Während das scheinbar globale Denken und Handeln in der medial transzen- dierten westlichen Welt eine Art Weltbürgertum vorspiegelt, herrschen in weiten Teilen der Welt Elend und Perspektivlosigkeit in unlösbaren Ausmaßen. Auch und insbesondere diese Phänomene erfordern globales Denken und Handeln, doch die Wohlstandsgesellschaften des Westens sehen sich nicht einmal in der Lage, ihre eigenen sozialen Probleme zu lösen, obwohl regelmäßige Events wie z.B. die Weltklimagipfel deutlich zeigen, daß die Obdachlosen vor unseren Hauptbahnhöfen nicht einmal die Spitze des Eisbergs weltweiter sozialer Problemlagen darstellen, sondern lediglich einen kaum sichtbaren Eiskristall in unserem Kühlschrank. Fernab von jeder Realität erhalten uns Jerry Seinfeld und Ally McBeal die Illusion eines eigentlich glücklichen Lebens, in dem die größten Probleme jene sind, die uns täglich auf die Couch unseres Psychiaters strecken.

Millionen von Menschen gehen ins Kino, um sich die Geschichte von ein paar US-Kids anzuschauen, die in den Wald gehen und sich verlaufen, allein aus dem Grund, weil sie zu weit von ihren gesellschaftlichen Wurzeln und McDonalds entfernt sind. Das jagt vielen Schaür über den Rücken, weil es viel gruseliger ist als die in den Nachrichten täglich dargebotenen Kriegsfeuerwerke. Die gute alte Hänsel und Gretel Story findet ihr post-postmodernes Revival durch die vermeintlich innovative mediale Vermittlung der Existenzängste eines Waldspaziergängers. Dieses Pseudoerlebnis ist durch und durch nachvollziehbar für das Individuum in der Konsumgesellschaft - bezieht sich das Blair-Witch-Project doch viel eher auf selbstkonstruierte Realerlebnisse, als schlechtgefilmte Bilder vom Flüchtlingstrek heraus aus Grosny das je tun könnten. Eine andere Erklärung wäre natürlich, daß die Marketingstrategie des Flüchtlingstreks einfach nicht ansprechend genug konzipiert ist.

Es sind eben unsere ganz alltäglichen Probleme, die das Fernsehprogramm füllen, sie machen die Sensation der Talkshow aus, nicht die großäugigen dickbäuchigen Kinder in der Hungerhocke. Sollten uns als Weltbürgern denn nicht die Empfindungen und Nöte hungernder oder flüchtender Mitmenschen nachvollziehbarer sein, als die von drei schnöseligen Filmstudenten, konstruierten Mediengestalten, die sich im Wald verlaufen?

Ja, wir leben in einer Weltgesellschaft. Aber wir teilen nicht. Wir teilen weder Werte, noch Hunger und Not, noch Wohlstand und Lebensstandard und die Vor- und Nachteile medialer Vernetzung. Als selbsternannte Weltgesellschaft bezieht sich eine medial vernetzte Minderheit der Weltbevölkerung auf sich selbst. Die Zukunft wird unweigerlich mit sich bringen, daß wir Weltprobleme tatsächlich teilen; Weltkonferenzen, die die Herausbildung einer globalen Verantwortungsethik und eines gemeinsamen Fundaments von Werten und Handlungsprinzipien sicherlich fördern, sind wohl nur ein kleiner symbolischer Schritt in die richtige Richtung, ebenso wie das industriegesellschaftliche Spendengebaren.

Wir, die "m.o.w. Reichen", können uns nicht mehr nur auf uns selbst beziehen, oder? Eines Tages werden wir wohl teilen müssen ...

"Wie-lange-läßt-die Zukunft-noch-auf-sich-warten?"

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