Stichwort aus: Georg W. Oesterdiekhoff (Hg.), Lexikon der soziologischen Werke, Opladen: Westdeutscher Verlag 2001

 

Mills, C. Wright (geb. 1916, gest. 1962)

The Sociological Imagination

EA: New York: Oxford University Press 1959; deutsch: Die soziologische Denkweise, Neuwied: Luchterhand 1963; 40th Anniversary Edition, New Afterword by Todd Gitlin, New York: Oxford University Press 2000

"The Sociological Imagination" (im folgenden TSI) nimmt eine absolute Sonderstellung in der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur ein. Beispielsweise figuriert TSI hinter Max Webers "Wirtschaft und Gesellschaft" auf Platz 2 einer Liste der International Sociological Association, beruhend auf einer weltweiten Mitgliederbefragung nach dem soziologischen Werk, welches den grössten Einfluss auf die individuelle Entwicklung der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehabt habe. Erst danach folgen etwa Robert K. Mertons "Social Theory and Social Structure", Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns "The Social Construction of Reality", Pierre Bourdieus "La Distinction: critique sociale du jugement", Norbert Elias' "Prozess der Zivilisation", Jürgen Habermas' "Theorie des kommunikativen Handelns", Talcott Parsons' "The Structure of Social Action" und Erving Goffmans "The Presentation of Self in Everyday Life".

Im deutschsprachigen Raum wurde TSI, wie auch andere Werke von Mills, sträflich vernachlässigt. Das lag nicht nur an einer verunglückten deutschen Übersetzung, sondern auch an einer bildhaften, Ross und Reiter nennenden Darstellungsweise, die den einen nicht "wissenschaftlich", den anderen gar (als das noch etwas bedeutete) nicht "marxistisch" genug war. Und als dann der grosse systemtheoretische Schleier sich über die deutsche Soziologie legte, glaubte man vollends darüber hinweggehen zu können, dass die vernichtende Kritik an der Grand Theory von Talcott Parsons, welche TSI antreibt, sich ohne weiteres auch auf die Grander Theory von Niklas Luhmann übertragen liesse, dessen Sinn für die wirklichen private troubles und public issues unserer Gegenwart noch weitaus unterentwickelter war als der von Parsons.

Dieses aber ist die Kernthese von TSI: soziologische Imagination entwickelt sich im Prozess der Übersetzung individueller Probleme (private troubles) in öffentliche Angelegenheiten (public issues) und umgekehrt. Soziologische Imagination ist der methodologische Zustand, in den es sich mithilfe von Theorie und einfallsreicher Empirie zu versetzen gilt, um Gesellschaft nicht nur zu erleiden, sondern "von unten" zu verändern. Soziologie muss es möglich machen, Probleme der eigenen Biographie als Produkte historischen Wandels und als Gelegenheiten zu gesellschaftlicher Aktivität zu begreifen ("Geschichte und Eigensinn" haben Negt / Kluge das genannt). Um dieses Ziel zu erreichen, ist kein intellektueller Aufwand zu gross: die Strukturen historischen Wandels müssen erforscht, die eigenen und die Erfahrungen anderer ausgewertet, die Daten und Tatsachen des Gesellschaftsprozesses gesammelt und interpretiert werden. In einem berühmt gewordenen Anhang von TSI, On Intellectual Craftmanship, setzt Mills dem ängstlichen Werkeln der "Fliegenbeinzähler" eine fulminante Kompilation von handwerklichen Faustregeln entgegen, die sich der studentische Anfänger ebenso wie der Grossprofessor zu eigen machen kann. Und TSI ist auch eine Demonstration des Umgangs mit den Möglichkeiten der Theorietraditionen der Soziologie, wenngleich hier der Gestus des Suchenden und des pragmatisch Experimentierenden dominiert, dem Mills bis hin zu seinem letzten Werk, "The Marxists", treu geblieben ist.

Literatur:

Gitlin, Todd: "Sociology for Whom? Criticism for Whom?" in: Herbert J. Gans (ed.), Sociology in America, Newbury Park, CA: Sage Publications 1990; Hess. Andreas: Die Politische Soziologie C. Wright Mills'. Ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte, Opladen: Leske+Budrich 1995. Hess, Andreas: Modern American Social and Political Thought, Edinburgh / New York: Edinburgh University Press 2000; Horowitz, Irving Louis: C. Wright Mills: An American Utopian, New York: Free Press 1983; Mills, Kathryn / Pamela Mills (eds.): C. Wright Mills: Letters and Autobiographical Writings, Los Angeles: University of California Press 2000; Negt, Oskar / Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn, Frankfurt/Main: Zweitausendeins 1981; Seidman, Steven: Contested Knowledge. Social Theory in the Postmodern Era, Oxford: Blackwell 1994

H. J. Krysmanski

 

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