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Zusatz-Text: Digitales Fernsehen (FR v. 25.8.2001)

Schmeißen Sie den Fernseher nicht aus dem Fenster

Ulrich Reimers über die Zukunft des digitalen Rundfunks in Deutschland

Digital und interaktiv wird das Fernsehen der Zukunft sein. Dies ist auch auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin, die am Samstag ihre Tore öffnet, das große Thema. Doch bei der praktischen Umsetzung der neuen Technik ist Deutschland längst kein Vorreiter mehr, auch wenn in Berlin pünktlich zum Auftakt der IFA mit der Umstellung vom analogen zum digitalen terrestrischen Fernsehen begonnen wird. Dabei waren es vor allem deutsche Experten, die den technischen Standard für das digitale Fernsehen entwickelt haben. Ulrich Reimers gehört zu den führenden Köpfen auf diesem Gebiet. Mit dem Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Braunschweig sprach FR-Redakteurin Ingrid Scheithauer.

Frankfurter Rundschau: Wo steht die Bundesrepublik in Sachen digitaler Rundfunk im internationalen Vergleich?

Ulrich Reimers: Im Kabel stehen wir sicherlich im internationalen Vergleich hinter vielen Ländern. Zwar gibt es da ein vielfältiges Angebot, aber davon weiß kaum einer etwas. Gerade im Kabel wird digitales Fernsehen zudem meist mit Premiere, also Bezahlfernsehen gleichgesetzt. Wenn man die Situation im Satellitenbereich sieht, stehen wir an hervorragender Stelle, was die Zahl der frei empfangbaren Programme angeht. Hier gibt es ein vorbildliches und ungeheuer vielfältiges Angebot an frei empfangbaren Hörfunk- und Fernsehprogrammen per DVB. Aber wir stehen ziemlich weit hinten, was die Nutzung dieses digitalen Fernsehens angeht. Und im Bereich des terrestrischen digitalen Fernsehens stehen wir kurz vor der Inbetriebnahme des ersten Netzes im Regelbetrieb. Damit stehen wir an siebter oder achter Stelle hinter Ländern wie Großbritannien, Australien, Schweden, Spanien, Finnland, Singapur.

Warum haben wir solche Differenzen zwischen den verschiedenen Technologien?

Beim Satellitenfernsehen ist die Situation relativ einfach. Hier haben wir mit Astra und Eutelsat zwei große Betreiber, die frühzeitig auf digitales Fernsehen gesetzt haben und mit sehr eindrucksvollem Marketing und der Einbindung der Programmanbieter vorangingen. Allen voran haben ARD und ZDF spezielle Bouquets dafür zusammengestellt. Das Kabel ist durch den Verkauf ziemlich zur Grauzone geworden. Die Situation ist deswegen so schwierig, weil wir über die Besitzverhältnisse und über die Angebote und Kosten im Kabel erst in den kommenden Jahren die Wahrheit herausfinden werden. Bei der terrestrischen Ausstrahlung muss man hier zu Lande die geringe Zahl der Teilnehmer beim heutigen analogen Fernsehen konstatieren. Das ist ein Hindernis für die Einführung des digitalen Fernsehens. Anders ist das in Großbritannien, wo man das terrestrische digitale Fernsehen so ausgebaut hat, dass Kabel und Satellit gleich von vorneherein starke Konkurrenz hatten. Das ist bei uns eben anders gelaufen.

Seit 15 Jahren spricht man über DAB - Digital Audio Broadcasting. Das mag technisch spannend sein, doch den Markt hat DAB bisher nicht erobert. Droht das zum Vorbild für das Digital-TV zu werden?

Wir werden auf dieser Funkausstellung viel Neues über DAB erfahren. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass DAB ins Fliegen kommen wird. Aber das ist kein rein deutsches Problem; DAB ist auch in anderen Ländern in ähnlich schwierigen Verhältnissen. Bislang hat niemand den Kunden klar gemacht, dass es sich lohnt, ein DAB-Empfangsgerät zu kaufen. Niemand hat der Automobilindustrie klar gemacht, dass es sich lohnt, gleich bei der Erstausrüstung ein DAB-Empfangsgerät ins Auto zu integrieren. Dieses "es lohnt sich" muss gleichbedeutend werden mit: a) es muss die Möglichkeit geben, viele Programme zu empfangen; b) die Geräte müssen preisgünstig sein; c) es muss eine möglichst gute Flächendeckung der Versorgung in Deutschland geben, damit man im Auto DAB über weite Strecken hören kann, und e) vor allem muss man dieses DAB-Thema auch in die Köpfe der Menschen bringen.

Was lehrt das Beispiel DAB für die Umsetzung des digitalen Fernsehens?

Man muss leider feststellen, dass wir auch beim digitalen Fernsehen ein Kommunikationsproblem haben. Die Dinge gehen ausgesprochen zögerlich voran. Versuchen Sie einmal in Deutschland in einem Geschäft eine kompetente Beratung über einen digitalen Satellitenfernseh-Empfänger zu bekommen, die zu teils traumhaften Preisen angeboten werden. Versuchen Sie einen Verkäufer zu treffen, der sagt "Hören Sie mal, wenn Sie einen neuen Fernseher haben wollen, da gibt's jetzt aber nur noch digitale, gucken Sie mal, was ich da habe, für 400, 500 oder 600 Mark." Wer sagt mir in einem solchen Geschäft, dass ich heute mit digitalem Fernsehen in Deutschland rund 60 unverschlüsselte Programme im Fernsehen und noch einmal genauso viel unverschlüsselte Programme im Hörfunk in digitaler Qualität empfangen kann? Und wer sagt mir, dass meine Hifi-Anlage an solch einen Empfänger angeschlossen werden kann und damit Programme aus vielen Ländern in blendender Qualität ins Haus bringt?

Hat damit der Handel den Schwarzen Peter?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben da ein sehr deutsches Problem. Es gibt widerstreitende Interessen. In der "Initiative digitaler Rundfunk" wird durch das Bundeswirtschaftsministerium versucht, diese zusammenzubringen, Gerätehersteller und Programmanbieter an einen Tisch zu bringen, eine Branchenplattform zu schaffen. Das ist durchaus erfolgreich. Jetzt geht es darum, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu entwickeln, Handel und Handwerk einzubinden und zu informieren. Bei uns spielen die privaten und die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter, die Gerätehersteller, die zum Teil ihre Zentralen nicht in Deutschland, vielleicht nicht einmal in Europa haben. Es spielen mit die Telekom, die Landesmedienanstalten, die Rundfunkkommission der Länder, die Regulierungsbehörde und so weiter. Wenn wir uns so intensiv mit Infrastruktur-Maßnahmen, der Förderung der Infrastruktur, der Förderung der neuen Techniken beschäftigen würden wie wir uns beschäftigen mit der Frage, zu welchen Minuten ich welches Bundesligaspiel in welchem Programm sehen kann, wären wir sicherlich schon viel weiter.

Dass digitales Fernsehen gleichgesetzt wird mit Premiere und Kirch, ist sicher auch ein Hindernis, die Anwendungsvielfalt zu kommunizieren. Auf der IFA soll die Multimedia Home Platform (MHP) einem breitem Publikum näher gebracht werden. Was hat der Verbraucher von dieser Plattform?

In den nächsten Wochen noch gar nichts. Dennoch sollte man beim Kauf eines neuen Empfangsgeräts darauf achten, dass es zwei Komponenten beinhaltet: Einmal das so genannte Common Interface, damit er die Freiheit hat, Bezahlfernsehen zu bestellen und damit auch die entsprechenden Verschlüsselungstechniken zur Verfügung zu haben, um dieses Bezahlfernsehen sehen zu können. Zweitens sollte das Gerät die MHP beinhalten oder MHP-fähig sein. Damit kann man sicher sein, alle Arten von Zusatzangeboten - neudeutsch "Applikationen" -, die parallel zum Fernsehen ausgestrahlt werden, auch tatsächlich empfangen zu können.

Sind Fernsehen und Computer so zusammengewachsen wie man es erwartet hat, etwa in dem Sinn, dass das Fernsehgerät überflüssig wird?

Nicolas Negroponte hat einmal sinngemäß gesagt: "Schmeißen Sie den Fernseher aus dem Fenster." Das hat sich als Unsinn herausgestellt. Je länger und je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigen, desto mehr stellt man fest: Im Zeitalter der Konvergenz wächst die Zahl der unterschiedlichen Endgerätetypen immer mehr. Zunehmend gibt es Endgeräte fürs Fernsehen, die sind in Wirklichkeit PCs in anderem Gewand, die man an das TV-Gerät anschließt oder einbaut. Das heißt, wir haben zunehmend PC-Technologie bis hin zur Festplatte in einem Gerät, das für den Kunden wie ein Fernseher wirkt. Damit laufen auf dem Fernseher Softwareprogramme - das wären dann die MHP-Applikationen, die aus der PC-Welt stammen, aber die ganz gezielt so gemacht werden, dass sie im Wohnzimmer gut aussehen und mit der Fernbedienung nutzbar sind.

Wo hat das Surfen per Fernsehgerät seine Grenzen?

Als Intensiv-Surfer werden Sie gar nicht auf den Gedanken kommen, im Wohnzimmersessel zu versinken und von dort aus Intensiv-Surfing zu betreiben mit einem Fernsehempfänger, der drei Meter entfernt steht. Aber MHP bietet die Möglichkeit, auch Internet-Dinge mit dem Fernseher zu machen. Wir haben im Juni eine Entwicklung abgeschlossen, die wir MHP 1.1 nennen. Da werden Internet und Fernseher kreuzweise verheiratet. Sie gehen zum Beispiel mit Ihrem PC auf eine Website und stellen fest, da gibt es Links und jetzt klicken Sie auf einen solchen Link. Dann startet ein DVB-Programm, das terrestrisch, über Satellit, über Kabel oder als Streaming Video zu Ihnen kommen kann. Oder Sie sitzen vor dem Fernseher und sehen ein Programm, es wird ein Link eingeblendet, Sie klicken auf den Link und es geht der Internet-Zugang auf, der Ihnen die angebundene Information aus dem Internet auf dem Fernseher darstellt. Dennoch ersetzt diese kreuzweise Vernetzung von Fernseher und PC nicht komplett das eine oder das andere.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 24.08.2001 um 21:29:46 Uhr
Erscheinungsdatum 25.08.2001