Stichwort aus: Georg W. Oesterdiekhoff (Hg.), Lexikon der soziologischen Werke, Opladen: Westdeutscher Verlag 2001

 

Marx, Karl (geb. 1818, gest. 1883)

Das Kapital

Bd. 1: Der Produktionsprozess des Kapitals (MEW Bd. 23)
Bd. 2: Der Zirkulationsprozess des Kapitals (MEW Bd. 24)
Bd. 3: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion (MEW Bd. 25)

EA: 1867 Das Kapital. Erster Band; 1885 Das Kapital. Zweiter Band; 1894 Das Kapital. Dritter Band.
MEW: Marx-Engels-Werke, Berlin/DDR: Dietz Verlag 1956ff.
MEGA: Marx-Engels-Gesamtausgabe, Berlin / Moskau / Amsterdam: Parteiinstitute für Marxismus-Leninismus in Berlin und Moskau, Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES) in Amsterdam 1975ff

"Das Kapital" ist wie kein anderes sozialwissenschaftliches Werk studiert, interpretiert und kritisiert worden. Es gehört, neben der Bibel, zu den verbreitetsten Schriften überhaupt. Von den drei Bänden, in welchen Karl Marx seine ökonomischen, politischen, historischen und soziologischen Studien auf den Punkt bringt, wurde nur der erste Band zu seinen Lebzeiten publiziert; die anderen beiden gab Friedrich Engels nach Marx' Tod heraus.

Der erste Band widmet sich den Themen "Ware und Geld", "Die Verwandlung von Geld in Kapital", "Die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts", "Arbeitslohn" und "Akkumulationsprozess des Kapitals". Der zweite Band beschäftigt sich mit "Metamorphosen und Umschlag des Kapitals" und "Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals". Der dritte Band enthält Abschnitte über die "Verwandlung des Mehrwerts in Profit", das "Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate", über "kaufmännisches und zinstragendes Kapital", über die Grundrente und andere Revenuequellen.

Das alles mutet reichlich trocken und auf den ersten Blick überhaupt nicht "soziologisch" an. Doch enthalten diese über 2000 Seiten eine Durcharbeitung der gesamten sozialwissenschaftlichen Wissensbestände aus der Zeit des Aufbruchs der Moderne, aus der Zeit der soziologischen Klassiker also. Und weitaus umfassender als das Werk etwa von Max Weber bietet "Das Kapital" noch immer eine Grundlage für die Bearbeitung aller nur denkbaren sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Der "Vulkan" ist keineswegs, entgegen der Behauptung von Niklas Luhmann, "erloschen". Vielmehr ist uns, um im Bild zu bleiben, durch das Werk von Karl Marx erst bewusst geworden, dass auch im Kern der Gesellschaft Magmaströme fliessen.

Marx eröffnet den ersten Band von "Das Kapital" mit den Sätzen: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware." (MEW Bd. 23, S.49) Mit diesem Einstieg ist nicht nur ein rein ökonomischer Sachverhalt gemeint. Über die Feststellung des Gebrauchs- und Tauschwertcharakters der Waren und die Analyse des dazugehörigen Arbeitsprozesses stellt sich vielmehr erst ein Begriff des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs her, aus dem allein menschliches Handeln und Verhalten verstanden werden können. Das methodische Vorgehen von Marx, in der Analyse der einfachen Form die entwickelte bereits vorauszusetzen, um sie später einzuholen - der "Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten" - ist einerseits eine geniale Analysemethode, die immer wieder kopiert und adaptiert wurde; andererseits bereitet dieses strenge und genaue Vorgehen auch besondere Schwierigkeiten bei der Lektüre vor allem des ersten Bandes. (Kößler / Wienold, S. 113) Ausserdem hat diese Art der "Formanalyse" gelegentlich zu dem Missverständnis geführt, Marx wolle alle gesellschaftlichen Prozesse auf das Ökonomische reduzieren.

Zwar bleiben die Rationalisierung der Arbeitsgesellschaft, die kapitalistische Verwertung menschlicher Arbeitskraft, die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Wertrechnung (und damit auf eine vernünftige, demokratische Ökonomie) immer im Blick. Zwar sah Marx' Forschungsplan eine umfassende dialektische Analyse des ökonomischen Unterbaus der Gesellschaft vor: neben dem Kapital sollten Grundeigentum, Lohnarbeit, Staat, internationaler Handel und Weltmarkt systematisch erforscht werden (wie es im 1859 verfassten Rohentwurf hiess). Doch wollte Marx niemals "sozialistische Patentrezepte" entwickeln, sondern mit seiner Grundlagenforschung den Weg freimachen für ein Verständnis der eigentlichen gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse. Genau so ist denn auch der Schlüsselsatz aus dem ersten Band zu verstehen: "Die Konsumtion der Arbeitskraft, gleich der Konsumtion jeder anderen Ware, vollzieht sich ausserhalb des Marktes oder der Zirkulationssphäre. Diese geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und aller Augen zugängliche Sphäre verlassen wird daher, zusammen mit Geldbesitzer und Arbeitskraftbesitzer, um beiden nachzufolgen in die verborgene Stätte der Produktion, an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business." (MEW Bd. 23, S.189)

So lange Ware, Geld und Kapital im Untergrund aller gesellschaftlichen Prozesse wirken, so lange wir es mit einer widersprüchlichen Einheit von Arbeits- und Marktgesellschaft zu tun bekommen, sobald wir nach dem Warum der dominierenden gesellschaftlichen Erscheinungen fragen, so lange Geld die Eintrittskarte für die Teilhabe am Gesellschaftsprozess bleibt und so lange Kredit und Banken- und Finanzkapital auch alle dominanten Kulturprozesse steuern - so lange also wird das ultimative Referenzwerk auch für Soziologen "Das Kapital" sein.

Dieser Stellenwert des Marxschen Werkes erweist sich vor allem in der Globalisierungsdiskussion. Gerade weil die "gängigen Theorien von Globalisierung ... zugleich grosse Schritte auf einem Weg getan haben, Gesellschaft - zumindest konzeptionell - gleich mit zu virtualisieren, sie aufzulösen in Kommunikation (über sie)", bietet die Marxsche Theorie hier nach wie vor die wohl entschiedenste Gegenposition (Kößler / Wienold, S. 267) - oder anders gesagt: das beste Korrektiv. Als Theorie von den inhärenten Widersprüchen des Kapitalismus hat sie gerade angesichts des Triumphs des Kapitalismus und des Marktes eine sichere Zukunft, schreibt Frederic Jameson. Und sie erklärt, weshalb der Kapitalismus sich als die elastischste und anpassungsfähigste Produktionsweise erwiesen hat, die bislang in der Geschichte aufgetreten ist.

Wir lernen aus "Das Kapital", wie der Kapitalismus in der Lage war, seine Krisen durch territoriale Expansion der Märkte für seine Produkte zu überwinden, also vom nationalen über den imperialistischen zum "transnationalen" Kapitalismus voranzuschreiten. Zugleich zeigt die Marxsche Theorie der Produktivkräfte, wie der Kapitalismus seine Krisen auch durch die Produktion radikal neuer Typen von Waren, durch die Zuflucht zu Innovationen oder gar "Revolutionen" im Bereich der Technologie überwunden hat und künftig in noch viel stärkerem Massen zu überwinden versuchen wird.

In der Phase der Postmodernität und des transnationalen Kapitalismus - des Spätkapitalismus - sind es vor allem die informationellen oder kybernetischen Technologien, welche zur territorialen Expansion und Krisenüberwindung beitragen. Der Begriff Informationsgesellschaft bezeichnet insofern den Kern der gegenwärtigen ökonomischen Dynamik des Kapitalismus. Schon daraus ergibt sich, dass auf Marx rekurrierende Theorien künftig kultureller in ihrem Charakter sein und sich fundamental mit Phänomenen wie Verdinglichung und Konsumismus ("Warenfetischismus") beschäftigen werden. "Die Tatsache, daß Kultur heute weitgehend kommerzialisiert ist, hat zur Konsequenz, dass das meiste von dem, was man gewöhnlich als spezifisch ökonomisch und kommerziell ansah, nun auch kulturell geworden ist." (Jameson)

Die Produktivkraftmystik des Stalinismus hatte lange verdeckt, dass der Begriff der Produktivkraft das Wesentliche des Zusammenhangs von Natur, Gesellschaft und Technik besser erfasst als jeder andere - und im übrigen geradenwegs in das Verständnis der kybernetisch-algorithmischen Revolution führt. Produktivkraftentwicklung ist die Dialektik von Produktionsmittel- und Arbeitskraftentwicklung, also die Entwicklung von Energiemaschinen, Prozessmaschinen, Algorithmusmaschinen einerseits und von menschlicher Kreativität andererseits.

Die Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Produktivkräfte stösst immer wieder an Grenzen, die durch die Produktionsverhältnisse, Produktionsweisen und Überbauten gesetzt werden. Die menschliche Arbeitskraft, so einst Herbert Marcuse, droht ständig "eindimensional" zu werden. Historisch betrachtet hing diese "Eindimensionalität" der Handlungsmöglichkeiten zunächst am beschränkten Entwicklungsstand der Produktionsmittel, dann an der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln (in der Sklavenhaltergesellschaft, im Feudalismus), dann, in der kapitalistischen Moderne, an der systematischen Verwertung dieser Trennung - und heute an der Fesselung der neuen Produktivkräfte (in denen jene Trennung an sich aufgehoben wird) durch die kulturelle Logik des Spätkapitalismus.

Mit anderen Worten: noch kann das Kapital die "befreienden Tendenzen" durch neue Formen der Arbeitsorganisation und durch die Konsumkultur auffangen: "Die alte, unmittelbare Befehlsgewalt über die Arbeitenden, die dem Kapitalisten qua Verfügung über die Produktionsmittel zukam, wird ersetzt durch den unmittelbaren Marktdruck, der direkt auf die Produktionsgruppen und Individuen weitergeleitet wird. Sollen doch die Individuen selbst die Verwertung von Wert exekutieren und ihre Kreativität dafür mobilisieren - bei Gefahr des Untergangs und mit der Chance der Entfaltung." (Meretz)

Doch zugleich beginnt der Hauptvulkan des Marxschen Werkes wieder zu rumoren, der Gedanke der Möglichkeit einer Assoziation freier Produzenten, einer "Assoziation, worin die freie Entfaltung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist." (Marx / Engels, Das Kommunistische Manifest, MEW Bd. 4, S. 482) Der Begriff der Arbeit und Vorstellungen von einer "Befreiung der Arbeit" werden zum zentralen Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Wenn windige Dienstleistungen von Politikern und Management-Professoren mit astronomischen Summen honoriert werden, die Güterproduktion aber zu den ärmsten der Armen dieser Welt verlagert und entsprechend entlohnt wird, stellt sich zwingend die Frage, was "produktive" Arbeit ist und was "unproduktive" Arbeit ist und ob die Be- und Verwertungsmassstäbe noch stimmen.

Zweifellos entstehen mit der Entwicklung der industriellen und vor allem der postindustriellen Produktivkräfte die Voraussetzungen für ein Zurückdrängen des "Reiches der Notwendigkeit". Produktivkraftentwicklung zur Schaffung von Frei-Zeit für freie kreative Tätigkeit, für "menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt" (MEW Bd. 25, S. 828), ist folglich das Gegenprogramm zur Logik der Produktion des relativen Mehrwerts für eine immer kleiner werdende Gruppe von Milliardären. Auch die Soziologie kann an diesem Gegensatz ihre Kreativität regenerieren.

Literatur:

Altvater, Elmar / Rolf Hecker / Michael Heinrich / Petra Schaper-Rinkel: Kapital.doc. Das Kapital (Bd. I) in Schaubildern und Kommentaren, Münster: Westfälisches Dampfboot 1999 (dort ein umfassender Überblick über die einschlägige Literatur); Jameson, Fredric: "Fünf Thesen zum real existierenden Marxismus", Das Argument 214/1996, S. 175ff.; Kößler, Reinhart / Hanns Wienold: Gesellschaft bei Marx. Dreifachkurseinheit, Hagen: FernUniversität - Gesamthochschule in Hagen 2000; Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. 2. Auflage Neuwied / Berlin: Luchterhand-Verlag 1968; Meretz, Stefan: "Produktivkraftentwicklung und Subjektivität. Vom eindimensionalen Menschen zur unbeschränkt entfalteten Individualität.", http://www.kritische-informatik.de/pksubjl.htm (1999); Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, 3 Bde., Hamburg: Felix Meiner Verlag 1990

H. J. Krysmanski

 

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