Stichwort aus: Georg W. Oesterdiekhoff (Hg.), Lexikon der soziologischen Werke, Opladen: Westdeutscher Verlag 2001

 

Mills, C. Wright (geb. 1916, gest. 1962)

White Collar: The American Middle Classes

EA: New York: Oxford University Press, 1951; deutsch: Menschen im Büro: Ein Beitrag zur Soziologie der Angestellten (übers. v. Bernt Engelmann, Vorwort v. Heinz Mauss), Köln-Deutz: Bund Verlag 1955).

Mit "White Collar" hat C. Wright Mills die Formel für eine zentrale Sozialkategorie der Dienstleistungsgesellschaft in die Welt gesetzt. Man hätte bei der deutschen Übersetzung den Anglizismus nicht scheuen sollen, denn der Titel "Menschen im Büro" gibt zwar einen wesentlichen Aspekt des Inhalts wieder, verschleiert aber zugleich, dass dieses Buch die erste, immer noch aktuelle "makrosoziologische" Abrechnung mit den Entfremdungserscheinungen jener "Mitte" ist, um deren Gunst die "modernen" Politiker bis heute ringen.

Es ist nicht von ungefähr, dass die Formel inzwischen eher in Kombinationen wie white collar crime reüssiert, denn die damals sich herausbildenden Anomien (verewigt in Romanen wie "The Man in the Grey Flannel Suit" von Sloan Wilson) sind einer oft aggressiven Dienstbotenmentalität und einer schleichenden Korruptionsbereitschaft gewichen, die ihrerseits etwas zu tun haben mit der wachsenden Desillusionierung über den Machtmissbrauch derjenigen Eliten, in deren Abhängigkeit die middle classes stehen.

Mills hatte sich schon als Student vorgenommen, ein Buch zu schreiben, das den grossen Romanschriftstellern "sozialer Schichtung", Honoré Balzac oder John Dos Passos, das Wasser reichen konnte und ein soziologisches Pendant zur ungeschriebenen "Great American Novel" sein sollte. Er hatte in seiner Kollaboration mit Hans Gerth viel über die neuen Mittelschichten im Deutschland der Weimarer Zeit erfahren, über ihre Orientierungslosigkeit bis hin zur Anfälligkeit für den Nationalsozialismus. (Oakes / Vidich, S. 106ff) Und er hatte beobachtet, wie in Amerika nach dem Ende des Weltkriegs staatliche und industrielle Grossorganisationen das Berufsfeld für die jungen, ehrgeizigen, aus dem Krieg zurückkehrenden Männer wurden. Mills sah zugleich die Krise des Liberalismus, der jedem den unbegrenzten Aufstieg versprach, aber in den Zwängen der Karrieren längst eine Schimäre geworden war.

In diesem Sinne beschäftigt sich das Buch zunächst mit den "alten Mittelschichten", denen die scheinbare Sicherheit ihrer Eigentumsverhältnisse und Überzeugungen mit dem Siegeszug der shareholder-Wirtschaft abhanden kommt. In der Welt der Konzerne dagegen wandeln sich die Arbeitsstrukturen und Berufsprofile, es entstehen neue Hierarchien, white-collar pyramids, in denen Autorität gefiltert und als funktionale Macht im Top-Management verankert wird. Die traditionellen freien Berufe, etwa Rechtsanwälte, verheddern sich im Geflecht der Grossorganisationen. Der Bedarf an Experten für Organisation und Informationsverarbeitung sowie für Marketing und Verkauf wächst enorm. Die neuen Machtpyramiden in der Arbeitswelt der Angestellten bestimmen deren Lebensstile und Lebensmilieus. In den Büros finden sich raketengleiche "Aufsteiger" neben den "fröhlichen Robotern" der unteren Etagen. In den Städten entstehen neue Strukturen metropolitanen und suburbanen Lebens. "Statuspanik" diktiert das Verhalten. Aber auch die Kontexte von Macht und Herrschaft verändern sich, anonyme Organisationsmacht, die Manipulation der öffentlichen Meinung, die Formulierung neuer und die Umformulierung alter Ideologien im Milieu der Massenmedien fördern die Orientierungslosigkeit und den Abbau der civil society. Eine profunde Veränderung der Politik setzt ein.

Literatur:

Bensman, Joseph /Arthur J. Vidich, The New American Society: The Revolution of the Middle Class, Chicago: Quadrangle 1971; Gillam, Richard: "White Collar from Start to Finish", in: Theory and Society 10 (1981), S. 1-30; Gitlin, Todd: "Sociology for Whom? Criticism for Whom?" in: Herbert J. Gans (ed.), Sociology in America, Newbury Park, CA: Sage Publications 1990; Hess. Andreas: Die Politische Soziologie C. Wright Mills'. Ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte, Opladen: Leske+Budrich 1995; Horowitz, Irving Louis: C. Wright Mills: An American Utopian, New York: Free Press 1983; Mills, Kathryn / Pamela Mills (eds.): C. Wright Mills: Letters and Autobiographical Writings, Los Angeles: University of California Press 2000; Oakes, Guy / Arthur J. Vidich: Collaboration. Reputation, and Ethics in American Academic Life: Hans H. Gerth and C. Wright Mills, Urbana and Chicago: University of Illinois Press 1999; Seidman, Steven: Contested Knowledge. Social Theory in the Postmodern Era, Oxford: Blackwell 1994

H. J. Krysmanski

 

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