H.J.Krysmanski
[1]
Dies ist also die 2. Runde unter dem
Titel ‚Reale Besitz-, Verteilungs- und Machtverhältnisse in der globalisierten
Welt’. Die Stichworte lauten ‚Transnationale Konzerne’, ‚Geld-Macht-Komplex’,
‚Institutionelle Anleger’ und ‚Finanzmarktakteure’. Ich nenne das Ganze
‚Strukturen und Akteure des Reichtums’. Was ich hier vortrage, ist experimentell
– es ist der Versuch, eine Argumentationskette zu entwickeln, die innerhalb
der Linken in Deutschland, im Gegensatz etwa zu den USA, noch unterentwickelt
ist. Auch ist hier ‚grassroots research’, ‚Forschung von unten nach
oben’, gefragt. Beginnen wir mit dem ersten Stichwort.
Für den Soziologen sind transnationale Konzerne Schaltzentralen, welche
die entscheidenden Prozesse der Globalisierung kontrollieren. Ihre Lenker
selbst sprechen von ‚global corporate statesmanship’, von globaler Konzern-Staatskunst
– und sie meinen es. Sie haben, im Gegensatz zu vielen Regierungen,
auch die technischen Möglichkeiten zur Ausübung dieser Kunst. Das gilt
noch mehr für Großbanken und die großen Investmentfirmen. Denn der Stellenwert
der Finanzmärkte für Struktur und Entwicklung des Kapitalismus hat sich
enorm erhöht (vgl. Huffschmid). Es gibt einen nie dagewesenen Überfluss
an liquiden Mitteln. So stehen in diesem neuen Kapitalismus statt Unternehmensinvestitionen
reine Finanztransaktionen und riesige spekulative Raubzüge im Vordergrund.
„Wir verwalten Milliarden von Dollar“, sagt der Chef einer großen New
Yorker Investmentfirma, „und wissen ganz genau, wo jeder einzelne Cent
im Augenblick steckt. Wir verlassen uns nicht mehr auf irgendwelche
Berichte, wir können es jetzt mit eigenen Augen sehen, und zwar in Echtzeit.“
[2]
Die Antwort auf die Frage danach, wem die Welt gehört,
steckt auch in diesen technischen Kontrollmöglichkeiten. Aber was heißt eigentlich ‚gehören’?
So lange wir nur die Frage stellen, wem eine bestimmte Immobilie, ein
Handwerksbetrieb, ein Gemälde usw. gehören, erlaubt das bürgerliche
Eigentumsrecht ziemlich präzise Antworten. Fragen wir aber, wem
ein Konzern, eine Bank, die Deutsche Bahn AG, der Hamburger Hafen usw.
gehören, so wird die Feststellung der Eigentumsverhältnisse schon schwieriger.
Schließlich stößt man auf mächtige private Anteilseigner und
damit erstens auf die Konzentration von riesigen, aus vielen
unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den
Händen einiger weniger Personen und Familien; und zweitens auf
die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates, der Kommunen)
und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser, Natur usw.) durch Privatisierung
in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums. Wem aber nun eine Stadt, ein Land, Europa
oder gar ‚die ganze Welt’ gehören – eine solche Frage ist seit dem Feudalismus
nicht mehr gestellt worden. Handelt es sich vielleicht gar nicht
um die Frage des Gehörens, sondern um die usurpatorische Aneignung durch
Enteignung – wie einst im Feudalismus? In Europa sind in den fünfzehn
Jahren nach Abschluss des Maastrichter EU-Vertrags die nationalstaatlichen,
eigentumsrechtlichen und verteilungspolitischen Strukturen zutiefst
verändert worden. Für die neuen Herrschafts- und Verfügungsstrukturen
sind demokratische Entscheidungsprozesse zum Teil nur noch Garnierung.
Unter dem Schleier der neoliberalen Deregulierungsideologie erleben
wir einen Zusammenbruch der Steuerungsinstanzen des bürgerlich-kapitalistischen
Welt.
[3]
Noch vorhandene Positionsvorteile, Klassenprivilegien
usw. werden zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld, bis hin
zu systemischer Korruption, eingesetzt. Das ist ein neuartiges Regime. Dieses neue Regime können wir hier an
der Ostseeküste mit Händen greifen. Der Mauerzaun ist ja nicht nur symbolisch,
er ist handfest da. Er teilt unsere Gesellschaft in Klassen ein, in
die da drinnen und die hier draußen. Diese scheinbar unüberwindlichen
Absperrungen gibt es auch an vielen anderen Orten unserer ‚Industrie’-Gesellschaften.
Versucht doch mal, in einen der Wohnwolkenkratzer um den Central Park
in New York hinein zu kommen, in eine ‚gated community’, in den Yachthafen
von Valencia, in bestimmte Clubs, aber auch – in den USA, bald auch
bei uns – auf den Campus von Spitzenuniversitäten. Überall hinter solchen
Mauerzäunen trifft man auf eine Gruppe, die sogar eine Studie des strategischen
Militärinstituts des britischen Verteidigungsministeriums als die ‚schamlosen
Superreichen’ bezeichnet hat. Davon gleich mehr. Hier an diesem Mauerzaun zeigt sich
konkret die traurige Tatsache, dass auch die politische Elite sich abschirmt
und an die Exklusivität der Superreichen anpasst. Unter dem Titel ‚Future Strategic Context’
warnt das eben erwähnte strategische Militärinstitut des britischen
Verteidigungsministeriums davor, dass sich in dreißig Jahren, im Jahre
2037, mehr als 60 Prozent der Menschen weltweit in verslumten, ghettoisierten
Städten zusammendrängen werden. Diese Zusammenballung von Not, Arbeitslosigkeit
und Unzufriedenheit stelle einen gewaltigen sozialen Sprengsatz dar.
Die fortschreitende internationale Integration bringe Kriege zwischen
Staaten praktisch zum Erliegen. An deren Stelle träten Konflikte innerhalb
der Gesellschaften – Bürger-, Sippen- und Klassenkriege. In dieser Situation,
fahren die britischen Militärstrategen fort, könnten „die Mittelklassen
eine revolutionäre Klasse werden, und jene Rolle übernehmen, die Marx
für das Proletariat vorgesehen hatte“. Aufgerieben zwischen „wachsender
sozialer Verelendung einerseits und dem schamlosen Leben der Superreichen
andererseits“ könnten sich die „Leistungs- und Wissenseliten, die früher
einmal Bildungsbürger und Facharbeiter genannt wurden“, zu einem schlagkräftigen
Interessenverbund zusammentun und gegen den Kapitalismus der Superreichen
kämpfen.
[4]
So weit ist es noch nicht, aber wir
sind schon dabei ... Und dieser G8-Gipfel ist eine Veranstaltung, die
diese Prozesse beschleunigen, nicht verhindern wird. Die Superreichen
sind auf diesem Gipfel nur unsichtbar vorhanden, als eine Interessen-
und Geldmacht im Hintergrund. Auf diesem Gipfel und überall sonst in
der Medienöffentlichkeit bewegt sich sichtbar nur ihre Dienstklasse,
die Dienstklasse des Geld-Macht-Komplexes ... Was ist das, der ‚Geld-Macht-Komplex’? Eine der schönsten und klügsten Analysen
der hegemonialen Funktionen des geldheckenden Finanzsystems stammt von
dem linken New Yorker Wall Street Broker – das gibt es! - Doug Henwood.
Er bezieht sich zwar auf die USA, meint aber die ganze Welt. Einerseits,
so Henwood, erfüllt das U.S. Finanzsystem seine angebliche Aufgabe,
die Ersparnisse der Gesellschaft in Richtung der besten Investitionen
zu lenken, nur höchst kümmerlich. Das System ist wahnsinnig teuer, gibt
falsche Signale zur Lenkung der Kapitalströme und hat kaum etwas mit
wirklicher Investitionstätigkeit zu tun. Auf der anderen Seite aber
macht der Finanzmarkt eines sehr gut: er bewirkt die Konzentration von
Reichtum. Der Mechanismus ist einfach: mithilfe staatlicher Verschuldung
werden Einkommen von unten, von den einfachen Steuerzahlern, nach oben,
zu den reichen Inhabern von Wertpapieren, verschoben. Statt die Reichen
zu besteuern, borgt die Regierung von ihnen, und bezahlt für dieses
Privileg auch noch Zinsen. Auch die Konsumentenkredite bereichern die
Reichen; wer bei stagnierenden Löhnen und Gehältern seine VISA-Karte
benutzt, um über die Runden zu kommen, füllt mit jeder Monatsrate auf
sein Kreditkonto die Brieftaschen der Gläubiger im Hintergrund. Unternehmen
des produktiven Sektors zahlen ihren Aktionären Milliarden an jährlichen
Dividenden, statt ins Geschäft zu investieren. Kein Wunder also, dass
der Reichtum sich auf spektakuläre Weise immer mehr ganz oben zusammenballt. "Lässt man einmal“, schreibt Henwood,
„die Frage beiseite, wo sie ihren Hauptwohnsitz haben (Bahamas, Cayman
Islands, Europa), verfügt das reichste halbe Prozent der U.S. Bevölkerung
über einen größeren Anteil am nationalen Reichtum als die unteren 90
Prozent, und die reichsten 10 Prozent verfügen über dreiviertel des
gesamten Reichtums. Und mit diesem Reichtum geht außerordentliche soziale
Macht einher - die Macht, Politiker, Publizisten und Professoren einzukaufen,
die Macht, die Politik des Gemeinwesens ebenso wie die Politik der Konzerne
zu diktieren."
[5]
In dieser Umgebung zunehmender Liquiditätsüberschüsse,
in dieser Welt frei verfügbarer ungeheurer Geldmengen, die nach Verwertung
drängen, wirkt die Dienstleistungsbranche der Finanzinvestoren.
Investmentfirmen übernehmen für die großen Geld- und Vermögensbesitzer
die Verwertung ihres Kapitals. Das geschieht durch Realinvestitionen,
immer mehr aber auch durch Finanzspekulationen, Kauf von Unternehmen,
Zusammenschlüsse (merger), Zugriff bei Privatisierungen usw.
„Die Finanzinvestoren stehen als private Unternehmen miteinander in
Konkurrenz, und das Hauptinstrument, um sich gegen die Konkurrenten
durchzusetzen, ist das Versprechen schneller und hoher Renditen ...
Um diese zu erzielen, müssen sie sich auf immer riskantere Finanzanlagen
einlassen (Finanzspekulation), immer stärkeren Druck auf die Unternehmen
ausüben, (shareholder value Orientierung) und Regierungen zur
Herstellung günstiger Anlagebedingungen erpressen.“
[6]
Die größte Gruppe der Finanzinvestoren
sind die Institutionellen Investoren. Sie wurden schon in den
80er Jahren groß: Pensionsfonds, Versicherungen und Investmentfonds.
Sie verwalten heute jeweils rund 20 Billionen $, zusammen also etwa
60 Billionen – 60 Tsd. Milliarden - Dollar. Doch angesichts der weltweit
vagabundierenden riesigen Anlagevermögen wird es immer schwieriger,
mit diesen traditionellen Verwertungsinstrumenten attraktive Renditen
zu erzielen. So sind ‚alternative Investmentformen’ entstanden. Sie
beginnen das Feld zu beherrschen: 1) die Private Equity Branche,
die sich darauf spezialisiert, nicht an der Börse notierte Unternehmen
zu kaufen, radikal umzustrukturieren und nach wenigen Jahren mit erheblichen
Gewinnen zu verkaufen; 2) die Hedge Fonds Branche, die durch
riskante Spekulationen und/oder Aktionärs-Aktivismus schnelle und hohe
Barzuflüsse organisiert und an die Geldbesitzer ausschüttet.
[7]
Im Kern läuft das alles darauf hinaus,
das Volkseinkommen von den Gehältern und Löhnen zu den Gewinnen umzuverteilen
(Huffschmid). Der staatlich regulierte stakeholder-Kapitalismus
der Vergangenheit, wo alle an der Wirtschaft Beteiligten ein gewisses
Mitbestimmungsrecht hatten, ist durch ein neues Modell konzerngesteuerter
Zielsetzungen und Verantwortungen ersetzt worden. In diesem Modell geht
es nicht mehr um das Wohlergehen der Beschäftigten und die Wohlfahrt
der Kommunen, sondern darum, für die shareholder – und zwar für
die großen, nicht für die kleinen Anteilseigner - kurzfristig den Wert
der Aktien und die Dividendenauszahlungen zu steigern. „Die praktischen Folgen“, schreibt der
linksliberale amerikanische Leitartikler William Pfaff, „sind ein stetiger
Druck, die Löhne und sonstigen Ansprüche der Beschäftigten zu kürzen
(was in manchen Fällen zum Diebstahl der Pensionen und zu anderen Verbrechen
führt) sowie politische Propaganda und Lobbyismus zugunsten der Senkung
von Unternehmenssteuern, mit denen staatliche und öffentliche Aufgaben
finanziert werden könnten.“
[8]
Dieses System, diese Interessen werden hier in Heiligendamm
durch beflissene Darsteller der Macht vertreten. Wer aber sind nun konkret die hinter
diesem Geld-Macht-Komplex stehenden Reichen und Superreichen, deren
Taschen durch jene Gewinnoperationen gefüllt werden? Es ist eine bunte
Gesellschaft, an deren Spitze wir – beispielsweise in Europa – folgende
Gruppen unterscheiden können: 1) den über Generationen vererbten, dynastischen
Reichtum – die alten reichen Familien; 2) den teilweise immer noch potenten
Adel; 3) den mittels technischer, finanzieller und konsumstrategischer
Innovationen zusammengerafften Neureichtum – Discounter-Könige, Software-Erfinder,
Spekulanten; 4) die durch korrupte Privatisierungspraktiken hochgekommenen
Oligarchen – in Russland, aber inzwischen auch in anderen osteuropäischen
Ländern; 5) Mafia-Milliardäre – wie Silvio Berlusconi. Darunter gibt
es eine breite Basis der – wie Doug Henwood sie nennt – ‚Klasse der
Reichen’. Nach dem Weltreichtumsbericht 2006 von
Merrill Lynch stieg im Jahre 2005 das Gesamtvermögen der sogenannten
High Net Worth Individuals (HNWIs) auf 33 Billionen – also 33
tausend Milliarden Dollar. Im Jahre 2010 werden es 44 Billionen Dollar
sein. HNWIs sind Personen mit einem jeweils frei verfügbaren Netto-Geldvermögen
von mindestens 1 Million Dollar. Im Jahr 2005 betrug die Zahl solcher
HNWIs 8,7 Millionen Personen weltweit. Aber es gibt ja auch noch die
Ultra High Net Worth Individuals (UHWNIs), die über Netto-Geldvermögen
von mehr als 30 Millionen Dollar verfügen. Von ihnen gab es in der gleichen
Zeit 85 400 Personen weltweit.
[9]
Und die Zahl der europäischen Ultra-HNWIs
– wie gesagt, mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von mehr als 30
Mill. Dollar - betrug etwa 17 000 Personen. Wie diese Personen zusammenwirken,
ist weitgehend unerforscht. Aber dass sie zusammenwirken, sich
vernetzen, ist sicher! Wie das ‚soziologisch’ vor sich geht,
hat Ferdinand Lundberg, bezogen auf die USA, schon vor vierzig Jahren
beschrieben: Zunächst einmal verfügt der Superreichtum „über eine oder
mehrere Großbanken. Ferner übt er einen absoluten oder zumindest doch
beherrschenden Einfluß auf einen, zwei, drei oder mehr große Industriekonzerne
aus. Ferner kontrolliert die jeweilige Familie eine oder auch mehrere
von ihr errichtete Stiftungen. Zu ihren Vermögenswerten gehören einerseits
handfeste Aktienpakete ... Zum anderen aber sollen sie gesellschaftspolitischen
Einfluß auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens ermöglichen und
eine Vielzahl ideeller Ziele fördern. Diese steinreichen Familien haben
außerdem eine oder mehrere Universitäten oder Technische Hochschulen
gegründet – zumindest unterstützen sie solche Institute in großem Ausmaß.
Darüber hinaus treten sie als politische Geldgeber auf – [damals] meistens
zum Nutzen der Republikanischen Partei ... Diese Familien haben große
Vermögenswerte im Ausland angelegt, so daß sie an der Außen- und der
Verteidigungspolitik der Regierung ... besonders stark interessiert
sind. Zugleich üben sie direkten Einfluß auf die Massenmedien aus, da
ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehstationen
riesige Beiträge für die Werbung zahlen.“
[10]
Auf der Sunday Times-Liste der
hundert reichsten Europäer des Jahres 2006 - an der Spitze der 17 000
europäischen UHNWIs - finden sich auf den ersten zehn Plätzen die folgenden
Personen und Familien: 1) Die Gebrüder Karl und Theo Albrecht (Aldi,
Deutschland) mit einem Vermögen von 27 Milliarden Euro, 2) Ingvar Kamprad
(Ikea, Schweden) mit 23,5 Mrd. Euro, 3) Lakshmi Mittal (Stahl, Großbritannien)
mit 21,9 Mrd. Euro, 4) Bernard Arnault (Luxusgüter, Frankreich) 18 Mrd.
Euro, 5) Johanna Quandt und Familie (BMW, Deutschland) 17,5 Mrd. Euro,
6) Roman Abramowitsch (Öl, Russland/Großbritannien) 15,8 Mrd. Euro,
7) Liliane Bettencourt (Kosmetika, Frankreich) 13,4 Mrd. Euro, 8) Amancio
Ortega (Mode, Spanien) 12,5 Mrd. Euro, 9) die Familie Herz (Kaffee,
Deutschland) 10,9 Mrd. Euro, 10) die Familie Brenninkmeyer (Einzelhandel,
Niederlande) 10,4 Mrd. Euro. Unter den reichsten hundert Europäern
sind mindestens zwanzig russische ‚Oligarchen’. Bei ihnen und Milliardären
wie Silvio Berlusconi (Rang 16, 9,3 Mrd. Euro) sind Verbindungen zum
organisierten Verbrechen hochwahrscheinlich. Außer dem Duke of Westminster
(Rang 14, 9,7 Mrd. Euro) und dem Prinzen Hans-Adam von Liechtenstein
(Rang 58, 4,6 Mrd. Euro) finden sich kaum Aristokraten auf der hunderter
Liste. Das liegt daran, dass gerade alte, gewachsene Vermögen sozusagen
in den Kellern der Geschichte verborgen werden können.
[11]
Auch insgesamt ist über viele der aufgezählten Personen
und Familien - und das wird noch evidenter, wenn man die nächsten drei-
oder vierhundert oder auch tausend hinzunimmt - viel zu wenig bekannt.
Sie sind fast unsichtbar, weil das so gewollt wird. Andererseits ist zu beobachten, dass
die Vermögenden selbst verstärkt und offensiv an ihrem öffentlichen
Image zu basteln beginnen. Schon taucht der eine oder andere Apologet
der Vermögenden in den Talkshows auf. Ein gerade erschienenes Buch des Soziologen
Thomas Druyen, bis vor kurzem ein Direktor in der Privatbank des Fürstenhauses
von Liechtenstein, dürfte hier einen Meilenstein setzen. Es trägt den
Titel Goldkinder. Die Welt des Vermögens.
[12]
Druyen wird deutlich. In Vorankündigungen hieß es,
der Autor wolle einen ‚Blick in die Seele der Milliardäre’ werfen und
‚garantiert nicht das Geld der Superreichen zählen’. Druyen, der inzwischen
Professor für ‚vergleichende Vermögenskultur’ an der Sigmund-Freud-Privatuniversität
in Wien ist, träumt von einer ‚neuen Vermögenskultur’, die aus dem ‚Kern
der Persönlichkeit der Superreichen’ erwachsen soll. „Der wirklich Vermögende
gibt sich durch sein philanthropisches Handeln zu erkennen.“
[13]
In einem ganzseitigen Artikel in der ‚Zeit’ verkündet
dieser ‚Vermesser des Reichtums’: „Auch wohlhabende Zeitgenossen werden
in ihren Villen von den gleichen Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen
begleitet wie die Menschen in den Mietwohnungen der Vororte ... Die
einen unterliegen dem Zwang des Broterwerbs, die anderen der immerwährenden
Frage nach dem Lebenssinn.“
[14]
(Das Kuriose ist, dass ich Thomas Druyen einst promoviert
habe.) Um so wichtiger
ist es, dass wir damit beginnen, das Geld der Superreichen zu
zählen – und nicht ihre Seele ergründen. Das mag an der Sigmund-Freud-Privatuniversität
in Wien geschehen. Die Öffentlichkeit ist durchaus an Zahlen interessiert.
In dieser beginnenden und ganz unvermeidbaren Diskussion fallen denn
auch Tabellen an, die, wie jüngst im Magazin Cicero, Auskunft
über die wirklichen Großverdiener unserer Zeit geben. Ihnen gegenüber
verblassen die sprichwörtlichen zwei, drei, sieben, acht Millionen Jahreseinkommen
unserer Spitzenmanager durchaus. So konnte in Deutschland die Großfamilie
Haniel (Handel) allein im Jahre 2005 eine Dividende von 141 Millionen
Euro einstreichen. Susanne Klatten (von der Familie Quandt, BMW) kam
auf 127 Millionen, Stefan Quandt auf 70 Millionen, Johanna Quandt auf
67 Millionen. Die Familie Merckle (Baustoffe, Fahrzeuge) erzielte 2005
eine Dividende von 112 Millionen, die Familie Merck (Pharma, Chemie)
106 Millionen, die Familie Wacker (Chemie) 68 Millionen, die Großfamilie
Siemens (Mischkonzern) 66 Millionen Euro.
[15]
Und die Spirale
dreht sich weiter. Allein im Jahr 2006 nahm der amerikanische Hedge-Fond
Manager James Simons 1,7 Mrd.(!) Dollar mit nach Hause. Noch zwei andere
seiner Kollegen waren über der 1 Mrd.-Grenze. Und 25 weitere Hedge-Fond
Manager blieben über 240 Mill. Dollar Jahreseinkommen, ganz oben unter
ihnen selbstverständlich George Soros. Demgegenüber wirkt der höchstbezahlte
Chief Executive der Wall Street, Lloyd Blankfein von Goldman Sachs,
mit 54,3 Mill. Dollar im Jahre 2006 fast bescheiden. Angesichts
solcher enormen auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse interessiert
selbstverständlich die Frage, wie dieses Kapital reinvestiert wird,
und zwar nicht nur ‚ökonomisch’, sondern eben auch ‚sozial’ (nicht unbedingt
im Sinne von wohltätig), kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll)
und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch). Und so sind wir wieder in Heiligendamm.
Die Superreichen, welche die neoliberale Privatisierungsstrategie zu
den neuen Herren der Welt macht, lassen hier ihre Politik machen.
Nun gut. Spitzenpolitiker wie der französische Präsident und die deutsche
Bundeskanzlerin haben ein Jahreseinkommen von allenfalls 200 000 Euro,
Spitzen-Chefredakteure wie Stefan Aust oder ein ordentlicher Bankdirektor
kommen schon auf 400 000 Euro, Dieter Zetsche von Daimler verdient 6,5
Mill. Euro, doch schon die Familie Quandt heimst , wie gesagt, insgesamt
300 Mill. im Jahr ein – und ein amerikanischer Hedge-Fond Manager kam
2006, wie wir hörten, auf 1,7 Mrd. Dollar ... Niemand kann behaupten, dass solche
enormen Geldmittel noch in den Luxuskonsum fließen können. Sie werden
in politische, kulturelle und soziale Macht umgewandelt. Geld regiert
die Welt, und damit regieren die Geldreichen, die Geldmächtigen. Schaut
euch den beginnenden amerikanischen Wahlkampf an. In Heiligendamm aber trifft sich also
eine politische Elite, die weitgehend zur Dienstklasse des Geldadels
geworden ist. Man erkennt sie daran, dass sie alle mal gern übers Wochenende
auf der Yacht eines Milliardärs verschwinden. Man weiß das nicht nur
von Sarkozy, von EU-Kommissionspräsident Barroso, von Putin, Blair und
Bush – auch Angela Merkel trifft sich gern mit zwei Milliardärinnen,
die aus dem Stande der Lieblingssekretärin des Chefs in diese Höhen
des Ultra-Nettowerts aufgestiegen sind: Liz Mohn und Heide Springer
– beide Repräsentantinnen geldgetriebener Medien- und Kulturmacht. (Andererseits
kann ich mir Angela Merkel, als einzige Politikerin der Großen Koalition,
in ihrem 77. Lebensjahr, wie Heiner Geißler, durchaus bei Attac vorstellen.) Wie dem auch sei. Die Superreichen haben
seit den Fünfziger Jahren in den USA und nun auch weltweit gelernt,
wie sie in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums,
der Werbung, des Massenkonsums sowie eines zeitweise robusten Selbstbewusstseins
der Mittelschichten ihren Einfluss bewahren und mehren können. Sie schufen
sich immer neue Instrumente, Institutionen, Think Tanks, Stiftungen,
informelle Kreise zur Befriedigung ihrer Aspirationen. Und sie hieven
regelmäßig Domestiken des Geld-Macht-Komplexes wie beispielweise Horst
Köhler, den früheren geschäftsführenden Direktor des Internationalen
Währungsfonds, in höchste politische Ämter. Das ist kapitalismusbasierte Refeudalisierung
auf hohem finanztechnischen Niveau. Der moderne Kapitalismus ist in seiner
Grundtendenz antidemokratisch, schreibt Richard Sennett. In modern organisierten
Unternehmen wird die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von
Spitzenmanagern ausgeübt. Politische Macht wandert ab in die Finanzsphäre
und in die Hände einer neuen Managerklasse, die sehr genau weiß, wie
man sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert. „Diese Netze“,
so Sennett, „geben Managern heute die Freiheit, Dinge zu tun, die innerhalb
der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären.
Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und
wird unsichtbar. Die Bürger haben in der politischen Sphäre keinen Platz
mehr.“
[16]
Zugespitzt
formuliert: Die herkömmlichen politischen Systeme als solche
werden immer bedeutungsloser. Der Geldadel verselbständigt sich, er
beginnt im wahrsten Sinne des Wortes auf eigene Faust zu operieren.
Er beschäftigt Privatpolizeien und Söldnerheere. Weitestgehend unkontrolliert
[17]
verschiebt und akkumuliert diese Schicht riesige
Geldmengen und verwandelt sie in Macht. Dies alles geschieht unter der
Fahne der Liberalisierung und Deregulierung.
[18]
Klimawandel
und Ressourcenprobleme deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter
Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich
die souveränen, wohlbewachten Eigner des Besten, was diese Welt zu bieten
hat – wie einst die Feudalherren – gut gerüstet. Dass das nicht gut gehen kann, ist klar.
Klar ist aber auch, dass diese Schicht der Reichen und Superreichen
sich – trotz interner, bis aufs Messer ausgetragener Konkurrenzkämpfe
– genau unter einem solchen Selbstverständnis, unter einem solchen Klassenbewusstsein
zu formieren beginnt. Hier entsteht eine neue herrschende Klasse. Und
dieser Klasse stehen ‚große Koalitionen’ von servilen Eliten, die ihre
eigene Interessenherkunft vergessen haben, zu Diensten. Uns (und ‚euch’ und diesen und jenen
anderen Schichten und Klassen und auch den kritischer werdenden übrigen
politischen und Leistungs- und Wissenseliten) bleibt im Augenblick nur
die Rückbesinnung auf die eigenen Interessen und Utopien. Die
Klassenkonflikte des 21. Jahrhunderts werden von oben provoziert. Wir
werden sie auf der Basis der eigenen geklärten Interessen bestehen müssen. [1] Vgl. H.J.Krysmanski, Wem gehört die EU? in: Sarah Wagenknecht (Hg.), Armut und Reichtum heute, Berlin 2007 [2] Richard Sennett, ‚Das Diktat der Politmanager’, Freitag 32, 12.8.2005, S. 3 [3] Vgl. Jürgen Roth, Der Deutschland-Clan, Frankfurt/M. 2006; Thomas Leif, Beraten und verkauft, München 2006; Albrecht Müller, Machtwahn, München 2006; Jean Ziegler, Das Imperium der Schande, München 2005 [4] ‚Militärprognose für 2037. Briten fürchten Strahlen, Chips und Neomarxismus’, Spiegel Online, 10. April 2007, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,476398,00.html [5] Doug Henwood, Wallstreet. How It Works and for Whom, London u.a. 1997, p. 6 [6] Jörg Huffschmid, Thesen zum Workshop „Finanzmarktpolitik der EU: Freie Fahrt für Spekulanten?, Alternativer ECOFIN, 21.4.2007 [7] ebenda [8] William Pfaff, ‘Capitalism under fire’, International Herald Tribune, March 30, 2006 [9] Capgemini Consulting, Press Release, June 20, 2006, www.us.capgemini.com/worldwealthreport06/wwr_pressrelease.asp?ID=565 [10] F. Lundberg, Die Reichen und die Superreichen. Macht und Allmacht des Geldes, Hamburg 1969, S. 116 [11] Die britische Regierung ist gerade dabei, den Immobilienbesitz einiger der ältesten und verschwiegensten adligen Familien des Landes unter die Lupe zu nehmen. Angefangen beim Königshaus dürfte es da noch einige Überraschungen geben. Vgl. Robert Verkaik, ‚Who owns Britain? Biggest landowners agree to reveal scale of holdings’, The Independent, 09 April 2007 [12] Murmann Verlag, Hamburg 2007 [13] Die Welt Online, 21.April 2007, http://www.welt.de/nrw/article825443/Blick_in_die_Seelen_der_Milliardaere.html [14] Hans-Bruno Kammertöns, ‚Der Vermesser des Reichtums’, Die Zeit, 4. April 2007, S.32 [15] Cicero, 7/2006 [16] Sennett, a.a.O. [17] über Netzwerke wie die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) oder Clearstream - einer Clearingstelle für zum Teil kriminelle internationale Finanztransaktionen, vgl. Ernest Backes/Denis Robert, Das Schweigen des Geldes. Die Clearstream-Affäre, Zürich: Pendo-Verlag, 2003 [18] Z.B. Lissabon-Strategie der EU, vgl. Huffschmid a.a.O. |