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Zusatz-Text: Kreativer Widerstand im Internet

Kreative Netz-Gemeinschaften der etwas anderen Art (vgl. Konrad Lischka, Statt Fakten, Fakten, Fakten: "qdmkÍa" - Wie Netzkünstler die Metaphysik des Internets entzaubern, FR v. 7.11.2000)

Die Künstler Natalie Bookchin und Alexej Shulgin nennen ihr Netzkunst-Projekt "Proklamation und Manifestation des utopischen Traums von Welteinheit und Realisation demokratischer globaler Kommunikation": Universalpage (www.universalpage.org). Kontinuierlich wertet ein Computerprogramm den Inhalt von verschiedenen Netzseiten auf der ganzen Welt aus und mischt die Inhalte zu einem pulsierenden, unverständlichen Etwas. "Die Seite ermöglicht der Welt das gemeinsame Beobachten und Ehren unserer vernetzten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft."

Als Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Transatlantikkabel verlegt wurde, glaubte man, alte und neue Welt wüchsen zusammen. Die nüchtern-sachlichen Technokraten des Viktorianismus sahen die Welt von einem elektrischen Gürtel umspannt und eins werden, frei von Konflikten, wie man sie im Kolonialreich kannte. Schriftsteller wie H.G. Wells und Wissenschaftler wie Vannevar Bush oder Douglas Engelbart hielten diese Visionen im 20. Jahrhundert frisch. Diese Kontinuität bis zur heutigen Internetprophetie wird immer häufiger gerade in der Netzkunst kritisiert. "Der Traum ist tot", schreibt etwa Randall Packer auf der Netzkunst-Seite Rhizome (www.rhizome.org).

Aber die Universalpage macht einen viel grundlegenderen Fehler sichtbar. Dem Internet als Technologie an sich ist keine Zielrichtung eingeschrieben, keine Teleologie, diese wird allein durch den Code bestimmt, wie es der amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Lessing ausdrückt. Seit einigen Jahren definieren mehr und mehr Unternehmen, die im Netz Geld verdienen wollen, diesen Code. Die Prioritäten bei der Entwicklung des Netzes liegen nun nicht mehr beim möglichst leichten und anonymen Zugang zu Information und Gemeinschaften, sondern eher beim effektiven Schutz von Information vor unerlaubter oder unbezahlter Nutzung und der sicheren Identifizierung von Anwendern zum Ziele der Abrechnung.

Gegen diese Entwicklung richten sich die Projekte der Netzkünstler von ®TMark (www.rtmark.com). Die Organisation bekämpft seit 1993 die sogenannte Corporate-Culture. Der Trick besteht in der Assimilation mit dem Ziel der Sabotage. So präsentiert sich ®TMark auf der Netzseite samt 40minütger Video-Selbstdarstellung nach allen Unternehmensregeln. 14 Fonds werden betrieben, in jeden können Investoren einzahlen. Die Rendite wird in Form von kulturellem Aktivismus ausgezahlt. Einige Projekte: Internet-Werbebanner bekannter Unternehmen werden durch Pornografie ausgetauscht, in Computerstartbildschirmen wird das Firmenlogo des Herstellers durch ein nichtssagendes ausgetauscht, auf einer Internetauktionsseite können Wählerstimmen für den US-Präsidentschaftswahlkampf gekauft werden.

Während ®TMark die Definitionsmacht der Corporate Culture über die Technik angreift, attackiert Netzkünstler Benjamin Chang mit seinem Image Pillager (http://members.nettrash.com/pillager) die Definitionsmacht der Technik. Ähnlich wie Universalpage es mit Text tut, fügt Image Pillager Bildfragmente von Netzseiten aus der ganzen Welt zu einer skurrilen Collage. Die Oberfläche von Suchmaschinen wie Yahoo! erscheint dann nur noch als Fiktion, ähnlich jener, der sich die Enzyklopädisten hingaben, als sie glaubten, das Wissen der Welt alphabetisch sortieren zu können. Tatsächlich aber haben Yahoo! und Konsorten nur einen Bruchteil der digitalen Welt indiziert, obwohl ihre Oberfläche eine unermessliche Wissensfülle und -tiefe suggeriert. Ähnliches leistet Bill Gates Bilderdatenbank Corbis für die Welt. Millionen Fotografien sind digitalisiert und somit in Sekundenschnelle zu durchsuchen. Das Bildergedächtnis des Planeten scheint in einem Weltgehirn, wie H.G. Wells es imaginierte, verfügbar zu sein. - Doch es ist in den Händen des Kapitals, oder?

vgl. auch Space Invaders