Christine Viehoff

Zur Geschichte der Außerirdischen

Aliens in der Literatur. Eine kurze Zusammenfassung.

Die Rolle, die die Außerirdischen auf unserem Planeten spielen, hat sich immer wieder verändert. Die ältesten Berichte finden sich in mesopotamischen Mythen, Textstellen der Bibel, der jüdischen Kabbala oder Sanskrit-Schriften, wobei aber zwischen religiöser Dichtung und Geschichtsschreibung häufig kaum zu unterscheiden ist. Denn auch wenn hier von Außerirdischen die Rede ist, wird nicht klar, ob sie vielleicht mit Dämonen oder Engeln auf einer Stufe stehen und ob es sich bei dem „Himmel", von dem sie herabgestiegen sind, wirklich um ein physikalisches Universum handelt. Einer der bekanntesten Texte aus der Bibel, der immer wieder als Darstellung eines Raumschiffs interpretiert wurde, findet sich im ersten Kapitel des Propheten Hesekiel:

„Aber über den Häuptern der Gestalten war es wie eine Himmelsfeste, wie ein Kristall, unheimlich anzusehen, oben über ihren Häuptern ausgebreitet, daß unter der Feste ihre Flügel gerade ausgestreckt waren, einer an dem andern; und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib. Und wenn sie gingen, hörte ich ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, ein Getöse wie in einem Heerlager. Wenn sie aber stillstanden, ließen sie ihre Flügel herabhängen [...]."

Copernikus

 

Die Idee der Aliens tritt dann erst nach Ende des Mittelalters wieder auf, als das geozentrische Weltbild von Kopernikus erschüttert wird. Bis dahin hatte es als selbstverständlich gegolten, daß die Erde im Mittelpunkt des Universums ruht und vom Mond, der Sonne und den Planeten innerhalb der Fixsternsphäre umkreist wird. Im 16. Jahrhundert erklärt Kopernikus dann in seiner Untersuchung „De revolutionibus orbium coelestium" sein heliozentrisches Weltbild, in dem er der Sonne einen zentralen Platz zuweist und die Erde ebenfalls in eine Umlaufbahn und in Rotation versetzt. Nun beginnt man sich die Frage zu stellen, ob es nur eine Welt oder eine vielzahl ähnlicher Himmelskörper geben könnte.

Mit der Verbesserung der optischen Instrumente wird das kopernikanische System immer weiter bestätigt und untermauert: Zunächst von Galilei (der daraufhin von der Kirche verurteilt wird), dann von Brahe und auf deren Beobachtungen aufbauend von Kepler. Dieser beschreibt die neuen Erkenntnisse in seinem literarischen Text „Traum von Levania" von 1634 und entzieht sich den möglichen unangenehmen Folgen seiner Erzählung dadurch, daß er das Geschehen im letzten Satz als Traum offenbahrt.

Auch das Buch von Francis Godwin „Ein Spanier im Mond", das er bereits 1610 verfaßte, wird erst 1638 nach dessen Tod und anonym veröffentlicht, da Godwin ein englischer Bischof ist und in der damaligen Zeit entsprechende Zurückhaltung zu wahren hat.

Cyrano de Bergerac ist da schon mutiger: In seiner „Reise zu den Mondstaaten und Sonnenreichen" von 1657 stellt er gleich zu Beginn heraus, „daß der Mond eine Welt ist wie diese hier, der unsre als Mond dient". Doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern braucht Cyrano de Bergerac die Außerirdischen vor allem, um den Lesern aus ihrem Munde seine Kritik an den Zuständen auf der Erde nahezubringen. Aliens werden zu diesem Zeitpunkt von den Autoren noch vorwiegend anthropomorph dargestellt und unterscheiden sich im Aussehen zumeist nur durch ihre Größe von den Menschen. Kommunikation ist fast nie ein Problem.

Mit der Verbesserung der optischen Instrumente vermengen nun allerdings auch viele Wissenschaftler die neuen astronomischen Beobachtungen mit ihren eigenen religiösen Vorstellungen zu Spekulationen über ferne Planeten und deren Bewohner. Eine wichtige Rolle spielt dabei Immanuel Kants Werk die „Allgemeine Naturgeschichte des Himmels" von 1755. Es enthält eine Theorie der Planetenentstehung, sowie eine Abhandlung über die Bewohner der Gestirne und ihre Eigenschaften. Kant setzt dabei einen Zweck des Universums voraus und geht davon aus, daß die Gestirne „der Betrachtung vernünftiger Wesen" dienen. Desweiteren stellt er die Behauptung auf, daß „der Stoff, woraus die Einwohner verschiedener Planeten, ja so gar die Tiere und Gewächse auf denselben sein, [...] überhaupt um so leichterer und feinerer Art (sein müsse), und die Elastizität der Fasern, samt der vorteilhaften Anlage ihres Baus, um desto vollkommener sein, nach dem Maße als sie weiter von der Sonne abstehen." Dies würde sich auch positiv auf die Lebenserwartung dieser Wesen auswirken, weshalb sie vollkommener und deshalb auch „unfähig zur Sünde" seien.

Aber auch kirchenkritische Aussagen werden mit Hilfe der Außerirdischen vermittelt. So erfindet Carl Ignaz Geiger in seinem Roman „Reise eines Erdbewohners" von 1790 marsianische Priester, denen er christliche Lehrsätze (wie zum Beispiel die Lehre von der Jungfrauengeburt) in den Mund legt, um sie dann in einem Streitgespräch mit ihnen ungestraft widerlegen zu können.

1877 werden die Außerirdischen dann für die breite Masse interessant. Der Astronom Schiaparelli entdeckt auf dem Mars regelmäßige Strukturen, die er als Rillen bezeichnet, in der Übersetzung aber fälschlicherweise „Kanäle" genannt werden. Obwohl Schiaparelli zunächst nichts über einen möglichen künstlichen Charakter dieser canali sagt, kommt in der Öffentlichkeit die Idee auf, daß es auf dem Mars eine im Sterben begriffene, uralte Zivilisation geben könne, die sich mit einem Bewässerungssystem am Leben hält.

Daraufhin befassen sich zahlreiche Autoren in ihren Romanen mit Marsbewohnern, und das auf sehr unterschiedliche Art und Weise: In Kurd Laßwitz Roman „Auf zwei Planeten" von 1897 sind die Marsianer in Aussehen und Denken völlig menschlich, während sie es sich bei den Marsianern in H. G. Wells „Krieg der Welten" aus dem gleichen Jahr um tentakelbewerte Riesengehirne handelt, die alles irdische Leben vernichten wollen. Eine Verständigung ist hier nicht möglich. (1938 wurde diese Geschichte in den USA als Radiosendung ausgestrahlt, von vielen Hörern aber nicht als solche erkannt, da sie in Form der Nachrichten wiedergegeben wurde. Eine Massenhysterie war die Folge, da viele der Ansicht waren, eine Invasion der Aliens stünde kurz bevor.)

Doch während Schiaparelli 1896 noch selbst eine Schrift über „Das Leben auf dem Mars" veröffentlicht hatte, mußte er 1907 nach weiteren Beobachtungen die Möglichkeit einer optischen Täuschung zugestehen.

Ende der 20er Jahre entsteht dann vor allem in den USA die heute als „Science Fiction" bekannte Literatur, zu der auch entsprechende Filme, sowie Werke der bildenden Kunst (Titelbilder) hinzukamen. Inhaltlich findet später auch der zweite Weltkrieg seine Widerspiegelung in der „Science Fiction". So entwirft beispielsweise E. E. Smith ab 1934 in seinem Space-Opera-Zyklus namens „Lensmen" ein faschistoides Weltbild, in dem die Aliens bösartig und blutrünstig dargestellt werden. Die Gegner von der Erde werden von Smith „Arisier" genannt und sind als Sondereinsatztruppe gezüchtet worden, um die bösen Aliens zu bekämpfen. Letzendlich geht es um die absolute Beherrschung des Universums. Im Gegensatz dazu veröffentlichte Karel Capek 1936 seinen „Krieg mit den Molchen", der ganz klar vor der Ausbreitung des Faschismus warnt.

 

Ende der 40er Jahre tauchen die Außerirdischen dann auf einmal vermehrt in den Schlagzeilen auf. So berichtet der Pilot Kenneth Arnold im Juli 1947 von einem Geschwader von neun unbekannten Objekten. Seine Beobachtungen werden von verschiedenen Sachverständigen diskutiert, von den meisten aber für eine Täuschung gehalten. Nur etwa einen Monat später kommt es zum sogenannten Roswell-Zwischenfall, bei dem angeblich ein UFO nahe Roswell/New Mexico abgestürzt sei und die Überreste samt toter (in manchen Berichten auch lebender) Besatzung zu mehreren geheimen Luftwaffenstützpunkten gebracht worden seien. Zu dieser Zeit werden viele nationale und internationale Vereinigungen zur Erforschung von UFOs gegründet. Auch Literatur und Film gehen ganz darin auf.

So verzeichnet beispielsweise Erich von Däniken 1968 große Erfolge mit seinen Büchern über vorgeschichtliche Alien-Landungen (wie z. B. „Erinnerungen an die Zukunft"). Sie sollen „Erklärungen für das Unmögliche" liefern und rufen stattdessen immer neue Widerlegungstheorien und Alternativerklärungen hervor. Währendessen weigert sich die traditionelle Wissenschaft noch immer, sich mit solchen Außenseitertheorien zu befassen, wodurch Spekulationen natürlich noch gefördert wurden.

Das Interesse an den Aliens wird dann paradoxerweise durch die Fortschritte in der Raumfahrt gebremst, da die neuen Erkenntnisse Spekulationen in vielerlei Hinsicht nicht mehr möglich machen. Heute hat die „Science Fiction" ihre größten Erfolge nicht mehr mit literarischen Werken, sondern mit Filmproduktionen (E.T., Star-Wars-Trilogie) und Serien (Star Trek, Next Generation, Deep Space Nine, Voyager).


Literatur:

Baumann, H. D. (1990): Unsere fernen Nachbarn. Wie sich die Erdbewohner die Außerirdischen vorstellen. Hamburg: Rasch und Röhring Verlag.

Hamel, J. (1998): Geschichte der Astronomie. Basel; Berlin; Boston: Birkhäuser.