Aus: Georg Ahrweiler, Rainer Rilling, Rolf Schellhase (Hg.), Soziologische Ausflüge, Opladen/Wiesbaden 1997
Michael Otte
Kuhn revisited (hier zur Diskussionsanleitung)
Es sind vier Begriffe, die die Architektur von Kuhns Buch, 'Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen', im wesentlichen bestimmen: Paradigma, normale Wissenschaft, Krise, wissenschaftliche Revolution. Die grundlegenden Begriffe Kuhns gruppieren sich in zwei Komplexe. Auf der einen Seite haben wir Paradigmen und die normale Wissenschaft, andererseits Krisen und Revolutionen. Die Spannung zwischen diesen beiden Begriffskomplexen ist früh bemerkt worden. Scheffler hat beispielsweise ihre kognitive lnkompatibilität behauptet (Scheffler 1967 u. 1986). Ich glaube, daß Scheffler den tätigen und instrumentellen Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis nicht hinreichend berücksichtigt hat (Otte 1990). Kein Mensch kann sich in mehr als eine theoretische Perspektive zur selben Zeit mit Aussicht auf erfolgreiche Anwendung derselben hineindenken. Berücksichtigt man das aber und betrachtet die Sache strikt im kommunikativen Kontext, so wird das, was sich in Scheffler's Kritik andeutet, interessanter, insbesondere nachdem die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mit dem Einfluß komplexer wissenschaftlicher Technologien auf alle gesellschaftlichen Lebensbereiche neue Dimensionen erreicht hat (Stichwort: die Gesellschaft als Labor).
Es ergibt sich jedoch ganz zwanglos, da Kuhns Werk eine Revolution in der Wissenschaftsphilosophie und der Historiographie der Wissenschaften zugeschrieben wird, daß seine 'Geschichte' zweimal zu erzählen ist. Einmal mehr oder minder immanent und auf die historische Herausbildung der Merkmale des Stoffes bedacht, gewissermaßen als erkenntnistheoretische oder wissenschaftsphilosophische Geschichte, die sich an bestimmten, hypothetisch unterstellten Entwicklungstendenzen neuzeitlicher Rationalität orientiert. Man kann die durch Kuhn eingeleiteten Veränderungen in der Wissenschaftsphilosophie und der Historiographie der Wissenschaften jedoch auch als einen Anwendungsfall seines eigenen Essays betrachten und die Sache noch einmal in ihrem genuinen singulären historischen Kontext darstellen als Wandlungsprozeß der Auffassungen über Wissenschaft, so wie sie sich nach dem Zweiten Weltkriege vollzogen haben.
Der Begriff der "normalen Wissenschaft' wird für Kuhn durch den Begriff des Lehrbuches bestimmt. In einem Lehrbuch wird ein wissenschaftliches Paradigma propagiert. Ein solches Paradigma beinhaltet grundlegende inhaltliche Sätze. Es verkörpert aber auch den Habitus eines Wissenschaftlers, die Art und Weise, wie er an Probleme herantritt, wie er die Welt betrachtet, wie er Fragen stellt und welche Methoden und Hilfsmittel er anwendet, um diese Fragen zu beantworten.
Ein Paradigma spielt etwa die Rolle, die wir den grundlegenden Begriffen zuschreiben müssen. Diese Begriffe sind einerseits dasjenige, dessen Explikation die Entwicklung der ganzen Theorie gewidmet ist. Sie sind also das Ziel der Theorieentwicklung. Sie sind aber auch der Beginn derselben. Das heißt, sie müssen intuitiv eindrücklich sein, die Tätigkeit motivieren und die Vorstellung orientieren. Paradigmen und fundamentale Begriffe oder grundlegende Ideen sind selbstreferentiell, d.h. sie organisieren selbst den Prozeß der eigenen Entfaltung und Konkretisierung. "Der Erfolg eines Paradigmas ist am Anfang weitgehend eine Verheißung von Erfolg, die in ausgesuchten und noch unvollkommenen Beispielen liegt" (Kuhn 1967, 45). Und "normalwissenschaftliche Forschung ist auf die Verdeutlichung der vom Paradigma bereits vertretenen Phänomene und Theorien ausgerichtet" (a.a.0.).
Wäre es nicht möglich, daß das Paradigma oder der theoretische Begriff die Grundlage seiner eigenen Entfaltung und Erklärung lieferte, bliebe als einziger Maßstab übrig zu sehen, ob die neuen Ideen und die neuen Begriffe den alten ähnlich sind oder nicht. Das heißt, es ergäbe sich nichts prinzipiell Neues, da das gegebene normalwissenschaftliche Paradigma die Folie für alles bleibt. Der Wissensprozeß liefe auf die Akkumulation von Fakten und ihre Anordnung im Rahmen bereits ewig bestehender Vorstellungen hinaus. Wird umgekehrt das (neue) Paradigma zu einer Grundlage der Welt und der Welterkenntnis in einem absoluten Sinne, dann gibt es nur Inkommensurabilität und Diskontinuität in dem Wechsel der Perspektiven auf die Realität. Kuhns Essay entwickelt beide Perspektiven zugleich.
'Die vielleicht überraschendste Eigenart der normalen Forschungsprobleme ist, daß sie so wenig bestrebt sind, bedeutende Neuheiten hervorzubringen. ... Die normale Wissenschaft, als die Betätigung, mit der die meisten Wissenschaftler zwangsläufig fast ihr ganzes Leben verbringen, gründet auf der Annahme, daß die wissenschaftliche Gemeinschaft weiß, wie die Welt beschaffen ist" (S. 22). Für eine Theorie im Sinne Kuhns existiert nur das, was die Theorie beschreibt, und nur so, wie die Theorie es beschreibt. Ein Stuhl oder ein Elektron sind genau das, was die Theorie darüber aussagt, und wenn eine andere Theorie auftaucht, mag sie etwas ganz anderes sagen, auch wenn sie dieselben Wörter und Bezeichnungen benutzt. Kuhn behauptet beispielsweise, die physikalischen Beziehungen der Begriffe der Einsteinschen relativistischen Mechanik "sind auf keinen Fall mit denen der Newtonschen Begriffe gleichen Namens identisch. Die Newtonsche Masse bleibt erhalten, die Einsteinsche ist austauschbar mit Energie" (S. 140). "Das gesamte begriffliche Gewebe, dessen Fäden Raum, Zeit, Materie, Kraft usw. sind, wird verschoben und als ganzes erneut über der Natur ausgebreitet" (S. 197). Für Kuhn ist der Brennpunkt der revolutionären Wirkung der Einsteinschen Theorie in dem Zwang zu sehen, "die Bedeutung von feststehenden und vertrauten Begriffen zu ändern" (S. 141).
Kuhns Theorieauffassung, kann in den folgenden beiden Thesen zusammengefaßt werden.
1. Die Theorie als ganze, etwa als System miteinander verbundener Postulate, bestimmt die Intensionen ihrer Begriffe, und
2. die Intensionen bestimmen die Extensionen der Begriffe; Gegenstände sind niemals unvermittelt sondern über Begriffsbedeutungen gegeben.
Kuhn kann also höchstens kritisiert werden, indem man entweder zeigt, daß es nicht die Theorie als solche ist, die die lntension ihrer Begriffe determiniert, oder daß die Extensionen oder Referenten der Begriffe nicht nur durch die lntensionen bestimmt werden. Das heißt, daß man von einer Theorie nicht erwartet, daß sie eine vollständige Beschreibung ihres Gegenstandsbereichs enthält. Wenn wir an einer kontextuellen Bedeutungsauffassung festhalten wollen, dann bleibt uns, ausgehend von der obigen Charakterisierung einer intensionalen Theorie, nur die Annahme, daß Wissenschaftler andere Objektzugänge haben als die durch die Theorie gegebenen, und daß dadurch Intensionen und Extensionen einen voneinander relativ unabhängigen Status gewinnen.
Wissenschaftlicher Fortschritt vollzieht sich durch Entdeckungen. Was sind wissenschaftliche Entdeckungen und wie kommt man zu ihnen? Kuhn möchte vor allem zeigen, daß das Entdecken eines neuen Phänomens oder Faktums ein komplexes Ereignis ist, das weder auf die Entdeckung theorieunabhängiger Daten noch die Neuinterpretation bekannter Daten reduziert werden kann. Es muß sich vor allem die Intension, die Begriffsbedeutung ändern. Wenn man die Frage beispielsweise unbedingt beantworten will, wer den Sauerstoff entdeckt hat, dann ist es wohl Lavoisier gewesen, denn der hatte schon lange die Überzeugung gehegt, "daß einerseits mit der Phlogistontheorie etwas nicht stimmte und daß brennende Körper irgendeinen Teil der Atmosphäre absorbierten" (S. 84). "Dieses fortgeschrittene Problembewußtsein muß ein bedeutender Teil dessen gewesen sein, was Lavoisier in die Lage versetzte, in Experimenten, wie denen von Priestley ein Gas zu sehen, daß Priestley selbst dort zu sehen nicht in der Lage gewesen war" (a.a.0.). Kuhn meint "daß Lavoisier, nachdem er den Sauerstoff entdeckt hatte, in einer anderen Welt arbeitete" (S. 160). Ein anderes Beispiel: "Für die Anhänger des Aristoteles war der schwingende Körper eines Pendels lediglich ein mit Behinderungen fallender Körper. Galilei aber sah beim Anblick des schwingenden Körpers ein Pendel, dem es fast gelang, die gleiche Bewegung immer wieder ad infinitum auszuführen. Nachdem er das gesehen hatte, beobachtete Galilei auch noch andere Eigenschaften des Pendels und konstruierte aufgrund dieser Beobachtungen viele der bedeutendsten und originellsten Teile seiner neuen Dynamik" (S. 163).
Eine durch wissenschaftliche Entdeckungen veranlaßte Revolution wird von Kuhn in erster Näherung als ein Paradigmenwechsel beschrieben. Ein Paradigma ist dabei eine Art und Weise, die Welt zu sehen. In der wissenschaftlichen Revolution verändert sich also die Art und Weise, wie die Wissenschaftler die Welt sehen, denn es ändern sich die Bedeutungen der grundlegenden Begriffe. Einen Anlaß für eine solche Revolution ergibt eine Entdeckung jedoch nur dann, wenn sie mit einem alternativen Paradigma verbunden ist und dadurch eine Krise hervorruft. Da wir keinen unvermittelten Zugang zur Wirklichkeit an sich haben, ist es logisch, daß "ein Paradigma ablehnen, ohne gleichzeitig ein anderes an seine Stelle zu setzen, heißt, die Wissenschaft selbst abzulehnen" (S. 112).
Da es zweifelhaft erscheint, daß ein Paradigma, d. h. eine Sicht der Welt durch eine Wissenschaftsdisziplin oder auch durch die Wissenschaft als Gesamtinstitution etabliert wird, legt es der Begriff des Paradigma und die Rolle desselben nahe, daß der Begriff der wissenschaftlichen Revolution in einem weiteren sozial- und kulturhistorischen Horizont verankert wird. Kuhn nimmt diesbezüglich eine Analogisierung zwischen wissenschaftlichen und politischen Revolutionen vor, die es wert wäre, vertieft zu werden. Aber er geht auf die Frage des Hintergrundes von Revolutionen nur in wenigen Sätzen ein. Er schreibt beispielsweise: "Man braucht nur an Kopernikus und an den Kalender zu denken, um zu erkennen, daß äußere Voraussetzungen dazu beitragen können, eine bloße Anomalie in die Ursache für eine akute Krise zu verwandeln" (S. 13). Dazu gibt Wolfgang Krohn (Krohn 1988, 6 ff.) folgende Erläuterung: "Kopernikus war sich zwar der Reichweite seiner Innovation wohl bewußt. Zwischen 1510 und 1514 verfaßte er einen Vorbericht seines Systems, den sogenannten Commentariolus, in dem es lapidar heißt: Der Mittelpunkt der Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Er veröffentlichte den Bericht jedoch nicht, ließ ihn aber in Handschriften kursieren. Eine solche erreichte 1533 Papst Clemens VII, der den Inhalt durchaus wohlwollend aufnahm. Auch die Veröffentlichung des Hauptwerkes 1543, ein Jahr nach Kopernikus' Tod, verursachte keine politisch-religiösen Turbulenzen, zumal Andreas Osiander es mit einem Vorwort versah, das den hypothetischen Charakter der neuen Weltsicht herausstellte. Eine Revolution jedenfalls fand in der Wahrnehmung der Zeitgenossen nicht statt. Und es ist auf diesem Hintergrund schwer vorstellbar, daß für verwandte Gedanken Giordano Bruno über ein halbes Jahrhundert später, 1600, den Scheiterhaufen besteigen und Galileo Galilei ihnen öffentlich abschwören mußte". Geistige Revolutionen, so schlußfolgert Krohn, "finden nur statt, wenn in der Kultur und in der Politik einer Gesellschaft eine Gegnerschaft gegen die neuen Gedanken aufgebaut ist, ... Nicht der Neuerer erzeugt die Revolution, sondern seine Gegner". Das heißt aber, daß die Bedeutsamkeit einer wissenschaftlichen Entdeckung oder einer begrifflichen Innovation von sozialen Entwicklungen abhängt.
Es kann gesagt werden, daß Kuhns im Wesentlichen phänomenologische Sicht der Revolutionen und seine Betonung der Diskontinuitäten, in der Wissenschaftsentwicklung mit seiner instrumentellen Auffassung wissenschaftlicher Begriffe und wissenschaftlichen Wissens zusammenhängt. Nun gibt in diesem Zusammenhang die Mathematik ein Rätsel auf, insofern sie einerseits ein vollkommen operatives Bedeutungsverständnis hat und andererseits das Paradebeispiel einer kumulativ und kontinuierlich fortschreitenden Wissenschaft zu sein scheint. Kants Antwort auf dieses Rätsel besteht darin zu betonen, daß die Mathematik intuitives, nicht diskursives Wissen repräsentiert und nicht auf Begriffen, sondern auf Konstruktionen beruht. Konstruktionen arbeiten mit Objekten, wie dem berühmten Cartesischen "x" durch welches Unbekanntes in die Tätigkeit eingeführt wird, nicht mit Bedeutungen. Daher gibt es keinen Bedeutungswandel und somit keine Revolution.
Man gebe, schreibt Kant, "einem Philosophen den Begriff eines Triangels, und lasse ihn nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner Winkel zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff von einer Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und an ihn den Begriff von ebenso vielen Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe nachdenken, solange er will, er wird nichts Neues herausbringen. Er kann den Begriff der geraden Linie oder eines Winkels oder der Zahl 3 zergliedern und deutlich machen, aber nicht auf andere Eigenschaften kommen, die in diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein der Geometer nehme diese Frage vor. Er fängt sofort an, an einem Triangel zu konstruieren ..." (B 744) usw. usf.
"Die philosophische Erkenntnis ist die Vernunfterkenntnis aus Begriffen", schreibt Kant, "die mathematische aus der Konstruktion der Begriffe. Einen Begriff aber konstruieren heißt: die ihm korrespondierende Anschauung a priori darstellen" (B 742). Daraus folgt insbesondere, daß in der mathematischen Erkenntnis das Allgemeine nur im Besonderen betrachtet wird.
Hegel hat dies als einen Mangel der Mathematik angesehen. Zwar, so sagt er, würde derjenige nicht "für einen Geometer gehalten werden, der die Theoreme Euklids auswendig wüßte, ohne ihre Beweise ... inwendig zu wissen. ... Die Wesentlichkeit des Beweises hat jedoch auch beim mathematischen Erkennen noch nicht die Bedeutung und Natur, Moment des Resultates selbst zu sein, sondern in diesem ist er vielmehr vorbei und verschwunden. Als Resultat ist zwar das Theorem ein als wahr Eingesehenes. Aber dieser hinzugekommene Zustand betrifft nicht seinen Inhalt, sondern nur das Verhältnis zum Subjekt; die Bewegung des mathematischen Beweises gehört nicht dem an, was Gegenstand ist, sondern ist ein der Sache äußerliches Tun. So zerlegt sich die Natur des rechtwinkligen Dreiecks nicht selbst so, wie es in der Konstruktion dargestellt wird, die für den Beweis des Satzes' von Pythagoras nötig ist" (Hegel, Phänomenologie des Geistes, Vorrede, S. 35).
Tatsächlich heißt "verstehen" auch, Begriffe zu bilden, und intuitiver und diskursiver Erkenntnisaspekt sind nicht dichotomisch einander entgegenzusetzen bzw. total voneinander zu separieren. Genau dieses Problem hat viele nach-Kantischen Philosophien der Mathematik bewegt (z.B. Grassmann, Peirce; vgl. auch Goodman 1983). Damit stellt sich dann das Verhältnis von begrifflichen und konstruktiven Aktivitäten und die Beziehung zwischen dem Allgemeinen und Notwendigen einerseits und dem Besonderen und Zufälligen andererseits als ein epistemologisches Grundproblem ein, welches sich in seiner Virulenz mit der fortschreitenden Verwissenschaftlichung der Gesellschaft noch steigert.
Wenn man im Sinne von Kuhn von einer instrumentalistischen Auffassung der Erkenntnis ausgeht, dann stellt sich die Frage, wie sich Operationen der Erkenntnisaktivität aneinander anschließen lassen und wie sich aus einzelnen Aktivitäten ein System formt. Hier tritt nun dieses Paradox, das in der logischen Typentheorie wiedergegeben wird und das durch die doppelte, in sich widersprüchliche These, "die Wirklichkeit ist die Beschreibung" versus "die Wirklichkeit ist prinzipiell von der Beschreibung zu unterscheiden", ausgedrückt werden kann, in der folgenden Weise zu Tage. Die Operationen brauchen sich nicht aneinander schließen, denn das System der Vernetzung ist bereits vorhanden. Erkenntnis ist eine Tätigkeit. Es gibt kein Wissen, getrennt von seiner Anwendung, und wir handeln aus einer bestimmten Sicht der Dinge heraus, aus einem bestimmten Habitus, aus einer Disposition heraus. Wir agieren in einem Kontext, der in gewissem Sinne allgemein sein muß, soweit eben das Paradigma reicht, sonst gibt es keine "normale Wissenschaft". Aber diese Sicht der Dinge, dieses Paradigma haben wir, wie gesagt, nicht unabhängig von tätiger Anwendung, gewissermaßem als Bedeutung im Kopf, und es formt sich auch nur in der Tätigkeit, in einer Tätigkeit, die den sozialen Kontext der Kommunikation einschließt. Ich werde mir meiner selbst nur dann gewärtig, wenn ich mit anderen Menschen interagiere. Dabei geht es bei dem Begriff "Kommunikation" hier zunächst gar nicht um Kommunizieren im Sinne von lnformationsübermittlung oder Mitteilung. Und dies aus zwei Gründen. Zum einen sind Bewußtsein und Kommunikation jeweils Äußeres oder Kontext füreinander (obwohl man das Wort "Kontext" nicht so leichtfertig benutzen sollte), da ich keine Möglichkeit habe, in das Bewußtsein des anderen direkt einzugreifen, da es gewissermaßen keinen "Nürnberger Trichter" gibt. Umgekehrt ist Kommunikation nur im sozialen System und nicht als Teil des Bewußtseins denkbar. "Selbst der strukturelle Operationszusammenhang von Bewußtsein und Kommunikation ist nur eine von Moment zu Moment variable Kopplung, die die Freiheit der Systeme (d. h. Bewußtsein und Gesellschaft (meine Einfügung M. 0.)) zur Eigenbewegung mit dem Ablauf jedes Einzelereignisses immer wieder erneuert" (Luhmann 1990, 31). Zweitens ist jedoch Kommunikation weder bloße Wahrnehmung (vgl. Luhmann a.a.O., 21) noch bloße Informationsübertragung - eine Informationsübertragung wird zur Kommunikation erst durch Meta-Kommunikation (vgl. Otte 1994, 21 f.).
Das heißt, anders als in der soziologischen Wissenschaftsforschung, etwa bei Luhmann, könnte man Kommunikation (+ Meta-Kommunikation) als Komplementarität von Wahrnehmung (+ Reflexion) und Informationsübertragung sehen. In der Mathematik fällt dies in der berühmten Dichotomie zwischen Intuition und Logik scheinbar immer auseinander, obwohl wesentliche Grundbestandteile mathematischer Erkenntnis, z.B. der mathematische Beweis, auf diese Komplementarität angewiesen sind (vgl. Otte 1994, 23). Deswegen haben etwa die Mathematiker Schwierigkeiten, bloße Computerbeweise, wie den Beweis des Vierfarbensatzes durch Appel und Haken, zu akzeptieren (vgl. Davis & Hersh 1981, 384). Der Gedanke ist ein Zeichen, aber um seine Bedeutung zu sehen, um zu wissen, um welchen Gedanken es sich handelt, können wir nur ein neues Zeichen einführen. Wir können Gedanken vollziehen, jedoch ihren Inhalt nicht unmittelbar erleben. Daher ist uns nicht einmal unser Bewußtseinsinhalt unvermittelt zugänglich. Und weder der Theorienvergleich noch die Verifikation oder Falsifikation von Theorien ist anders denn als Zeichenprozeß denkbar. Ist es beispielsweise widersprüchlich, von einem Berg von weniger als 60 Metern zu sprechen? Das hängt von den getroffenen Festlegungen ab. Jedermann kann sich selbst festlegen und sehen, was daraus folgt. Derartige Überlegungen werden spätestens dann relevant, wenn die Wissenschaften überall auftreten, ohne daß dem 'Menschen auf der Straße' dadurch grundlegende Entscheidungen abgenommen werden. Das Gedankenexperiment von Laplace' "Dämon" diskreditiert die aufklärerische Version von Wissenschaft, welche Bewußtsein und Tätigkeit einander entgegensetzt (Otte 1994, 262-265). Es ist immer nur der Kontext, der sich entwickelt. Bateson gibt eine Illustration: "Es gilt zu sehen", meint er, "that the evolution of the horse from eohippus was not a one-sided, adjustment to life on grassy plains. Surely the grassy plains themselves were evolved pari passu with the evolution of the teeths and hooves of the horses and other ungulates. Turf was the evolving response of the vegetation to the evolution of the horse. lt is the context which evolves"(Bateson 1972, 128).
Eine Illustration für diesen Gedanken Batesons ergab sich kürzlich bei der Erforschung der Malaria. Auch Mensch und Malariaerreger leben seit Äonen miteinander, so daß auch der Malariaerreger immer wieder Antworten auf die Aktionen des menschlichen Immunsystems gefunden hat. Teile seiner Oberflächenproteine, so scheint es (vgl. Der Spiegel vom 31.10.1994), ähneln Teilen von menschlichen Eiweißen so sehr, daß das Immunsystem sie nicht mehr als fremd erkennt und eine Abwehr daher ausbleibt. Die Mikrobiologen, die nun mit Hilfe ihrer sehr effektiven gentechnischen Verfahren Impfstoffe konstruiert haben, die den Malariaerreger aufs Haar gleichen, importieren natürlich auch die Tarnung des Malariaerregers, die sie ja nicht kennen mit dieser genauen Replik desselben, und ihre Impfstoffe sind daher unwirksam. Erst der kolumbianische Immunforscher M. E. Patarroyo hat, indem er sich, statt auf die Gene, auf die Eiweißstrukturen konzentriert hat, den ersten wirksamen Impfstoff gegen die "Königin der Tropenkrankheiten" kürzlich hergestellt. (Wir werden noch einmal auf den Gegensatz zwischen Entwicklungsbiologie und Molekularbiologie im II. Teil zu sprechen kommen.)
Einen Konzentrationspunkt der erkenntnistheoretisch-philosophischen Diskussionen bildete in den letzten Jahren die Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Können Computer denken, so fragte man. Alle diese Diskussionen um derartige Fragen kranken in der Regel daran, daß sie von vornherein unter der Voraussetzung eines potentiell unendlichen menschlichen Bewußtseins und aus der Sicht einer beinahe unbegrenzten menschlichen Reflexionsfähigkeit geführt werden, gleichgültig, ob sie zu dem Schluß kommen, daß wir einmal menschliches Denken auf der Maschine werden simulieren können oder nicht (vgl. auch Otte 1994, 223). Als Kuhn im Jahre 1962 seinen Essay 'Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" veröffentlichte, hatte dies einen großen Einfluß nicht nur auf die Wissenschaftstheorie und die Wissenschaftsgeschichtsschreibung, sondern auch auf die neue, sich im Gefolge des Sputnik-Schocks formierende Bildungspolitik, Didaktik und Kognitionstheorie in den westlichen Ländern. Es ist kein Zufall, daß die Veröffentlichung von Kuhns Buch zusammenfällt etwa mit der Publikation wichtiger Werke des einflußreichen Harvard-Psychologen Jerome Bruner, wie "The Process of Education" (1963), oder "On Knowing" (1962), oder Werken wie 'The Structure of Knowiedge and the Curriculum" von G. W. Fort und L. Pugno (1964).
In Europa folgte diese Entwicklung mit einer gewissen Verzögerung von 5-10 Jahren. Vor Zwanzig Jahren hatten beispielsweise eine Reihe von Leuten, unter anderem ich selbst, versucht, im Rahmen der durch den Sputnik- Schock eröffneten Möglichkeiten Fachdidaktik im Bewußtsein dieser Entwicklungen neu zu konzipieren (vgl. Otte 1974). Diese Versuche wurden unmittelbar von Überlegungen C. W. Churchman's, einem führenden Vertreter der neu entstandenen Systemanalyse beeinflußt (vgl. Churchman 1968). Und die ersten an unserem Institut angeregten Dissertationen versuchten Ergebnisse und Sichtweisen von Kuhn's Essay auf die Mathematik zu übertragen (vgl. z.B. Jahnke 1978).
Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang eine zweite Gruppe von Werken, die sich explizit mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft und mit den Implikationen der gesellschaftlichen lndienstnahme der Wissenschaften für deren Selbstverständnis auseinandersetzen. Stellvertretend für viele seien hier, neben den Arbeiten des bereits erwähnten C.W. Churchman, weiter der von W. G. Bennis, K. D. Benne und R. Chin 1961 herausgegebene Band "The Planning of Change", die Übersichtsstudie von R. G. Havelock "Planning for Innovation through Dissemination and Utilization of Knowledge" (1969) genannt. Für eine weitere, dritte Gruppe von Werken stehen Titel wie "Little Science, Big Science" (1963) von Solla Price oder A. Weinbergs "Reflections on Big Science" (1967) (Weinberg war mehr als 20 Jahre lang Direktor des Kernforschungszentrums Oak Ridge) und Simon's "The Sciences of the Artificial" (1968).
Einen Zusammenhang zwischen Publikationen von derart unterschiedlichem Zuschnitt zu sehen läuft darauf hinaus, in Kuhns Werk und in der von seinem Autor propagierten neuen Auffassung von Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte den Reflex der Erfahrung zu sehen, daß der Zweite Weltkrieg grundlegende Veränderungen in der Wissenschaft und im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft hervorgebracht hat. Kuhns Werk ist keine Diagnose und kein Versuch einer Lösung anstehender Probleme wissenschaftsphilosophischer, soziologischer und psychologischer Art, sondern eher ein Kristallisationspunkt für verschiedene Strömungen und Probleme. Und so wie die didaktische Reformbewegung der sogenannten "neuen Mathematik" von den Zeitgenossen anders bewertet worden ist als sie heute bewertet wird, ist auch Kuhns Buch vor 30 Jahren anders gelesen und interpretiert worden als man es heute zu sehen hätte.
Damals ist es als die antipositivistische Wende in der Wissenschaftsphilosophie begrüßt worden, heute bringt es eher die Tatsache zum Ausdruck, daß die Wissenschaft zu einer Profession unter anderen geworden ist, und Kuhn versteht sie als eine Tätigkeitsart beruflicher Gemeinschaften. Wenn sich Kuhn bei der Beschreibung des Prozesses dieser Tätigkeit bewußt auf die phänomenologische Betrachtungsweise beschränkt, und nicht nach den Motiven und Triebkräften für Veränderung und Revolution fragt, dann akzeptiert er, daß das diskontinuierliche Moment, die Revolutionen und die Inkommensurabilität -unterschiedlicher Paradigmen aus der Sozialgeschichte wie aus einem dunklen Abgrund unvermittelt hervorbrechen. Kuhn akzeptiert das in dem Versuch, die Vorstellung zurückzuweisen, "daß der Wechsel der Paradigmen die Wissenschaftler näher und näher an die Wahrheit heranführt" (S. 232), obwohl die Problemlösungsfähigkeit sukzessiver Theorien wächst. Da es keine Möglichkeit gibt, über die Realität in theoriefreier Weise zu sprechen, kann vom Fortschritt der Wissenschaft nur als eine Verbesserung des wissenschaftlichen Wissens in einem instrumentellen Sinn gesprochen werden, meint er.
Diese Haltung entspricht tatsächlich der neuen Rolle der Wissenschaft und deren Widersprüchlichkeiten. Einerseits durchdringen Wissenschaft und Technik zunehmend alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Tätigkeiten. Zum anderen verliert sich mit diesem Ausbreitungsprozeß die Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnis in einem absoluten Sinne als eine besondere Form menschlichen Bewußtseins zu definieren, um sie von den alltäglichen kognitiven und praktischen Tätigkeiten der Menschen zu unterscheiden. Einerseits wird es nötig, die für die Erhaltung des gesellschaftlichen Lebensprozesses erforderlichen Erkenntnisse auf eine hoch spezialisierte professionelle Weise hervorzubringen, weil sie in den spontanen Erkenntnisakten der Menschen nicht gewonnen werden könnten. Andererseits wird es zunehmend unmöglich, Wissenschaft in Begriffen zu definieren, die aufgrund einer idealtypischen Rekonstruktion der spezialisierten Forschungstätigkeit gewonnen werden, nach dem Motto: Mathematik ist was die Mathematiker betreiben.
Einerseits wird die Wissenschaft immer abstrakter und für den Laien im einzelnen weniger zugänglich. Auf der anderen Seite verliert die Wissenschaft durchaus nicht ihre weltanschauliche Funktion in der Gesellschaft, da sie dieselbe schließlich permanent verändert. An der Nahtstelle zum gesellschaftlichen Umfeld wird die Wissenschaft notwendigerweise "philosophisch", ohne daß sie darauf vorbereitet wäre, diese Tatsache mit ihren alltäglichen professionellen Aktivitäten zu verbinden und den Außenstehenden entsprechende epistemologische Hinweise zu geben. Wenn wir die Begriffe "normale Wissenschaft" und "Revolution" zusammennehmen, dann ergibt sich nämlich das folgende Paradox: Auf der einen Seite haben die Dinge für uns nur dann einen Sinn, wenn sie dargestellt worden sind oder, wenn man so will, interpretiert und mit Bedeutung versehen worden sind, wenn die Wissenschaft sie erfaßt hat. In diesem Sinne gilt die Identifizierung von Wissenschaft und Wirklichkeit, die die "normale Wissenschaft" vornimmt.
Auf der anderen Seite ist grundsätzlich die Theorie von der Realität zu unterscheiden, und das impliziert auch, daß alles, was irgendwie dargestellt wird, auch anders dargestellt werden kann. Die Realität besteht gewissermaßen darin, daß. sie nicht fixierbar ist. Das Reale ist das Unbestimmte. Wenn immer wieder die Mathematik als die "Wissenschaft vom Unendlichen' (Weyl 1966, 89) apostrophiert wird, dann muß man auch hier feststellen, daß es eigentlich nicht um Unendliches, sondern um Unbestimmtes geht - was schon daraus zu ersehen ist, daß gemeinhin der Computer als Gegenpol zu einer Wissenschaft des Unendlichen auftritt. Diese Interpretation des Unendlichen macht eine Parallelität zwischen der Problematik der Naturgesetze und der mathematischen Axiome plausibel, und sie stützt die These, daß die Grundlagendiskussion der Mathematik nicht absolut von der Frage der Genesis und der Anwendung mathematischen Wissens getrennt werden kann.
Nun führt die Entwicklung auch zu Klagen über Orientierungslosigkeit, über Pluralismus und Relativismus der Wissenschaften, über die Instrumentalisierung der Wirklichkeit, über die bloß technische Rationalität und über die zunehmende Distanz zwischen wissenschaftlich begründeter Technologie und menschlicher Erfahrung u.ä. In dem Sinn kann man auch nicht von einer grundsätzlich antipositivistischen Wende, die durch das Werk Kuhns eingeleitet worden sei, sprechen, sondern in allen Bereichen der Wissenschaftsdidaktik, der Wissenschaftsphilosophie und der Geschichtsschreibung begegnen uns nun durchaus gegensätzliche Auffassungen, deren extreme Ausformulierung im Technokratismus einerseits und im radikalen Kulturpessimismus andererseits zu sehen sind. Aber auch hier handelt es sich eigentlich um die zwei Seiten einer Münze. Wo liegt, so wäre nun zu fragen, denn die Alternative zu dieser Münze mit ihren nur scheinbar gegensätzlichen Seiten? Es scheint so, daß erst in der sozialen Verflechtung die erkenntnistheoretischen Aspekte von Wissenschaft sichtbar werden. Es ist das Verhältnis des Einzelnen zur Wissenschaft nicht nur technisch zu bestimmen. Jedermann muß seine Erfahrung explizieren und einbringen.
Wenn wir in rigoroser Spezialisierung alle Probleme unter technischen Aspekten zu behandeln trachten, dann gerät uns notwendigerweise jeder entferntere Zusammenhang aus dem Blick, und wir sehen uns plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt, zusätzlich zu unserer Technik eine Ethik erfinden zu müssen, die uns platterweise sagt, der Mensch dürfe nicht alles das tun, was er tun könne. Eine derartige moralisierende abstrakte Denkweise ließe sich vermeiden, würden wissenschaftlichen Aktivitäten Überlegungen zu ihren erkenntnistheoretischen Aspekten und Implikationen an die Seite gestellt. Dadurch würde man auf die Kontextualität allen Denkens gestoßen und daraus wiederum ergäbe sich konkrete Kritik. Das erkenntnistheoretische Denken verweist uns stets auf Kontexte, und es bestimmt sich jeweils aus der Art und Weise, wie es den notwendigen Zusammenhang unseres Denkens zu konzipieren sucht. (ist es Gott, die Natur, die Sprache, das Subjekt oder wer auch immer, der archimedische Punkt des Zusammenhangs? Genau in dieser Entscheidung differieren und unterscheiden sich die einzelnen Erkenntnistheorien.
Die Wissenschaftsforschung und auch die vorherrschende Meinung betonen in der Regel ganz andere Aspekte. Die Wissenschaft ist zweifellos ein Produkt gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Spezialisierung, und die radikale Forschungsorientierung der Wissenschaft zuungunsten anderer ihrer Funktionen setzt die radikale Ausdifferenzierung "eines Funktionssystems für Erkenntnisgewinn voraus, das sich an seiner Funktion legitimieren kann. Die Wissenschaft entzieht sich allmählich der sozialen Kontrolle", wie Luhmann schreibt (Luhmann 1990, 341). Das Risiko der Ausdifferenzierung eines besonderen Funktionssystems Wissenschaft, meint Luhmann, liegt in dem damit verbundenen Redundanzverzicht. "Die Funktionen werden, wenn ausdifferenziert, nur einmal abgesichert. Sie können nur in dem dafür eingerichteten System und nirgendwo sonst erfüllt werden. Man kann nicht, wo die Wissenschaft versagt, statt dessen auf Politik oder auf Religion oder auf Familienleben oder Erziehung ausweichen, denn auch diese Systeme sind funktional ausdifferenziert und nur für ihre eigene Funktion kompetent. So bleibt die Gesellschaft der Eigendynamik ihrer Funktionssysteme ausgeliefert und findet nirgendwo in sich selbst einen Gegenhalt oder einen Ausgleichsmechanismus" (Luhmann 1990, 342).
Ein Ergebnis dieses Redundanzverzichtes besteht darin, daß nur die Wissenschaft weiß, wie die Welt beschaffen ist und von daher die Wissenschaftler beanspruchen, nicht nur die Quelle der Lösung dringender gesellschaftlicher Probleme zu sein, sondern die Wissenschaftler besitzen auch das Primat der Definition dieser Probleme. "Der Besitz dieser Definitionsgewalt und die Legitimation der Ausübung dieser Gewalt durch die Reinheit ihres Ursprungs in der Erkenntnis bildete den ersten Höhepunkt der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft", schreibt Wolfgang Krohn (Krohn 1988, 178). Krohn betrachtet den Zusammenhang von hypothetischer Rationalität der Wissenschaft nach innen und ihrem apodiktischem Auftreten nach außen als grundlegend für jede Strategie der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft.
Aber dies ist nur die eine Seite der Medaille. Die Einflußnahme der Wissenschaft, das, was hier ihre Definitionsgewalt genannt wird, kann sich wiederum nur im Rahmen einer komplexen, durch den Begriff der Komplementarität gekennzeichneten Kommunikation, d.h. einer Kommunikation als Komplementarität von Anschauung und Information, durchsetzen. Anders ausgedrückt: Die Wissenschaftler operieren selbst in einem Kontext, und sie können die Stabilität ihrer Ansichten nicht aus dem Informationszusammenhang ihrer professionellen Tätigkeit allein gewinnen. - Die operative Seite der Erkenntnis dominiert in der Wissenschaft dermaßen, daß ein Wissenschaftler noch lange kein Philosoph seiner Wissenschaft zu sein braucht und Wissenschaftler, wie Kuhn bemerkt, "nur wenig besser als Laien sind, wenn es um die Charakterisierung der etablierten Grundlagen ihres Gebiets geht" (73). Solange "die Paradigmen gesichert bleiben, können sie ohne den Versuch einer Rationalisierung überhaupt funktionieren' (S. 75). Thomas Kuhn weist im Vorwort seines Buches auf die, wie er sie nennt, fast unbekannte Monographie Ludwik Flecks aus dem Jahre 1935 mit dem Titel "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" hin, die, wie er sagt, "viele meiner eigenen Gedanken vorweg nimmt". Fleck hat nun in seinem Buch aufgezeigt, daß die Wissenschaft ihre erkenntnistheoretische Bedeutung erst mit zunehmend sich ausbreitendem Kommunikationszusammenhang gewinnt und daß diese Ausbreitung über den Expertenbereich hinausgehen muß. "Gewißheit, Einfachheit, Anschaulichkeit entstehen erst im populären Wissen; den Glauben an sie als Ideal des Wissens holt sich der Fachmann von dort. Darin liegt die allgemeine erkenntnistheoretische Bedeutung populärer Wissenschaft' und des Alltagswissens, wie man hinzufügen könnte (Fleck 1980, 152). Dies ergibt einen Widerspruch zu den Thesen Luhmanns.
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Die "normale Wissenschaft", bzw. der damit verbundene Positivismus, ist die Voraussetzung für eine durchgreifende Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und für das Eindringen wissenschaftlicher Verfahren und Argumentationen in die verschiedensten Institutionen der Gesellschaft, wie Gesundheitsämter, Politikberatung, Bildungssysteme, Technikfolgenabschätzung usw., usf. Damit die Wissenschaft alles durchdringt, ist es notwendig, daß die Wissenschaft mit der Wirklichkeit im Prinzip übereinstimmt, und daß die Akteure aufgrund ihrer Wissenschaftsorientierung wissen, wie die Welt aussieht. Bei umfassenden sozialen lmplementationen wissenschaftlich-technischer Art muß unterstellt werden, daß die Wirklichkeit so ist, wie die Wissenschaftler und Techniker sie beschreiben. Dies widerspricht aber natürlich auf der anderen Seite dem hypothetischen Charakter allen wissenschaftlichen Wissens, der Abhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis von Experimenten und dem Erfordernis, nicht nur die Leistungen, sondern ebenso die Grenzen wissenschaftlicher Aussagen und Modelle zu berücksichtigen.
Kehren wir zum Entstehungszusammenhang von Kuhns Werk zurück. Sehr informativ ist dafür die Tatsache, daß Thomas Kuhn sein Buch James B. Conant (1893-1979) gewidmet hat, der sein Lehrer gewesen ist, und der, wie Kuhn in seiner Widmung schreibt, "den Anstoß gegeben" hatte. Conant, Chemiker, Wissenschaftshistoriker und 20 Jahre lang Präsident der Harvard-University, verkörperte durch seine Tätigkeit - er war u.a. Mitglied der Atomenergiekommission der USA, Beauftragter des Präsidenten für Fragen der Bildungsreform sowie seit 1953 alliierter Hochkommissar und später amerikanischer Botschafter in Deutschland - wie auch durch seine Publikationen die Verflechtung der oben genannten Bereiche sehr deutlich (vgl. Literaturverzeichnis).
Bei Conant finden sich nicht nur viele Begriffe Kuhns vorgeprägt - statt von durch Paradigmen geleiteter Forschung spricht Conant von "conceptual schemes", die die wissenschaftliche Tätigkeit orientieren, oder Conant spricht, wie Kuhn, davon, daß es vor allem die Lehrbücher sind, die ein dogmatisches kumulatives Bild von Wissenschaft verbreitet haben (Conant 1951, 25). Er berichtet, daß er später sogar gegen den Dogmatismus seiner eigenen Chemie-Lehrbücher zu kämpfen gehabt habe. Conant vertritt auch die übliche operativ-instrumentelle Auffassung von Wissenschaft, die Kuhn so ausbauen sollte, etwa wenn er schreibt, "science is not a quest for certainty; it is rather a quest which is successful only to the degree that it is continuous" (Conant 1951, 26). Das heißt, wissenschaftliche Aktivitäten und wissenschaftliche Resultate haben nur einen Zweck, insofern sie in weiteren Aktivitäten, deren Objekt sie sind, fortgesetzt werden und Anlaß zu weiteren Resultaten und Aktivitäten geben. Wissenschaft ist ein rekursiver Prozeß.
Conant hat anders als Kuhn die Verwandlung dessen, was Wissenschaft ist, direkt historisch verankert. Er war selbst in das Atombombenprojekt involviert, und er beschreibt den Wechsel, der sich im Wissenschaftsbegriff während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst allmählich vollzogen hatte, bis er schließlich während des Zweiten Weltkrieges grundsätzliche Dimensionen annahm, an zwei Beispielen, nämlich einmal anhand von Einsteins Relativitätstheorie und deren Folgen und zweitens anhand der Diskussion der Komplementarität von Welle und Korpuskel im Bereich der Theorie des Lichts und der Strahlung. Diese Erfahrungen, so schreibt er, haben es schwierig gemacht, Wissenschaft heute in den Begriffen zu definieren, die vor 50 Jahren allgemein üblich waren (Conant 1951, 30). "Among scientists the idea of converting matter into energy evolved only slowly during the first quarter of the twentieth century", meint Conant (a.a.O., 58). Erst als 1932 Chadwick das Neutron entdeckt hatte, änderte sich die Einstellung der Wissenschaftler, und es bleibt, wie Conant schreibt, die wichtigste Veränderung in der Wissenschaftsszene während der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, daß allmählich die Verwandlung von Materie und Energie ineinander akzeptiert worden ist (a.a.O., 64). Genauso wie umgekehrt die größte Entdeckung der Industriellen Revolution die Trennung dieser beiden Entitäten gewesen war, die die ältere Theorie, derzufolge Wärme eine Art Materie sein sollte, und der noch Sadi Carnot in seiner Arbeit von 1824 angehangen hatte, abgelöst hatte.
In der Regel spricht man von den durch den Computer eingeleiteten Veränderungen als von der zweiten wissenschaftlichen Revolution. Aber wie es in einer Biographie von John von Neumann (Aspray 1990, 25 f.) heißt: "World war II was a turning point in the development of computing technology." In allen wissenschaftlichen Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges war der Einfluß von John von Neumann sehr groß. Er brachte die Spieltheorie in die Operations Research ein. Das Buch von Morgenstern und von Neumann, "The Theory of Games and Economic Behavior" wurde im Januar 1943 fertiggestellt. Und der Computer, so sagt man, ist dreimal erfunden worden; in Deutschland im Zusammenhang mit dem Flugzeugbau, in den Vereinigten Staaten von Amerika, um Tabellen für die Artillerie zu berechnen und in England, um den deutschen Geheimcode zu brechen (Crevier 1993, 12). Das wichtigste Ereignis in der Entwicklung der zweiten wissenschaftlichen Revolution war also offenbar der Zweite Weltkrieg.
Im Zweiten Weltkrieg kam es zu einer massenhaften Mobilisierung des organisierten Wissens im Interesse nationaler Ziele, und dabei haben, wie man zu sagen pflegt, die Naturwissenschaften, insbesondere die Physik, ihre Unschuld verloren. Im Februar 1948 veröffentlichte Time Magazine ein Interview mit Robert Oppenheimer, das die folgende Aussagen enthielt: "In einem ursprünglichen Sinn, den keine Herabwürdigung, kein Scherz und keine Übertreibung ganz auslöschen können, haben die Physiker die Sünde kennengelernt; und das ist eine Erkenntnis, mit der sie von nun an leben müssen." Diese Worte sind berühmt geworden. Die Physiker hatten, durch den Bau von Radar, Computer und Atombomben etwa, gezeigt, daß die Grundlagenforschung größere Beiträge zur Entwicklung neuer Waffen leisten könnte. Gerade dieses Moment ist - wie der ehemalige Wissenschaftsberater des amerikanischen Präsidenten, Robinson, schreibt (Robinson 1973, 102), - sehr stark in der Überzeugung der amerikanischen Regierung haften geblieben: der Glaube, daß die Grundlagenforschung das beste Trainingsfeld für jegliche wissenschaftliche Aktivität wäre, und daß die Universitäten der beste Ort zum Betreiben von Grundlagenforschung seien. Gleichzeitig ist die Botschaft, die die Indienstnahme der Wissenschaft während des Zweiten Weltkrieges vermittelt, durchaus zweideutig, und in den Nachkriegsjahren kam man allmählich zu der Überzeugung, daß sich in der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft etwas qualitativ ändern müsse. Der Sputnik-Schock von 1957 tat ein übriges in dieser Hinsicht. Ein wesentliches Moment waren dabei, neben dem Bildungsproblem, weitere soziale Anforderungen, die einen viel höheren Grad an Kooperation über wissenschaftliche Disziplingrenzen hinweg erforderlich zu machen schienen. Es wurde notwendig, den Systemzusammenhang zwischen immanenten Faktoren und sozialen Erscheinungen deutlicher herzustellen, ebenso wie den zwischen normativen und Sachgesichtspunkten. Es wurde für alle Wissenschaftler zunehmend wichtig, sich zur Wertproblematik zu verhalten. Es wurde notwendig, das Problem der Expertenrolle neu zu durchdenken. Alle Primärdaten für politische Entscheidungen werden von Experten gestellt, deren Auswahl und Koordinierung Beachtung geschenkt werden muß.
Die andere Seite betrifft die immer engere Verflechtung von Wissenschaft und Technologie. Und diese Notwendigkeit hat die im Zweiten Weltkrieg gemachten Erfahrungen eher noch bestärkt. Technologisches Handeln kann nicht von dem hohen Grad von Unbestimmtheit ausgehen, auf den die Systemanalyse, so wie sie von der 1948 gegründeten Rand Corporation gepflegt worden ist, zu antworten sucht. Derjenige ist ein guter Spezialist für Systemanalyse, der kompromißlos grundlegende Fragen im Zusammenhang mit komplexen und nicht genau bestimmbaren Problemen zu stellen vermag. Derjenige ist ein guter Normalwissenschaftler, der mit großer technischer Virtuosität sehr esoterische und zugespitzte Probleme zu lösen vermag. Die Systemanalyse ist eher eine Philosophie als eine Menge analytisch-technischer Mittel. Die Normalwissenschaft dagegen ist, wie Kuhn sagt, vor allem ein Satz von Werkzeugen.
Bei den neuartigen Entwicklungen während des Zweiten Weltkrieges spielten die Physiker eine überragende Rolle. Diese bedeutsame Rolle der Physiker hat dazu geführt, daß sich die epistemologischen Wandlungen nicht einheitlich vollzogen haben. Den Physikern lag beispielsweise zunächst das probabilistische Element fern, und so haben sie an der Operations Research festgehalten und die Systemanalyse weniger betont. Systemanalyse und Operations Research unterscheiden sich in vieler Hinsicht, z.B. darin, welche Typen von Problemstellungen und Problembeschreibungen sie zugrunde legen. Die Operations Research war während des Zweiten Weltkrieges in England entstanden. Ab 1942 entstanden auch die ersten Arbeitsgruppen in den Vereinigten Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in allen Teilen der amerikanischen Streitkräfte Operations Research-Einheiten. Eine neue Form kooperativer und interdisziplinärer Tätigkeit charakterisierte sie.
Neben der Operations Research entstand die Systemanalyse, die sich mit schlecht definierten Problemen auseinandersetzte und daher weniger technisch, weniger quantifiziert und weniger mathematisch war. Systemanalyse trug auch der Tatsache stärker Rechnung, daß die Leute, die zusammenarbeiten sollten, von sehr unterschiedlichem background und sehr unterschiedlicher Erfahrung waren. Fortun und Schweber, die sich umfassend mit den Einflüssen des Zweiten Weltkrieges auf die Wissenschaft auseinandersetzen, charakterisieren den Unterschied folgendermaßen: "Traditional operations research for the most part addresses problems where the objectives were precisely spelled out, and the existing systems and weapons, i.e. the hardware, were considered fixed and unchangeable. OR was usually concerned with tactical problems and could be stated quantitatively and mathematically, and the aim of the analysis was "to find more efficient ways to operate, in situations where the meaning of 'more efficient' is fairly clear". OR problems usually admitted a unique solution that represented the optimal allocation of the hardware available to the decision maker. Systems analysis, on the other hand, refers to the far more complex problem of choice among alternative future systems, where the degrees of freedom and the uncertainties are large, where the difficulty lies as much in deciding what ought to be done as in how to do it ... The total analysis is thus a complex and untidy procedure, often with little emphasis on mathematical models, with no possibility of quantitative optimization over the whole problem, and with necessary great dependence on considered judgments" (Fortun/Schweber 1994, 334)
Diese Unterschiede markieren ein wesentliches Merkmal der durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten wissenschaftlichen Revolution. Sie bedeuten nämlich, daß die Komplementarität von Vorstellungen der traditionellen Physik und neuartigen, eher kontextuell holistisch und probabilistisch ausgerichteten Wissenschaftsauffassungen in Zukunft eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen wird.
Ich hatte mir das Ziel gesetzt, Kuhn 'Geschichte' zweimal zu erzählen. Die Verbindung von beiden Erzählebenen kann sich nur aus der immanenten Lektüre ergeben und aus der dabei unterstellten Auffassung, daß strukturelle Parallelen zwischen wissenschaftlichen Revolutionen existieren, die sich zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten abgespielt haben, etwa zwischen der durch die Industrielle Revolution ausgelösten wissenschaftlichen Revolution und derjenigen, die sich aus dem Zweiten Weltkrieg ergab. Kuhn selbst ist Wissenschaftshistoriker und er diskutiert dementsprechend auch die Entwicklung und die Form seiner eigenen Auffassungen über Wissenschaft in historischen und nicht in zeitgenössischen Begriffen oder Beispielen. Betrachten wir seine Analyse der Entdeckung des Energieerhaltungssatzes, eines wesentlichen historischen Ergebnisses der Industriellen Revolution. Kuhn spricht darüber nicht nur in seinem Buch "Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen", sondern er hatte bereits 1959 eine relativ bekannte Arbeit diesem Thema gewidmet.
Aus dieser Arbeit wird der komplexe Charakter wissenschaftlicher Revolutionen und ihre Verbindung mit umfassenderen historischen Transformationen deutlich. Sie dient ihm als Beleg dafür, daß wissenschaftliche Entdeckungen nicht dem Vorfinden von fertigen Dingen gleichen. Sie gleichen nicht der Entdeckung Amerikas durch Christopher Columbus (obwohl man andererseits sagen muß, vieles an dieser Entdeckung gleicht durchaus den wissenschaftlichen Entdeckungen, z.B. die Tatsache, daß Christoph Columbus gar nicht das entdeckt hat, was er zu entdecken geglaubt hatte). Kuhn meint, daß das, was sich in den Werken der verschiedenen zwischen 1840 und 1850 mit der Frage beschäftigten Pioniere zeige, "eigentlich gar nicht die gleichzeitige Entdeckung der Energieerhaltung (sei), sondern vielmehr das rasche und oft ungeordnete Auftauchen der experimentellen und theoretischen Bestandteile, aus denen sich kurz darauf die Theorie bilden sollte" (Kuhn 1977, 127). Welches ist der Grund für die Formation der Theorie zu einem geschlossenen Gebilde?
Kuhn macht drei wesentliche Faktoren für diese Entdeckung ausfindig, die alle natürlich in inhaltlich modifizierter Form auch für die durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen wissenschaftlichen Revolution bedeutsam gewesen sind. Kuhn schreibt: "Ich nenne sie die Verfügbarkeit von Umwandlungsvorgängen, die Beschäftigung mit Maschinen und die Naturphilosophie" (a.a.O., 128). Den ersten Faktor illustriert er durch ein Zitat aus einer 1834 erschienenen Schrift von M. Sommerville, in deren Vorwort es heißt: "An dem Fortschritt der modernen Naturwissenschaft, besonders in den letzten fünf Jahren, ist die Tendenz bemerkenswert, getrennte Zweige der Wissenschaft zu verbinden, so daß heute die Zusammenhänge so eng sind, daß man kein Gebiet ohne Kenntnis der anderen beherrschen kann" (Kuhn 1977, 129). In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, daß Scharlau die These vertreten hat (vgl. Scharlau 1981), daß die Entstehung der reinen Mathematik sich genau einer derartigen Wechselwirkung verdankt, der Tatsache nämlich, daß die Mathematiker plötzlich Probleme auf neue Weise behandeln konnten, indem sie sie mit anderen Zweigen der Mathematik, die scheinbar nichts mit ihnen zu tun haben, in Wechselwirkung brachten. Man kann also sagen, die Verselbständigung der theoretischen Wissenschaften als geschlossener gesellschaftlicher Teilsysteme hängt u.a. von ihrer inneren Komplexität und Vielfältigkeit ab (Stichweh 1984).
Dem zweiten Faktor, d.h. der Beschäftigung mit Maschinen als Nebenwirkung der Industriellen Revolution, widmet Kuhn den größten Teil seiner Arbeit, und er glaubt, daß der Begriff der Arbeit "der entscheidendste Beitrag zum Energieerhaltungssatz war, der aus der Beschäftigung mit Maschinen im 19. Jahrhundert floß" (a.a.O., 141). Oft waren diese Beschäftigungen aber, obwohl sie im Umkreis des Nachdenkens über die Unmöglichkeit eines Perpetuum mobile entstanden sind, in ihren Grundvorstellungen mit der Energieerhaltung unvereinbar. Dies gilt auch für Sadi Carnots berühmten Essay "Reflexions sur la puissance motrice du feu" (vgl. Kuhn 1977, 142). Der nächste große Schritt bedeutete Einsteins Entdeckung der Umwandlung von Energie in Materie und vice versa, die während des Zweiten Weltkrieges zum Bau der Atombombe geführt hat.
Dem dritten Punkt widmet Kuhn nur wenige Seiten, aber er betont, daß für Robert Mayer oder für Helmholtz und Liebig "der Gedanke einer unvergänglichen metaphysischen Grundkraft der empirischen Forschung voranzugehen (scheint) ... Grob gesprochen, scheinen diese Pioniere eine Idee, die zu der der Energieerhaltung werden konnte, schon einige Zeit gehabt zu haben, ehe sie empirische Belege dafür fanden" (S. 144). Mit anderen Worten: Die durch die "romantische Naturphilosophie" eingeleitete antimechanistische neue Art der Weltsicht hat diese Forscher entscheidend beeinflußt, auch dort, wo sie, wie im Falle von Liebig, in ihren späteren Lebensjahren die "romantische Naturphilosophie" als wissenschaftsfeindlich und mit dem positiven Geist der Forschung unvereinbar kritisiert haben. Es sei daran erinnert, daß die "romantische Naturphilosophie" insbesondere durch die Schriften Schellings, die dieser um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert als junger Mann publiziert hat, befördert und zum Ausdruck gebracht worden ist. Schelling hat die Kantischen Auffassungen vom aktiven Charakter menschlicher Erkenntnis weiterentwickeln wollen in diesem Zusammenhang hat sein 1802 publizierter Essay "Über die Konstruktion in der Philosophie", der aus der Rezension eines skandinavischen Mathematikbuches hervorgegangen ist, große Bedeutung erlangt. Und Schelling hat vor allem in einer neuen Weise zu verstehen versucht, was ein Organismus ist. Auch hier ergibt sich eine Parallele zu der durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen wissenschaftlichen Revolution.
informativ in diesem Zusammenhang ist eine neuere Arbeit von Fox-Keller (vgl. Fox-Keller 1994). Die Autorin konzentriert sich auf den Gegensatz zwischen Entwicklungsbiologie und Molekularbiologie, so wie er sich im Gefolge des Zweiten Weltkrieges herausgebildet hat. Sie zeigt, wie die Entwicklungsbiologie neue Konzepte aus der Informationstheorie der Kybernetik, der Systemanalyse und der Operations Research gewinnt - sie nennt den Komplex dieser Wissenschaften "Cyberscience" und schreibt dazu folgendes: "Cyberscience and molecular biology may have been products of the same historical moment, but, with respect to their models of causal structure, they were running on two separate tracks, side by side, but in opposite directions: While the first one was busy modeling a new kind of machine on the organism, the other sought to model the organism on the machines of yesteryear' (Fox-Keller 1994, 310/311).
Was sich hier vollzieht, ist einmal die Verwandlung wissenschaftlicher Ontologien in immer abstraktere oder theoretischere Entitäten, so daß Heisenberg schließlich sagen konnte, Platon habe recht gehabt, Form, und nicht Materie, mache das Grundelement des Universums und der Realität aus. Zum anderen vollzieht sich eine zunehmende Methodologisierung, Technisierung und Vergegenständlichung von Erkenntnis und Tätigkeit. Auch eine andere Parallele zwischen der Revolution des 17./18. Jahrhunderts und der des 20. Jahrhunderts läßt sich ziehen, nämlich die "Vergegenständlichung" menschlicher Fähigkeiten, die nun von denen der Hand auf die des Kopfes fortgeschritten ist.
Es scheint offensichtlich, daß für wissenschafliche Umwälzungen nicht nur technische Hilfsmittel, sondern überhaupt die Auffassung von der Struktur und der Organisation wissenschaftlicher und praktischer Arbeit und von der Rolle, die ihre Ergebnisse außerhalb der Wissenschaft oder der Produktion zu spielen vermögen, wichtig sein würde. Conant hat diesen Wechsel in vielen seiner Bücher beschrieben, und die Physiker und Ingenieure spielten darin eine überragende Rolle. Wie er darstellt, ist "the large-scale release of atomic energy accomplished since 1940 a symbol of the new physics" (Conant 1953, 58). Gleichzeitig hatte diese Entwicklung das Verhältnis von Ingenieur und Theoretiker verschoben. Die ™ffentlichkeit hatte, so Conant weiter, gesehen, "that the scientist is today taking the place of the inventor; that the long-haired professors who were elaborating highly abstruse mathematical theories had been able to play an important part in the extraordinary development of the atomic bomb" (a.a.O., 44). Mit anderen Worten, Conant beschreibt das Ineinandergreifen der Veränderung des Wissenschaftsbegriffs mit der Veränderung des Verhältnisses von Ingenieur und Wissenschaftler oder von reiner und angewandter Wissenschaft.
Bereits um 1940 begann auch das, was heute unter dem Stichwort "Gesellschaft als Labor" (Krohn) illustrativ zusammengefaßt erscheint, insofern der Bau der Atombombe bereits die säuberliche Trennung zwischen Forschung, Entwicklung und Anwendung gesprengt hat. "In 1940 the physicists were in possession of the results of 'certain experiments with microscopic amounts of materials; they likewise held in their hands powerful theoretical concepts in the new field of nuclear physics and chemistry. By an enormous extrapolation they predicted the operation of atomic piles and the explosion of an atomic bomb. Most of these predictions, however, could not be tested by any large-scale laboratoy experiments or even by the erection of small-scaie pilot plants. The flowering of this whole new field of science was dependent on the expenditure of a large sum of taxpayers' money; this expenditure could be justified in the 1940's only in terms of the destructive power of weapons required in a desperate global struggle" (Conant 1952, 24).
Die Rolle, die die militärische Forschung für die Vergesellschaftung der Wissenschaft spielte, ergibt sich schon aus den quantitativen Ausmaßen. In den USA stehen mehr als 30 % aller Forschungen unter Geheimnisvorbehalten aus militärischen Gründen und betrug das quantitative Ausmaß der militärischen Forschung über 60 % der öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Aber dies ist dennoch nur ein Teil der neuen Entwicklung oder nur ein Beispiel für das Tätigwerden des Staates auf wissenschaftlichem Gebiet. Hinzu kommen heute viele andere Aspekte wie Raumordnung, Umweltpolitik, Gesundheitsfürsorge, Landesplanung, Kommunikationswesen, Verbraucherschutz, Seuchenkontrolle, Landwirtschaft usw., usf. Obwohl in Thomas Kuhns Modell der Wissenschaftsentwicklung derartige Aspekte nicht auftreten, ist er doch zweifellos dadurch beeinflußt gewesen. Das Manhattan-Projekt, Vorläufer aller komplexen und integrierten Forschungsprogramme des Staates, ist ihm als Physiker unmittelbar gegenwärtig gewesen.
Durch diese Programme hat sich, wie gesagt, im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft etwas grundlegend Neues ereignet. Durch bestimmte Entwicklungen, wie durch die Kernenergie, wird die Gesellschaft selbst zu einem Experimentierfeld für komplexe wissenschaftliche Technologien. "Jedes Kernkraftwerk ist sein eigener Testfall. Man kann solche Tests implizite Experimente nennen. Ihr aussagekräftigster Fall ist der Unfall" (Krohn/Weingart 1986, 1). Die Gesellschaft selbst wird zum Labor, zum Experimentierfeld für komplexe wissenschaftliche Technologien. Die Gesellschaft wird, 'experimentelle Wissensgesellschaft'. In diesem Zusammenhang werden "die Risiken der Forschung zu Risiken der Gesellschaft" (Krohn /Weyer 1989, 352). Und "Tschernobyl" ist also keine Ausnahme, sondern ebenso dramatisches wie exemplarisches Beispiel.
Krohn und Weyer beschreiben den Prozeß folgendermaßen: "ln der modernen Wissenschaft existieren Tendenzen, Forschungsprozesse und die mit ihnen verbundenen Risiken über die institutionalisierten Grenzen der Wissenschaft hinauszutreiben und die Gesellschaft mit der Durchführung von Experimenten zu belasten. Dies läßt sich vor allem beobachten an der Kernkrafttechnologie, an ökologischen Freisetzungsversuchen, am Umgang mit physiologisch belastenden Chemikalien, an der Einführung von Medikamenten und an modernen Militärtechniken. Diesen und weiteren Fällen ist gemeinsam, daß eine Legitimation für die Durchführung dieser Experimente allein zum Zwecke der Forschung nicht beschafft werden könnte. Sie müssen daher als Implementierung erprobten Wissens deklariert werden, deren Betreibung und Berechtigung sich aus nichtwissenschaftlichen Gründen ergeben. Andererseits ist aber einhergehend mit dem gesteigerten Tempo technologischer Innovationen in den letzten Jahrzehnten die Erfahrung immer unabweisbarer geworden, daß die Implementierung erprobten Wissens die Erprobung unsicherer lmplementierungen ist" (Krohn/Weyer 1989, 349).
Es entsteht jene Spannung zwischen Innenverhältnis und Außenverhältnis der Wissenschaft, von der bereits die Rede war. Im Außenverhältnis "kommt es auf die Sicherheit des Urteils und die Eindeutigkeit der Bewertungen an. Eine wissenschaftlich offene differenzierte und kontroverse Risikoforschung würde ihre politische Brauchbarkeit geradezu ins Gegenteil verkehren. Die Gesellschaft darf unter keinen Umständen erfahren, daß sie für die Technologieentwicklung Experimentierfeld ist und erst recht nicht, daß sie auch noch für die Hypothesen der Risikoforschung über akzeptable Risiken, Restrisiken und Nullrisiken die Fälle der Prüfung bereitstellen muß. Statt dessen ist die Suggestion notwendig, es handele sich hier nicht um Hypothesen, sondern um risikoloses Wissen über Risiken. Dies ist eine Verwechslung von Landkarte und Landschaft, von Theorie der Sicherheit und Sicherheit" (Krohn/Weingart 1986, 3).
Der Unfall in Tschernobyl zeigt, daß die Kernkraft gewissermaßen nach den zwei Extremen der Wahrscheinlichkeit behandelt wird; einmal nach der Unmöglichkeit, solange der 'Fall' nicht eingetreten ist, zum anderen nach der Unvermeidlichkeit als Ausdruck menschenverachtender Technikbehandlung eines totalitären Gesellschaftssystems, wie die FAZ sich auszudrücken beliebte, sobald er eingetreten ist. Aber es geht gar nicht darum, die Professionalität und Sorgfalt der Institutionen, die mit diesen Technologien umgehen, als den eigentlichen Orientierungspunkt der Risikopolitik ins Auge zu fassen, abgesehen davon, daß man gar nicht weiß, wie man hier zu Werke gehen sollte, um höhere Standards des Verhaltens zu erreichen. Es geht darum, daß Wissenschaft nicht ohne Experimente auskommt und der Unfall von Tschernobyl gewissermaßen ein Experiment war, wobei nicht klar ist, was man daraus gelernt hat. Was weiß man danach, was man vorher nicht hätte wissen können? Die Politiker haben Tschernobyl implizit als Experiment verstanden, etwa wenn der Spitzenkandidat der SPD nach Tschernobyl den unbedingten "Ausstieg aus der Plutoniumswirtschaft' fordert, da der Unfall eigentlich erst die Sachlage aufgeklärt habe. Was hat er nachher gewußt, was er vorher nicht hätte wissen können? Es geht doch um politische Entscheidungen, nicht um wissenschaftliches Rätsellösen.
Es geht insbesondere um die Anerkennung der Tatsache, daß auch die Meta-Überlegungen der Risikoforschung nicht die Tatsache aus der Welt schaffen können, daß wissenschaftliche Theorien Realitäten eigener Art sind, und daß ihr Verhältnis zur Realität prinzipiell nicht rein begrifflich oder kognitiv bestimmt werden kann. Diesen Punkt hat Kant gegen Leibniz mit aller Schärfe hervorgehoben, und er macht den Kernpunkt der Kantischen "Kopernikanischen Wende" in der Erkenntnistheorie aus. Kant kritisiert Leibniz, daß dieser geglaubt habe, in rein begrifflicher Weise Existenz sicherstellen zu können. "Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn Ihr in dem Begriff eines Dinges, welches Ihr lediglich seiner Möglichkeit nach denken wolltet, es sei unter weichem versteckten Namen, schon den Begriff seiner Existenz hineinbrachtet. ... Sein ist offenbar kein reales Prädikat, das ist, ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne" (B 625-626). Das ist gut positivistisch gesprochen. Der logische Positivismus und später die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts haben das Ganze in der Weiterführung solcher Überlegungen absolut in den sprachlichen Kontext verpflanzt. Es ist aber das Problem der Kontextualität und Subjektbezogenheit der Erkenntnis von anderen philosophischen Schulen ganz anders aufgenommen worden, und damit verschiebt sich notwendigerweise jeweils auch die Kant-Interpretation.
Nun weiß die normale Wissenschaft im Sinne Kuhns, wie die Wirklichkeit beschaffen ist, und die Methodologie ist hierfür ganz unerheblich. Wie Feyerabend dargelegt hat, führt auch das Befolgen der Grundsätze positiver wissenschaftlicher Methodologie am Ende dazu, daß alle von einer Theorie behaupteten Sachverhalte direkt beobachtbar werden (vgl. Feyerabend 1978, 42/43). Das liegt in der Natur der Sache und Kants Hinweis darauf, daß wir nur Erscheinungen und nicht die Dinge an sich erkennen, hilft überhaupt nicht. Auch die von der analytischen Philosophie vorgenommene Trennung von analytischen und synthetischen Urteilen ist, folgt man Kuhn, hinfällig. Die im Teil 1 genannten beiden Thesen, die Kuhns Theorienverständnis wiedergeben sollten, bilden zusammen genommen das Gegenstück zu zwei 'Dogmen', durch welche Quine in einem Aufsatz, der auch auf Thomas Kuhn großen Einfluß ausgeübt hat, den logischen Empirismus, so wie er von den meisten Vertretern des 'Wiener Kreises' vertreten wurde, charakterisiert hatte (Quine 1979).
Es bleibt jenes bereits mehrfach angesprochene Problem der Kontextualität unseres Denkens, weiches die erkenntnistheoretische Betrachtung nolens volens in den Vordergrund rückt. Jede Erkenntnis ist auf Kontinuität, d.h. auf einen Zusammenhang angewiesen. Es kann uns die Wissenschaft, oder allgemeiner, das begriffliche Denken einen solchen Zusammenhang allein nicht herstellen. Es geht nicht darum zu fürchten, daß man möglicherweise ein x für ein u hält, sondern es gilt für sich selbst zu entscheiden, was es bedeuten soll, wenn wir ein x beobachtet haben. Die Wissenschaft kann sich nur darum bemühen, möglichst alles direkt der Erfahrung und der Beobachtung zugänglich zu machen. Aber sie hat prinzipiell nicht die Möglichkeit, uns zu sagen, wie wir uns in einem bestimmten Falle verhalten sollen. Es ist dann die Frage, was ist machbar unter der Voraussetzung der subjektiven Seite der Welterfahrung. Wenn man aber davon ausgeht, daß das Verhältnis Wissenschaft zu außerwissenschaftlicher Realität als ein sowohl subjektives wie gesellschaftliches Problem und nicht nur als ein Sachproblem zu sehen ist, dann wird die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Machbarkeit und Erkenntnis interessant, und die Wissenschaft tritt uns nun in einer doppelten Weise gegenüber, einmal eben als "normale Wissenschaft" und Technologie und zum anderen als Erkenntnistheorie. Erkenntnis ist an Tätigkeit gebunden. Aber die Tätigkeit, die das Subjekt mit dem Gegenstand verbindet, verändert auch beides, das Subjekt und den Gegenstand. Sie repräsentiert eine Einheit von Selbstveränderung und Veränderung der Umstände, wie Marx es genannt hat. Es ist eben der Kontext, der sich entwickelt (vgl. Teil 1). Wissenschaft, so sagt man, argumentiert prinzipiell, sie hat es mit dem Allgemeinen, universell Gültigen und gesetzmäßig Determinierten zu tun. Um so zu verfahren, hat die Wissenschaft immer irgendwo nach absoluten Fundamenten gesucht, nach unveränderlichen Gesetzen, einer unveränderlichen Logik, einem unveränderlichen menschlichen Subjekt. Diese Vorstellungen sind ins Wanken geraten. Das Allgemeine selbst muß evolutionär verstanden werden. Dies ist eine Lektion aus Kuhns Werk.
Alle Versuche, wissenschaftlich prinzipiell oder logisch zu argumentieren, hätten sich also an einer Objektivität des Subjektiven, die sich entwickelt und in der sich Besonderes und Allgemeines in immer neuer Weise trennen und verbinden, zu orientieren. Alle Möglichkeiten prinzipiell zu argumentieren, beruhen auf Überzeugungen zur "Objektivität" des Subjektiven. Wenn beispielsweise in der heutigen Zeitung sich zwei unterschiedliche Meldungen über die gentechnische Manipulierung von Tiermilch finden, dann ist meine Einschätzung in beiden Fällen eine ganz unterschiedliche. Im einen Fall handelt es sich um die Stimulierung von Milchkühen mit Hilfe gentechnisch produzierter Hormone zu Mehrerzeugung von Milch. Meine Gründe um so etwas abzulehnen, kann ich hier im einzelnen nicht darlegen. Sie sind aber nicht prinzipieller Natur, nach dem Muster, "die Wissenschaft der Genmanipulation steckt noch in den Kinderschuhen und alle biologischen Zusammenhänge kennen wir noch nicht". Wissenschaft ist ein Erfahrungsprozeß und prinzipiellen Argumente sind in einem solchen Zusammenhang Grenzen gesetzt, weil der Mensch sich nicht entwickeln kann, ohne neue Erfahrungen zu machen und weil der Mensch nicht Mensch sein kann, ohne sich zu entwickeln.
Bei der zweiten Meldung handelt es sich um die Mitteilung, daß es gelungen ist, transgene Schafe zu züchten, aus deren Milch ein für viele Menschen lebensrettendes Medikament zur Behandlung der Lungenemphyseme gewonnen wird. Bezüglich beider hier referierter Meldungen wird sich sicherlich das Zustimmungs- bzw. Ablehnungsverhalten in der Gesellschaft nach fast allen kombinatorisch möglichen Varianten hin darstellen. Ernährung und Gesundheit sind am ehesten Felder, auf denen heute Wissenschaft mit Erfahrung konkurrieren könnte. Die Idee der Gesundheit legitimiert die medizinische Praxis aber die Medizin kann Gesundheit ebensowenig definitorisch festlegen wie die Physik als Wissenschaft definieren kann, was Natur ist.
Es ist heute viel von "Konstruktivismus" und von "situatedness des Denkens" die Rede. Aber man stellt sich dabei in der Regel in Gegensatz zur Wissenschaft, deren Selbstbild man dabei andererseits unterstellt.
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Ich danke H. Dinges, M. Hoffmann, W. Krohn und M. Radu für hilfreiche Hinweise.
21. Dezember 1994