Die Fantasie als Vehikel
Wie wissenschaftliche Spekulationen über Zeitreisen
Bestsellerautoren beflügeln. Und umgekehrt Nothing travels faster than
light - except the mind Von Ulrich
Schnabel
Jede genügend weit fortgeschrittene Technologie, so meinte einst der
Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke, sei von Zauberei nicht zu
unterscheiden. Eine Übertreibung? Keineswegs. Man versetze sich nur einmal
in die Gedankenwelt eines Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst
die informiertesten Wissenschaftler wagten damals nicht zu träumen, dass
100Jahre später interkontinentale Flugreisen zu den
Selbstverständlichkeiten zählen würden, dass Satelliten durchs All reisen,
dass Frauen ihre Fruchtbarkeit kontrollieren oder dass tragbare
Elektronenhirne die Arbeit in nahezu allen Bereichen revolutionieren.
Sind wir heute ähnlich ahnungslos? Werden auch unsere Enkel über
Techniken verfügen, die uns momentan noch wie Zauberei erscheinen? Da
diese Frage prinzipiell unbeantwortbar ist,
| Michael Crichton
versteht es, aus den komplexesten wissenschaftlichen Themen
spannende Bestseller zu stricken. Erst schuf er Saurier aus
urzeitlichen Erbgutresten, nun reist er mit Quantentechnik ins
Mittelalter |
eignet sie sich bestens als
Ausgangspunkt für fantasievolle Gedankenspiele. Wie wäre es etwa mit einer
Zeitreise oder der Teleportation, dem aus Raumschiff Enterprise
bekannten "Beamen"? Merkwürdigerweise verbieten die Gesetze der Physik,
wie wir sie heute kennen, solch futuristische Reisemöglichkeiten
theoretisch nicht. "Und alles, was die Physik nicht ausdrücklich
verbietet, sollte man in Betracht ziehen", sagt der amerikanische
Ingenieurwissenschaftler Paul Nahin, der in seinem Buch Time Machines
(Springer-Verlag) schon einmal einige Konzepte für Zeitmaschinen
diskutiert. Nahin steht nicht allein. Was vor einigen Jahren noch als
Science-Fiction erschien, ist heute durch- aus Gegenstand abstrakter
physikalischer Gedankenexperimente.Doch die Chancen stehen gut, dass
bald nicht nur theoretische Physiker über Quanten-Beamen oder Zeitreisen
durch Wurmlöcher debattieren. Denn nun hat sich Michael Crichton des
Themas angenommen, und wer Crichton kennt, weiß, was das bedeutet. Mit
seiner Fiktion Jurassic Park löste er vor einigen Jahren eine
weltweite Dino-Manie aus und lieferte die Vorlage zu einem der
erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten. Selbst ernsthafte Forscher kamen
damals ins Grübeln über Crichtons Idee, man könne aus prähistorischen
Erbgutresten die Urzeitmonster wieder auferstehen lassen.
Dem Schöpfer unzähliger weiterer Kassenschlager (Enthüllung, Der
dreizehnte Krieger, Emergency Room) haben es jetzt die jüngsten
Spekulationen der Physiker angetan. In seinem soeben auf Deutsch
erschienenen Buch Timeline (Karl Blessing Verlag) beschreibt er mit
bewährter Dramatik, wie vier Historiker dank fortgeschrittener
Quantentechnologie eine Reise ins 14.Jahrhundert unternehmen und sich dort
hauend und stechend durchs raue Leben schlagen. 37 Stunden haben sie Zeit,
die Grauen des Hundertjährigen Krieges zwischen Engländern und Franzosen
kennen zu lernen, die Belagerung einer Burg nebst allerlei Ränken und
Intrigen zu überstehen und am Schluss wohlbehalten ihre Zeitmaschinen
wiederzufinden.
Im Paralleluniversum führen die Historiker das Breitschwert
Dass das Wissenschaftsmärchen ein Publikumserfolg wird, steht außer
Frage. In den USA landete es auf Anhieb auf Platz eins der
Bestsellerliste, die Filmrechte gingen in einem Aufsehen erregenden Deal
an Paramount Pictures, und schon im kommenden Jahr könnte die Geschichte
von den Breitschwert schwingenden Yale-Historikern die Kinokassen klingeln
lassen. Da Crichton mittlerweile auch Computerspiele gestaltet, dürfte die
PC-Version von Timeline nicht lange auf sich warten lassen. Die
literarische Kritik bemängelte zwar zu Recht die stereotype Machart des
Romans, die dürftig geschilderten Charaktere, die "die Unermüdlichkeit und
Unzerstörbarkeit von Zeichentrickfiguren" hätten (FAZ), und warf
Crichton vor, er "schreibe stets dasselbe Buch" (New York Times Book
Review).
Doch selbst seine Kritiker bescheinigen Crichton ein ausgeprägtes
Talent, trockene Fakten in spannende Geschichten zu verwandeln. Und so
finden sich auf über 500 Time- line-Seiten eben nicht nur
schwerterklirrende Zweikämpfe, holde Frauen und dramatische Rettungen in
letzter Sekunde, sondern auch ausführliche (und fachlich stimmige) Exkurse
über Paralleluniversen und die Merkwürdigkeiten der Quantenwelt. Damit
dürfte Crichton zur Popularisierung der Quantenphysik mehr beitragen als
sämtliche wohlmeinenden Programme zum public understanding of
science, die in letzter Zeit losgetreten wurden.
Gut möglich, dass Crichtons Ritterkrimi auch das Interesse an der
Zeitreisenphysik neu entfacht. Schon einmal hatte eine
Science-Fiction-Geschichte solch belebende Wirkung gezeigt. Anfang der
achtziger Jahre wollte der Astronom und Autor Carl Sagan die Heldin seiner
Außerirdischen-Fabel Contact gern überlichtschnell durchs All
reisen lassen und bat seinen Freund, den Astrophysiker Kip Thorne, um Rat.
Dieser fand prompt eine theoretisch denkbare Methode: So genannte
Wurmlöcher könnten als Abkürzungen durch Raum und Zeit dienen. Ein
Wurmloch ist dabei so etwas wie ein Schwarzes Loch mit Hinteraus- gang -
schwer vorstellbar, aber immerhin mit den Gleichungen von Einsteins
Allgemeiner Relativitätstheorie in Einklang zu bringen.
Seit Thornes
Entdeckung gelten Wurmlöcher als Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher
Spekulationen - auch wenn es "bislang keinen einzigen konkreten Hinweis
gibt, dass sie existieren", wie Wurmlochforscher Matt Visser einräumt.
Doch Visser, Physikprofessor an der Washington University in Saint Louis,
empfiehlt die Wurmlochphysik fortgeschrittenen Studenten, damit sie daran
ihre Fertigkeiten im Umgang mit der Relativitätstheorie üben. Selbst der
Skeptiker Stephen Hawking, der noch vor zehn Jahren Zeitreisen rundheraus
für unmöglich erklärte - schließlich wären wir sonst längst "von
Touristenhorden aus der Zukunft heimgesucht" worden -, hat vor einigen
Jahren seine Meinung geändert. "Wenn man Einsteins Allgemeine
Relativitätstheorie mit der Quantentheorie verbindet, kommt eine Zeitreise
in den Bereich des Möglichen", ließ er 1995 verlauten.
Auch die bekannten Paradoxien einer Zeitreise haben nicht nur unzählige
Autoren, sondern auch so manchen Theoretiker beschäftigt. Da wäre zum
Beispiel das "Großvater-Paradox": Kann ein Zeitreisender in der
Vergangenheit seinen Großvater ermorden und damit seine eigene Existenz
zerstören? Oder wie steht es mit dem "Informations-Paradox", das der
Science-Fiction-Autor Anthony Burgess in seiner Geschichte Die Muse
auf die Spitze treibt: Ein Shakespeare-Verehrer reist mit des Meisters
Werken in die Vergangenheit und findet den großen Dichter als faulen,
unbegabten Playboy vor, der nichts Besseres zu tun hat, als seine eigenen
Verse aus der Zukunft abzuschreiben. Wer also hat Shakespeares Werke
wirklich verfasst?
Stephen Hawking versuchte solche logischen Widrigkeiten zunächst mit
einer "Vermutung zum Schutz der Zeitordnung" aus dem Weg zu räumen. Darin
postulierte er, die Naturgesetze seien per se so beschaffen, dass sie "in
ihrem Zusammenwirken verhindern, dass makroskopische Körper Informationen
in die Vergangenheit tragen". Allerdings erwiesen sich Hawkings Argumente
als nicht wirklich stichhaltig. Daher mühte sich 1996 der russische
Physiker Igor Nowikow um einen strengen mathematischen Beweis, der
Verletzungen der Kausalität ausschließen sollte. Könnte eine Billardkugel,
die in ein Wurmloch fällt, sich selbst in der Vergangenheit so anstoßen,
dass sie ihren Lauf ändert und nicht ins Wurmloch plumpst? Zumindest
rechnerisch ist Nowikow der Nachweis gelungen, dass die Billardkugel ihre
eigene Vergangenheit nicht ändern kann - ihr Sturz ins Wurmloch ist
unausweichlich. Ob dies auch für Menschen gilt, müsste die Probe aufs
Exempel zeigen. Doch der Zeitreisenforscher Paul Nahin ist bereits
überzeugt, die scheinbaren Paradoxien seien lediglich "Manifestationen
unzureichenden Verständnisses". Überdies erlauben selbst die kühnsten
bisher diskutierten Konzepte eine Rückwärtsreise nur bis zu jenem Moment,
an dem die Zeitmaschine erbaut wurde.
Über solche Beschränkungen setzt sich allerdings Michael Crichton in
seinem Ritter-Thriller Timeline kühn hinweg. Um ins 14. Jahrhundert
zu gelangen, bedienen sich die Zeitreisenden nicht nur ganz
selbstverständlich hilfreicher Wurmlöcher, sondern verfügen gleich auch
noch über eine ganze Reihe weiterer futuristischer Techniken: Im
unterirdischen Labor der geheimnisvollen Firma ITC werden die ahnungslosen
Historiker mittels Quantencomputer in Informationsströme zerlegt,
komprimiert und - "genau wie ein Fax" - durch "ein Wurmloch im
Quantenschaum in ein anderes Universum" geschickt. Statt in einer anderen
Zeit, so klärt ein Techniker die Reisenden und den Leser auf, landeten sie
genau genommen in einem anderen Kosmos, der unserem eigenen zum
Verwechseln ähnlich ist.
Crichton bringt damit das Kunststück fertig, gleich vier recht
esoterische physikalische Theorien zusammenzufassen. Denn die Idee, es
könnte unendlich viele Paralleluniversen geben, geistert seit den
fünfziger Jahren tatsächlich durch die Physik. Die Wurmlochspekulationen
sind ebenso Realität wie Pläne zum Bau eines Quantencomputers. Und manche
Labors experimentieren gar seit einiger Zeit mit der Teleportation im
Labor. Doch die praktische Anwendung zum Zweck einer Zeitreise gelingt -
leider - nur in Crichtons Vorstellungskraft.
Das beginnt schon mit der Erzeugung eines passenden Wurmlochs: Zunächst
müsste das Raum-Zeit-Gefüge mittels gewaltiger Energien und "exotischer
Materie" an der richtigen Stelle extrem verbeult werden. Sodann wäre dafür
zu sorgen, dass der Reisende von den gewaltigen Gravitationskräften im
Inneren einer solchen "raumzeitlichen Singularität" nicht postwendend
auseinander gerissen wird - in der Theorie ein nettes Gedankenspiel, in
der Praxis garantiert lebensgefährlich. Auch die Viele-Welten-Hypothese
ist eher von philosophischem Interesse, für die Kontaktaufnahme mit einem
Parallelkosmos gibt es jedenfalls noch keine Vorschläge. Konkreter ist
schon die Vision eines Quantencomputers, der als grundlegende
Informationseinheit die möglichen Quantenzustände eines Elektrons nutzt.
Soeben hat der IBM-Forscher Charles H. Bennett in der Zeitschrift
Nature (Bd. 404, S. 247) Vorüberlegungen zu einer
"Quanteninformationstheorie" angestellt; der tatsächliche Bau eines
solchen Superrechners wirft allerdings zahllose Probleme auf. Und selbst
wenn er eines Tages gelingt - nicht einmal seine glühendsten Befürworter
träumen davon, damit eines Tages den kompletten Informationsgehalt aller
Atome eines Menschen bestimmen zu können.
Am weitesten fortgeschritten scheint noch die experimentelle
Teleportation, die der österreichische Physiker Anton Zeilinger in der
Aprilausgabe des Wissenschafts- blatts Scientific American
ausführlich beschreibt. Allerdings werden dabei nur die
Quanteneigenschaften eines Lichtteilchens (Photon) auf ein anderes
übertragen. Und das funktioniert nur, wenn die Photonen zuvor
gewissermaßen synchronisiert werden ("verschränkt", wie der Fachmann sagt)
- ein Zustand, der äußerst fragil ist. Das Beamen größerer materieller
Objekte, so macht Zeilinger die Hoffnungen von Star Trek-Fans
zunichte, scheitere daher allein schon an der unvermeidlichen
Wärmebewegung der einzelnen Atome: Diese zerstört unweigerlich die
Verschränkung.
Natürlich weiß dies auch Michael Crichton. "Zeitreisen gehören
eindeutig ins Reich der Fantasie", schreibt er - allerdings erst auf der
letzten Seite seines Buches. Im Einleitungskapitel hingegen protzt er mit
Fachveröffentlichungen in Fußnoten und behauptet, die Teleportation werde
bald "alltäglich und auf viele Arten eingesetzt". Das große Publikum will
schließlich unterhalten werden. Und die wissenschaftlichen Theorien dienen
Crichton nur als Treibsatz, um in der Fantasie umso ungehinderter abheben
zu können.
Warum auch nicht? Die menschliche Vorstellungskraft ist schließlich
unbegrenzt und uns gegeben, um davon Gebrauch zu machen. Wer weiß, wo sie
uns hinführt? Hat nicht Albert Einstein, als er sich vorstellte, auf einem
Lichtstrahl zu reisen, die Relativitätstheorie entdeckt? Wer im Reich der
Gedanken unterwegs ist, kann ebenso gut zu den Sternen wie in ferne Zeiten
reisen - ganz ohne Fahrkarte und Geschwindigkeitsbeschränkung. Als
Ausrüstung reicht das eigene Denkorgan.
© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 14
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