Text UNIPRESS Münster
16. Oktober 2000

Hat Soziologie etwas mit Sozialismus zu tun?
P
rof. Dr. H. J. Krysmanski wird 65

Münster (upm/bn) Prof. Dr. H.J. Krysmanski vom Institut für Soziologie der Universität Münster begeht am 27. Oktober 2000 seinen 65. Geburtstag und wird zum Ende des Wintersemesters emeritiert. Er ist Inhaber eines von zwei Lehrstühlen, die 1970/71 durch einen universitätsweiten Streik - nach der Auslagerung des Faches Soziologie an die Universität Bielefeld - von den Studierenden und einem grossen Teil der Dozentenschaft für die Philosophische Fakultät erkämpft wurden. 1971/72 und 1984/85 war er Dekan des alten Fachbereichs 9 (Erziehungswissenschaft, Soziologie, Publizistik), der 1985 aufgelöst wurde und jüngst, u.a. unter Einbeziehung der Politikwissenschaft, als Fachbereich 6 wieder auferstanden ist.

Das Fach Soziologie wuchs innerhalb der WWU im Laufe der Jahre auf 12 Professuren an, befindet sich aber gegenwärtig unter dem Druck von Sparmassnahmen in einer schwierigen Umstrukturierungsphase. Krysmanski hat sich an diesem Prozess durch die Etablierung von zwei Lehr- und Forschungsschwerpunkten beteiligt: einer Arbeitsstelle für Friedens- und Konfliktforschung und einer intensiven Einbeziehung des Themas 'neue Medien' in das Fach. Letzteres führte u.a. zu einem überregionalen Forschungsprojekt der Europäischen Kommission, dem 'European Popular Science Information Project', und zur Einrichtung eines gerade anlaufenden Weiterbildungsprogramms von WWU und Deutscher Film- und Fernsehakadamie Berlin mit dem Titel 'Medienkompetenz für WissenschaftlerInnen'.

Krysmanski wurde 1935 in Berlin geboren. Im Rahmen eines der ersten Schüleraustauschprogramme erwarb er 1954 das High School Diploma in den USA und studierte dann Soziologie, Geschichte, Psychologie und Philosophie in Montreal, Berlin, Graz, Wien und Hamburg. 1961 promovierte er in Münster bei Helmut Schelsky mit dem Thema 'Die utopische Methode'. Nach Assistententätigkeit an der Sozialforschungsstelle Dortmund und an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der WWU und längerem Aufenthalt als Dozent an der Universidad Nacional, Botogá, Kolumbien, habilitierte er sich 1967 in Münster mit der Schrift 'Soziales System und Wissenschaft'.

Seine 'Soziologie des Konflikts' (1971), welche seinerzeit die hessischen Rahmenrichtlinien für den Unterricht beeinflusste, markierte für ihn und seine Auffassung von Soziologie die Politisierung im Gefolge der Studentenbewegung. Die Versuche, das Werk von Karl Marx für die Soziologie fruchtbar zu machen, hält Krysmanski nach wie vor für ebenso sinnvoll wie das Bemühen um eine 'arbeitnehmerorientierte' Sozialforschung. An die Stelle einer Kalte-Kriegs-Hysterie setzte Krysmanski in seiner wissenschaftlichen und politischen Arbeit damals konsequent die Motive der 'Systemauseinandersetzung' und des 'Systemvergleichs'. Seit 1976 war er Mitglied des Präsidiums des Weltfriedensrats und des Steuerungskommittees der 'World Federation of Scientific Workers'. Seine Arbeiten zur Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik, zur Klassentheorie, zu Fragen des historischen Materialismus und zur Friedensforschung sind seit Mitte der 80er Jahre stark geprägt durch die mit den Ende des Kalten Kriegs einsetzenden Transformationsprozesse.

In den 90er Jahren war Krysmanski neben seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit Autor zahlreicher Fernseh-Reportagen und Dokumentationen (Spiegel-TV, NDR), die allesamt versuchten, soziologische Kompetenz in die mediale Verarbeitung politischer Themen einzubringen. So entstanden Filme über die Treuhandanstalt, über Berlin nach dem Fall der Mauer, den russischen Militär-Industrie-Komplex, deutsch-deutsche Wirtschaftsbeziehungen in den 80ern, geopolitische Ambitionen der Amerikaner in Sibirien, die Machtkämpfe in der russischen Elite und über die durch das Internet bewirkten gesellschaftlichen Veränderungen. Seit 1996 sind ausserdem unter seiner Leitung mehrere Wissenschaftsprogramme für verschiedene TV-Sender entstanden.

Gastaufenthalte, Vortragstätigkeit im In- und Ausland und Mitgliedschaften, darunter im wissenschaftlichen Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, ergänzen Krysmanskis Aktivitätsspektrum. 1995, aus Anlass seines 60. Geburtstages, publizierten Freunde und Kollegen eine viel beachtete Festschrift: 'Soziologische Ausflüge'. Den jetzt anstehenden Geburtstag und die Emeritierung will Krysmanski dilatorisch behandelt wissen, um die damit verbundenen Erfahrungen zu reflektieren und die ihm nach der Entpflichtung verbleibenden Rechte im Interesse der Studierenden und seines Fachs zu erkunden.