28. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Dresden, 7.-11. Oktober 1996
Plenum VII: Transformationsprozesse medialer Kulturen in der Moderne

 

H. J. Krysmanski

Weltsystem, neue Medien und soziologische Imagination

 

Die Suche nach der verlorenen Zukunft

Auch nach dem angeblichen 'Ende der Geschichte' bleibt eine systemische Neugier. Wir sind nicht nur gespannt auf das nächste Ereignis. Uns bewegt auch innere Unruhe hinsichtlich des Schicksals des ganzen Systems, der ganzen Produktionsweise oder ganz genau: hinsichtlich der Grenzen der Gesellschaftsformation. Unsere individuelle Befindlichkeit sagt uns: diese Produktionsweise wird nun ewig währen. Unsere Intelligenz sagt uns, daß dies die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten ist. Dennoch fällt es uns heute leichter, den Zerfall des Planeten und seiner Natur zu imaginieren als den Zusammenbruch des Kapitalismus (Jameson 1994: xii).

Da kann doch etwas nicht stimmen. Ist es die Schwäche unserer soziologischen Imagination? Lähmt uns die postmoderne Ideologie? Oder ist postmodernes Oberflächendenken die Symptomatik eines sehr viel tieferen Strukturwandels?

Die heutigen Antinomien des Denkens ergänzen einander nicht und bringen kein Licht auf das Ganze. Sie drücken Dilemmata aus, in denen das Ganze sich verdunkelt. So viele der heute diskutierten Antinomien - wie die von 'Standort' versus 'Sozialstaat' - deuten eher auf ein System verschlüsselter genetischer Botschaften aus der Historie als auf Gestaltungsalternativen der Zukunft. Was zum Beispiel bedeutet in der Epoche globaler Kommunikation die vielbeschworene Antinomie von Raum und Zeit oder gar deren Aufhebung?

Einer nie dagewesenen Wandlungsrate steht eine nie dagewesene Standardisierung von allem und jedem gegenüber: daß dies der Zeitmodus einer bestimmten Produktionsweise und nicht etwa der Modus der Zeit ist, kommt derzeit keinem der soziologischen Zeitdeuter über die Lippen. Es ist auch in der Tat kaum möglich, sich dieser Denkblockade zu entziehen. Das herrschende temporale Paradoxon lautet: absoluter Wandel ist absolute Stasis (Jameson 1994: 21). Dies ist im übrigen Luhmanns Domäne.

So beginnt die Suche nach der verlorenen Zukunft mit der Frage, wie es denn möglich sei, ”daß die standardisierteste und uniformste soziale Realität der Geschichte durch bloßes Fingerknipsen, durch geringste Verschiebungen, als ein schillernder Ölfilm absoluter Vielfalt und unerhörtester Formen menschlicher Freiheit wiedererstehen konnte.” (Jameson 1994: 32)

In dieser Lage wecken die 'neuen Medien' die Sehnsucht nach der verlorenen Totalität. Alle Medien der Schrift, der Zeichen, der Töne und Bilder sind 'neu' geworden durch die Möglichkeit ihrer Integration in die 'universelle Maschine' der vernetzten Computer.

Nur, diese neuen Medien sind weder die Botschaft noch die Botschafter, im Gegenteil. Die informationelle Technologie zeigt zwar ”eine enorme Sensibilität für die nicht-natürliche, arbiträre Struktur der Zeichen und Symbole, der Botschaften, Gedanken, Werte, kulturellen Ausdrucksformen, Emotionen und Gefühle” - kurz, für alles Wesentliche einer menschlichen Kultur oberhalb der einfachsten Bedürfnisse (Jameson 1994: 46). Doch eines ist die informationelle Technologie auf keinen Fall: das Soziale oder sein dauerhaftes Surrogat. Sie ist nur der Weg dorthin.

Die gesellschaftliche Aneignung dieser Technologie wird - in langen historischen Prozessen - jene Totalitäten sozialer Solidarität neu schaffen müssen, die jetzt mit Hilfe der Informationstechnologien für immer demoliert werden. Mit anderen Worten, die Fungibilisierung aller Räume und aller Psychen durch die globalen Informations- und Kommunikationstechnologien ist zunächst nicht die Herstellung eines Zusammenhangs, sondern dessen Zerstörung. Selbstverständlich ist sie auch ein Beginn.

 

Soziologische Imagination: der tätige Umgang
mit den Paradoxien der Gegenwart

Wenn Niklas Luhmann schreibt, daß "Theoriekonstruktion immer 'Entfaltung' eines Paradoxes" ist, so klingt das plausibel. Daß die dafür notwendigen Operationen ein wenig mehr als den Einsatz logisch-mathematischer Wissensformen verlangen, weiß Luhmann. Doch dieses Mehr beschreibt er so: "Solange die Inspiration ausbleibt, besteht die Möglichkeit, ein altes Wort funktionsgenau, aber keinesfalls subjektiv, wiederzuverwenden: Imagination." (Luhmann 1996a: 224)

Was Imagination ohne subjektiven Anteil sein soll, ist mir ein Rätsel. Daß Luhmanns Systemtheorie ein hermeneutischer Automat zur Erzeugung soziologischer Einfälle sein will, ist mir klar. Daß die neuen Medien eine universelle hermeneutische Maschine der soziologischen Imagination sind, ist ein Gedanke, den ich noch ausführen werde.

Unter dem schönen Titel 'Der Film des Soziologen' argumentiert Gerhard Schulze, die geistigen Herausforderungen seien im Fall der Soziologie ”ungleich größer als etwa in der Medizin oder Physik”. Die Soziologie als ein ”Projekt der Selbsterforschung von Kulturen” könne sich aus Wertfragen nicht heraushalten und käme nur durch aufwendige Interpretationsleistungen überhaupt an ihren Gegenstand heran. Vor allem aber könne sie ihre ”zeitlich ausgedehnten, unscharfen und hochvariablen Phänomene” nicht in Momentaufnahmen 'photographieren', man müsse sie 'filmen'. Damit nicht genug, schreibt Schulze, ”man muß viele Filme übereinander projizieren, um das ihnen gemeinsame Muster zu entdecken." Vom Photographieren zum Filmen: das ist auch ein Quantensprung in der Komplexität von Abbildungstätigkeit.

Was also ist imaginative Forschungstätigkeit am Gegenstand Gesellschaft? Noch einmal Schulze: ”Mit Fragebögen ist diese Sphäre nicht zu erreichen, sondern nur mit umfassender, langfristiger Beobachtung des Alltagslebens. Zeitungslesen, Fernsehen, Einkaufen, in Kneipen gehen und beliebige Gespräche sind soziologische Forschungsverfahren." (Schulze 1996)

Doch nehme ich das Stichwort 'Fernsehen' auf, um mich sofort gegen die kneipenselige 'Neue Unmittelbarkeit' soziologischer Forschung, die hier propagiert wird, zu wehren. 'Fernsehen', eine gewaltige Reflexionsmaschinerie im System der neuen Medien, verweist auf eines nämlich, auf die Notwendigkeit eines Begriffs von Gesellschaft und Alltagsleben, welcher die Einsicht in deren Systemhaftigkeit, und vor allem in die Systemhaftigkeit der neuen Medien, miteinschließt. Da nun hat Luhmann wieder recht.

Die statistische Wahrscheinlichkeit, ein interessantes Gespräch belauschen zu können, zumal in der Kneipe, ist dramatisch gesunken. Dagegen kann ein gut organisierter Zapping-Gang durch dreißig Kanäle soziologische Einfälle in kaum zu ertragender Zahl erzeugen. Und die Intensität der Einfälle steigert sich, wenn man Fernsehen nicht sieht, sondern - wohlgemerkt als Soziologe - macht. - Da hätten wir ein soziologisches Forschungsverfahren!

 

Postmodernismus: die kulturelle Logik des Spätkapitalismus

Schon früh in der Hochmoderne finden wir einen gründlich gewandelten Begriff von Totalität. Jameson spricht vom Auftreten des 'immensen monadischen Stils', der zum Beispiel in der Kunst so einsame Totalentwürfe wie Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' und Joyces 'Ulysses' hervorbringt - ganz zu schweigen von den rêves der politischen Führer. An diesen Privat-Holismen arbeitet die Postmoderne sich ab (Jameson 1994: 131f; vgl. auch Jameson 1991). In der Soziologie haben wir den 'immensen monadischen Stil' des Talcott Parsons, seine enormous, unthinkable synchronicities (Jameson). Bei Niklas Luhmann erscheint die monadische Anstrengung schon wie ihr Gegenteil, wie die Anstrengung eines Dekonstruktivisten. Sie führt dennoch zu einem Begriff von Weltgesellschaft, der dem eines Marxisten wie Robert Kurz (1991) nicht fern ist, zu einer kristallenen Welt subjektloser bürokratischer Indifferenz.

Dagegen steht der Begriff der Produktionsöffentlichkeit von Oskar Negt und Alexander Kluge (1976). Vor allem in ihrem der herrschenden Soziologie wohl kaum bekannten Einstieg in die kulturelle Logik des Spätkapitalismus, 'Geschichte und Eigensinn' (Negt/Kluge 1981), wird unter der Überschrift 'Deutschland als Produktionsöffentlichkeit' all das thematisiert, wovor sich die Systemtheorie hinwegzudenken versucht - zunächst in den Worten Friedrich Nietzsches: ”Man möchte...sagen, daß überall, wo es jetzt noch auf Erden Feierlichkeit, Ernst, Geheimnis, düstere Farben im Leben von Mensch und Volk gibt, Etwas von der Schrecklichkeit nachwirkt, mit der ehemals überall auf Erden versprochen, verpfändet, gelobt worden ist: die Vergangenheit...haucht uns an und quillt in uns herauf, wenn wir 'ernst' werden. Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen...Ah, die Vernunft, der Ernst, die Herrschaft über die Affekte, diese ganze düstere Sache, welche Nachdenken heißt, alle diese Vorrechte und Prunkstücke des Menschen: wie teuer haben sie sich bezahlt gemacht! wie viel Blut und Grausen ist auf dem Grund aller 'guten Dinge'!” (Nietzsche 1921: 348-350) - ”Unser schönes Deutschland”, fügen Negt und Kluge hinzu, ”ist eine 'ungeheure Sammlung' von solchen 'guten Dingen'. Sie sind die Ware, mit der die Geschichte umgeht, dieses gute Ding im Menschen, das unablässig fortarbeitet.” - Und zwar in zwei verschiedenen Richtungen: ”Der Einzelne und sein Monstrum, das sog. Ganze, das Land, wird die Wiedergutmachung sämtlicher über 800 Jahre produzierten Trennungen niemals aufgeben, ehe nicht für das Gefühl, das sich darin nicht täuscht, die Einlösung der Geschichte wirklich erfolgt ist, also mein Boden, mein Gemeinwesen und meine Selbstbestimmung über die Bedingungen meiner Arbeit gemeinsam hergestellt werden. Die andere Richtung ist die der Gleichgültigkeit gegenüber allem, was subjektive, kollektive und bewußte Reaktion ist, z.B. auf die Erfahrung von Nationalsozialismus und Krieg. (Diese Erfahrung) geht in keine Öffentlichkeit, nicht in die Betriebe und eigentlich auch nicht in die politischen Institutionen ein.” (Negt/Kluge 1981: 362)

Auf der großen Bühne der globalen elektronischen Kultur treibt uns unterdessen Cyberpunk die nostalgische Sehnsucht nach sozialer Solidarität, nach dem 'Wir', aus. 'Blade Runner', der Kultfilm, allegorisiert eine Welt, in welcher das Unten der Moderne, das städtische Lumpenproletariat, die Kriminellen, die Huren usw., sich in urbane Punks verwandelt haben. Und das Oben der alten Welt verschwindet im Fegefeuer der Eitelkeiten, wird zum Stratum der stets absturzgefährdeten Yuppies und Leesons. In dieser Welt ist heute unten wer morgen oben sein könnte, in einer radikalen Zirkulation der Eliten zwischen high-rent condos und low-rent lofts. Das corporate disaster und das stashed away money in der Karibik sind einkalkulierte Normalität (Jameson 1994: 154).

Da träumen die düpierten Intellektuellen des Ostens noch immer von einer Zivilgesellschaft, deren Ende im Westen längst besiegelt ist. Das Ende der Zivilgesellschaft, schreibt Jameson, zeigt sich am Verschwinden der öffentlichen Sphäre als solcher: an der Zurückverwandlung städtischer und staatlicher Regierungen in private Netze der Korruption und informelle Klan-Beziehungen. Statt des Gegensatzes von privatem und öffentlichem Raum entsteht ein 'Niemandsland', entgrenzt in jeder Hinsicht, ein Raum ohne private property oder public law (Jameson 1994: 158).

Doch damit ist die Suche nach Totalität nicht zuende. Dieses Niemandsland - und das wissen alle Fans von 'Blade Runner' - ist keineswegs nur ein Alptraum. Hier entfalten sich - möglicherweise - distinkte neue Formen gesellschaftlicher Praxis, in einem eigentlich schon voll ausgebildeten posturbanen, unendlichen Raum, dessen Tiefenstruktur darin besteht, daß korporatives Eigentum die alten, individuellen Eigentumsformen irgendwie abgeschafft hat, ohne selbst öffentlich geworden zu sein (Jameson 1994: 159). In diesen Raum gehört auch die universelle Maschine der vernetzten Computer. 'Eine Sehnsucht namens Novum', sagt Jameson.

So wie Fordismus und klassischer Imperialismus ihre Produkte zentral entwickelten und dann auf die Märkte warfen, so ermöglicht die Computertechnologie den Post-Fordisten die Entwicklung spezieller Produkte für individuelle Märkte. Dieses postmoderne Marketing könnte als 'Respekt' für die Werte und Kulturen lokaler Populationen interpretiert werden. ”Leider Gottes aber”, sagt Jameson, ”insertiert diese Praxis die transnationalen Konzerne direkt ins Herz lokaler und regionaler Kulturen, so daß es schwierig wird zu entscheiden, ob das noch ein authentischer Vorgang ist.” Das Regionale wird ”zum Geschäft globaler amerikanischer Disneyland-inspirierter Konzerne, welche euch eure heimische Architektur viel präziser hinbauen als ihr es könntet. Ist globale Differenz dann nicht das gleiche wie globale Identität?” (Jameson 1994: 204f)

Das alles gilt im übertragenen Sinne auch für die Informationsindustrie. Nicht umsonst figurieren in der Mediendiskussion die globalen Sender CNN und MTV als Beispiele einer Strategie, welche den Ratschlag der sozialen Bewegungen aus den 70ern und 80ern einfach umgekehrt hat und damit, jedenfalls im Prinzip, glänzend fährt: act globally, think locally.

Und dann die interaktiven Netze: seit im Jahre 1989 die klassische Moderne mit ihren beiden alternativen Ausformungen von Industriegesellschaft, Hochkapitalismus und Rohsozialismus, zusammenbricht, breiten sie sich explosionsartig aus. Auch das ist nicht Zufall, sondern Logik. Die heutigen Netze sind ein Phänomen der geballten militärischen, wissenschaftlichen und industriellen Rechnermacht Amerikas, die auf einmal freie Bahn, aber keinen Gegner mehr hatte. So muß für den Anfang das Internet als ein Instrument amerikanischer Weltinnenpolitik gesehen werden, das allerdings künftig eine Auseinandersetzung um neue Formen politischer Kultur auf dem der Logik des Spätkapitalismus adäquaten kulturtechnischen Niveau und damit den Fortgang der Geschichte erlauben wird.

 

Die neuen Medien als hermeneutische Maschinen
der soziologischen Imagination

Kulturtechnisch besteht das Novum der Medienentwicklung zuallererst in der Konvergenz von Computertechnologie und Massenunterhaltungselektronik (Krysmanski 1995). Die elektronischen Massenmedien sind für jeden denkenden Menschen längst eine mehr oder weniger intensiv genutzte technische Basis für die Steigerung von Reflexionsintensität geworden, wobei die Eigenanteile an Geistesblitztätigkeit von der jeweiligen Wahrnehmungs- oder Zapping-Kompetenz abhängen. Die elektronischen Massenmedien erzeugen in uns Reflexionsteppiche, die einerseits mit Gewalt auf die Konsumwelt orientieren, dieses aber andererseits um den Preis der Aktivierung unserer diese Konsumwelt transzendierenden Träume, Wünsche, Utopien tun müssen. Wehe dem Soziologen, der sich dieser Imaginationsmaschinerie - auf möglichst intelligente Weise, versteht sich - nicht aussetzt und sich nicht nach Möglichkeit auch in ihrer produktiven Bedienung übt!

Auf der anderen Seite der neuen Medienwelt schafft die Technologie der vernetzten Computer die Basis für die logisch-mathematische Verarbeitung des gesamten Wissensbestandes der Menschheit. Was alles auf dem Internet bewegt werden könnte und als Wissenschaft der nächsten Jahrhunderte bewegt werden wird, sprengt die Vorstellungskraft. Was die immensen monadischen Anstrengungen unserer Systemtheoretiker produzierten: hermeneutische Spielautomaten zum Vergnügen der akademischen Jugend, das ist nun - von der Industrie übernommen und in die Technostruktur verlagert - als Digital Equipment der globale Verkehrsstandard für Erkenntnisprozesse. Die Totalität der logischen Operationen, die sich hier vollziehen lassen, weist über die kulturelle Logik des Spätkapitalismus, der das alles geschuldet ist, weit hinaus.

Die Konvergenz der Reflexions- und Logikmaschinerien in der medialen Massenkultur potenziert diese Prozesse. Die durch die neuen Medien gewandelte Massenkultur und die Folgen für den wissenschaftlichen Prozeß werden mich gleich noch beschäftigen.

Zuvor noch ein anderer Punkt. Die 'medienökonomische Kreativität' des Spätkapitalismus besteht darin, daß mit der Medienindustrie die Konvergenz von Ökonomie und Kultur auf dramatische Weise vorangetrieben wird. Die mediale Massenkultur vermag heute unmittelbar in den ökonomischen Prozeß einzugreifen - und tut es auch, wenn sie Märkte und renditemächtige Produkte - aus Luft - erzeugt.

Diese Entwicklung rückt die Rolle der Medienarbeiter, der Medien'produzenten' (im Sinne des marxistischen Sprachgebrauchs) in den Vordergrund. Diese Beschäftigtengruppe stellt nicht mehr nur Ideologie und Zerstreuung her. Ihre Waren, so luftig sie auch sein mögen, bürgen für Bodenhaftung im allgemeinen ökonomischen Prozeß, denn sie bringen, etwa in Kalifornien, schon das meiste Geld. Und so sind die Medienarbeiter - in einem ganz unemphatisch objektiven Sinne - zu revolutionären Subjekten geworden: sie wälzen die Stoffe um, aus denen diese Produktionsweise in zunehmendem Maße gemacht ist. Und sie wälzen noch ein bißchen mehr um.

Medienbeobachtung, auch soziologische, hat das noch kaum realisiert. Sie verharrt in der Perspektive des Konsumenten der angelieferten Reflexionsware. Niklas Luhmann endet sein Büchlein über die Medien mit dem Satz: ”Wie ist es möglich, Informationen über die Welt und über die Gesellschaft als Informationen über die Realität zu akzeptieren, wenn man weiß, wie sie produziert werden?” (Luhmann 1996b: 215) Er, mit Verlaub, weiß es nicht.

Das bringt uns zurück zum 'Film des Soziologen'. Ein Kameramann von Spiegel TV, ausgestattet mit einer elektronischen Kamera, so teuer wie ein Mercedes der S-Klasse, akkumuliert 'Realität' wie ein Bergmann Erz; Rohmaterial für die Medienfabrikation. Einen solchen Job kann man nur wenige Jahre durchhalten. Bei den wichtigen Drehs wird tatsächlich 'Gesellschaft' geschürft - in mühevollen Einstellungen, Wiederholungen, Versuchen, in denen nicht nur die Kamera hingehalten wird, sondern der ganze Mensch. Solche Kameraleute sind voll des Gesehenen, es ist durch sie nicht durchgelaufen wie durch ihre Kameras. Ihre Berufskrankheit ist der Zynismus. Wer fünfzig Politiker für die Kamera präparierte, weiß vermutlich mehr über die politische Klasse als jeder Soziologe. Aber wie soll ein Medienarbeiter das ausdrücken - wenn er kein Soziologe ist? Kameraarbeit überschreitet unter dem Druck der Ereignisse ständig die Grenzen des Selbstbildes dieser Gesellschaftsformation. Das Rohmaterial wird sehnsüchtigen Herzens abgeliefert. Der Kameramann hat nicht die geringste Chance, darüber zu verfügen. Irgendwann macht ihn das krank.

Die Kassetten kommen in den digitalen Schneideraum. Das Eindrucksvolle an der Arbeit der Cutterin ist die analytische Kraft des Schneidevorgangs. Das Rohmaterial wird um das zwanzig- bis vierzigfache komprimiert; Einstellungen unterliegen der Zerlegung in 'Blow-up'-Manier; der Habitus eines Interviewpartners beispielsweise kann am Schneidetisch derart zum offenen Buch werden, daß man fast raten sollte, sich nie für Selbstdarstellungszwecke einer Kamera auszusetzen. Schnittechniken sind hochentwickelte selektive Kulturtechniken, in denen sozusagen Sanierung von Rohimages durch Abbruch erfolgt. Aus einer Position der technischen Herrschaft über das Ganze des Materials hat die Cutterin dennoch ebenfalls keine Chance, etwas anderes als das Formationsspezifische, das immer weniger als das Ganze ist, zu synthetisieren.

So befinden sich Kameraleute und CutterInnen in kulturtechnischen Zwängen, welche sie auf eine ganz begrenzte Gesellschaft, die pluralistische, multiplizitäre, festlegen. Deren mediale Bilder haben sie herzustellen. Die sieht auch Luhmann gelegentlich und nimmt sie leider fürs Ganze. Aber in ihrer spezifischen medialen Arbeitserfahrung von Welt (als Kameramann) oder Produktion (als Cutterin) gehen diese Medienarbeiter um mit Totalität. Wer hätte gedacht, daß dies in den Massenmedien möglich ist.

Dies ist die stoffliche Basis für den 'Film des Soziologen', für das offenbar unausrottbare Streben, das Weltsystem 'als solches' zu erfassen, für die tätige Sehnsucht nach Totalität.

 

Ein neues Verhältnis von Wissenschaft und Massenkultur

Die neuen Raum- und Zeitarrangements der globalen Informationssphäre schaffen neue Handlungs-Strukturen. Das zwingt alle Kräfte, die Orientierungsarbeit am gesellschaftlichen Bewußtsein leisten, das Terrain erst einmal wieder kennenzulernen. Die 'nationalen Wissensordnungen' sind durcheinander geraten. Wissenschaften wie die Soziologie spüren das deutlich.

Vieles spricht dafür, die neuen Medien als die entscheidende Konfiguration einer für den Kapitalismus typischen Stufe der erweiterten Reproduktion zu verstehen: als die Stufe der Konvergenz von Ökonomie und Kultur. Stimmt das, so ist die mediale Massenkultur, wie gesagt, unmittelbares Moment des ökonomischen Prozesses geworden. ”In dem Augenblick”, schreibt Colin MacCabe, ”in welchem kulturelle Produktion vollständig in die ökonomische Produktion integriert ist, eröffnet sich die Möglichkeit einer kulturellen Politik, die auf fundamentale Weise im Ökonomischen interveniert.” (Vorwort zu Jameson 1992: v) Auch für die Wissenschaften wird es dann Zeit, das Terrain der Massenkultur genauer zu erkunden.

"Das Weltsystem des Spätkapitalismus kann nicht verstanden werden ohne die computerisierten Medientechnologien, welche seine früheren Räume überschatten und eine nie dagewesene Gleichzeitigkeit über sein Gezweig legen. So wird die Informationstechnologie praktisch die Lösung des Darstellungsproblems - und ist zugleich das zentrale Darstellungsproblem -, wenn es um das cognitive mapping (1) des Weltsystems geht.” Jede Allegorie des Gesamtzusammenhangs ”wird künftig neben den Kriterien der Kollektivität und des individuellen Erkenntnisinteresses als dritte Bedingung die kommunikationstechnologische Dimension berücksichtigen müssen.” (Jameson 1992: 10)

Die universalistische Tradition der Wissenschaften war unter den Bedingungen der imperialistischen und der System-Konkurrenz dem Geheimhaltungsprinzip zum Opfer gefallen. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die fortdauernde Profitkonkurrenz das Geheimhaltungsprinzip wissenschaftlicher Forschung zum Privatisierungsprinzip gesteigert. Doch die Netze treiben, trotz aller elektronischen Spionage, das Prinzip der zum Schaden des jeweils anderen eingegangenen Verschwörung auch ad absurdum. Einerseits sind sie zum Inbild verschwörerischen Geschehens geworden. Andererseits aber sind die Netze die durch alle conspiracies hindurchscheinende Möglichkeit einer totalen Transparenz.

Die objektive ökonomische Realität der Datennetze wird zum Symbol für ein Netzwerk der Konspiration, der Unkontrollierbarkeit, der Geistesverbrechen aller Art - und zugleich zur Hoffnung, um es einmal emphatisch auszudrücken, einer fundamentaldemokratischen globalen Wissenschaftlergemeinschaft.

In manchen Fächern ist die Forschungskommunikation bereits signifikant in die Netze verlagert worden. Die Vermittlung standardisierten Wissens über die Netze und Ansätze 'netzgestützten Forschens und Lernens' kommen in Gang. Die Darstellung von Forschungsergebnissen und Lernprozessen und die Selbstdarstellung von einzelnen Wissenschaftlern, 'wissenschaftlichen Schulen' und ganzen Disziplinen macht zudem, wie könnte es anders sein, auch ästhetische Fortschritte und beginnt so auf eine neue und eigentümliche Weise das öffentliche Bild von Wissenschaft zu prägen.

Schon kursiert in der Bundesrepublik eine 'Kooperationsvereinbarung' verschiedener Fachverbände zur Beförderung der informations- und kommunikationstechnologischen Infrastruktur. Die massenkulturelle Anbindungsnotwendigkeit wird zwar mit keinem Wort erwähnt, doch auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hat (knapp hinter den Erziehungswissenschaftlern) unterschrieben.(2)

Und auf dem World Wide Web, Abteilung Bundesrepublik, liegen viele gravitätische Texte, Organisationspläne und andere Imponiermaterialien (zum Beispiel vollständige Publikationslisten). Am Fuße visuell verarmter ordinarialer Homepages versuchen sich HTML-kundige Hilfskräfte einen Namen zu machen. Und natürlich ist auch all der Schnickschnack aus dem Textildesign der Fachhochschulen zu betrachten. Das alles ist vom Weltniveau einer 'geopolitischen Ästhetik', von der noch zu sprechen sein wird, weit entfernt.

Dennoch sind solche Entwicklungen letztlich positiv einzuschätzen. Auf dem Internet bildet sich eben allmählich und zunächst mit Bordmitteln doch eine Netzgestalt der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und des Wissenschaftssystems insgesamt heraus.

Nur die Konvergenz von Computertechnologie und elektronischer Massenunterhaltungstechnologie ist im hiesigen Wissenschaftssystem noch nicht angekommen - samt folgender drei Einsichten: daß sich damit die öffentliche Rolle von Wissenschaft grundlegend ändert; daß die Popularisierungsfrage neu gestellt wird; und daß bei deren Beantwortung, trotz 'Öffentlichkeit und Erfahrung', 'Geschichte und Eigensinn' und 'dctp' Alexander Kluge, der einzige Berufene unter uns, allein nicht mehr helfen kann. (3)

Das will ich hier jetzt so stehen lassen und nur sagen: es ist nichts mit einer bewußten und klaren Einschätzung des Verhältnisses von Wissenschaft und Massenkultur in den etablierten Hochschul- und Bildungseinrichtungen der Bundesrepublik.

Im posturbanen Raum der untergehenden Zivilgesellschaft - auf langsame und grausame Weise gemordet durch das Fernsehen (Putnam 1996) - vollzieht sich der Globalisierungsprozeß in den Wissenschaften als Teil einer informationsindustriellen Revolution, in welcher das Verwertungsinteresse sich noch nicht klar gemacht hat, was es von Inhalten oder, wie es nun heißt, von content, überhaupt halten will. Im Prozeß der Exploitation of Europe's Cultural Heritage (4), beispielsweise, gehen legitimes (in den Bildungsinstitutionen produziertes) und illegitimes (in der Massenkultur vermarktetes) Wissen längst ineinander über. Das wäre noch zu vertreten und wird hier von mir sogar propagiert. Aber auch zwischen wahrem und falschem Wissen werden, und zwar nicht im ideologischen Sinne, keine Unterschiede mehr gemacht. Die Informationsindustrie zeigt - in unendlicher Gleichgültigkeit gegenüber Inhalten - einen unendlichen Appetit auf content material, sie scheint sich darauf einzustellen alles zu schlucken. Und sie besitzt einen Verdauungstrakt, dem möglicherweise der Magen fehlt. Den Magen, bitteschön, sollten 'wir' liefern.

Was pragmatisch hieße, daß die Produzenten wissenschaftlicher Inhalte der Informationsindustrie bewußt und gut organisiert zuarbeiten, daß sie zum Beispiel 'Popular Science'-Angebote machen, die wenigstens dem beachtlichen ästhetischen und technischen Standard der Massenkultur entsprechen; daß sie innerhalb der Massenmedien Stoffelder besetzen und bewirtschaften; daß sie auch im kommerziellen Bereich des Internet die großen Ressourcen der Wissenschaftsnetze aktivieren.(5)

Das alles läßt sich auf den gut ausgebauten Wegen der industrial relations regeln, auf denen die mainstream Soziologie ja auch kein Neuling ist. Es ginge nur um die Fokussierung dieser Fähigkeiten auf das zentrale Problem, die Rolle der Wissenschaften in der medialen Massenkultur.

 

Exkurs: Netze, Eigentum und 'Aktionärsdemokratie'

Doch das ist nicht genug, wenn man an Alexander Kluge denkt. Und vor allem wenn man bedenkt, daß in der Produktionswelt der vernetzten Computer ein neuer Typus des Produzenten entsteht - ja durch die interaktiven Netze erzeugt wird. Man wird künftig nicht mehr, wenn man 'Produzent' sagt, hinzusetzen müssen: natürlich meine ich den Unternehmer, oder: ich meine, im marxistischen Sinne, selbstverständlich den Arbeiter. Der 'neue Doppelgänger' kommt, die ”massenhafte Metamorphose von Arbeitnehmern zu Unternehmern ist in vollem Gange” (Zielcke 1996). Auch in den Wissenschaften heißt die Devise fortan: self employed.

So taucht an organisatorischen Schnittstellen der Medienökonomie, argwöhnisch beäugt, eine neue Beschäftigtengruppe auf: die Netzexperten - Experten für, wie Jameson sagen würde, cognitive mapping. Sie verfügen über Zugriffskompetenz auf den gesamten Informationsfluß. Sie beherrschen und entwickeln, ob es ihren Auftraggebern lieb ist oder nicht, eine Netzkultur, die nicht vom ökonomischen Arbeitsprozeß strukturiert ist, sondern ihn strukturiert. Bei ihnen gehen 'Arbeitszeit' in 'Freizeit', 'Arbeitsraum' in 'Freiraum' über, weil nur so das Produktionsmittel 'Netz' funktioniert. Informationelle Limitationen - Verheimlichung oder Kommodifizierung von Wissen, Kontroll- und Disziplinierungsversuche - werden von dieser Gruppe immer und sofort als Eingriffe erfahren, die nicht aus den Netzen, sondern aus einer untergehenden Welt stammen.

Die Eigentumswirtschaft (Heinsohn/Steiger 1996) befindet sich gegenüber diesen logischen (und reflexiven) Operateuren, die auf der Basis geistiger Eigentumsansprüche nicht mehr agieren könnten, in einem fast hoffnungslosen Abwehrkampf. Denn wenn cognitive mapping auf den Netzen zu cognitive zoning wird, entscheidet sich dort auch die Frage des Eigentums generell. (6)

Ein Beispiel. Der Gebrauch des Internet, um Märkte, Finanz- und Aktienmärkte zu beobachten und vor allem Aktienanteile zu handeln, ist in kurzer Zeit zum modus operandi für Millionen 'kleiner' Investoren - amerikanischer 'expatriates' und Pensionäre, deutscher, holländischer, japanischer, chinesischer Individualanleger - geworden. Hier zumindest geht Ökonomie tatsächlich schon in cognitive mapping und cognitive zoning über.

”Wenn diese elektronische Massenkommunikation erst einmal läuft”, sagt ein online-trader, ”werden die Konsumenten, auf die es heute ankommt, nämlich die Aktionäre, diese ganze Welt der Unternehmen, Produkte, Dienstleistungen, ihre Profitabilität und ihre Managementleistungen ganz anders durchleuchten können als früher. Es wird ein kooperatives Milieu statt eines kompetitiven Milieus entstehen! Eines, in dem Informationen frei fließen werden, anstatt exklusiv zu einer kleinen, ausgewählten Gruppe von Leuten in Manhattan zu gelangen. Ich glaube, das World Wide Web wird mit seiner Interaktivität dazu beitragen, daß eine Massendiskussion über den Investitionsprozeß insgesamt in Gang kommt - und das bedeutet letztendlich, daß der Markt nicht nur beeinflußt wird, sondern daß dies der Markt selbst sein wird!” (7)

 

Soziologische Imagination =
Kulturökonomische Kompetenz + Geopolitische Ästhetik

Ich will mit meinen Überlegungen darauf hinaus, daß mit der informationsgesellschaftlichen Entwicklung Wissen, Inhalte, Denkmöglichkeiten zum wichtigsten Material des ökonomischen Handelns werden und daß die Entfaltung einer 'kulturökonomischen Kompetenz' der einzelnen Wissenschaftler, der Soziologen, in direktem Zusammenhang mit der bewußtseinsindustriell freigesetzten soziologischen Imagination steht, über die ich gesprochen habe.

Selbstverständlich haben Professoren, die ihren Nebentätigkeiten nachgehen, in einem gewissen Sinne schon immer selbständig mit sozialer Phantasie etwas Profitables unternommen. Nur ist es noch keine 'kulturökonomische' Kompetenz, wenn man weiß, wo es 'Töpfe' zu verteilen gibt oder wo die besten Honorare gezahlt werden.

Der Weg vom Geldmachen zu einer ”kulturellen Politik, die auf fundamentale Weise im Ökonomischen interveniert” (MacCabe), der ist noch zu gehen. Er stellt, wie ich meine, auch eine Chance für befriedigende 'Wissenschaft um der Wissenschaft willen' dar. Denn erstmals in der Geschichte ist Imagination dominant an den Stoffumwandlungsprozessen beteiligt. Erstmals aber unterliegt Imagination deshalb auch Kriterien gesamtgesellschaftlicher Relevanz.

Auch als kulturökonomisches Unternehmen bleibt Wissenschaft ein kollektiver Prozeß der Suche nach Zukunft und nach Totalität; produziert Handlungskompetenz gegenüber den Paradoxien der Gegenwart. Folglich können die Instrumentarien imaginativer Urteils- und Gestaltungskraft gar nicht sorgfältig genug entwickelt und ausgewählt werden. Auch wird ein neuer wissenschaftlicher Habitus verlangt.

Ich habe 1993 für Spiegel TV einen Film über einen Senior Researcher am World Policy Institute der New School for Social Research gemacht.(8) Walter Russell Mead hatte den Einfall lanciert, es sei an der Zeit, daß die USA, im Interesse beider Seiten, Jelzins Rußland das rohstoffreiche Sibirien abkauften. Mead hatte den Vorschlag zu einer komplexen Allegorie der geopolitischen Situation nach dem Ende des Kalten Kriegs ausgestaltet: mit einer Reise über Alaska, Wladiwostok, Irkutsk nach Moskau; eindrucksvollen Fachartikeln, z.B. im World Policy Journal; Magazinartikeln, z.B. in Gentleman's Quarterly; Fernsehauftritten und vielfältiger Medienpräsenz. Abgesehen davon, daß Walter Russell Mead tatsächlich als freier intellektueller Unternehmer in einem Geflecht von Stiftungen, Zeitschriften und wohl auch Diensten agierte, war diese Aktion von einer Qualität, daß sie bis heute sowohl in Moskau als auch in Washington Bewegungen in Gang hält - die natürlich nichts mit dem 'Kauf', wohl aber mit der geopolitischen Essenz der Thematik zu tun haben.

Die Erfahrung mit dieser performance in politologischer Imagination war es eigentlich, die mir schlagartig die praktischen Implikationen des Buches von Fredric Jameson mit dem Titel The Geopolitical Aesthetic klargemacht hat. Kulturökonomische Verwertung von wissenschaftlichem Wissen ist im gewaltigen Prozeß der medialen Massenkultur nur möglich, wenn die in der Massenkultur wirksamen - und erfolgreichen - ästhetischen Prinzipien Eingang in die wissenschaftliche Produktion finden.

Am Anfang aller massenkulturellen Medienkompetenz steht die Fähigkeit des Umgangs mit Allegorien im Sinne komplexer ästhetischer Repräsentation von Wirklichkeit. Allegorien vermögen, indirekt und lateral, verschiedene Informationsschichten ineinanderzuschachteln. ”Will man etwas Ökonomisches sagen, sollte man es mit politischem Material tun. Steht etwas Politisches an, helfen Rohdaten aus der Ökonomie.” (Jameson 1992: 67) Das klingt vertraut nach den handwerklichen Anweisungen, die uns einst C. Wright Mills für den Gebrauch der soziologischen Imagination gab; und auch nach Gerhard Schulze.

Der Begriff der geopolitischen Ästhetik - von Jameson entwickelt aus einer Analyse der Filmproduktion der 80er Jahre - steht zunächst einmal für die Auseinandersetzung mit einem Globalisierungsprozeß, der als Versuch der Insertierung der amerikanische Perspektive in die übrigen Regionen der Welt verstanden werden muß. Es ist aber ebenso deutlich, daß diese Global Society America längst auch gezwungen worden ist, ”die nationale Allegorie in ein konzeptuelles Instrument umzuformen, das tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.” (Jameson 1992: 3)

Schnell haben die amerikanischen Eliten die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges, des Trikontismus usw. abgelegt und sind zu Globalmodellen vorgedrungen, die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben, andererseits aber, durch Kundschafter und Gedanken wie die vom erwähnten World Policy Institute geprägt, eher an die komplexen Allegorien postmoderner Kunst, Literatur und eben auch der Hollywoodproduktion erinnern.

Für Jameson schälen sich aus der allegorischen Praxis jener amerikanischen Filme, die Politik und Ökonomie thematisieren, zwei ästhetische Prinzipien heraus, die beide sowohl kulturökonomischen Erfolg als auch Annäherung an den tiefen Strukturwandel der posturbanen Gesellschaft versprechen.

Das eine Prinzip ist das eines tastenden, dem elektronischen Scannen und den netzgestützten Suchprogrammen verwandten 'Blicks von oben', der nichts mehr gemein hat mit der zentralistischen Selbstgewißheit hegemonialer Mächte.

Dem deutschen Hollywoodfilmer Roland Emmerich ist es gelungen, diesen view from above - recht eigentlich doch den Blick der postmodernen globalen Eliten - in aller Naivität in die gewaltigen Raumschüsseln der Aliens zu projizieren, die in Independence Day rohstoffgierig über allen strategischen Punkten unseres Planeten schweben. Er hat damit eine vollkommene Allegorie der tatsächlichen ökonomischen und politischen Verhältnisse geliefert, vollkommen, weil nur das 'kollektive Unbewußte' sie als solche erkennen würde - wenn es nicht so beschäftigt damit wäre, die Massen in die Kinos zu schicken.

Das andere Prinzip nennt Jameson die 'Figuration der Konspiration', das Spiel mit dem Verschwörungsverdacht. Es gibt in der Tat keine erfolgreichen politischen und ökonomischen Allegorien in der Massenkultur, die nicht mit Verschwörungsmotiven operieren.

Wenig ist zwar geblieben von den mächtigen Verschwörungsideologien des Faschismus. Doch die Massenkultur ist voller Allegorien des unbestimmten Verdachts. Hinter jeder allegorischen Antwort auf die Frage, wo wir eigentlich sind und welche Kräfte unser Leben bestimmen, steht noch die allegorische Frage, ob wir wirklich allein und unbeobachtet sind. Totalität als Verschwörung, das ist das Erbe eines Jahrhunderts, in dem Verheimlichung und subjektlose Bürokratie den Schrecken bis zum Äußersten gesteigert haben. Dennoch ist Verschwörung nichts als deformierte soziale Solidarität und Totalität der Verschwörung nichts als suspendierter Klassenkampf.

Die geopolitische Ästhetik des 'allgemeinen Verschwörungsverdachts' ist aber auch eine mächtige epistemologische Maschine. In der Paralyse des scheinbaren Endes der Geschichte verschafft uns die narrative Struktur der Verschwörung ”auf einer tieferen Ebene unserer kollektiven Phantasie”, so Jameson, die Möglichkeit, ”unsere politischen Gedanken an unserer eigenen liberalen und anti-politischen Zensur vorbei zu schmuggeln” und doch noch 'das Weltsystem als solches' zu denken (Jameson 1992: 9).

Ich behaupte nun, zum Schluß, daß die Eliten, welche die globale Informationsgesellschaft hervorbringt und die ihrerseits jene hervorbringen, mit diesem ästhetischen Instrumentarium, dazu auf den Netzen, immer bewußter umzugehen beginnen; daß also Kulturproduktion mit dem Ziel im Ökonomischen interveniert, doch noch 'das Weltsystem als solches' zu gewinnen.

 

Literaturverzeichnis

Davis, Mike (1992), City of Quartz. Ausgrabungen aus der Zukunft von Los Angeles, Frankfurt/M.
Heinsohn, Gunnar/Steiger, Otto (1996), Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft, Reinbek bei Hamburg
Jameson, Fredric (1991), Postmodernism, or, the Cultural Logic of Late Capitalism, Durham
Jameson, Fredric (1992), The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space in the World System, London
Jameson, Fredric (1994), The Seeds of Time. New York
Kurz, Robert (1991), Der Kollaps der Moderne, Frankfurt/M.
Krysmanski, H.J. (1995), Von den Subjekten einer 'linken' Medienpolitik, in: Forum Wissenschaft 1/95
Luhmann, Niklas (1996a), Die Gorgonen und die Musen, in: Wolf R. Dombrowsky/Ursula Pasero (Hrsg.): Wissenschaft, Literatur, Katastrophe.
Festschrift zum 60. Geburtstag von Lars Clausen, Opladen
Luhmann, Niklas (1996b), Die Realität der Massenmedien, Opladen
Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1976), Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt/M.
Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1981), Geschichte und Eigensinn, Frankfurt/M.
Nietzsche, Friedrich (1921), Zur Genealogie der Moral. Werke, Leipzig
Putnam, Robert D. (1996), The Strange Disappearance of Civic America, in: The American Prospect no. 24 (Winter 1996 - http.//epn.org/prospect/24/24putn.html)
Schulze, Gerhard (1996), Der Film des Soziologen, in: Die Zeit, 3.5.1996
Zielcke, Andreas (1996), Der neue Doppelgänger. Die Wandlung des Arbeitnehmers zum Unternehmer - Eine zeitgemäße Physiognomie, in: Frankfurter Allgemeines Zeitung, 20.7.1996

Dieser Text ist dem Andenken meines Freundes Georg Ahrweiler gewidmet.


Anmerkungen

1) dieser zentrale Begriff bei Jameson stammt aus der Architekturtheorie und meint postmoderne Formen der Weltorientierung (Jameson 1991: 97ff)
2) vgl. URL: http://alice.physik.uni-oldenburg.de/IuK/
3) zur Rolle A. Kluges und seiner Firma ‘dctp’ gibt es seit längerem eine intensive öffentliche Diskussion, vgl. z.B. Makowsky, Arno, Der Pate als Quotenkiller, in: Süddeutsche Zeitung, 16./17. 10.1993; Ott, Klaus, Die Strategie des Taktikers, in: Süddeutsche Zeitung, 13.4.1994, S. 75; Peters, Martin, Auch ein Quotenkiller versteht das Geschäft, in: Rheinischer Merkur, 27.5.1994, S. 27
4) die Formel stammt aus einem der ‘calls’ für ‘Information Society’-Projekte
5) ich selbst beispielsweise leite derzeit ein großes, von der Europäischen Kommission finanziertes ‘European Popular Science Information Project’, in welchem ein Konsortium (bestehend aus Spiegel TV, Deutschem Forschungsnetz, British Film Institute und meinem Institut) sich um die Voraussetzungen eines innovativen europäischen Wissenschaftsfernsehens bemüht. Vgl. URL: http://www.uni-muenster.de/EuropeanPopularScience/index.html
6) Deutet der Begriff des ‘cognitive mapping’ schon neuartige Aneignungsprozesse an, so wäre ‘cognitive zoning’ bereits eine kollektive, das ‘zoning’ der ‘developer’ fundamental durchkreuzende Bewohnbarmachung des posturbanen Raumes. ‘Cognitive zoning’ solcher Art ist z.B. angelegt in der Art der Analyse von Mike Davis (Davis 1992); aber auch im Konzept der ‘digitalen Städte’ selbst, einer logischen Weiterentwicklung des Hausbesetzergedankens.
7) International Herald Tribune, July 20-21 1996, S. 14ff
8) vgl. URL: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/krys.html
9) zu seinen wichtigsten Beispielen aus den 80er Jahren gehören Videodrome von David Cronenberg und All the President’s Men von Pakula.

 

abgedruckt in:
St. Hradil (Hg.), Differenz und Integration, Frankfurt 1997

 

Site Map / Classes / Publications / Projects