Hans  Jürgen Krysmanski

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uni-muenster.de

 

 

Indifferenz und Desintegration

Grenzen einer Soziologie der Moderne

Modernisten und Postmodernisten

Die Moderne hat schon vor geraumer Zeit mit Anstrengungen wie denen von James Joyce, dem Bauhaus, Pablo Picasso und vielleicht Talcott Parsons ihren kulturellen Zenith, mit der IG Farben, mit Auschwitz, Hiroshima, dem sowjetischen Gulag und dem amerikanischen Vietnam letzte Tiefen erreicht. Darüber hinaus? Jedenfalls kann sich die Moderne das eigentlich Neue an der informationellen Revolution, von der jedermann redet, nicht auf ihre Fahnen schreiben. Die Moderne hat sich ausgelebt.

Um so verwunderlicher ist die Selbstgefälligkeit, mit der deutsche Soziologen - in anderen Ländern ist das anders - bis heute von der Zukunft ‘moderner’ Gesellschaften schwadronieren. Das kleine Fach, durch eine entschlossene Okkupation aller Opportunitäten in Ostdeutschland mit der berühmten ‘zweiten Puste’ ausgestattet, ist damit allerdings nicht allein. Die Moderne ist auch anderswo, z.B. in Innenstädten wie denen von Köln oder Frankfurt - oder am Spreebogen - und in Planungsbehörden, Ministerien, Industriebürokratien usw., unter die Spießer gefallen. Durch Gernegroße am Leben gehalten, gewinnt sie ganz allgemein, nicht zuletzt mit Hilfe der Blairs und der Schröders, als Modernismus, als interessengetränkter Mythos, als ‘Moderne II’ usw. eine klebrige Kraft des Überdauerns, weit über jede reale Basis hinaus.

Für die deutschen Bürger und Kleinbürger ist das Festhalten am modernistischen Ideologem vielleicht nicht nur verständlich, sondern sogar entschuldbar, weil die Deutschen von den Segnungen der Moderne eigentlich erst durch die Re-education erfahren haben. Der zivilgesellschaftliche Nachholbedarf war in diesem Land so groß, daß Fredric Jameson dem Pro-Modernisten Jürgen Habermas noch 1991 tröstend zurufen konnte: "The triumph of a new McCarthyism and of the culture of the Spiessbürger and the philistine suggests the possibility that in this particular national situation [you] may well be right, and the older forms of high modernism may still retain something of the subversive power they have lost elsewhere." (Jameson 1991:59)

Doch ist es an der Zeit, auch in der Soziologie über das ganze Ausmaß des Zustandes der Moderne zu diskutieren. Vielleicht beginnt man dabei am besten mit einem Hinweis auf den Zustand des antinomischen Denkens in der soziologischen Theorie.

Wenn jemand wie Stefan Hradil unter ‘Erwachsenwerden’ des Faches versteht: solide theoretische und methodische Grundlagen, und unter soziologischer ‘Pubertät’: Streit über Grundlagen und Forschungsgegenstände (Hradil 1997:52), so hat er schon auf pfiffige Weise eine ehrwürdige Antinomie der Gesellschaftswissenschaften erledigt, die zwischen Harmonie und Konflikt. Noch eleganter ist die in theoriepolitischen Verlautbarungen der ‘Deutschen Gesellschaft für Soziologie’ (DGS) ausgemalte Schein-Antinomie von Differenz und Integration, welche eine ‘solide’ soziale Entwicklung suggeriert, in welcher Differenzierungen unweigerlich integrativ eingeholt, Integrationen erholsam aufgelockert werden. Von dem, was in den eigentlichen Antinomien - Differenz/Indifferenz, Integration/Desintegration - an gesellschaftlicher Problematik aufscheint, muß dann, beruhigenderweise, nicht mehr geredet werden.

Von den großen Antinomien - Geschichte und Eigensinn, Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, selbst Handlung und Struktur - ist ohnehin nichts mehr zu hören. Vielleicht sollte man sie auch noch etwas ruhen lassen. Doch zumindest die sich allmählich in den Fachdiskurs einfädelnde Antinomie Modernismus/Postmodernismus (Lüscher 1997) verlangt unmittelbare Aufmerksamkeit. Denn mit den Aussagen der Postmodernisten über eine neuartige, zwischen ‘global’ und ‘lokal’ oszillierende kulturelle Logik ist die Vorstellung verbunden, daß der Übergang von früheren Entwicklungsstufen des Kapitalismus zur heutigen Konsum- und Informationsgesellschaft durch eine radikale strukturelle Differenz bestimmt ist.

Zunächst jedoch interessiert hier weniger der Streit zwischen Modernisten und Postmodernisten - und noch weniger das abgrundtiefe Unverständnis der meisten deutschen Marxisten gegenüber dem Phänomen - als vielmehr der erkenntnistheoretische Gewinn, der sich aus dieser Antinomie ziehen läßt: "namely, that the dualism be used in some sense against itself, like a lateral field of vision requiring you to fix an object you have no interest in." (Jameson 1991:66)

Dadurch, so Jameson, erfahren wir möglicherweise nicht viel über die Postmoderne, sondern, gegen deren eigenen Willen, einiges über die Moderne - aber dann auch wieder umgekehrt, obgleich die beiden ja keineswegs ein symmetrisches Gegensatzpaar bilden. Mit etwas Glück verflüchtigen sich im beschleunigten Hin und Her zwischen beiden Perspektiven dann wenigstens die Selbstbeweihräucherungspose und der altmodische Moralgestus der Moderne.

Geldreich, zeitarm: die neuen Eliten

Kurt Biedenkopf hatte bei der Eröffnung des Dresdner DGS-Kongresses bereits listig am Topos der Moderne, an der heilen Welt der deutschen Soziologie gekratzt: "Der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ist, daß einfache Dienstleistungen in Deutschland nicht nur kein Ansehen genießen, sondern bei dem größeren Teil der Bevölkerung eher das Gefühl auslösen, daß derjenige oder diejenige, die solche einfachen Dienstleistungen auf dem ersten Arbeitsmarkt erbringt, eigentlich zu bedauern sei." (Biedenkopf 1997:69) Mit diesem angedeuteten Verlangen nun auch der deutschen Elite nach mehr wohlfeiler Dienstleistungsbereitschaft wird die Berliner Republik, kaum daß sie die ‘wahre’ Moderne versprach, schon wieder verlassen.

Denn man sollte Biedenkopf nicht unterstellen, daß sein Konzept ‘Von der Arbeits- zur Bürgergesellschaft’ auch nur das geringste mit der Belebung klassischer Bürgertugenden zu tun hat. Nein, seine Hoffnung auf die ‘identitätsstiftende Wirkung’ einer lokalen, kommunitären Kultur dienstleistungsbereiter Menschen meint im eisigen Wind der Globalisierung genau das Spiel der transnationalen Konzerne, sich ins Herz lokaler und regionaler Kulturen zu insertieren, um auch noch die letzten Profit- und Beschleunigungspotentiale zu aktivieren. Und dieses Ziel kann in der Tat nur erreicht werden, wenn die Karten zwischen den global agierenden Eliten (oder Reichen oder Oberschichten) und den lokal verankerten Mittelschichten neu gemischt werden.

Die deutsche Soziologie hat sich niemals mit der unbekümmerten angelsächsischen und auch der welschen Oberschichtenforschung anfreunden können. Bernt Engelmanns Bücher wurden professionell totgeschwiegen. Helmut Schelskys dröhnendes Wort von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft wirkte lange einschüchternd. Die ost- und westdeutschen Marxisten verhaspelten sich in der labyrinthischen Konstruktion des ‘Staatsmonopolistischen Kapitalismus’. Bernard Schäfers und seinesgleichen hatten die wenigsten Probleme: für sie hörte die Sozialstruktur mit der oberen Mittelschicht auf.

Nun kommt aus den USA einer daher, der wissen muß, wohin die Moderne sich neigt. Robert B. Reich, Professor für Sozial- und Wirtschaftspolitik an der Brandeis University und Arbeitsminister in der ersten Clinton Regierung, deutet in einem kleinen Artikel, A New Elite Is Busily Changing the Way America Works, auf eine erstaunliche Entwicklung im Verhältnis der wirtschaftlich relevanten Klassen. Hier wird, für uns, Biedenkopfs Projekt kontextualisiert und über die Schwelle Sachsens getragen. Und noch ehe die Klassentheoretiker sich wieder sammeln, sind sie erneut herausgefordert.

Reich, offensichtlich ein Vielflieger, beschreibt, wie die amerikanischen Fluggesellschaften ihre First- und Business Class auf 22 Prozent der Sitze ausgebaut haben, wie ‘vorne’ zwischen den Reihen üppige 55 inches, ‘hinten’ nur 31 inches Fußfreiheit zur Verfügung stehen. "Die Ränge derjenigen in Amerika, die Geld haben, wachsen, und die Märkte reagieren mit mehr Raum und besseren Dienstleistungen. Diese neue Klasse der Reichen hat andere Gewohnheiten als die Oberschicht früherer Zeiten. Die heutige Geschäfts- und Berufselite - investment bankers, corporation lawyers, jackpot entrepreneurs, real estate developers, entertainment moguls - ist in ständiger Bewegung. Sie arbeiten und spielen auf dem Sprung, sind geldreich und zeitarm." (Reich 1998)

Auch am Boden möchten die neuen Eliten Spitzentransport, was den Anstieg der limousine services und des Verkaufs von Luxusautos erklärt. Während des letzten großen New Yorker Taxi-Streiks beherrschten denn auch Konvois schwarzer stretchcars die Fifth Avenue. Überhaupt: Diese neue Wirtschaftskultur engt die Mittelschichten ein, nicht nur buchstäblich. Die Immobilienpreise in akzeptablen städtischen Vierteln steigen; wo wenig Platz ist, werden Luxus-Wohnungen gebaut.

Die neuen Eliten verlangen nicht nur die besten Plätze, sie wollen auch mehr Aufmerksamkeit. In den neuen Appartmenthäusern wimmelt es von dienstbaren Geistern, desgleichen in den teuren Boutiquen, Restaurants und Hotels. Hinzu kommen Scharen von personal trainers, masseurs, physical therapists, guides, counselors, decorators, planners und advisers für Körper und Seele. Bis 2005 wird in den USA die Zahl der physical therapists laut amtlicher Statistik um 76 Prozent, die Zahl der Gärtner, Köche und Oberkellner um 40 Prozent ansteigen.

Die Mittelschichten können solche persönlichen Dienste nicht mehr bezahlen, sie weichen auf Automaten aus: in den Banken, in den Supermärkten, an den Tankstellen. "Das ist die Ironie des Ganzen. Die meisten der zig Millionen personal attention jobs, die in den letzten Jahren für die neue Elite geschaffen wurden, werden von derselben Mittelschicht ausgefüllt, die heute in die billigen Sitze und aus den Innenstädten gepresst wird." (Reich 1998) Die früheren Bankangestellten, Kraftfahrzeugmechaniker, Fabrikarbeiter finden sich auf Arbeitsplätzen wieder, deren Wert durch die Qualität der Aufmerksamkeit bestimmt ist, die sie Leuten widmen müssen, die unerreichbar besser leben als sie und ihre Nachbarn.

Dem Umfeld eines der Superreichen der Bundesrepublik gelang es sogar, einen unserer besten Soziologieordinarien zu der höchst gefährlichen persönlichen Dienstleistung zu bewegen, an dessen Entführer 30 Millionen Mark Lösegeld zu überbringen.

Natürlich, auch die klassischen Oberen Zehntausend hatten Bedienstete, vom anderen Ende der Stadt, die sie umsorgten und kutschierten. Doch mit der industriellen Massengüterproduktion und standardisierten Dienstleistungen entstand eine breite, relativ unabhängige Mittelschicht. Das war eine große soziale und ökonomische Errungenschaft des modernen Kapitalismus. Mit dieser Mittelschicht geschieht heute etwas. Immer weniger ist sie in der Mitte. Immer mehr schwindet ihre Hoffnung, jenem entfremdeten Zustand zu entgehen, der darin besteht, vom Wohlwollen Höherer abhängig zu sein. Die Moderne hatte den Bürgern die Freiheit versprochen. Auf dem Weg in die Postmoderne schwindet sie ihnen, inch um inch, wieder dahin.

Die Indifferenz der neuen globalen Eliten gegenüber solchen Desintegrationserscheinungen bei den lokalen Populationen ist groß. Geldreichtum, Zeitarmut und die Verfügung über Scharen von Spezialisten der Dienstbarkeit erzeugen Zustände partiellen Wirklichkeitsverlusts weit unterhalb der Kulturvollkommenheit früherer herrschender Klassen, die sich ja gerade Muße oder, im Falle der Bourgeoisie, abgeklärte Aufklärung erkaufen konnten. Heute fehlt Gelegenheit zur Muße und zum Durchblick, weil das Beschleunigungsinstrumentarium der informationellen Technologien diese Eliten bis zur Erschöpfung auf Trab hält.

Auch für die Sozialwissenschaften hat sich so die Entfremdungsspirale immer schneller gedreht - Indifferenz ‘oben’ und ‘global’, Desintegration ‘unten’ und ‘lokal’. Und die örtliche Soziologie, großgeworden mit dem Sozialstaat, genährt von den Mittelschichten, die DGS-Kongreßbände der letzten Jahre unterm Arm, steht verunsichert am Straßenrand und wartet auf das letzte Taxi, oder vielleicht auch nur auf die nächste Katastrophe, während die Luxuslimousinen vorüberschnurren.

Wenn das Öl ausgeht

Im Verlaufe der letzten zehntausend Jahre sei unser Planet doch ein stabiler Ort gewesen und diese Stabilität habe unter anderem erst die Grundlagen für die Versicherungswirtschaft geschaffen, schreibt Bill McKibben im Atlantic Monthly. Was bedeutet es dann wohl, fragt er weiter, daß heute unter allen großen Geld- und Machtkonzentrationen auf dieser Welt es ausgerechnet die Versicherungsunternehmen sind, welche die Klimakatastrophe und andere ökologische Risiken immer ernster nehmen?

Nun, diese Beobachtung zeigt, wie dramatisch die Lage ist. Doch das hatte vor Jahren schon der Gerling-Konzern unseren führenden Soziologen gesteckt. Und ohne diesen Sponsor aus der Versicherungswirtschaft hätte das Theorem der ‘Risikogesellschaft’ nicht so prächtig gedeihen können. Jetzt ist es Konsens: "The next fifty years are a special time. They will decide how strong and healthy the planet will be for centuries to come." (McKibben 1998:78)

In der ‘Deutschen Gesellschaft für Soziologie’ dagegen verkündet die neugegründete Sektion Ökologie&Gesellschaft in aller Naivität, sich erst einmal darauf konzentrieren zu wollen, die seit so langer Zeit vom ‘Sozialen’ geschiedene ‘Natur’ wieder in die "verschiedenen verhaltens- und wissenssoziologischen Ansätze" einzuführen. (Soziologie 1998:83) Schön, daß es die Wissenssoziologie noch gibt. Die Probleme aber drängen; und fast alles konzentriert sich auf die Energiefrage.

Die Moderne kann ihre Babynahrung, die Kohle, kaum noch vertragen, und über ihrer Paradekost, der Kernspaltung, ist sie vorzeitig gealtert. Allein noch das Öl fließt scheinbar ungehindert. Alles ist auf Erdöl gebaut, mit einem weltweiten Verbrauch von jährlich fast 4 Milliarden Tonnen, davon 28 Prozent in Nordamerika und 20 Prozent in Westeuropa. Doch der Niedergang der Ölproduktion hat begonnen. Zwar vermag auf den ersten Blick die Entdeckung neuer Ölreserven das sinkende Angebot noch auszugleichen. Aber die Neuerschließungen basieren auf Technologien, die sehr teuer sind, so daß auf jeden Fall die Preise steigen werden. Die Zahlen sprechen für sich: in den 90ern entdeckten die Ölkonzerne jährlich 7 Milliarden Faß neu; schon 1997 wurde jährlich aber dreimal mehr gefördert. (Campbell/Laherrère 1998)

Ein interessanter Zugang der Soziologie zum Energieproblem ist die Mobilkultur, denn 60 Prozent des geförderten Erdöls gehen in den Verkehrssektor. Auf Deutschlands Straßen werden die Glanzkarosserien des Automobil-Leitbilds der Moderne, der ‘Rennreiselimousine’ (Canzler 1996), täglich tausendfach verformt. Einst für die Reichen aus dem logistischen Kontext des Transports von Körpern und Gütern herausgelöst, befriedigen diese Gefährte nun das allgemeine Konsumbedürfnis der reinen Bewegung. Doch was sie ökonomisch-rational leisten, könnten Tuktuks, Deux Chevaux und selbst Trabbis genauso gut, so daß mittlerweile klar sein dürfte: Millionen in BMWs dahinrasende Chinesen und Inder und eine auf Dauer gut geölte Automobilindustrie wird es nicht geben.

Der Aporie der Räume folgt die Aporie der Zeit. Aus der physischen Beschleunigung des Gütertransports in der ersten Phase des Kapitalismus und der Hyperbeschleunigung des Menschen per se in der Hochmoderne konstituierte sich das Naturbeherrschungs- und allgemeine Entfremdungsprofil des Spätkapitalismus. Dahinter stand - als allgemeine Produktivkraft - die Ungeduld mit den zeitlichen Abläufen der Natur, der Drang, natürliche Abläufe zu ‘optimieren’.

Das kapitalistische Verwertungsverhältnis basierte darauf, daß real time unterbrochen, künstliche Fristen gesetzt, Lebenszeit terminlich fixiert, Eigentumsprämien in ‘zeitlich versetzter’ Weise versprochen, zurückgehalten und eingetrieben wurden. Diese vertraglich und spekulativ verfremdete Zeit - in welcher sich die kapitalistische Grundoperation des Beleihens und Kreditierens vollzieht und ihrerseits erst die ‘Wertschöpfungsdynamik’ zwischen Kapital und Arbeit in Gang setzt (Heinsohn/Steiger 1996) - hat inzwischen die Lebensaktivitäten der ökonomischen Akteure so beschleunigt, daß sie sich - im Zentrum des Wirbels, wo die Rollen des ‘Unternehmers’ und des ‘Arbeitnehmers’ unentwirrbar werden - in einem Zustand der äußersten physisch-psychischen Selbstausbeutung wiederfinden.

Schon führen Pariser Zeitinspektoren, im Kampf gegen workaholism, Razzien in den oberen Konzernetagen durch, "erpicht darauf, Manager und Top-Spezialisten daran zu hindern, länger zu arbeiten als es die offizielle 35-Stunden-Woche erlaubt" , wie die International Herald Tribune (12.6.1998) unter dem Titel French Workaholics Beware: The Law is Moving In berichtet.

Da hilft es auch nichts, daß in der Wirtschaftssphäre mit den Informationstechnologien ein virtueller Ersatz für die physische Hektik der Moderne entsteht. Der einschlägige Hype spricht zwar von einem weiteren, enormen Beschleunigungsschub. Doch sieht es so aus, als unterstützten die Netze langfristig andere Bewegungsmodi als die dem Kapitalismus der Moderne zugrunde liegenden Mechanismen der ‘versetzten’ Zeit. Das Zeitziel der Computer ist real time: physikalisch beschleunigte, aber nicht mehr vertraglich und spekulativ ‘optimierte’ Zeit. Im Kampf zwischen diesem informationstechnologisch aufscheinenden, ‘alles’ ermöglichenden Zeithorizont und dem restringierenden Zeitrhythmus der Moderne spielen heute fast alle sozialen Bewegungsabläufe ‘verrückt’. Dies ist die Verunsicherung im gesellschaftlichen Sein, welche die ‘Postmodernisten’ meinen.

Aus Gesellschaft wird Aktiengesellschaft

Zu allem Überfluß dringt der Surrealismus, dieses Kulturprodukt der Hochmoderne, in die ökonomische Logik ein. Die Zeit berichtet, unter der Überschrift Aktiengewinne sind etwas Wunderbares. Die Taschen füllen sich ohne irgendeine Arbeit, von Prinz Al-Waleed Bin Talal Bin Abdulaziz Al Saud. Der Prinz, Neffe des Königs von Saudi-Arabien, hatte allein mit seinen Citicorp-Aktien über Nacht 1,6 Milliarden Dollar verdient. Grund war ein kräftiger Kursanstieg nach der Ankündigung einer Fusion des Geldhauses mit der Travelers Group. Vor acht Jahren war der Prinz mit 800 Millionen Dollar bei Citicorp eingestiegen. Seitdem brachten die Papiere ihm mehr als 7 Milliarden Dollar. "Wer es ihm gleichtun möchte, dem empfiehlt er, Aktien von Unternehmen zu kaufen, die in Schwierigkeiten sind, aber einen guten Namen haben. So einfach ist das." (Die Zeit 16.4.1998:29)

Diese ‘Des-Ökonomie’, zu der auch die 800 Milliarden Dollar Drogengeld gehören, die jährlich gewaschen werden, ist mehr als eine Irritation geworden für Modernisten und Marktrationalisten. Hier meldet das alte, allgemeine Problem des Finanzkapitals sich unüberhörbar zurück: "Why monetarism? Why is investment and the stock market getting more attention than an industrial production that seems on the point of disappearing anyway? How can you have profit without production in the first place? Where does all this excessive speculation come from? Does the new form of the city (including postmodern architecture) have anything to do with the very dynamic of land values (ground rent)?" (Jameson 1997:246)

Bodenspekulation größten Ausmaßes und der globale, sekundenschnelle und kaum regulierte Aktienmarkt sind die dominanten Wirtschaftssektoren der fortgeschrittenen Gesellschaften. Im Anschluß an Arrighi (1994) läßt sich sagen, daß dieses neue Stadium der spekulativen Finanzexpansion genau die Form ist, mit welcher der Kapitalismus auf sein schwindendes produktives Momentum reagiert. Profite werden zunehmend aus heimischen Industrien abgezogen, um sich als flüchtiges Kapital nicht auf Warenmärkten, sondern durch pure Finanztransaktionen zu multiplizieren.

Die Fiktion bleibt bestehen, daß Börsianer, da sie ja behaupten, mit futures, mit Zukunftserwartungen zu handeln, in letzter Instanz doch auf produktionstechnische Fortschritte setzen, z.B. in der Gen- und Nanotechnologie, in der Kernfusion usw. Doch angesichts der weltweiten Überproduktion und einer überstrapazierten Biosphäre ist das eher eine Hoffnung auf ‘Wunderwaffen’, wie man sie auch von anderen Endzeiten kennt.

Nun handelt es sich aber andererseits noch immer um eine Entwicklungsstufe des Kapitalismus. Insofern bleiben gerade die zentralen Fragen nach den Abhängigkeits-, Ausbeutungs- und Entfremdungsstrukturen in der ‘Aktiengesellschaft’ nach wie vor der sozialwissenschaftlichen Klassik verbunden. In den Zentren setzt zwar eine massenhafte Metamorphose von Arbeitnehmern zu (scheinselbständigen) Unternehmern ein (Zielcke 1996). Doch zugleich entsteht außerhalb der aktiengesellschaftlichen Profitspirale ein (noch diffuses) Weltproletariat (Wallerstein 1995). Und während der neue alte Bourgeois erfolgreich ‘globalisiert’, gebärdet sich sein Alter Ego, der Citoyen, aufgeschreckt wie seit 1848 nicht mehr.

Ganze Hefte widmet beispielsweise Die Zeit der Welt der unbesteuerten Spekulationsgewinne: Wie lange könne es eine Gesellschaft verkraften, daß Leute mit wenig Einsatz an der Börse Summen verdienen, für die qualifizierte Arbeiter und Angestellte viele Monate lang hart arbeiten müssen? Welcher soziale Konfliktstoff liege in der Tatsache, daß seit Anfang 1995 der deutsche Aktienindex auf mehr als das Zweieinhalbfache gestiegen ist? Es sei doch, fahren die Zeit-Leute fort, eine illusionäre Vorstellung, daß das Geld, das jetzt an den Börsen verdient wird, jemals von realen Unternehmen wieder erwirtschaftet wird. Selbst Anlagefonds und Pensionskassen, die das Geld der kleinen Leute sammeln und damit an der Börse Aktien kaufen, verlangten inzwischen schon eine Rendite von jährlich zwanzig Prozent. So werde mit jedem weiteren Kursanstieg die Spekulationsblase weiter aufgebläht, bis sie - wann auch immer - platzt. (Die Zeit 16.4.1998:passim)

Im Kern solcher Verhältnisse begegnen uns die schon erwähnten geldreich-zeitarmen Eliten, wie sie Massenheere von Kleinaktionären um sich scharen. Diesem Kleinvieh, das sehr viel Mist macht - einer besonderen Gestalt der Mittelschichten - geschieht etwas ganz Entsetzliches. Seine reell erworbenen Dukaten (und seien es nur Pensionsansprüche) werden in surreale Scheinanteile umgewandelt. In historisch kurzen Perioden mag dieser Umtausch zu wunderbaren Geldvermehrungen auf vielen kleinen Depots führen; doch wenn im Glauben, etwas Nützliches zu tun, die kleinen Aktionäre sich immer mehr Zeit zum Spekulieren nehmen, werden sie über kurz oder lang gerade deswegen ihr gutes Geld verlieren.

Die großen Aktionäre dagegen - institutionelle Anleger und auch ihre kriminellen Pendants - haben ein globales Schneeballsystem aufgebaut, das sich dank der Netze sehr wohl steuern läßt, dem letztlich die Spekulationsgewinne aus den Massentransaktionen der Mittelschichten zufließen und das, außerhalb der finanzkapitalistischen Spirale, bestimmten Segmenten der Powers That Be die Möglichkeit zu gewaltigen realen Umverteilungsoperationen verschafft, insbesondere hinsichtlich der Aneignung ressourcenreicher Territorien, groß und klein.

Zugleich florieren alle diese Transaktionen nur, wenn sie sich eine Welt nach ihrem Bilde schaffen. Deshalb, schreibt Jameson, kann die ökonomische Spirale der Abstraktionen, vom Produktions- oder Warengeld zum Finanzgeld, vor allem in ihren kulturellen Ausdrucksformen erfaßt werden. Gegenüber den Zeiten von Georg Simmel, Rudolf Hilferding und W. I. Lenin, die sich vor achtzig und mehr Jahren mit der Rolle des Geldes in der ‘modernen Gesellschaft’, im ‘Imperialismus’, beschäftigt hatten, besteht unser eigener historischer Augenblick des Finanzkapitals darin, daß die Produktion und die Konsumtion von Massenkultur, eins mit dem Prozeß der Globalisierung und den neuen Informationstechnologien, zu ebenso grundlegenden ökonomischen Aktivitäten geworden sind wie alle anderen Operationen des Spätkapitalismus (Jameson 1997:252). Mehr noch: die bewußtseinsindustriell produzierte globale Massenkultur wird identisch mit dem Milieu, in welchem diese Ökonomie ihre Dynamik optimiert.

Wenn also, mit anderen Worten, Reichtum sich nicht mehr über Produktion und Warentausch, sondern direkt in Kapital verwandeln kann, wirkt diese Autonomisierung des Prozesses der Kapitalakkumulation mit ihrer eigenen, spezifischen, ‘kulturellen’ Logik auch auf die Produktion und Konsumtion von Gütern, auf die einzelnen Unternehmer und einzelnen Arbeitnehmer, ja auf den gesamten gesellschaftlichen Zusammenhang zurück. In diesem Augenblick, könnte man sagen, verwandelt moderne Gesellschaft sich in postmoderne Aktiengesellschaft.

Die Grenzen der Postmoderne

Und nun geschieht etwas außerordentlich Seltsames. Die Transaktionen des postmodernen, des ‘surrealen’, des ‘absurden’ Finanzkapitals - "messages that pass instantaneously from one nodal point to another across the former globe, the former material world" (Jameson 1997:260) - müssen sich nämlich, und das löst eine Lawine von Widersprüchen aus, allmählich, ganz allmählich, der informationstechnologischen Logik unterwerfen, welche unwiderstehlich zu Operationen in real time tendiert.

Die futures, die Zukunftserwartungen, auf die gesetzt oder gewettet wird an den Börsen, vertragen keine real time. Der Kapitalismus in jedweder Form funktioniert, wie gesagt, auf der Basis vertraglich und spekulativ restringierter Zeit. Nur so kann seine Grundoperation des Beleihens und Kreditierens sich vollziehen. Auch die wirtschaftstheoretische Diskussion beginnt, vor allem um den Begriff der ‘Eigentumswirtschaft’ (Heinsohn/Steiger 1996), den Abstraktionsspiralen des Finanzkapitalismus in jene zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Kondition aufgeschaukelte Verfremdung der Zeit zu folgen - und damit die Postmoderne auf ihre Weise zu begreifen.

Und ausgerechnet in diesem Augenblick strebt die vernetzte Computerwelt nach Realzeit in der Ökonomie! Sie stößt damit ein Zeittor der Geschichte auf: denn wären wirklich alle ökonomischen Daten, wie sie anfallen, für alle Akteure auf technologischer Basis unmittelbar zugänglich, könnten also wirklich aus Fristen und Terminvorteilen (und dem damit verbundenen Herrschaftswissen) keine - kulturell verbrämten - Profitoperationen mehr organisiert werden, so begänne in der Tat eine andere Epoche des Wirtschaftens, ein anderer ökonomischer Umgang mit den lebenswichtigen Daten, welche der Stoffwechsel zwischen Natur und Gesellschaft uns liefert.

Doch diese Zeiten sind fern. Denn die Kultur des Finanzkapitals wird alles tun, um wider den ‘Realismus’ der Computernetze eine ganze künstliche Welt der verfremdeten, spekulativen, abstraktesten Zeit- und Raumkonstrukte zu setzen: ökonomisch durch das Erfinden und Durchsetzen abstrusester, absurder, surrealer Regelungen und Grenzziehungen - vorgeblich, um Eigentumsansprüchen Geltung zu verschaffen (Lohmann 1998); kulturell - und hier werden die Dinge interessant - durch die Entwicklung und Gestaltung von konsumästhetisch optimierten ‘Benutzeroberflächen’, Browsern und Suchmaschinen für die Computerwelt - kurz, durch interface design: "vielleicht die Kunstform des nächsten Jahrhunderts" (Johnson 1997:213).

Die Interface Culture ersetzt schon heute die ‚Zentralperspektive‘ der Moderne durch komplexeste ‚Fensterarrangements‘, durch, wie Johnson sagt, Sakralbauten des Information Age, in denen, gleich der Repräsentanz des Göttlichen in Kathedralen, jenes im Cyberspace akkumulierende ‘unendliche’ Wissen über den historischen und materiellen Prozeß als Ebenbild des in Kapital verwandelten Reichtums erscheint - ein Wissen, das im Medium der vernetzten Computer zu sich selbst zu kommen versucht.

Dies ist der Widerspruch, der aus der Benutzeroberflächen-Kultur ein beobachtenswertes Feld gesellschaftlicher Entwicklung macht - auch für die Wissenssoziologie.

 

Literatur

Arrighi, Giovanni. 1994. The Long Twentieth Century: Money, Power and the Origins of Our Times. New York

Biedenkopf, Kurt. 1997. "Die Zukunft moderner Gesellschaften: Von der Arbeits- zur Bürgergesellschaft." In: Hradil, Stefan (Hg.), Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. Frankfurt

Campbell, Colin J.; Jean H. Laherrère. 1998. "The End of Cheap Oil." In: Scientific American, March 1998, 78-85

Canzler, W. 1996. Das Zauberlehrlingssyndrom. Die Entstehung und Stabilität des Automobil-Leitbildes. Berlin

Hradil, Stefan. 1997. "Differenz und Integration. Gesellschaftliche Zukunftsentwicklungen als Herausforderungen an die Soziologie." In: Hradil, Stefan (Hg.), Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. Frankfurt

Heinsohn, Gunnar; Otto Steiger. 1996. Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft. Reinbek bei Hamburg

Jameson, Fredric. 1991. Postmodernism or, the Cultural Logic of Late Capitalism. Durham

Jameson, Fredric. 1997. "Culture and Finance Capital." In: Cultural Inquiry 21 (Autumn 1997), 246-265

Johnson, Steven. 1997. Interface Culture. How New Technology Transforms the Way We Create and Communicate. San Francisco

Lohmann, Ingrid. 1998. "http://www.bildung.com. Strukturwandel der Bildung in der ‘Informationsgesellschaft’." In: Gogolin, Ingrid u.a. (Hg.), Medien - Generation. Opladen

Lüscher, Kurt. 1997. "Postmoderne Herausforderungen an die Soziologie." In: Hradil, Stefan (Hg.), Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. Frankfurt

McKibben, Bill. 1998. "A Special Moment in History." In: Atlantic Monthly Vol. 281 No. 5, May 1998, 55ff

Reich, Robert B. 1998. "A New Elite Is Busily Changing The Way America Works." In: International Herald Tribune, 7. April 1998, p. 9

Soziologie. 1998. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 1/1998

Wallerstein, Immanuel. 1995. After Liberalism. New York

Zielcke, Andreas. 1996. "Der neue Doppelgänger. Die Wandlung des Arbeitnehmers zum Unternehmer - Eine zeitgemäße Physiognomie." In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Juli 1996

 

Erschienen in: Ästhetik&Kommunikation Nr. 102 / September 1998