Krysmanski Publikationen

Forum Wissenschaft, 1/1995; verschiedentlich abgedruckt

H.J. Krysmanski

Von den Subjekten einer 'linken' Medienpolitik

 

Szenario

Die Produktivkraftmystik ist verraucht. Doch ein ‘linkes’ Verständnis von Technikentwicklung, das den ökologischen Implikationen der materiellen Produktion und der kulturellen Bedeutung der immateriellen Produktion gleichermaßen gerecht wird, läßt auf sich warten.(1) Ist wirklich, was die ‘neuen Medien’ betrifft, zu konstatieren, "daß demokratische Öffentlichkeit durch Technik (ohne spezielle Rahmenbedingungen) eher behindert als gefördert wird"?(2) Fällt ‘linken’ Medienpolitikern nichts anderes als die Forderung ein, "daß die absolute Dominanz des Ökonomischen über die Kultur und blinder Glaube an Wettbewerb und Markt als Allheilmittel aufgegeben werden"?(3) Woher sollen die Macht und die theoretische Begründung für die Durchsetzung einer solchen Forderung wohl kommen?

Die ‘neuen Medien’ entstehen aus dem Zusammenfluß von elektronischer Massenunterhaltungstechnologie und den mikroelektronischen Computertechnologien der Informationsverarbeitung. Die ‘neuen Medien’ sind aber vor allen Dingen das Entwicklungsprodukt einer Ökonomie, welche Verwertungsschwierigkeiten der materiellen Produktion (die an die Grenzen der Biosphäre stößt) mittels Verwertungshoffnungen der immateriellen Produktion (im grenzenlosen Cyberspace) ausgleichen will. Daimler-Benz rutscht von der Rüstungsproduktion ins Multimedia-Gewerbe. Zukunftsminister Rüttgers verspricht zwei Millionen Multimedia-Arbeitsplätze bis zum Jahr 2000.

Die Multis entwerfen für die Seele im technischen Zeitalter "ein geschäftiges Bild von gewaltigen wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Kräften, die alle Völker mit schneller Musik, schnellen Computern und Fast Food verführen, mit MTV, MacIntosh und McDonald's, und die Nationen in einen einzigen Vergnügungspark pressen: eine 'McWorld', die durch Kommunikation, Information, Unterhaltung und Wirtschaft zusammengehalten wird."(4) Doch was passiert in dieser neuen Sphäre der Technik, der Produktivkräfte tatsächlich? Zunächst einmal nichts anderes, als daß die Prozesse des individuellen und kollektiven Bewußtseins und des Kulturgesamts eine revolutionär andere technische Basis erhalten: Bewußtseinsinhalte und Kulturelemente können zwecks beschleunigter Bewegung und Vernetzung elektronisch digitalisiert werden. Es ist kein Wunder, daß dieser technische Fortschritt das Interesse an der Verwertung aller Werte erregt. Doch in dieser Region der immateriellen Produktion beginnen die Gesetze von Markt und Wettbewerb auf Gesetze des menschlichen Denkens zu treffen, die in den Dimensionen von Zeit und Raum und ‘Geschichte’ doch etwas anders wirken als die Faustregeln der Broker von Wallstreet.

Produktivkraft- und erkenntnistheoretisch betrachtet, entwickelt sich aus der Unterhaltungselektronik eine technische Basis für Reflexion und Reflexionsintensität: alles läßt sich mit jedem blitzartig verspiegeln; jedes fundamentalistische Image - das heißt tendenziell aber auch: jeder Markenname - erhält durch Zapping einen Zerfallswert von wenigen Sekunden in einem experimentellen Kosmos wechselnder Bedeutungen. Und aus der Computertechnologie entwickelt sich eine technische Basis für das logische Durchdenken ungeheurer Informationsbestände aus allen Zeiten und Orten; das aber heißt auch: die kapitalistische Wirtschaftslogik kann sich im Cyberspace ideologisch nicht halten und wird auf bewußtseinstechnischem Wege historisch relativiert. Was wir also letztlich beobachten, das ist die beginnende technisch induzierte Dominanz des Kulturellen über die herrschende Ökonomie - und das ist etwas ganz anderes als die linkskonservative Beschwörung eines Gegensatzes zwischen Ökonomie und Kultur.

Die neuen Medientechniken setzen so viele ökonomische, soziale und intellektuellenpolitische Potenzen frei, daß gerade bei den Strategen der herrschenden Wirtschaftsform nüchternes Nachdenken eingesetzt hat. "Mitten in der Begeisterung vor dem G7-Gipfel", schreibt DIE ZEIT, "warnt Rüttgers davor, daß hier wie in Amerika eine Goldgräberstimmung aufkommt, der dann ein psychologischer Rückschlag folgt. Über die erforderliche Investitionssumme von 100 Milliarden Mark könne man nur sachgerecht entscheiden, wenn man vorher weiß, was man eigentlich machen will." - Rüttgers: "Ich bekomme Bauchschmerzen, wenn ich als Begründung für diese Rieseninvestition Homeshopping, Video-on-Demand oder 500 Fernsehkanäle höre. Das ist jenseits der Realität."(5) DIE ZEIT fährt fort: die Marktentwicklung werde eindeutig von neuen Anwendungen in der Wirtschaft getragen werden müssen. Ob die Lufthansa die Schäden an Flugzeugen weltweit inspizieren wolle oder ob es um die Fortbildung von Mitarbeitern in Niederlassungen gehe - das große Geschäft sei bei den Unternehmen, nicht bei den Haushalten zu machen. "Das Büro ist der größte Multimediamarkt."(6)

Diese realistische Prognose erscheint hier allerdings noch typischerweiser verengt auf das Milieu und die Interessenlagen der multinationalen Konzernwelt: weltumspannende On line-Kontrolle von Produktion und Dienstleistungen, Bildungs- und Erkenntnisprozesse bei Organisationsangehörigen, das Büro als Kommandobrücke für den Marketing-Trek. Das Proliferationspotential ist aber erheblich höher. So bleibt zum Beispiel unausgesprochen, was aus dieser technischen Entwicklung dennoch gar nicht mehr herauszunehmen ist: daß sich die Informations- und Kommunikationssysteme der Wirtschaft physikalisch nicht mehr gegenüber jenen Systemen privilegieren lassen, aus denen sie entstanden sind: den elektronischen Massenmedien einerseits und den Netzwerken der Wissenschaft andererseits. Die Datenautobahnen werden ein Netzwerk der Netzwerke ohne sinnvolle Möglichkeiten der Abgrenzung.

Physikalisch muß das alles vernetzt werden und vernetzt bleiben, gerade auch, wenn es der Wahrnehmung des Gesamts der Verwertungschancen dienen soll. So werden im Konzernbüro Video-on-Demand, Teleshopping, Browsing in der Library of Congress und Newsgrouping ebenso zusammenfließen können wie am Homecomputer des Internet-Kids Aktiendaten, Policy-Statements der G7 und Konsumstatistiken und am digitalen Schneidetisch des News-Entertainers die virtuellen Ausgaben von 'Science' oder MEW. Und sollten Computer-Kid oder MTV-Redakteur auf verschlossene elektronische Türen treffen, so hält sie nichts davon ab, sich als Hacker weiterzuqualifizieren, um dem Yuppie-Broker oder irgendeinem Spitzenbürokraten über die Schulter zu blicken. Das Privateigentum an Informationen und Wissen ist historisch am Ende, so sehr Newt Gingrich und die Seinen gerade dieses Problem ins Zentrum ihrer medienpolitischen Manifeste rücken.(7)

Darüber hinaus ließe sich noch viel über die elektronische Revolution am Arbeitsplatz und am Freizeitplatz und über das elektronisch induzierte raumzeitliche Ineinanderübergehen dieser beiden Dimensionen unserer gesellschaftlichen Existenz zusammentragen. Doch für ‘linke’ Wissenschaftler ist vor allem eines festzuhalten: es ist der wissenschaftliche Arbeitsplatz, der sich durch die ‘neuen Medien’ am nachhaltigsten geändert hat und noch ändern wird. Wissenschaftliche Kommunikation findet zunehmend online, unter Umgehung des traditionellen Zeitschriftenwesens, statt. Wandert man von einem universitären Schreibtisch aus durchs Internet, so trifft man auf die eigentümliche Ästhetik der Home-Pages im World Wide Web: hier wird eine andere Buchdruckkunst erfunden. Ruft man Anbieter und Partner im US-amerikanischen Cyberspace auf, so nimmt man dort im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch in den Ingenieurs- und Naturwissenschaften, ständig ‘linke Signale’ wahr. Ob das noch Spuren der Narrenfreiheit vor dem endgültigen Zugriff der herrschenden Mächte auf das Netzwerk sind? Es könnte sein. Ob damit die Tage des kritischen Potentials im neuen Medium grundsätzlich gezählt sind? Angesichts der eingangs angedeuteten Überlegungen ganz sicher nicht.

 

Subjekte

Unter den ‘Linken’ der Bundesrepublik - produktivkraftgebeutelt und rationalisierungsgeschädigt - ist die medienpolitische Diskussion noch desolat. Sie wird nicht ‘von innen’, auf der Basis von Medienerfahrung, sondern ‘von außen’, auf der Basis von Schwellenangst, geführt.

Von der Erfahrung mit dem Heimcomputer wird gerade einmal akzeptiert, daß er als Schreibgerät Vorteile bringt, nicht aber gesehen, daß der PC um der Beschleunigung von Wissensprozessen willen nach Vernetzung geradezu schreit. Von der Erfahrung mit dem Fernsehen wird gerade einmal akzeptiert, daß es sich um eine Droge handelt, aus der gelegentlich noch Bildung und Information triefen. Doch daß TV-Produkte aller Art wegen ihrer komplexen Herstellung Reflexionsprozesse großer Intensität und Allgemeinheit vorbereiten, kommt niemandem in den Sinn.(8)

So entstehen seltsame Konstellationen ‘linker’ Medienpolitik: Findet die medienpolitische Diskussion im Wirtschaftsteil der Zeitungen oder unter anderen Beobachtern der Kapitalentwicklung statt und geht es um Anteilserwerb und Verteilung der Medienmacht, so fügt die ‘Linke’ Ausdrücke der Empörung und Gesten der Hilflosigkeit hinzu. Berauschen sich Verbandsstrategen und medienwissenschaftliche Sprachrohre der Großindustrie an Visionen der informations- und kommunikationstechnologischen Zukunft, so setzt die ‘Linke’ (das ‘Kulturindustrie’-Kapitel aus der ‘Dialektik der Aufklärung’ im Ohr) Ohnmachtsphantasien dagegen. Kommunizieren Intellektuelle, Freaks, Künstler und Experimentatoren aus den innovativen Randzonen der Medienentwicklung, wo karger Broterwerb mit Begeisterung kompensiert wird, so ist eine ‘Linke’ nicht auszumachen und mangels theoretischer und praktischer Vorarbeit - mit wenigen Ausnahmen(9) - auch noch gar nicht konstituierbar. Das ständige Geraune an Medienarbeitsplätzen - zwischen Autoren, Kameraleuten, Regisseuren, Cuttern, Tonleuten, Redakteuren usw. - findet angesichts frühkapitalistischer und spätbürokratischer Abhängigkeiten kaum eine adäquate medienpolitische Form. Die ‘Linke’ ist hier allenfalls als Gewerkschaft präsent und tritt in dieser Gestalt - wieder mit wenigen Ausnahmen - als Bremser auf.

Eine vernünftige Medienpolitik steht und fällt aber damit, ob in ihr die in den Medien mit Wort, Bild und Ton Arbeitenden das Sagen bekommen oder nicht. Und insbesondere für die ‘Linke’ besteht dabei die Crux in folgendem: es ist vielen linken Intellektuellen überhaupt nicht klar, daß die Entwicklung vom Rundfunk über das Fernsehen bis hin zu den ‘neuen Medien’ alle Intellektuellen zu potentiellen Produzenten in der Sphäre gemacht hat, die Gegenstand von ‘Medienpolitik’ ist.

Für eine demokratisch-fortschrittliche Wissenschaft zum Beispiel müßte die medienpolitische Reflexion auf das Problem der Popularisierung von Wissenschaft inzwischen längst zur bewußten Präsenz in der Massenkultur, in den Kanälen, ja in den Filmstudios geführt haben - und vice versa. Die Art und Weise des Stoffwechsels der neuen Medienwelt in ihrer unterhaltungselektronischen Gestalt bewirkt zwar, wie gesagt, daß die Substanzialität der Inhalte auf der Strecke bleibt und daß damit auch ‘linke’ Positionen nur als Stimuli der Reflexion Eingang finden: Orientierung der Massen bestenfalls durch Geistesblitze. Doch ist die Kompetenz für diese Art des Reflexionsdenkens bei den klugen Kids, den nachwachsenden Intellektuellen, in hohem Maße vorhanden. Und so spricht prinzipiell nichts dagegen, ‘linke’ und kritische Inhalte den neuen Formen anzupassen und darin einen Kern ‘linker’ Medienpolitik zu sehen.

Das multinationale Kapital, unter Einschluß des deutschen, investiert auf allen Ebenen in eine multimediale Zukunft. Der Bedarf an Beschäftigten wird entsprechend wachsen - so daß auch der Stimme der in dieser Industrie abhängig Beschäftigten eine enorme politische Bedeutung zuwachsen wird. Die Qualifizierung und Selbstqualifizierung der Medienintellektuellen über das funktionale Maß hinaus wird deshalb nur im Kontext der Reflexion auf die Ästhetik des elektronischen Massenmediums erfolgen können.

Jutta Brückner schreibt, die Modernität, die in den anderen Künsten durchgängig in der Reflexion auf Material und Prozeß gesucht wurde, sei dem Film lange Zeit kein Thema gewesen, weil er sich als junge technische Kunst ohnehin modern fühlte. Doch der "technische Innovationsschub ermöglicht heute mit seiner Manipulation der Zeitachse, Bilder zu schaffen, die sich der Apodiktik von real oder abstrakt, Abbild oder freier Schöpfung, nicht mehr stellen müssen. Er erlaubt einen filmischen Blick, der die Wahrnehmung aus ihrem Newton'schen Korsett von Raum und Zeit befreit." Diese Möglichkeiten würden gegenwärtig allenfalls im Genre-Kino Fantasy und Science Fiction ausgeschöpft. Doch mit dem freien Eingriff ins Bild, der durch die digitale Revolution möglich geworden ist, könne die Vielschichtigkeit der Realtätswahrnehmung, die in jedem Sehakt liegt, ganz generell zur Basis von filmischen Kunstwerken gemacht werden.(10)

Da elektronische Massenunterhaltung und interaktive Computertechnologie zu konvergieren beginnen, wird der Ästhetik der elektronischen Massenkultur sogar eine medienpolitische Schlüsselrolle zukommen. Medienarbeit ist immer und zentral ästhetische Arbeit, wird um Ästhetik herum entwickelt, ist in diesem Sinne Kulturarbeit und kann so zunächst nur zur ‘Kulturpolitik’ bzw. ‘ästhetischen Politik’ werden. Weil aber für die ‘Linke’ verständlicherweise Politik erst da anfängt interessant zu werden, wo sie soziale und insbesondere ökonomische Politik wird, ist es für eine ‘linke’ Medienpolitik unverzichtbar, das Verhältnis zwischen ästhetischer und ökonomischer Politik zu klären.

In diesem Punkt nun gibt es für die deutsche Diskussion ideen- und intellektuellenpolitisch eine interessante Gemengelage. Einerseits sind mit besagtem ‘Kulturindustrie’-Kapitel, mit Habermas ‘Strukturwandel der Öffentlichkeit’, mit ‘Öffentlichkeit und Erfahrung’ und insbesondere ‘Geschichte und Eigensinn’ von Oskar Negt und Alexander Kluge und einer Reihe anderer Schriften(11) die entscheidenden Anstöße gekommen. Andererseits hat die amerikanische Diskussion einen großen praktischen Vorsprung gewonnen.(12) Und gerade auch die kritische intellectual community der USA entwickelt, weil sie zumindest auf den Campus und in den Metropolen nie den maschinenstürmerischen Impuls und den massenkulturellen Ekel in sich verspürte, auf jener theoretischen Grundlage längst eine fortschrittliche Medienpolitik im Sinne der Einheit von ästhetischer und ökonomischer Politik.

Doch zunächst sei auf jene intellektuellen Kids verwiesen, die in den USA aus Bastelgaragen der alternativen Subkultur in die Spitzenzonen des multinationalen Kapitals aufgestiegen sind. Es ist von kaum abzuschätzender Bedeutung, daß heute Bill Gates und seinesgleichen strategische Mitspieler bei der Gestaltung des Spätkapitalismus sind. Abgesehen von den ‘klassenpsychologischen’ Folgen sind es vor allem die hier bereits verkörperten Einsichten in die technologischen Grundlagen des kollektiven Bewußtseins, auf die es mehr als zu achten gilt.

Im Gegensatz zum reinen Business-Kapital à la Time-Warner, das für die ‘multimediale Epoche’ auf die platten Konsum- und Zerstreuungstechnologien von Video-on-Demand und Teleshopping zu setzen scheint, wird seitens ‘Industrialisten’ wie Bill Gates auf das ‘Wissensbedürfnis’ gesetzt. Wie immer kommerziell gewendet, spricht Gates von der Umformung des und vom Zugriff auf das ‘gesamte menschliche Wissen’ und setzt auf die Möglichkeiten der Transferierung der gesamten kulturellen Tradition in die Speicher des Cyberspace. Und so steht hier auch bezüglich des Massenkonsums die Computertechnologie (genauer: die Welt der PC's mit ihren Vernetzungen und Logiken) im Vordergrund. Durch diese ‘computerlogische’ Perspektive des Bill Gates wird der Unterhaltungselektronik etwas entlockt und auf die Märkte getragen, was über die ‘kulturelle Logik des Spätkapitalismus’ schon hinausweist: daß nämlich die ‘neuen Medien’ die Technologie der ‘maschinenmäßigen’ Reflexion aller bisherigen und gegenwärtigen und künftigen Kulturelemente sind. Das ist das absolut Neue, dem alle Anstrengung unserer theoretischen Phantasie zu gelten hätte.(13) Außerdem bleibt das ästhetische Problem.

Den Pionierkapitalisten des neuen Medienzeitalters gesellen sich marxistische Spitzenintellektuelle zu. Fredric Jameson beispielsweise.(14) Unter dem Signum des cultural criticism ist in den USA ein Netzwerk von Autoren entstanden, sehr lebendig auch im Internet(15), das innerhalb der ‘kulturellen Logik des Spätkapitalismus', hinter den Erscheinungen der Postmoderne, wieder an die Tatsache der gesellschaftlichen Totalität, also an den hochvermittelten und heute durch die Bewußtseinstechnologien selbst vermittelten Zusammenhang von Basis und Überbau, von Ökonomie und Kultur heranzukommen versucht.

Im Cyberspace entsteht eine sehr reale, ‘spätkapitalistischen’ Gesetzen der Verwertung aller Werte (und auch der Verwertung ihrer Verwertung) entspringende Vereinigung von Kultur und Ökonomie.(16) So ist erst heute die objektive Grundlage dafür geschaffen, daß Kulturhandeln und also auch ästhetische Politik unmittelbar als ökonomische Politik wirksam werden können.(17)

 

Ästhetik und Thematik

Noch einmal zusammenfassend: Der multinationale, von globalen Finanztransaktionen und welteinheitlichen Konsumgewohnheiten bestimmte ‘Spätkapitalismus’ erzeugt sich die ihm entsprechenden Formen der Unterhaltung, der Information und des Wissens. Die ‘neuen Medien’ befriedigen das allgemeine Bedürfnis nach ‘geistiger Orientierung’ auf zweierlei Weise: die elektronischen Massenmedien der Unterhaltung produzieren kaleidoskopartige, beschleunigte Reflexionen der Wirklichkeit, die auf die Konsumwelt orientieren und zugleich uralte Träume und Utopien reaktivieren. Die aus der Computertechnologie entstandenen interaktiven Medien (Internet) dagegen ermutigen selbstständiges Forschen in den Wissensbeständen aller Orte und aller Zeiten. Zwar sollen Wissen und Information im Internet nun auch verwertbare Ware werden; doch deren ‘Genuß’ wird immer auch Denken und Urteilen erzeugen. Und selbst die ‘Weltfilme’ aus Hollywood und die Hektik von ‘MTV’ entwickeln eine Ästhetik der orientierenden Signale in einer unübersichtlichen Welt: Allegorien und Geschichten, die Lokales und Globales im multikulturellen Muster miteinander verknüpfen.

Das Bedürfnis nach Orientierung unter den Bedingungen einer technisch induzierten Relativierung aller Momente von Raum und Zeit ist tief, dringend und allgegenwärtig. Es verlangt nach orientierenden ‘Dienstleistungen’, die mit einer dekonstruierten und atomisierten Welt umgehen können. Viel Geld wird deshalb heute für attraktive ‘Ratgeber’ und ‘Reiseführer’ durch die Welt der Postmoderne an den Kassen gelassen. Die Labyrinthe des Spätkapitalismus verlangen Formen des cognitive mapping(18), die nicht nur vordergründig orientieren, sondern feiner gesponnene Netze, Allegorien und Mythen für die tieferen Schichten der Verhaltenssicherheit bereitstellen.

Für die spezifische Ästhetik der multimedialen Massenkultur hat Fredric Jameson den Begriff der ‘geopolitischen Ästhetik’ geprägt. Durch besondere Formen der Verspiegelung werden dem allgemeinen Orientierungsbedürfnis Grundmuster der Verknüpfung lokaler Milieus mit dem internationalen System angeboten. Das parochiale Universum US-amerikanischer Drehorte ist beispielsweise zum weltweiten Schauplatz für das Kaleidoskop menschlicher Leidenschaften (von Soap über Crime bis Porn) geworden. Und wenn erst sozusagen jede lokale Herzensregung weltweit vermittelbar geworden ist, hat sich Globalkultur konstituiert. Der dafür erforderliche ästhetische Aufwand ist groß: ‘geopolitische Ästhetik’ eben.

Für Produktionen in der medialen Massenkultur hat die Frage der geopolitischen Ästhetik große praktische Bedeutung. Das hängt mit der Erzeugung kommerziell interessanter Reichweiten zusammen. Zugleich verlangt diese Ästhetik des cognitive mapping von den Massenmedien eine umfassende interaktive Vernetzungsstruktur: ohne dieses materielle Substrat gesellschaftlicher Totalität könnte das Bedürfnis der Massen nach ‘Erfahrung von Totalität’ nicht mehr befriedigt werden. Der dafür notwendige enorme Kapitalaufwand führt die Kapitalgeber in ein Dilemma: kulturell müßten sie den ästhetischen Vorgaben folgen, um das Letzte aus den Investitionen herauszuholen; politisch aber sähen sie die interaktive Kultur gern auf die Büros beschränkt - und könnten auf Ästhetik ganz verzichten.

‘Geopolitische Ästhetik’ impliziert also, neben den kommerziellen Möglichkeiten, ein mächtiges politisches Potential, das auf dem Prinzip basiert, "daß alles Denken heute, was immer es sonst noch sein mag, auch ein Versuch ist, das Weltsystem als solches zu denken."(19) Und es sind nicht zuletzt ‘Weltfilme’(20), welche die einschlägigen tiefenwirksamen Dienstleistungen erbringen: Allegorisierungen des Weltmarktes als eines gefährlichen, chaotischen Kosmos, strukturiert durch die Mühsal endloser lokaler Alltage - ganz nach dem Erfahrungsmuster der unvergeßlichen Einladung von Karl Marx: "Die Konsumtion der Arbeitskraft, gleich der Konsumtion jeder anderen Ware, vollzieht sich außerhalb des Markts oder der Zirkulationssphäre. Diese geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und aller Augen zugängliche Sphäre verlassen wir daher, zusammen mit Geldbesitzer und Arbeitskraftbesitzer, um beiden nachzufolgen in die verborgne Stätte der Produktion, an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business."(21) Nur, wie gesagt, folgt dann nicht das Kapitel vom ‘Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß’, sondern ‘Last Action Hero‘.

Die solcherart hergestellten Bewußtseinszusammenhänge zwischen ‘Globalität’ und ‘Lokalität’ sprechen also zunächst, mit einem anderen Begriff von Jameson, nur das ‘geopolitische Unbewußte’ an, die in uns allen brodelnden Versuche, "die nationale Allegorie in ein instrumentelles Konzept zur Erfassung unseres neuen In-der-Welt-Seins umzuformen."(22) Doch es sind just diese Tiefenschichten, in denen heute Orientierungsmuster erzeugt werden müssen, damit politisches Handeln im Weltsystem wieder möglich wird, politisches Handeln, in dem sich dann allerdings auch ästhetische Politik in ökonomische Politik umsetzt.

Keine Ästhetik ohne Thematik. In der Explosion des ‘anything goes‘, in der auch das Zapping die Inhalte nicht mehr zurückholen kann, gewinnt, so Jameson, das alte Verschwörungs-Motiv überraschend neues Leben: "als eine narrative Struktur, welche die minimalen Grundelemente wieder miteinander verbinden kann; ein potentiell unendliches Netzwerk, verbunden mit plausiblen Erklärungen für seine Unsichtbarkeit; oder mit anderen Worten: die Verbindung des Kollektiven mit dem Epistemologischen", mit der Erkenntnisneugier schlechthin.(23) So erzeugt sich die geopolitische Ästhetik ihre Themen auf einer ‘hermeneutischen Maschine des allgemeinen Verschwörungsverdachts’. Das ist alt und neu zugleich.

Die ‘Rechte’ hat die Welt schon immer durch die Verschwörungsbrille gesehen. Sie hat sich, grausigerweise, mit ihrem Wahn von einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung sogar in allen Punkten durchgesetzt.(24) Doch auch der ‘Linken’ bleibt heute nichts anderes als ein allgemeiner Verschwörungsverdacht. Worauf Jameson, der Marxist, in diesem Zusammenhang aber besteht: diese Maschine zur Herstellung sinnvoller medialer Themen muß auf der abstrakten Ebene des kollektiven geopolitischen Erkenntnisprozesses operieren, und nur dort. Verschwindet nicht das Privateigentum im korporativen Eigentum der multinationalen Konzerne? Demaskiert nicht die abstrakte Kollektivität des letzteren alle juristischen Fiktionen der bürgerlichen Eigentumsidee? Ist nicht die ganze Welt der Objekte ‘Kommunikation’ geworden, bildhaft begreifbar nur als weltumspannendes intrigantes Geflüster? Ja, das alles stimmt und viele Bilder fallen einem dazu ein; nur für bare Münze darf es nicht genommen werden.

Ein Gefühl hintergründiger Beeinflussung ist der kleinste gemeinsame Nenner des ‘Weltfilms’ geworden, der hier stellvertretend für die Medien der Massen’unterhaltung’ steht. Jameson nennt als Beispiele ‘Blow-Up‘ von Antonioni, ‘Blade Runner‘ von Ridley Scott, ‘Videodrome‘ von David Cronenberg, ‘All the President's Men‘ von Pakula. Es läßt sich eine lange Reihe hinzufügen, von Oliver Stones ‘JFK‘ bis ‘Last Action Hero‘ und ‘Jurassic Park‘ (ja, auch diesem Film, der Zwölfjährigen die Sinne schärft für die Verführungen von Disneyworld und Biotechnologie und für den Zusammenhang der Äonen). Auch Bücher wie ‘Das neue Mafia-Kartell’ von Werner Raith erzeugen nicht mehr und nicht weniger als einen komplexen Schauer in aufklärerischer Absicht.(25) Wächst der ‘Linken’ hier nicht im globalen Transformationsprozeß ein ganzes gut verkäufliches Kornfeld an Themen zu, von Moro bis Berlusconi, von Woytila bis Gorbatschow, von X bis Y?

Wenn folglich gefragt würde, wie die ‘Linke’ denn überhaupt in dieser spätkapitalistischen Medienlandschaft zum Zuge kommen kann, so müßte die Antwort in etwa lauten: indem sie die konkreten Verschwörungsphantasien der ‘Rechten’ ad absurdum führt und zugleich mit der hermeneutischen Maschine des abstrakten Verschwörungsverdachts das geopolitische Unbewußte mit Allegorien über die tatsächlichen weltgesellschaftlichen Klassenverhältnisse versorgt.(26)

So bleibt die Aufforderung, auch innerhalb der ‘Linken’ den für die Beeinflussung des kollektiven Bewußtseins (in all seiner Differenzierung und auf allen seinen Ebenen) zur Verfügung stehenden Medienmix und alle Themenzugänge zu überprüfen und auf jeden Fall auf den neuesten Stand zu bringen. Wie gesagt, auch wenn die Medienindustrie zwischen diesen und jenen Kapitalen, Parteien und Verbänden, Strategien und Megalomanien festgezurrt sein mag: sie ist zugleich auf die Gesamtheit der Intellektuellen als den ideellen Mediengesamtarbeiter angewiesen. Sie hungert und dürstet nach 'Stoff' und muß, wenn sie in der heißen globalen Konkurrenz und angesichts der Konzentration von Intellektualität in Hollywood (man vertue sich da nicht), New York oder London mithalten will, bei ihren Medienarbeitern das kulturkritische Niveau einer geopolitischen Ästhetik letztlich akzeptieren. Ohne Zweifel würde auch der einsame Linke in diesem Geschäft in Deutschland, Alexander Kluge, sich über Gesellschaft freuen, auch auf die Gefahr hin, daß der dctp-Boss Kluge Konkurrenz bekäme.

Für mich besteht kein Zweifel, daß auch ‘links’ die Einfälle und die Kulturprodukte wieder sprudeln werden, wenn erst einmal die innere Mauer gegenüber den Technologien der Kulturindustrie gefallen ist.

 

 

Anmerkungen

1) in beiden Richtungen sind allerdings die Grundlagen gelegt, z.B. durch K.H.Tjaden, Mensch-Gesellschaft-Biosphäre, Marburg 1992 einerseits und Oskar Negt/Alexander Kluge, Geschichte und Eigensinn, Frankfurt 1981 andererseits

2) aus einem Brief der Redakteurinnen von 'Forum Wissenschaft', wo eine erste Version des vorliegenden Artikels erschien

3) MedienMultis+MultiMedia, isw-Report Nr.22, zit. in uz v.17.2.95

4) Benjamin R. Barber, Zwischen Dschihad und McWorld, DIE ZEIT v. 14.10.94

5) Uwe Jean Heuser, Aufbruch ins Ungewisse, DIE ZEIT v.17.2.95

6) ebenda

7) vgl. Rainer Rilling, On the Other Side of the Web, Forum Wissenschaft, 1/95

8) der Kosten- und Personalaufwand pro Sendeminute ist, trotz großer Spannbreiten, enorm, besonders natürlich für Werbespots und Videoclips: dadurch entsteht so etwas wie eine reflexive Produkttiefe, deren Wirkung auf den Wahrnehmungsapparat kaum zu überschätzen ist

9) hier ist vor allem Alexander Kluge zu nennen

10) Jutta Brückner, Die Technik der Wahrnehmung, Freitag v.20.1.95

11) eine umfassende Bibliographie findet sich, bezeichnenderweise, in: New German Critique, #61, Winter 94, New York

12) vgl. Herbert Kubicek, Ulrich Schmid, Heiderose Wagner, Mehr Information wagen, Frankfurter Rundschau v. 6.1.95

13) und wo bisher nur die 'Konservativen' waren: vgl. z.B. Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter, Reinbek 1957, Gotthard Günther, Das Bewußtsein der Maschinen, Krefeld u. Baden-Baden 1957, Ernst Jünger, Heliopolis, 1949; vgl. auch H.J.Krysmanski, Die utopische Methode, neu abgedruckt in: andromeda, Science Fiction Magazin 135, Pfaffenhofen 1994

14) seine hier wichtigsten Schriften: Postmoderne oder die kulturelle Logik des Spätkapitalismus, in: Huyssen/Scherpe (Hg.), Postmoderne, Reinbek 1986; Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism, Durham 1991; The Political Unconscious, New York 1981; The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space in the World System, London 1992; Negt and Kluge, in: Robbins (ed.), The Phantom Public Sphere, Minneapolis 1993

15) Zum Einstieg http:/www.rpi.edu/Internet/Guides/icmc/culture.html unter 'society'

16) Vgl. Kroker&Weinstein, The Political Economy of Virtual Reality: Pan-Capitalism, aus der virtuellen Zeitschrift 'CTheory' im Internet unter http:/english-server.hss.cmu.edu/ctheory/ctheory.html

17) "For Jameson the moment at which cultural production is fully integrated into economic production opens out the possibility of a cultural politics which would fundamentally intervene in the economic." Colin MacCabe, Vorwort zu: Fredric Jameson, The Geopolitical Aesthetic, a.a.O.

18) ein zentraler Begriff bei Jameson, stammt aus der Architektur-Theorie, meint postmoderne Formen der räumlichen Orientierung, ist nur unvollkommen mit 'kognitive Kartierung' zu übersetzen, vgl. Colin MacCabe, a.a.O.

19) F.Jameson, The Geopolitical Aesthetic, S. 4

20) 'Weltfilme' sind beim globalen Publikum erfolgreich; sie werden zunehmend bewußt für diesen Weltmarkt gemacht und finanziert. 'Schindlers Liste', ein Beispiel für diese geopolitische Ästhetik, macht das konkret-historische Ereignis, die Ermordung eines großen Teils des jüdischen Volkes durch einen Teil des deutschen Volkes, nahezu unkenntlich; erst dadurch werden in der Globalkultur der einmalige Schrecken fühlbar und die dazugehörige Ausbeutungsstruktur erkennbar - nahezu. Vgl. Ingrid Lohmann, Schindlers Liste - revisited, Forum Wissenschaft 1/95

21) 'Kein Eintritt außer in Geschäftsangelegenheiten', Das Kapital, Bd.1, MEW S.189

22) Jameson, The Geopolitical Aesthetic, S.3

23) ebenda, S.9

24) ein großer Teil des jüdischen Volkes wurde vernichtet; 'der Bolschewismus' ebenfalls

25) Werner Raith, Das neue Mafia-Kartell. Wie die Syndikate den Osten erobern, Berlin 1994

26) ich weiß, wovon ich rede, denn mit acht TV-Reportagen in den letzten vier Jahren (über das Ende der Interflug, Heiner Müllers Ostberlin, den russischen Militär-Industrie-Komplex, Amerikas Zugriff auf Sibirien, deutsch-deutsche Geheimdiplomatie vor der Wende, Alexander Ruzkoi, Alltag des Internet usw.) habe ich genau das getan.

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