Aus: H. J. Krysmanski, Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik. Soziologische Skizzen zum Zusammenhang von Produktionsweisen, Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1982, S. 11-19

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H.J.Krysmanski
Funktioniert der Kapitalismus? (1982)
Das System der Produktionsweisen als widersprüchliche strukturelle Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen

Anmerkung im Mai 2010: Die in den ersten Absätzen dieses Textes von 1982 enthaltene 'Momentaufnahme' des Standes der 'Systemauseinandersetzung' ist überholt, weil Geschichte nicht vorhersehbar ist. Ich habe ihr Schriftbild verblassen lassen. Die einst in Hassliebe verbundenen Partner sind geschieden und nur einer hat überlebt. Das Allgemeine an dieser Beziehung aber ist so gültig und aktuell wie eh und jeh. Das eben ist die Ironie der Geschichte.

Die Durchsetzung der sozialistischen Produktionsweise in vielen Ländern und der Kampf um Formen sozialistischer Gesellschaft rückt die Frage des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus auch ins Zentrum der Gesellschaftstheorie und jeder konkreten Gesellschaftsstrukturanalyse. Innergesellschaftliche antagonistische Strukturen und Prozesse sind in zwischengesellschaftliche und internationale Auseinandersetzungen eingebunden, deren Inhalt die allgemeine Krise des Kapitalismus und der allgemeine Aufbau des Sozialismus und deren Form die Systemauseinandersetzung ist.

Über die entwickelte, ihre eigenen Grundverhältnisse (wie das private kapitalistische Eigentum) bereits negierende Gesellschaftsformation des Kapitalismus wissen wir viel, über den Sozialismus hingegen zwar, wie er produziert, aber noch nicht zureichend, wie er die Kraft seiner Produktionsweise in gesellschaftliche und »weltgesellschaftliche« Überlegenheit umsetzen wird. Doch entsteht hier ein gesellschaftliches Weltsystem, innerhalb dessen die durch die kapitalistische Entwicklung hervorgebrachten und auf kapitalistische Weise nicht mehr lösbaren gesellschaftlichen Probleme gelöst werden können. Nur eine Zerstörung des friedlichen gesellschaftlichen Prozesses könnte überdies verhindern, daß sozialistische Problemlösungen die krisenhaft zerfallende kapitalistische Produktionsweise auch in den kapitalistischen Ländern selbst zu umhüllen beginnen.

Die Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik ist ein wesentliches Moment dieser geschichtlichen Enwicklung.

Das durch Klassenkampf und die Existenz eines sozialistischen Systems in der DDR mitgeprägte politische Gebilde Bundesrepublik Deutschland hat eine besondere Funktion im internationalen kapitalistischen Krisenmanagement. Deshalb kann eine Analyse der Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik nicht davon absehen, daß die grundlegenden gesellschaftlichen Antagonismen heute international dimensioniert sind. Der »intersystemare Zusammenhang der heterogenen konkreten Gesellschaften (hat) sich in einem Maße verdichtet, welches das unbefangene Setzen von selbstreproduzierenden Produktionsweisen und entsprechend selbständigen Gesellschaftsformationen als die vielfältigen und aufeinander bezogenen Einheiten universaler Vergesellschaftung verbietet.« Historisch-materialistische Entwicklungstheorie muß sich künftig »als Theorie des Gesamtvorgangs fortschreitender Vergesellschaftung« im Kontext eines gesellschaftlichen Weltsystems begreifen. [1] Dieser »intersystemare Vergesellschaftungsprozeß« enthält nach wie vor jene antagonistischen Widersprüche, in denen allein sich neue Gesellschaft aus alter entwickelt, und diese Form der Systemauseinandersetzung durchzieht jede konkrete Gesellschaft und sicherlich in besonderem Maße die der Bundesrepublik.

Wenn wir also im folgenden von der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer gesellschaftsstrukturbildenden Rolle in der Bundesrepublik sprechen, so sind die Kontexte der Systemauseinandersetzung und der »intersystemaren Vergesellschaftung« und insbesondere auch die Entwicklung der sozialistischen Produktionsweise immer mitgedacht. Und nicht nur mitgedacht: Schließlich haben die ökonomischen Grundlagen der Bundesrepublik im Zeitalter der Monopole und der wachsenden ökonomischen Funktionen des Staates auch faktisch nur noch wenig mit den reinen Formen des Konkurrenzkapitalismus und schon eine ganze Menge mit Formen der Vergesellschaftung und planenden Regulierung zu tun, welche die Gesetzmäßigkeiten der Kapitalverwertung auf das »drohende« Ende aller Kapitalverwertung einzustellen versuchen und damit in die Strudel und auf die Brücken des Übergangs geraten.

Als eine distinkte Systemebene jedenfalls ist die kapitalistische Produktionsweise der organisierte Modus der Austragung der widersprüchlichen Wechselbeziehungen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die Ebene der Aktivitäten und Funktionen, durch welche die widersprüchliche Entwicklungsdynamik zwischen enormen Produktivitätssteigerungen und privater Profitwirtschaft so gelenkt werden soll, daß trotz Sinkens der Durchschnittsprofitrate zumindest die Profite der privaten Monopole steigen. Dieses Zauberkunststück wurde seit der Überentwicklung des Kapitalismus immer wieder - bei Weiterentwicklung des Wertgesetzes und der »regulierenden« Mechanismen des Marktes - durch gesellschaftliche (trans-ökonomische) Formen der Austragung des Widerspruchs zwischen der Vergesellschaftung der Produktion und der privaten Aneignung unbezahlter Mehrarbeit zuwege gebracht. Diese gesellschaftlichen Formen und Strukturen — ob es sich um die Monopole, Staatsaktivitäten, den Militär-Industrie-Komplex oder bestimmte Aspekte gewerkschaftlicher Organisation handelt - müssen das Interesse einer soziologischen Analyse auf sich ziehen, gerade weil sie allesamt eben nicht nur dem Management der Krise der kapitalistischen Produktionsweise dienen, sondern auch, wenn nicht ökonomisch, so doch gesellschaftlich, Momente des Übergangs in eine neue Gesellschaftsformation enthalten.

Das wichtigste allgemeine Ergebnis dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist die Zunahme der Möglichkeit bewußter Steuerung und Planung ökonomischer und gesellschaftlicher Prozesse, die Entstehung gesellschaftlicher Planung als der Möglichkeit der Beteiligung aller Gesellschaftsmitglieder an der zweck- und sinnvollen Gestaltung ihres Lebens. Historisch ist diese Möglichkeit an die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise gekoppelt, an Prozesse wie den sich in ihr selbst aufhebenden Widerspruch, der, nach Marx, »in gewissen Sphären das Monopol« hervorbringt, dann »die Staatseinmischung« erzwingt, schließlich »eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektemachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel" produziert, so daß letztendlich »Privatproduktion ohne die Kontrolle des Privateigentums« entsteht. [2] Es ist möglicherweise schwer einzusehen, daß in solchen Wüchsen des Kapitalismus Transformationspotential steckt. Genau hier müssen deshalb auch Fragen der Soziologie nach Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur ansetzen.

Der widersprüchliche Funktionszusammenhang zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen im überentwickelten Kapita­lismus hat eine eigenständige, nicht auf ihre Elemente reduzierbare Systemebene der kapitalistischen Produktionsweise hervorgebracht. Ihr Funktionsprinzip sind, wie Marx beschrieb, Primitiv- und Frühformen gesellschaftlicher Planung. Derartige »wilde Pläne« können in faschistischen Gesamtentwürfen enden.

Inzwischen sind aber auch die Planungsleistungen von Großkonzernen, die gewaltige Produktionsmittelkonzentrationen auch gegen den Trend der allgemeinen Krise in weltweiten Aktionsräumen profitabel halten können, zu verzeichnen. Und ganz andere Akteure haben die Regulierungsmechanismen des Marktes durch planvolle ökonomische Interessenvertretung in einem historisch endgültigen Sinne in Frage gestellt: die gewerkschaftlichen Zusammenschlüsse der Arbeitskraftbesitzer. Die Versuche einheitsgewerkschaftlichen Vorgehens sind selbst in ihren reformistischen Varianten Negationen einer der Säulen der kaptialistischen Produktionsweise, der Warenform der Arbeitskraft; denn die planvolle Organisation von Arbeitskraftinteressen kann nicht mehr von der konkreten Gesellschaftlichkeit der sie verkörpernden Menschen absehen. Schließlich wird noch von der gesamtgesellschaftlichen Planungsmacht von Agenturen wie dem Militär-Industrie-Komplex und dem wirtschaftenden Staat zu sprechen sein, durch die Krisenmanagement bis zur äußersten Aggressivität getrieben werden kann - aber eben auf Kosten privatkapitalistischer Produktionsverhältnisse.

So läßt sich durchaus die These formulieren, daß die kapitalistische Produktionsweise sich selbst zugunsten der formellen Subsumtion der Produktionsverhältnisse unter die Verhältnisse der Planung »aufhebt«, daß sie in sich bereits die geschichtliche Entwicklungstendenz der sozialistischen Produktionsweise entfaltet und Warenverhältnisse tendenziell zu Nebenformen gesellschaftlicher Verhältnisse macht. [3]

Mit diesen widersprüchlichen Funktionen gesellschaftlicher Planung sind allerdings nur objektive und subjektive Teilmomente gesamtgesellschaftlicher Umwälzung erfaßt, so daß es beispielsweise völlig falsch wäre, etwa wegen des - schwer zu ertragender Gedanke! - »objektiv fortschrittlichen Charakters« des Militär-Industrie-Komplexes in ihm irgendwelche »revolutionären« Aspekte entdecken zu wollen. Der gesellschaftliche Transformationsprozeß schließt alle Ebenen und Momente des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs ein und kann deshalb letztlich auch erst sinnvoll im Kontext des Systems der Klassenbeziehungen und Klassenauseinandersetzungen diskutiert werden. Doch ist es wissenschaftlich und praktisch-politisch unabdingbar, Fortschritte im »transsystemaren Vergesellschaftungsprozeß« auf allen Ebenen festzuhalten, gerade um sie in Klassenauseinandersetzungen im Sinne der Armierung der an Veränderung interessierten Klassen »handhabbar» zu machen.

Unter solcher Fragestellung finden sich in den Funktionen und Aktivitäten auch der westdeutschen Monopole, Gewerkschaften, Militär-Industrie-Strukturen und Staatsapparate zwei wesentliche, der Soziologie seit langem wohlbekannte Tendenzen gesellschaftlicher Planung: die eine richtet sich auf die Prozesse in gesellschaftlichen Teilgebilden und Organisationen (Betriebe, Massenorganisationen), die andere auf den gesamtgesellschaftlichen Systemzusammenhang. Wir wollen diese beiden Richtungen als die Tendenz zur Organisationsplanung und als die Tendenz zur Systemplanung bezeichnen.

Die Selbstgewißheit des Kapitalismus hat sich eigentlich nie auf den Gesamtzusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft als vielmehr auf besonders erfolgreiche Teilbereiche, den erfolgreich geführten Betrieb, Verband, Militärverband, auch das »erfolgreich geführte Reich«, ge­ gründet. Schließlich waren es innerhalb der periodischen sozioökonomischen Krisen, des wirtschaftlichen Chaos, der Arbeitskämpfe usw. vor allen Dingen die Konzerne, die Militärapparate, bestimmte »Massenorganisationen«, der Staatsapparat und (in der fortschreitenden Arbeitsteilung) verschiedene wohlorganisierte Spezialinteressengruppen, an denen sich die Erfolge kapitalistischer Integration ablesen ließen. Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt wurde in diesem Stadium auf rationale Organisation und das relativ gute Funktionieren bestimmter ihrer Bestandteile (einzelne industrielle Unternehmen, das Beamtentum etc.) reduziert, andere Bereiche der Gesellschaft wie der Kampf der Massen um ihre (bürgerlichen) Rechte und selbst viele kulturelle Traditionen wurden nicht einmal zu Themen der gesamtgesellschaftlichen Identitätsfindung.

Folglich wurden auch die Sozialwissenschaften, wenn überhaupt, als Organisationswissenschaften zur Effektivierung von Gruppen-, Partei- und Verbandsorganisationen eingesetzt. Der theoretische Blick verengte sich auf solche »Rationalisierungsprozesse«. Frühe Versuche ­ wie etwa von Auguste Comte und Herbert Spencer - den Gesellschafts­prozeß in seiner Gesamtheit zu interpretieren, wurden als pseudowissenschaftliche Alchimie abgetan: Die verschiedenen sozialen Gruppen und Organisationen sollten mit Hilfe spezialisierter, auf ihre spezifischen Integrations- und Konfliktfunktionen bezogener Theorien analysiert und ansonsten dem nicht hinterfragbaren, quasi natürlichen Vergesellschaftungsprozeß des Kapitals überantwortet werden. Auch Max Weber hat diese Rationalisierungsprozesse - bis in die Handlungsstrukturen hinein - in den Mittelpunkt seiner Analysen gestellt. Allerdings war es dann nur eine Frage der Zeit, bis Theoretiker sich wieder auf die weiten Horizonte der Comte und Spencer besannen und auf einmal der Organisationsebene analoge Strukturen und Funktionen auch auf der Ebene des gesamtgesellschaftlichen Systems zu entdecken meinten. Die so entstehenden Systemtheorien waren u. a. ein Reflex der Notwendigkeit des Obergangs von der Organisations- zur Systemplanung, die sich für den Kapitalismus seit der Weltwirtschaftskrise der ausgehenden zwanziger Jahre ergeben hatte.

Die Entwicklung der Organisationsplanung in den Funktions- und Aktivitätszentren der kapitalistischen Produktionsweise blieb aber keineswegs stehen. Bestimmte Formen wissenschaftlicher Betriebsführung, Methoden des Managements und der Leitung, Entwicklungen der Kontrollfunktionen, der Funktionen zentraler Finanzierung bei dezentraler Durchführung zentraler Richtlinien usw. kennzeichnen beispielsweise einen Stand der Planungsfähigkeit der Monopole, der nicht nur W. I. Lenin dazu veranlaßt hat [4], von solchen Aspekten der Konzernplanung als dem Sprengenden zu sprechen, an das die Arbeiterklasse bei der Verfolgung ihrer eigenen Pläne anschließen muß. Dabei darf aber beim Thema »Organisationsplanung« nicht vergessen werden, daß in der organisierten Arbeiterbewegung selbst »vergesellschaftete« Formen des planvollen Vorgehens vorhanden sind: Organisationserfahrung und -schläue, Zusammenspiel dezentraler und zentraler Kontroll- und Entscheidungsverfahren, pragmatisches Planungswissen nicht nur vorwissenschaftlichen, sondern auch metawissenschaftlichen Charakters. Gerade in den jüngsten Erfahrungen von Wissenschaftlern, die sich der Beratung gewerkschaftlicher Politik verschrieben haben, spielt das Problem der Ankoppelung an bereits vorhandene hochentwickelte Formen innergewerkschaftlicher Kooperation und Strategiebildung eine wichtige Rolle.

Im übrigen haben insbesondere die in den Konzernen erfundenen Techniken der Organisationsplanung und des Managements längst Eingang in die für die Erhaltung des staatsmonopolistischen Systems besonders wichtigen Teile der staatlichen Verwaltung und in die Militärapparate gefunden. Managementexpertise ist in diesen Kernbereichen in gewisser Weise austauschbar geworden und bildet auch den Grundstock für alle Ansätze zu einer weitergehenden Systemplanung.

Mit der Systemplanung ist es nun aber in der kapitalistischen Produktionsweise so eine Sache. Zwar vermitteln Systemtheoretiker oft den Eindruck, als dächten, schrieben und berieten sie von der Warte einer bereits bestehenden gesamtgesellschaftlichen Steuerungsinstanz. »Systempraktiker« hingegen sind allenfalls in der Lage, vom Standpunkt verschiedener und zum Teil konkurrierender Steuerungszentren aus so zu tun, als verfügten sie über den Generalschlüssel. Im allgemeinen verengt sich der Gestus der Systemplanung (und es ist eine Verengung) dann auf die Staatstätigkeiten, auf die Herrschaftspraxis jener Seite des Staates, die gesamtkapitalistische Interessen wahrnimmt. [5] So verkörpern der Staat und einige mit ihm verbundene nationale und internationale Steuerungsinstanzen (wie etwa die NATO) zwar die Tendenz zur gesellschaftlichen Systemplanung innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, doch fehlen wichtige Vermittlungsschritte in der ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklung, um von einer gesamtgesellschaftlichen Planung im Sinne der bewußten Gestaltung des Gesellschaftsprozesses unter der organisierten Beteiligung aller Gesellschaftsmitglieder zu sprechen.

Ohne jetzt auf Probleme der Legitimierung gesamtgesellschaftlicher Steuerung und der Bewegungsmöglichkeiten bzw. Elastizitäten des politischen Systems einzugehen (das Thema Gesellschaftsstruktur würde verlassen), kann gesagt werden, daß in kapitalistischen Gesellschaften der demokratische Prozeß - als die wichtigste Bedingung gesellschaftlicher Systemplanung - auf wenige, zum Teil kaum noch funktionierende Repräsentativorgane (wie Parlamente) eingegrenzt wird. So können in der Gesamtgesellschaft nicht nur aus dem Gesamtprozeß ausgeklinkte Versuche der Selbststeuerung (Alternativbewegungen), sondern, was weitaus bestimmender für die gegenwärtige Entwicklung ist, ausgeprägte Macht- und Herrschaftszentren ansatzweiser Systemplanung außerhalb jeglichen Legitimationszwangs entstehen. Vor allem der Militär-Industrie-Komplex kann als eine solche, auf »Sachgesetzlichkeiten der nationalen Sicherheit« gestützte Systemsteuerungsinstanz gesehen werden, die sich längst aus den politischen Formen bürgerlicher Herrschaft (in denen sie wahrscheinlich Faschismus hieße) emanzipiert und als eine in die kapitalistische Produktivkraftentwicklung integrierte Planungsaktivität etabliert hat.

Solche Annäherungen an die Möglichkeit gesellschaftlicher Systemplanung können trotz ihres inhärenten (systembedingten) Anteils an »Planlosigkeit« gewaltige gesellschaftliche Kräfte in ihre Richtung lenken und ihren Zwecken unterordnen. So können beispielsweise durch den Militär-Industrie-Komplex weit über die quantitativen Proportionen des Rüstungskapitals hinaus sektorale und regionale Wirtschaftsstrukturen (samt gesellschaftlichen Folgestrukturen) auf aggressive Verzerrung festgelegt und damit enorme langfristige Lenkungskräfte ausgeübt werden.

Die Selbstverpflichtung des wirtschaftenden Staates auf die Erhaltung und Entwicklung der Kapitalverwertungsverhältnisse durch massive (durch die Steuerzahlungen der Lohnabhängigen finanzierte) Stützungen und Korrekturen der Kapitalakkumulation oder durch die Planungsmacht des Rechts, der Gesetzgebung und Rechtsdurchsetzung ist darüber hinaus zum letzten, entscheidenden Stützkorsett der kapitalistischen Produktionsweise auf der Ebene konkreter Gesellschaften geworden. Damit sind unter der mit dieser Produktionsweise verbundenen Voraussetzung des Ausschlusses der Produzenten von den zentralen, nämlich produktionsbezogenen Entscheidungen und Planungen zugleich auch die äußersten Grenzen dessen erreicht, was hier an gesellschaftlicher Systemplanung realisierbar ist. Denn Planung ohne vielfältige demokratische Vorkehrungen für die Beteiligung des gesellschaftlichen Subjekts - ohne, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung es in einer Kritk des neuen DGB-Grundsatzprogramms giftig ausdrückt, »ein spinnwebartiges Geflecht von Wirtschaftsräten, Sozialräten, Investitionsmeldestellen, Rahmenplänen und Bundesentwicklungsplänen« [6] ­ ist auch durch den Staat nicht langfristig zu leisten. Jede Veränderung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Planungspraxis des Staates aber würde schon die »Systemfrage« stellen.

Bleibt noch ein Moment in der Entwicklung von der Organisations­ zur Systemplanung, das gerade auch bezüglich der Bundesrepublik nicht außer acht gelassen werden darf: wenn die kapitalistische Produktionsweise sich in ihrer Krise zu immer höheren Ebenen der Selbststeuerung »entschließen« muß, um unter den Bedingungen der komplexen Systemauseinandersetzung zu überleben, so ist die denkbar »höchste« konkrete Systemebene natürlich die der Produktionsweise selbst, also die Ebene, die in gewisser Weise mit der Einflußsphäre des Kapitalismus insgesamt zusammenfällt. Die sozialistische Produktionsweise hat sich von vornherein auf dieser »Weltsystemebene« - trotz aller Widersprüche und Probleme - organisiert (und sie mußte dies tun). Der Imperialismus als die konkrete Form der sich selbst planvoll zu perpetuieren trachtenden kapitalistischen Produktionsweise ist demgegenüber als gesellschaftliche Größe viel schwerer und wenn überhaupt am anschaulichsten als amerikanischer Imperialismus zu fassen.

Immerhin sind in den letzten Jahrzehnten die führenden kapitalistischen Industrieländer im Interesse imperialistischer Systemrationalität im Rahmen einer nicht nur ökonomischen, sondern auch weltgesellschaftlichen Arbeitsteilung Funktionalisierungsversuchen unterworfen gewesen. Das war bei den ungebrochenen kapitalistischen Gesellschaften (einschließlich den USA) selbstverständlich schwieriger als bei einem staatlichen Gebilde von Gnaden des amerikanischen Imperialismus, das schon in seiner Entstehungsphase die allgemeine Rationalität der kapitalistischen Produktionsweise unter verschärften Systemauseinandersetzungsbedingungen in die Wiege gelegt bekommen hatte ­ und das außerdem über eine zwar durchgeschüttelte, aber außerordentlich erfahrene Kapitalistenklasse verfügte. Die kapitalistische Restauration in der Bundesrepublik ist deshalb zugleich auch Geburt einer besonders funktionalen gesellschaftlichen Struktur im Kampf um die Erhaltung des Imperialismus. In der dualistischen Struktur der kapitalistischen Weltwirtschaft - einerseits »Weltsystemplanung« durch privat­monopolistische transnationale Konzerne, andererseits »Weltsystembildung« durch das Engagement nationaler Volkswirtschaften in zwischenstaatlichen Abkommen und Institutionen - hat die Bundesrepublik doppeltes systemerhaltendes Gewicht entwickelt.

Doch kann die Funktion der Systemerhaltung gesellschaftliche Systemplanung nicht ersetzen. Planung im Kapitalismus hat, weil ihr sozusagen das gesellschaftliche Subjekt durch die Finger rinnt und nur das Kapitalinteresse kleben bleibt, nur begrenzte Möglichkeiten, zum gesellschaftlichen Organisationsprinzip zu werden. Gerade das nämlich, was sich am besten der gesellschaftlichen Planung erschließt - die Sphären der Produktion, Zirkulation und Konsumtion -, ist unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen allein im prozessierenden Widerspruch von Monopolisierung und Verstaatlichung, aber eben nicht gesamtgesellschaftlich greifbar. Je »höher« also die Planungsebenen werden, je mehr sie sich von eingegrenzten Organisationsbereichen und -kernen entfernen, um so »chaotischer«, widersprüchlicher wird der Planungsprozeß, um so mehr fixiert er sich auf zwei Extreme planvoller gesamtgesellschaftlicher Aktivität: auf die Vorbereitung von aggressiven Akten - und auf die Entwicklung von Ausweich- und Ablenkungsstrategien, auf das, was man Äquivalenzplanung [7] nennen könnte.

Dennoch ist an dem Befund festzuhalten, daß auch in dem »imperialistisch-funktionalen« Gebilde Bundesrepublik Ansätze zu gesellschaftlicher Planung und deshalb gesellschaftliche Veränderung und materielle Momente neuer Gesellschaft sich entfalten. Die kritisch gewordene kapitalistische Produktionsweise als widersprüchliche strukturelle Einheit des Systems der Produktivkräfte und des Systems der Produktionsverhältnisse gibt dies ihr Geheimnis vielleicht am ehesten in jenen teilweise unbewachten (und unbewachbaren) Tätigkeitsbereichen preis, die für den gesellschaftlichen Stoffwechselprozeß zwischen nicht­menschlicher und menschlicher Natur eingerichtet worden sind und die einfach funktionieren müssen, damit das System zusammenhält und damit es sich umwälzt: in den Produktivkräften.

 

Anmerkungen

[1] K.H. Tjaden, Naturevolution, Gesellschaftsformation, Weltgeschichte, in: Das Argument 101, 19. Jg., Jan./Feb. 1977, S. 55
[2] MEW 25, S. 454
[3] Vgl. zu dieser These C. Sawicki, Das Verhältnis von Markt und Plan als theoretisches Problem der politischen Ökonomie des Sozialismus in der polnischen Debatte der Jahre 1956 bis 1968, Diss. Bielefeld 1978
[4] Vgl. W.I. Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, in: Ausgewählte Werke, Bd. 2, Berlin 1965
[5] Vgl. P. Marwedel, Funktionalismus und Herrschaft. Die Entwicklung eines Theoriekonzepts von Malinowski zu Luhmann, Köln 1976
[6] Ernst Günter Vetter, ‚Von Irrtum zu Irrtum', Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.3.1981, S. 1
[7] Vgl. H.J. Krysmanski, Soziologie des Konflikts, Reinbek 1971, S. 33