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Eine
Version dieses Vortragstextes erscheint im Frühjahr 2008 in einem
Sammelband 'Das Elend der Universitäten' im Verlag Westfälisches
Dampfboot H.J.
Krysmanski Always historicize! Anlässlich
der Krise unseres Instituts, eines ganzen Faches und nicht zuletzt angesichts
der Krise der (deutschen) Universität unter dem Ansturm der neoliberalistischen
Globalisierung möchte ich darüber sprechen, was eigentlich die Wissenschaftler
selbst, und in unserem Fall wir Soziologinnen und Soziologen, gegen
diesen Ansturm getan haben und dagegen tun können. Zunächst
ein kleines Beispiel für neoliberalistische Globalisierung im universitären
Alltag. Da ist die Aufforderung unseres Dekanats, doch bitte eine Studierendenbefragung
zu unterstützen, die dem ‚Hochschulranking’ dienen soll. Initiator ist
ein ‚Centrum für Hochschulentwicklung’ – kurz: CHE. Dies ist eine private
Einrichtung, getragen von der Bertelsmann-Stiftung. Auf ihrem Mist wachsen
Parolen wie die der Effizienz, Konkurrenz und Exzellenz im Hochschulwesen.
Das CHE ist ein Motor der globalen Privatisierung des Bildungswesens. Mit
Hilfe des Hochschulranking und des individuellen Ranking werden Reservoire
für funktionstüchtige Wissens-, Informations-, Kommunikations- und Manipulationseliten
angelegt. So beschafft sich die private Profitwirtschaft ihr ‚Humankapital’
für Forschung, Management, Konsumentenbetörung usw. Ranking ermöglicht
rasche Gewinnmaximierung und führt zu einem Winner-Takes-All-System. Die
überall aufblühenden Ranking-Listen sollen möglichst schnell das ‚beste’,
‚funktionalste’ Dienstpersonal herausfinden. Bald wird es in der Wissenschaft
wie in der Filmindustrie zugehen: Nur ganz wenige Schauspieler mit weltweit
bekannten Namen können für den Auftritt in einem Film Millionen von
Dollars verlangen. Schon die in der zweiten Reihe verdienen erheblich
weniger. Der Rest findet sich beim Kellnern oder in billigen Werbespots
wieder. 1 Nun
also zur Frage ‚Was heißt und zu welchem Ende studiert man Soziologie?’
Ich habe diese Formel gewählt aus alter Freundschaft zum Münsteraner
Bernhard Schäfers (der heute leider nicht hier sein kann). Denn so betitelte
Schäfers vor wenigen Monaten seine Karlsruher Abschiedsvorlesung
[2]
in Anlehnung an Friedrich Schiller (bei dem es statt
Soziologie ‚Universalgeschichte’ heißt). Und es geht mir in der Tat
im Folgenden ein wenig um den Endzweck der Soziologie, und auch um Geschichte,
um Universalgeschichte und Zeitgeschichte. Ich
habe mich also zunächst noch einmal - aus ganz subjektiver Sicht - mit
den Soziologentagen bzw. Soziologiekongressen der letzten 40 Jahre beschäftigt.
Für mich steht am Anfang der legendäre Soziologentag von 1968 in Frankfurt.
Ich war damals 32 Jahre alt. Das Generalthema in Frankfurt lautete bekanntlich
‚Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?’. Auf den Büchertischen
lagen auch kleine Stapel meiner Habilitationsschrift ‚Soziales System
und Wissenschaft’. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte sie gerade
ganzseitig positiv rezensiert. Das hat sich später, als ich aus der
SPD austrat, nicht mehr wiederholt. Ich
will hier nicht auf die Wirbelstürme von 1968 eingehen, die Bernhard
Schäfers in seiner Abschiedsvorlesung verkürzend als ‚Studentenrevolte’
bezeichnet. Ich begreife diese Jahre eher als eine umfassende Kulturrevolution
im Spätkapitalismus. Viele von uns ‚Vorachtundsechzigern’ – die wir
schon unter das Diktum ‚Trau keinem über Dreißig’ fielen - wurden dennoch
in diese Wirbel hineingezogen und viele haben dann selbst gewirbelt.
Was
den 1968er Soziologentag angeht, möchte ich hier nur an den Eröffnungsvortrag
von Theodor W. Adorno erinnern. Es gibt da einige Akzente des damals
von der Frankfurter Studentenbewegung schon arg bedrängten Adorno, welche
nicht nur das Verhältnis von Universalgeschichte und Soziologie, die
Zwecke und das Ende beleuchten, sondern auch unmittelbar das Thema dieser
Tagung (Soziologie unter dem Diktat der Nützlichkeit) berühren. Zunächst
einmal redet Adorno dem dialektischen Denken das Wort: „Eine dialektische
Theorie der Gesellschaft geht auf Strukturgesetze, welche die Fakten
bedingen, in ihnen sich manifestieren und von ihnen modifiziert werden.
Unter Strukturgesetzen versteht sie Tendenzen, die mehr oder minder
stringent aus historischen Konstituentien des Gesamtsystems folgen.
Marxische Modelle dafür waren Wertgesetz, Gesetz der Akumulation, Zusammenbruchgesetz.
Nicht meint die dialektische Theorie mit Struktur Ordnungsschemata,
in die soziologische Befunde möglichst vollständig, kontinuierlich und
widerspruchslos sich eintragen lassen ...“
[3]
Wo werden solche Sätze heute noch verstanden und
richtig interpretiert? Adorno
betont dann, dass man die Begriffe Spätkapitalismus und Industriegesellschaft
nicht gegeneinander ausspielen dürfe. Den Produktionsverhältnissen
nach lebten wir nach wie vor im Kapitalismus. Denn: „Weiter wird Herrschaft
über Menschen ausgeübt durch den ökonomischen Prozess hindurch.“
[4]
Nach dem Stand der Produktivkräfte allerdings
(also dem Zusammenspiel von menschlicher Arbeitskraft und Produktionsmitteln)
sei die gegenwärtige Gesellschaft durchaus Industriegesellschaft. Wichtiger
aber bleibt, auch für unser heutiges Thema, dass die Menschen noch immer
sind, „was sie nach der Marxischen Analyse um die Mitte des 19. Jahrhunderts
waren: Anhängsel an die Maschinerie, nicht mehr bloß buchstäblich die
Arbeiter, welche nach der Beschaffenheit der Maschinerie sich einzurichten
haben, die sie bedienen, sondern weit darüber hinaus metaphorisch, bis
in ihre intimsten Regungen hinein genötigt, dem Gesellschaftsmechanismus
als Rollenträger sich einzuordnen und ohne Reservat sich nach ihm zu
modeln. Produziert wird heute wie ehedem um des Profits willen.“
[5]
Die neoliberalistische Globalisierung, einschließlich
der neuen Formen des ‚totalen Krieges’, ist Spätkapitalismus. Und, so
Adorno, die „Macht der Produktionsverhältnisse, die nicht umgewälzt
wurden, ist größer als je, aber zugleich sind sie, als objektiv anachronistisch,
allerorten erkrankt, beschädigt, durchlöchert.“
[6]
Ich
zitiere Adorno an dieser Stelle auch wegen dieser beiden großartigen,
komplexen Begriffe – Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse.
Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie sie samt ihres theoretischen
Kontextes die Phantasie, die Urteilskraft der Soziologie einmal beflügelt
haben. Das, was mit Hilfe dieser Begriffe einst als dialektischer Zusammenhang
verstehbar war, wurde später zusammengerührt zur Moderne, zur Zweiten
Moderne, zur Reflexiven Moderne usw. So aber, mit solchen Phrasen, lässt
sich kein Standort außerhalb des Getriebes mehr beziehen, von dem aus
– wie Adorno sagte - der Spuk noch mit Namen zu nennen wäre.
[7]
2 Adorno
schloss seinen Eröffnungsvortrag des 16. Soziologentages mit den Worten:
„Soll Soziologie, anstatt bloß Agenturen und Interessen willkommene
Informationen zu liefern, etwas von dem erfüllen, um dessentwillen sie
einmal konzipiert ward, so ist es an ihr, mit Mitteln, die nicht selber
dem universalen Fetischcharakter erliegen, das Ihre, sei’s noch so Bescheidene,
beizutragen, daß der Bann sich löse.“
[8]
Erst
sechs Jahre später, 1974, fand dann in Kassel – unter dem Titel ‚Zwischenbilanz
der Soziologie’ - der 17. Soziologentag statt.
[9]
Zentrales Ereignis war ein sogenannter ‚Theorienvergleich’.
Verschiedene theoretische Ansätze sollten sich am Problem der ‚Evolution’
beweisen. Zum Verleich standen die Systemtheorie, vertreten durch den
damals noch relativen jungen Meister Niklas Luhmann selbst‚ der verhaltenstheoretische
Ansatz (Karl-Dieter Opp), die ‚kritische Theorie’, vertreten durch den
damals noch relativ jungen Meister Jürgen Habermas selbst
[10]
, der ‚handlungstheoretisch-interaktionistisch-phänomenologische’
Ansatz (Joachim Matthes) und schließlich die ‚historisch-materialistische’
(um nicht zu sagen marxistische) Theorie, vertreten durch meinen Freund
Karl Hermann Tjaden. Ich erntete Empörung, als ich aus dem Plenum den
nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag machte, künftig doch Soziologielehrstühle
nach diesem Schlüssel zu verteilen – was ‚uns’ Marxisten doch immerhin
einen Anteil von zwanzig Prozent eingebracht hätte ... Wir
versuchten damals, ergänzend zu den offiziellen Soziologentagsbänden,
jeweils einen alternativ-kritischen Sammelband zu publizieren. Im Vorwort
von ‚Die Krise in der Soziologie’ schrieben wir: „Der 17. Deutsche Soziologentag
sollte einer kleinen Gruppe, die allerdings an den Schalthebeln der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie sitzt, die Durchsetzung eines
bestimmten Berufsbildes des Soziologen und damit eine Weichenstellung
für Lehre und Forschung auf Jahre hinaus ermöglichen ... [es geht aber
darum,] daß der Fortschritt der Wissenschaft sich nicht über Reputations-Cliquen,
sondern über eine Wissenschaftspraxis im Interesse der Mehrheit der
Bevölkerung vollzieht.“
[11]
Ja, so redete man damals. Der
18. Deutsche Soziologentag fand 1976 in Bielefeld unter dem Titel ‚Materialien
aus der soziologischen Forschung’ statt. Unsere Auswertung erschien
1977, also vor genau 30 Jahren, unter dem Titel ‚Soziologie im Arbeitnehmerinteresse.
Alternative Positionen auf dem 18. Deutschen Soziologentag’
[12]
. In Bielefeld hatte sich inzwischen eine mächtige
Fakultät für Soziologie etabliert - um Niklas Luhmann und mit ihrem
Gründer Helmut Schelsky im Hintergrund. Der
18. Soziologentag in Bielefeld stand im Zeichen der sogenannten Berufsverbote.
Neben vielen Lehrern waren auch und gerade Soziologen und besonders
spektakulär zwei Münsteraner Kollegen betroffen, Thomas Neumann und
Peter Marwedel. Die Berufsverbotsfälle in Münster, aber auch an anderen
Universitäten wie Bamberg und Marburg wurden in Bielefeld in einer zentralen
Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie diskutiert und
verurteilt. Auch der damalige Vorsitzende der DGS, Karl Martin Bolte,
war in diesem Sinne aktiv geworden. Ansonsten standen im Zentrum die
Fragen der Professionalisierung und des Praxisbezugs der Soziologie.
Das
Medien-Echo auf Soziologentage war 1976 noch ungleich größer als etwa
2006, als sich die Soziologen wieder einmal in Kassel trafen. Nicht,
dass es besonders freundlich war. So schrieb die Frankfurter Allgemeine
Zeitung schon damals unter dem Titel ‚Die Sehnsucht nach dem grauen
Flanell’ von „den nüchternen Herren, die gegenwärtig der DGS vorstehen“
und schmerzlich nicken, wenn Politiker sich über die Soziologie lustig
machen.
[13]
Die Frankfurter Rundschau titelte „Soziologie ja,
Soziologen nein“ und zitierte Karl Martin Bolte: „Gerade die Soziologie
hat im Laufe ihrer Geschichte mehrfach erleben müssen, daß Gesellschaftskritik,
die einen wichtigen und legitimen Teil soziologischer Forschung darstellt,
unterdrückt und zu staatsfeindlicher Aktion erklärt wurde. Es liegt
deshalb meines Erachtens besonders auch im Interesse unserer Wissenschaft,
dass immer wieder geprüft und gegebenenfalls offengelegt wird, ob sich
und wo sich eventuell Tendenzen finden, die selbst letzlich jene Freiräume
gefährden, die sie zu schützen behaupten.“
[14]
Und
Erwin K. Scheuch höchstselbst beklagte in der ‚Welt’ unter dem Titel
„Ab jetzt heißt es wieder: alles geht“, dass der Bielefelder Soziologentag
neben ernsthafter Hinwendung zu empirischer Forschung auch ein Forum
für ‚allerlei Propaganda für Sekten’ bot. Für ihn war die vom Vorstand
der DGS mitgetragene Veranstaltung ‚Berufsverbote – Theorieverbote’
eine Volksfrontveranstaltung. „Da dürfen“, schrieb er, „die Kommunistenfreunde
Urs Jaeggi und Krysmanski die Bundesrepublik als ein Land mit Berufsverboten
für Soziologen verleumden, ohne dass ihnen vom Vorstandstisch widersprochen
wird.“ Selbstverständlich, fuhr er fort, gebe es gar keine Berufsverbote
für Soziologen, „sondern gegebenenfalls Berufsbehinderungen“.
[15]
Eigentlich
aber sollte es, wie gesagt, auf dem Bielefelder Soziologentag um Fragen
der Professionalisierung und des Praxisbezugs der Soziologie gehen.
Zu dieser Problematik hatte ich damals ein schönes Zitat des amerikanischen
Soziologen Martin Nicolaus aus dem Jahre 1967 ausgegraben: „Wenn die
Bevölkerung genug davon hat, Untersuchungsobjekt zu sein, erforscht,
analysiert, tabuliert zu werden und statt dessen aktiv zu fordern beginnt,
besser ernährt, behaust, bekleidet, beschult, bedient zu werden, lebendiger
und souveräner zu sein, dann bewegen die Auftraggeber der Forschung
ihre Mittel in Richtung auf die Unterstützung einer anderen Wissenschaft,
einer alternativen Profession. Wie Anzeichen in den USA ... zeigen,
ist die positive Korrelation zwischen dem funktional entgegengesetzten
Prosperieren der Soziologie und der untersuchten Bevölkerung erklärbar
durch den Hinweis auf die inverse Korrelation zwischen dem funktional
alternativen Prosperieren der Professionen der Soziologie und der Polizei.
– Indem der funktionale Wechsel von der soziologischen zur Polizei-Profession
sich vollzieht, erfährt der Grad der Ängstlichkeit in den Konzilen der
ersteren eine merkliche Steigerung. Wenn der Tümpel der Geldmittel verdunstet,
hüpfen die Frösche; keiner möchte am Rande sein, und der Run auf die
Lilienblätter in der Mitte ist enorm ...“
[16]
Mit anderen Worten: wenn es schwierig wird, brauchen
wir weniger Soziologen und mehr Polizisten. Innenminister Schäuble lässt
grüßen ... Immerhin
wuchs während der 70er Jahre in all diesen Wirbeln und trotz aller Forderungen
nach einer ‚Soziologie im Arbeitnehmerinteresse’ unser Institut von
anfänglich 2 auf 6 Professuren an. Die
internationale Dimension des Praxisbezugs der Soziologie wurde damals
kaum thematisiert. Das galt insbesondere für das ‚transsystemare’ Verhältnis
zur DDR. Selbst als die sozialliberale Koalition mit ihrer Strategie
des Wandels durch Annäherung gegenüber der DDR begann, blieben
die Mainstream-Soziologen desinteressiert. Noch 1979 widmete die DGS
ausgerechnet in Westberlin, also umgeben vom Realsozialismus, ihren
Fachkongreß einzig und allein dem ‚sozialen Wandel in Westeuropa’. Diese
blinde Arroganz wurde in den 80er Jahren durchgehalten. Innenpolitisch
sah es etwas anders aus. 1983 veröffentlichte eine für die Landesregierung
Baden-Württemberg und den damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth
tätige Kommission einen Aufsehen erregenden Bericht: ‚Zukunftsperspektiven
gesellschaftlicher Entwicklungen’. An ihm hatten viele ‚konservative’
Soziologen mitgearbeitet. Dieser Zukunftsbericht ist noch immer eine
gesellschaftspolitische Blaupause für Politik, Staats- und Industriebürokratie.
Er muss Lothar Späth auch noch, als er schon Kolonialherr in den neuen
Bundesländern geworden war, nützlich gewesen sein. Der Kommissionsbericht
verlangte von der Bevölkerung „mehr Vertrauen in die Kompetenz der Experten“
und „nüchterne Pflichterfüllung“. Er ermunterte ‚sozialen Egoismus’
als Grundlage sozialer Differenzierung. Er warb dafür, sich mit der
verwirrenden Vielfalt der ‚Informationsgesellschaft’ abzufinden. Und
schließlich wurde Politik als eine Sache des Verhältnisses von ‚Eliten’
und ‚Massen’ definiert. Der ‚Elite’ schlug man vor, sich besser zu organisieren:
in ‚außerparlamentarischen’, unauffällig arbeitenden, „mit besonderer
Entscheidungskompetenz ausgestatteten Institutionen“, deren „Besetzung
nicht durch allgemeinpolitische, repräsentative Personalauslese“, sondern
auf stillere Weise zustandekommt.
[17]
Das las man später gern in der Treuhandanstalt, das
liest man heute gern im CHE! 3 Die
westdeutsche Soziologie hatte also seit den 70er Jahren eine wechselvolle
Geschichte durchlaufen. Mit der sozialliberalen Koalition keimte die
Hoffnung auf, die Soziologie könne zu einer etablierten Politikberatungswissenschaft
werden in Sachen Lebensqualität (Sozialindikatorenbewegung),
Strukturpolitik (‚Kommission für wirtschaftlichen und sozialen
Wandel’) und nicht zuletzt in Sachen Abfederung der sozialen Folgen
von Rationalisierung und Automatisierung (Aktionsprogramm ‚Humanisierung
der Arbeitswelt’). Doch man konnte im zentralen Planungsgeschehen nicht
recht Fuß fassen. Das Wort ging um von der unvermeidlichen ‚Parzellierung’
und ‚Spezialisierung’ des Faches. Und
dann kam, heute vor genau 18 Jahren, die Nacht vom 9. zum 10. November
1989, der Fall der Mauer. Unter dem Titel ‚Die verstummte Soziologie.
Vom Verlust sozialwissenschaftlicher Urteilskraft in Deutschland’ zog
ich ein wenig später Bilanz in den ‚Blättern für deutsche und internationale
Politik’: „Der wichtigste Vorwurf an die heutige Mainstream-Soziologie:
sie hat den Weg zur deutschen Einigung verschlafen. Sie hat die Vergesellschaftungsprozesse,
die zwischen den beiden deutschen Staaten abliefen, nicht begreifen
können, weil sie „die andere Seite" überhaupt nicht wahrnahm ...
Unsere Soziologen fuhren selten in die DDR, oft nach New York.“
[18]
Aber selbstverständlich gab es dann ganz schnell
fachpolitische ‚Evaluierungskommissionen’, die in die neuen Bundesländer
ausschwärmten und nicht im Traum daran dachten, dass auch die 40 Jahre
DDR eine Variante realer gesellschaftlicher Entwicklung waren. Es
ging der westdeutschen Soziologie vielmehr um Beteiligung am Beratungsgeschäft
in Ostdeutschland. Selbst Claus Leggewie und Claus Offe erklärten den
ganzen Einigungsprozeß schlichtweg zum ‚forschungspragmatischen Glücksfall’.
[19]
Die Banken, die Versicherungen, ‚die Industrie’ richteten
Ost-Büros ein. Mit ihnen kamen die Scheckbuch-Forscher und Groß-Berater
aus dem Westen. Sie räumten mit dem Zweifel auf, ob es in den neuen
Bundesländern nicht doch Anderes, Eigenständiges mit eigenem Entwicklungspotenzial
gäbe. Auf den Trümmern der DDR-Akademien und Institute reproduzierte
man die koloniale Attitüde, mit der ein Teil der angewandten Sozialforschung
groß geworden ist. (Es
gab ‚unheimliche Begegnungen der dritten Art’. Als ich z.B. eines Abends
im Herbst 1990 Kollegen im Berliner Gebäude der früheren Akademie
für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED besuchen wollte,
kam mir Erwin K. Scheuch mit Begleitern entgegen. Er grinste mich an
und fragte: „Was machen Sie denn hier?“ Ich grinste zurück: „Was
machen Sie denn hier?“ Wir haben uns dann ganz nett unterhalten.) 4 Neben
diesem soziologischen Alltagsgeschehen rückten schon damals, Anfang
der 90er, die ‚neuen’ globalen Probleme ins Zentrum. Es waren neben
der Kriegsfrage bzw. Friedenshoffnung vor allem die Gefährdung der Biosphäre
und die ‚digitale Revolution’. Würde die Soziologie sich in diesen Bereichen
auf ihre eigene Geschichte und auf eigene mögliche Kompetenzen besinnen,
könnte sie vom Diktat der Nützlichkeit zur Freiheit des gesellschaftlichen
Nutzens aufsteigen! Um 1990 war gerade der
Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung erschienen.
Wenig später begann sich das World Wide Web auszuspinnen. Aber
beispielsweise erst auf dem Kasseler Soziologie-Kongress 2006 wurde
das Thema ‚Biosphäre’ von der DGS aufgenommen, und dann noch einigermaßen
esoterisch unter dem Titel ‚Die Natur der Gesellschaft’. Karl Herrmann
Tjaden schrieb schon 1990: „Die angewachsene Macht des menschlichen
Moments gegenüber dem außermenschlichen Moment der Biosphären-Totalität
und ihre Rückwirkungen auf dieses Ganze erfordern inzwischen, letzteres
als ein globales System zu begreifen, in dem die menschlichen Lebewesen
und die außermenschliche Biosphäre in globalem Maßstab, vermittelt durch
vielfältige Formen gesellschaftlicher Arbeit, aufeinanderwirken. [Notwendig
sind ein Umbau der Produktionssysteme und ökologische Demokratisierung,
denn eine] spezifische Strategie der eigenständig-nachhaltigen Entwicklung
der gesellschaftlichen Gesamtarbeit bedarf der Mitbestimmung der Menschen,
die das jeweilige regionale Potential eigenständig verkörpern und diese
Möglichkeiten nachhaltig und planvoll durchforsten können."
[20]
Eine solche Diktion wäre 2006 in Kassel auf komplettes
Unverständnis gestoßen. Doch was hat die Mainstream-Soziologie in den
letzten 15 Jahren auf diesem Gebiet beigetragen? Mit
dem zweiten Thema - ‚digitale Revolution und Soziologie’ - kenne ich
mich ein wenig aus. Ende der 90er leitete ich ein 700 000-DM-EU-Projekt
zur Rolle der Wissenschaften in den neuen digitalen Medien. Zuvor hatte
ich als Macher von Dokumentarfilmen für Spiegel-TV (als es noch gut
war), NDR und WDR dilettiert.
[21]
Und
ich lernte, dass eine theoretische Aufarbeitung der digitalen Revolution
in praktischer Absicht nur möglich ist in der Tradition, die ich vorhin
mit Adornos Eröffnungsvortrag des 1968er Soziologentags andeutete. Ich
meine also nicht Adornos Kritik der Kulturindustrie, die viele seiner
Schüler auf völlig falsche Fährten geführt hat. Nein, ich meine die
dialektische Methode. Die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
hat sich als das einzige methodologische Instrumentarium erwiesen, um
die gesellschaftlichen Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologien
der vernetzten Computer zu begreifen. Der
virtuelle Raum des Cyberspace, schreibt der amerikanische Adorno-Anhänger
Fredric Jameson, ist die „dritte große neuartige und weltweite Expansion
des Kapitalismus“
[22]
, ohne die beispielsweise die Explosion des Finanz-
oder Kasino-Kapitalismus gar nicht denkbar ist. Der Cyberspace
ist aber auch der Raum, aus dem die Subversion, der Widerstand kommt
und Revolutionen kommen werden. Wie
geht es weiter? Lassen Sie mich die Anfangssätze aus meinem Plenarvortrag
auf dem Dresdner Soziologie-Kongress 1996 zitieren: „Auch nach dem angeblichen
‘Ende der Geschichte ‘ bleibt eine systemische Neugier. Wir sind nicht
nur gespannt auf das nächste Ereignis. Uns bewegt auch innere Unruhe
hinsichtlich des Schicksals des ganzen Systems, der ganzen Produktionsweise
oder ganz genau: hinsichtlich der Grenzen der Gesellschaftsformation.
Unsere individuelle Befindlichkeit sagt uns: diese Produktionsweise
wird nun ewig währen. Unsere Intelligenz sagt uns, daß dies die unwahrscheinlichste
aller Möglichkeiten ist. Dennoch fällt es uns heute leichter, den Zerfall
des Planeten und seiner Natur zu imaginieren als den Zusammenbruch des
Kapitalismus. Da kann doch etwas nicht stimmen.“
[23]
Das
hatte im übrigen auch schon der inzwischen verstorbene Peter Glotz gespürt,
als er 1990 an den gescheiterten Kanzlerkandidaten der SPD, Oskar Lafontaine,
in einem Brief schrieb: „Als ich kürzlich in Washington war, habe ich
lange mit unserem gemeinsamen Freund[, dem Soziologen] Norman Birnbaum
gesprochen, der mir plastisch das Elend der demokratischen Partei vor
Augen geführt hat. Alle vier Jahre ein neuer Kandidat, alle vier Jahre
ein dürres Thesenpapierchen, aber kein Halt, keine Parteiorganisation,
keine langfristige Linie. Wir waren ja beide immer weit davon entfernt,
uns als Marxisten zu bezeichnen. Jetzt aber werden wir den gar nicht
so liebenswerten alten Herrn aus Trier gelegentlich verteidigen müssen.
Sein Hypothesen-Steinbruch ,Das Kapital' ist inzwischen geplündert:
und viele der Steine, die man dort finden konnte, waren nicht recht
verwertbar ... Mag sein, daß es übertrieben war, die Geschichte als
Geschichte von Klassenkämpfen aufzufassen, aber wenn wir sein Analysebesteck
ganz zur Seite legen und die ökonomischen Gründe politischer Entwicklungen
vormarxistisch vernachlässigen, werden wir schnell ratlos herumstehen.
Der Schwung des (Kommunistischen) Manifestes, das Vorwort zu den Grundrissen,
die Idee der disponiblen Zeit - die Parole müßte sein: Karl Marx und
Max Weber in eins denken, aber bitte nicht zurück zu einer imaginären
Debatte zwischen Lassalle, Bismarck, Lorenz von Stein und dem Bischof
Ketteler."
[24]
5 Abschließend
noch einige praktische Andeutungen, wie sich die Soziologen gegen den
Ansturm der neoliberalistischen Globalisierung behaupten können. Vor
dem Hintergrund der Gefährdung der Biosphäre und der digitalen Revolution
sind es zwei Kerne soziologischer Praxis, an die ich erinnern möchte.
Erstens: Will man Karl Marx und Max Weber wirklich ‚in eins denken’,
kommt man nicht um das Thema von Macht und Herrschaft herum. Zweitens:
Will man als Soziologe nicht nur Spielball gesellschaftlicher Kräfte,
sondern – zumindest in bescheidenem Umfang – auch Akteur sein, so muss
man die eigene öffentliche Wirksamkeit bedenken und an die Traditionen
‚soziologischer Erzählkunst’ anknüpfen. Für mich stehen für diese beiden
Aspekte zwei Begriffe – ‚Power Elite’ und ‚Sociological Imagination’
–, die beide mit dem Namen des 1961 mit 46 Jahren verstorbenen amerikanischen
Soziologen C. Wright Mills verbunden sind. Zunächst
zum Thema Macht und Herrschaft: Auf dem Soziologie-Kongress des
Jahres 2000 in Köln – Thema: ‚Gute Gesellschaft? Zur Konstruktion sozialer
Ordnungen’ - organisierte ich eine Ad-hoc-Gruppe ‚Zur Aktualität von
C. Wright Mills’. Die deutsche Mainstream-Soziologie hat, im Unterschied
zur globalen Soziologengemeinde, von C Wright Mills nie etwas wissen
wollen. Dabei figurieren seine Bücher ‚The Power Elite’ (1956) und ‚The
Sociological Imagination’ (1959) weltweit noch immer auf den ersten
Plätzen aller Rankinglisten soziologischer Literatur. Die
Podiumsdiskussion unserer Ad-hoc-Gruppe in Köln, die in direkter zeitlicher
Konkurrenz zu Armin Nassehis Sektionssitzung über ‚Elitenforschung’
stattfand, war, abgesehen vom Eröffnungsplenum, die bei weitem bestbesuchte
Veranstaltung des Kongresses. Ihr Thema lautete: 'Elite sind diejenigen, deren Soziologie niemand
zu schreiben wagt'
(Carl Schmitt). Das Einleitungsreferat hielt Hermann L. Gremliza
(konkret, Hamburg) unter dem Titel 'Meine Freunde, die Milliardäre
oder: Die Wirklichkeit ist ziemlich vulgärmarxistisch'. In den Medienberichten
über den Soziologie-Kongress figurierte fast nur diese Podiumsveranstaltung,
an der u.a. auch Heinz Hartmann, Münster, Todd Gitlin, New York, Hermann
Korte, Hamburg, und Claus Noé, ehemaliger Staatssekretär im Finanzministerium
von Lafontaine, beteiligt waren. Später
publizierten Armin Nassehi und andere die Diskussionen ihrer eigenen
Elitenforschungssektion unter dem Titel ‚Elitenmacht’.
[25]
Mit diesem entsubjektivierten Titel wurde die Frage,
die Mills und uns interessiert, die Frage nach den Akteuren der
Macht, nach den Herrschenden, elegant hinausgefiltert. Gleichwohl weiß
diese neue Elitenforschung, dass es Machteliten gibt, und sie dient
sich den ‚deutschen Führungsgruppen’ (Heinz Bude) auch an. Transparenz
aber über die wirklich Mächtigen und Herrschenden in unserer Gesellschaft
ist geradezu ein Tabu. Man spricht undeutlich: über ‚Differenzierungsparasiten’,
über digitale Eliten oder über globale Eliten (denen Lord Dahrendorf
gelegentlich auf Transatlantik-Flügen begegnet). Man begnügt sich gar
mit den Honoratioren einer brandenburgischen Kleinstadt. Zugleich flüstern
unsere Mainstream-Elitenforscher einer bestimmten Klientel zu: Ihr Reichen
und Mächtigen dieser Republik, tut es den amerikanischen Geld- und Machteliten
gleich, organisiert die ‚querverbindliche’ Kommunikation untereinander,
schafft in Berlin ein ‚Washington Szenario’ der Denkfabriken und politischen
Stiftungen! Und vor allem: breitet die Nebel der Philanthropie und Wohltätigkeit
aus, wie eure amerikanischen Freunde es euch vormachen. Ich
habe, auch wenn ich eigentlich schon zu alt dafür bin, andere Schlüsse
gezogen – mit interessanten Ergebnissen gerade hier in Münster. Einerseits
ist an unserem Institut auf Initiative meines Schülers Thomas Druyen
unter Einwerbung privater Forschungsmittel ein ‚Forum für Vermögensforschung’
gegründet worden, das eine ganz besondere Kultur der Vermögenden fördern
möchte.
[26]
Andererseits propagiere ich im bescheidenen Gegensatz
dazu, z.B. mit Hilfe von Attac und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hier
und andernorts den Graswurzelansatz eines herrschafts- und machtkritischen
Power Structure Research. Beide Ansätze können sich im übrigen,
im Sinne der Dialektik, durchaus fruchtbar ergänzen. Power
Structure Research geht der Tatsache der ungleichen Verteilung jener
Ressourcen nach, die Macht verleihen (Reichtum, politische Ämter, Kontrolle
der Massenmedien); und der Rolle formeller und informeller Netzwerke,
durch die Macht konzentriert und institutionalisiert wird. PSR basiert
auf den Theorien von Karl Marx und Max Weber. Für Marx war Reichtum
die typische Quelle von Macht, für Weber war Macht in bürokratischen
Organisationen institutionalisiert und wurde durch die soziale Abschottung
hoher sozialer Statusgruppen zementiert. PSR geht empirisch vor und
benutzt eine Kombination verschiedener Forschungsmethoden: Netzwerkanalysen,
Interviews mit kenntnisreichen ‘Insidern’, Archiv-Recherchen und andere
Formen der Dokumentenanalyse sowie Fallstudien des politischen Entscheidungsprozesses.
PSR, und das ist ganz wichtig, wird in den USA nicht nur von Sozialwissenschaftlern
betrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen
Parteien, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und sogar
Künstlern.
[27]
Das
gängige empirische Rüstzeug der Soziologie war und ist für die Erforschung
der Frage: What Does The Ruling Class Do When It Rules?
[28]
kaum geeignet. Der Methodenkanon wurde in den industrie-
und militärsoziologischen Untersuchungen der dreißiger und vierziger
Jahre – z.B. in den Hawthorne-Studien von Elton Mayo u.a. oder in den
Forschungen über ‚The American Soldier’ (Paul Lazarsfeld u.a.) - entwickelt.
In autoritär-hierarchischen Industrie- und Militärorganisationen aber
gab es nur eine Beobachtungsperspektive, die von oben nach unten. Und
dieses ist – jedenfalls was Empirie betrifft – noch immer Zentralperspektive
der Soziologie. Die
Mittelschichten beobachten die Unterschichten im Auftrag der Oberschichten.
Bestenfalls beobachten verschiedene Mittelschichten-Fraktionen noch
einander: aus Gründen der Effizienz, Konkurrenz, Exzellenz. - Wer aber
beobachtet die Oberschichten? Und auf welche Weise? Und
da ist ja noch der zweite Kernbereich soziologischer Praxis, der mit
dem ersten durchaus zusammenhängt: die Tradition ‚soziologischer
Erzählkunst’. Die Soziologin, der Soziologe werden in dieser Kommunikations-,
Wissens-, Simulations-, Manipulations- und Mediengesellschaft dadurch
aktiv, werden dadurch von Objekten (des Ranking) zu Subjekten (des Ranking),
dass sie das, was sie wissen, auch erzählen können. Das hat eine alte
Tradition in der Soziologie, ja es gehört unauflöslich zu ihr. Georg
Simmel war ein hervorragender Geschichtenerzähler, auch Thorstein Veblen,
sogar Max Weber (wenn man an ‚Wirtschaft und Gesellschaft’ denkt) und
Pierre Bourdieu (nicht zu vergessen seine Photographien) und Norbert
Elias und Helmut Schelsky - und sogar Niklas Luhmann war immer am besten,
wenn er sich in Diskussionen und Interviews in Beispielen und Bildern
verlief. Inzwischen
nimmt uns auf diesem Praxisfeld eine andere Disziplin das Szepter aus
der Hand, die Zeitgeschichte. Ulrike Baureithel schreibt: „Je krisenanfälliger
die bürgerliche Gesellschaft wird, desto hilfloser ihr akademischer
Seismograph und desto größer die Anleihen bei den Orientierung versprechenden
Nachbardisziplinen.“ Verdankt sich also, fragt sie, die mediale Konjunktur
der Zeitgeschichte dem Niedergang der sozialwissenschaftlichen Königsdisziplin?
„Was die beschreibende und analytische Vorausschau nicht mehr vermag,
soll der Blick in die Vergangenheit richten - und je schiefer die historischen
Vergleiche im politischen Geschäft, desto dröhnender die öffentliche
Resonanz.“
[29]
Erfreulicherweise
haben die am hiesigen Institut Tätigen ja geradezu instinktiv begriffen,
dass die Öffentlichkeit informiert und interessiert werden muss, dass
Soziologie nur so weiterleben kann. Davon zeugen die ‚langen Nächte
der Soziologie’
[30]
, Tagungen wie die heutige usw. Aber warum geschieht
das alles erst jetzt? Und
es geht ja nicht nur um die lokale Öffentlichkeit. Es geht um die Medienwelt
insgesamt und um die Rolle der Soziologie darin. Unsere Geschichten
müssen wir heute auch in den neuen Medien, im Film, auf Websites, erzählen
können. Und das kommt nicht von heut auf morgen. Das muss gelernt werden,
das gehört – und damit wären wir führend in der Bundesrepublik – zur
soziologischen Ausbildung. Wir
verfügen über komplexe Begriffe, über dialektisches Denken und umfassendes
historisch-gesellschaftliches Wissen, um im Prinzip die komplexe soziale
Wirklichkeit erzählerisch zu erschließen. Erzählen, unsere soziologische
Phantasie gebrauchen, hat sicher auch mit Effizienz, Konkurrenz und
Exzellenz zu tun, aber nicht zum Zwecke der privaten Gewinnmaximierung,
sondern um durch die demokratiewirksame Verbreitung wissenschaftlichen
Wissens Veränderungen und Verbesserungen in den großen Problemfeldern
unserer Gesellschaft zu bewirken, vom Frieden bis zur Umwelt und zur
Informatisierung unserer Kommunikation. 1961, im Jahr meiner Promotion bei ihm, veröffentlichte Helmut Schelsky ein Büchlein mit dem Titel ‚Anpassung oder Widerstand. Soziologische Bedenken zur Schulreform’. Dieser Titel hätte auch über meinem heutigen Referat stehen können. Ich jedenfalls habe Soziologie studiert, um zu lernen, wie man Widerstand gegen Anpassungsdruck organisiert. [1] Vortrag auf einer Tagung - ‚Effizienz – Konkurrenz – Exzellenz. Soziologie unter dem Diktat der Nützlichkeit?’ - des (abwicklungsbedrohten) Instituts für Soziologie der Universität Münster am 9.11.2007 [2] vgl. Soziologie, Jg. 36, Heft 2, 2007, S. 146-155 [3] Einleitung des Vorsitzenden des Vorbereitungskomitee, Theodor W. Adorno, in: Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Hg.), Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft? Verhandlungen des 16. Deutschen Soziologentages, Stuttgart 1969, S. 13f. [4] ebenda, S. 17 [5] ebenda, S. 18 [6] ebenda, S. 23 [7] ebenda, S. 25 [8] ebenda, S. 26 [9] vgl. M. Rainer Lepsius (Hg.), Zwischenbilanz der Soziologie, Stuttgart 1976 [10] der allerdings die Bezeichnung ‚kritische Theorie’ durch das Konzept einer ‚Theorie kommunikativen Handelns’ ersetzt hatte [11] H.J.Krysmanski/P.Marwedel (Hg.), Die Krise in der Soziologie, Köln 1975 [12] Köln 1977, herausgegeben von Heinrich W. Ahlemeyer und Rolf Schellhase [13] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.10.1976 [14] Frankfurter Rundschau vom 11.10.1976 [15] Die Welt vom 6.10.1976 [16] 1967 auf einem Kongress der American Sociological Association – Martin Nicolaus, The Professional Organization of Sociology: A View from Below (1969), in: N.M.Regush(ed.), Visibles and Invisibles, Boston 1973, p. 132f. [17] vgl. Späth-Kommission: Bericht der Kommission für Zukunftsperspektiven gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Auftrag der Landesregierung von Baden-Württemberg, November 1983 [18] Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/92, S. 1113 [19] vgl. B. Giesen/C. Leggewie (Hg.). Experiment Vereinigung. Ein sozialer Großversuch, Berlin 1991 [20] K.H.Tjaden, Mensch-Gesellschaftsformation-Biosphäre. Über die gesellschaftliche Dialektik des Verhältnisses von Mensch und Natur, Marburg 1990, S. 7 [21] vgl. H.J. Krysmanski, Popular Science. Medien, Macht und Wissenschaft in der Postmoderne, Münster 2001 (online-Version: www.uni-muenster.de/PeaCon/popscience-online/). Einige meiner TV-Reportagen aus der 1. Hälfte der 90er Jahre: ‚Das Ende der Interflug und die Treuhandanstalt’, ‚Der russische Militär-Industrie-Komplex im Ausverkauf’, ‚Der Amerikaner, der Sibirien kaufen will’, ‚Alexander Ruzkoi’, ‚Länderspiel: deutsch-deutsche Beziehungen in den 80ern’ [22] Fredric Jameson, Postmoderne – Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus, in: A. Huyssen (Hg.), Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Hamburg 1993, S. 94f. [23] Vortrag ‚Weltsystem, neue Medien und soziologische Imagination’ (Plenum VII: Transformationsprozesse medialer Kulturen in der Moderne), in: St. Hradil (Hg.), Differenz und Integration, Frankfurt 1997 [24] Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, 12/90 [25] R. Hitzler/St. Hornbostel u.a. (Hg.), Elitenmacht, Wiesbaden 2004 [26] vgl. www.vermoegensforschung.uni-muenster.de [27] vgl. H.J. Krysmanski, Hirten&Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen oder: Einladung zum Power Structure Research, Münster 2004 (online-Version unter: www.uni-muenster.de/PeaCon/hw-online/); vgl auch: www.uni-muenster.de/PeaCon/psr/ [28] so lautet der Titel eines Buchs von G. Therborn, London 1978 [29] Ulrike Baureithel, Was der Gewaltdetektor verrät, in: Freitag 39, 28.9.2007 [30] von der studentischen Fachschaftsvertretung organisierte Informationsveranstaltungen der letzten Zeit |