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      Nr. 14/2000
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Die Fantasie als Vehikel

Wie wissenschaftliche Spekulationen über Zeitreisen Bestsellerautoren beflügeln. Und umgekehrt Nothing travels faster than light - except the mind  Von Ulrich Schnabel

Jede genügend weit fortgeschrittene Technologie, so meinte einst der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke, sei von Zauberei nicht zu unterscheiden. Eine Übertreibung? Keineswegs. Man versetze sich nur einmal in die Gedankenwelt eines Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst die informiertesten Wissenschaftler wagten damals nicht zu träumen, dass 100Jahre später interkontinentale Flugreisen zu den Selbstverständlichkeiten zählen würden, dass Satelliten durchs All reisen, dass Frauen ihre Fruchtbarkeit kontrollieren oder dass tragbare Elektronenhirne die Arbeit in nahezu allen Bereichen revolutionieren.

Sind wir heute ähnlich ahnungslos? Werden auch unsere Enkel über Techniken verfügen, die uns momentan noch wie Zauberei erscheinen? Da diese Frage prinzipiell unbeantwortbar ist,
Michael Crichton versteht es, aus den komplexesten wissenschaftlichen Themen spannende Bestseller zu stricken. Erst schuf er Saurier aus urzeitlichen Erbgutresten, nun reist er mit Quantentechnik ins Mittelalter
eignet sie sich bestens als Ausgangspunkt für fantasievolle Gedankenspiele. Wie wäre es etwa mit einer Zeitreise oder der Teleportation, dem aus Raumschiff Enterprise bekannten "Beamen"? Merkwürdigerweise verbieten die Gesetze der Physik, wie wir sie heute kennen, solch futuristische Reisemöglichkeiten theoretisch nicht. "Und alles, was die Physik nicht ausdrücklich verbietet, sollte man in Betracht ziehen", sagt der amerikanische Ingenieurwissenschaftler Paul Nahin, der in seinem Buch Time Machines (Springer-Verlag) schon einmal einige Konzepte für Zeitmaschinen diskutiert. Nahin steht nicht allein. Was vor einigen Jahren noch als Science-Fiction erschien, ist heute durch- aus Gegenstand abstrakter physikalischer Gedankenexperimente.

Doch die Chancen stehen gut, dass bald nicht nur theoretische Physiker über Quanten-Beamen oder Zeitreisen durch Wurmlöcher debattieren. Denn nun hat sich Michael Crichton des Themas angenommen, und wer Crichton kennt, weiß, was das bedeutet. Mit seiner Fiktion Jurassic Park löste er vor einigen Jahren eine weltweite Dino-Manie aus und lieferte die Vorlage zu einem der erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten. Selbst ernsthafte Forscher kamen damals ins Grübeln über Crichtons Idee, man könne aus prähistorischen Erbgutresten die Urzeitmonster wieder auferstehen lassen.

Dem Schöpfer unzähliger weiterer Kassenschlager (Enthüllung, Der dreizehnte Krieger, Emergency Room) haben es jetzt die jüngsten Spekulationen der Physiker angetan. In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch Timeline (Karl Blessing Verlag) beschreibt er mit bewährter Dramatik, wie vier Historiker dank fortgeschrittener Quantentechnologie eine Reise ins 14.Jahrhundert unternehmen und sich dort hauend und stechend durchs raue Leben schlagen. 37 Stunden haben sie Zeit, die Grauen des Hundertjährigen Krieges zwischen Engländern und Franzosen kennen zu lernen, die Belagerung einer Burg nebst allerlei Ränken und Intrigen zu überstehen und am Schluss wohlbehalten ihre Zeitmaschinen wiederzufinden.

Im Paralleluniversum führen die Historiker das Breitschwert

Dass das Wissenschaftsmärchen ein Publikumserfolg wird, steht außer Frage. In den USA landete es auf Anhieb auf Platz eins der Bestsellerliste, die Filmrechte gingen in einem Aufsehen erregenden Deal an Paramount Pictures, und schon im kommenden Jahr könnte die Geschichte von den Breitschwert schwingenden Yale-Historikern die Kinokassen klingeln lassen. Da Crichton mittlerweile auch Computerspiele gestaltet, dürfte die PC-Version von Timeline nicht lange auf sich warten lassen. Die literarische Kritik bemängelte zwar zu Recht die stereotype Machart des Romans, die dürftig geschilderten Charaktere, die "die Unermüdlichkeit und Unzerstörbarkeit von Zeichentrickfiguren" hätten (FAZ), und warf Crichton vor, er "schreibe stets dasselbe Buch" (New York Times Book Review).

Doch selbst seine Kritiker bescheinigen Crichton ein ausgeprägtes Talent, trockene Fakten in spannende Geschichten zu verwandeln. Und so finden sich auf über 500 Time- line-Seiten eben nicht nur schwerterklirrende Zweikämpfe, holde Frauen und dramatische Rettungen in letzter Sekunde, sondern auch ausführliche (und fachlich stimmige) Exkurse über Paralleluniversen und die Merkwürdigkeiten der Quantenwelt. Damit dürfte Crichton zur Popularisierung der Quantenphysik mehr beitragen als sämtliche wohlmeinenden Programme zum public understanding of science, die in letzter Zeit losgetreten wurden.

Gut möglich, dass Crichtons Ritterkrimi auch das Interesse an der Zeitreisenphysik neu entfacht. Schon einmal hatte eine Science-Fiction-Geschichte solch belebende Wirkung gezeigt. Anfang der achtziger Jahre wollte der Astronom und Autor Carl Sagan die Heldin seiner Außerirdischen-Fabel Contact gern überlichtschnell durchs All reisen lassen und bat seinen Freund, den Astrophysiker Kip Thorne, um Rat. Dieser fand prompt eine theoretisch denkbare Methode: So genannte Wurmlöcher könnten als Abkürzungen durch Raum und Zeit dienen. Ein Wurmloch ist dabei so etwas wie ein Schwarzes Loch mit Hinteraus- gang - schwer vorstellbar, aber immerhin mit den Gleichungen von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie in Einklang zu bringen.

Seit Thornes Entdeckung gelten Wurmlöcher als Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Spekulationen - auch wenn es "bislang keinen einzigen konkreten Hinweis gibt, dass sie existieren", wie Wurmlochforscher Matt Visser einräumt. Doch Visser, Physikprofessor an der Washington University in Saint Louis, empfiehlt die Wurmlochphysik fortgeschrittenen Studenten, damit sie daran ihre Fertigkeiten im Umgang mit der Relativitätstheorie üben. Selbst der Skeptiker Stephen Hawking, der noch vor zehn Jahren Zeitreisen rundheraus für unmöglich erklärte - schließlich wären wir sonst längst "von Touristenhorden aus der Zukunft heimgesucht" worden -, hat vor einigen Jahren seine Meinung geändert. "Wenn man Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantentheorie verbindet, kommt eine Zeitreise in den Bereich des Möglichen", ließ er 1995 verlauten.

Auch die bekannten Paradoxien einer Zeitreise haben nicht nur unzählige Autoren, sondern auch so manchen Theoretiker beschäftigt. Da wäre zum Beispiel das "Großvater-Paradox": Kann ein Zeitreisender in der Vergangenheit seinen Großvater ermorden und damit seine eigene Existenz zerstören? Oder wie steht es mit dem "Informations-Paradox", das der Science-Fiction-Autor Anthony Burgess in seiner Geschichte Die Muse auf die Spitze treibt: Ein Shakespeare-Verehrer reist mit des Meisters Werken in die Vergangenheit und findet den großen Dichter als faulen, unbegabten Playboy vor, der nichts Besseres zu tun hat, als seine eigenen Verse aus der Zukunft abzuschreiben. Wer also hat Shakespeares Werke wirklich verfasst?

Stephen Hawking versuchte solche logischen Widrigkeiten zunächst mit einer "Vermutung zum Schutz der Zeitordnung" aus dem Weg zu räumen. Darin postulierte er, die Naturgesetze seien per se so beschaffen, dass sie "in ihrem Zusammenwirken verhindern, dass makroskopische Körper Informationen in die Vergangenheit tragen". Allerdings erwiesen sich Hawkings Argumente als nicht wirklich stichhaltig. Daher mühte sich 1996 der russische Physiker Igor Nowikow um einen strengen mathematischen Beweis, der Verletzungen der Kausalität ausschließen sollte. Könnte eine Billardkugel, die in ein Wurmloch fällt, sich selbst in der Vergangenheit so anstoßen, dass sie ihren Lauf ändert und nicht ins Wurmloch plumpst? Zumindest rechnerisch ist Nowikow der Nachweis gelungen, dass die Billardkugel ihre eigene Vergangenheit nicht ändern kann - ihr Sturz ins Wurmloch ist unausweichlich. Ob dies auch für Menschen gilt, müsste die Probe aufs Exempel zeigen. Doch der Zeitreisenforscher Paul Nahin ist bereits überzeugt, die scheinbaren Paradoxien seien lediglich "Manifestationen unzureichenden Verständnisses". Überdies erlauben selbst die kühnsten bisher diskutierten Konzepte eine Rückwärtsreise nur bis zu jenem Moment, an dem die Zeitmaschine erbaut wurde.

Über solche Beschränkungen setzt sich allerdings Michael Crichton in seinem Ritter-Thriller Timeline kühn hinweg. Um ins 14. Jahrhundert zu gelangen, bedienen sich die Zeitreisenden nicht nur ganz selbstverständlich hilfreicher Wurmlöcher, sondern verfügen gleich auch noch über eine ganze Reihe weiterer futuristischer Techniken: Im unterirdischen Labor der geheimnisvollen Firma ITC werden die ahnungslosen Historiker mittels Quantencomputer in Informationsströme zerlegt, komprimiert und - "genau wie ein Fax" - durch "ein Wurmloch im Quantenschaum in ein anderes Universum" geschickt. Statt in einer anderen Zeit, so klärt ein Techniker die Reisenden und den Leser auf, landeten sie genau genommen in einem anderen Kosmos, der unserem eigenen zum Verwechseln ähnlich ist.

Crichton bringt damit das Kunststück fertig, gleich vier recht esoterische physikalische Theorien zusammenzufassen. Denn die Idee, es könnte unendlich viele Paralleluniversen geben, geistert seit den fünfziger Jahren tatsächlich durch die Physik. Die Wurmlochspekulationen sind ebenso Realität wie Pläne zum Bau eines Quantencomputers. Und manche Labors experimentieren gar seit einiger Zeit mit der Teleportation im Labor. Doch die praktische Anwendung zum Zweck einer Zeitreise gelingt - leider - nur in Crichtons Vorstellungskraft.

Das beginnt schon mit der Erzeugung eines passenden Wurmlochs: Zunächst müsste das Raum-Zeit-Gefüge mittels gewaltiger Energien und "exotischer Materie" an der richtigen Stelle extrem verbeult werden. Sodann wäre dafür zu sorgen, dass der Reisende von den gewaltigen Gravitationskräften im Inneren einer solchen "raumzeitlichen Singularität" nicht postwendend auseinander gerissen wird - in der Theorie ein nettes Gedankenspiel, in der Praxis garantiert lebensgefährlich. Auch die Viele-Welten-Hypothese ist eher von philosophischem Interesse, für die Kontaktaufnahme mit einem Parallelkosmos gibt es jedenfalls noch keine Vorschläge. Konkreter ist schon die Vision eines Quantencomputers, der als grundlegende Informationseinheit die möglichen Quantenzustände eines Elektrons nutzt. Soeben hat der IBM-Forscher Charles H. Bennett in der Zeitschrift Nature (Bd. 404, S. 247) Vorüberlegungen zu einer "Quanteninformationstheorie" angestellt; der tatsächliche Bau eines solchen Superrechners wirft allerdings zahllose Probleme auf. Und selbst wenn er eines Tages gelingt - nicht einmal seine glühendsten Befürworter träumen davon, damit eines Tages den kompletten Informationsgehalt aller Atome eines Menschen bestimmen zu können.

Am weitesten fortgeschritten scheint noch die experimentelle Teleportation, die der österreichische Physiker Anton Zeilinger in der Aprilausgabe des Wissenschafts- blatts Scientific American ausführlich beschreibt. Allerdings werden dabei nur die Quanteneigenschaften eines Lichtteilchens (Photon) auf ein anderes übertragen. Und das funktioniert nur, wenn die Photonen zuvor gewissermaßen synchronisiert werden ("verschränkt", wie der Fachmann sagt) - ein Zustand, der äußerst fragil ist. Das Beamen größerer materieller Objekte, so macht Zeilinger die Hoffnungen von Star Trek-Fans zunichte, scheitere daher allein schon an der unvermeidlichen Wärmebewegung der einzelnen Atome: Diese zerstört unweigerlich die Verschränkung.

Natürlich weiß dies auch Michael Crichton. "Zeitreisen gehören eindeutig ins Reich der Fantasie", schreibt er - allerdings erst auf der letzten Seite seines Buches. Im Einleitungskapitel hingegen protzt er mit Fachveröffentlichungen in Fußnoten und behauptet, die Teleportation werde bald "alltäglich und auf viele Arten eingesetzt". Das große Publikum will schließlich unterhalten werden. Und die wissenschaftlichen Theorien dienen Crichton nur als Treibsatz, um in der Fantasie umso ungehinderter abheben zu können.

Warum auch nicht? Die menschliche Vorstellungskraft ist schließlich unbegrenzt und uns gegeben, um davon Gebrauch zu machen. Wer weiß, wo sie uns hinführt? Hat nicht Albert Einstein, als er sich vorstellte, auf einem Lichtstrahl zu reisen, die Relativitätstheorie entdeckt? Wer im Reich der Gedanken unterwegs ist, kann ebenso gut zu den Sternen wie in ferne Zeiten reisen - ganz ohne Fahrkarte und Geschwindigkeitsbeschränkung. Als Ausrüstung reicht das eigene Denkorgan.


© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 14
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