Cyber
Co-Operatives

Eine Antwort
auf die
Übernahme der Wissens-
produktion und
-dissemination
durch die Corporations

H.J.Krysmanski

Eine kleine Polemik: Wenn es, wie der Expertenkreis schreibt, wirklich so ist, dass " unsere Gesellschaft – und mit ihr auch die Universität - einen epochalen Wandel" durchläuft und dass, "getragen von den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien...die globale Wissensgesellschaft" entsteht, dann sollten in ihr doch die spekulativen, imaginativen und kreativen Wissensproduzenten eine zentrale selbständige und selbstbestimmte Rolle einnehmen. Sie sollten nicht mit einer historisch beispiellosen Konsequenz als der 'wichtigste Produktionsfaktor' an den Faktor Kapital (den logischerweise dann weniger wichtigen) gefesselt werden.

Dieses Fesselungssystem, genannt 'Informations-' oder 'Wissensgesellschaft', wird in Szenarios wie dem obigen wie ein Naturgesetz entfaltet. Da heißt es: "Das Wissen wird integraler Teil des industriellen Prozesses. Und solch ein Teil wird das Wissen durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien." (Expertenkreis)

Dabei ist die Sache in Wirklichkeit genau umgekehrt: nicht die Informations- und Kommunikationstechnologien haben 'das Wissen' (die Wissensproduzenten) zu einem 'integralen Teil des industriellen Prozesses' gemacht, sondern Wissensproduzenten ('das Wissen') haben Informations- und Kommunikationstechnologien entwickelt, die heute Teil des industriellen Prozesses sind. Und IuK-Technologien und Industrie ihrerseits sind nichts als ein Teil des menschlichen Wissensprozesses, der seinerseits weit über die Interessen der Industrie- und Finanzkonzerne hinausreicht. Aber wo die Macht ist, muss bekanntlich nicht argumentiert werden.

Besonders irreführend ist diese Propaganda, weil so getan wird, als geschähen die 'wichtigsten Tätigkeiten' schon längst "am Computer und in digitalen Netzwerken: Lernen, Informieren, Planen, Konzipieren, Konstruieren, Simulieren, Umsetzen, Steuern, Kontrollieren, Kommunizieren." (Expertenkreis) Nicht einmal für die USA trifft das zu.

Doch die Europäer, die sich auf dem Gebiet der IuK-Technologien in der Tat in einer verzweifelten Konkurrenzsituation gegenüber den US-Amerikanern befinden, ersetzen ständig eine sowohl in der Industrie wie im Dienstleistungs- und Bildungsbereich bestehende technikkulturelle Rückständigkeit durch besonders lautstarken Hype.

Die ökonomisch dominierenden Konzerne versuchen eine Technikkultur 'von oben' zu fördern, sie versuchen Eliten heranzuzüchten, sie versuchen 'auszulesen' - und haben selbst keine technische IuK-Kultur entwickelt. Man muss nur einmal auf die ästhetisch depravierten Websites der Bertelsmann-Stiftung blicken, ganz zu schweigen von den Universitäten oder den Länder- und Bundesministerien.

Eine Technikkultur 'von unten' aber gibt es in Deutschland nicht - und in Europa kaum. Und gerade die Konzerne haben - nach den Zeiten anti-autoritärer Bewegung - noch immer eine Heidenangst vor allen Formen von Basis-, von grassroots-Bewegungen.

In den USA dagegen ist die IuK-Technologieentwicklung von Anfang an massiv 'von unten' befruchtet worden. Dort ist es aber auch - bedauerlicherweise? - gelungen, den Alternativbewegungen als einziges Ventil das Internet anzudienen und Softwareentwicklung als den Königsweg der Selbstverwirklichung zu etablieren.

Wollen wir das in Europa nachmachen? Nicht nur die Konzerne zögern, auch die europäische Alternativbewegung kann sich nicht entschließen - vor allem, nachdem ihre Köpfe bei den Konzernen untergekrochen sind.

So bleibt in Sachen digitaler Technikkultur ein Freiheitsraum für gesellschaftliche und wirtschaftliche Alternativen, aus dem langfristig mächtige Impulse für eine bessere europäische Zukunft erwachsen können

Szenario 'Die Universität im Jahre 2005' des Expertenkreises 'Hochschulentwicklung durch neue Medien': Spätestens im Jahre 2005 werden die deutschen Hochschulen im direkten Wettbewerb mit privaten Anbietern stehen. Mehr als die Hälfte aller Studierenden wird dann virtuelle Studienangebote nutzen. Studenten werden nicht mehr nur zwischen staatlichen Hochschulen wählen. Im globalen Online-Bildungsmarkt werden private Bildungsanbieter und Corporate Universities dem staatlichen Angebot Konkurrenz machen. Kooperationen zwischen Hochschulen und Wirtschaftsunternehmen sowie Bildungs-Broker für individuelle Bildungsangebote werden neue Akzente in der Bildungslandschaft setzen.

Der 'globale Bildungs- und Wissensmarkt' wird beherrscht sein durch Internationale Konsortien, Corporate Universities, Netzwerke von Universitäten und Virtuelle Universitäten - sagt der Expertenkreis. Die 'alte Alma Mater' wird ein Schattendasein fristen.

Und - sagen andere - von den spekulativen, imaginativen und kreativen Menschen, die einfach nur studieren (und lehren) und dabei und danach Wissen produzieren wollen, ist überhaupt nicht die Rede. Der corporate takeover wäre so vollkommen, dass Paul Treanor dann schon lieber, zur Rettung des 'spekulativen Wissens', ein Europa ohne Universitäten hätte.



"Money is the alienated capacity of mankind"

Der europäische Gedanke
der Produktionsgenossenschaften
- kommt er erst
in der Sphäre der Wissensproduktion
zu sich selbst?

Cyber Cooperatives
- das wäre doch mal was

Informationen und Links

Link-Sammlung 'Co-operative Webs'
DIE ZEIT beschäftigt sich mit 'Virtuellen Gemeinschaften':
Das Teledorf Coletta di Castelbianco
Die kommerzielle Nutzung virtueller Gemeinschaften im Internet
Collaborative Research and Learning: das australische Projekt HENRE
Howard Rheingold's 'The Brainstorms Community'
Bill Gates, on the road again...
Cooperatives in the Context of Globalization and Liberalization (UN / FAO
)

Zur Einstimmung auf den 'Genossenschaftsgedanken':

Matthias v. Randow
'Genossenschaftsförderung in Italien
- Ein Beispiel für Auswege aus der wirtschaftspolitischen Erstarrung'

(das Folgende gekürzt und redigiert)


Deutschland und Italien
Die deutsche Erfahrung kennt zunächst einmal eher Kredit- und Verteilungsgenossenschaften und weniger arbeitsplatzschaffende Genossenschaften im produzierenden Bereich. In Italien ist das anders.
Wer auf der Suche nach neuen Wegen selbstbestimmten Arbeitens den Blick über die Alpen wirft, wird allein von der quantitativ großen Bedeutung des genossenschaftlichen Sektors überrascht. Allein in der Region Emilia-Romagna konzentriert sich nach Arbeitskräften bemessen die größte genossenschaftliche Produktion in der Welt überhaupt. Hier arbeitete Mitte der 80er Jahre ungefähr die Hälfte aller erwerbstätigen Menschen in Kooperativen -also auf eigene Rechnung. Vom Forschungslabor bis zum Friseursalon - das Spektrum genossenschaftlicher Betriebe bietet die ganze Vielfalt ökonomischer Realität.

Der italienische Konsens
Der kurz andauernde, auch politische Konsens nach 1945, also die Zusammenarbeit von Christdemokraten, Sozialisten und Kommunisten, beeinflußte die Verfassung von 1947. In Artikel 45 heißt es: „Die Republik anerkennt die gesellschaftliche Funktion der Genossenschaft mit Selbsthilfecharakter und ohne die Zielsetzung des privaten Gewinnstrebens. Das Gesetz fördert sie und begünstigt ihr Wachstum mit den dafür geeigneten Mitteln und garantiert ihren Charakter und ihre Zielsetzungen durch entsprechende Kontrollen." Selbstverwaltung, Kooperativen, Genossenschaften - keine Fremdworte also für die Regierungen Italiens.
Bis auf den heutigen Tag unterstützt der italienische Staat die Unternehmen in 'Autogestionen' - nicht nur die Zusammenschlüsse von weinherstellenden Großbauern zur besseren Vermarktung ihres Produktes,- sondern vor allem auch Produktions- und soziale Selbsthilfegenossenschaften.

 

Cyber Cooperatives
in Information Society

*
Produktions-Genossenschaften
in der Wissensgesellschaft

Mögliche Themen für eine Konferenz

Cooperative Aspects of Cyber Culture in North America
(Kroker/Weinstein, Neil Stephenson, Steven Johnson)
Kooperative Aspekte in der europäischen Cyberszene
(z.B. Chaos Computer Club)

Produktionsgenossenschaften:
ein genossenschaftsrechtlicher Überblick
Die Problematik des geistigen Eigentums
Wissensproduktion als kollektiver Prozess

Historische Modelle einer genossenschaftlichen Wissenschaftsproduktion (von der mittelalterlichen Klosterkultur bis zur 'Idee der deutschen Universität')

Cyber Cooperatives als kommerzielles Unterfangen
Cyber Cooperatives als kreative, nicht-kommerzielle Aktivität
Cyber Cooperatives als Alternativmodell zur Verwertung geistiger Arbeit in der Informationsgesellschaft

Cyber Cooperatives sind besser als
Telelearning und Teleteaching

Regionale und sektorale Verteilung der Genossenschaften
Zur regionalen und sektoralen Verteilung: auffällig ist zunächst der andauernde und beträchtliche Aufschwung, den der italienische Genossenschaftssektor genommen hat. 1970 zählte das Melderegister 48.297 Genossenschaften, 10 Jahre später bereits 84.183, was einen Anstieg von über 70% bedeutet. Bis 1990 hat sich die Wachstumsrate sogar noch erhöht. Ende 1990 meldete die zuständige Generaldirektion des italienischen Arbeitsministeriums 159.417 genossenschaftliche Unternehmen.
Auf den ersten Blick stechen alsdann die 65.000 Wohnungsbau- und Benutzergenossenschaften hervor, von denen allein 17.000 in der Region Latium angesiedelt sind. Ihre große Anzahl ist Folge des explosionsartigen Wachstums der Großstädte. Darüber hinaus konzentrieren sich die Genossenschaften auf den mittelständischen Gewerbe- und Dienstleistungsbereich, den Einzelhandel und die Landwirtschaft.
Im Gegensatz zu Westdeutschland handelt es sich auf dem Land aber nicht so sehr um Verteilungs- und Verwertungsgenossenschaften, sondern auch um landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, die den hohen Marktanteil von ca. 20% erzielen und bei einzelnen Produkten sogar weit darüber liegen: mehr als die Hälfte der Butterproduktion, ca. 40% der Käseherstellung, 80% bei der Gemüseproduktion und 1/4 der Tomatenverarbeitung gehen alleine auf Genossenschaften zurück, die den beiden größten Verbänden LEGA und CONFCOOP angehören.
Von den etwa 50.000 den Verbänden angeschlossenen Genossenschaften gehören 17.000 der PDS-nahen LEGA und 24.000 der DC-nahen CONFCOOP an. Alle Verbandsgenossenschaften zusammen beschäftigen ungefähr eine Million Arbeitnehmer. Fast 10 Mio. Italiener sind Mitglied einer (Verbands-) Genossenschaft. Allein in diesen Zahlen manifestiert sich neben der wirtschaftlichen auch ihre soziale und arbeitsmarktpolitische Relevanz.

Die Gesetze 'Marcora' und 'De Vita'
Im Gesetz Nr. 127 vom 19. Febr. 1971 heißt es, daß es dem Ministerium für Arbeit und Sozialfürsorge obliegt, „Initiativen zu ergreifen, um die Entwicklung des Genossenschaftswesens, die Verbreitung seiner Prinzipien und die berufliche Qualifizierung der genossenschaftlichen Führungskräfte zu fördern." Alle Initiativen der italienischen Regierung fußen auf dieser Grundlage. Zwei Beispiele: die Initiativen infolge der Gesetze „Marcora" und „De Vita".
Das Gesetz „Marcora" stellte sich in seinen wirtschaftlichen und beschäftigungsfördernden Effekten sehr rasch als Erfolg heraus. Folgende Grundregeln entwickelten sich: daß innovativ arbeitende externe Marketing-Experten unerläßlich sind, ebenso qualifizierte Direktoren mit technologischen Konzepten, die Effektivitätsgesichtspunkte in die genossenschaftliche Unternehmensführung einbringen. Widerspruchspotential bildet sich, wenn einzelne Genossenschaftler Professionalisierung lediglich als Rationalisierungsfaktor ansehen und nicht in ihrer Bedeutung für humane Arbeitsbedingungen und angemessene Entlohnung.
Um lokale Beschäftigungsinitiativen und wirtschaftliche Entwicklungen im Mezzogiorno, dem Süden Italiens, zu fördern, wurde 1986 das Gesetz „De Vita" verabschiedet. Die finanziellen Ressourcen, die das Gesetz bereitstellte, bildeten einen Fonds, von dem auch Genossenschaften profitierten konnten. Der Antrag konnte von jungen Menschen zwischen 19 und 29 Jahren in Anspruch genommen werden. Das Gesetz wollte nicht nur neue Arbeitsplätze schaffen, sondern vielmehr die verkrusteten unternehmerischen Strukturen des Südens aufbrechen und im lokalen Bereich wirtschaftliche Neuansiedlungen ermöglichen.
Auch unter diesem Gesichtspunkt wurde mit dem Gesetz „De Vito" eine ganz neue Form von Entwicklungspartnerschaften gesucht. Man verfiel auf den Gedanken, Industrieunternehmen des Nordens einzubinden. Ein Beispiel ist der „Olivetti-Konzern: In dem Fall konnte mit Förderung entsprechend des Gesetzes „De Vito" eine größere Anzahl kleinerer, sehr effektiv und qualifiziert arbeitender Software-Unternehmen im Süden aufgebaut werden. Um aber nicht nur kurzfristige Anfangserfolge zu erzielen, wurde in das Förderpaket gleichzeitig die Kooperation der einzelnen Software-Firmen mit dem Olivetti-Konzern integriert.

Nichtstaatliche Unterstützung
Der Erfolg der Genossenschaftsförderung in Italien liegt offensichtlich in der Konzentration der staatlichen Förderung insbesondere auf Neugründungen im Bereich von kleinen und mittleren Unternehmen. Ein gutes Beispiel für die nichtstaatliche Unterstützung beim Aufbau neuer Kooperativen und selbstverwalteter Unternehmen ist hingegen die vom linkskatholisch orientierten Gewerkschaftsbund CISL gegründete Assoziation CENASCA, die zwar bereits seit 30 Jahren besteht, sich aber vor allem seit den 80er Jahren von einem beratenden Institut zu einer konkret fördernden Mitgliederassoziation gewandelt hat.

'Philosophie' der CENASCA
Solidarität, Produktivität und Effizienz. Daraus entwickelte sich auch eine „Philosophie" der Genossenschaftsförderung:
- Die Förderung vor allem der Neugründung von kleinen und mittleren Unternehmen unter beschäftigungs- und beteiligungspolitischen Aspekten,
- die gewissenhafte Anerkennung der kulturellen, historischen, menschlichen professionellen und natürlichen Ressourcen,
- die Realisierung des Gedankens einer echten Wirtschaftsdemokratie in einem Gleichgewicht der Faktoren von Kapital und Arbeit bei einer Vorrangstellung jedes einzelnen Menschen im Produktionsprozeß
- und schließlich der einzelwirtschaftliche Beleg dafür, daß die Antwort auf den Zusammenbruch des Kommunismus nicht der ungezügelte Kapitalismus ist, sondern eine Gesellschaft, deren Grundlage vom Prinzip der Partizipation, von der Freiheit in der Arbeit und von der Verantwortung der Starken für die Schwachen gebildet wird.

EG und die 'reine Lehre'
Als sich Mitte der 80er Jahre die EG-Kommission in Anerkenntnis des gemeinwirtschaftlichen Charakters von Genossenschaften an die Vorüberlegungen zu einer Harmonisierung des Genossenschaftsrechtes machte, da liefen vor allem deutsche Genossenschaftstheoretiker Sturm. Doch unter den Marktwirtschaftstheoretikern wird es den Vertretern der reinen Lehre schon sehr schwer fallen, auf Italien bezogen die erfolgreiche Verknüpfung von markt- und gemeinwirtschaftlichen Funktionselementen der staatlichen Genossenschaftsförderung zu leugnen. Daß einige es dennoch immer wieder tun, erstaunt umso mehr. In der Kontroverse geht es dann vordergründig um die Frage, ob Genossenschaften gemeinwirtschaftlich sind. Denn das, was gemeinwirtschaftlich ist, das müsse selbstverständlich staatlich gefördert werden, wie beispielsweise das Gesundheitswesen oder die Bereitstellung von Infrastruktur. Was hingegen rein erwerbswirtschaftlichen Charakter trage, müsse frei von staatlicher Förderung bleiben - so schließlich auch die Genossenschaften.