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Arbeit ohne (Zeit)grenzen - Vertrauensarbeitszeit bei IBM-Düsseldorf

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Dieses Sprichwort hat ausgedient, zumindest bei IBM in Düsseldorf, wo die Unternehmensleitung seit Anfang 1999 die obligatorische Zeiterfassung abgeschafft und jedem und jeder die Einteilung der Arbeitszeit selbst überlassen hat. Mag dies auch auf den ersten Blick als Ausdruck grenzenlosen Vertrauens in die Arbeitsmoral der Beschäftigten wirken, so ist es doch letztlich knallhartes unternehmerisches Kalkül, das auf ein hohes und effizientes Maß an Selbstkontrolle innerhalb der Belegschaft setzt. Mit anderen Worten: "Vertrauen" schafft Kontrolle.

IBM

Was dies bedeutet, beschreibt der Mönchengladbacher Philosoph und Berater des IBM Betriebsrates, Klaus Peters: Inzwischen klagen die Beschäftigten bei IBM darüber, "daß sie an einem schlechten Gewissen gegenüber ihren Kollegen leiden, wenn sie die Arbeitszeiten einhalten. Die Arbeit, die liegen bleibt, landet nicht als Problem beim Arbeitgeber, sondern bei dem oder der Kollegen/in desselben Teams. Das bedeutet, daß die Solidarität unter den Arbeitnehmern selbst zu einem Faktor der Vergrößerung des Leistungsdrucks und der Verlängerung der Arbeitszeit geworden ist". In der völligen Delegation der Arbeitszeitregelung an die Belegschaft sieht Peters eine Unternehmensphilosophie, die bewusst den Beschäftigten eine Doppelrolle zuschreibt: "Das Arbeitgeberinteresse rutsch sozusagen in den Kopf der Beschäftigten hinein."

Der Betriebsratsvorsitzende Wilfried Glißmann bringt die zugestandene "Freiheit" der Arbeitszeiteinteilung mit ihrer Ambivalenz treffsicher auf den Begriff: "Macht was ihr wollt, aber seid profitabel!" das sei die Devise, nach der hier gefahren würde. Nach Glißmann findet mit solchen doppelten Botschaften eine Okkupation des Willens der Beschäftigten durch die unternehmerischen Zielvorgaben statt. "Der Wille des Arbeitgebers setzt sich fast unbemerkt über den Willen des Beschäftigten durch." Diese Kontrolle durch Vertrauen hat System. Wer nicht mehr offensiv kontrolliert, entzieht sich auch dem Konflikt, der um Kontrollfragen entsteht. Der Rückzug des Betriebrates auf Regelungen der tariflichen Arbeitszeitvereinbarung - beispielsweise durch Verweigerung von genehmigungspflichtiger Mehrarbeit - ist als Kampfinstrumentarium da stumpf geworden, wo die Regelungskompetenz auf die Beschäftigten verlagert wird. Die Instrumentarien auf Betriebsratsseite, der Selbstausbeutung der Beschäftigten entgegenzuwirken, müssen nach Glißmann daher erst noch gefunden werden. "Ich besinne mich" lautete eine der ersten Veranstaltungsaktionen, die geleitet war von der Erkenntnis, daß der erste Schritt, um der Arbeit wieder das rechte Maß zu geben, der ist, zu begreifen, was vor sich geht. Dazu Glißmann: "Die neuen Managementformen leben von der Besinnungslosigkeit. Man soll nicht begreifen, was mit einem passiert. Besinnung ist deshalb die härteste Aktionsform."

Die Zitate sind sämtlich entnommen aus:

1) K. Pickshaus. K. Peters, W. Glißmann, Der Arbeit wieder ein Maß geben. Neue Managementkonzepte und Anforderungen an eine gewerkschaftliche Arbeitspolitik, in: Supplement der Zeitschrift Sozialismus 2/2000.
2) Januarausgabe der Zeitschrift METALL http://www.igmetall.de/metall/jan00/index.html

Uwe-Becker@boeckler.de

 

 
   
"Am glücklichsten muß der sein, der die Zeit nicht fühlt, aber der muß auch ziemlich blöd sein."
(Georg Baselitz, Maler)

 

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