Krysmanski Publikationen

H. J. Krysmanski

Der kleine, der große und der wölfische Frieden
Postmoderne Friedenspolitik zwischen Lokalität und Globalität

 

Fünf Millionen Mark

Der 'kleine Frieden' meint die Welt des Privaten und des Lokalen, der 'große' das Öffentliche und das Globale. Wie hängen, spricht man von Friedenspolitik, die beiden Seiten zusammen?

Da ist zum Beispiel ein einzelner, der seinen Frieden mit der ganzen Welt zu machen wünscht.

Graf Karl Josef von der Groeben aus Baden-Baden hat vor kurzem fünf Millionen Mark bereitgestellt, um in Tübingen eine 'Stiftung Weltethos' ins Leben zu rufen. Den geistigen Anstoß dazu gab Hans Küng, der Tübinger Theologe, der sich seit seiner Emeritierung ganz auf Bemühungen um eine friedliche Weltordnung konzentriert.

Fünf Millionen Mark, das ist für eine Stiftung und ein kleines Institut ein Batzen Geld. Karl Josef von der Groebens privates Engagement ermöglicht Hans Küng inzwischen weltweit eine Fülle von Aktivitäten.

Das Milieu, in dem sich Küng und die 'Stiftung Weltethos' bewegen, ist eigenartig. Die bekannte amerikanische Leitartiklerin Flora Lewis (die selbst dazu gehört) berichtet von einem typischen Anlaß. Da trifft sich ein kleiner, erlesener Kreis beispielsweise in Wien. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat eingeladen für das 'Inter-Action Council', einen Club ehemaliger Regierungschefs. "Unter der Annahme", schreibt Flora Lewis, "daß Religion die wichtigste Quelle für moralische und ethische Konzepte ist, sind Vertreter aller bedeutenden Religionen zusammengekommen: Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus, Christentum, Judaismus, Islam. Niemanden überrascht es, daß die Anwesenden sich für Toleranz und Gewaltfreiheit weltweit aussprechen...Man hackt zwar ein bißchen aufeinander herum, wie in jedem Kommittee. Aber am Ende ist man sich einig: all diese verschiedenen religiösen Lehren wollen im Grunde das Gleiche..."

5 Millionen Mark für eine Stiftung 'Weltethos' und viel Bewegung in den höheren Kreisen. Doch wenn man so große Worte wie Weltfrieden und Globalethik in den Mund nimmt, muß man auf die Proportionen, auf die Größenverhältnisse achten. 5 Millionen Mark, so viel kostet ein einziger Marschflugkörper.

Aber denken wir gar nicht an die Kriegs-Hardware. Denken wir an die Millionäre und ihre Möglichkeiten. Daimler-Chrysler Chef Jürgen Schremp bezieht ein Jahresgehalt von 5,3 Millionen Mark, das demnächst den Einkünften seines amerikanischen Co-Chairmans, der 20 Millionen Dollar jährlich verdient, angeglichen werden soll. Auch gemessen an solchen Größenordnungen sind 5 Millionen Mark nicht viel. Und ich werde noch einen Jan Philipp und einen Joe vorstellen, die sich ihr lokales und privates Engagement für den Weltfrieden ein Vielfaches dessen kosten lassen, was Karl Josef aufzubringen in der Lage war.

 

Eine andere Welt ?

Die alten Denkschemata taugen nicht mehr, um zu begreifen, was geschieht. Und sie taugen genauso wenig, eine Friedenspolitik zu konzipieren, mit der wir uns alle identifizieren können. Denn das ist gegenwärtig das Problem: es gibt ein verbreitetes vages Unbehagen, aber es gibt keinen breiten aktiven Widerstand gegen Kriege wie den in Jugoslawien und gegen militärische Lösungen überhaupt, und folglich auch keine Basis für konsensuelle Friedenspolitik.

Um hier etwas klarer zu sehen, werde ich mit dem Begriffspaar Moderne-Postmoderne hantieren. Damit werden zwei historische Epochen bezeichnet, deren Wasserscheide um 1980 liegt. Die Moderne kannte klare Fronten. Die Postmoderne kennt sie nicht.

Postmodern ist schon, daß weltweit von Welt geredet wird, obgleich überhaupt nicht klar ist, ob damit überall das gleiche gemeint wird. Vielleicht ist zum Beispiel die Welt, die wir meinen, überhaupt nicht mehr da.

Die Finanzwelt etwa verknüpft täglich über weltweite Computernetze sekundenschnell millionenfach geldwerte Botschaften. Auf dem Finanznetz wird täglich mehr Geld bewegt als alle Zentralbanken zusammen in ihren Reserven haben. Für diese Finanzwelt existieren der 'Globus' als eine geographische Größe und die 'materielle Welt' nicht mehr. Diese abstrakten, völlig losgelösten Finanztransaktionen aber beherrschen den Gang der Welt. Sie verwandeln die Welt und ihre Wirtschaft in eine virtuelle, immaterielle Weltwirtschaft, die inzwischen wie die Phantasiewelt Hollywoods funktioniert. Wie will man sich mit den alten Landkarten in einer solchen Welt zurechtfinden?

Auch Hans Küng, der Tübinger Theologe, plädiert im Interesse einer künftigen friedlichen Weltordnung für eine neue 'realistische Idealpolitik'. Dieses Mixtum von 'idealistisch' und 'realistisch' gibt es allerdings längst: als einen schon jetzt um sich greifenden Politikstil.

Wer den Hollywood-Film Air Force One gesehen hat, weiß vielleicht, wovon ich schreibe. Es ist ein Film, gedreht 1997, der die selbstgerechte Kombination von realster Gewaltanwendung und idealster Menschenrechtsrhetorik feiert. Harrison Ford, als US Präsident, nimmt die Ordnung der Welt in seine eigenen Hände. Er bekämpft den internationalen Terrorismus, indem er rücksichtlos die Souveränität kleiner Staaten verletzen lässt, er vertritt durch seinen persönlichen Mut das Menschheitsinteresse gegen alle kleingläubigen Diplomaten, sein Beispiel bringt die Welt auf den Weg zur globalen Einheit. Bill Clinton hat sich den Film mehrfach vorführen lassen.

Diese Vermischung von Realpolitik und Idealpolitik hat wirtschaftliche Ursachen. Wer will heute entscheiden, ob in der realen Wirtschaft der Fabriken und Kaufhäuser oder in der idealen Wirtschaft der Finanztransaktionen und der Kulturindustrie mehr Geld gemacht wird? Allein die Clinton-Lewinsky-Affäre, wahrhaftig eine gewaltige Luftblase, hat 290 Millionen Dollar zum amerikanischen Bruttosozialprodukt beigetragen - das ist mehr, als das gesamte BSP von Albanien.

Und da Politik die Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln ist, wird sie immer stärker davon bestimmt, daß die Wertschöpfung sich zunehmend in Phantasiewelten abspielt. Politik selbst spielt mit Phantasiewerten. So sagte Tony Blair, der Krieg der NATO sei eine völlig neue Art von Krieg, in dem es nur um 'Werte' gehe...Wo aber sind die Interessen? fragte daraufhin die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Damit sind wir mitten in der Postmoderne. Nicht in den Theorien postmoderner Autoren, sondern in einem neuen Stadium gesellschaftlicher Wirklichkeit, wie es sich mit dem Globalisierungsprozess auftut.

 

Die neuen Eliten

Mit der Epoche der Postmoderne verändert sich auch die Rolle der führenden Schichten, der Eliten, unserer Millionäre.

Robert B. Reich, einst Arbeitsminister in der ersten Clinton-Administration, beschrieb in einem kleinen Artikel in der New York Times, daß 'eine neue Elite die Art und Weise verändert, wie Amerika funktioniert'. Neue Eliten verändern auch die Art und Weise, wie die Welt funktioniert. Die neuen Eliten aus einer Konzern- und Finanzwelt, die global agiert, entwickeln andere Verhaltensweisen als die Reichen früherer Zeiten, sicher auch andere Verhaltensweisen als der Geldadel aus Baden-Baden. Wer gehört dazu? Viele der 'Berufsbezeichnungen' sind uns gar nicht geläufig. Reich nennt global agierende Investmentbanker, Konzernanwälte, Bodenspekulanten, Medienmogule - dazu Ölprinzen, Internet-Milliardäre usw.

Diese neuen Reichen verwenden zunächst einmal immer mehr Geld auf ihre privaten Bedürfnisse: 'firing workers, hiring servants'. So steigt die Zahl der persönlichen Trainer, der Masseure, Innenarchitekten, Therapeuten, Köche und Megayacht-Kapitäne. Aber andererseits wachsen auch die privaten Dienstleistungen in Richtung 'Öffentlichkeitsarbeit': wissenschaftliche Berater, Kunst- und Kulturstrategen, Politiker - bis hin zu Präsidenten - werden 'eingekauft'.

Die relativ unabhängigen Mittelschichten, die sich in der Moderne herausbilden konnten, verwandeln sich dagegen allmählich in eine abhängige Dienstklasse. Auch dies ist ein Merkmal der Postmoderne.

Mehr noch: immer mehr Ideen und Konzepte, die öffentliche und globale Dinge betreffen, werden von bestimmten Intellektuellen und Kulturträgern an die Reichen dieser Welt verhökert. Öffentliche und globale Werte werden privatisiert.

Es sind Milliardäre, die heute z. B. die besten Denkfabriken innerhalb und außerhalb der Universitäten finanzieren. Diese Gruppe erwartet von ihrem Engagement einen sehr privaten und sehr lokalen Profit. Da war etwa in den 20er und 30er Jahren das legendäre Frankfurter Institut für Sozialforschung - das FIS. Und heute gibt es an der Elbe so etwas wie seine Imitation: das 'Hamburger Institut für Sozialforschung' - das HIS.

Das FIS war ein privates Forschungsinstitut, finanziert von Mitgliedern des wohlhabenden jüdischen Bürgertums der Weimarer Republik. Zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern gehörten Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Karl Mannheim, Herbert Marcuse und viele andere. Diese Intellektuellengruppe hatte die gut dotierte Möglichkeit ergriffen, um den Marxismus weiterzuentwickeln. Marxistische Theorie gehörte damals zu einer breiten, sogar dominanten intellektuellen Bewegung mitten aus der realen Welt der sozialen Probleme und sozialen Konflikte. Und was die Intellektuellengruppe des FIS damals zustande brachte - die Kritische Theorie der Frankfurter Schule - das war auch eine Art 'marxistischer Idealpolitik', die bis heute ihre Anhänger in akademischen Zirkeln überall in der Welt besitzt.

Nun zum Hamburger Institut für Sozialforschung. Das HIS wird ausschließlich von Jan Philipp Reemtsma finanziert, dem Erben eines riesigen Vermögens aus der deutschen Tabakindustrie. Reemtsma, Anfang vierzig, steckt rund 40 Millionen Mark jährlich in das HIS und damit verbundene Aktivitäten, weitaus mehr als das FIS jemals hatte. Die Forschungsthemen des HIS sind wichtig: es geht um das Ausmaß der Gewalt im Zwanzigsten Jahrhundert und um die Suche nach zivilgesellschaftlichen Perspektiven unter postmodernen Bedingungen.

Zum Hintergrund des Jugoslawienkonflikts hat Reemtsma z.B. folgendes Interessante zu sagen: Das Modell der europäischen Moderne zeige eine 'unzureichende Blockierung' gegen eine Störung des zivilisatorischen 'Rahmengefüges'. Grund: die gefährliche 'Selbstsicherheit'', die sich aus einem bestimmten 'Selbstbild' ergebe. So sei deklariertes Ziel europäischer Zivilisation Gewaltfreiheit. Wo das mit der Wirklichkeit zusammenstoße, greife eine Rhetorik, die massive Gewalt legitimiert.

Inzwischen arbeiten am HIS fast 70 Mitarbeiter. Die sogenannte Wehrmachtsausstellung ist ihr bekanntestes Produkt. Doch sind bis jetzt in Hamburg keine intellektuellen Giganten aufgetaucht, die sich auch nur entfernt mit den Denkern des alten Frankfurter Instituts für Sozialforschung vergleichen ließen. Es ist auch keine wirkliche theoretische Tradition oder gar Bewegung entstanden. Alles ist wirklich ganz privat.

Sprecher des HIS sagen dazu, nicht ohne Grund, daß wir einfach nicht in einer Zeit leben, in der kohärente Theoriebildung angesagt sei. Dennoch besitzen die Publikationen und Aktivitäten des HIS eine bemerkenswerte Kohärenz. Doch diese wird auschließlich durch den Geschmack, die Ideosynkrasien und auch Eitelkeiten des Jan Philipp Reemtsma selbst geprägt. Dieser recht begabte Intellektuelle und Multimillionär hat sich mit dem HIS einen sehr lokalen, sehr privaten Kokon geschaffen - und die individuellen Präferenzen des Jan Philipp legen sich schon wie ein magischer Zauber über die Hamburger und sogar über die deutsche intellektuelle Szene.

Dies ist es, was ich mit der 'Privatisierung' und letztlich auch 'Lokalisierung' öffentlicher und globaler Güter meine: zu denen auch Orientierungswissen, Einsicht und Friedensstrategien gehören. Diese Privatisierung mag Karl Josef und Jan Philipp ihren kleinen Frieden bringen - aber bringt sie auch uns die Ruhe und der Welt den Frieden? Mehr noch: ist es mit der Ruhe gewachsener lokaler Zusammenhänge nicht zu Ende, wenn sich das private Interesse von Millionären als das Allgemeine über sie legt?

So ist mein Zwischen-Fazit: Politik, jedenfalls konzeptionelle Politik, ist nicht mehr die Angelegenheit breiter sozialer, ökonomischer oder intellektueller Bewegungen - konzeptionelle Politik scheint in die Hände der Geldreichen zu gleiten und von deren Bereitschaft abzuhängen, 'Gutes zu tun'.

 

Die neue Dienstklasse und der wölfische Frieden

Wie steht es mit den 'unteren Oberschichten', den Spitzenmanagern, den Top-Politikern usw.?

Nun, die 'great business personalities' und 'star politicians' sind oft aus den traditionellen Mittelschichten der industrialisierten westlichen Gesellschaften aufgestiegen. Doch heute ist ihr wichtigstes Merkmal, daß sie sich 'internationalisiert' und 'kosmopolitisiert' haben. Sie realisieren ihre Berufs- und Lebenschancen mitten in einem faszinierenden und abenteuerlichen Globalisierungsprozeß. Ihre Geschäfts-, Politik- und Kulturgewohnheiten sind dabei von den Verhaltensmustern der gehobenen US-amerikanischen Business- und Massenkultur geprägt. Viele von ihnen, wie der neue europäische Außenminister Javier Solana oder der neue deutsche Außenminister Joschka Fischer mögen einst die Welt mit linken, idealistischen Augen gesehen haben, jetzt aber greifen sie nur noch zu.

Hier vollzieht sich, das ist meine These, ein realer Umbruch von der Moderne zur Postmoderne. Und im Jugoslawienkonflikt ist das alles aufgebrochen.

Die USA und Westeuropa haben aus durchaus unterschiedlichen Gründen eine geopolitisch interessante und politisch wichtige Region mit postmodernen militärischen Mitteln in die Moderne gebombt. Schon seit Mitte Mai geben sich in Belgrad westliche Konzernvertreter die Klinken in die Hand: in den Musterkoffern moderne Auto- und Zigarettenfabriken, moderne Raffinerien, eine moderne Infrastruktur. So weit hat es die postmoderne Cyber-Warfare schon gebracht.

Postmoderne: da fordert der amerikanische Präsident Bill Clinton nach High School Schießereien die Schüler seines Landes auf, der Kultur der Gewalt eine Kultur der friedlichen Konfliktlösung entgegenzusetzen. Und zur gleichen Zeit schickt er in einem unerklärten Krieg Welle um Welle von B52-Bombern los, um jugoslawische Brücken, Elektrizitätswerke und Fernsehstationen zu zerstören. Eine Weltmacht, die zusammen mit den übrigen NATO-Staaten über 62 Prozent der globalen Waffenproduktion gebietet, gegen ein Land, das noch nicht einmal auf 0,2 Prozent kommt. Diese Verknüpfung des Unverknüpfbaren: das ist Postmodernismus in seiner reinsten Form.

Die politische Linke in Europa, die zur gleichen Zeit unter der Flagge der Modernisierung in vielen Ländern die Regierungsmacht übernahm, war auf diesen neuartigen Politikstil vermutlich gar nicht vorbereitet. So glitt sie schnell in einen Widerspruch hinein, in einen 'Humanbellizismus', der ihre Gestalt und ihre Gestalten (wenn man an Blair und Scharping denkt) inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Auch die europäischen Konservativen hatten und haben Schwierigkeiten, ihre Position zu formulieren. In seriösen Blättern wie Le Figaro und Le Monde standen die seltsamsten Verschwörungstheorien über den Krieg in Jugoslawien. Zum Beispiel: a) Die USA wollen durch die Zerstörung der Souveränität von Staaten wie Jugoslawien und Rußland, die sich der 'Modernisierung' widersetzen, eigentlich nur überall den ultrafreien Markt und eine wilde Deregulierung durchsetzen. b) Die militärische Kampagne der NATO wird von einigen finsteren europäischen Integrationisten unterstützt, die sich dadurch mehr Druck für eine politische Integration Europas, auf Kosten etwa Frankreichs, erhoffen. c) Washington verschärft die Krise auf dem Balkan, weil dies der einzige Weg ist, den Aufstieg eines mächtigen Europas als Rivale der USA zu verhindern. Nun gut.

Eines aber wenigstens ist klar. Der ökonomische Integrationsprozeß zwischen den G7-Ländern und zwischen der entwickelten und der unterentwickelten Welt hat eine neue, breite transnationale Elite geschaffen, geradezu eine 'Weltbourgeoisie'. Zu dieser Gruppe gehören nicht nur all jene, die verantwortlich für transnationale Konzerne und internationale Organisationen aller Art sowie in Kultur und Wissenschaft tätig sind. Dazu gehört auch eine neue Generation von Politikern.

Diese transnationale Oberschicht - zu welcher nun auch unsere rot-grünen Spitzenpolitiker gestoßen sind - verabscheut sympathischerweise Nationalismus und Provinzialismus. Man kann also schon verstehen, weshalb sie Milosevic nicht mögen. Manche von ihnen haben aber auch den Glauben an die Fortschrittsversprechungen der Moderne verloren - die so eng mit der Idee und Praxis des Nationalstaats verbunden waren. Zur neuen Elite gehören also auch solche, die ihre Ideen von der Welt und ihrer Beherrschung eher aus Vorstellungen beziehen, in denen Chaos und Undurchschaubarkeit die Stichworte sind. Und die auch einen wölfischen Frieden in Kauf nehmen. (In der Massenkultur haben Ridley Scott's 'Blade Runner', William Gibson's 'Newromancer' und Neal Stephensons 'Snow Crash' für eine solche Weltsicht die Bilder geliefert.)

Und so gibt es zwar heute in der Weltpolitik noch immer die vertrauten, 'harten', modernen Formen der Weltregulierung - zentriert um die USA als dem maßgeblichen 'internationalen Sicherheitsstaat'.

Es gibt aber auch schon ganz neue, 'weiche', postmoderne Formen der Weltderegulierung (die auch eine Herrschaftsform darstellen). Auch diese Entwicklung geht aus von den USA, diesmal in ihrer Eigenschaft als Hauptproduzent von massenkulturellen Träumen und Alpträumen und als Verbreiter des Internet, des Deregulierungsinstruments schlechthin.

Deregulierung als Herrschaftsform tritt deutlich hervor, wenn wir auf den fürchterlichen Frieden im Kosovo blicken. Alle Spuren von Lokalität sind durch das Wirken der 'globalen' Medien zerstört. Die Reporter von CNN wissen nichts vom kleinen Frieden und von den privaten Beziehungen, welche dort das Leben einst wenigstens erträglich machten. Diese Reporter kennen nur das Gesetz des Dschungels. Und Spiegelbilder des Dschungels stellen sie aus den flüchtigen Impressionen und aus dem Material ihrer Archive her - unter Einschluß der lokalen Erscheinung struktureller Deregulierung: der UCK. So hält Massenkultur der untersten Art Einzug in diese Region, mit Allegorien einer Globalisierung, in welcher der Mensch des Menschen Wolf bleibt.

"Das ist die materielle Situation: Überschuldungskrisen führen zu Handelskriegen und zu etwas ganz Neuem: Pan-Kapitalismus und seiner unausweichlichen mörderischen Alternative - Faschismus. Und dieser Kapitalismus muß sich des Faschismus erwehren ohne die Hilfe der Sozialismus - denn der ist in jeder Beziehung tot. Das ist der politisch-ökonomische Konflikt der Gegenwart, durchschossen an jedem Punkt durch die Prozesse der Virtualisierung. Gibt es einen virtuellen Faschismus? Aber sicher: Pan-Kapitalismus, der die Virtualisierung auf die Spitze treibt, erzeugt sich mit dem virtuellen Faschismus seinen mörderischsten Doppelgänger." (Arthur Kroker / Michael Weinstein)

 

Who Rules the World?

Vor einigen Jahren vertraute der Co-Chairman des Rates des World Economic Forum in Davos, Maurice Strong, einem Reporter die groben Umrisse eines Romans an, den er, Strong, 'könnte er nur schreiben', gern zu Papier brächte. Jeden Februar kämen ja in Davos über 1,000 CEO's, Regierungschefs, Finanzminister und führende Wissenschaftler zusammen, um den Gang der Welt für das folgende Jahr zu besprechen. "Was würde passieren", so Strong, "wenn eine kleine Gruppe aus dieser großen Runde zu dem Schluß käme, daß das Wohlergehen der Erde in erster Linie durch die reichsten Industrieländer gefährdet sei?...Um den Planeten zu retten, entscheidet die Gruppe, es sei ihre Pflicht, den Zusammenbruch der industriellen Zivilisation herbeizuführen!" Maurice Strong redet sich heiß: "Diese kleine Gruppe von world leaders bildet also eine Verschwörung mit dem Ziel, die Weltwirtschaft aus dem Lot zu bringen. Es ist Februar. Alle entscheidenden Leute sind in Davos. Die Verschwörer gehören zur Führungselite der Welt. Sie haben sich in den globalen Waren- und Aktienmärkten positioniert. Mittels ihres Zugangs zu den Finanzmärkten, zu den Computernetzen und zu den Goldreserven erzeugen sie eine Panik. Dann verhindern sie, daß überall auf der Welt die Finanzmärkte schließen. Sie blockieren das Getriebe. Sie heuern Söldner an, welche die übrigen Konferenzteilnehmer in Davos als Geiseln festhalten. Die Märkte bleiben offen..." Der Reporter kann seine Überraschung nicht verbergen. Maurice Strong, Co-Chairman des Rates des World Economic Forum, kennt diese Weltelite. Er sitzt im Zentrum der Macht. Er könnte das alles tatsächlich in Gang setzen. Strong fängt sich und schließt: "Ich sollte so etwas eigentlich gar nicht sagen."

Die neuen politischen Führungsschichten des Westens, vor allem die linken Baby Boomer, haben sich instinktiv der schwindenden Bedeutung formeller Regierungstätigkeit angepaßt. Unterstützt von den Massenmedien, versuchen sie als Einzelpersonen, als 'Stars', 'allgemeine Lösungen' und Strategien zu verkörpern.

Tony Blair zum Beispiel ist der erste europäische Regierungschef, der ganz bewußt seine begrenzten Handlungsmöglichkeiten auf nationalstaatlicher Ebene durch Hyperaktivität auf der globalen Bühne aufbessert. 'Globalisierung plus' hat Ralf Dahrendorf das genannt. New Labour vernachlässigt bewußt die traditionellen Aufgaben der Regierungstätigkeit und konzentriert sich auf die kulturelle und ethische Pflege des liberalen Marktgeschehens. Blair hat die Bewegungsmöglichkeiten, die der Regierung eines mittelgroßen Nationalstaats verbleiben, getestet. Sie sind minimal. Genau deshalb ist er auf eine Praxis der 'moralischen Führung' umgeschwenkt. Er glaubt inzwischen, schreibt die 'ZEIT', daß moralisch geprägter 'sozialer Interventionismus' weiter trägt als der traditionelle 'ökonomische Interventionismus' der Linken. Blairs 'neuer Gesellschaftsvertrag' zielt auf das 'Moderieren', nicht auf das 'Regieren'. So konnte der Brite im Krieg gegen Jugoslawien das sehr begrenzte militärische Engagement seines Landes durch eine forcierte 'global leadership' mehr als wettmachen.

Dennoch ist es sehr schwer geworden, diejenigen zu identifizieren, die heute 'die Richtlinien der Politik' bestimmen, vor allem die Richtlinien der 'Weltpolitik'. Niemand kann im Ernst glauben, daß diejenigen, die sich auf den Podien der NATO-Gipfel drängeln, um ihre Fotos schießen zu lassen, heute die alleinigen oder auch nur die wichtigsten Entscheidungsträger sind.

'Traditionelle' Regierungserfahrung spielt bei der Neuvermessung des Globus nur noch die zweite oder dritte Geige. Die Fähigkeit dagegen, von beweglichen Plattformen aus die 'geopolitische Dynamik' richtig zu sehen und einzuschätzen, steht immer höher im Kurs. Hier brauchen die transnationalen Eliten auch kompetenten Nachwuchs.

Die Kompetenz für neue Methoden der kognitiven 'Kartierung', für die Erprobung neuer Politikformen wird folglich intensiv gefördert. Es gibt dafür inzwischen ein gewaltiges Netz von Gruppierungen und Organisationen. Die Spinnen in diesem Netz sind die multinationalen Konzerne. Es ist eine sehr reale globale Machtstruktur - und dazu, sagen manche, auch eine konspirative.

In dieser Struktur agieren zum Beispiel:

Das 'World Economic Forum' oder die 'Davos Gruppe': gibt auf jährlichen Tagungen den Vertretern der wichtigsten Konzerne die Möglichkeit, sich mit Spitzenpolitikern, Medienleuten und den Leitern von Organisationen wie der World Trade Organization, der Weltbank und der OECD zu treffen. Der 'Bilderberg Club': gegründet 1954, wird von vielen für eine der mächtigsten informellen Gruppierungen von Wirtschaft und Politik gehalten. Die 'Trilateral Commission': ist aus dem Bilderberg Club hervorgegangen, um Asien, insbesondere Japan, miteinzubeziehen. Tausende von Unternehmen aus 130 Ländern gehören zur International Chamber of Commerce (ICC). Andere Organisationen dieser Art sind das 'Business Industry Advisory Committee' der OECD; das 'World Business Council on Sustainable Development'; die 'Climate Coalition' der Öl- und Autoproduzenten; die 'International Federation of Employers'; das 'US Council on International Business' ( cf. M.A.I., Multilateral Agreement on Investments); der 'Business Roundtable' der CEOs der größten US-Konzerne; der 'European Roundtable of Industrialists' usw.. Schließlich das 'Council on Foreign Relations', gegründet 1921, als eine besonders interessante Denkfabrik für weltpolitische Strategie-Expertise. Die Aktivitäten aller dieser Organisationen sind in den letzten Jahren dramatisch angestiegen. Ihr Einfluß wächst.

"Es ist schon eine seltene und in gewissem Sinne auch befriedigende Auszeichnung", schreibt Reginald Dale in einem Bericht über die Trilaterale Kommission, "sowohl von der Rechten als auch von der Linken bezichtigt zu werden, die Weltherrschaft anzustreben..."

 

Der ganz große Frieden

'Globalisierung verlangt nach einer globalen Ethik'. Diese Parole Hans Küngs ist strenggenommen der Ruf nach einer Revolution unserer gesamten Weltwahrnehmung. Doch anders als religiöse Führer glauben mögen, ist ein solcher Paradigmenwechsel noch nie vom Himmel gefallen. Jeder Umbruch im Denken, auch die Heraufkunft des Christentums, basierte auf der Ausweitung des Wissens und auf der Zunahme der Fähigkeiten des Menschen, seine Existenzbedingungen zu verändern. In diesem Sinne wäre auch eine globale Ethik mehr als das bloße Zusammenlegen der Klingelbeutel der großen Religionen. Sie käme nicht aus ohne eine wissenschaftliche Neubestimmung der Stellung des Menschen im Kosmos. Nicht von ungefähr beginnt ein neuer Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaften...

Der Hollywoodfilm 'Contact' - mit Jodie Foster - dreht sich um die SETI-Forschung. Der Inhalt: normale Wissenschaft, die nur an das Machbare, Verwertbare denkt, setzt sich mit phantastischer Wissenschaft auseinander, die Grenzen überschreiten und auch das Unwahrscheinliche zweckfrei erforschen will. Mithilfe von Radioteleskopen wird der Kontakt zu einer überlegenen kosmischen Intelligenz hergestellt. Ein geheimnisvoller Multimilliardär finanziert den Bau einer 'Kontaktmaschine', deren Baupläne die Extraterrestrischen sozusagen per Email geschickt haben. Das Verhältnis von Religion und Wissenschaft wird intensiv diskutiert. Amerikanische Astrophysiker sagen, 'Contact' sei der unerreichbar genaueste Film über kosmologische Fragen, der jemals aus Hollywood oder sonstwoher kam. Zu verdanken ist er Carl Sagan.

Schon mit jenem berühmten Apollo17-Photo des blauen Planeten aus dem Jahre 1972 entstand im kollektiven Bewußtsein ein anderes Bild von Globalität. Der Blick ins Universum, den heute das Hubble Teleskop ermöglicht, ist noch kaum verarbeitet. Und diese Anschauungswirbel erfassen die Massenkultur. Niemand kann sich ihnen entziehen. Es steht ein Wandel unseres Weltbildes an, der die Ausmaße der Kopernikanischen Wende erreicht.

Erinnern wir uns: mit der Kopernikanischen Revolution wurde der Horizont für die Entfaltung der Moderne ausgemessen. Der Mensch mußte sich auf die Existenz in einem insularen Sonnensystem einrichten, inmitten eines unüberquerbaren kosmischen Ozeans. Es wurde diese Isolation im Universum, diese Begrenzheit, welche die Energien der Moderne freisetzte, die diesen Planeten so vollständig umgeformt haben. Bis heute ist, nach der Eroberung unseres Planeten, die Eroberung des Sonnensystems das Paradigma moderner Naturwissenschaft.

Doch gleichzeitig bahnt sich eine neue Sicht auf die Stellung der Menschheit im Kosmos an. Zum Prozeß der Globalisierung gehören die Radioteleskope. Die Einsamkeit und Eingegrenztheit der menschlichen Spezies wird in Frage gestellt. Die Massenkultur ist voll mit solchen Bildern, aber auch der wissenschaftliche - oder wissenschaftsphilosophische - Diskurs.

Und genau in diesen Zusammenhängen bin ich auf ein anderes, ein postmodernes Globalethik- und Weltfriedensprojekt gestoßen. Auch das wird von einem Multimillionär gefördert. Er ist der dritte und letzte, von dem ich rede.

Er ist unter 30. Er bewegt sich im Zentrum der Kommunikationsindustrie, er hat als ein Silicon Valley Tycoon Milliarden gemacht. Jetzt ist er ausgestiegen und seit kurzem dabei, unter dem Namen 'International Space Sciences Organization' mit hunderten von Millionen Dollar Stiftungen usw. ins Leben zu rufen. Es geht ihm um peace, ecology, ethics. Er will die Möglichkeit eines globalen Paradigmenwechsels erzählen - vor dem Hintergrund einer Umwälzung unseres kosmologischen Weltbildes. Er benutzt dabei Vorstellungen, Bilder und 'Einsichten' aus den Reservoiren der Massenkultur (aus Star Trek, Akte X, 'Contact', Science Fiction generell). Er hat - in seiner leichten Verrücktheit - damit begonnen, für sich selbst die Geschichte von Religion und Wissenschaft neu zu schreiben. Seine Schriften sind gegenwärtig vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie einen der umfassendsten Textkörper (u.a. ein Buch von 600 Seiten) auf dem Internet darstellen, eigens aufwendig für diese Darstellungsform aufbereitet. Internet-, TV- und Spielfilmproduktionen stehen auf seinem Programm. In seiner religiösen tour d'horizon werden Themen wie 'Heiligkeit', 'Offenbarung', 'Lehre' mit den modernen Mythen um 'außerirdische Intelligenzen' verwoben. Seine 'phantastische Wissenschaft' ruht auf den neuesten Erkenntnissen der Astrophysik und Kosmologie. Ernsthaft wird das alles u.a. wegen seiner Rolle innerhalb der neuen 'Cyber-Eliten'. Auch steht er auf der exklusiven Liste der 'Global Leaders for Tomorrow' des World Economic Forum (Davos). Sein Name ist Joseph P. Firmage.

Das US-Verteidigungsministerium hatte im Mai, während des Jugoslawien-Kriegs, Firmage und andere VIPs zu einem mehrtägigen Besuch militärischer Einrichtungen eingeladen. Hier sein Kommentar, der seinen Gastgebern nicht unbedingt gefallen haben dürfte: "Wir sind in den Konflikt in Europa hineingeraten, weil dem internationalen System eine Vision für ein stabiles Zusammenleben der Völker fehlt, die leidenschaftlich verfolgte Idee eines Friedens in Vielfalt...Die Menschheit als System weigert sich, ihren Reichtum in die Jugend und in die Erhaltung der Erde zu investieren. Wir geben Billionen von Dollar jährlich für Armeen aus, um sie in symptomatischen Krisen einzusetzen. Aber wir wollen nicht sehen, daß Kräfte von solcher Größenordnung und operationellen Effektivität umgepolt werden könnten zu Organisationen, die durch weltweite Bildung und friedliche Hilfstätigkeit die Wurzeln menschlichen Leids beseitigen. Voller Stolz könnte das geschehen, als ein erster organisierter Schritt zu einem total social experience of Space and Earth. - Plädiere ich also", fährt Firmage fort, "für eine pazifistische Gesellschaft? Selbstverständlich, und zwar im Sinne eines konkreten Ziels, nicht nur einer Vision. Denn kann mir irgend jemand sagen, in was für einer anderen Welt er leben möchte? Gibt es irgendein Waffensystem, daß letztendlich nicht auch in die Hände von Terroristen fallen könnte? Wieviele Todesurteile sind so schon unterschrieben? Trotz aller Macht unserer Streitkräfte ist mir bei meinem Trip klargeworden, daß sie es niemals schaffen werden, die Drohungen auch nur eines Einzelnen, geschweige denn einer Nation, auszuschalten, die sich (und alles hat seinen Preis) in den Besitz von Massenvernichtungstechnologien bringen... Dennoch institutionalisiert die Menschheit weiterhin gewaltsame Konflikte und ungehemmten Egoismus. Früher wurden Menschen in Ketten geworfen. Heute gibt es unsichtbare, elektronische Fesseln der Sklaverei. Die Konkurrenzwirtschaft zerstört die Grundlagen der Biosphäre. Wir werden von einem ökonomischen System beherrscht, dessen Wachstum immer bewußter die natürlichen Grenzen überschreitet. Das mag zwar alles glänzend organisiert sein und auch gewisse neue Freiheiten erschließen. Aber es ist kein sich selbst erneuernder Kreislauf. Was Investoren mithilfe unserer Konzerne der Erde entnehmen, wird der Erde nicht mehr zurückgegeben." Das alles, den wölfischen und den großen Frieden, sieht Joe Firmage durch das Hubble Teleskop.

Durch die informationstechnologische Wende in der globalen Ökonomie tauchen in den Oberschichten des Spätkapitalismus ganz neue Eliten auf. Selbstgemachte Milliardäre aus der Wissensindustrie - wie Bill Gates oder Firmage - beanspruchen unmittelbare moralische und kulturelle Meinungsführerschaft. Doch sie können sie, auch durch das Internet, nicht realisieren. Es gibt Grenzen; so wie es Grenzen des Anteilseigentums an diesem Planeten gibt.

Auch wenn private und lokale Probleme der Superreichen auf überraschende Weise zu globalen Angelegenheiten werden: direkt kann Konsensus von 'Oben' nicht mehr erzeugt werden. Die Dinge sind zu komplex. Globaler Konsensus ist heute nur vermittelt über die Massenkultur zu erreichen. Und das ist ein hochvermittelter Prozeß - voller Entfremdung und voller Hoffnung. Er schließt kulturelle Verwirrung ein, aber kulturelle Diktatur aus.

Dies ist der Raum für neue Politikformen. Sie verlangen von uns vor allem den Erwerb massenkultureller Kompetenz. Wie bei Joe Firmage zu beobachten, der gerade mit Aplomb seine 'International Space Sciences Organization' vom Stapel gelassen hat.

Der Punkt, den ich hier erst einmal erreicht habe, in Sachen kleiner und großer Frieden wenigstens, ist folgender:

Hinter allen derzeitigen Versuchen, die Frage zu beantworten wie es weitergeht, steckt als äußerster Horizont die Möglichkeit einer Einheit in Vielfalt unter Einschluß der kosmologischen Dimension, wie sie die Massenkultur im globalen Maßstab umtreibt.

Die Massenkultur ist hinsichtlich der Ausleuchtung der globalen Probleme heute in einem gewissen Sinne weiter als die Politik. Sie kann nämlich die harten ökonomischen und politischen Fakten auf letztlich nicht zensierbare Weise (und oft nur verständlich für das politische Unbewußte) in Allegorien kleiden - und ist dabei zugleich selbst ein hartes ökonomisches Faktum!

Und Massenkultur kann Ambivalenzen austragen. Zum einen ist sie ein einziger Schrecken. In historisch nie gekanntem Ausmaß zwingt sie uns eine Standardisierung alles Guten und Schönen nach dem Muster des US-amerikanischen Konsumismus auf. Zum anderen ist Massenkultur eine Hoffnung. Fredric Jameson bringt diese Hoffnung auf die Formel, daß die Menschheit sich durch den Prozeß der medial vermittelten Globalisierung "ein immenses urbanes interkulturelles Fest ohne Zentrum und ohne die Dominanz eines bestimmten kulturellen Modus" bereiten wird. Vielleicht sogar noch mehr.

In jedem Fall werden wir als Antrieb für die Fähigkeit, mit diesen Drohungen und Hoffnungen produktiv umzugehen, mehr massenkulturelle und mediale Kompetenz brauchen.

Nicht zuletzt Friedenspolitik wird sich speisen müssen aus den 'Verrücktheiten' des massenkulturellen Diskurses zwischen Wissenschaft und Religion, den ich angesprochen habe. Auch er ist Vorschein einer Geschichtsepoche, für die es bis jetzt nur die Namen Postmoderne und Spätkapitalismus gibt.

Die Zeitung Le Monde bezeichnet das gemeinsame Strategiepapier von Blair und Schröder als eine 'kopernikanische Wende'. Vielleicht sollten die beiden, wenn sie schon einen Paradigmenwechsel anstreben, doch noch etwas länger und genauer durchs Hubble Teleskop schauen. Und sich auch 'Air Force One' noch einmal ausleihen.

 

basiert auf einem Vortrag
('Karls Ruhe und Welts Frieden')
gehalten an der
Universität Karlsruhe am 17.6.1999

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