Medienkompetenz für WissenschaftlerInnen:   (1) Open Source: MIT OpenCourseWare - Geschichte

 

Open Course Ware - eine Initiative des MIT

Mit einer Meldung am 4. April 2001 kündigte das MIT an, es werde in den nächsten zehn Jahren alle seine Kursangebote als sogenannte OpenCourseWare frei im Netz zur Verfügung stellen. Diese "Verschenkidee" entstand in einem Eureka-Moment, so der Präsident des MIT Charles M. Vest, als die Lehrenden überlegten, wie man am besten die Möglichkeiten des Internet für die Universität nutzen kann. OpenCourseWare fand breite Unterstützung bei den Lehrenden, so Steven Lerman, der Fakultätsdekan, in einem Interview mit der New York Times. Die Lehrinhalte, eine der intellektuellen Kernaktivitäten der Universität, über das Internet zu verkaufen, erschien den meisten zu unattraktiv, und so wurden andere Wege gesucht und gefunden, diese Inhalte so weit wie möglich zu verbreiten.

Damit hatte die Debatte um die OpenCourseWare gerade erst begonnen. Reaktionen von Fakultätsmitgliedern, von den Medien und aus der Netzgemeinde waren in der Folge vielfach auf dem Internet zu finden. So gab es einige erläuternde Erklärungen zu OCW auf einer Sitzung des Undergraduate Association Council am MIT, in denen auf die Vorteile von OCW für eine Undergraduate-Ausbildung hingewiesen wurde. So sah es das Council vor allem als positiv an, dass OCW die Lehrinhalte mehr vernetzen würde, was den Studierenden die Möglichkeit zu mehr interaktivem Engagement geben könnte. Ausserdem könnten dadurch die von ihnen belegten Kurse unterstützt werden, vor allem in Hinblick auf Prüfungen. Festgehalten wurde allerdings auch, dass OCW nicht eine bezahlte Ausbildung am MIT ersetzt. In diese Richtung gehen auch die Reaktionen einzelner Professoren, deren Aussagen gesammelt im Netz stehen. Der Tenor hier ist, dass mit OCW die Lehre in den Vordergrund gestellt wird und die Zusammenarbeit und der freie Austausch von Wissen zum Vorteil aller Netznutzer und darüberhinaus gefördert wird, einem, wie sie meinen, Grundgedanken innerhalb der Wissenschaft.

Die Reaktionen aus aller Welt (u.a. Indien, Australien), die vom MIT gesammelt und auf der OCW-Seite wiedergegeben werden, lobten die Initiative und den Schritt des MIT, ihr Wissen zum Wohle der Menschheit über den digitalen Graben hinweg zur Verfügung zu stellen. Ein Studierender aus Sri Lanka kann dabei stellvertretend für viele Aussagen zitiert werden: "As an engineering student, I've used study materials already available on the MIT web site many times. I salute MIT for taking this important step for sharing knowledge that will greatly benefit students like me all over the developing world.". Unter den Reaktionen fand sich u.a. auch die von Joshua Lederberg, Träger des Nobelpreises von 1958 (Medizin), der sich als Gastdozent und erster Student für diese Initiative anbot.

Die Gefahr, mit der freien Abgabe der Lehrmaterialien die bezahlte Ausbildung am MIT auszuhöhlen, sieht Dr. Vest nicht. Eine der Stärken des MIT ist gerade die menschliche Erfahrung und die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und den Lehrenden in den Kursen und Laboren, sowie die einmalige akademische und studentische Umgebung, in der in Cambridge, Massachusetts gelernt wird. Die OpenCourseWare wird aber anderen Institutionen rund um den Globus helfen, ihre eigenen Curricula zu entwickeln oder zu verbessern. Der Skepsis einiger Lehrender hielt er entgegen, dass es fraglich sei, ob sich mit Universitätswissen überhaupt Geld auf dem Internet verdienen lässt, da vielen der kommerziellen Anbieter 'ein rauherer Wind um die Nase blies, als das von ihnen erwartet wurde'.
Für die erste Phase des Projekts haben die Andrew W. Mellon Foundation und die William and Flora Hewlett Foundation insgesamt 11 Mio. $ bereit gestellt, da auch sie von der Einzigartigkeit und der innovativen Form des freien Austausches intellektueller Inhalte überzeugt sind.

Neben den zahlreichen Meldungen der OCW-Initiative des MIT u.a. bei PC3.org , LEX MERCARTORIA, der Openeconomies- Malingliste bei Harvard und dem ORF, gibt es, wenn auch wenige, ausführliche Reaktionen, die auch kritisch sind. So hat Bob Jensen von der Trinity University unter der Überschrift 'Threads Regarding Professors Who Share' einen langen Artikel und eine ausführliche Diskussion mit anderen auf das Netz dazu gestellt. Seine Hauptkritikpunkte (sobering points, wie er es nennt) sind,

  • die Urheberrechte, die auf vielen der Lehrmaterialien liegen, die von den Professoren benutzt werden, aber nicht ursprünglich von ihnen selbst stammen.
  • die Problematik bei der Bereitstellung von Lösungen zu Aufgaben - etwas das bereits jetzt schon geschieht, die Lehrenden aber vor eine Mehrarbeit stellt, da diese Aufgaben damit nicht wieder gestellt werden können, sowie
  • der Ausfall von Verdiensten z.B. aus dem Verkauf bzw. den Tantiemen für Lehrbücher (Textbooks), die dann nicht mehr nötig sind, da, wie er sagt, viele daavon auf eben jenen Kursmaterialien basieren.

Frank Hartmann geht in seinem Telepolis-Artikel noch eine Spur kritischer mit der MIT-Initiative zu Gericht - hier ein Auszug:
Nun werden die Kursunterlagen zwar gratis einzusehen sein, doch Prüfungen ablegen und einen prestigeträchtigen akademischen MIT-Abschluss erhalten kann man nach wie vor nur als zahlender Student in Cambridge, Massachusetts. Dass es schon aus Gründen des Copyrights fŸr Lehrbücher zwei Versionen fŸr die MIT-Lehrinhalte geben könnte, steht zu vermuten: eine passwortgeschützte interne Version und eine fŸr die Öffentlichkeit bestimmte. Keine nach privatwirtschaftlichen Kriterien gefŸhrte Universität wird ihr geistiges Kapital einfach allgemein freigeben. Und so wird auch dieser innovative Schritt einem spezifischen Distinktionsmechanismus geschuldet sein: das MIT kann es sich leisten, unter Bedingungen einer ständig sinkenden Halbwertszeit von Wissen so frei zu agieren. Der Rest ist ein geschicktes PR-Spiel, das aus der Open Source -Idee symbolisches Kapital schlägt und sich einen neue High-Level-Markt erschlie§t: multimedial aufbereitete und webbasierte Bildungsinhalte, die weltweit verkauft werden kšnnen.

In seiner weiteren Diskussion verweist Frank Hartmann auch auf die Diskussion um die Öffnung der akademischen Journale bzw. auf den Vorschlag über ein OpenArchive, um die teuren Journale und ihre Zensur- und Kontrollstellung zu umgehen. Es geht also bei der Diskussion um den freien Zugang zu Kursmaterialien um mehr als nur den Versuch, das Wissen einer Universität zu demokratisieren, sondern um den generellen freien Zugang, um die Debatte um Open Source, um die Frage akademischer OpenCulture oder globales WissensBusiness (so auch der Titel seines Artikels).

Die für die Produzenten wissensschaftlicher Inhalte und Beiträge so wichtige Diskussion wird im Netz breit geführt und ist gut dokumentiert. So hat die Association of Research Colleges and Libraries eine Seite dazu und in Nature gibt es eine Online-Debatte. Während die Diskussionen um die OpenArchives-Idee (siehe auch die Public Library of Science) und die Publikationsdebatte in die großen Wissenschaftspublikationen Eingang gefunden haben, sucht man nach frei zugänglichen Artikeln zu OpenCourseWare dort vergebens. Bei Science gibt es gerade einmal zwei Artikel zu dem Thema, die man aber leider bezahlen muss. Bei anderen großen Wissenschaftspublikationen und Verbänden wie dem Spektrum der Wissenschaft, Nature, der AAAS, der DFG oder dem BMBF taucht diese Initiative erst gar nicht auf.

Um jedoch zu sehen, auf welchem Material die OpenCourseWare aufbauen wird, kann man sich bereits jetzt einige 100 ins Netz gestellter Kurse ansehen. Auf dem CourseWeb des MIT hat man fast uneingeschränkten Zugang zu Kursen aus allen Fakultäten des MIT. Diese Angebote sind noch nicht standardisiert, wie das im Falle der OCW einmal geplant ist. Sie sind daher sehr unterschiedlich in Design, Inhaltsgestaltung und Qualität. Aber um jetzt schon einmal einen Eindruck zu bekommen, gibt es hier eine kleine Vorschau und Auswahl einiger der angebotenen Kurse aus den unterschiedlichen Fakultäten.......


 


MIT OpenCourseWare - Geschichte

Das Course Web des MIT (kommentiert)



Popular Science (Buchhinweis)


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