Attac-Forum „Wem gehört die Welt?!“… drei Runden um Eigentumsfragen
Veranstaltung beim Alternativ-Gipfel am Mittwoch, 6. Juni 07 im Mau Klub, Stadthafen Rostock, Moderation: Sabine Leidig

H.J.Krysmanski [1]
Die Reichen von Heiligendamm

Dies ist also die 2. Runde unter dem Titel ‚Reale Besitz-, Verteilungs- und Machtverhältnisse in der globalisierten Welt’. Die Stichworte lauten ‚Transnationale Konzerne’, ‚Geld-Macht-Komplex’, ‚Institutionelle Anleger’ und ‚Finanzmarktakteure’. Ich nenne das Ganze ‚Strukturen und Akteure des Reichtums’.

Was ich hier vortrage, ist experimentell – es ist der Versuch, eine Argumentationskette zu entwickeln, die innerhalb der Linken in Deutschland, im Gegensatz etwa zu den USA, noch unterentwickelt ist. Auch ist hier ‚grassroots research’, ‚Forschung von unten nach oben’, gefragt.

Beginnen wir mit dem ersten Stichwort. Für den Soziologen sind transnationale Konzerne Schaltzentralen, welche die entscheidenden Prozesse der Globalisierung kontrollieren. Ihre Lenker selbst sprechen von ‚global corporate statesmanship’, von globaler Konzern-Staatskunst – und sie meinen es. Sie haben, im Gegensatz zu vielen Regierungen, auch die technischen Möglichkeiten zur Ausübung dieser Kunst. Das gilt noch mehr für Großbanken und die großen Investmentfirmen. Denn der Stellenwert der Finanzmärkte für Struktur und Entwicklung des Kapitalismus hat sich enorm erhöht (vgl. Huffschmid). Es gibt einen nie dagewesenen Überfluss an liquiden Mitteln. So stehen in diesem neuen Kapitalismus statt Unternehmensinvestitionen reine Finanztransaktionen und riesige spekulative Raubzüge im Vordergrund. „Wir verwalten Milliarden von Dollar“, sagt der Chef einer großen New Yorker Investmentfirma, „und wissen ganz genau, wo jeder einzelne Cent im Augenblick steckt. Wir verlassen uns nicht mehr auf irgendwelche Berichte, wir können es jetzt mit eigenen Augen sehen, und zwar in Echtzeit.“ [2] Die Antwort auf die Frage danach, wem die Welt gehört, steckt auch in diesen technischen Kontrollmöglichkeiten.

Aber was heißt eigentlich ‚gehören’? So lange wir nur die Frage stellen, wem eine bestimmte Immobilie, ein Handwerksbetrieb, ein Gemälde usw. gehören, erlaubt das bürgerliche  Eigentumsrecht ziemlich präzise Antworten. Fragen wir aber, wem ein Konzern, eine Bank, die Deutsche Bahn AG, der Hamburger Hafen usw. gehören, so wird die Feststellung der Eigentumsverhältnisse schon schwieriger. Schließlich stößt man auf mächtige private Anteilseigner und damit erstens auf die Konzentration von riesigen, aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien; und zweitens auf die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates, der Kommunen) und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser, Natur usw.) durch Privatisierung in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums.

Wem aber nun eine Stadt, ein Land, Europa oder gar ‚die ganze Welt’ gehören – eine solche Frage ist seit dem Feudalismus nicht mehr gestellt worden.

Handelt es sich vielleicht gar nicht um die Frage des Gehörens, sondern um die usurpatorische Aneignung durch Enteignung – wie einst im Feudalismus? In Europa sind in den fünfzehn Jahren nach Abschluss des Maastrichter EU-Vertrags die nationalstaatlichen, eigentumsrechtlichen und verteilungspolitischen Strukturen zutiefst verändert worden. Für die neuen Herrschafts- und Verfügungsstrukturen sind demokratische Entscheidungsprozesse zum Teil nur noch Garnierung. Unter dem Schleier der neoliberalen Deregulierungsideologie erleben wir einen Zusammenbruch der Steuerungsinstanzen des bürgerlich-kapitalistischen Welt. [3] Noch vorhandene Positionsvorteile, Klassenprivilegien usw. werden zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld, bis hin zu systemischer Korruption, eingesetzt. Das ist ein neuartiges Regime.

Dieses neue Regime können wir hier an der Ostseeküste mit Händen greifen. Der Mauerzaun ist ja nicht nur symbolisch, er ist handfest da. Er teilt unsere Gesellschaft in Klassen ein, in die da drinnen und die hier draußen. Diese scheinbar unüberwindlichen Absperrungen gibt es auch an vielen anderen Orten unserer ‚Industrie’-Gesellschaften. Versucht doch mal, in einen der Wohnwolkenkratzer um den Central Park in New York hinein zu kommen, in eine ‚gated community’, in den Yachthafen von Valencia, in bestimmte Clubs, aber auch – in den USA, bald auch bei uns – auf den Campus von Spitzenuniversitäten. Überall hinter solchen Mauerzäunen trifft man auf eine Gruppe, die sogar eine Studie des strategischen Militärinstituts des britischen Verteidigungsministeriums als die ‚schamlosen Superreichen’ bezeichnet hat. Davon gleich mehr.

Hier an diesem Mauerzaun zeigt sich konkret die traurige Tatsache, dass auch die politische Elite sich abschirmt und an die Exklusivität der Superreichen anpasst.

Unter dem Titel ‚Future Strategic Context’ warnt das eben erwähnte strategische Militärinstitut des britischen Verteidigungsministeriums davor, dass sich in dreißig Jahren, im Jahre 2037, mehr als 60 Prozent der Menschen weltweit in verslumten, ghettoisierten Städten zusammendrängen werden. Diese Zusammenballung von Not, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit stelle einen gewaltigen sozialen Sprengsatz dar. Die fortschreitende internationale Integration bringe Kriege zwischen Staaten praktisch zum Erliegen. An deren Stelle träten Konflikte innerhalb der Gesellschaften – Bürger-, Sippen- und Klassenkriege. In dieser Situation, fahren die britischen Militärstrategen fort, könnten „die Mittelklassen eine revolutionäre Klasse werden, und jene Rolle übernehmen, die Marx für das Proletariat vorgesehen hatte“. Aufgerieben zwischen „wachsender sozialer Verelendung einerseits und dem schamlosen Leben der Superreichen andererseits“ könnten sich die „Leistungs- und Wissenseliten, die früher einmal Bildungsbürger und Facharbeiter genannt wurden“, zu einem schlagkräftigen Interessenverbund zusammentun und gegen den Kapitalismus der Superreichen kämpfen. [4]

So weit ist es noch nicht, aber wir sind schon dabei ... Und dieser G8-Gipfel ist eine Veranstaltung, die diese Prozesse beschleunigen, nicht verhindern wird. Die Superreichen sind auf diesem Gipfel nur unsichtbar vorhanden, als eine Interessen- und Geldmacht im Hintergrund. Auf diesem Gipfel und überall sonst in der Medienöffentlichkeit bewegt sich sichtbar nur ihre Dienstklasse, die Dienstklasse des Geld-Macht-Komplexes ... Was ist das, der ‚Geld-Macht-Komplex’?

Eine der schönsten und klügsten Analysen der hegemonialen Funktionen des geldheckenden Finanzsystems stammt von dem linken New Yorker Wall Street Broker – das gibt es! - Doug Henwood. Er bezieht sich zwar auf die USA, meint aber die ganze Welt. Einerseits, so Henwood, erfüllt das U.S. Finanzsystem seine angebliche Aufgabe, die Ersparnisse der Gesellschaft in Richtung der besten Investitionen zu lenken, nur höchst kümmerlich. Das System ist wahnsinnig teuer, gibt falsche Signale zur Lenkung der Kapitalströme und hat kaum etwas mit wirklicher Investitionstätigkeit zu tun. Auf der anderen Seite aber macht der Finanzmarkt eines sehr gut: er bewirkt die Konzentration von Reichtum. Der Mechanismus ist einfach: mithilfe staatlicher Verschuldung werden Einkommen von unten, von den einfachen Steuerzahlern, nach oben, zu den reichen Inhabern von Wertpapieren, verschoben. Statt die Reichen zu besteuern, borgt die Regierung von ihnen, und bezahlt für dieses Privileg auch noch Zinsen. Auch die Konsumentenkredite bereichern die Reichen; wer bei stagnierenden Löhnen und Gehältern seine VISA-Karte benutzt, um über die Runden zu kommen, füllt mit jeder Monatsrate auf sein Kreditkonto die Brieftaschen der Gläubiger im Hintergrund. Unternehmen des produktiven Sektors zahlen ihren Aktionären Milliarden an jährlichen Dividenden, statt ins Geschäft zu investieren. Kein Wunder also, dass der Reichtum sich auf spektakuläre Weise immer mehr ganz oben zusammenballt.

"Lässt man einmal“, schreibt Henwood, „die Frage beiseite, wo sie ihren Hauptwohnsitz haben (Bahamas, Cayman Islands, Europa), verfügt das reichste halbe Prozent der U.S. Bevölkerung über einen größeren Anteil am nationalen Reichtum als die unteren 90 Prozent, und die reichsten 10 Prozent verfügen über dreiviertel des gesamten Reichtums. Und mit diesem Reichtum geht außerordentliche soziale Macht einher - die Macht, Politiker, Publizisten und Professoren einzukaufen, die Macht, die Politik des Gemeinwesens ebenso wie die Politik der Konzerne zu diktieren." [5]

In dieser Umgebung zunehmender Liquiditätsüberschüsse, in dieser Welt frei verfügbarer ungeheurer Geldmengen, die nach Verwertung drängen, wirkt die Dienstleistungsbranche der Finanzinvestoren. Investmentfirmen übernehmen für die großen Geld- und Vermögensbesitzer die Verwertung ihres Kapitals. Das geschieht durch Realinvestitionen, immer mehr aber auch durch Finanzspekulationen, Kauf von Unternehmen, Zusammenschlüsse (merger), Zugriff bei Privatisierungen usw. „Die Finanzinvestoren stehen als private Unternehmen miteinander in Konkurrenz, und das Hauptinstrument, um sich gegen die Konkurrenten durchzusetzen, ist das Versprechen schneller und hoher Renditen ... Um diese zu erzielen, müssen sie sich auf immer riskantere Finanzanlagen einlassen (Finanzspekulation), immer stärkeren Druck auf die Unternehmen ausüben, (shareholder value Orientierung) und Regierungen zur Herstellung günstiger Anlagebedingungen erpressen.“ [6]

Die größte Gruppe der Finanzinvestoren sind die Institutionellen Investoren. Sie wurden schon in den 80er Jahren groß: Pensionsfonds, Versicherungen und Investmentfonds. Sie verwalten heute jeweils rund 20 Billionen $, zusammen also etwa 60 Billionen – 60 Tsd. Milliarden - Dollar. Doch angesichts der weltweit vagabundierenden riesigen Anlagevermögen wird es immer schwieriger, mit diesen traditionellen Verwertungsinstrumenten attraktive Renditen zu erzielen. So sind ‚alternative Investmentformen’ entstanden. Sie beginnen das Feld zu beherrschen: 1) die Private Equity Branche, die sich darauf spezialisiert, nicht an der Börse notierte Unternehmen zu kaufen, radikal umzustrukturieren und nach wenigen Jahren mit erheblichen Gewinnen zu verkaufen; 2) die Hedge Fonds Branche, die durch riskante Spekulationen und/oder Aktionärs-Aktivismus schnelle und hohe Barzuflüsse organisiert und an die Geldbesitzer ausschüttet. [7]

Im Kern läuft das alles darauf hinaus, das Volkseinkommen von den Gehältern und Löhnen zu den Gewinnen umzuverteilen (Huffschmid). Der staatlich regulierte stakeholder-Kapitalismus der Vergangenheit, wo alle an der Wirtschaft Beteiligten ein gewisses Mitbestimmungsrecht hatten, ist durch ein neues Modell konzerngesteuerter Zielsetzungen und Verantwortungen ersetzt worden. In diesem Modell geht es nicht mehr um das Wohlergehen der Beschäftigten und die Wohlfahrt der Kommunen, sondern darum, für die shareholder – und zwar für die großen, nicht für die kleinen Anteilseigner - kurzfristig den Wert der Aktien und die Dividendenauszahlungen zu steigern. „Die praktischen Folgen“, schreibt der linksliberale amerikanische Leitartikler William Pfaff, „sind ein stetiger Druck, die Löhne und sonstigen Ansprüche der Beschäftigten zu kürzen (was in manchen Fällen zum Diebstahl der Pensionen und zu anderen Verbrechen führt) sowie politische Propaganda und Lobbyismus zugunsten der Senkung von Unternehmenssteuern, mit denen staatliche und öffentliche Aufgaben finanziert werden könnten.“ [8] Dieses System, diese Interessen werden hier in Heiligendamm durch beflissene Darsteller der Macht vertreten.

Wer aber sind nun konkret die hinter diesem Geld-Macht-Komplex stehenden Reichen und Superreichen, deren Taschen durch jene Gewinnoperationen gefüllt werden? Es ist eine bunte Gesellschaft, an deren Spitze wir – beispielsweise in Europa – folgende Gruppen unterscheiden können: 1) den über Generationen vererbten, dynastischen Reichtum – die alten reichen Familien; 2) den teilweise immer noch potenten Adel; 3) den mittels technischer, finanzieller und konsumstrategischer Innovationen zusammengerafften Neureichtum – Discounter-Könige, Software-Erfinder, Spekulanten; 4) die durch korrupte Privatisierungspraktiken hochgekommenen Oligarchen – in Russland, aber inzwischen auch in anderen osteuropäischen Ländern; 5) Mafia-Milliardäre – wie Silvio Berlusconi. Darunter gibt es eine breite Basis der – wie Doug Henwood sie nennt – ‚Klasse der Reichen’.

Nach dem Weltreichtumsbericht 2006 von Merrill Lynch stieg im Jahre 2005 das Gesamtvermögen der sogenannten High Net Worth Individuals (HNWIs) auf 33 Billionen – also 33 tausend Milliarden Dollar. Im Jahre 2010 werden es 44 Billionen Dollar sein. HNWIs sind Personen mit einem jeweils frei verfügbaren Netto-Geldvermögen von mindestens 1 Million Dollar. Im Jahr 2005 betrug die Zahl solcher HNWIs 8,7 Millionen Personen weltweit. Aber es gibt ja auch noch die Ultra High Net Worth Individuals (UHWNIs), die über Netto-Geldvermögen von mehr als 30 Millionen Dollar verfügen. Von ihnen gab es in der gleichen Zeit 85 400 Personen weltweit. [9] Und die Zahl der europäischen Ultra-HNWIs – wie gesagt, mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von mehr als 30 Mill. Dollar - betrug etwa 17 000 Personen. Wie diese Personen zusammenwirken, ist weitgehend unerforscht. Aber dass sie zusammenwirken, sich vernetzen, ist sicher!

Wie das ‚soziologisch’ vor sich geht, hat Ferdinand Lundberg, bezogen auf die USA, schon vor vierzig Jahren beschrieben: Zunächst einmal verfügt der Superreichtum „über eine oder mehrere Großbanken. Ferner übt er einen absoluten oder zumindest doch beherrschenden Einfluß auf einen, zwei, drei oder mehr große Industriekonzerne aus. Ferner kontrolliert die jeweilige Familie eine oder auch mehrere von ihr errichtete Stiftungen. Zu ihren Vermögenswerten gehören einerseits handfeste Aktienpakete ... Zum anderen aber sollen sie gesellschaftspolitischen Einfluß auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens ermöglichen und eine Vielzahl ideeller Ziele fördern. Diese steinreichen Familien haben außerdem eine oder mehrere Universitäten oder Technische Hochschulen gegründet – zumindest unterstützen sie solche Institute in großem Ausmaß. Darüber hinaus treten sie als politische Geldgeber auf – [damals] meistens zum Nutzen der Republikanischen Partei ... Diese Familien haben große Vermögenswerte im Ausland angelegt, so daß sie an der Außen- und der Verteidigungspolitik der Regierung ... besonders stark interessiert sind. Zugleich üben sie direkten Einfluß auf die Massenmedien aus, da ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehstationen riesige Beiträge für die Werbung zahlen.“ [10]

Auf der Sunday Times-Liste der hundert reichsten Europäer des Jahres 2006 - an der Spitze der 17 000 europäischen UHNWIs - finden sich auf den ersten zehn Plätzen die folgenden Personen und Familien: 1) Die Gebrüder Karl und Theo Albrecht (Aldi, Deutschland) mit einem Vermögen von 27 Milliarden Euro, 2) Ingvar Kamprad (Ikea, Schweden) mit 23,5 Mrd. Euro, 3) Lakshmi Mittal (Stahl, Großbritannien) mit 21,9 Mrd. Euro, 4) Bernard Arnault (Luxusgüter, Frankreich) 18 Mrd. Euro, 5) Johanna Quandt und Familie (BMW, Deutschland) 17,5 Mrd. Euro, 6) Roman Abramowitsch (Öl, Russland/Großbritannien) 15,8 Mrd. Euro, 7) Liliane Bettencourt (Kosmetika, Frankreich) 13,4 Mrd. Euro, 8) Amancio Ortega (Mode, Spanien) 12,5 Mrd. Euro, 9) die Familie Herz (Kaffee, Deutschland) 10,9 Mrd. Euro, 10) die Familie Brenninkmeyer (Einzelhandel, Niederlande) 10,4 Mrd. Euro.

Unter den reichsten hundert Europäern sind mindestens zwanzig russische ‚Oligarchen’. Bei ihnen und Milliardären wie Silvio Berlusconi (Rang 16, 9,3 Mrd. Euro) sind Verbindungen zum organisierten Verbrechen hochwahrscheinlich. Außer dem Duke of Westminster (Rang 14, 9,7 Mrd. Euro) und dem Prinzen Hans-Adam von Liechtenstein (Rang 58, 4,6 Mrd. Euro) finden sich kaum Aristokraten auf der hunderter Liste. Das liegt daran, dass gerade alte, gewachsene Vermögen sozusagen in den Kellern der Geschichte verborgen werden können. [11] Auch insgesamt ist über viele der aufgezählten Personen und Familien - und das wird noch evidenter, wenn man die nächsten drei- oder vierhundert oder auch tausend hinzunimmt - viel zu wenig bekannt. Sie sind fast unsichtbar, weil das so gewollt wird.

Andererseits ist zu beobachten, dass die Vermögenden selbst verstärkt und offensiv an ihrem öffentlichen Image zu basteln beginnen. Schon taucht der eine oder andere Apologet der Vermögenden in den Talkshows auf.

Ein gerade erschienenes Buch des Soziologen Thomas Druyen, bis vor kurzem ein Direktor in der Privatbank des Fürstenhauses von Liechtenstein, dürfte hier einen Meilenstein setzen. Es trägt den Titel Goldkinder. Die Welt des Vermögens. [12] Druyen wird deutlich. In Vorankündigungen hieß es, der Autor wolle einen ‚Blick in die Seele der Milliardäre’ werfen und ‚garantiert nicht das Geld der Superreichen zählen’. Druyen, der inzwischen Professor für ‚vergleichende Vermögenskultur’ an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien ist, träumt von einer ‚neuen Vermögenskultur’, die aus dem ‚Kern der Persönlichkeit der Superreichen’ erwachsen soll. „Der wirklich Vermögende gibt sich durch sein philanthropisches Handeln zu erkennen.“ [13] In einem ganzseitigen Artikel in der ‚Zeit’ verkündet dieser ‚Vermesser des Reichtums’: „Auch wohlhabende Zeitgenossen werden in ihren Villen von den gleichen Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen begleitet wie die Menschen in den Mietwohnungen der Vororte ... Die einen unterliegen dem Zwang des Broterwerbs, die anderen der immerwährenden Frage nach dem Lebenssinn.“ [14] (Das Kuriose ist, dass ich Thomas Druyen einst promoviert habe.)

Um so wichtiger ist es, dass wir damit beginnen, das Geld der Superreichen zu zählen – und nicht ihre Seele ergründen. Das mag an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien geschehen. Die Öffentlichkeit ist durchaus an Zahlen interessiert. In dieser beginnenden und ganz unvermeidbaren Diskussion fallen denn auch Tabellen an, die, wie jüngst im Magazin Cicero, Auskunft über die wirklichen Großverdiener unserer Zeit geben. Ihnen gegenüber verblassen die sprichwörtlichen zwei, drei, sieben, acht Millionen Jahreseinkommen unserer Spitzenmanager durchaus. So konnte in Deutschland die Großfamilie Haniel (Handel) allein im Jahre 2005 eine Dividende von 141 Millionen Euro einstreichen. Susanne Klatten (von der Familie Quandt, BMW) kam auf 127 Millionen, Stefan Quandt auf 70 Millionen, Johanna Quandt auf 67 Millionen. Die Familie Merckle (Baustoffe, Fahrzeuge) erzielte 2005 eine Dividende von 112 Millionen, die Familie Merck (Pharma, Chemie) 106 Millionen, die Familie Wacker (Chemie) 68 Millionen, die Großfamilie Siemens (Mischkonzern) 66 Millionen Euro. [15]

Und die Spirale dreht sich weiter. Allein im Jahr 2006 nahm der amerikanische Hedge-Fond Manager James Simons 1,7 Mrd.(!) Dollar mit nach Hause. Noch zwei andere seiner Kollegen waren über der 1 Mrd.-Grenze. Und 25 weitere Hedge-Fond Manager blieben über 240 Mill. Dollar Jahreseinkommen, ganz oben unter ihnen selbstverständlich George Soros. Demgegenüber wirkt der höchstbezahlte Chief Executive der Wall Street, Lloyd Blankfein von Goldman Sachs, mit 54,3 Mill. Dollar im Jahre 2006 fast bescheiden.

Angesichts solcher enormen auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse interessiert selbstverständlich die Frage, wie dieses Kapital reinvestiert wird, und zwar nicht nur ‚ökonomisch’, sondern eben auch ‚sozial’ (nicht unbedingt im Sinne von wohltätig), kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll) und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch).

Und so sind wir wieder in Heiligendamm. Die Superreichen, welche die neoliberale Privatisierungsstrategie zu den neuen Herren der Welt macht, lassen hier ihre Politik machen. Nun gut. Spitzenpolitiker wie der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin haben ein Jahreseinkommen von allenfalls 200 000 Euro, Spitzen-Chefredakteure wie Stefan Aust oder ein ordentlicher Bankdirektor kommen schon auf 400 000 Euro, Dieter Zetsche von Daimler verdient 6,5 Mill. Euro, doch schon die Familie Quandt heimst , wie gesagt, insgesamt 300 Mill. im Jahr ein – und ein amerikanischer Hedge-Fond Manager kam 2006, wie wir hörten, auf 1,7 Mrd. Dollar ...

Niemand kann behaupten, dass solche enormen Geldmittel noch in den Luxuskonsum fließen können. Sie werden in politische, kulturelle und soziale Macht umgewandelt. Geld regiert die Welt, und damit regieren die Geldreichen, die Geldmächtigen. Schaut euch den beginnenden amerikanischen Wahlkampf an.

In Heiligendamm aber trifft sich also eine politische Elite, die weitgehend zur Dienstklasse des Geldadels geworden ist. Man erkennt sie daran, dass sie alle mal gern übers Wochenende auf der Yacht eines Milliardärs verschwinden. Man weiß das nicht nur von Sarkozy, von EU-Kommissionspräsident Barroso, von Putin, Blair und Bush – auch Angela Merkel trifft sich gern mit zwei Milliardärinnen, die aus dem Stande der Lieblingssekretärin des Chefs in diese Höhen des Ultra-Nettowerts aufgestiegen sind: Liz Mohn und Heide Springer – beide Repräsentantinnen geldgetriebener Medien- und Kulturmacht. (Andererseits kann ich mir Angela Merkel, als einzige Politikerin der Großen Koalition, in ihrem 77. Lebensjahr, wie Heiner Geißler, durchaus bei Attac vorstellen.)

Wie dem auch sei. Die Superreichen haben seit den Fünfziger Jahren in den USA und nun auch weltweit gelernt, wie sie in einer immer komplexeren Welt der Massenmedien, des Aktieneigentums, der Werbung, des Massenkonsums sowie eines zeitweise robusten Selbstbewusstseins der Mittelschichten ihren Einfluss bewahren und mehren können. Sie schufen sich immer neue Instrumente, Institutionen, Think Tanks, Stiftungen, informelle Kreise zur Befriedigung ihrer Aspirationen. Und sie hieven regelmäßig Domestiken des Geld-Macht-Komplexes wie beispielweise Horst Köhler, den früheren geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds, in höchste politische Ämter.

Das ist kapitalismusbasierte Refeudalisierung auf hohem finanztechnischen Niveau.

Der moderne Kapitalismus ist in seiner Grundtendenz antidemokratisch, schreibt Richard Sennett. In modern organisierten Unternehmen wird die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von Spitzenmanagern ausgeübt. Politische Macht wandert ab in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die sehr genau weiß, wie man sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert. „Diese Netze“, so Sennett, „geben Managern heute die Freiheit, Dinge zu tun, die innerhalb der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären. Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und wird unsichtbar. Die Bürger haben in der politischen Sphäre keinen Platz mehr.“ [16]

Zugespitzt formuliert: Die herkömmlichen politischen Systeme als solche werden immer bedeutungsloser. Der Geldadel verselbständigt sich, er beginnt im wahrsten Sinne des Wortes auf eigene Faust zu operieren. Er beschäftigt Privatpolizeien und Söldnerheere. Weitestgehend unkontrolliert [17] verschiebt und akkumuliert diese Schicht riesige Geldmengen und verwandelt sie in Macht. Dies alles geschieht unter der Fahne der Liberalisierung und Deregulierung. [18]

Klimawandel und Ressourcenprobleme deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die souveränen, wohlbewachten Eigner des Besten, was diese Welt zu bieten hat – wie einst die Feudalherren – gut gerüstet.

Dass das nicht gut gehen kann, ist klar. Klar ist aber auch, dass diese Schicht der Reichen und Superreichen sich – trotz interner, bis aufs Messer ausgetragener Konkurrenzkämpfe – genau unter einem solchen Selbstverständnis, unter einem solchen Klassenbewusstsein zu formieren beginnt. Hier entsteht eine neue herrschende Klasse. Und dieser Klasse stehen ‚große Koalitionen’ von servilen Eliten, die ihre eigene Interessenherkunft vergessen haben, zu Diensten.

Uns (und ‚euch’ und diesen und jenen anderen Schichten und Klassen und auch den kritischer werdenden übrigen politischen und Leistungs- und Wissenseliten) bleibt im Augenblick nur die Rückbesinnung auf die eigenen Interessen und Utopien. Die Klassenkonflikte des 21. Jahrhunderts werden von oben provoziert. Wir werden sie auf der Basis der eigenen geklärten Interessen bestehen müssen.



[1] Vgl. H.J.Krysmanski, Wem gehört die EU? in: Sarah Wagenknecht (Hg.), Armut und Reichtum heute, Berlin 2007

[2] Richard Sennett, ‚Das Diktat der Politmanager’, Freitag 32, 12.8.2005, S. 3

[3] Vgl. Jürgen Roth, Der Deutschland-Clan, Frankfurt/M. 2006; Thomas Leif, Beraten und verkauft, München 2006; Albrecht Müller, Machtwahn, München 2006; Jean Ziegler, Das Imperium der Schande, München 2005

[4] ‚Militärprognose für 2037. Briten fürchten Strahlen, Chips und Neomarxismus’, Spiegel Online, 10. April 2007, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,476398,00.html

[5] Doug Henwood, Wallstreet. How It Works and for Whom, London u.a. 1997, p. 6

[6] Jörg Huffschmid, Thesen zum Workshop „Finanzmarktpolitik der EU: Freie Fahrt für Spekulanten?, Alternativer ECOFIN, 21.4.2007

[7] ebenda

[8] William Pfaff, ‘Capitalism under fire’, International Herald Tribune, March 30, 2006

[9] Capgemini Consulting, Press Release, June 20, 2006, www.us.capgemini.com/worldwealthreport06/wwr_pressrelease.asp?ID=565

[10] F. Lundberg, Die Reichen und die Superreichen. Macht und Allmacht des Geldes, Hamburg 1969, S. 116

[11] Die britische Regierung ist gerade dabei, den Immobilienbesitz einiger der ältesten und verschwiegensten adligen Familien des Landes unter die Lupe zu nehmen. Angefangen beim Königshaus dürfte es da noch einige Überraschungen geben. Vgl. Robert Verkaik, ‚Who owns Britain? Biggest landowners agree to reveal scale of holdings’, The Independent, 09 April 2007

[12] Murmann Verlag, Hamburg 2007

[13] Die Welt Online, 21.April 2007, http://www.welt.de/nrw/article825443/Blick_in_die_Seelen_der_Milliardaere.html

[14] Hans-Bruno Kammertöns, ‚Der Vermesser des Reichtums’, Die Zeit, 4. April 2007, S.32

[15] Cicero, 7/2006

[16] Sennett, a.a.O.

[17] über Netzwerke wie die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) oder Clearstream - einer Clearingstelle für zum Teil kriminelle internationale Finanztransaktionen, vgl. Ernest Backes/Denis Robert, Das Schweigen des Geldes. Die Clearstream-Affäre, Zürich: Pendo-Verlag, 2003

[18] Z.B. Lissabon-Strategie der EU, vgl. Huffschmid a.a.O.