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BFI-Reports über Wissenschaftsfernsehen in Nordamerika und Europa
 

Die Aufgabe des British Film Institute innerhalb des European Popular Science Information Project war es, eine Programmanalyse von Wissenschaftsprogrammen durchzuführen und Kriterien für best practice-Beispiele zu finden und bestimmen.

In der ersten BFI-Studie 'Preliminary Report on EPS Programme Audit' wurden Programme aus den USA, Canada, der Republik Irland und dem Vereinigten Königreich untersucht. Es wird hier ein 'Schnappschuß' wissenschaftlicher Programme in Nordamerika und Europa wiedergegeben. Ein Wissenschaftsprogramm könnte / sollte die folgenden Kriterien erfüllen:

  • Entwicklung eines kritischen Verständnisses für Wissenschaft beim Zuschauer
  • Diskussion wissenschaftlichen Handelns und wiss. Prozeduren im Kontext, inklusive der Umstände, in denen Wissen produziert wird und in denen die Wissenschaftler sich befinden
  • akkurate Berichterstattung der Ergebnisse, ohne Vorurteile und objektiv
  • Einordnung von Wissenschaft in ihre sozialen, philosophischen, politischen, kulturellen und historischen Kontexte
  • Abgrenzung von Pseudowissenschaft

Die befragten Produzenten von Wissenschaftsprogrammen wollten in ihren Sendungen nach Möglichkeit die folgenden Kriterein erfüllen, die sie essentiell für Wissenschaftssendungen halten:

  • Vermeidung didaktischer und pädagogischer Formate
  • Korrekte Faktenwiedergabe
  • Nutzen von Geist und Humor beim Geschichtenerzählen
  • Darlegung der Relevanz für dasPublikum

Darüberhinaus gab es eine Reihe unbeantworteter Fragen, welche in den Ursprüngen des Wissenschaftsfernsehens im Nachrichtenjournalismus und public service documentary liegen, zB.:

  • Ist die Wissenschaft, die das Publikum interessiert, die gleiche wie sie von Produzenten bereits angeboten wird?
  • Ist dieses die gleiche Art der Wissenschaft, wie sie von Staat und Politikern als notwendig zur Herausbildung einer Wissenschaftsliteralität erachtet wird?
  • Was ist der Zweck der wissenschaftlichen Informationen und was macht das Publikum damit?
  • Wird Wissenschaft effektiv und nützlich der Öffentlichkeit vermittelt?
  • Welche Rolle spielt das Fernsehen bei der Herausbildung einer kritischen Betrachtung von Wissenschaft?
  • Was sind die Motivationen für die Themenauswahl auf der Seite der Produzenten?
  • Wie erfolgreich ist Wissenschaftsfernsehen tatsächlich bei dem Versuch, abstrakte Konzepte allgemeinverständlich zu vermitteln?

Country

Programmes recieved

Programmes screened

United States of America

27

20

Canada

23

19

UK

N/A

19

Republic of Ireland

2

2

Es wurden 60 Programme gesichtet und analysiert. Eine Aufschlüsselung nach Ländern und Programmformaten gibt eine Übersicht zum empirischen Rohmaterial. Keines dieser Programme konnte als wirklich innovativ betrachtet werden. Zu den Programm-Typen im einzelnen:

Format

USA

Canada

UK

Rep. Ireland

Documentary

13

13

14

2

Magazine

2

6

2

-

News

3

-

-

-

News/feature

1

-

-

-

News/magazine

1

-

-

-

Drama

-

-

1

-

Lecture

-

-

2

-

Dokumentationen von 50-60 Minuten sind die Regel. Die Dokumentationen können in folgende Subgenres unterteilt werden:

  • Das "Classical"- Format, wofür BBCs Horizon als Modell angeführt werden kann.
  • Die sogenannte "Fly on the wall" Dokumentation, wo z.B. einer Person gefolgt wird, die sich einer neuen medizinischen Therapie unterzieht.
  • Dann gibt es noch den "Genre hybrid", der stark Elemente aus anderen Fictiongenres des Kinos oder TVs nutzt, wie z.B. aus Katastrophenfilmen und dem Science-Fiction-Bereich. Meistens behandelt es einen sehr speziellen Kreis von Themen, wie Pyramiden, Weltraum, Kosmologie und Naturkatastrophen.

Eine weiteres Format sind die Magazine, die aus einem Studio heraus produziert und präsentiert werden. Bei der Analyse wurde auf die Anzahl, Geschlecht und Ethnizität der Moderatoren geachtet, die Anzahl der Beiträge sowie die Art und den Inhalt der präsentierten Wissenschaft. Bei den Magazinprogrammen wurde festgestellt, dass sie häufiger als andere Humor in ihrer Präsentation nutzen und lockerer mit den Inhalten umgehen. Auch ist eine Zuschauerbeteiligung ein häufiges Element dieser Art von Programmen.

Science news programmes oder Wissenschaftsnachrichten sind aufgebaut wie klassische Nachrichtensendungen. Sie machen starken Gebrauch von Graphiken und Animationen und präsentieren die Inhalte in kurzen Features und Reportagen. Die Inhalte sind meistens konzentriert auf die neuesten Entwicklungen in der Wissenschaft. Alle Wissenschaftsnachrichtenformate kamen aus Nordamerika.

Vortrag und Drama sind eher seltene Formate und es wurden nur zwei für diese Analyse genutzt: Eines davon war die Royal Society Christmas Lecture (UK, BBC 1996), die erfolgreich und interessant für die Studie aus folgenden Gründen war:

  • Es wurdem mehrere Kameras benutzt, dadurch wurden close -ups usw. möglich, was zu einem visuell dynamischen Stil beitrug.
  • Der Gebrauch von Videoclips war effektiv.
  • Der Vortrag war allgemeinverständlich und beinhaltete praktische Beispiele und lebendige Erklärungen.
  • Das Thema selbst war mit entscheidend, denn archäologisch und anthropologisch orientierte Beiträge sind für ein breites Publikum immer von Interesse.

Science

USA

Canada

UK

Rep. Ireland

Total

Naturwissenschaft

8

6

9

-

23

Medizin

12

17

9

2

40

Technologie

6

8

7

1

22

Sozialwissenschaft

6

4

3

-

13

Umwelt

5

3

1

-

8

Pure Science

6

5

9

-

20

Wissenschaft in der Gesellschaft

4

3

5

-

12

Andere

4

-

-

-

4
Neben den verschiedenen Formaten wurden auch die unterschiedlichen Wissenschaftskategorien analysiert. Die Tabelle rechts gibt einen Überblick über die Verteilung der einzelnen Fachgebiete:

Wenn die Programme nach noch spezielleren Themenbereichen analysiert werden, ergibt sich ein noch ungleicheres Bild, denn 7 von 60 analysierten Programmen (14%) beschäftigten sich mit dem Gehirn und dem Bewußtsein. Ein anderer dominanter Themenbereich beschäftigte sich mit Themen 'weicher Wissenschaft' wie etwa Naturkatastrophen, Dinosauriern und dem Weltall (12%), welche sehr gut beim Publikum ankommen.

Die vorherrschenden rhetorischen Formen innerhalb der Programme können in drei verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

  • epideitic (Senstationsberichterstattung, Prominenz ),
  • forensic - hier wird das Wie und Warum von Wissenschaft präsentiert,
  • deliberative - hier wird nach den möglichen Konsequenzen von Wissenschaft gesehen, ob sie als 'gut' oder 'schlecht' eingesruft werden können.

Eine Verteilung innerhalb der untersuchten Programmen sieht wie folgt aus:

Rhetoric

USA

Canada

UK

Rep. Ireland

Total

Epideitic

10

4

5

-

19

Forensic

6

10

4

2

22

Deliberative

3

5

11

-

18

Programme, die tatsächlich die Wissenschaft bzw. wissenschaftliche Ergebnisse in Frage stellten, waren selten und wurden innerhalb des Samples von derselben Produktionsfirma hergestellt. Es waren die Sendungen Brain Spotting and Reality on the Rocks (beide UK, Channel 4, 1995).

 

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass keines der Formate strukturell innovativ war und die unterschiedlichen Sub-Genres innerhalb der Programmformate für weitere Untersuchungen genauer definiert werden müssten. Spezifische Themen sind an bestimmte Formate und Sub-Genres gekoppelt, wobei die Wissenschaftsprogramme viel von anderen Genres, z.B. von Science Fiction und Katastrophenfilmen, entlehnen. Es gibt nur einige Programme mit einem internationalen Appeal.

Die Berichterstattung konzentrierte sich auf einige wengie Themen, d.h. dass über diese am meisten berichtet wurde, wie z.B. über Medzin. Eine weitere kleine Gruppe von Themen stellte einen unproportional hohen Teil des Samples (26%), nämlich Archäologie. Dinosaurier und Programme über Naturkatastrophen.

Es wurden innerhalb der Untersuchung verschiedene dominante rhetorische Muster gefunden, die unterschiedlich in den USA, Canada und dem Vereinigten Königreich waren. Leider gaben 50% des Samples nicht genug Informationen, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, die Wissenschaft kritisch zu betrachten.

Es wurde jedoch auch eine große Bandbreite von best practice-Beispielen beobachtet, wobei allerdings nur 30% der Programme als innovativ eingestuft werden konnten. Diese Programme arbeiteten dann meistens mit Humor, Animationen und einem beeindruckenden Gebrauch visueller und verbaler Metaphern.

Weitere Ergebnisse der BFI Forschung im Rahmen des Projektes finden sich in der zweiten BFI Studie Interim report II: European Popular Science Project Preliminary Findings of the European Survey, worin die Wissenschaftssendungen in Europa untersucht worden sind. Darin unterschieden die Forscher zwischen kleinen, mittleren und großen Ländern. Kleine Länder sind Griechenland, Italien, Spanien und Portugal; die mittleren Länder umfassen Belgien, Dänemark, die Niederlande, Österreich, Finnland, Norwegen und Schweden. Frankreich und Deutschland sind die beiden großen Länder mit der größten Vielfalt an Wissenschaftsprogrammen. Die Untersuchung der beiden großen Länder war am detailreichsten und gibt einen sehr guten Einblick in die verschiedenen Faktoren der Untersuchung von Wissenschaftsprogrammen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang besonders die deutschen best practice-Beispiele, die vom BFI festgestellt worden sind. Dazu gehört u.a. das Program Herzinfarkt aus der Reihe Abenteuer Wissenschaft auf Südwest 3. Abenteuer Wissenschaft beschäftigt sich als klassische Dokumentation mit allen Bereichen von Wissenschaft. Herzinfarkt wurde am 11. Mai 1997 gezeigt . Die Sendung gibt einen guten und sehr genauen Einblick in einen Teilbereich der Medizin, der ansonsten für Außenstehende nur sehr schwer zugänglich ist und erklärt viele Aspekte der Medizin und ihres Systems, z.B. das peer review system und die Wichtigkeit von klinischen Versuchen für die Medizin.

Bei den Magazinprgrammen wurden insgesamt fünf Programme hervorgehoben Quarks & Co (WDR), Abenteuer Forschung (ZDF) und Forscher -Fakten -Visionen (BR), Desweiteren die Knoff Hoff Show (ZDF)und Kopfball (ARD), beides Mischungen aus Quiz und Magazin. Quarks & Co ist von den drei genannten das lebendigste und farbigste in seinem Ansatz Wissenschaft zu präsentieren. Dazu tragen u.a. die warme Studioatmosphäre und der Moderator Ranga Yogeshwar bei, der die Sendung nicht zu einer unpersönlichen Veranstaltung werden lässt.

Abenteuer Forschung und Forsche-Fakten-Visionen haben Moderatoren, die nicht derartig involviert sind und daher eine kühlere Atmosphäre ausstrahlen. Bei Forscher-Fakten-Visionen kündigt der Moderator sogar nur die einzelnen Beiträge im Stile eines Nachrichtensprechers an. Graphiken werden in den ersteren Programmen mehr benutzt. Abenteuer Forschung vermeidet Interviews mit Wissenschaftlern und nimmt stattdessen Filmmaterial und Graphiken mit einer Narration zur Erklärung der Sachverhalte. Forcher-Fakten-Visionen versucht sich in einer neuen Art der Präsentation, indem die einzelnen Filme durch Text auf dem Bildschirm verbunden werden, was eine Internetästhetik ein wenig vorwegnimmt. Alle Programme sind sehr faktenreiche, dichte Programme. Der Schwerpunkt liegt eher auf Information denn auf Unterhaltung, wobei Quarks & Co das unterhaltsamste der drei Programme ist.

Die vorhandene kritische Aufmerksamkeit für Wissenschaft innerhalb der Programme war einer der untersuchten Faktoren innerhalb des Samples und wurde vom BFI anhand einer Skala unterschiedlicher Qualitäten bewertet. Folgende Kategorien können dabei unterschieden werden:

  • Wissenschaft wird nicht kritisch betrachtet.
  • Die Natur von Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methoden wird erhellt.
  • Die soziale Konstruktion und die Entwicklung wissenschaftlicher Ideen sind erkennbar.
  • Die Relevanz des wissenschaftlichen Subjekts zum Alltagleben der Zuschauer wird explizit dargelegt.
  • Wissenschaft und der Wissenschaftler werden offen in Frage gestellt.

Nur 2 Programme reflektierten die soziologischen Konditionen, unter denen Wissenschaft entsteht und inwieweit dieses die Entwicklung wissenschaftlicher Ideen beeinflußt. Im Vergleich zeigten die englischsprachigen Programme eine größere Fähigkeit oder einen größeren Willen, Wissenschaft kritisch anzugehen und dem Zuschauer bei der Beurteillung zu helfen bzw. ihn zu unterstützen. Offene Kritik allerdings verteilte sich bei beiden Studien in etwa gleich - 10% bei der anglophonen und 12% in der europäischen Studie. Als Schlußfolgerungen aus dem European Programming Survey können daher folgende Punkte hervorgehoben werden:

  • Traditionelle Programme für ein traditionelles Publikum überwiegen, wie auch schon in der englischsprachigen Studie.
  • Der Mangel an Innovation macht es unwahrscheinlich, dass neue Zuschauer hinzugewonnen werden können.
  • Der Rückgang in der Produktion wissenschaftlicher Programme ist entsprechend den allgemeinen Mustern bei der Produktion von Dokumentationen.
  • Alle untersuchten Länder außer den 'großen' Ländern haben Programme importiert. Die Qualität wird damit auch bei kleinen Budgets gewährleistet, gleichzeitig werden aber Innovationen und Experimente verhindert.
  • Magazinformate dominierten die europäische Studie, Dokumentationen die englischsprachige.
  • Die Mehrheit der europäischen Programme setzt eine gewisse wissenschaftliche Kenntnisse voraus, womit die Programme sich sehr an eine engagierte Zuschauerschaft richten.
  • Es gibt einen Mangel an Vielfalt in der Themenauswahl in beiden Studien.
  • Mit dem Ende der Bandbreitenproblematik durch das digitale Fernsehen gäbe es neue Möglichkeiten für kleinere regionale und nationale Anbieter in Zusammenarbeit mit Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen in Europa.
  • Die europäischen Programmproduzenten richten sich - mit wenigen Ausnahmen - nicht an jüngere Zuschauergruppen und vor allem nicht an Kinder.