Thomas Heinrichs


Th.Heinrichs-Berlin
@t-online.de

leicht verändert aus: Thomas Heinrichs, Zeit der Uneigentlichkeit. Heidegger als Philosoph des Fordismus, Münster 1999 (Verlag Westfälisches Dampfboot), vgl. dort S. 40-55

Zeitbegriffe – Zeitbegriff
Analyse ihrer Bedeutungsfelder

»Die Wirkung von verbalen Vieldeutigkeiten auf das Denken [war] immer nur negativ, nie positiv.« Ernst Tugendhat

In unserem Jahrhundert ist durch alle Wissenschaftsgebiete hindurch der »Zeit« große Aufmerksamkeit zuteil geworden.1 In den letzten Jahren hat die Diskussion um die »Zeit« erneut einen Höhepunkt erreicht (vgl. Zimmerli/Sandbothe 1993, 1ff).2 Der Zeitbegriff ist vieldeutig. Seine Vieldeutigkeit kommt in den Texten zum Vorschein, wird aber zumeist nicht explizit zum Problem gemacht. Die unterschiedlichen Bedeutungsebenen können verwechselt, vermischt werden. Anstatt die Bedeutungsebenen zu trennen, wird zumeist versucht, sie aus einer hypostasierten »Zeit« abzuleiten. Dies hat häufig eine Überhöhung des Zeitbegriffs zur Folge, der »Zeit« wird z.T. ein mystischer Charakter verliehen, demzufolge wir es hier mit einer fremden, unser Leben beherrschenden, ontologischen »Macht« zu tun haben (Theunissen 1991). Jedes diskursive Feld, so auch das philosophische, besitzt spezifische Zugangsfilter, die dazu führen, daß Probleme zumeist nur auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen werden. Diese kann unter Umständen dem Gegenstand der Untersuchung nur teilweise angemessen sein. So führt z.B. die Voraussetzung der »traditionellen philosophischen Erkenntnistheorie«, »ein einzelner Mensch [...] tritt für sich ganz alleine vor die Welt hin« (Elias 1988, XI), bei der Analyse des Zeitbegriffs zu einer eingeschränkten Wahrnehmung des Problemfeldes. Auch spielt die Tätigkeit des Zeitmessens, die alltägliche Funktion des timens – Abstimmens – in der philosophischen Analyse normalerweise keine Rolle. Andererseits unterliegen aber auch die anderen Ansätze zur Lösung des angeblichen »Rätsels Zeit«, der soziologische, der historische, der naturwissenschaftliche und der psychologische einer spezifischen Beschränktheit. So versucht z.B. Elias, den Status der Zeit als sozialer Tatsache in einem Bild zu verdeutlichen. Er vergleicht die Zeit mit einem Boot: »Es wäre merkwürdig, wenn jemand die These aufstellen würde, das Boot habe den gleichen ontologischen Status wie Meer oder Fluß, es sei mit einem Wort, ein Naturobjekt.« »Im Falle eines Bootes ist völlig klar, daß es von Menschen für ganz bestimmte Zwecke gebaut ist. Gäbe es keine Menschen, so gäbe es keine Boote«. Analoges gelte für die Zeit: »In einer Welt ohne Menschen [...] gäbe es auch keine Zeit« (ebd., XX). Dieser These ist zuzustimmen, doch denkt Elias das Beispiel nicht weiter, er fragt nicht nach dem Analogon zum Meer.3 Die philosophische Frage ist die Frage nach dem Meer und nach der Navigation, d.h. nach den natürlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten und Bedingtheiten eines sprachlichen Zeichens wie »Zeit«.4 Man muß letztlich alle drei Ebenen, die natürliche, die gesellschaftliche und die individuelle, in die Analyse einbeziehen, das auf ihnen vorhandene Wissen über die Zeitproblematik verknüpfen und ihr Wechselverhältnis aufzeigen, um zu einem angemessenen Verständnis der »Zeit« zu kommen. Die Frage nach der Zeit kann nicht lauten ob sie subjektiv oder objektiv sei oder was ihre subjektiven oder objektiven Momente seien, sondern wie, aufbauend auf den natürlichen Gegebenheiten, der Begriff »Zeit« in Gesellschaften gebildet wird, welche Funktion das jeweilige Zeitkonzept in ihnen hat und wie dieses Konzept vom Individuum zu einer konkreten Auffassung, einem kon kreten Bewußtsein von der Zeit verarbeitet wird. Dies kann im Rahmen dieses Aufsatzes nur für die Grundstrukturen geleistet werden.

I Zeitvorstellungen von Naturwissenschaftlern

Nachdem in diesem Jahrhundert zunehmend der Eindruck erweckt worden ist, daß das Zeitproblem ein Problem der Physik sei, könnte man meinen, daß es sich bei den Unklarheiten über die »Zeit« um ein spezifisches Problem von Gesellschaftswissenschaftlern handle. Aber auch Naturwissenschaftler wissen häufig nicht, was der Begriff »Zeit«, oder die Tätigkeit »Zeit messen« bedeuten.5 Am deutlichsten wird dies am angeblich aus der Relativitätstheorie folgenden sogenannten »Zwillingsparadox«. Die Relativitätstheorie belegt die Abhängigkeit der Zeitmessung vom Standpunkt des Beobachters und überwindet damit die Auffassung von einer absoluten (göttlichen) Zeit. Diese Einsicht hängt wesentlich mit der Erkenntnis der begrenzten Geschwindigkeit des Lichts zusammen. Ein Ereignis und seine Wahrnehmung können nie gleichzeitig stattfinden, weil das Licht als Informationsmedium für die Übermittlung der Information selber »Zeit braucht«. Ein vom Ort des Ereignisses entfernter Beobachter wird es zu einem späteren Zeitpunkt wahrnehmen als ein ihm naher (dies wird allerdings erst bei astronomischen Dimensionen relevant). Wenn sich das Ereignis und der Beobachter mit hoher Geschwindigkeit eine Große Strecke voneinander fortbewegen, brauchen die aufeinanderfolgenden Veränderungen am Ort des Ereignisses immer länger, bis sie übermittelt werden. Bei größer werdender Entfernung zwischen beiden braucht das Licht immer mehr Zeit, die Information zu übertragen. Für den Beobachter entsteht der Eindruck einer Verlangsamung der Veränderungen am Ort des Ereignisses. Bewegen sich jedoch beide aufeinander zu, so entsteht der Eindruck einer Beschleunigung. Allerdings nur einer relativen Beschleunigung, in dem Sinne, daß die Verzögerung zwischen Ereignis und Wahrnehmung, dieses plus an Dauer durch die Dauer der Lichtübertragung, immer kleiner wird, bis die Dauer der Lichtübermittlung wieder so kurz wird, das Ereignis und Wahrnehmung gleichzeitig zu sein scheinen. Es handelt sich beim »Zwillingsparadox« um eine angebliche »philosophische Implikation(en)« (Kanitscheider 1988, 130) der – speziellen – Relativitätstheorie. Es wird behauptet, daß ein Mensch, der sich mit hoher Geschwindigkeit fortbewegt, langsamer altere als ein Mensch, der in Ruhe bleibt; bis zu der Konsequenz, daß ein Mensch, der sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, gar nicht mehr altern würde (vgl. Kanitscheider 1988, 130ff; Hawkins 1988, 50f). Zum ersten widerspricht diese These der Relativitätstheorie selber, die ja die Bewegung als relativ begreift, d.h. es gibt keinen absoluten räumlichen Bezugspunkt, so daß man gar nicht bestimmen kann, welcher von den beiden Zwillingen in Ruhe ist und welcher sich fortbewegt oder ob sich nicht etwa beide mit gleicher Geschwindigkeit voneinander fortbewegen. Des weiteren ist der Alterungsprozeß eines Menschen einzig und allein von der Geschwindigkeit seines Stoffwechsels abhängig, aber nicht von der Geschwindigkeit, mit der der Mensch als ganzer sich zu einem relativem Bezugspunkt bewegt. Dieses »Paradox« entspringt einer absurden Verknüpfung des Prozesses der Zeitmessung mit der Lichtgeschwindigkeit. Würden wir die Uhrzeit nicht, wie es normalerweise der Fall ist, mit Hilfe des Lichtes ablesen, sondern ertasten (Blindenuhr) oder hören (Schlagwerk), so wäre dieses »Paradox« wahrscheinlich niemals formuliert worden. Die in der Relativitätstheorie in bezug auf die Übermittlung von Ereignissen durch das Licht festgestellte Ungleichzeitigkeit der Wahrnehmung von Ereignissen ist im Grunde ein altbekanntes und von jedem schon beobachtetes Phänomen; allerdings nicht in bezug auf das Licht, sondern auf den Schall, am Ereignis des Gewitters. Bekanntermaßen folgt die Wahrnehmung des Donners der Wahrnehmung des Blitzes um so länger, je weiter das Zentrum des Gewitters vom Standpunkt des Beobachters entfernt ist, obwohl an der Stelle, wo der Blitz einschlägt, der Donner gleichzeitig mit ihm erfolgt. Diese Verschiebung folgt aus der unterschiedlichen Ausbreitungsgeschwindigkeit von Licht und Schall. Dem Zwillingsparadox liegt der Gedanke zugrunde, daß das Licht nicht nur ein Medium der Übertragung von Informationen über das Stattfinden von Ereignissen an uns ist, sondern das Ereignis selbst repräsentiert. Träfe dies zu, so käme der Lichtstrahl aus der Vergangenheit, erreichte uns in der Gegenwart und verließe uns in die Zukunft hinein (dies ist das Bild des »Lichtkegels«, vgl. Hawkins, 43ff). Nimmt man diese Konstruktion an, so kann man auf den Gedanken kommen, daß ich, wenn ich den Lichtstrahl begleite, permanent in der Gegenwart verbleibe und nicht weiter altere. Würde ich das Licht, das der Blitz aussendet, begleiten können, so würde ich permanent das Blitzen wahrnehmen und somit in dieser Gegenwart verbleiben (hieraus folgt auch die These der »Zeitmaschine«: Überholte ich den Lichtstrahl, könnte ich sehen, was vorher passiert ist, flöge ich ihm entgegen, was passieren wird). Würde ich mich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, so würden nach dieser These die Ereignisse sehr viel langsamer stattfinden. Es wird auch versucht, dies anhand der unterschiedlich gehenden Uhren zu verdeutlichen (Landau/Rumer 1989, 40ff). Die These ist, daß eine sich schnell bewegende Uhr langsamer geht als eine in Ruhe befindliche. In einer Uhr wirkt eine bestimmte Kraft auf eine bestimmte Masse ein und verursacht eine Bewegung.6 Eine Verlangsamung oder Beschleunigung dieser Bewegung (des Zeigers) könnte nur dann eintreten, wenn die Beschleunigung des geschlossenen Systems Uhr in irgendeiner Weise das Verhältnis von Kraft zu Masse verändern würde. Die Behauptung, »so bleibt also jede in Bewegung befindliche Uhr hinter einer ruhenden zurück« (ebd., 41), beruht darauf, daß die Wahrnehmung eines Ereignisses, sein Bild, für das Ereignis selbst gehalten wird; diesem Denken liegt eine idealistische Erkenntnistheorie zugrunde.7 Bewegte sich eine Uhr, die die gleiche Zeit anzeigt wie meine Uhr mit annähernder Lichtgeschwindigkeit von mir fort, so würde ich wahrnehmen, daß sie langsamer läuft als meine eigene. Würde diese Uhr aber nach einer Stunde wieder zu meinem Standort zurückkehren, so würde ich feststellen, daß sie immer noch dieselbe Zeit anzeigt wie meine Uhr. Das Tempo, mit dem ich Informationen über Ereignisse bekomme, beeinflußt nicht deren realen Geschwindigkeitsablauf. Eine Zeitlupe im Fernsehen bedeutet weder, daß dieses Ereignis tatsächlich langsamer abläuft, noch, daß ich, der ich es mir ansehe, dabei langsamer altere. Dies wird noch deutlicher wenn man diese These nicht auf das Licht, sondern auf den Schall beziehen würde: Wäre der Schall das primäre Medium der Ereignisrepräsentation, würde, wenn ich mich mit Schallgeschwindigkeit fortbewegte, die Zeit stehen bleiben! Die Lichtgeschwindigkeit stellt als schnellstes Medium der Informationsübertragung nur die absolute Grenze der Ereignisse dar, über die ich innerhalb meines Lebens informiert werden, die ich wahrnehmen kann (und sie ist auch nicht die einzige Grenze). Mit der »Zeit« aber hat sie nichts zu tun. Die Zukunft, eine auf das Subjekt bezogene zeitliche Kategorie, ist nicht das, wohin das Licht mir uneinholbar vorauseilt, sondern das nächste Ereignis, was ich wahrnehmen werde. Den sogenannten »philosophischen« Implikationen der Relativitätstheorie liegt ein idealistischer Erkenntnisbegriff und, bei aller Relativität, ein aus diesem folgender hypostasierter Zeitbegriff zugrunde. Dieser wird nur nicht mehr auf alle Subjekte, sondern auf das Einzelsubjekt bezogen, welches jedes für sich eine Eigenzeit besitzen soll (mit Kanitscheiders Worten seine »Weltlinie« ebd., 134), die relativ bezogen wird auf eine als »absolute Zeit« gesetzte Lichtgeschwindigkeit (im Bild des Lichtkegels ist der Zeitstrahl identisch mit dem Lichtstrahl). Je mehr die Fortbewegungsgeschwindigkeit des Subjekts sich der Lichtgeschwindigkeit nähere, desto weniger altere es. So kommt es dann zu dem absurden Schluß, daß Alterungsprozesse von der Fortbewegungsgeschwindigkeit abhängen.8

II Tätigkeiten des Zeitgebrauchs

Zur Analyse des Zeitbegriffs will ich zuerst von der häufigsten Tätigkeit in der wir Zeit gebrauchen, von der Praxis des Zeitmessens ausgehen. Messen ist Vergleichen. Vergleichen kann man nur Gleiches. Beim Messen wird eine nicht definierte Größe mit einer definierten Größe gleicher Art verglichen. Bei der Raummessung vergleichen wir Strecken, und zwar vergleichen wir eine nicht definierte Strecke mit einer definierten und geben ihre Länge in Einheiten der definierten Strecke an. Bei der Zeitmessung vergleichen wir Veränderungen, und zwar vergleichen wir eine nicht definierte Veränderung mit einer definierten Veränderung und geben ihre Dauer in Einheiten der definierten Veränderung an. Die Erkenntnis dieser Tatsache beendet alle Irritationen hinsichtlich dessen, was »Zeitmessen« meint, ob hier »Zeit« gemessen werde, oder eine Bewegung mit »Hilfe der Zeit«9 oder was auch immer. Veränderungen werden nicht mit »Hilfe der Zeit«, sondern durch andere, definierte Veränderungen gemessen. »Zeit« ist somit auch nicht ein Subjekt, das irgend etwas beeinflussen könnte, auch nicht eine Schachtel, in der irgend etwas abläuft, sondern ein abstrakter Ausdruck für Veränderungsprozesse. Raum und Zeit sind Verhältniskategorien, die es ermöglichen, Gegenstände im Verhältnis zu anderen Gegenständen und zu uns zu positionieren.

Wie kommt es, daß gerade der Zeitbegriff solchen Mystifikationen unterworfen ist, der Raumbegriff dagegen nicht, obwohl wir doch bei der Analyse des Messens gesehen haben, daß Raummessen und Zeitmessen von ihrer Struktur her identische Prozesse sind? Der Zeitbegriff besitzt gegenüber dem Raumbegriff ein sehr viel größeres Bedeutungsfeld. So kann Heidegger z.B. in dem erwähnten Vortrag von der »Zeit« als Gegenstand der Geschichtswissenschaft reden und mit »Zeit« hier eine bestimmte Gesellschaftsformation meinen (Heidegger 1972, 371). So kann Theunissen von der »Herrschaft der Zeit über die Dinge« reden (1991, 41), um so ihre Vergänglichkeit auszudrücken. So kann man von der »Festsetzung, Strukturierung und Kontrolle von Zeit in einer Gesellschaft« reden (Seifert 1990, 100) und im Grunde die Bestimmung des individuellen Lebensablaufes durch die gesellschaftlichen Organisationsstrukturen meinen. Der umgangssprachliche Ausdruck: »Ich habe heute keine Zeit« meint nicht, daß mir heute das Ding »Zeit« abhanden gekommen ist, sondern, daß ich mir für den heutigen Tag bereits die Ausführung so vieler Tätigkeiten vorgenommen habe, daß ich es bis zu seinem Ende nicht schaffen werde, noch etwas weiteres zu tun.

Wir sehen also, daß »Zeit« ein gemeinsames sprachliches Zeichen für sehr viele, doch recht unterschiedliche Phänomene darstellt. Dieser vereinfachende Sprachgebrauch ist umgangssprachlich völlig gerechtfertigt.10 Bei der philosophischen Reflexion auf die »Zeit« ist man aber gezwungen, auf den jeweils unterschiedlichen Inhalt zurückzugehen und die den unterschiedlichen Bedeutungen zugrundeliegende gemeinsame Grundstruktur des Zeitbegriffes aufzu schlüsseln.

Um zu erklären, wie es zu den unterschiedlichen Bedeutungen des Zeitbegriffs kommen kann, müssen wir auf den Begriff der Veränderung zurückgehen. Verglichen mit dem Begriff der Strecke ist Veränderung ein mehrdeutiger Begriff. Eine Strecke ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Das Messen von Strecken ermöglicht es uns daher, die Ausdehnung von Gegenständen und deren Position zueinander zu bestimmen. Damit ist der Begriff der Strecke und seine Funktion im Prozeß der Messung erschöpft. Von Veränderungen gibt es aber unterschiedliche Typen. Eine solch einfache Bestimmung wie bei der Strecke ist daher nicht möglich. Zuerst müssen die unterschiedlichen Typen von Veränderungen bestimmt werden. Wir kennen zum ersten die zyklische Veränderung, z.B. Tag- und Nachtwechsel, Jahreszeiten, Wachen und Schlafen, zum zweiten die gerichtete Veränderung, z.B. Ausdehnung des Weltalls, Zusammensturz des Weltalls, Entstehung eines Gebirges durch Erdauffaltung, Abtragung eines Gebirges durch Erosion, Wachstum einer Pflanze, Verwelken einer Pflanze, Schreiben einer Dissertation, Verbrennen einer Dissertation,11 zum Dritten die bruchartige Veränderung, z.B. Einschlag eines Kometen, Tod eines Lebewesens, Absturz eines Computers. All diese unterschiedlichen Veränderungen messen wir. Und zwar benutzen wir als Vergleichsmaßstab, als definierte Veränderung, immer eine Veränderung des zyklischen Typus und zwar deshalb, weil sich allein diese exakt definieren und skalieren läßt.12 Uhren sind vom Menschen geschaffene Veränderungsmaßstäbe. Sie geben eine für alle Menschen einer Gesellschaft verbindliche, standardisierte zyklische Veränderung vor, die als gemeinsamer Vergleichsprozeß für nichtstandardisierte Prozesse dient. Die Einheiten dieses Veränderungsmaßstabes sind an den natürlichen Zyklen von Tag/Nacht, Monat und Jahr orientiert. Dies liegt daran, daß menschheitsgeschichtlich zuerst diese natürlichen Zyklen als Vergleichsprozesse benutzt wurden.

Die Materie verändert sich permanent, und es gibt innerhalb dieses Prozesses »Dauer, Ordnung und Richtung« (Hörz 1989, 11) sowie Brüche; und zwar auf allen Ebenen ihrer Organisationsformen, d.h. auf der atomaren, kosmischen, geologischen, chemischen, biologischen und menschlichen. Dabei sind die Typen von Veränderungen im konkreten Fall nicht immer streng voneinander trennbar, sondern es gibt Übergänge. Zugleich sind alle Veränderungen endlich, sie besitzen eine Grenze. Die Geschwindigkeit von Veränderungen ist beschränkt – letztendlich durch die Lichtgeschwindigkeit als Grenzgeschwindigkeit. Unterhalb dieser absoluten Grenze gibt es noch eine Menge relativer Grenzen, mein Handlungspotential als Mensch ist beschränkt, ich kann nur eine bestimmte Menge von Handlungen pro Tag begehen, die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion ist begrenzt, sie kann katalysiert werden, aber dadurch verschiebe ich nur ihre Grenze, hebe sie nicht auf. Alle Veränderungsprozesse sind gerichtet, das bedeutet die Veränderung ist unumkehrbar, ein früherer Zustand ist nicht reproduzierbar.13 Historisch gesehen, kann kein Zustand identisch reproduziert werden; zum Zwecke der physikalischen Messung läßt sich aber in einem als geschlossen definierten System ein vom anderen ununterscheidbarer Zustand produzieren.14 Das hat dazu geführt, daß die Physiker lange behauptet haben, daß der Grundsatz der Irreversibilität für physikalische Ereignisse zumindest auf mikrokosmischer Ebene nicht gelte. Im Zusammenhang der Ausbildung der »Chaostheorie« ist diese These widerlegt worden (Briggs/Peat 1991, 219f). Der Prozeß des Werdens und seine Grundstrukturen müssen als Tatsache hingenommen werden. Sie können nicht weiter hinterfragt oder erklärt werden. Auf diesen Prozeß, der auf allen Ebenen der Organisationsform der Materie auftritt, beziehen wir uns, wenn wir von »Zeit« reden. Wörter des Begriffsfeldes »Zeit« sind Ausdrücke für Aspekte dieses Prozesses.

III Funktionen des Zeitgebrauchs

Geklärt werden muß aber, welche Funktion für uns die räumlichen und zeitlichen Meßprozesse haben. Nach der Frage, was tut man, wenn man »Zeit mißt«, folgt jetzt die Frage, warum mißt man »Zeit«?

Das Vergleichen von bekannten mit unbekannten Strecken und Veränderungen dient der Ordnung unserer Umwelt, der Orientierung in ihr und der Organisation unseres Lebens. Es ist eine Tatsache, »daß Uhren selbst, ebenso wie reine Naturabläufe mit der gleichen sozialen Funktion, Menschen als Mittel der Orientierung im Nacheinander sozialer und natürlicher Abläufe dienen, in die sie sich hineingestellt finden« (Elias 1988, VIII). Sie dienen ihnen »als Mittel der Abstimmung ihrer Aktivitäten aufeinander und auf außermenschliche Geschehensabläufe« (ebd., IX). Die Identifizierung von Gegenständen (in einem erkenntnistheoretisch weiten Sinne) innerhalb von Kommunikationsprozessen, ihr Erkennen und Wiedererkennen als primäre Bedingung von Ordnung, Orientierung und Organisation ist letztlich nur möglich durch die Zuordnung von raum-zeitlichen Koordinaten.15 Es ist so, »daß es nur eine einzige Art der Identifizierung wahrnehmbarer Gegenstände gibt: wenn von einem einzelnen, wahrnehmbaren Gegenstand so geredet werden soll, daß die Rückfrage »und welcher ist das?« nicht mehr möglich ist, muß er in Raum und Zeit lokalisiert werden« (Tugendhat 1976, 403f). Allerdings gib es sehr unterschiedliche Verfahren solcher Loka lisierung und auch sehr unterschiedliche Koordinatensysteme. Das Mathematisierte ist nur ein extremer Grenzfall. Alltagspraktisch läuft dieser Prozeß weniger exakt ab und beruht auf einer nichtmathematisierten Umschreibung und ungefähren Ortung, die eine für die Verständigung einer Lebensgemeinschaft ausreichenden Grad an Genauigkeit besitzt und sich auf dieser Gruppe bekannte »Koordinaten« stützt. Heidegger hat das Moment des Ungefähren und Subjektiven für den Fall der Einschätzung von Weglängen16 beschrieben: »Die Entferntheiten sind zunächst und auch da, wo amtlich ausgerechnete Maße bekannt sind, umsichtig geschätzt« (Heidegger 1984, 106). Für die schätzende Wahrnehmung solcher ist nicht allein die objektive Entfernung ausschlaggebend, sondern auch die subjektive Stimmung, in der man sich befindet. »Ein objektiv langer Weg kann kürzer sein als ein objektiv sehr kurzer, der vielleicht ein schwerer Gang ist und einem unendlich lang vorkommt« (ebd.). Dies gilt ganz allgemein für den alltagspraktischen Umgang mit Gegenständen. Wir machen uns, um uns zu orientieren, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht eine Karte unserer Umwelt, in der markante Fixpunkte der Bestimmung unserer Position und, darauf aufbauend, gezielter Positionsänderung dienen. Solche Fixpunkte können z.B. sein: »das Haus an der Ecke, in dem das chinesische Restaurant ist«, »der Platz am Wasserturm«, »Heikes Geburtstag«, »der Fall der Mauer«. Zum Verständnis dieser Orientierungspunkte muß aber ein gemeinsamer Erfahrungskontext vorausgesetzt werden. Je mehr es notwendig wird, daß ich mich auch an fremden Orten und mit fremden Leuten darüber zuverlässig verständige, wann und wo ich jemanden oder etwas antreffen kann, desto mehr entsteht die Notwendigkeit einer Verfeinerung und Abstraktifizierung des raum- zeitlichen Orientierungssystems.17 Das Erfordernis hoher Genauigkeit bei wissenschaftlichen Prozessen oder »amtlichen« Messungen verlangt, daß das Moment des Ungefähren, der Einfluß der subjektiven Stimmung und der Bezug auf nur einer kleinen Gemeinschaft bekannten Koordinaten überwunden wird.18 Dann findet der Identifizierungsprozeß mit Hilfe eines mathematischen Koordinatensystems statt. Zu diesem Zwecke wird ein Koordinatennullpunkt festgesetzt. »Ein im Unterschied zum wechselnden subjektiven Koordinatennullpunkt stabiler Koordinatennullpunkt im Raum wird vielmehr durch das kontingente Faktum ermöglicht, daß eine genügende Anzahl der uns umgebenden räumlichen Gegenstände in ihren räumlichen Relationen zueinander invariant bleiben und damit einen festen räumlichen Bezugsrahmen bilden, aus dem wir dann einen beliebigen Gegenstand – z.B. den Ort Greenwich – herausgreifen und uns auf ihn als Koor dinatennullpunkt einigen können. Ebenso wird ein stabiler Nullpunkt für die zeitliche Lokalisierung durch das kontingente Faktum ermöglicht, daß es regelmäßige Naturabläufe gibt, die eine feste Einheit zeitlichen Abstandes hergeben, so daß sich einmalige Ereignisse als fester Bezugsrahmen so anordnen, daß es wiederum möglich wird, ein einzelnes solches Ereignis wie die Geburt Christi als Nullpunkt herauszugreifen. Sowohl beim Raum wie bei der Zeit ist der Nullpunkt konventionell, außerdem ist seine gegenständliche Fixierung unsicher, was beides unproblematisch ist, weil das, was eigentlich festliegt, nicht der Punkt ist, sondern die Menge der zueinander invarianten räumlichen bzw. zeitlichen Gegenstände« (Tugendhat 1976, 436f). Die Punkte des raum-zeitlichen Koordinatensystems sind nicht an sich wahrnehmbar, sondern werden durch Gegenstände markiert. Position und Veränderung kann nur von Gegenständen ausgesagt werden; in der Leere gibt es weder »Raum« noch »Zeit«. Raumstellen werden konstituiert durch klar gegen anderes abgegrenzte Gegenstände (»Sortale«). Zeitstellen werden kon stituiert durch das Geschehen von Veränderungen, durch Ereignisse. »Veränderungen sind durch den Übergang von einem Zustand zu einem anderen Zustand definiert«. »Veränderungen sind zeitliche Gegenstände. Und wie durch materielle Gegenstände Raumstellen markierbar werden, werden durch Veränderungen Zeitstellen markierbar« (ebd., 457).

Die Frage, ob ich schwerpunktmäßig die räumliche oder zeitliche Positionierung des Gegenstandes in den Vordergrund meiner Betrachtung stelle, ist im Grunde eine Frage der Hinsicht. Der Begriff der Hinsicht deutet eine gewisse Beliebigkeit in der Frage des Vorzugs der einen vor der anderen Betrachtungsweise an. Das ist zwar theoretisch richtig, nicht aber lebenspraktisch. Hier kann ich im konkreten nicht wählen, ob ich z.B. den Zukunftsbezug einer Handlung in den Vordergrund stelle oder die räumliche Distanz zweier Orte. Was im Vordergrund steht, ergibt sich zwangsläufig aus meinen Bedürfnissen und der Absicht meines Handelns. Meine Absicht bestimmt meine Hinsicht; dies ist aber nur deshalb möglich, weil es unterschiedliche Weisen der Hinsicht gibt. Wenn wir daher die Frage der Absicht zunächst beiseite lassen, dann können wir sehen, daß es nicht räumliche und davon unabhängige zeitliche Veränderungen gibt, sondern nur raum- zeitliche Veränderungen. Jede Veränderung betrifft sowohl die Position als auch den Zustand des Gegenstandes. Betrachten wir einen Gegenstand räumlich, so betrachten wir ihn als dauernd und beschreiben seine Ausdehnung und seine Position als fest umrissenen Gegenstand gegenüber anderen Gegenständen. Dabei abstrahieren wir von den ständig stattfindenden mikroskopischen Zustandsveränderungen. Während ich z.B. ein Buch von einem Zimmer ins andere trage, nütze ich dieses Buch ab. Von meinen Fingern wird Fett und Säure auf das Papier übertragen, die langfristig zu seiner Zersetzung beitragen werden, andererseits entferne ich mit meinen Fingern molekulare Schichten der Druckerschwärze und des Papiers. Der Zustand des Buches ändert sich somit permanent. Diese Veränderungen sind aber für die Bestimmung des Buches als so-und-so großes Buch, in dieser und jener Position zu anderen Gegenständen irrelevant. Ich kann hinsichtlich dieser Fragen den Prozeß des langsamen Zerfalls des Buches völlig außer acht lassen. Andererseits geht jede relevante Zustandsänderung auch mit einer räumlichen Änderung einher. Wenn z.B. jenes Buch, nachdem es 200 Jahre an ein und demselben Ort gelegen hat, aufgrund chemischer Zersetzungsprozesse des Papiers zerfallen ist, so hat nicht nur eine als zeitlich charakterisierbare Veränderung mit ihm stattgefunden, demzufolge es nicht mehr als Buch angesprochen werden kann, sondern auch in räumlicher Hinsicht hat sich die Ausdehnung und Position dieses »Gegenstandes« verändert. Der zeitliche Aspekt bezieht sich also schwerpunktmäßig auf den Gegenstand als Gegenstand, auf seine Veränderung als dieser und jener, der er ist oder nicht mehr ist. Der räumliche Aspekt dagegen bezieht sich schwerpunktmäßig auf die Position des Gegenstandes gegenüber anderen Gegenständen. Zugleich aber sind beide Aspekte nur miteinander exakt zu bestimmen. Die räumliche Position ist immer die eines bestimmten Zeitpunktes, die zeitliche immer die eines bestimmten Ortes. Daher ist das raum-zeitliche vierdimensionale Koordinatensystem für die exakte Identifizierung eines Gegenstandes unerläßlich, wenn auch im alltäglichen Gebrauch reine Raum- oder Zeitangaben häufig zur Orientierung ausreichend sind. Wenn ich z.B. einem Freund von mir mitteile: »Ich war gestern im Friedrichshain«, so muß ich nicht hinzufügen, wo sich gestern der Friedrichshain befand. Wenn ich ihm sage: »ich habe meinen Geburtstag in Berlin gefeiert«, so muß ich nicht sagen, wann das war. Es ergibt sich schlüssig aus dem Kontext und dem gemeinsamen Wissens- und Erfahrungshintergrund. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist daher häufig die Angabe einer Hinsicht, der zeitlichen oder der räumlichen, zur Bestimmung einer Situation, eines Gegenstandes ausreichend. Dies kann den Eindruck erwecken, das »Raum« und »Zeit« voneinander unabhängig wären. Tatsächlich aber handelt es sich, wie wir gesehen haben, nur um Aspekte der Hinsicht auf Gegenstände.

Die Abhängigkeit der Hinsicht von der Absicht führt auf einen weiteren Aspekt der Zeitproblematik. Es sind Menschen, die etwas räumlich oder zeitlich betrachten. Raum und Zeit sind menschliche Kategorien. Ordnung, Orientierung und Organisation sind Funktionen menschlichen Lebens, d.h. »Raum« und »Zeit« haben keinen eigenen, vom Menschen unabhängigen Bestand. Philosophisch gesprochen, es handelt sich nicht um »ontologische« Kategorien. Wenn es keine Menschen gäbe, würde es keinen Sinn machen, von »Raum« und »Zeit« zu reden. Das heißt nicht, daß der Prozeß des Werdens, den diese Begriffe beschreiben, von der Existenz von Menschen abhängig wäre, sondern nur, daß »Raum« und »Zeit« Weisen der Hinsicht auf diesen Prozeß sind. Die Hinsicht wird aber nicht alleine durch meine Absicht bestimmt, sondern auch durch die je konkreten Strukturen der Realität, die eben eine ganz bestimmte Herangehensweise verlangen. Wenn ich mich im Park sonnen will, muß ich warten, bis die Sonne scheint, wenn ich im Wald spazierengehen will, muß ich aus der Stadt in den Wald fahren. Die Wahl der Hinsicht bestimmt sich also sowohl durch das subjektive Moment der Absicht als auch durch die objektiven Eigenschaften des Gegenstandes oder der Situation, auf die ich mich beziehe.

Die »Zeit« – nicht das Werden – ist ein sozialer Tatbestand. Das bedeutet aber nicht, daß sie irreal wäre, wie die McTaggarts behaupten (McTaggart/McTaggart 1993, 67). Die »Zeit« ist eine soziale Realität. Sie ist aber keine objektive Realität, kein von der Existenz von Menschen unabhängiger Gegenstand. Das Aufeinander-Abstimmen von Ereignissen (timen) ist ein menschliches Verhalten. »Zeit« ist nicht eine a priori gegebene Bedingung menschlicher Erkenntnis. Es gibt nicht Die Zeit. Sie ist nicht, wie z.B. Kant gedacht hat, »die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen überhaupt« (KdrV, B51), die »Form des inneren Sinnes« (KdrV, B49). Sie ist auch kein biologisch bedingtes Grundmuster menschlichen Handelns überhaupt, keine individuelle Eigenschaft, Fähigkeit oder Verstehensstruktur.19 Das hoch elaborierte Zeitbewußtsein, wie wir es heute besitzen, ist vielmehr erst die Folge eines menschheitsgeschichtlichen Lernprozesses. Elias zeigt, wie Zeit als sozialer Tatbestand immer ein Produkt menschlicher Gesellschaften ist, und daß jede Veränderung der Zeitkonzepte und damit des Zeitbewußtseins immer mit der Veränderung der Organisationsformen der Gesellschaft einhergeht. »Das Erinnerungsbild von der Zeit, die Vorstellung von ihr, die ein einzelner Mensch besitzt, hängt also von dem Entwicklungsstand der die Zeit repräsentierenden und kommunizierenden sozialen Institutionen ab und von der Erfahrung, die der Einzelne mit ihnen von klein auf gemacht hat« (ebd., XXI). Er spricht insofern zu recht von einer »Individualisierung des sozialen Wissens« (ebd., XXIX). Zeitbewußtsein ist kein angeborenes Wissen oder ein sich automatisch entwickelndes Gefühl, sondern muß von jedem Kind, entsprechend den Standards der Gesellschaft, in die es hineingeboren wird, immer wieder neu erlernt werden (vgl. Elias 1988, 120f; Piaget 1974). Auch erwachsene Menschen aus Gesellschaften mit einem weniger elaborierten Zeitbewußtsein müssen einen neuen Umgang mit ihrem Lebensablauf erlernen, wenn sie in den Machtkreis von Gesellschaften mit stark durchorganisierten Lebensabläufen geraten. »Jedes Entwicklungsland wird früher oder später vor der Notwendigkeit stehen, das chronometrische Zeitbewußtsein seiner Angehörigen soweit zu schärfen, daß die für das zeitliche Zusammenspiel mit anderen Menschen, Maschinen und terminierten Arbeitsabläufen erforderliche Pünktlichkeit erreicht und gleichzeitig auch die vorgesehene und zu bezahlende Arbeitszeit ohne beliebige Unterbrechungen durchgehalten wird« (Wendorf 1988, 160).20 Solch eine Durchorganisation der gesellschaftlichen und individuellen Lebensabläufe, die eine stärke Abstimmung aufeinander und damit ein exakteres und zuverlässigeres Verhalten des Einzelnen verlangt, ermöglicht es zum einen mehr Arbeit zu leisten, sein Leben bewußter zu gestalten, ist zum anderen aber auch ein Herrschaftsmittel. Nicht umsonst gibt es das Gefühl, der »Tyrannei der Zeit« (ebd., 7) unterworfen zu sein. Ein individuelles Zeitbewußtsein, wie es z.B. in literarischer Form für die Situation Anfang unseres Jahrhunderts in den Romanen »Der Zauberberg« von Thomas Mann und »A la recherche du temps perdu« von Proust beschrieben worden ist, kann immer nur im Kontext seiner jeweiligen Gesellschaft verstanden werden.21

Die »Zeit« wird durch das Moment der Hinsichtnahme in sich differenziert, und zwar in die Aspekte Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Der Prozeß des Werdens ist gerichtet, dies ermöglicht die Bildung einer Reihe. Zeitmessen ist nicht nur eine Tätigkeit des Vergleichens der Dauer von Ereignissen, sondern es ermöglicht auch die Positionierung von Ereignissen in einer Reihe. Gegenüber der Uhr tritt hier der Kalender in den Vordergrund. Obzwar die Einheiten des Kalenders gleichlautend mit den Einheiten der Zeitmessung vom Tag aufwärts sind, ist er kein Zeitmaßstab. Der Kalender symbolisiert die Reihe und setzt Positionen. In Bezug auf diese können Ereignisse als absolut früher, gleichzeitig oder später bezeichnet werden. Beim Raum entspricht ihm die Landkarte. Zugleich ermöglicht der Kalender ebenfalls die Bestimmung von Ereignissen als vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, relativ bezogen auf das Leben einer Gruppe von Menschen. Damit haben wir hier die A- und die B-Reihe McTaggerts.22 Der Unterschied zwischen der A- und der B-Reihe – die ich allerdings anders fasse als die McTaggerts – besteht darin, daß die B-Reihe absolut ist, in dem Sinne, daß jedem Ereignis nur ein Punkt auf ihr zugeordnet werden kann, so daß seine Position gegenüber jedem anderen Ereignis eindeutig festliegt, während die A-Reihe abhängig ist vom Standpunkt einer Menschengruppe auf der B-Reihe, so daß ein und dasselbe Ereignis einmal als vergangen, einmal als gegenwärtig und einmal als zukünftig angesprochen werden kann. Es steht nicht im Widerspruch zur Relativität der Zeit, daß die B-Reihe absolut ist. Man kann nämlich, wenn man die Entfernung und die Lichtgeschwindigkeit kennt, berechnen, wann das Ereignis in bezug auf den Beobachter tatsächlich stattgefunden hat. Relativ ist also nur die A-Reihe. In der B-Reihe lassen sich dagegen alle Ereignisse einer Position zuordnen. »Begriffe wie früher und später , [auch Elias vergißt hier zugleich] repräsentieren eine Verknüpfung verschiedener Positionen innerhalb einer Sequenz selbst, die für alle möglichen Bezugspersonen die gleiche ist« (Elias 1988, 49). Man kann einen Begriff wie »Zeit«, der aus einer Synthese unterschiedlicher Phänomene, bei gleichzeitiger Abstraktion von ihren konkreten Ausprägungen gebildet wird, verselbständigen. Solch ein Begriff stellt eine annähernde Zusammenfassung unterschiedlicher realer Phänomene und zugleich eine systematische Vereinfachung der Realität dar. »Zeit« ist eine Beziehungskategorie, ein Ordnungskriterium. Betrachtet man einen solchen Begriff unabhängig von seinem Realitätsbezug und versucht, aus seiner Struktur – früher, zugleich, später – sein eigentliches Wesen abzuleiten, anstatt aus der praktischen Funktion die Spezifik des Begriffs zu erklären, so kann diese Analyse eine Eigendynamik entwickeln, die zu scheinbar unaufhebbaren Widersprüchen führt. So hält z.B. Weizsäcker Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit für »die Struktur der Zeit selbst« (Weizsäcker 1985, 627). Auch findet man immer noch die Auffassung von der »Zeit« als einer Art »Kiste«, in der sich alles abspiele (Boer 1996, 83). Eine Vorstellung die schon Hegel widerlegt hat (Naturphilosophie § 258). Wittgenstein gibt in seinem »Blauen Buch« ein Beispiel für die das Denken prägende Kraft von verselbständigten Begriffen und Metapher. Daß »die Zeit« vielfach als aus der Zukunft kommend über die Gegenwart in die Vergangenheit vergehend betrachtet wird, liegt daran, »daß uns beim Nachdenken über die Zeit das Bild des Kommens und Gehens, des Vorüberfließens, gefangen hält;« (Wittgenstein 1984, 156). Wittgenstein destruiert dieses Bild: »und so kann mit dem Wort Zeit das Bild eines ätherischen Flusses untrennbar verbunden sein, mit den Worten Vergangenheit und Zukunft das Bild von Gebieten aus deren einem die Ereignisse in das andere ziehen.« »Und doch können wir natürlich keinen solchen Strom finden und keine solchen Örter«, »eine Analogie hat unser Denken gefangengenommen und schleppt es unwiderstehlich mit sich fort« (ebd.).

IV Philosophische Zeitbegriffe

Bis heute prägen solche Fragestellungen die philosophische Zeitdiskussion. Ein gutes Beispiel ist die Diskussion um die Zeit als Jetzt-Punkt und um ihren objektiven oder subjektiven Status. Aristoteles (Physik IV, 10-14) hat das »Jetzt« (<L<) als Grenze der Zeit bestimmt (1978, 201), die Zeit aber als »a number of change in respect of the before and after« (Aristoteles 1983, 44).23 Dieser Bestimmung liegt das Bild des Zeitflusses zugrunde, in dem das »Jetzt« als verschwindender Übergang den Grenzpunkt zwischen früher und später darstellt. Es zeigt sich in dieser Bestimmung aber auch eine verworrene Einsicht in den Charakter der »Zeit« als Verhältniskategorie, insofern Aristoteles sie untrennbar mit dem Zählen verbunden sieht. Hegel (Naturphilosophie, § 257ff) verstellt sich vor allem durch seinen Zwang zum System die Einsicht in den Charakter der »Zeit«. Er weist die Flußmetapher für die Zeit explizit zurück: »Die Zeit ist nicht gleichsam ein Behälter, worin alles wie in einen Strom gestellt ist,« (Naturphilosophie § 258, Zusatz). Die Dinge vergehen nicht, weil sie in »die Zeit« gestellt sind, sondern ; die Dinge selbst sind das Zeitliche« (ebd.). Der »Fluß« ist bei Hegel der des Seins zum Nichts und des Nichts zum Sein: das Werden (§ 259). In diesem Prozeß des Werdens ist das »Jetzt« (die Gegenwart) der Moment der Negation und des Übergangs, der Gegensatz zur Dauer (§ 258, Zusatz). Die Zeit ist für Hegel abstrakte Subjektivität (§ 258), das »für sich« »in der Sphäre des Aussersichsein« (§ 257). Ihre »Dimensionen« Vergangenheit und Zukunft sind nur durch »Erinnerung« und »Hoffnung« (§ 259). In der Natur sei die Zeit »Jetzt«, immer Gegenwart; Vergangenheit und Zukunft in der Natur sei der Raum, abstrakte Objektivität. Die hier vorliegenden Denkfehler sollen nun an einem aktuellen Beispiel analysiert werden.

Prauss will die Struktur der Zeit anhand eines konstruierten Gegenstandes verdeutlichen: Wenn man mit Kreide an die Tafel eine »Linie« zeichnen wolle, zugleich aber mit einem Schwamm die Zeichnung sofort wieder auswische, so daß keine Linie zustandekomme, sondern es »beim Zeichnen eines geometrisch- idealen Punktes bleibt« (Prauss 1993, 544), entstehe ein Gegenstand der zwischen Punkt und Ausdehnung (Linie) liege, und dieser Gegenstand sei strukturgleich mit der Zeit. D.h. die Struktur der Zeit wird – in Anlehnung an Hegel – als vom Nichts zum Sein zum Nichts verlaufender Jetztpunkt gedacht, als »etwas DauerndWechselndes « (ebd., 545). Prauss denkt »Zeit« als Prozeß, der sich immer zum Vergehen hin bewege. Daher kann für ihn die Zeit nichts objektives sein. Als »Nicht-Objekt« sei sie aber zwangsläufig »Subjekt«. Sie sei »dem Ursprung wie dem Wesen nach nichts anderes als Grundstruktur von jedem einzelnen Subjekt«, »der Stoff aus dem Subjekte sind« (549). Prauss meint dies so, daß er die »Zeit«, jenen über-sich-hinausgehenden und dennoch immer bei-sich-bleibenden Jetzt-Punkt als Intentionalität denkt (551); als die Struktur, die den Subjekten die Beziehung auf Objekte, auf Anderes ermöglicht.24 Den Raum faßt Prauss analog zu Hegel als die Negation der Zeit (552f), damit auch subjektiv.25 Er sei das Nicht-nacheinander, d.h. das Zugleich gegenüber dem Nacheinander der Zeit. Sodann führt er in einer Fußnote die Zweiteilung der »Zeit« in eine ursprünglich subjektive und eine abgeleitete objektive ein (ebd., 555, Anm. 11).26 Nach unserer Analyse der Zeitthematik können wir erkennen, daß hier eine Vermischung der »Zeit« als sozialer Tatsache mit ihrer naturalen Grundlage, dem Prozeß des Werdens vorliegt. Diese Vermischung führt zu dem Changieren der hier gegebenen Bestimmungen der »Zeit« zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Jetzt-Punkt und Dauer. Zudem bleibt das Verhältnis zum »Raum« unklar. Es wird zwar erkannt, daß hier eine Verbindung besteht, nicht aber, worin sie tatsächlich besteht, weil »Zeit« und »Raum« immer noch als grundsätzlich verschieden gedacht werden. Wir wollen dies etwas genauer analysieren. Was ist damit gemeint, wenn Prauss die »Zeit« als etwas »Dauernd-Wechselndes« bezeichnet? Wir haben gesehen, daß die »Zeit« eine Verhältniskategorie ist, die es den Menschen ermöglicht, Phänomene zu vergleichen, zu ordnen und sich so in ihrer Umwelt zu orientieren. Wäre diese Kategorie in einem dauernden Wechsel begriff, könnten diese Leistungen nicht erbracht werden. Prauss meint nicht die »Zeit«, wenn er vom »Dauernd-Wechselnden« redet, sondern versucht den Prozeß des Werdens zu beschreiben. Er benutzt die Ausdrücke »Zeit« und »Werden« synonym. Damit vermischt er eine soziale Kategorie mit einem physikalischen Prozeßmuster. Aber auch der Prozeß des Werdens ist mit der Definition »Dauernd-Wechselndes« nur höchst unzureichend beschrieben. Wenn wir uns Prauss Beispiel des Tafelpunktes genau ansehen, so haben wir es nicht mit etwas Dauernd-wechselndem zu tun, sondern mit einem sehr komplexen Prozeß, der aus kontinuierlichen, gerichteten Veränderungen besteht. Kalk wird in blättrigen Schichten aus einem Stück Kreide auf eine Tafel aufgetragen, und von der Tafel in einen feuchten Schwamm übertragen, dabei sättigt sich der Schwamm immer stärker mit Kreide und hinterläßt seinerseits eine zunehmend dichter werdende, unscharfe, feuchte Kreidespur auf der Tafel. Dieser Prozeß enthält Kontinuitäten, der Schwamm sättigt sich mit Kreide, er hinterläßt eine immer deutlichere Kreidespur auf der Tafel. Von einem dauernden Wechsel vom Nichts zum Sein zum Nichts kann hier keine Rede sein. Eine solche Beschreibung des Prozesses des Werdens würde auch nicht mit den von uns oben gefunden Strukturen desselben übereinstimmen. Nun würde Prauss hiergegen sicher einwenden, daß dieses Beispiel ja nur ein Modell sei und es ihm um die Darstellung einer idealen, geometrischen Linie, eines idealen Punktes gegangen sei. Aber eben hier, im Ausgang von einem Ideal, vom Begriff der Zeit, liegt der Fehler. So adäquat auch der Begriff hinsichtlich seiner Funktionen für den Menschen sein mag, er stellt doch immer nur eine Annäherung an und zugleich eine Abstraktion von der Realität dar. Um daher etwas über das Faktum »Zeit« erfahren zu wollen, darf man gerade nicht vom reinen Begriff, sondern muß von seinen vielfältigen sozialen Funktionen und den ihnen zugrunde liegenden komplexen, natürlichen Prozessen ausgehen.27 Die nicht aufgeklärte soziale Funktion des Zeitbegriffs schlägt sich in der These von ihrem subjektiven Charakter nieder. Problematisch ist hieran vor allem, daß nun eine Identität zwischen »Zeit« – im Sinne des Prozesses des Werdens – und dem Subjekt hergestellt wird. Nicht daß sie sich ändern ist es, was Subjekte gegenüber Anderem auszeichnet, alles ändert sich. Auch die Zweiteilung der »Zeit« in eine ursprüngliche, subjektive und abgeleitete objektive beruht darauf, daß die soziale und die naturale Komponente des Zeitkomplexes nicht getrennt werden. Wenn ich die »Zeit« ihrem Wesen nach auf der Subjektebene verorte, so muß ich nachträglich eine Möglichkeit finden, sie auf die Objektebene zu übertragen, auf der ich ja »zeitliche« Phänomene vorfinde und in der ich mich »zeitlich« orientiere. Die Über tragung findet in Form einer »Ableitung« statt. Diese Form gewährleistet die statuierte Dominanz der Subjektebene und erklärt die Strukturanalogie mit der Objektebene. Prauss Bestimmung des Raums als Negation der Zeit geschieht – ebenso wie bei Hegel – aus der Absicht heraus, eine interne Beziehung zwischen beiden zu finden. »Raum« und »Zeit« sind Aspekte menschlicher Hinsicht auf naturale Prozesse. Ihre Beziehung ist somit einerseits vermittelt über ihren gleichen Status als menschliche Ordnungsschemata, sowie andererseits über das dritte, auf das sie sich beziehen, den Prozeß des Werdens. Da Prauss diese Bezüge nicht in seine Analyse einbezieht, sondern versucht, von der isolierten Begrifflichkeit auszugehen, kann er – die richtig erahnte Beziehung zwischen beiden – wiederum nur herstellen, indem er eins aus dem anderen ableitet, sie in eine Beziehung von Negation und Gegensatz preßt.

V Menschliche Zeitlichkeit

Werden hier aber nicht dennoch richtige Erkenntnisse gewonnen?28 Bedenkenswert erscheint mir die These, daß die Zeitstruktur – so wie Prauss sie versteht – Bedingung der Intentionalität sei. Nur das Sich-ändern bzw. das »Sich selbst anders werden« macht es möglich, anderes wahrzunehmen (551). Dieser Gedanke kann helfen, unsere Position als Menschen im Prozeß des Werdens zu bestimmen oder, wie Prauss es ausdrücken würde: Subjektivität zu bestimmen. Wenn Prauss die »Zeit« als Grundstruktur der Subjektivität begreift, so ist es dieser Gedanke, der dem zugrunde liegt. Das Nacheinander ermöglicht erst die Differenz. Die Menschen selber unterliegen dem Prozeß des Werdens. Dadurch kommen sie erst in die Lage, ihn (und anderes) wahrzunehmen, sich zu ihm zu verhalten und auf ihn zu reflektieren, d.h ihn begrifflich zu erfassen und über ihn zu kommunizieren. »Zeit« in diesem Sinne bedeutet »Zeitlichkeit«, d.h. mein Verhalten zu meiner »Zeit« im Sinne der Organisation und Planung meiner beschränkten menschlichen Handlungsmöglichkeiten, in der Perspektive ihres gesamten Verlaufs, d.h. meines Lebens als eines endlichen und einmal abgeschlossenen Prozesses. Dazu bedarf es der Erinnerung. Das Vorher darf nicht spurlos ver schwinden, es muß reproduzierbar bleiben. Nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der gesellschaftlichen Ebene ist das Selbst-anders-werden Bedingung dafür, anderes wahrzunehmen. Weil sich die Organisations- und Reproduktionsformen menschlicher Gesellschaften ändern, ändert sich u.a. auch ihre jeweilige Hinsicht auf den Prozeß des Werdens. Dies ist die Bedingung von »Geschichte« und »Utopie«. »Altern«, »Erinnerung« und »Geschichte« sind die Kategorien, mit denen von Menschen vergangene Veränderungsprozesse menschlicher Individuen und Ge sellschaften erfaßt werden. »Heranwachsen«, »Hoffnung« und »Utopie« sind die Kategorien, die die Versuche, auf solche Prozesse Einfluß zu nehmen, sie selbst zu gestalten, strukturieren.

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Fussnoten:
[Rücksprung über Fussnotenzeichen ]

1 Schwerpunkte der Diskussion liegen in den zwanziger und drei ßiger (Aichelburg 1988) sowie in den sechziger und siebziger Jahren (Fraser 1972ff).

2 Das VLB 1996/97 weist allein unter dem Stichwort »Zeit« – ohne Komposita – ungefähr 1050 Buchtitel aus.

3 Die soziologische Definition der Zeit bleibt insofern zirkulär. Sie geht zum einem nicht über die gesellschaftliche Ebene hinaus – Natur wird höchstens in Form der Naturwissenschaft thematisiert –, und sie gibt dem Maßstab der Zeitmessung – expressis verbis: der Uhr! – den gleichen Status wie dem gesellschaftlichen und individuellen Umgang mit der Lebenszeit (vgl. Herkommer/Mühlhaus 1994, 26f).

4 Obwohl Elias darauf hinweist, daß es notwendig ist, das Denk muster »Kultur« vs. »Natur« und »physikalische Zeit« vs. »soziale Zeit« zu überwinden (ebd., 58ff), gelingt auch ihm die Einbindung des Naturmoments nur unzureichend.

5 »Auch Physiker haben kein reflektiertes Vorverständnis von den Zwecken der Zeitmessung« (Janisch 1980, 126). Dieses Wissen muß man aber zumindest dann von ihnen verlangen, wenn sie sich, wie die im folgenden besprochenen Autoren, reflexiv über die Zeitthematik äußern.

6 Zur genauen Definition der Uhr siehe Janich 1980, 126ff. Zur Kritik Janichs, der in seinem Buch keine Theorie der Zeit vorlegt, sondern nur den Versuch einer Erklärung des Funktionierens von Zeitmaßstäben s. Ascheberg 1993, 101ff.

7 Einstein selber vertrat einen naiven erkenntnistheoretischen Idealismus. Berühmt ist sein Satz »Gott würfelt nicht«, mit der er die Quantentheorie zurückweisen wollte. Seine zentrale erkennt nistheoretische Kategorie ist das »Erlebnis«, nicht das Ereignis. Er hielt die Uhr für »ein Ding, welches abzählbare Erlebnisse lie fert« (Einstein 1979, 5) und war der Meinung, daß es die Aufgabe der Naturwissenschaften ist, »unsere Erlebnisse zu ordnen« (ebd.) (vgl. zum Zustandekommen idealistischer Erkenntnistheorien bei Na turwissenschaftlern Althusser 1985, 101ff).

8 Auch an der These von der Zeit- und Raumkrümmung zeigt sich der idealistische Charakter der spontanen Philosophie von Naturwissenschaftlern. Die Aussage, daß die Zeit gekrümmt sei, ist sinnlos. Zugrunde liegt dieser These das Phänomen der Ablenkung bewegter Körper durch hohe Gravitationskräfte, die im Extremfall des sogenannten »schwarzen Loches« dazu führen, daß alle Körper, die ihm zu nahekommen, in dieses Zentrum extremer Materiedichte gezogen werden und dort ebenfalls so komprimiert werden, daß sie ihre vorherige Gestalt verlieren. Diese Gravitationszentren werden nun erklärt als Folgen der Raum-Zeit- Krümmung: es gäbe Gebiete, »in denen sich die Raum-Zeit extrem krümmen und daher die Gravitation unendlich groß werden kann« (Mainzer 1995, 71, vgl. 54). Extreme Gravitationsfelder haben auf Messungsprozesse Einfluß. In ihrer Nähe finden wir gekrümmte Fortbewegungsbahnen und inhomogene Geschwindigkeitsverläufe. Objekte können nach ihrem Zusammenstoß mit solch einem Materiezentrum als eigenständige Gegenstände nicht mehr angesprochen werden, sind nicht mehr raum-zeitlich lokalisierbar. Daß diese eine Folge der Raum-Zeit-Krümmung sein soll ist aber eine idealistische Verkehrung. Die Vernichtung eines Gegenstandes dadurch erklären zu wollen, daß die Zeit sich an dieser Stelle in sich selbst zurückgebogen habe, ist unsinnig.

9 So z.B. Heidegger: »die Messung der Bewegung mit Hilfe der Zeit« (1972, 363f), bei dem hier »Zeit« einmal als das, womit man mißt, erscheint und zum anderen als das, was gemessen wird: »Da durch, daß der eine Zeitpunkt vom vorausgehenden sich so und nur so unterscheidet, daß er der nachfolgende ist, wird es möglich, die Zeit zu messen,« (1972, 365f).

10 Der unscharfe Ausdruck »Zeit« vereinfacht die alltägliche Kommunikation und besitzt eine ihren Erfordernissen angemessene Genauigkeit, wir wissen immer, was gemeint ist. Würde ich selbst diese unscharfe Ausdrucksweise in diesem Aufsatz immer vermeiden wollen, so wäre ich zu den umständlichsten Formulierungen gezwun gen. Daher habe ich z.B. schon den Ausdruck, »die Uhr, die dieselbe Zeit anzeigt wie eine andere«, gebraucht und damit exakt gemeint, daß bei zwei gleich normierten Uhren (gleiche Skalen und Zeiger, gleicher Rhythmus, gleiche Richtung) die Zeiger auf die gleichen Zahlen zeigen.

11 Die Beispiele zeigen, daß wir gerichtete Veränderungen in auf- und abbauende aufteilen. Diese Einteilung enthält aber eine subjektive Wertung, die im Prozeß der gerichteten Veränderung nicht enthalten und für unsere Fragestellung irrelevant ist.

12 Historische Untersuchungen zur Entwicklung der Zeitmessung belegen dies; vgl. Dohrn-von Rossum 1992.

13 Die Gründe hierfür können erst einmal beiseite gelassen wer den. Die Physiker versuchen, es mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu erklären (Entropieerhaltungssatz: in einem isolierten System nimmt die Unordnung immer zu). Diese Erklärung ist aber problematisch. Es liegt diesem Satz nämlich ein hoch spekulativer und unhinterfragter Ordnungsbegriff zugrunde, welcher selber erst definiert werden müßte. Umgekehrt versucht sogar Weizsäcker den zweiten Hauptsatz aus der Zeit abzuleiten: »Die Zeitstruktur hat den zweiten Hauptsatz zur Folge« (1985, 148), Böhme aus der subjektiven Zeitvorstellung (Böhme 1966, 7ff). Aber auch weniger idealistische Theorien vermögen die Gerichtetheit nicht schlüssig zu erklären (vgl. Hawkins 1988, 183ff).

14 Zum Problem der Ir/reversibilität vgl. allgemein Heitler 1964.

15 Die Betonung liegt hier auf letztlich. Ich identifiziere meinen Hund nicht über die Zuordnung von raum-zeitlichen Koordinaten. Ich kenne ihn einfach. Wenn ich aber einem Bekannten von mir, der meinen Hund noch nicht kennt, seine Identifizierung ermöglichen will, so kann es sein, daß eine solche Zuordnung praktisch oder sogar notwendig ist. Praktisch ist sie dann, wenn es die einfachste Art ist zu sagen, »der Hund da ist meiner«, notwendig, wenn eine Beschreibung des Hundes nicht ausreicht, weil sich zufällig zwei sehr ähnliche Hunde in derselben Gegend zugleich aufhalten. Vgl. hierzu Tugendhats Theoretisierung dieses Prozesses (1976, 391ff).

16 Der Begriff der Länge meint hier sowohl die räumliche Strecke, als auch die Dauer ihrer Zurücklegung.

17 Diesen Prozeß kann man z.B. anhand der technischen Entwick lung von Zeitmaßstäben (Uhren) verfolgen, vgl. Krieg 1987.

18 Das bedeutet aber nicht, das wir hier einen Übergang von der qualitativen zur quantitativen Zeit vorfinden. Eine Differenz, die Bergson gemacht hat (1989) und die dann auch Eingang in die Soziologie gefunden hat (vgl. Deutschmann 1985, 17f). Die zunehmende Abstraktifizierung des Koordinatensystems und der Vergleichsgrößen hat mit der Differenz von Qualitativ und Quantitativ nichts zu tun, sondern zielt nur auf die Entwicklung eines genaueren und allgmeinverständlicheren Bezugssystems ab. Abstrakte und konkrete Bezugssysteme bleiben nebeneinander bestehen und werden jeweils entsprechend der benötigten Genauigkeit eingesetzt.

19 Eine Position, die der anthropologische Ansatz vertritt – vgl. z.B. Dux (1992). Dux möchte die Zeit an die »realen Vorgaben des Organismus« anbinden (60) und sieht in ihr »diejenige kognitive Organisation, mit der wir in der Dauer des Universums dessen Wechsel erfassen« (36).

20 Zur historischen Entwicklung dieser »Pünktlichkeit« vgl. Thompson, 1973, insb. 88ff.

21 Zum wesentlichen Einfluß der arbeitsorganisatorischen Strukturen des Produktionsprozesses auf dieses Zeitbewußtsein und der Möglichkeiten eines bewußten Eingreifens in diesen Prozeß vgl. Herkommer/Mühlhaus 1994, 33ff.

22 A-Reihe: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, B-Reihe: früher – später; wobei hinzuzufügen ist, daß die Mc-Taggerts hier »gleichzeitig« vergessen (1993, 68).

23 Arithmos kinäseos kata to proteron kai hysteron 1978, 206.Ich ziehe die englische Übersetzung »a number of change« der deutschen »Zahl einer Bewegung« (1978, 207) vor.

24 Böhme dagegen versucht in einem ähnlichen an Kant orientierten und durch Heidegger beeinflußten Ansatz die Zeit aus der Handlungsstruktur abzuleiten (1966, 16ff).

25 Hierin lehnt er sich stärker an Kant als an Hegel an (KdrV B 43).

26 Diese Zweiteilung ähnelt der von Heidegger zwischen einer eigentlichen und uneigentlichen, ursprünglichen und abgeleiteten vulgären Zeit (Heidegger 1984, § 81). Sie liegt aber dennoch anders. Heidegger teilt die Zeit, die Prauss hier als subjektiv bezeichnet, noch einmal auf. »Zeit« bedeutet bei ihm im Grunde nur noch Zeitlichkeit, der Naturbezug wird vollständig gekappt. Hinsichtlich der Zeitlichkeit definiert er dann einen »eigentlichen« und einen »uneigentlichen« Umgang des Menschen mit seinem Leben (vgl. Heinrichs 1995 191ff).

27 Bieri hat richtig erkannt, daß im Ausgang vom Begriff der Zeit die Frage nach ihrem subjektiven oder objektiven Status nicht beantwortet werden könne (Bieri 1972, 11f). Anstatt aber daraus die Konsequenz zu ziehen, eben nicht vom Begriff auszugehen, beschränkt er sich auf die Klärung der Problemfeldes der begriffsanalytischen Herangehensweise.

28 Und zwar hinsichtlich des Zeitbegriffs. Das Hauptthema von Prauss Aufsatz ist die Notwendigkeit und Möglichkeit einer zeitlichen Logik (weitergehend Prauss 1993a). Dieses Projekt verfolgt auch Weizsäcker (Weizsäcker 1992a; zu seinem Versuch, aus seinen vielen Aufsätzen zum Thema Zeit, Physik und Logik eine einheitliche Theorie zu entwickeln vgl. Weizsäcker 1992). Es ist fraglich, worum es dabei gehen soll. Die Aussagenlogik hat bereits den statischen Charakter der Urteilslogik überwunden; zeitliche Prozesse können in ihr gedacht werden (die Welt ist alles, was der Fall ist: und was der Fall ist, kann sich ändern). Das Problem, welches sich Prauss und Weizsäcker stellen, liegt auf einer anderen Ebene. Es ist das Problem der wahre Aussagen ermöglichenden, exakten Identifizierung von Gegenständen. Die »Zeit« erscheint Prauss ja als permanenter Übergang vom Sein zum Nichts und somit als nicht lokalisierbarer, nicht identifizierbarer Jetzt-Punkt. Zum »Problem« ist dieser falsche Zeitbegriff allerdings erst durch die vordergründige Strukturgleichheit mit den Ergebnissen der Quantentheorie geworden. Die mit ihr gegebene Unschärfenrelation führt dazu, daß ein Gegenstand nicht mehr exakt hinsichtlich seines Ortes und seines energetischen Niveaus identifiziert werden kann. Dies zwang dazu, den Begriff des Naturgesetzes zu ändern, da nur noch Wahrscheinlichkeiten vorhergesagt werden können. Zur Lösung dieses Problems bedarf es aber keiner speziellen »zeitlichen Logik«, sondern nur einer ausgearbeiteten Wahr scheinlichkeitstheorie. Die Versuche der Begründung einer »zeitlichen Logik« versuchen, die Grundsätze der Wahrscheinlichkeitstheorie in ein formalisiertes Schlußverfahren zu transformieren.