Institut für Soziologie, Uni Münster, SS 2000

065071 Soziologie der Zeit
Di 9-11, Raum: 505
Hoffmeister, D.

Daytrader sind Glücksritter, Aktienhändler im kleinen. Online mit der Börse verbunden, kaufen und verkaufen sie Wertpapiere in Sekundenschnelle. Sie sitzen zuhause vor ihren Computern und nutzen selbst kleinste Kursschwankungen, um schnelle Gewinne zu machen. Der Trader agiert gleichermaßen gegen und in der Zeit. Und er tut dies mit eigenem Geld und fremden Informationen. In direktem Zugang zu den weltweiten Finanzmärkten nutzen Daytrader nicht nur moderne Netztechniken, sie beherrschen auch moderne Kommunikationskulturen. Eine über all dem schwebende Zauberformel lautet: Realtime. Dabei bilden sich - gleichsam hinter dem Rücken der Mehrheit - neue Kompetenzstrukturen heraus, verändern sich ökonomische Zeitregeln: Zeitvorsprünge, Echt- und Gleichzeitigkeit werden zum wichtigen Faktor im Entwicklungsprozeß moderner Gesellschaften. Geschwindigkeit wird mit Effektivität gleichgesetzt und die Vertreter des Tempos haben eine generelle Bedeutung für die alltägliche Lebensführung bekommen. Und ebenso geschwind wird auch der Rest der Welt abgekoppelt: von sozialen und ökonomischen Entwicklungsprozessen, von der Verteilung weltweit wachsender Ressourcen, vom Arbeitsmarkt, vom Dabeisein.
Welche Bedeutung der "richtige" Umgang mit der Zeit für uns alle bekommen hat, auf welchen Feldern des Alltäglichen die Zeit auch unser Leben zunehmend bestimmt und wie all dies vor dem Hintergrund einer "Soziologie der Zeit" einzuordnen ist soll in diesem Sommersemester erkundet werden.

Literatur:

Nassehi, Armin, Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit, Opladen 1993.
Nowotny, Helga, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt 1990.
Elias, Norbert, Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II, Frankfurt 1984.