Krysmanski Publikationen

H. J. Krysmanski

Karl Marx goes to Hollywood

 

 

New York Times

Die Asche des Kommunismus

„Nun aber sind die repressiven und unproduktiven Äußerlichkeiten der kommunistischen Herrschaft endlich beseitigt, und es ist erst recht keine Ruhe“, schrieb jüngst der Berliner Philosophieprofessor Volker Gerhardt in einem Aufsatz mit dem Titel ‘Die Asche des Marxismus’.(1) Dem habe sich die Philosophie vor allem an der Humboldt-Universität und im Ostteil Deutschlands zu stellen. Der Alptraum müsse verschwinden, läßt er über viele Seiten in vielen Thesen verlauten; die Philosophie dürfe nicht mehr in Gegensätzen denken und stattdessen, fern aller Praxis, als ‘reine’ Theorie voranschreiten; jede ‘Radikalisierung aus dem bloßen Begriff’ sei zu vermeiden (denn darin stecke der Keim zur Gewalt); man dürfe das Individuum nicht, wie Marx, als ‘gesellschaftliches Wesen’ sehen, sondern würdevoll inmitten seiner ‘Privatsphäre’; und überhaupt sei nicht wahr, daß erst das Fressen käme und dann die Moral.

Marx und Engels waren im Kommunistischen Manifest ja auch frech aufgetreten: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt worden sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“(2) Was Wunder, daß unser Philosoph sich auf diese Passage stürzt: „Hier haben wir also den tragischen Fall, daß sich ein begabter Weltverbesserer selbst in den Rücken fällt. In seinem Eifer, auf jeden Fall und unter allen Umständen recht zu behalten, streicht er sich selbst als epistemische und moralische Instanz.“ Es fällt dem Gelehrten nicht auf, daß jener Satz, richtig gelesen, lediglich bedeutet: da ist Dialektik zwischen sozialer Bewegung und bewegtem Kopf.

Eine der Thesen Gerhardts aber wenigstens trifft: nur eine ‘Ökonomie aus Wunsch und Wahn’ habe der Realsozialismus zuwege gebracht. Ökonomisch hat der Staatsmarxismus tatsächlich versagt. Ansätze einer nachhaltigen Subsistenzökonomie auf hoher technischer Stufenleiter wurden nicht zur Exportreife entwickelt. Ökologie war ein Fremdwort. Die hegemoniale Funktion der Bewegungen auf den globalen Finanz- und Kapitalmärkten blieb unbegriffen. Über das Wesen des Eigentums, des ‘kapitalistischen’ wie des ‘sozialistischen’, wurde nicht zureichend nachgedacht. Und das Verhältnis von Ökonomie und Kultur im Spätkapitalismus war diesen Marxisten ein Rätsel.

Im Gegensatz dazu verbindet der triumphierende Spätkapitalismus die absolute Dominanz seines ökonomischen Prinzips mit scheinbar hochgradiger Selbstorganisation seiner Teilsysteme. Dies funktioniert zwar nur, weil sich inzwischen in allen Teilsystemen ‘Kapital’ verwertet: Geldkapital, kulturelles, soziales, psychologisches Kapital. Immerhin ist damit eine große Entlastung des politischen Systems eingetreten. Im Realsozialismus brachte die antiquierte Überschätzung des Staates - der, selbst hoffnungslos unterkomplex, alles regeln wollte und sollte - den Untergang des ganzen Systems. Politischer ‘Totalitarismus’ endete im hilflosen Größenwahn der Politbüros. Die kapitalistische Ökonomie dagegen ist offenbar zur ‘Kontextsteuerung’ anderer gesellschaftlicher Teilbereiche imstande, indem sie alle Bewegungsgrößen in Geldwert verwandelt und damit die Teilsysteme infiziert und durchdringt. Im Globalisierungsprozeß vollendet sich dieses Prinzip.

Auf dieser Basis aber - und damit sind wir in der Postmoderne - läßt sich die Totalität der Gesellschaftsbeziehungen wieder reflektieren: entweder, gleich den Couturiers des postmodernen Denkstils, angepaßt taumelnd auf den bunten Ölfilm der Oberflächen bezogen; oder in angestrengter Welterkenntnis, als Kartierung struktureller, stofflicher Untergründe, in denen die Welt als Geld ihren Sinn verliert - wie neuerdings einige marxistische Theoretiker der Postmoderne, allen voran Fredric Jameson.(3) Dann allerdings wird, in komplexeren Kontexten als denen an der Spree, die großartige Utopie einer Ökonomie des kulturvollen ‘bloßen Überlebens’ ohne Profit wieder interessant, die kommunistische Gesellschaft als ‘die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur’.(4)

 

Das Ende des Liberalismus

Der Realmarxismus jedoch war, wie es eben so geht, zuletzt auf geheimnisvolle Weise sein eigener schlimmster Feind geworden, und zwar nicht nur in rein praktischen Fragen der Ökonomie, sondern auch bezüglich zentraler theoretisch-strategischer Propositionen. „Zug um Zug“, schreibt Immanuel Wallerstein, „wurden die fünf zentralsten Thesen des Parteienmarxismus von genau den Personengruppen immer skeptischer beurteilt, welche diese Regimes getragen hatten.“(5) In diesem Prozeß war Gorbatschow nur die Spitze eines Eisbergs weltläufiger, aufgeklärter Ostblock-Karrieristen.

Jene Thesen, Erfahrungsgrundsätze und Faustregeln einst mächtiger kommunistischer, ‘marxistisch-leninistischer’ Parteien, die jetzt wie Objekte der Industrieromantik auf den Halden der Geschichte lagern, seien hier, mit Wallerstein, noch einmal zusammengestellt:

 

Um das Menschheitsziel einer kommunistischen Gesellschaft zu erreichen, ist der erste Schritt die schnelle Eroberung der Staatsmacht durch Revolution.

Um die Staatsmacht zu erringen und zu bewahren, müssen die fortschrittlichen Kräfte beziehungsweise die Arbeiterklasse sich eine gut organisierte, einheitliche Partei schaffen.

Auf dem Weg vom Kapitalismus zum Kommunismus ist es unabdingbar, eine Phase der Diktatur des Proletariats zu durchschreiten, d.h. die Macht ausschließlich in die Hände der Arbeiterklasse zu legen.

Der sozialistische Staat ist die notwendige Stufe auf dem universalen, richtigen Weg des Fortschritts, der schließlich im kommunistischen Utopia mündet.

Um den Übergang vom Stadium des Sozialismus zum Stadium des Kommunismus zu bewerkstelligen, muß der Sozialismus zunächst als nationale Entwicklung ‘konstruiert’ werden.

Das alles gilt nicht mehr. Es wäre fatal, daran festzuhalten im Spätkapitalismus. All dies steht auch so nicht bei Marx, wohl aber in den Arbeitskladden der Revolutionäre seit 1905, und war seit den Erfahrungen mit dem Faschismus sogar rot unterstrichen gewesen. Noch nach dem Pinochet-Putsch zog man solche Lehren - und marschierte in Afghanistan ein. Warum sind die Machteliten des Realsozialismus dann von diesen Propositionen atemberaubend schnell abgerückt? Wer oder was hat sie ‘umgedreht’?

Unter dem Titel ‘After Liberalism’ hat sich Immanuel Wallerstein den Abfall der Nomenklatura vom Glauben auf folgende Weise erklärt: „Die wirkliche Ursache des Kollapses der Kommunismen liegt im finalen Kollaps des Liberalismus als einer hegemonialen Ideologie. Ohne einen Restglauben in seine Verheißungen kann es keine dauerhafte Legitimität des kapitalistischen Weltsystems geben. Und die letzten ernsthaften Glaubensanhänger des Liberalismus waren die kommunistischen Parteien alten Stils im früheren Ostblock.“

Ein auf den ersten Blick ziemlich aberwitziger Gedanke. Doch Wallerstein sieht zu recht, daß die demokratischen Erben des Kommunistischen Manifests durchaus und in erster Linie die Hoffnungen des revolutionären Bürgertums einlösen, die Aufklärung und das Projekt der Moderne vollenden wollten. Aus genau dieser Position bezogen sie ihre konfrontative Stärke in der Systemauseinandersetzung und stellten eine Bedrohung für das herrschende politische System in den westlichen Demokratien dar - zumindest einige Jahre nach 1968, als ihnen im Westen die Bürgerkinder zuliefen.

Um so tiefer enttäuscht mußten die Osteliten sein, als ihnen dank des genauen Hinsehens ihrer ausgezeichneten Aufklärung klar wurde, daß ihr Gegner im Kapitalismus, ihr ‘geliebter Feind’, in keiner Hinsicht mehr die liberale Bourgeoisie war, sondern ein Geflecht aus global und brutal agierender Konzernmacht, Militär-Industrie-Finanz-Komplexen, ja von Verbrechersyndikaten. Hinter der liberalistischen Fassade insbesondere in den USA war ein System entstanden, das ohne die bürgerlichen Formen des Privateigentums und ohne öffentliches Recht zu funktionieren begann. Der Staat verwandelte sich auf allen Ebenen in private Netze der Korruption und informelle Klan-Beziehungen zurück. Korporatives Eigentum in kaum vorstellbarer Konzentration hatte, jedenfalls im Kern der Kontextsteuerung, die alten, individuellen Eigentumsformen zurückgedrängt und, ohne selbst öffentliche Verantwortung zu übernehmen, den Globalisierungsprozess usurpiert.(6) Drogenbehörden als Drogenhändler, Militärs als Waffenlobbyisten, Präsidenten als Einbrecher: ein postmoderner Dschungel hatte sich aufgetan. 

Ohne die Gegner, die als weltläufige liberale Bourgeoisie, etwa im Milieu der Vereinten Nationen, zugleich auch Partner und Verbündete für eine friedlichere Weltordnung hätten sein können, brach der einheitliche politische Gestaltungswille der kommunistischen Nomenklaturen zusammen. Auch sie hielten sich, wie überall sonst in der Welt zerfallender liberaler Ordnungen, nur noch an das Gesetz der Titanic, das Rette-sich-wer-kann. „Ohne das Eintretenkönnen für die Vollendung der Verheißungen des Liberalismus wurde es für die herrschenden Schichten des Weltsystems überall, auch im Osten, unmöglich, die arbeitenden Klassen durch irgendetwas anderes als Gewalt zu kontrollieren. Der Konsens, der auch im Realsozialismus auf diesem Versprechen, auf dieser ‘Bestechung’ beruhte, war zerbrochen.“ Und doch, fährt Wallerstein fort: „Gewalt allein wird es, wie wir seit Machiavelli wissen, diesen politischen Strukturen nicht erlauben, eine längere Periode zu überleben.“(7)

Zunächst, obschon nicht für ewige Zeiten, ist damit auch das liberale Establishment, sind die linksliberalen Stiftungen und Milliardäre vom Schlage eines Ted Turner oder Bill Gates Gefangene der Entwicklung, ebenso wie ihre Angestellten vom Typus eines Clinton oder Gore. Der Zerfall der demokratischen Werte im Westen, schreibt Benjamin Barber, ist durch das Scheitern des Staatssozialismus beschleunigt worden.(8) Viel interessanter aber ist eben doch der Befund, daß die demokratiezerstörende ungezügelte Marktwirtschaft auch die kommunistischen Nomenklaturen ins Bodenlose stürzte.

 

Die Postmoderne als strategisches Terrain

Die Eliten des Ostblocks, welche das postmoderne Herrschaftsspiel dann so schnell so perfekt nachahmen lernten, glauben außerdem, mit dem Marxismus-Leninismus (der nur dem Kapitalismus von 1917 gewachsen gewesen war) hätten sie sich auch Marxens entledigt. „Aber das ist nicht so leicht“, sagt Wallerstein. „Aus der Vordertür hinausgeworfen, droht Marx durchs Fenster wieder hereinzuschleichen. Denn Marx hat ganz gewiß weder seine politische Relevanz noch sein intellektuelles Potential erschöpft.“(9)

Vier Schlüsselideen aus dem Denken von Marx möchte Wallerstein unter allen Umständen für die Analyse des heutigen Weltsystems weiter benutzen:

  1. „Die Vorstellung, daß Klassen unterschiedliche und in der Tat antagonistische Interessen haben, ist keine Erfindung von Marx. In allen großen Diskussionen zwischen 1750 und 1850 in Westeuropa lag sie in der Luft. Und sie war ursprünglich nicht einmal ein ‘linkes’ Konzept. Doch natürlich gelangte das Konzept des Klassenkampfs erst durch das Kommunistische Manifest in aller Munde - und definiert seitdem die Arbeiterbewegung überall.“
  2. „Marx besteht auf einer allgemeinen Tendenz der ökonomischen Polarisierung, er nennt sie Verelendung und meint damit, daß die Armen ärmer und die Reichen reicher werden. Er analysiert auch den Prozeß der sozialen Polarisierung, in welchem jeder Einzelne entweder zum Bourgeois oder zum Proletarier wird. Niemand wird abstreiten, daß der Grad der Verelendung auf der Ebene der Weltökonomie konstant ist. Und der Eindruck, die Revenuen der arbeitenden Klasse in den Industrieländern würden steigen, wird durch eine zu enge Perspektive hervorgerufen: der Immigrationsfaktor, die Tatsache, daß ethnisch dominante Bevölkerungsgruppen die Vorteile abschöpfen, muß zu einer neuen Definition von Bourgeoisie und Proletariat führen - etwa entlang der Linie, ob Einkommen aus der Beteiligung an den realen ökonomischen Prozessen des Weltsystems bezogen wird oder nicht.“
  3. „Marx war Materialist. Er glaubte, daß Ideen nicht aus dem Nichts kommen und nicht einfach das Produkt vor sich hin grübelnder Intellektueller sind. Unsere Ideen, unsere Wissenschaften reflektieren die soziale Wirklichkeit unserer Leben...was natürlich genauso auf Marx selbst und die arbeitenden Klassen zutrifft.“
  4. „Im Phänomen der Entfremdung sah Marx die Verkörperung aller Übel der kapitalistischen Zivilisation. In der Aufhebung der Entfremdung sah er die entscheidende Leistung einer künftigen kommunistischen Gesellschaft. Denn für Marx zerstört Entfremdung, vor allem in ihrer Haupterscheinungsform, als Eigentum, die Integrität der menschlichen Person. Der Kampf gegen Entfremdung ist deshalb der Kampf um die Wiederherstellung der Würde der Menschen. Man kann diese These nur auf eine Weise widerlegen: durch die Behauptung, Entfremdung sei ein unausweichliches Übel (eine Art Ursünde)...Doch Marx hat nun einmal die Möglichkeit eröffnet, sich eine andere Gesellschaftsordnung vorzustellen...Seine Gedanken sind da. Wem oder was wäre damit gedient, sie völlig zu ignorieren?“(10)

Klassenkampf, Polarisierung, Ideologie und Entfremdung unterliegen heute jedoch, daran ist kein Zweifel, einem gewaltigen Wandel in der Erscheinung, oder anders gesagt, die Erscheinung ist selbst ein Moment ihres Wesens geworden. In der Phase der Postmodernität und des transnationalen Kapitalismus der Corporations sind es vor allem die neuen informationellen Technologien, mittels derer territoriale Expansion und Krisenmanagement betrieben, aber auch Klassenkampf, Polarisierung, Ideologie und Entfremdung entwickelt werden. Eine computervermittelte Logik des Spätkapitalismus faltet sich aus.

Zu diesem Himmel, Cyberspace genannt, blickt Wallerstein zunächst gar nicht auf, um sich der Frage What Can Be Done? zu stellen. „Stattdessen“, schreibt er, „sollten die antisystemischen Kräfte sich auf die Expansion realer sozialer Gruppen auf vielfältigen lokalen Ebenen aller Art konzentrieren, und auf deren Zusammenschluß (und ständige Umgruppierung) in uneinheitlicher Form auf den höheren Ebenen. Der fundamentale Irrtum der antisystemischen Kräfte in der voraufgehenden Epoche war der Glaube, daß die Effektivität einer Struktur mit ihrer Einheitlichkeit wuchs. Zweifellos war eine solche Politik logisch und brachte scheinbar Ergebnisse, so lange die strategische Priorität auf der Eroberung der Staatsmacht lag. Diese Politik hatte einst auch sozialistische Ideologie in liberal-sozialistische Ideologie umgeformt. Doch heute ist demokratischer Zentralismus genau das Gegenteil dessen, was nötig ist. Die Solidaritätsbasis zwischen den vielen realen Gruppen der höheren Ebenen (Nation, Region, Welt) muß subtiler, flexibler und ‘organischer’ sein. Die Familie der antisystemischen Kräfte muß sich mit vielen verschiedenen Geschwindigkeiten bewegen und ständig ihre taktischen Prioritäten umformulieren.“(11)

Wallersteins Appell an die ‘organischen Intellektuellen einer uneinheitlichen Familie multipler antisystemischer Gruppen’ ist weder naiv noch hilflos. Dazu ist er zu viel herumgekommen bei den dschungelerprobten heutigen Leserinnen und Lesern des Kommunistischen Manifests und auch bei der außeruniversitären philosophischen Opposition überall auf der Welt. Kann dieser Utopismus als eine lockere Form der Verschwörung betrachtet werden? Was ist Verschwörung in der Postmoderne? Hilft es, doch hinauf zu den Wolken des Cyberspace zu blicken, die Eigenart der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in Rechnung zu stellen, die mediale Weltkultur als das Labor zu betrachten, in dem der Kapitalismus sich klonen und der Marxismus sich künstlich befruchten lassen möchte?

 

Kontextsteuerung der Teilsysteme des Weltsystems durch die Netze

Jedenfalls sind die beiden weiter aneinander gefesselt: „Der Triumph des Kapitalismus und des Marktes scheint“, schreibt Fredric Jameson, „auf eine sichere Zukunft des Marxismus (als der Wissenschaft von den inhärenten Widersprüchen des ersteren) hinzudeuten.“ Durch Globalisierung und Informatisierung werden die Linke wie die Rechte und die Wirtschaft selbst mit der Unmöglichkeit konfrontiert, daß irgendein regionales oder nationales Gebiet den Zustand der Autonomie oder gar Subsistenz erreicht, sich vom Weltmarkt abkoppelt. So hat die ‘Rettung der Utopie’ nur eine Chance, wenn die Marxisten „den Gedanken einer globalen Totalität festhalten oder - wie Hegel gesagt hätte - ‘dem Negativen folgen’ und so letztlich jenen Ort lebendig erhalten, von dem das - unverhoffte - Entstehen des Neuen erwartet werden kann.“(12)

Der Ort aber, an welchem Totalität zu einem neuen und seltsamen Leben erwacht ist, wird von der Linken in unserem Lande, die ihre Kulturkritik aus der Tiefkühltruhe der Frankfurter Schule bezieht, allenfalls höhnisch gestreift: „Täglich wandern Gigabytes kruder Weltdeutungen durch das Netz. Der Dschungel der Mythen ist so dicht, daß bereits Websites wie www.conspire.com („die 6o größten Verschwörungstheorien aller Zeiten“) entstehen. Sie erleichtern Sinnsuchern und Generalzweiflern den Einstieg. Sie bieten links...zu tausend Welterweckern, Wunderheilern, Esoterikern und Radikalinskis aller Schattierungen...Hier erfährt die Menschheit, was hinter Klimaschwankungen und Börsenstürzen steckt, was die Yakutsa, Islamisten und Freimaurer wirklich planen. Was der Papst, Henri Kissinger und der Ötzi so alles angestellt haben. Und auch, daß US-Außenministerin Madelaine Albright einen kommunistischen Großvater hatte.(13) “ Wer sagt, es sei leicht, in diesem Chaos an ‘Rettung der Utopie’ zu denken?

Man muß es wohl aushalten, daß die erste Beschäftigung mit den Inhalten der Netze meist nur zu Kuriositäten-Sammlungen führt. Die Relativierung aller Inhalte, das Anything Goes, das Free For All, wird jeden gestandenen Pamphletisten und Organisatoren zutiefst erschrecken. Jameson versichert uns zwar, daß das Weltsystem des Spätkapitalismus nicht verstanden werden kann ohne die computerisierten Medientechnologien; daß die tastende, suchende Neuerfahrung der postmodernen Welt, das ‘cognitive mapping’ des Weltsystems, also kurz: das Darstellungsproblem, nur mittels der Informationstechnologie gelöst werden kann. Doch muß er hinzufügen, daß die elektronische Lösung des Darstellungsproblems, die uns als überbordender Schwall von Allem und Nichts entgegenstürzt, zugleich selbst das zentrale Darstellungsproblem geworden sei.(14) Und dieses Problem hat zwei Seiten:

Zum einen führen die Operationen des Systems der Netze „Sinnangebote zusammen, deren Konnexität für es selbst arbiträr ist. Das System ist, wie wir auch sagen könnten, unempfindlich gegen bestimmten Sinn, der auf der Ebene der Dokumente traktiert wird. Gerade deshalb muß es auch nicht ein Bewußtsein konstruieren, das sensibel ist, ideosynkratisch oder singulär. Wir haben es im Blick auf die Autopoiesis des Systems mit der Produktion nomadisierender Sinnverteilungen zu tun, mit virtuellen Konstellationen, die nicht als Realität im System (also nicht als Struktur) sedimentieren.“(15) Mit anderen Worten, die Kommunikation auf den Netzen tendiert zur Abstraktion von den Inhalten, Absendern und Adressaten; fördert das reine Surfen, die puren Operationen des ‘Verlinkens’; und schafft dadurch u.a. einen Raum für die überraschende Kombinatorik von Bedeutungen.

Die andere Seite des Darstellungsproblems ist politisch. Wo kommen die Netze her und was ist ihre Funktion? Offenbar sind sie erst in der neuen geopolitischen Konstellation des Niedergangs des Realsozialismus von einer geheimstrategischen zu einer weltöffentlichen Größe geworden. Die Umnutzung der während des Kalten Krieges akkumulierten militärischen, wissenschaftlichen und industriellen Rechnermacht Amerikas hat der Weltinnenpolitik ein neues Instrumentarium beschert. Oder anders gesagt, aus der objektiven militärischen und ökonomischen Realität der Datennetze wird allmählich das Medium der Kontextsteuerung aller Teilsysteme des Weltsystems. Deswegen beginnen heute logischerweise auch alle übrigen Massenmedien der Weltkultur mit der universalen Maschine der vernetzten Computer zu konvergieren. Durch diese Medienentwicklung aber werden Weltkultur und Weltökonomie identisch.

Die übergeordnete Frage ist dann, ob sich damit die Möglichkeit von Politik in beliebige Kombinatorik verflüchtigt oder als kapitalistische Produktion, Distribution und Konsumtion versteift. Noch kann man in den Weltregionen von den Folgen des globalen Medienspiels absehen und, wie Wallerstein, die Augen fest auf den steinigen Pfad gerichtet, den Guten auf dieser bösen Welt zu begegnen trachten und weiterwandern und an Lagerfeuern innehalten und gute Gespräche führen und hoffen, daß sich alles noch fügen wird. Man kann die Netze - und das ist derzeit die sicherste Methode - als Kommunikations- und Informationsmedium für Theoretisches und Praktisches nutzen, ohne sich um ihre ‘Autopoiesis’ zu scheren. Man kann aber auch das allegorische Potential der medialen Weltkultur, zwischen Beliebigkeit und Sinnsteuerung, für subversive Differenzierungen einsetzen, für die Suche nach Strukturen der Totalität.

 

Kampf um allegorische Hegemonie?

In der medialen Weltkultur, die erst entsteht, drehen sich Politik und politische Ökonomie um die Entfaltung, Konvergenz und Konzentration von ambivalenter Bildermacht. Kapitalverwertung und territoriale Expansion, Aneignung von Welt und Ausbeutung von Menschen einerseits, die anti-systemischen Bewegungen andererseits, werden in einen globalen Kampf um allegorische Hegemonie verstrickt.

Kleine Ursachen, amplifiziert durch den Medienmarkt, erzielen große Wirkungen. Fast jedes in Hollywood verfilmte Drehbuch enthält allegorische Kontrabande der einen oder anderen Art. In den Rollen des Harrison Ford beispielsweise - irgendwelchen Randerscheinungen, sollte man meinen - manifestiert sich genau die Entwicklung der geopolitischen Aktionstypen, die der Spätkapitalismus sich wünscht. In den 70ern, mitten im Kalten Krieg, in Star Wars, treibt Han Solo, von Milliarden Menschen bewundert, bereits demonstrativ quer zu allen Fronten seine dreisten Geschäfte. Blade Runner macht uns vor, wie man sich ambivalent im posturbanen Raum unbestimmter Identitäten durch alle sozialen Strata bewegt; nicht umsonst erlangte dieser Film Kultstatus. Indiana Jones wirft sich - um (Boden-)‘Schätze’ zu finden - in der Zeit des vergehenden Kalten Kriegs in die Zeiten davor (die nun wieder anstehen): ins freie Spiel der Kräfte einer offenen kolonialen Welt. Und heute, als Präsident in Air Force One, darf Harrison Ford sich über jede fremde staatliche Souveränität hinwegsetzen, wenn es um die Interessen seiner Klientel geht.

Diese ‘geopolitische Ästhetik’ hat in der medialen Produktion zu Faustregeln, zu ‘Regieanweisungen’ geführt, die ihrerseits ambivalent sind, die weder der einen noch der anderen Seite ausschließlich dienen, sondern nur das Terrain der hegemonialen allegorischen Kämpfe - ob im Kino oder auf den Netzen - definieren. Wenn aber Kultur in der Ökonomie das Sagen hat, wird auch dem Erzählen, der literacy, nicht weniger, sondern mehr abverlangt. „Mitnichten nämlich ist die Literatur am Verschwinden, sie ist wirksamer denn je, sie hat nur den Arbeitsplatz gewechselt: In ihrer Not suchen die Medien Zuflucht bei der Literatur; denn die Evolution der Medien im allgemeinen ist ohne die in der Literatur entwickelten narrativen, dramatischen und poetischen Modelle gar nicht denkbar.“ Es sind, fährt Peter Gendolla fort, weiter „Texte, nicht Bilder, die sagen wo es lang gehen sollte oder könnte.“(16) Vor allem die amerikanische Literaturwissenschaft ist in der Frage, wie Erzählungen, Erzählstile, Allegorien im politischen Unterbewußtsein der Postmoderne wirken, schon ziemlich weit. So hat etwa der bedeutende Fredric Jameson schon vor geraumer Zeit Hollywoodfilme, die politische und ökonomische Themen transportieren, auf ihre erzählerischen Grundmuster, auf ihre Basisallegorien untersucht und darin wichtige Operationen des cognitive mapping in der unübersichtlichen Postmoderne entdeckt.(17)

Mit anderen Worten, wer heute politisch wirksam und ökonomisch einflußreich sein will, muß, wegen der enormen Vermittlungskraft der neuen Medien, erzählen können - und zwar auf allen Kanälen und in allen Netzen. Zwei Basismuster der Narration, hat Jameson herausgefunden, sind heute im globalen oder genauer: geopolitischen Diskurs unabdingbar, unübertroffen wirksam und zugleich eng verquickt mit den realen ökonomischen, sozialen und politischen Momenten des Globalisierungsprozesses: die ‘geopolitische’ Allegorie vom ‘blauen Planeten’ und die ‘geopolitische’ Allegeorie der ‘totalen Verschwörung’. Was versteht er darunter? Seine Einsichten lassen sich als Ratschläge an diejenigen formulieren, die in den neuen Medien auf wirksame Weise erzählen wollen.

Zum einen: Gehe fernab von der traditionellen Zentralperspektive tastend, ‘scannend’, mit einem Blick von oben, mit Satellitenaugen an dein Thema heran. Unter dem Symbol des ‘blauen Planeten’ richtet sich dann - sozusagen mit einer unheimlichen spätkapitalistischen Logik - das Augenmerk in den meisten Narrationen (ob CNN-News oder Independence Day) auf unentdeckte Rohstoffquellen oder auf anti-systemische Waffenkonzentrationen - und nebenher vielleicht noch auf Umweltschäden und hübsche Wirbelstürme. Nur in seltenen Fällen, wie etwa im Hollywood-Film Contact, bringt uns der Blick von oben dann tatsächlich neue Erkenntnis - doch immerhin kommt es vor. Doch letztlich bleibt mit dieser Formel wenigstens die ‘Basis’ im marxistischen Sinne, die Produktionsweise, die unseren Planeten beherrscht, mit all ihren ‘Stoffkreisläufen’ im Blick.

Zum anderen:Wann immer du etwas Weltbezogenes, Politisches oder Ökonomisches, erzählen willst, spiele mit dem Verschwörungsverdacht. Im Hintergrund lauern zwar die mächtigen Verschwörungsphantasien des Faschismus und vieles andere Fundamentalistische. Das aber wäre für den globalen Diskurs heute alles zu eindeutig und zu plump. Es geht um das Gefühl, daß die Welt eine einzige unbestimmte Verschwörung ist, es geht um die X-Files. Und so gibt es heute keine einzige erfolgreiche politische oder ökonomische Narration in den Medien, die nicht konspirative Elemente enthielte. Mit der Formel vom allgemeinen Verschwörungsverdacht bleibt uns der sogenannte Überbau (X-Files: ‘The Federal Government Denies Knowledge’) im Sinn; es kann weiter erzählt werden von der Dynamik um Staat, Macht, Herrschaft, Religion usw. - und das ist schon viel in unserer obskuren Zeit.

Diese ‘Regieanweisungen’ setzen also auch Erkenntnis in Gang. Die Allegorien vom ‘blauen Planeten’ und von der ‘totality of conspiracy’ kommen zudem aus einer medialen Massenkultur, die mit den Wissenschaften, computervermittelt, immer stärker konvergiert; schon deshalb müssen diese Allegorien vom Wissenschaftsprozeß auch verarbeitet werden. Diese Bilder sind ein Moment des Wesens von Klassenkampf, Polarisierung, Ideologie und Entfremdung geworden. Vor allem die Vorstellung der Welt als ‘konspiratives System’ erfaßt durchaus die Hinterlassenschaft eines Jahrhunderts, in dem Verheimlichung, subjektlose Bürokratie und andere Schrecken die Verwirrung über den Zustand des Ganzen bis zum Äußersten gesteigert haben. Und wer sich an den Kern des Wissens über Macht und Herrschaft in den marktgängigen Verschwörungstheorien heranarbeitet, der sieht dort die Klassenkämpfe von gestern und morgen im Eis der Systeme suspendiert. Nicht nur die Filme von Oliver Stone, etwa JFK, sind dafür ein Beispiel.

Die narrative Struktur der Verschwörung schmuggelt, schreibt Jameson, unser politisches Denken an unserer eigenen liberalen und anti-politischen Zensur vorbei und erlaubt es uns, auf einer tieferen Ebene unserer kollektiven Phantasie wieder ‘das Weltsystem als solches’ zu denken.(18) Geschichte und Eigensinn fügen sich, das ist das Ziel, im politischen Unterbewußten wieder zusammen. Geschieht dies erst einmal, wird der Einzelne, das gesellschaftliche Wesen, auch in der postmodernen Weltkultur durch alle Bilderwelten hindurch nicht mehr Ruhe geben, „ehe nicht für das Gefühl, das sich darin nicht täuscht, die Einlösung der Geschichte wirklich erfolgt ist, also mein Boden, mein Gemeinwesen und meine Selbstbestimmung über die Bedingungen meiner Arbeit gemeinsam hergestellt“ worden sind.(19) Das aber ist die kommunistische Utopie. Sie wird noch immer, auch in Hollywood, erzählt.

 

Anmerkungen
  1. Berliner Debatte INITIAL 8 (1997) 4, S. 94-112
  2. MEW 4, S.474f.
  3. Jamesons Programm läßt sich auf die Formel bringen: Cognitive Mapping of the Seeds of Time. ‘Cognitive Mapping’ (etwa: das Anlegen kognitiver ‘Landkarten’) ist für ihn der wichtigste Modus der Erkenntnis in der unübersichtlichen Postmoderne, vgl. F.J., Postmodernism, or the Cultural Logic of Late Capitalism, Durham 1991; in F.J., The Seeds of Time, New York 1994, versucht er, dem utopischen Potential der Gegenwart - ‘Samenkörner der Zeit’ - auf die Spur zu kommen.
  4. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Erg. Bd. Teil I, Berlin 1968, S.538
  5. Immanuel Wallerstein, After Liberalism, New York 1995, S.226
  6. Jameson, The Seeds of Time, New York 1994, S.159
  7. Wallerstein, a.a.O., S.242
  8. Benjamin R. Barber, Der Kapitalismus versteht nichts von den Genüssen des Lebens, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 8.1.98, S.32
  9. Wallerstein, a.a.O., S.226
  10. ebenda, S.226ff.
  11. ebenda, S.249
  12. Fredric Jameson, Fünf Thesen zum real existierenden Marxismus, Das Argument 214/1996, S.175ff.
  13. Tom Schimmeck, The End is near, DieWoche, 19.Dez. 1997, Extra, S.14
  14. Fredric Jameson, The Geopolitical Aesthetic, a.a.O., S.10
  15. Peter Fuchs, Realität der Virtualität - Aufklärungen zur Mystik des Internet, o.J., zu finden unter der URL: http://netzservice.de/Home/maro/others/pf_rdv.html
  16. Peter Gendolla, Brücken in einem noch kaum überschaubaren Raum. Die neuen Medien machen Literatur nicht überflüssig - im Gegenteil, Frankfurter Rundschau, 17.2.1998, S.7
  17. Jameson, The Geopolitical Aesthetic, a.a.O., passim
  18. ebenda, S.9
  19. Oskar Negt/Alexander Kluge, Geschichte und Eigensinn, Frankfurt/M. 1981, S.36

 

Eine Version dieses Aufsatzes erschien in der Zeitschrift 'Z', 33/1998, unter dem Titel 'Die kommunistische Verschwörung' zum 150. Jubiläum des Kommunistischen Manifests

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