fernsehen' auf, um mich sofort gegen die kneipenselige
'Neue Unmittelbarkeit' soziologischer Forschung, die hier propagiert
wird, zu wehren. 'Fernsehen', eine gewaltige Reflexionsmaschinerie im
System der neuen Medien, verweist auf eines nämlich, auf die Notwendigkeit
eines Begriffs von Gesellschaft und Alltagsleben, welcher die Einsicht
in deren Systemhaftigkeit, und vor allem in die Systemhaftigkeit der
neuen Medien, miteinschließt. Da nun hat Luhmann wieder recht.
Die
statistische Wahrscheinlichkeit, ein interessantes Gespräch belauschen
zu können, zumal in der Kneipe, ist dramatisch gesunken. Dagegen kann
ein gut organisierter Zapping-Gang durch dreißig Kanäle soziologische
Einfälle in kaum zu ertragender Zahl erzeugen. Und die Intensität der
Einfälle steigert sich, wenn man Fernsehen nicht sieht, sondern - wohlgemerkt
als Soziologe - macht. - Da hätten wir ein soziologisches Forschungsverfahren!
Postmodernismus:
die kulturelle Logik des Spätkapitalismus
Schon
früh in der Hochmoderne finden wir einen gründlich gewandelten Begriff
von Totalität. Jameson spricht vom Auftreten des 'immensen monadischen
Stils', der zum Beispiel in der Kunst so einsame Totalentwürfe wie Prousts
'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' und Joyces 'Ulysses' hervorbringt
- ganz zu schweigen von den rêves der politischen Führer. An
diesen Privat-Holismen arbeitet die Postmoderne sich ab (Jameson 1994:
131f; vgl. auch Jameson 1991). In der Soziologie haben wir den 'immensen
monadischen Stil' des Talcott Parsons, seine enormous, unthinkable
synchronicities (Jameson). Bei Niklas Luhmann erscheint die monadische
Anstrengung schon wie ihr Gegenteil, wie die Anstrengung eines Dekonstruktivisten.
Sie führt dennoch zu einem Begriff von Weltgesellschaft, der dem eines
Marxisten wie Robert Kurz (1991) nicht fern ist, zu einer kristallenen
Welt subjektloser bürokratischer Indifferenz.
Dagegen
steht der Begriff der Produktionsöffentlichkeit von Oskar Negt
und Alexander Kluge (1976). Vor allem in ihrem der herrschenden Soziologie
wohl kaum bekannten Einstieg in die kulturelle Logik des Spätkapitalismus,
'Geschichte und Eigensinn' (Negt/Kluge 1981), wird unter der Überschrift
'Deutschland als Produktionsöffentlichkeit' all das thematisiert, wovor
sich die Systemtheorie hinwegzudenken versucht - zunächst in den Worten
Friedrich Nietzsches: ”Man möchte...sagen, daß überall, wo es jetzt
noch auf Erden Feierlichkeit, Ernst, Geheimnis, düstere Farben im Leben
von Mensch und Volk gibt, Etwas von der Schrecklichkeit nachwirkt, mit
der ehemals überall auf Erden versprochen, verpfändet, gelobt worden
ist: die Vergangenheit...haucht uns an und quillt in uns herauf, wenn
wir 'ernst' werden. Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn
der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen...Ah, die Vernunft,
der Ernst, die Herrschaft über die Affekte, diese ganze düstere Sache,
welche Nachdenken heißt, alle diese Vorrechte und Prunkstücke des Menschen:
wie teuer haben sie sich bezahlt gemacht! wie viel Blut und Grausen
ist auf dem Grund aller 'guten Dinge'!” (Nietzsche 1921: 348-350) -
”Unser schönes Deutschland”, fügen Negt und Kluge hinzu, ”ist eine 'ungeheure
Sammlung' von solchen 'guten Dingen'. Sie sind die Ware, mit der die
Geschichte umgeht, dieses gute Ding im Menschen, das unablässig fortarbeitet.”
- Und zwar in zwei verschiedenen Richtungen: ”Der Einzelne und sein
Monstrum, das sog. Ganze, das Land, wird die Wiedergutmachung sämtlicher
über 800 Jahre produzierten Trennungen niemals aufgeben, ehe nicht für
das Gefühl, das sich darin nicht täuscht, die Einlösung der Geschichte
wirklich erfolgt ist, also mein Boden, mein Gemeinwesen
und meine Selbstbestimmung über die Bedingungen meiner
Arbeit gemeinsam hergestellt werden. Die andere Richtung ist
die der Gleichgültigkeit gegenüber allem, was subjektive, kollektive
und bewußte Reaktion ist, z.B. auf die Erfahrung von Nationalsozialismus
und Krieg. (Diese Erfahrung) geht in keine Öffentlichkeit, nicht in
die Betriebe und eigentlich auch nicht in die politischen Institutionen
ein.” (Negt/Kluge 1981: 362)
Auf
der großen Bühne der globalen elektronischen Kultur treibt uns unterdessen
Cyberpunk die nostalgische Sehnsucht nach sozialer Solidarität,
nach dem 'Wir', aus. 'Blade Runner', der Kultfilm, allegorisiert
eine Welt, in welcher das Unten der Moderne, das städtische Lumpenproletariat,
die Kriminellen, die Huren usw., sich in urbane Punks verwandelt haben.
Und das Oben der alten Welt verschwindet im Fegefeuer der Eitelkeiten,
wird zum Stratum der stets absturzgefährdeten Yuppies und Leesons. In
dieser Welt ist heute unten wer morgen oben sein könnte, in einer radikalen
Zirkulation der Eliten zwischen high-rent condos und low-rent
lofts. Das corporate disaster und das stashed away money
in der Karibik sind einkalkulierte Normalität (Jameson 1994: 154).
Da
träumen die düpierten Intellektuellen des Ostens noch immer von einer
Zivilgesellschaft, deren Ende im Westen längst besiegelt ist. Das Ende
der Zivilgesellschaft, schreibt Jameson, zeigt sich am Verschwinden
der öffentlichen Sphäre als solcher: an der Zurückverwandlung städtischer
und staatlicher Regierungen in private Netze der Korruption und informelle
Klan-Beziehungen. Statt des Gegensatzes von privatem und öffentlichem
Raum entsteht ein 'Niemandsland', entgrenzt in jeder Hinsicht, ein Raum
ohne private property oder public law (Jameson 1994: 158).
Doch
damit ist die Suche nach Totalität nicht zuende. Dieses Niemandsland
- und das wissen alle Fans von 'Blade Runner' - ist keineswegs
nur ein Alptraum. Hier entfalten sich - möglicherweise - distinkte neue
Formen gesellschaftlicher Praxis, in einem eigentlich schon voll ausgebildeten
posturbanen, unendlichen Raum, dessen Tiefenstruktur darin besteht,
daß korporatives Eigentum die alten, individuellen Eigentumsformen irgendwie
abgeschafft hat, ohne selbst öffentlich geworden zu sein (Jameson 1994:
159). In diesen Raum gehört auch die universelle Maschine der vernetzten
Computer. 'Eine Sehnsucht namens Novum', sagt Jameson.
So
wie Fordismus und klassischer Imperialismus ihre Produkte zentral entwickelten
und dann auf die Märkte warfen, so ermöglicht die Computertechnologie
den Post-Fordisten die Entwicklung spezieller Produkte für individuelle
Märkte. Dieses postmoderne Marketing könnte als 'Respekt' für die Werte
und Kulturen lokaler Populationen interpretiert werden. ”Leider Gottes
aber”, sagt Jameson, ”insertiert diese Praxis die transnationalen Konzerne
direkt ins Herz lokaler und regionaler Kulturen, so daß es schwierig
wird zu entscheiden, ob das noch ein authentischer Vorgang ist.” Das
Regionale wird ”zum Geschäft globaler amerikanischer Disneyland-inspirierter
Konzerne, welche euch eure heimische Architektur viel präziser hinbauen
als ihr es könntet. Ist globale Differenz dann nicht das gleiche wie
globale Identität?” (Jameson 1994: 204f)
Das
alles gilt im übertragenen Sinne auch für die Informationsindustrie.
Nicht umsonst figurieren in der Mediendiskussion die globalen Sender
CNN und MTV als Beispiele einer Strategie, welche den Ratschlag der
sozialen Bewegungen aus den 70ern und 80ern einfach umgekehrt hat und
damit, jedenfalls im Prinzip, glänzend fährt: act globally, think
locally.
Und
dann die interaktiven Netze: seit im Jahre 1989 die klassische Moderne
mit ihren beiden alternativen Ausformungen von Industriegesellschaft,
Hochkapitalismus und Rohsozialismus, zusammenbricht, breiten sie sich
explosionsartig aus. Auch das ist nicht Zufall, sondern Logik. Die heutigen
Netze sind ein Phänomen der geballten militärischen, wissenschaftlichen
und industriellen Rechnermacht Amerikas, die auf einmal freie Bahn,
aber keinen Gegner mehr hatte. So muß für den Anfang das Internet als
ein Instrument amerikanischer Weltinnenpolitik gesehen werden, das allerdings
künftig eine Auseinandersetzung um neue Formen politischer Kultur auf
dem der Logik des Spätkapitalismus adäquaten kulturtechnischen Niveau
und damit den Fortgang der Geschichte erlauben wird.
Die
neuen Medien als hermeneutische Maschinen
der soziologischen Imagination
Kulturtechnisch
besteht das Novum der Medienentwicklung zuallererst in der Konvergenz
von Computertechnologie und Massenunterhaltungselektronik (Krysmanski
1995). Die elektronischen Massenmedien sind für jeden denkenden Menschen
längst eine mehr oder weniger intensiv genutzte technische Basis für
die Steigerung von Reflexionsintensität geworden, wobei die Eigenanteile
an Geistesblitztätigkeit von der jeweiligen Wahrnehmungs- oder Zapping-Kompetenz
abhängen. Die elektronischen Massenmedien erzeugen in uns Reflexionsteppiche,
die einerseits mit Gewalt auf die Konsumwelt orientieren, dieses aber
andererseits um den Preis der Aktivierung unserer diese Konsumwelt transzendierenden
Träume, Wünsche, Utopien tun müssen. Wehe dem Soziologen, der sich dieser
Imaginationsmaschinerie - auf möglichst intelligente Weise, versteht
sich - nicht aussetzt und sich nicht nach Möglichkeit auch in ihrer
produktiven Bedienung übt!
Auf
der anderen Seite der neuen Medienwelt schafft die Technologie der vernetzten
Computer die Basis für die logisch-mathematische Verarbeitung des gesamten
Wissensbestandes der Menschheit. Was alles auf dem Internet bewegt werden
könnte und als Wissenschaft der nächsten Jahrhunderte bewegt werden
wird, sprengt die Vorstellungskraft. Was die immensen monadischen Anstrengungen
unserer Systemtheoretiker produzierten: hermeneutische Spielautomaten
zum Vergnügen der akademischen Jugend, das ist nun - von der Industrie
übernommen und in die Technostruktur verlagert - als Digital Equipment
der globale Verkehrsstandard für Erkenntnisprozesse. Die Totalität
der logischen Operationen, die sich hier vollziehen lassen, weist über
die kulturelle Logik des Spätkapitalismus, der das alles geschuldet
ist, weit hinaus.
Die
Konvergenz der Reflexions- und Logikmaschinerien in der medialen Massenkultur
potenziert diese Prozesse. Die durch die neuen Medien gewandelte Massenkultur
und die Folgen für den wissenschaftlichen Prozeß werden mich gleich
noch beschäftigen.
Zuvor
noch ein anderer Punkt. Die 'medienökonomische Kreativität' des Spätkapitalismus
besteht darin, daß mit der Medienindustrie die Konvergenz von Ökonomie
und Kultur auf dramatische Weise vorangetrieben wird. Die mediale Massenkultur
vermag heute unmittelbar in den ökonomischen Prozeß einzugreifen - und
tut es auch, wenn sie Märkte und renditemächtige Produkte - aus Luft
- erzeugt.
Diese
Entwicklung rückt die Rolle der Medienarbeiter, der Medien'produzenten'
(im Sinne des marxistischen Sprachgebrauchs) in den Vordergrund. Diese
Beschäftigtengruppe stellt nicht mehr nur Ideologie und Zerstreuung
her. Ihre Waren, so luftig sie auch sein mögen, bürgen für Bodenhaftung
im allgemeinen ökonomischen Prozeß, denn sie bringen, etwa in Kalifornien,
schon das meiste Geld. Und so sind die Medienarbeiter - in einem ganz
unemphatisch objektiven Sinne - zu revolutionären Subjekten geworden:
sie wälzen die Stoffe um, aus denen diese Produktionsweise in zunehmendem
Maße gemacht ist. Und sie wälzen noch ein bißchen mehr um.
Medienbeobachtung,
auch soziologische, hat das noch kaum realisiert. Sie verharrt in der
Perspektive des Konsumenten der angelieferten Reflexionsware. Niklas
Luhmann endet sein Büchlein über die Medien mit dem Satz: ”Wie
ist es möglich, Informationen über die Welt und über die Gesellschaft
als Informationen über die Realität zu akzeptieren, wenn man weiß, wie
sie produziert werden?” (Luhmann 1996b: 215) Er, mit Verlaub, weiß es
nicht.
Das
bringt uns zurück zum 'Film des Soziologen'. Ein Kameramann von Spiegel
TV, ausgestattet mit einer elektronischen Kamera, so teuer wie ein Mercedes
der S-Klasse, akkumuliert 'Realität' wie ein Bergmann Erz; Rohmaterial
für die Medienfabrikation. Einen solchen Job kann man nur wenige Jahre
durchhalten. Bei den wichtigen Drehs wird tatsächlich 'Gesellschaft'
geschürft - in mühevollen Einstellungen, Wiederholungen, Versuchen,
in denen nicht nur die Kamera hingehalten wird, sondern der ganze Mensch.
Solche Kameraleute sind voll des Gesehenen, es ist durch sie nicht durchgelaufen
wie durch ihre Kameras. Ihre Berufskrankheit ist der Zynismus. Wer fünfzig
Politiker für die Kamera präparierte, weiß vermutlich mehr über die
politische Klasse als jeder Soziologe. Aber wie soll ein Medienarbeiter
das ausdrücken - wenn er kein Soziologe ist? Kameraarbeit überschreitet
unter dem Druck der Ereignisse ständig die Grenzen des Selbstbildes
dieser Gesellschaftsformation. Das Rohmaterial wird sehnsüchtigen Herzens
abgeliefert. Der Kameramann hat nicht die geringste Chance, darüber
zu verfügen. Irgendwann macht ihn das krank.
Die
Kassetten kommen in den digitalen Schneideraum. Das Eindrucksvolle an
der Arbeit der Cutterin ist die analytische Kraft des Schneidevorgangs.
Das Rohmaterial wird um das zwanzig- bis vierzigfache komprimiert; Einstellungen
unterliegen der Zerlegung in 'Blow-up'-Manier; der Habitus eines Interviewpartners
beispielsweise kann am Schneidetisch derart zum offenen Buch werden,
daß man fast raten sollte, sich nie für Selbstdarstellungszwecke einer
Kamera auszusetzen. Schnittechniken sind hochentwickelte selektive Kulturtechniken,
in denen sozusagen Sanierung von Rohimages durch Abbruch erfolgt. Aus
einer Position der technischen Herrschaft über das Ganze des Materials
hat die Cutterin dennoch ebenfalls keine Chance, etwas anderes als das
Formationsspezifische, das immer weniger als das Ganze ist, zu synthetisieren.
So
befinden sich Kameraleute und CutterInnen in kulturtechnischen Zwängen,
welche sie auf eine ganz begrenzte Gesellschaft, die pluralistische,
multiplizitäre, festlegen. Deren mediale Bilder haben sie herzustellen.
Die sieht auch Luhmann gelegentlich und nimmt sie leider fürs Ganze.
Aber in ihrer spezifischen medialen Arbeitserfahrung von Welt (als Kameramann)
oder Produktion (als Cutterin) gehen diese Medienarbeiter um mit Totalität.
Wer hätte gedacht, daß dies in den Massenmedien möglich ist.
Dies
ist die stoffliche Basis für den 'Film des Soziologen', für das offenbar
unausrottbare Streben, das Weltsystem 'als solches' zu erfassen, für
die tätige Sehnsucht nach Totalität.
Ein
neues Verhältnis von Wissenschaft und Massenkultur
Die
neuen Raum- und Zeitarrangements der globalen Informationssphäre schaffen
neue Handlungs-Strukturen. Das zwingt alle Kräfte, die Orientierungsarbeit
am gesellschaftlichen Bewußtsein leisten, das Terrain erst einmal wieder
kennenzulernen. Die 'nationalen Wissensordnungen' sind durcheinander
geraten. Wissenschaften wie die Soziologie spüren das deutlich.
Vieles
spricht dafür, die neuen Medien als die entscheidende Konfiguration
einer für den Kapitalismus typischen Stufe der erweiterten Reproduktion
zu verstehen: als die Stufe der Konvergenz von Ökonomie und Kultur.
Stimmt das, so ist die mediale Massenkultur, wie gesagt, unmittelbares
Moment des ökonomischen Prozesses geworden. ”In dem Augenblick”, schreibt
Colin MacCabe, ”in welchem kulturelle Produktion vollständig in die
ökonomische Produktion integriert ist, eröffnet sich die Möglichkeit
einer kulturellen Politik, die auf fundamentale Weise im Ökonomischen
interveniert.” (Vorwort zu Jameson 1992: v) Auch für die Wissenschaften
wird es dann Zeit, das Terrain der Massenkultur genauer zu erkunden.
"Das
Weltsystem des Spätkapitalismus kann nicht verstanden werden ohne die
computerisierten Medientechnologien, welche seine früheren Räume überschatten
und eine nie dagewesene Gleichzeitigkeit über sein Gezweig legen. So
wird die Informationstechnologie praktisch die Lösung des Darstellungsproblems
- und ist zugleich das zentrale Darstellungsproblem -, wenn es um das
cognitive mapping (1) des Weltsystems geht.” Jede Allegorie des
Gesamtzusammenhangs ”wird künftig neben den Kriterien der Kollektivität
und des individuellen Erkenntnisinteresses als dritte Bedingung die
kommunikationstechnologische Dimension berücksichtigen müssen.” (Jameson
1992: 10)
Die
universalistische Tradition der Wissenschaften war unter den Bedingungen
der imperialistischen und der System-Konkurrenz dem Geheimhaltungsprinzip
zum Opfer gefallen. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die fortdauernde
Profitkonkurrenz das Geheimhaltungsprinzip wissenschaftlicher Forschung
zum Privatisierungsprinzip gesteigert. Doch die Netze treiben, trotz
aller elektronischen Spionage, das Prinzip der zum Schaden des jeweils
anderen eingegangenen Verschwörung auch ad absurdum. Einerseits
sind sie zum Inbild verschwörerischen Geschehens geworden. Andererseits
aber sind die Netze die durch alle conspiracies hindurchscheinende
Möglichkeit einer totalen Transparenz.
Die
objektive ökonomische Realität der Datennetze wird zum Symbol für ein
Netzwerk der Konspiration, der Unkontrollierbarkeit, der Geistesverbrechen
aller Art - und zugleich zur Hoffnung, um es einmal emphatisch auszudrücken,
einer fundamentaldemokratischen globalen Wissenschaftlergemeinschaft.
In
manchen Fächern ist die Forschungskommunikation bereits signifikant
in die Netze verlagert worden. Die Vermittlung standardisierten Wissens
über die Netze und Ansätze 'netzgestützten Forschens und Lernens' kommen
in Gang. Die Darstellung von Forschungsergebnissen und Lernprozessen
und die Selbstdarstellung von einzelnen Wissenschaftlern, 'wissenschaftlichen
Schulen' und ganzen Disziplinen macht zudem, wie könnte es anders sein,
auch ästhetische Fortschritte und beginnt so auf eine neue und eigentümliche
Weise das öffentliche Bild von Wissenschaft zu prägen.
Schon
kursiert in der Bundesrepublik eine 'Kooperationsvereinbarung' verschiedener
Fachverbände zur Beförderung der informations- und kommunikationstechnologischen
Infrastruktur. Die massenkulturelle Anbindungsnotwendigkeit wird zwar
mit keinem Wort erwähnt, doch auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie
hat (knapp hinter den Erziehungswissenschaftlern) unterschrieben.(2)
Und
auf dem World Wide Web, Abteilung Bundesrepublik, liegen viele gravitätische
Texte, Organisationspläne und andere Imponiermaterialien (zum Beispiel
vollständige Publikationslisten). Am Fuße visuell verarmter ordinarialer
Homepages versuchen sich HTML-kundige Hilfskräfte einen Namen zu machen.
Und natürlich ist auch all der Schnickschnack aus dem Textildesign der
Fachhochschulen zu betrachten. Das alles ist vom Weltniveau einer 'geopolitischen
Ästhetik', von der noch zu sprechen sein wird, weit entfernt.
Dennoch
sind solche Entwicklungen letztlich positiv einzuschätzen. Auf dem Internet
bildet sich eben allmählich und zunächst mit Bordmitteln doch eine Netzgestalt
der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und des Wissenschaftssystems
insgesamt heraus.
Nur
die Konvergenz von Computertechnologie und elektronischer Massenunterhaltungstechnologie
ist im hiesigen Wissenschaftssystem noch nicht angekommen - samt folgender
drei Einsichten: daß sich damit die öffentliche Rolle von Wissenschaft
grundlegend ändert; daß die Popularisierungsfrage neu gestellt wird;
und daß bei deren Beantwortung, trotz 'Öffentlichkeit und Erfahrung',
'Geschichte und Eigensinn' und 'dctp' Alexander Kluge, der einzige Berufene
unter uns, allein nicht mehr helfen kann. (3)
Das
will ich hier jetzt so stehen lassen und nur sagen: es ist nichts mit
einer bewußten und klaren Einschätzung des Verhältnisses von Wissenschaft
und Massenkultur in den etablierten Hochschul- und Bildungseinrichtungen
der Bundesrepublik.
Im
posturbanen Raum der untergehenden Zivilgesellschaft - auf langsame
und grausame Weise gemordet durch das Fernsehen (Putnam 1996) - vollzieht
sich der Globalisierungsprozeß in den Wissenschaften als Teil einer
informationsindustriellen Revolution, in welcher das Verwertungsinteresse
sich noch nicht klar gemacht hat, was es von Inhalten oder, wie es nun
heißt, von content, überhaupt halten will. Im Prozeß der Exploitation
of Europe's Cultural Heritage (4), beispielsweise, gehen legitimes
(in den Bildungsinstitutionen produziertes) und illegitimes (in der
Massenkultur vermarktetes) Wissen längst ineinander über. Das wäre noch
zu vertreten und wird hier von mir sogar propagiert. Aber auch zwischen
wahrem und falschem Wissen werden, und zwar nicht im ideologischen Sinne,
keine Unterschiede mehr gemacht. Die Informationsindustrie zeigt - in
unendlicher Gleichgültigkeit gegenüber Inhalten - einen unendlichen
Appetit auf content material, sie scheint sich darauf einzustellen
alles zu schlucken. Und sie besitzt einen Verdauungstrakt, dem möglicherweise
der Magen fehlt. Den Magen, bitteschön, sollten 'wir' liefern.
Was
pragmatisch hieße, daß die Produzenten wissenschaftlicher Inhalte der
Informationsindustrie bewußt und gut organisiert zuarbeiten, daß sie
zum Beispiel 'Popular Science'-Angebote machen, die wenigstens dem beachtlichen
ästhetischen und technischen Standard der Massenkultur entsprechen;
daß sie innerhalb der Massenmedien Stoffelder besetzen und bewirtschaften;
daß sie auch im kommerziellen Bereich des Internet die großen Ressourcen
der Wissenschaftsnetze aktivieren.(5)
Das
alles läßt sich auf den gut ausgebauten Wegen der industrial relations
regeln, auf denen die mainstream Soziologie ja auch kein Neuling ist.
Es ginge nur um die Fokussierung dieser Fähigkeiten auf das zentrale
Problem, die Rolle der Wissenschaften in der medialen Massenkultur.
Exkurs:
Netze, Eigentum und 'Aktionärsdemokratie'
Doch
das ist nicht genug, wenn man an Alexander Kluge denkt. Und vor allem
wenn man bedenkt, daß in der Produktionswelt der vernetzten Computer
ein neuer Typus des Produzenten entsteht - ja durch die interaktiven
Netze erzeugt wird. Man wird künftig nicht mehr, wenn man 'Produzent'
sagt, hinzusetzen müssen: natürlich meine ich den Unternehmer, oder:
ich meine, im marxistischen Sinne, selbstverständlich den Arbeiter.
Der 'neue Doppelgänger' kommt, die ”massenhafte Metamorphose von Arbeitnehmern
zu Unternehmern ist in vollem Gange” (Zielcke 1996). Auch in den Wissenschaften
heißt die Devise fortan: self employed.
So
taucht an organisatorischen Schnittstellen der Medienökonomie, argwöhnisch
beäugt, eine neue Beschäftigtengruppe auf: die Netzexperten - Experten
für, wie Jameson sagen würde, cognitive mapping. Sie verfügen
über Zugriffskompetenz auf den gesamten Informationsfluß. Sie beherrschen
und entwickeln, ob es ihren Auftraggebern lieb ist oder nicht, eine
Netzkultur, die nicht vom ökonomischen Arbeitsprozeß strukturiert ist,
sondern ihn strukturiert. Bei ihnen gehen 'Arbeitszeit' in 'Freizeit',
'Arbeitsraum' in 'Freiraum' über, weil nur so das Produktionsmittel
'Netz' funktioniert. Informationelle Limitationen - Verheimlichung oder
Kommodifizierung von Wissen, Kontroll- und Disziplinierungsversuche
- werden von dieser Gruppe immer und sofort als Eingriffe erfahren,
die nicht aus den Netzen, sondern aus einer untergehenden Welt stammen.
Die
Eigentumswirtschaft (Heinsohn/Steiger 1996) befindet sich gegenüber
diesen logischen (und reflexiven) Operateuren, die auf der Basis geistiger
Eigentumsansprüche nicht mehr agieren könnten, in einem fast hoffnungslosen
Abwehrkampf. Denn wenn cognitive mapping auf den Netzen zu cognitive
zoning wird, entscheidet sich dort auch die Frage des Eigentums
generell. (6)
Ein
Beispiel. Der Gebrauch des Internet, um Märkte, Finanz- und Aktienmärkte
zu beobachten und vor allem Aktienanteile zu handeln, ist in kurzer
Zeit zum modus operandi für Millionen 'kleiner' Investoren - amerikanischer
'expatriates' und Pensionäre, deutscher, holländischer, japanischer,
chinesischer Individualanleger - geworden. Hier zumindest geht Ökonomie
tatsächlich schon in cognitive mapping und cognitive zoning über.
”Wenn
diese elektronische Massenkommunikation erst einmal läuft”, sagt ein
online-trader, ”werden die Konsumenten, auf die es heute ankommt,
nämlich die Aktionäre, diese ganze Welt der Unternehmen, Produkte, Dienstleistungen,
ihre Profitabilität und ihre Managementleistungen ganz anders durchleuchten
können als früher. Es wird ein kooperatives Milieu statt eines kompetitiven
Milieus entstehen! Eines, in dem Informationen frei fließen werden,
anstatt exklusiv zu einer kleinen, ausgewählten Gruppe von Leuten in
Manhattan zu gelangen. Ich glaube, das World Wide Web wird mit seiner
Interaktivität dazu beitragen, daß eine Massendiskussion über den Investitionsprozeß
insgesamt in Gang kommt - und das bedeutet letztendlich, daß der Markt
nicht nur beeinflußt wird, sondern daß dies der Markt selbst sein
wird!” (7)
Soziologische
Imagination =
Kulturökonomische Kompetenz + Geopolitische Ästhetik
Ich
will mit meinen Überlegungen darauf hinaus, daß mit der informationsgesellschaftlichen
Entwicklung Wissen, Inhalte, Denkmöglichkeiten zum wichtigsten Material
des ökonomischen Handelns werden und daß die Entfaltung einer 'kulturökonomischen
Kompetenz' der einzelnen Wissenschaftler, der Soziologen, in direktem
Zusammenhang mit der bewußtseinsindustriell freigesetzten soziologischen
Imagination steht, über die ich gesprochen habe.
Selbstverständlich
haben Professoren, die ihren Nebentätigkeiten nachgehen, in einem gewissen
Sinne schon immer selbständig mit sozialer Phantasie etwas Profitables
unternommen. Nur ist es noch keine 'kulturökonomische' Kompetenz, wenn
man weiß, wo es 'Töpfe' zu verteilen gibt oder wo die besten Honorare
gezahlt werden.
Der
Weg vom Geldmachen zu einer ”kulturellen Politik, die auf fundamentale
Weise im Ökonomischen interveniert” (MacCabe), der ist noch zu gehen.
Er stellt, wie ich meine, auch eine Chance für befriedigende 'Wissenschaft
um der Wissenschaft willen' dar. Denn erstmals in der Geschichte ist
Imagination dominant an den Stoffumwandlungsprozessen beteiligt. Erstmals
aber unterliegt Imagination deshalb auch Kriterien gesamtgesellschaftlicher
Relevanz.
Auch
als kulturökonomisches Unternehmen bleibt Wissenschaft ein kollektiver
Prozeß der Suche nach Zukunft und nach Totalität; produziert Handlungskompetenz
gegenüber den Paradoxien der Gegenwart. Folglich können die Instrumentarien
imaginativer Urteils- und Gestaltungskraft gar nicht sorgfältig genug
entwickelt und ausgewählt werden. Auch wird ein neuer wissenschaftlicher
Habitus verlangt.
Ich
habe 1993 für Spiegel TV einen Film über einen Senior Researcher
am World Policy Institute der New School for Social Research
gemacht.(8) Walter Russell Mead hatte den Einfall lanciert, es sei an
der Zeit, daß die USA, im Interesse beider Seiten, Jelzins Rußland das
rohstoffreiche Sibirien abkauften. Mead hatte den Vorschlag zu einer
komplexen Allegorie der geopolitischen Situation nach dem Ende des Kalten
Kriegs ausgestaltet: mit einer Reise über Alaska, Wladiwostok, Irkutsk
nach Moskau; eindrucksvollen Fachartikeln, z.B. im World Policy Journal;
Magazinartikeln, z.B. in Gentleman's Quarterly; Fernsehauftritten
und vielfältiger Medienpräsenz. Abgesehen davon, daß Walter Russell
Mead tatsächlich als freier intellektueller Unternehmer in einem Geflecht
von Stiftungen, Zeitschriften und wohl auch Diensten agierte, war diese
Aktion von einer Qualität, daß sie bis heute sowohl in Moskau als auch
in Washington Bewegungen in Gang hält - die natürlich nichts mit dem
'Kauf', wohl aber mit der geopolitischen Essenz der Thematik zu tun
haben.
Die
Erfahrung mit dieser performance in politologischer Imagination
war es eigentlich, die mir schlagartig die praktischen Implikationen
des Buches von Fredric Jameson mit dem Titel The Geopolitical Aesthetic
klargemacht hat. Kulturökonomische Verwertung von wissenschaftlichem
Wissen ist im gewaltigen Prozeß der medialen Massenkultur nur möglich,
wenn die in der Massenkultur wirksamen - und erfolgreichen - ästhetischen
Prinzipien Eingang in die wissenschaftliche Produktion finden.
Am
Anfang aller massenkulturellen Medienkompetenz steht die Fähigkeit des
Umgangs mit Allegorien im Sinne komplexer ästhetischer Repräsentation
von Wirklichkeit. Allegorien vermögen, indirekt und lateral, verschiedene
Informationsschichten ineinanderzuschachteln. ”Will man etwas Ökonomisches
sagen, sollte man es mit politischem Material tun. Steht etwas Politisches
an, helfen Rohdaten aus der Ökonomie.” (Jameson 1992: 67) Das klingt
vertraut nach den handwerklichen Anweisungen, die uns einst C. Wright
Mills für den Gebrauch der soziologischen Imagination gab; und auch
nach Gerhard Schulze.
Der
Begriff der geopolitischen Ästhetik - von Jameson entwickelt aus einer
Analyse der Filmproduktion der 80er Jahre - steht zunächst einmal für
die Auseinandersetzung mit einem Globalisierungsprozeß, der als Versuch
der Insertierung der amerikanische Perspektive in die übrigen Regionen
der Welt verstanden werden muß. Es ist aber ebenso deutlich, daß diese
Global Society America längst auch gezwungen worden ist, ”die
nationale Allegorie in ein konzeptuelles Instrument umzuformen, das
tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.”
(Jameson 1992: 3)
Schnell
haben die amerikanischen Eliten die Welterklärungs-Schemata des Kalten
Krieges, des Trikontismus usw. abgelegt und sind zu Globalmodellen vorgedrungen,
die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem Ersten
Weltkrieg haben, andererseits aber, durch Kundschafter und Gedanken
wie die vom erwähnten World Policy Institute geprägt, eher an
die komplexen Allegorien postmoderner Kunst, Literatur und eben auch
der Hollywoodproduktion erinnern.
Für
Jameson schälen sich aus der allegorischen Praxis jener amerikanischen
Filme, die Politik und Ökonomie thematisieren, zwei ästhetische Prinzipien
heraus, die beide sowohl kulturökonomischen Erfolg als auch Annäherung
an den tiefen Strukturwandel der posturbanen Gesellschaft versprechen.
Das
eine Prinzip ist das eines tastenden, dem elektronischen Scannen und
den netzgestützten Suchprogrammen verwandten 'Blicks von oben', der
nichts mehr gemein hat mit der zentralistischen Selbstgewißheit hegemonialer
Mächte.
Dem
deutschen Hollywoodfilmer Roland Emmerich ist es gelungen, diesen view
from above - recht eigentlich doch den Blick der postmodernen globalen
Eliten - in aller Naivität in die gewaltigen Raumschüsseln der Aliens
zu projizieren, die in Independence Day rohstoffgierig über
allen strategischen Punkten unseres Planeten schweben. Er hat damit
eine vollkommene Allegorie der tatsächlichen ökonomischen und politischen
Verhältnisse geliefert, vollkommen, weil nur das 'kollektive Unbewußte'
sie als solche erkennen würde - wenn es nicht so beschäftigt damit wäre,
die Massen in die Kinos zu schicken.
Das
andere Prinzip nennt Jameson die 'Figuration der Konspiration', das
Spiel mit dem Verschwörungsverdacht. Es gibt in der Tat keine erfolgreichen
politischen und ökonomischen Allegorien in der Massenkultur, die nicht
mit Verschwörungsmotiven operieren.
Wenig
ist zwar geblieben von den mächtigen Verschwörungsideologien des Faschismus.
Doch die Massenkultur ist voller Allegorien des unbestimmten Verdachts.
Hinter jeder allegorischen Antwort auf die Frage, wo wir eigentlich
sind und welche Kräfte unser Leben bestimmen, steht noch die allegorische
Frage, ob wir wirklich allein und unbeobachtet sind. Totalität als Verschwörung,
das ist das Erbe eines Jahrhunderts, in dem Verheimlichung und subjektlose
Bürokratie den Schrecken bis zum Äußersten gesteigert haben. Dennoch
ist Verschwörung nichts als deformierte soziale Solidarität und Totalität
der Verschwörung nichts als suspendierter Klassenkampf.
Die
geopolitische Ästhetik des 'allgemeinen Verschwörungsverdachts' ist
aber auch eine mächtige epistemologische Maschine. In der Paralyse des
scheinbaren Endes der Geschichte verschafft uns die narrative Struktur
der Verschwörung ”auf einer tieferen Ebene unserer kollektiven Phantasie”,
so Jameson, die Möglichkeit, ”unsere politischen Gedanken an unserer
eigenen liberalen und anti-politischen Zensur vorbei zu schmuggeln”
und doch noch 'das Weltsystem als solches' zu denken (Jameson 1992:
9).
Ich
behaupte nun, zum Schluß, daß die Eliten, welche die globale Informationsgesellschaft
hervorbringt und die ihrerseits jene hervorbringen, mit diesem ästhetischen
Instrumentarium, dazu auf den Netzen, immer bewußter umzugehen beginnen;
daß also Kulturproduktion mit dem Ziel im Ökonomischen interveniert,
doch noch 'das Weltsystem als solches' zu gewinnen.
Literaturverzeichnis
Davis,
Mike (1992), City of Quartz. Ausgrabungen aus der Zukunft von Los Angeles,
Frankfurt/M.
Heinsohn, Gunnar/Steiger, Otto (1996), Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste
Rätsel der Wirtschaftswissenschaft, Reinbek bei Hamburg
Jameson, Fredric (1991), Postmodernism, or, the Cultural Logic of Late
Capitalism, Durham
Jameson, Fredric (1992), The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space
in the World System, London
Jameson, Fredric (1994), The Seeds of Time. New York
Kurz, Robert (1991), Der Kollaps der Moderne, Frankfurt/M.
Krysmanski, H.J. (1995), Von den Subjekten einer 'linken' Medienpolitik,
in: Forum Wissenschaft 1/95
Luhmann, Niklas (1996a), Die Gorgonen und die Musen, in: Wolf R. Dombrowsky/Ursula
Pasero (Hrsg.): Wissenschaft, Literatur, Katastrophe.
Festschrift zum 60. Geburtstag von Lars Clausen, Opladen
Luhmann, Niklas (1996b), Die Realität der Massenmedien, Opladen
Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1976), Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt/M.
Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1981), Geschichte und Eigensinn, Frankfurt/M.
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Putnam, Robert D. (1996), The Strange Disappearance of Civic America,
in: The American Prospect no. 24 (Winter 1996 - http.//epn.org/prospect/24/24putn.html)
Schulze, Gerhard (1996), Der Film des Soziologen, in: Die Zeit, 3.5.1996
Zielcke, Andreas (1996), Der neue Doppelgänger. Die Wandlung des Arbeitnehmers
zum Unternehmer - Eine zeitgemäße Physiognomie, in: Frankfurter Allgemeines
Zeitung, 20.7.1996
Dieser
Text ist dem Andenken meines Freundes Georg Ahrweiler gewidmet.
Anmerkungen
1)
dieser zentrale Begriff bei Jameson stammt aus der Architekturtheorie
und meint postmoderne Formen der Weltorientierung (Jameson 1991: 97ff)
2) vgl. URL: http://alice.physik.uni-oldenburg.de/IuK/
3) zur Rolle A. Kluges und seiner Firma ‘dctp’ gibt es seit längerem
eine intensive öffentliche Diskussion, vgl. z.B. Makowsky, Arno, Der
Pate als Quotenkiller, in: Süddeutsche Zeitung, 16./17. 10.1993; Ott,
Klaus, Die Strategie des Taktikers, in: Süddeutsche Zeitung, 13.4.1994,
S. 75; Peters, Martin, Auch ein Quotenkiller versteht das Geschäft,
in: Rheinischer Merkur, 27.5.1994, S. 27
4) die Formel stammt aus einem der ‘calls’ für ‘Information Society’-Projekte
5) ich selbst beispielsweise leite derzeit ein großes, von der Europäischen
Kommission finanziertes ‘European Popular Science Information Project’,
in welchem ein Konsortium (bestehend aus Spiegel TV, Deutschem Forschungsnetz,
British Film Institute und meinem Institut) sich um die Voraussetzungen
eines innovativen europäischen Wissenschaftsfernsehens bemüht. Vgl.
URL: http://www.uni-muenster.de/EuropeanPopularScience/index.html
6) Deutet der Begriff des ‘cognitive mapping’ schon neuartige Aneignungsprozesse
an, so wäre ‘cognitive zoning’ bereits eine kollektive, das ‘zoning’
der ‘developer’ fundamental durchkreuzende Bewohnbarmachung des posturbanen
Raumes. ‘Cognitive zoning’ solcher Art ist z.B. angelegt in der Art
der Analyse von Mike Davis (Davis 1992); aber auch im Konzept der ‘digitalen
Städte’ selbst, einer logischen Weiterentwicklung des Hausbesetzergedankens.
7) International Herald Tribune, July 20-21 1996, S. 14ff
8) vgl. URL: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/krys.html
9) zu seinen wichtigsten Beispielen aus den 80er Jahren gehören
Videodrome von David Cronenberg und All the President’s Men
von Pakula.
abgedruckt
in:
St. Hradil (Hg.), Differenz und Integration, Frankfurt 1997
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